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Mensch. Maschine. Kommunikation. E-Book

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Beschreibung

Wie unterscheidet sich die Mensch-Maschine-Kommunikation von der Kommunikation zwischen Menschen? Lässt sich feststellen, ob ein Mensch oder eine Maschine kommuniziert? Kann man Maschinen vertrauen? Die Beiträge thematisieren diese und weitere Fragen anhand aktueller Beispiele. Im ersten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Analyse von Nachrichten in sozialen Netzwerken und den Auswirkungen der heutigen digitalen Möglichkeiten auf die Kommunikation. In den folgenden Teilen steht die Interaktion mit Robotern (z.B. in der Altenpflege) und mit virtuellen Assistenzsystemen (z.B. Siri) im Zentrum. Hier wird u.a. gezeigt, wie Vertrauen zu Pflegerobotern aufgebaut werden kann und welche Rolle das Kommunikationsverhalten dabei spielt. Der letzte Beitrag zum Bodyhacking und den damit verbundenen ethischen Fragen greift nochmals die Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Maschine auf.

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Mensch. Maschine. Kommunikation.

Beiträge zur Medienlinguistik

Sarah Brommer / Christa Dürscheid (Hrsg.)

Umschlagabbildung: A 3D-printed android robot by a University of Lincoln research team. Photo: University of Lincoln © 2014; Hintergrundbild: vchal © iStock 2014

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Prof. Dr. Sarah Brommer

Universität Bremen

Fachbereich 10 I

I Sprach- und Literaturwissenschaften

Universitäts-Boulevard 13

D-28359 Bremen

https://orcid.org/0000-0002-1792-4328

 

Prof. Dr. Christa Dürscheid

Universität Zürich

Philosophische Fakultät

Deutsches Seminar

Schönberggasse 9

CH-8001 Zürich

https://orcid.org/0000-0001-9141-7562

 

DOI: http://doi.org/10.24053/9783823394716

 

© 2021 · Sarah Brommer/Christa Dürscheid

Das Werk ist eine Open Access-Publikation. Es wird unter der Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen | CCBY-SA4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/) veröffentlicht, welche die Nutzung, Verfielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, solange Sie die/den ursprünglichen Autor/innen und die Quelle ordentlich nennen, einen Link zur Creative Commons-Lizenz anfügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Werk enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der am Material vermerkten Legende nichts anderes ergibt. In diesen Fällen ist für die oben genannten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.

 

Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Internet: www.narr.de

eMail: [email protected]

 

Satz: pagina GmbH, Tübingen

 

ISBN 978-3-8233-9471-6 (Print)

ISBN 978-3-8233-0319-0 (ePub)

Inhalt

Mensch-Mensch- und Mensch-Maschine-Kommunikation1 Vorbemerkungen2 Maschinen – Automaten – Roboter3 Maschinen – Menschen – Vertrauen4 Übersicht über die folgenden BeiträgeBibliographieA Mensch-Mensch-Kommunikation via MaschineWhatsApp, iMessage und E-Mail1 Einleitung2 Das technisch Mögliche3 Das tatsächlich Realisierte4 Diskussion der ErgebnisseBibliographieAnhangAnimojisEine Analyse aus linguistischer Perspektive1 Einleitung2 Was ist ein Animoji?3 Linguistische Analyse des Animoji-Phänomens4 Résumé: Animojis als Phänomen zwischen Kommunikation und PerformanceBibliographieDie weinende, virtuelle InfluencerinDas Internetphänomen «Lil Miquela»1 Vorbemerkungen2 Hintergrundinformationen3 Analyse4 FazitBibliographie‹Neuer Partner› in den Warenkorb hinzufügen?1 Einleitung2 Das Flirten in Singlebörsen3 Das Flirten in Apps4 Der künstliche Partner: Online-Dating 2.0?5 SchlussbemerkungBibliographieB Mensch-Maschine-Kommunikation I: Kommunikation mit RoboternDie Mensch-Roboter-Interaktion1 Vorbemerkungen2 Was sind Erwartungshaltungen?3 Empirische Studie4 Erwartungshaltungen5 FazitBibliographieRoboter als Partnerersatz1 Robotisierung der Beziehung2 Zur Netflixserie Be right back3 Streitgespräche4 Partnerroboter heute?BibliographieAnhangVertrauen in Lio und Co.1 Einleitung2 Verständnis von Vertrauen3 Verständnis von Maschinen und Robotern4 Vertrauen in Maschinen5 Sprachliche Darstellung von Maschinen6 FazitBibliographieMit welchen Strategien erzeugen Pflegeroboter Vertrauen?1 Einleitung2 Soziale Roboter in der Pflege3 Theoretische Grundlagen4 Vorstellung aktueller BeispieleBibliographieC Mensch-Maschine-Kommunikation II: Kommunikation mit AssistenzsystemenDer wütende Mann, die höfliche Frau – und die Frage nach dem Dazwischen1 Einleitung2 Forschungsliteratur zum geschlechtsspezifischen Sprechen3 Künstliche Intelligenz4 Genderneutrales Sprechen5 FazitBibliographieSmart Homes im öffentlichen Diskurs1 Einleitung2 Zugänglichkeit zum und im Internet3 Korpus und Methode4 Analyse5 FazitBibliographieD Exkurs: Mensch. Maschine. Menschmaschine.Chips, Devices, and Machines within Humans1 Introduction2 Bio- and Bodyhacking and Related Concepts3 Examples and Possibilities for Bodyhacking4 Bodyhacking from an Ethical Perspective5 Summary and OutlookBibliographyDie Autorinnen und AutorenRegister

Mensch-Mensch- und Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Sarah Brommer & Christa Dürscheid

Gibt es so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber den MaschinenMaschine und falls ja, worin besteht es? Dabei geht es nicht nur um die Frage, welche Berufe künftig automatisierbar sind, ob die Post noch Briefträger und die Zeitung noch Sportreporter braucht. Vielmehr geht es um die Definition dessen, was Menschsein im digitalen Zeitalter bedeutet.

Ulrich Schnabel

1Vorbemerkungen

Liest man das diesem Beitrag vorangestellte Zitat, dann möchte man aus linguistischer Sicht spontan darauf antworten: Die Sprache ist ein solches Alleinstellungsmerkmal; die Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation wird nie an das heranreichen, was die Mensch-Mensch-Kommunikation zu leisten vermag. Doch ist das so? Wo liegen die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten und welche Merkmale charakterisieren das Sprechen von MaschinenMaschine? Im Folgenden wird es um diese und andere Fragen gehen, die das Themenfeld «Mensch. Maschine. Kommunikation» betreffen. Zuvor aber sind zwei Vorbemerkungen erforderlich. Diese beziehen sich sowohl auf den Haupt- als auch auf den Untertitel des vorliegenden Sammelbandes.

Der Haupttitel ist ein Trikolon. Er besteht aus drei Teilen, die zwar durch Punkte getrennt sind, aber eine Einheit bilden. Die Reihung soll anzeigen, dass es im vorliegenden Buch keineswegs nur um das Thema Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation geht (wie es eine Durchkoppelung mit Bindestrich nahegelegt hätte), sondern dass die Perspektive weiter gefasst ist und auch solche Aspekte behandelt werden, die sich auf die Mensch-Mensch-Kommunikation beziehen. Das ist im ersten Themenblock des Sammelbandes der Fall, in dem z.B. die Verwendung von Animojis thematisiert wird (vgl. den Beitrag von Tanchis/Walder i.d.B.). Der Fokus liegt hier auf der Beschreibung von Interaktionspraktiken in der interpersonalen Online-KommunikationKommunikationinterpersonale. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen mit Menschen kommunizieren – und zwar mittels MaschinenMaschine bzw. technischerTechnik Unterstützung (z.B. via HandySmartphone). Allerdings wird sich schon in diesen ersten Beiträgen zeigen, wie schwer die Abgrenzung von Mensch-Mensch- und Mensch-Maschine-Kommunikation im Einzelfall ist. So kann man nicht immer sicher sein, mit einem Menschen zu kommunizieren, wenn man z.B. die Posts auf InstagramInstagram oder FacebookFacebook liest und darauf reagiert (vgl. den Beitrag von Jenni i.d.B.). Und selbst wenn man weiss, dass man nicht mit einem Menschen, sondern mit einer MaschineMaschine interagiert: Kann das nicht auch Emotionen auslösen? Freut man sich vielleicht darüber, wenn der ChatbotChatbot schreibt, man habe eine besonders kluge Frage gestellt?

Auf solche Fragen rund um das Thema Mensch-Maschine- vs. Mensch-Mensch-Kommunikation geht die Sozialpsychologin Nicole C. Krämer in einem sehr interessanten Interview ein, das die Überschrift «Mit Robotern sprechen» trägt.1 In diesem Interview liegt der Schwerpunkt auf den psychologischen Aspekten im Umgang mit RoboternRoboter, wir dagegen werden uns dem Thema vorrangig aus linguistischer, genauer: aus medienlinguistischer Sicht (s.u.) nähern, und wir werden nicht nur die Kommunikation mit RoboternRoboter (d.h. mit MaschinenMaschine), sondern auch die Kommunikation via MaschineMaschine betrachten. Den Ausdruck MaschineMaschine verwenden wir zunächst als Sammelbezeichnung für verschiedene – vorsichtig ausgedrückt – technischeTechnik Vorrichtungen, subsumieren darunter also sowohl RoboterRoboter, Chatbots, SprachassistentenSprachassistenz (VoicebotsVoicebot) als auch technische Apparate wie HandySmartphone und ComputerComputer. Weiter unten werden wir diesen Terminus genauer fassen.

Nun zur Zuordnung des vorliegenden Bandes zur Medienlinguistik: Wie lässt sich das begründen? Womit befasst sich die Medienlinguistik? Auf der Website der Zeitschrift Journal für Medienlinguistik (jfml) werden zwei Aufgabenbereiche genannt, die die «thematischen Eckpfeiler der Zeitschrift bilden» (siehe unter https://jfml.org/about): 1.) «Die theoretische und empirische Durchdringung des Verhältnisses zwischen Medialität und Sprachlichkeit» und 2.) «Die Erforschung von Sprache und Kommunikation unter dem Einfluss medialer Veränderungen». Wir orientieren uns an Punkt 2.), da es aus unserer Sicht dieser ist, der das Kernthema der Medienlinguistik treffend umschreibt. Zum Untersuchungsgegenstand der Medienlinguistik gehört demnach, wie sich der Sprachgebrauch in der massenmedialen KommunikationKommunikationmassenmediale gestaltet (vgl. dazu Burger/Luginbühl 2014), aber auch, welchen Einfluss «mediale Veränderungen» auf die interpersonale KommunikationKommunikationinterpersonale haben (so z.B. die Nutzung des SmartphonesSmartphone). Zugrunde legen wir dabei einen technologischen Medienbegriff. Dieser besagt, dass MedienMedium/Medien «materiale, vom Menschen hergestellte Apparate zur Herstellung, Modifikation, Speicherung, Übertragung oder Verteilung von sprachlichen (und nicht-sprachlichen) Zeichen» sind (Habscheid 2000: 137, vgl. auch Holly 1997: 69f.). Face-to-Face-GesprächeFace-to-Face-Gespräch fallen nach unserer Auffassung also nicht in den Gegenstandsbereich der Medienlinguistik,TechnikFace-to-Face-Gespräch2 sehr wohl aber beispielsweise Telefonate (mündlich) oder WhatsAppWhatsApp-Konversationen (schriftlich), da beide mit Hilfe von MedienMedium/Medien erfolgen. Allerdings berücksichtigt die Holly-Habscheid’sche Definition nicht die Rezeptionsseite, weshalb wir an dieser Stelle noch ergänzen wollen: MedienMedium/Medien sind vom Menschen hergestellte Apparate, die sowohl zur Produktion, zur Distribution als auch zur Rezeption von Zeichen dienen (vgl. dazu auch Posner 1985: 255).

Versteht man den Terminus MedienMedium/Medien in diesem technologischen Sinne, dann ist auch die Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation Gegenstand der Medienlinguistik – und dies in zweierlei Hinsicht: Die MaschineMaschine (z.B. der ComputerComputer) dient hier ja nicht nur zur Produktion, Distribution und Rezeption der sprachlichen Zeichen, sie ist auch selbst an der InteraktionInteraktion beteiligt (z.B. der ChatbotChatbot). Als Beispiele seien RoboterRoboter wie PepperPepper oder Nao genannt, die in Einkaufszentren eingesetzt werden, um einfache Fragen von Kund*innen zu beantworten oder sie daran zu erinnern, eine Maske zu tragen.3 Auch mit SprachassistentenSprachassistenz wie SiriSiri oder AlexaAlexa kann man kleine DialogeDialog führen, anders als RoboterRoboter haben sie aber nur eine Stimme, keine physische Gestalt. Dennoch neigt der Mensch dazu, auch solche virtuellenvirtuell Assistenzsysteme als ‹Ansprechpersonen› wahrzunehmen. Auf diesen Punkt kommen wir weiter unten zurück.

In der Linguistik gibt es zum Sprachgebrauch in der Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation bislang nur wenige Arbeiten (vgl. aber Lotze 2016, Antos 2017); die meisten Studien legen den Schwerpunkt auf medienwissenschaftliche, sozialpsychologische und informationsethischeEthik Fragen (z.B. Remmers 2018, Thimm/Bächle 2018). Diese Aspekte nehmen wir in unserem Sammelband auch auf, im Fokus stehen aber primär linguistische Untersuchungen (z.B. anknüpfend an die Gesprächsanalyse, die Diskursanalyse und die Genderlinguistik). Zunächst aber erscheint es geboten, noch einige Überlegungen zum Terminus MaschineMaschine anzustellen. Was versteht man genau unter einer MaschineMaschine? Und wo liegt der Unterschied zum Automaten und zum RoboterRoboter? Im nächsten Abschnitt gehen wir kurz auf diese Fragen ein (vgl. dazu ausführlich Staubli i.d.B.), dann steht das Verhältnis von Menschen und MaschinenMaschine im Fokus und es wird die Frage behandelt, welche Rolle das VertrauenVertrauen in der Mensch-Mensch-Kommunikation und vergleichend dazu in der Mensch-Maschine-Kommunikation spielt (Abschn. 3). Das ist im Kontext des vorliegenden Sammelbandes ein wichtiger Aspekt, zwei Beiträge nehmen darauf Bezug (Staubli und Knoepfli i.d.B.). Die folgenden Fragen stellen sich hier: Kann überhaupt die Rede davon sein, dass man MaschinenMaschine Vertrauen entgegenbringt? Besteht gerade darin nicht ein zentraler Unterschied zur Mensch-Mensch-Kommunikation? Den Abschluss des vorliegenden Einführungsbeitrags bilden ein Überblick über die folgenden Kapitel (Abschn. 4) sowie eine kurze Schlussbemerkung. Hier werden wir zeigen, wie vielfältig die Fragen sind, die sich stellen, wenn man die Mensch-Maschine-Kommunikation aus linguistischer Perspektive in den Blick nimmt. Der vorliegende Sammelband soll dazu einige Denkanstösse geben.

2Maschinen – Automaten – Roboter

In einem Artikel in der Wochenzeitung DIEZEIT ist zu lesen: «Mit der Vielfalt der Einsatzgebiete wachsen auch die Ansprüche an die Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation. Ein Therapie-RoboterRoboter muss nicht nur andere Aufgaben bewältigen als ein IndustrieIndustrie-RoboterRoboter.»1 Diese Aussage legt die Vermutung nahe, bei den Ausdrücken MaschineMaschine und RoboterRoboter handle es sich um Synonyme. Intuitiv wissen wir, dass das nicht der Fall ist. Doch wo liegen die Unterschiede? Und wie grenzt man diese beiden Bezeichnungen von dem Terminus AutomatAutomat ab? Geht man davon aus, dass eine MaschineMaschine Arbeitsvorgänge in eine Folge wiederholbarer Schritte teilt, dann ist dies durchaus vergleichbar mit dem Einsatz von Automaten. Es stellen sich hier also einige Fragen, die uns dazu bewogen haben, zunächst auf die Spezifika von MaschinenMaschine, Automaten und RoboterRobotern einzugehen. In einem zweiten Schritt werden wir auch auf die Stichworte Künstliche IntelligenzKünstliche Intelligenz und Anthropomorphismusantropomorph Bezug nehmen und auf die Frage eingehen, wie sich der Sprachgebrauch in der Mensch-Maschine- von der Mensch-Mensch-Kommunikation unterscheidet.

Kommen wir zunächst zur Definition von MaschineMaschine: Eine MaschineMaschine (lat. machina, deutsch ‹WerkzeugWerkzeug›, ‹künstliche Vorrichtung›, ‹Mittel›) ist eine mit einem Antriebssystem «ausgestattete oder dafür vorgesehene Gesamtheit miteinander verbundener Teile oder Vorrichtungen, von denen mindestens eines bzw. eine beweglich ist und die für eine bestimmte Anwendung zusammengefügt sind» (vgl. die europäische Maschinenrichtlinie 2006/42/EG, Artikel 2 Abs. a). Mit anderen Worten: Eine MaschineMaschine wird als eigenständige funktionsfähige Einheit dazu eingesetzt, eine bestimmte Tätigkeit auszuführen. Wenn sie diese Tätigkeit automatisch, d.h. selbsttätig, ausführt, spricht man von AutomatAutomat. Im Alltag zeigt sich die Unterscheidung zwischen MaschineMaschine und Automat beispielsweise bei alltäglichen Verrichtungen wie der Zubereitung von Kaffee: Während eine (Filter-)Kaffeemaschine als Werkzeug eingesetzt wird, das zwar bei der Zubereitung unterstützt, aber das händische Einfüllen von Kaffee und Wasser verlangt und auch nur der Herstellung von Filterkaffee dient, bereitet ein Kaffee(voll)automat auf Knopfdruck verschiedene Kaffeespezialitäten selbständig zu. Der Einsatzbereich eines Automaten ist jedoch beschränkt, da er nur eine bestimmte Tätigkeit ausführen kann und nutzlos wird, sollte eben diese Tätigkeit nicht mehr benötigt werden. Das wiederum unterscheidet den Automaten vom RoboterAutomatRoboter:2 Ein RoboterRoboter ist immer wieder programmierbar und dadurch in der Lage, verschiedene Tätigkeiten zu erledigen, und er zeichnet sich im Vergleich zu anderen MaschinenMaschine durch seine Komplexität aus. Seine universelle Einsetzbarkeit findet sich auch in den Richtlinien des Vereins Deutscher Ingenieure, in denen (IndustrieIndustrie-)RoboterRobotik definiert werden als «universell einsetzbare Bewegungsautomaten mit mehreren Achsen, deren Bewegungen hinsichtlich Bewegungsfolge und Wegen bzw. Winkeln frei (d.h. ohne mechanischen bzw. menschlichen Eingriff) programmierbar und gegebenenfalls sensorgeführt sind. Sie sind mit Greifern, WerkzeugenWerkzeug oder anderen Fertigungsmitteln ausrüstbar und können Handhabungs- und/oder Fertigungsaufgaben ausführen» (VDI-Richtlinie 2860). In eine ähnliche Richtung geht die Aussage von Christaller et al. (2001: 19). Die Autoren definieren RoboterRoboter als «sensumotorische MaschinenMaschine zur Erweiterung der menschlichen Handlungsfähigkeit. Sie bestehen aus mechatronischen Komponenten, Sensoren und rechnerbasierten Kontroll- und Steuerungsfunktionen. Die Komplexität eines RobotersRoboter unterscheidet sich deutlich von anderen MaschinenMaschine durch die größere Anzahl von Freiheitsgraden und die Vielfalt und den Umfang seiner Verhaltensformen.» Diese Definition greift den WerkzeugcharakterWerkzeug von RoboternRoboter auf (vgl. auch den begrifflichen Ursprung des Wortes, abgeleitet von tschechisch robota, deutsch ‹Fronarbeit›).AutomatRoboter3 Was hingegen nicht Bestandteil der Definition ist, sind anthropomorpheantropomorph Zuschreibungen, die sehr häufig Teil des Alltagsverständnisses von RoboterRoboter sind (siehe dazu weiter unten).

Die Frage, ob die hier beschriebenen begrifflichen Abgrenzungen auch heute noch Bestand haben, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Hingewiesen sei aber auf neuere technischeTechnik Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass es mit dem technischen Fortschritt zu weiteren Überschneidungen kommen wird, die die Abgrenzung von RoboternRoboter und MaschinenMaschine immer schwieriger machen. So wurde Ende 2019 von ABB und B&R, zwei Unternehmen für AutomatisierungstechnikTechnik, eine erste vollständig integrierte Lösung für die Synchronisierung zwischen RobotikRobotik und Maschinensteuerung präsentiert.MaschineTechnikRobotik4 Möglicherweise wird sich diese Annäherung von RoboterRoboter und MaschineMaschine (und AutomatAutomat) künftig im Sprachgebrauch niederschlagen und dafür nur noch ein Terminus im Gebrauch sein; es ist aber auch zu vermuten, dass vor allem zwischen MaschineMaschine und RoboterRoboter weiter sprachlich differenziert werden wird, nämlich um die unterschiedlichen Einsatzbereiche (s.u.) zu berücksichtigen.

Wir selbst verwenden als Oberbegriff das Wort MaschineMaschine, wir sind uns aber bewusst, dass damit andere Assoziationen einhergehen als beim Wort RoboterRoboter. Eine diskurslinguistische Analyse des Sprachgebrauchs wäre in diesem Zusammenhang auf jeden Fall erkenntnisreich. Sie könnte z.B. Aufschluss darüber geben, ob die Bezeichnung MaschineMaschine stärker den WerkzeugcharakterWerkzeug fokussiert und eine emotionale Distanz zum Ausdruck bringt und im Vergleich dazu mit dem Ausdruck RoboterRoboter eine grössere Handlungskompetenz und damit einhergehend auch die Möglichkeit zur InteraktionInteraktion assoziiert wird. Unstrittig ist, dass die Verwendungshäufigkeit von RoboterRoboter in den letzten 30 Jahren kontinuierlich zugenommen und sich in dieser Zeit laut dem DWDS-Zeitungskorpus verdreifacht hat (siehe Abb. 1). Demgegenüber wird der Ausdruck MaschineMaschine zwar aktuell nach wie vor oft gebraucht, aber von 1950 bis zum Anfang der 1990er Jahre ist die Verwendungshäufigkeit um rund 60 Prozent markant gesunken, und seitdem stagniert sie weitgehend. Die folgende Abbildung stellt diese Entwicklung auf anschauliche Weise dar. Hier ist auch zu sehen, dass sich im Hinblick auf die Verwendung des Wortes AutomatAutomat keine Veränderungen abzeichnen.

Abb. 1:

Verwendungshäufigkeiten von RoboterRoboter, MaschineMaschine, AutomatAutomat von 1950 bis heute

Die Zunahme der Verwendungshäufigkeit des Wortes RoboterRoboter ist im Zusammenhang mit der fortschreitenden RobotertechnikTechnik (= RobotikRobotik) zu sehen, die dazu geführt hat, dass es für RoboterRoboter immer mehr industrielleIndustrie und private Einsatzmöglichkeiten gibt, was sich wiederum in stetig wachsenden Verkaufszahlen zeigt. Wie aus dem aktuellen Welt-Roboter-Report der International Federation of Robotics (IFR) hervorgeht, kommen IndustrieroboterRoboter am häufigsten in der AutomobilindustrieIndustrie, der Elektro- und Elektronikindustrie sowie der Metallindustrie und im Maschinenbau zum Einsatz.5 Hier haben sich die Verkaufszahlen in den letzten zehn Jahren mehr als versechsfacht. Das grösste Wachstum ist aber im Bereich der Nutzung von ServiceroboternRoboterService- für den gewerblichen und den persönlichen/häuslichen Gebrauch zu verzeichnen. Laut dem IFR-Welt-Roboter-Report stieg die Anzahl verkaufter ServiceroboterRoboterService- im Vergleich zum Vorjahr um 61 % auf 271000,6 wobei rund ein Viertel davon ServiceroboterRoboterService- für den privaten Einsatz waren. Zu den privat eingesetzten ServiceroboternRoboterService- zählen bspw. solche, die beim Hausputz und der Gartenarbeit helfen; sie erfüllen aber auch andere Aufgaben, wie die folgende exemplarische Übersicht zeigt.7

Abb. 2:

Übersicht über den vielfältigen Einsatz von ServiceroboterRoboterSex-nRoboterPflege-

Wie die Abbildung zeigt, werden (soziale) RoboterRobotersozialer und speziell ServiceroboterRoboterService- mittlerweile auch von Privatpersonen zu verschiedenen Zwecken eingesetzt.Roboter8 Entsprechend unterschiedlich sind die Situationen, in denen es zu einer Kommunikation zwischen Mensch und RoboterRoboter kommt. Doch kann man überhaupt von einer Kommunikation sprechen? Je nachdem, welchen Aufgabenbereich ein RoboterRoboter erfüllt, stellen sich auf kommunikativer Ebene unterschiedlich komplexe Herausforderungen. Während sich die Mensch-Mensch-Kommunikation zwar in Abhängigkeit von der Kommunikationssituation gestaltet, aber prinzipiell offen und grenzenlos verläuft, korreliert die Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation mit dem Einsatzbereich der MaschineMaschine, ist dadurch eingeschränkt und in gewisser Weise auch vorherbestimmt. So ist es bei einer Vielzahl von Servicetätigkeiten ausreichend, dem RoboterRoboterService- seine «Aufgabe mitzuteilen», die dieser dann mittels seiner ProgrammierungProgrammierung und ggf. künstlichen IntelligenzKünstliche Intelligenz (s.u.) erfüllt. In diese Kategorie fallen z.B. ReinigungsroboterRoboter wie SaugroboterRoboter und Saug-Wisch-RoboterRoboter. Die Kommunikation beschränkt sich hier auf vergleichsweise einfache Befehle (vom Menschen zum RoboterRoboter) und Meldungen (vom RoboterRoboter zum Menschen). Demgegenüber liegt es auf der Hand, dass ein RoboterRoboter, der zu Therapiezwecken eingesetzt wird, nicht nur andere Aufgaben als ein ReinigungsroboterRoboter oder ein IndustrieIndustrie-RoboterRoboter bewältigen muss, sondern dass er mit den Menschen in seinem Umfeld auch anders kommunizieren muss. Er (oder sie?) muss zum einen in der Lage sein, individuellen sprachlichen Input zu verarbeiten, und zum anderen, auf diesen Input zu reagieren.Mensch-Maschine-KommunikationRoboter9

Eine andere, aber ähnlich komplexe kommunikative Herausforderung stellt sich bei autonom fahrenden Autosautonom fahrendes Auto. Neben allen rechtlichen und ethischenEthik Aspekten, die in diesem Kontext zu klären sind,10 ergeben sich hier auch kommunikative Fragen. So müssen sich einerseits Fussgänger*innen, Radfahrer*innen und Autofahrer*innen mit dem autonom fahrenden Autoautonom fahrendes Auto abstimmen können, sei es am Zebrastreifen oder an einer gleichberechtigten Kreuzung, d.h. sie müssen ihre Absichten dem Fahrsystem kommunizieren und dieses muss den Input verarbeiten können. Andererseits muss das Auto umgekehrt signalisieren können, dass es autonomautonom fahrendes Auto fährt und die anderen Verkehrsteilnehmer*innen wahrgenommen hat. Auch muss es je nach Situation sogar eine Aktion ankündigen können (z.B. Vorfahrt gewähren).

Nun noch etwas zur Terminologie: Je nachdem, ob der Schwerpunkt auf die InteraktionInteraktion zwischen Mensch und MaschineMaschine oder spezifischer auf die (sprachliche) Kommunikation zwischen Mensch und MaschineMaschine gelegt wird, ist von Mensch-Maschine-InteraktionMensch-Maschine-Interaktion (MMI), im Englischen «human-machine interaction» (HMI), oder von Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation bzw. «human-machine communication» (MMK bzw. HMC) die Rede. Häufig werden die beiden Bezeichnungen auch synonym verwendet. Auf jeden Fall zählen dazu beide Perspektiven, d.h. sowohl die Mitteilungen des Menschen an die MaschineMaschine als auch die der MaschineMaschine an den Menschen. Es geht also um die wechselseitige Verständigung zwischen Mensch und MaschineMaschine. Dies ist der Aspekt, der in unserem Sammelband primär Berücksichtigung findet, daneben wird es aber auch – wie bereits erläutert – um die Mensch-Mensch-Kommunikation mittels MaschineMaschine gehen. In beiden Fällen ist es notwendig, dass der Mensch (in unterschiedlichem Ausmass) der TechnikTechnik und der Kommunikation mit der Technik vertraut. Damit kommen wir zum nächsten Abschnitt, zum Thema VertrauenVertrauen.

3Maschinen – Menschen – VertrauenVertrauen

VertrauenVertrauen ist von Vertrauenswürdigkeitvertrauenswürdig zu unterscheiden (vgl. Bentele 1994, Schäfer 2014): Während Vertrauen die Qualität einer Beziehung beschreibt (vgl. Möllering 2006) und im Sinne einer positiven ErwartungshaltungErwartungshaltung an das Handeln zukunftsorientiert ist, kann Vertrauenswürdigkeit als Urteil über die aktuell vermittelten Informationen und ihre Quelle verstanden werden (vgl. König/Jucks 2019). Im Mittelpunkt steht dabei, was einer Person, einer Situation, einer Information zugeschrieben wird. Ist eine Internetquelle z.B. verlässlich? Wenn ja, kann man ihr vertrauen, also davon ausgehen, dass sie dies auch in Zukunft sein wird? Ist der RoboterRoboter im Einkaufszentrum vertrauenswürdigvertrauenswürdig, kann man sich darauf verlassen, dass er auf die Frage nach dem Weg die richtige Auskunft gibt? In diesem Zusammenhang stellt sich die grundsätzliche Frage, ob man MaschinenMaschine überhaupt vertrauen kann. Sind es nicht vielmehr die Menschen, die diese programmiert haben, denen wir vertrauen? So lässt sich das Vertrauen in ein Flugzeug mit dem Argument erklären, dass man der Pilotin, der Besatzung, den Konstrukteuren und Techniker*innenTechnik hinter dieser Technologie vertraut. Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass sich ein «Quasi-Vertrauen» zu MaschinenMaschine aufbauen kann (vgl. Misselhorn 2019), wenn beispielsweise ein RoboterRoboter humanoidehumanoid Eigenschaften hat und in dialogischenDialog Strukturen angemessen reagiert.

Wie wir hieran schon sehen, umfasst das Thema VertrauenVertrauen eine ganze Reihe von Fragen. Diese betreffen u.a. die Verlässlichkeit von Internetquellen (Vertrauen in Informationen), den Schutz der Privatsphäre (Vertrauen in DatensicherheitDatensicherheit), die Kommunikation mit RoboternRoboter, Chatbots und SprachassistentenSprachassistenz (Vertrauen in MaschinenMaschine) und die Kommunikation in sozialen Netzwerkensoziales Netzwerk (Vertrauen in (fremde) Menschen).1 Im Folgenden legen wir den Schwerpunkt auf nur einen Aspekt, auf das Vertrauen in MaschinenMaschine. Weiter oben wurde darauf hingewiesen, dass RoboterRoboter und virtuellevirtuell Assistenzsysteme oft als ‹Ansprechpersonen› wahrgenommen werden. Hier möchten wir auf diesen Aspekt zurückkommen: Bekanntlich ist es bei den heutigen technischenTechnik Möglichkeiten nicht immer offensichtlich, ob man mit einem Menschen oder einer MaschineMaschine kommuniziert, wer also die «Ansprechperson» ist.2 Zwar mag man einwenden, dass auch heute noch – beispielsweise in der Kommunikation mit SiriSiri, der SprachassistenzSprachassistenz von Apple – die dialogischenDialog Fähigkeiten von MaschinenMaschine zu wünschen übriglassen. Das zeigt sich u.a. daran, dass auf Fragen, die das System nicht einordnen kann, ausweichende Antworten oder Nonsense-Antworten gegeben werden (vgl. «Siri, wer sitzt neben mir?» – «Interessante Frage»).Alexa3 Doch es gibt bereits Szenarien, in denen Menschen mit MaschinenMaschine kommunizieren und dies nicht einmal bemerken. Wird man z.B. als Restaurantbesitzerin von einem VoicebotVoicebot angerufen, der einen Tisch reservieren will, erkennt man möglicherweise nicht, dass man nicht mit einem Menschen spricht.Google AssistantVoicebot4 Das kann auch in der Internetkommunikation der Fall sein. Man liest die Beiträge von einer Person, von der man glaubt, dass sie real existiert; es handelt sich aber nur um ein «Internetphänomen» (vgl. den Beitrag von Jenni i.d.B.).

Es ist also keineswegs so, wie der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs (2020: 13) in seinem Plädoyer für die «Verteidigung des Menschen» schreibt, dass «jede digitalKommunikationdigitale vermittelte Online-Kommunikation [Kursivierung i.O.] voraus[setzt], dass wir es jenseits aller Vermittlungen immer noch mit einem lebendigen Menschen aus Fleisch und Blut zu tun haben.» Wir vertrauen möglicherweise nur darauf, dass es Menschen «aus Fleisch und Blut» sind, mit denen wir kommunizieren. Thomas Fuchs führt weiter aus, dass eine InteraktionInteraktion immer auf einer leibhaftigen Begegnung basiere bzw. dass man «diese Begegnung zumindest als Möglichkeit immer schon vorweg» nehme (Fuchs 2020: 13). Doch auch das trifft unserer Erfahrung nach nicht immer zu. Man denke nur an das automatische Generieren von TweetsTweet über einen TwitterTwitter-BotBot. Auf solche Tweets kann man antworten, sie teilen oder weiterleiten, ohne zu merken, dass die Nachrichten von einem Bot stammen. Ist eine solche Täuschung vom Programm beabsichtigt, dann wird das VertrauenVertrauen der Internetnutzer*innen missbraucht.Bot5

Damit kommen wir zu einem weiteren wichtigen Punkt: Welche Faktoren spielen bei der Schaffung von VertrauenVertrauen eine Rolle und welche ethischenEthik Fragen stellen sich in der Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation? Dies wird u.a. in den bereits erwähnten Arbeiten von Donick (2019), Remmers (2018) und König/Jucks (2019) diskutiert. So betont Peter Remmers den Unterschied zwischen MaschinenMaschine, die als WerkzeugeWerkzeug eingesetzt werden (z.B. Waschmaschinen), und solchen, die als (teilautonome) Agenten, d.h. als Handlungsinstanzen erscheinen (z.B. soziale RoboterRobotersozialer). Die äussere Gestalt der MaschineMaschine und die Frage, welche Handlungen sie ausführt, wirken sich hier unmittelbar auf die Beziehung des Menschen zur MaschineMaschine aus. Oder anders gesagt: Je menschenähnlichermenschenähnlich die MaschineMaschine gestaltet ist, desto mehr rücken technischeTechnik Aspekte (wie der WerkzeugcharakterWerkzeug) in den Hintergrund und es gewinnen soziale Aspekte an Bedeutung – und desto eher stellt sich die Frage, ob man der MaschineMaschine vertrauen kann.Roboterhumanoid6

Ist das Äussere eines RobotersRoboter der menschlichen Gestalt nachempfunden, wird er/sie als «humanoidhumanoid» bezeichnet. Ein Beispiel für einen solchen RoboterRoboter ist PepperPepper, der von dem französischen Unternehmen SoftBankRobotics und dem japanischen Telekommunikations- und Medienkonzern SoftBank Mobile Corp. entwickelt wurde. Wie Abb. 3 zeigt, hat Pepper zwar ansatzweise ein menschenähnlichesmenschenähnlich Aussehen (und vollführt auch ähnliche Bewegungsabläufe), das Ziel der Hersteller war es aber nicht, einen Menschen realistisch nachzuahmen. Peppers Kopf ist überdimensioniert, er ist nicht einmal 1.20 Meter gross, er trägt ein Tablet am KörperKörper und steht auf einem Sockel, der dem Beinbereich beim Menschen entspricht. Pepper ist also nur humanoidhumanoid, aber nicht androidandroid. So bezeichnet man RoboterRoboter, die dem Menschen so originalgetreu wie möglich nachgebaut wurden – mit dem Ziel, dass man sie für echte Menschen halten könnte. Das freilich hätte auf die Mensch-Maschine- bzw. Mensch-Roboter-Beziehung und damit auch auf das VertrauenVertrauen, das man der MaschineMaschine entgegenbringt, einen nachteiligen Effekt. Denn wie Untersuchungen zeigen, wird die Menschenähnlichkeitmenschenähnlich nur positiv gesehen, solange es sich um eine offensichtlich nachempfundene Ähnlichkeit handelt.menschenähnlichIndustrieIndustrie7

Abb. 3:

PepperPepper, https://www.servicedeskinstitute.com/2018/02/12/meet-pepper-humanoid-robot-sdi18/, (01.02.2021)

Menschenähnlichmenschenähnlich aussehende RoboterRoboter werden oft mit dem Attribut anthropomorphantropomorph (von griech. anthropos (‹Mensch›) und morphe (‹Gestalt›, ‹Form›)) beschrieben – ein Ausdruck, der synonym zu humanoidhumanoid gebraucht wird, aber stärker auf die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften (z.B. im äusseren Erscheinungsbild, im Verhalten, in der Stimme) fokussiert. In diesem Zusammenhang ist auch häufig von Anthropomorphisierung die Rede, d.h. von der Vermenschlichung nichtmenschlicher Entitäten (also z.B. Tieren, Pflanzen, MaschinenMaschine). In unserem Alltag gibt es dafür viele Beispiele: Man gibt seinem Auto einen Namen, man beschimpft seinen ComputerComputer, man spricht liebevoll mit den Zimmerpflanzen oder man schaut Filme, in denen Tiere menschenähnlich dargestellt werden und sprechen können (wie z.B. «Findet Nemo»). Doch wie weit darf eine solche Anthropomorphisierungantropomorph in der TechnikTechnik gehen? Soll man RoboterRoboter so konstruieren, dass sie immer menschenähnlichermenschenähnlich aussehen und auch so agieren? Manuela Marquardt weist in ihrem interessanten Beitrag zu diesem Thema darauf hin, «dass ein besseres Verständnis dieses Phänomens in die Konstruktion und das Design interaktionsfähiger RoboterRoboter mit einfließen könnte» (Marquardt 2017: 8). Sie betont aber auch, dass es nicht darum gehen könne, RoboterRoboter so humanoidhumanoid wie möglich zu gestalten. Wichtiger für die Mensch-Roboter-InteraktionInteraktion sei vielmehr eine optimale Passung, die sich darin zeige, dass das Design des RobotersRoboter zu seinen Aufgaben und dem jeweiligen Anwendungskontext passe (vgl. Marquardt 2017: 9). Dies mag in Bezug auf die mitunter mit Sorge diskutierte Frage beruhigen, ob sich künftig die Grenze zwischen Menschen und MaschinenMaschine überhaupt noch bestimmen lässt.

Die Ängste in diesem Bereich sind gross, und dies sowohl in der Gesellschaft als auch ansatzweise in der Wissenschaft, und sie werden möglicherweise durch Filme und Romane, in denen MaschinenMaschine an die Stelle von Menschen treten, noch weiter geschürt.Roboterandroid8 So schreibt Thomas Fuchs in seinem weiter oben bereits erwähnten Buch: «Die Fortschritte der Künstlichen IntelligenzKünstliche Intelligenzund der RobotikRobotik [Kursivierung i.O.] stellen die Unterscheidung zwischen Simulation und Realität der menschlichen Person zunehmend in Frage. […] Wir betrachten uns selbst immer mehr wie unsere MaschinenMaschine und umgekehrt unsere MaschinenMaschine wie uns selbst. Was also unterscheidet menschliche und künstliche IntelligenzKünstliche Intelligenz?» (Fuchs 2020: 14f.). Diese Frage knüpft indirekt an das Zitat an, das wir unserem Beitrag vorangestellt haben: Was bedeutet Menschsein im digitalen Zeitalter? Worin besteht das Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber der MaschineMaschine? Im ersten Beitrag seiner Textsammlung geht Thomas Fuchs ausführlich auf die Unterscheidung von Mensch und MaschineMaschine ein (vgl. «Menschliche und Künstliche Intelligenz. Eine Klarstellung», S. 21–70) und beschliesst seine Überlegungen mit dem Hinweis darauf, dass wir uns gerade angesichts unserer MaschinenMaschine «auf unsere eigentliche Menschlichkeit besinnen» sollten.Künstliche Intelligenz9

Auch Gert Antos warnt in seinem Beitrag «Wenn RoboterRoboter ‹mitreden› … Brauchen wir eine Disruptions-Forschung in der Linguistik?» davor, dass MaschinenMaschine Menschen immer ähnlicher werden könnten: «Je ‹echter› MaschinenMaschine ununterscheidbar und unauffällig Menschen imitieren, umso mehr wächst nicht nur die Gefahr der Tarnung, Täuschung und der Manipulation» (Antos 2017: 399). Und er konstatiert pessimistisch, der Mensch habe «sein bisher gattungsgeschichtliches Monopol auf Reden, Schreiben, Übersetzen und Textherstellen an RoboterRoboter (Sprach-Assistenten) mit aktuell erreichter künstlicher IntelligenzKünstliche Intelligenz verloren» (ebd.: 412). Hier möchten wir allerdings zu bedenken geben, dass Künstliche IntelligenzKünstliche Intelligenz noch weit entfernt ist von der menschlichen Fähigkeit, sich Wissen zu beliebigen Themen anzueignen, Schlussfolgerungen zu ziehen, Sprachen anzuwenden und eigene Gedanken zu formulieren.EthikKünstliche Intelligenz10 Denn im Gegensatz zu Menschen können MaschinenMaschine nicht alle beliebigen Arten von Informationen verarbeiten und nur solche Aufgaben bewältigen und Probleme lösen, für die sie programmiert wurden. Entsprechend bleiben auch die Unterschiede in der Mensch-Mensch- und Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation bestehen. Ob diese Grenzen jemals verschwimmen, halten wir für fraglich, zumal dies, wie oben angedeutet, in der Forschung zur Künstlichen IntelligenzKünstliche Intelligenz gar nicht als erstrebenswert erachtet wird. Festhalten können wir auf jeden Fall, dass MaschinenMaschine in immer mehr Situationen des täglichen Lebens unseren Alltag erleichtern und Aufgaben übernehmen, die früher Menschen vorbehalten waren.Künstliche Intelligenz11 Gleichzeitig ist offensichtlich, dass ihr Einsatz den Menschen vor immer neue Herausforderungen stellt. Dazu gehört nicht zuletzt, dass ihnen der Mensch vertrauen muss. Oder vorsichtiger formuliert: Er muss sich auf sie verlassen können.

4Übersicht über die folgenden Beiträge

Zum Schluss sollen noch die Beiträge des Sammelbandes kurz vorgestellt werden. Dabei handelt es sich in erster Linie um Arbeiten von Germanistikstudierenden der Universität Zürich, die das von uns geleitete Seminar «Mensch. MaschineMaschine. VertrauenVertrauen» besuchten. Einige der studentischen Arbeiten waren von solch innovativem Charakter, dass wir uns dazu entschlossen haben, sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.1 Unterstützt wurden wir dabei von Ilona Straub und Oliver Bendel, die sich bereit erklärten, aus ihrer jeweiligen fachlichen Perspektive ebenfalls einen Beitrag für den vorliegenden Sammelband zu verfassen. Allen Mitarbeitenden an dem vorliegenden Sammelband sei an dieser Stelle herzlich für ihr Engagement gedankt!

Der erste Themenblock trägt die Überschrift «Mensch-Mensch-Kommunikation via MaschineMaschine». Hier geht es um solche Aspekte, die in der Medienlinguistik zur interpersonalen KommunikationKommunikationinterpersonale gerechnet werden. Im ersten Beitrag befasst sich Linda Bosshart mit der WhatsAppWhatsApp-Kommunikation, der Kommunikation via iMessageiMessage und der E-MailE-Mail-Kommunikation. Sie zeigt an einigen Beispielen auf, in welchem Verhältnis die technischenTechnik Gegebenheiten (d.h. die Affordanzen) dieser Kommunikationsformen zu dem stehen, was in diesem Rahmen kommunikativ auch tatsächlich realisiert wird. Roberto Tanchis und Leonie Walder widmen sich sodann dem Gebrauch von Animojis, d.h. von selbst erstellten Avataren (z.B. einem Katzenkopf), die auf einem Foto des eigenen Gesichts (inkl. der Mimik) basieren. Erläutert wird hier u.a., weshalb Animojis in Sprachnachrichten genutzt werden und wo die Unterschiede zu anderen bildhaften Darstellungen in der Online-Kommunikation liegen (z.B. Emojis und Memojis). Der folgende Beitrag von Mia Jenni handelt von «Lil Miquela», einer InfluencerinInfluencer*in, die mit ihren Posts auf InstagramInstagram und YouTube sehr präsent ist und über 2,4 Millionen Abonnent*innen hat. Tatsächlich ist es aber keine Person, sondern eine von einer Startup-Firma kreierte Figur, deren Auftreten so echt ist, dass sich ihre vielen FollowerFollower*in*innen immer wieder täuschen lassen. Den Abschluss dieses ersten Teils bildet der Beitrag von Florina Zülli. Sie beschreibt die Veränderungen des Online-DatingsDating von ParshipParship über TinderTinder bis hin zum künstlichen Partner, den man nicht umwerben kann, sondern erwerben muss.

Der zweite Themenblock führt ins Zentrum des vorliegenden Sammelbandes: Ilona Straub legt dar, mit welcher ErwartungshaltungErwartungshaltung NutzerNutzer*in*innen RoboternRoboter gegenübertreten, und zeigt auf, dass sie diese zunächst als technischesTechnik Objekt, dann als situativ reagierende Gestalt und schliesslich als akzeptierte Sozialpartner wahrnehmen. Jana Seebass vergleicht «Streitgespräche in der Mensch-Mensch- und Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation». Dabei stützt sie sich auf eine Episode aus der bekannten britischen NetflixNetflix-Serie Black Mirror, in der eine junge Frau ihren verstorbenen Mann durch einen RoboterRoboter ersetzt, der diesem, so scheint es zunächst, täuschend ähnlich ist. Zwar handelt es sich dabei um ein fiktives Szenario, der Beitrag führt aber deutlich vor Augen, wo die Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede in der Kommunikation mit einem Menschen resp. einem RoboterRoboter liegen. Mit dem Beitrag von Rahel Staubli rückt sodann das Thema VertrauenVertrauen in den Fokus. Am Beispiel des RobotersRoboterPflege-Lio, der in der Pflege zum Einsatz kommt, wird gezeigt, welche Strategien in einer Werbebroschüre eingesetzt werden, um diesen RoboterRoboterPflege- menschenähnlichmenschenähnlich und damit besonders vertrauenswürdigvertrauenswürdig erscheinen zu lassen. Auch der vierte Beitrag knüpft an die Frage an, wie Vertrauen zu PflegeroboternRoboterPflege- aufgebaut werden kann: Andrea Knoepfli legt dar, dass hierfür nicht nur das Äussere und ein adäquates Kommunikationsverhalten eine wichtige Rolle spielen, sondern dass in der ProgrammierungProgrammierung von RoboternRoboterPflege- noch viele weitere Entscheidungen zu treffen sind, die u.a. ethischeEthik Fragen tangieren (z.B. hinsichtlich der Medikamentenabgabe an Pflegebedürftige).

Auch der dritte Themenblock ist der Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation gewidmet, der Schwerpunkt liegt nun aber auf der Kommunikation mit virtuellenvirtuell Assistenzsystemen. Ein Beispiel hierfür ist SiriSiri – ein Assistenzsystem, das von den Werkeinstellungen her mit einer weiblichen Stimme spricht. An diesem Punkt setzt der Beitrag von Julia Degelo an. Diskutiert werden u.a. die folgenden Fragen: Welche Assoziationen sind mit der weiblichen Stimme verbunden? Würden sich StereotypeStereotyp aufbrechen lassen, wenn die SprachassistenzSprachassistenz eine genderneutrale Stimme hätte? Müsste sich dann aber nicht auch das Kommunikationsverhalten ändern? Der folgende Beitrag trägt den Titel «Smart HomesSmart Home im öffentlichen Diskurs. Drei Fallbeispiele». Hier wird der Blick auf die Berichterstattung über die Nutzung von Assistenzsystemen gerichtet; genauer: auf die Frage, wie diese Thematik medial so aufbereitet wird, dass die technischenTechnik Zusammenhänge auch für Laien unmittelbar verständlich sind. Ann Fuchs und Zora Naef zeigen dies am Beispiel von drei Zeitungsartikeln, die sich an eine breite Leserschaft wenden und das Thema auf ganz unterschiedliche Weise behandeln.

Der vierte Themenblock wurde von uns als «Exkurs» gekennzeichnet. Dies gilt in zweifacher Hinsicht: Zum einen fällt darunter nur ein Beitrag (und der einzige in englischer Sprache), zum anderen geht es nun nicht mehr um die Mensch-Mensch- bzw. Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Kommunikation im engeren Sinne, sondern um neue technischeTechnik Entwicklungen, die unter das Stichwort «Bodyhacking» fallen. Dazu gehören Beispiele wie das Einsetzen von Chips und Prothesen in den menschlichen KörperKörper. Während es sich dabei aber um einen vergleichsweise minimalen Eingriff handelt, der dazu dienen soll, die Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers wiederherzustellen, gibt es andere, die die Unterscheidung von Mensch und MaschineMaschine grundsätzlich in Frage stellen (und uns dazu veranlasst haben, diesen Themenblock mit «Menschmaschine» zu überschreiben). Ein Beispiel hierfür sind sog. CyborgsCyborg, die Implantate in sich tragen, mit denen sie kommunizieren. Oliver Bendel erläutert dies in seinem Beitrag genauer und erklärt weitere grundlegende Termini (z.B. Biohacking, Bodyhacking, TranshumanismusTranshumanismus). Dann folgt ein Überblick über die Möglichkeiten, die das Bodyhacking bietet, und abschliessend werden damit verbundene ethischeEthik Fragen diskutiert.

Wie dieser Überblick über die Beiträge des Sammelbandes zeigt, nehmen die Autorinnen und Autoren Themen auf, die weit über das hinausführen, was traditionell im Kontext der Medienlinguistik untersucht wurde. Die meisten der in diesem Kontext diskutierten Fragen orientieren sich daran, wie sich die Mensch-Mensch- resp. die Mensch-Maschine-KommunikationMensch-Maschine-Interaktion im Jahr 2020 darstellt – und damit zu einer Zeit, in der die Folgen der Corona-Krise noch nicht absehbar waren. Diese Folgen werden alle Bereiche unserer Gesellschaft tangieren. So ist zu vermuten, dass der Einsatz von RoboternRoboter künftig noch zunehmen wird (z.B. zur Versorgung von Menschen in Quarantäne, im Dienstleistungsbereich). Das wird auch dazu führen, dass die Mensch-Maschine-Kommunikation in unserem Alltag immer wichtiger werden wird. Die linguistische Forschung muss dem Rechnung tragen.

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AMensch-Mensch-Kommunikation via Maschine

WhatsAppWhatsApp, iMessageiMessage und E-MailE-Mail

Ein Vergleich des technischTechnik Möglichen mit dem tatsächlich Realisierten

Linda Bosshart

1Einleitung

Die internetbasierte Kommunikation ist ein beliebter Untersuchungsgegenstand der Medienlinguistik, und dies nicht zuletzt deswegen, weil das Feld sehr produktiv ist und sich stetig wandelt. Entsprechend löst die sprachwissenschaftliche Forschung dazu nicht nur Konsens im fachwissenschaftlichen Diskurs aus. So weist beispielsweise Androutsopoulos (2010: 425) darauf hin, dass es falsch sei, in linguistischen Untersuchungen «technisch-mediale[n]» Kontextaspekten gegenüber «sozialen» den Vorrang zu geben – wie dies seiner Meinung nach allzu häufig getan wird. Demgegenüber stellt er die Forderung auf, dass sprachanalytische Zugänge zur Internetkommunikation sowohl die technischenTechnik als auch die soziokulturellen Umstände und die entsprechende Verwobenheit zu berücksichtigen haben (vgl. ebd.: 419). Ziel des vorliegenden Beitrags ist, das Verhältnis zwischen den technischen Gegebenheiten (den ‹Affordanzen›) und dem tatsächlichen (empirisch belegbaren) kommunikativen Verhalten kritisch zu reflektieren. Dazu werden die zwei Messaging-Dienste WhatsAppWhatsApp und iMessageiMessage sowie die Kommunikationsform E-MailE-MailE-Mail1 auf zwei Aspekte hin untersucht und miteinander verglichen: den ‹Grad an SynchronizitätKommunikationsynchrone› und die ‹Verfügbarkeit semiotischer Ressourcen›. Ersteres bezieht sich auf die Frage, in welcher Geschwindigkeit Konversationen ablaufen (können), Letzteres auf die unterschiedlichen multimedialen und multimodalenMultimodalität Möglichkeiten der Textgestaltung.

Die hier vorgenommene Auswahl (WhatsAppWhatsApp, iMessageiMessage und E-MailE-Mail) ist nicht zufällig: Betrachtet man die Literatur der letzten zehn Jahre, so lässt sich feststellen, dass sich medienlinguistische Untersuchungen zu nicht-öffentlicher Kommunikation im Internet zu einem auffallend hohen Anteil dem Thema WhatsApp widmen (vgl. z.B. Arens 2014, Dürscheid/Frick 2014, Pappert 2017). Dieser Messenger-Dienst wurde 2009 von Brian Acton und Jan Koum gegründet und erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit. So wurden im Jahr 2020 weltweit 2 Milliarden monatliche NutzerNutzer*in*innen gemessen (vgl. statista.com). Dafür gibt es vermutlich zwei ausschlaggebende Gründe: Erstens vereint WhatsApp die Mobilität der SMS und die quasi-synchrone KommunikationKommunikationquasi-synchrone, wobei die Dienstleistungen den Nutzenden kostenlos zur Verfügung gestellt werden (vgl. Arens 2014: 82). Zweitens ist es irrelevant, ob die Nutzer*innen iOS, Androidandroid oder ein anderes Betriebssystem verwenden, jede*r Smartphonebesitzer*in kann es nutzen. Diese Beliebtheit und die weite Verbreitung der AppApp führten dazu, dass die Kommunikation über WhatsApp zu der zu untersuchenden Kommunikationsform in linguistischen Arbeiten wurde. Mit anderen Worten: Allein schon die Tatsache, dass WhatsApp so viele aktive User*innen hat, macht den Dienst zum legitimen Ausgangspunkt von Untersuchungen.

iMessageiMessage bietet hinsichtlich der Affordanzen sprachwissenschaftlich sogar noch mehr Untersuchungsfelder als WhatsAppWhatsApp, und trotzdem finden sich kaum linguistische Untersuchungen dazu. Das geht vermutlich mit der geringeren Popularität dieses Dienstes einher. In diesem Beitrag wird deshalb auch der Frage nachgegangen, warum iMessage weniger genutzt wird als WhatsApp, obwohl es technischTechnik mehr Möglichkeiten bietet.

Die E-MailE-Mail-Kommunikation gehört klassischerweise nicht zu den Instant-MessagingInstant-Messanging Kommunikationsformen. Es wird sich allerdings zeigen, dass diese Einordnung der E-Mail als asynchroneKommunikationasynchrone Form der Kommunikation heute überholt ist oder zumindest hinterfragt werden muss. Die E-Mail-Kommunikation hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert und ist in spezifischen Kontexten mit WhatsAppWhatsApp und iMessageiMessage durchaus vergleichbar, weswegen sie in der folgenden Untersuchung ebenfalls berücksichtigt wird.

Der vorliegende Beitrag ist thematisch zweigeteilt. Zunächst werden die Termini ‹Synchronie› und ‹semiotische Ressourcen› bzw. ‹Multimedialität› und ‹MultimodalitätMultimodalität› aus medienlinguistischer Sicht reflektiert und auf die drei hier zur Diskussion stehenden Messaging-Dienste angewendet: Welchen Grad an SynchronizitätKommunikationsynchrone erlauben die Dienste? Welche Möglichkeiten der multimedialen bzw. multimodalenMultimodalität Kommunikation werden geboten (und welche nicht)? Der zweite Teil ist empirisch bzw. analytisch ausgerichtet. Anhand von je acht Beispielen aus einer privaten Textsammlung wird untersucht, ob die technischenTechnik Möglichkeiten (so) genutzt werden, wie dies erwartbar wäre. Dazu sei an dieser Stelle bereits angemerkt: Natürlich lässt ein aus 24 Beispielen bestehendes Korpus keine verallgemeinerbaren Aussagen zu, Tendenzen und Trends sind jedoch ablesbar. Zum aktuellen Zeitpunkt stehen leider keine im deutschsprachigen Raum erfasste, umfassende Korpora zur Verfügung, die dem gegenwärtigen technischenTechnik Stand entsprechen würden und die sich auf alle drei hier untersuchten Kommunikationsformen beziehen. Die häufig verwendeten Daten des Dortmunder-Chatkorpus2 beispielsweise wurden in den Jahren 2002 bis 2008 erhoben und sind damit für gegenwartsbezogene Fragestellungen nur bedingt aussagekräftig (vgl. Storrer 2017: 257). Ein SNF-Projekt3 widmete sich dem Erstellen eines SMS-Korpus’. Das Projekt dauerte von 2011 bis 2014 und startete damit kurz bevor die SMS als mobile Kommunikationsform des Alltages deutlich an Relevanz zu verlieren begann. Einzig interessant für die Forschungsinteressen dieses Beitrags ist ein Korpus, das aus WhatsAppWhatsApp-Daten besteht.4 Dieses Korpus war zum Zeitpunkt der Abfassung des vorliegenden Beitrags jedoch noch nicht verfügbar.

2Das technischTechnik Mögliche

2.1Synchronie

In sprachwissenschaftlichen Abhandlungen zu digitaler KommunikationKommunikationdigitale wird dem Grad an SynchronizitätKommunikationsynchrone eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Dabei handle es sich, so wird argumentiert, um einen wesentlichen Einflussfaktor auf den sprachlichen Duktus. So heisst es z.B. bei Storrer (2017: 272): «Insbesondere die synchronenKommunikationsynchrone internetbasierten Kommunikationsformen sind in vielen Merkmalen der Nähekommunikation zuzuordnen». Dürscheid (2016: vgl. 367) wirft in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Frage auf, ob in der internetbasierten Kommunikation Nähe über sprachliche Mittel hergestellt wird oder ob die sprachlichen Mittel der Nähe aus dem Umstand resultieren, dass es sich um eine quasi-synchrone KommunikationKommunikationquasi-synchrone handelt. Anders formuliert: Ist SynchronieKommunikationsynchrone ein Mittel zum Zweck, um Nähe auszudrücken, oder ist sie der Auslöser für den nähesprachlichennähesprachlich Duktus? Das ist auch die Leitfrage im vorliegenden Beitrag: Motiviert alleine die Technologie zu einem spezifischen (nähesprachlichen) Sprachhandeln und unterwirft die NutzerNutzer*in*innen damit den Affordanzen? Oder nutzen sie diese aktiv und bewusst, um damit ein bestimmtes kommunikatives Ziel zu erreichen?

Der Faktor ‹SynchronieKommunikationsynchrone› bezieht sich bekanntlich auf die Geschwindigkeit eines möglichen Feedbacks innerhalb einer Kommunikationsform. Bei einem Face-to-Face-GesprächFace-to-Face-Gespräch ist diese Geschwindigkeit maximal hoch. Gesprächsteilnehmer*innen können die sprechende Person noch während der Produktion eines sprachlichen Inhalts unterbrechen und an Gesagtes anknüpfen. Man spricht in diesem Fall von einer «synchronenKommunikationsynchrone mündlichen Kommunikation» (Dürscheid 2003: 9). Asynchrone KommunikationKommunikationasynchrone hingegen liegt vor, wenn die Sprechsituation «zerdehnt» ist (Ehlich 1981, zitiert nach Dürscheid 2003: 9), wenn also zwischen Produktion und Rezeption eines Inhaltes ein bestimmter Zeitraum liegt. Ein weiteres Merkmal asynchroner KommunikationKommunikationasynchrone besteht darin, dass kein gemeinsamer Kommunikationsraum vorliegt, der Kanal folglich immer nur von einer Seite her geöffnet ist (vgl. ebd.): Produktion und Rezeption finden zeitlich versetzt statt. Obwohl Beiträge in Chats durchaus in sehr hoher Geschwindigkeit aufeinander folgen können, können die Gesprächsteilnehmenden während der Produktion eines Beitrages nicht unterbrochen werden: «Eine Äußerung kann erst nach Abschluss des Produktionsvorgangs vom Partner rezipiert und somit von diesem auch nicht unterbrochen oder sprachbegleitend kommentiert werden» (Thaler 2007: 158). Gesprächslinguistisch fasst Dürscheid (2003: 8) die Situation folgendermassen zusammen: «Die SynchronieKommunikationsynchrone gilt also nur turnweise, nicht zeichenweise». Die Gesprächsteilnehmenden werden stets mit einem Schreibprodukt, nicht aber mit der Schreibaktivität des oder der Produzent*in konfrontiert (vgl. ebd.: 9). Um diese – damals – neue Situation sprachwissenschaftlich fassbar zu machen, führte Dürscheid (2003) den Ausdruck ‹quasi-synchronKommunikationquasi-synchrone› ein.

Mit Bezug auf Dennis/Valacich (1999) diskutiert Thaler (2007) drei Faktoren, die sich auf die SynchronieKommunikationsynchrone auswirken. Zunächst nennt sie die ‹Überarbeitbarkeit›: Je leichter ein Beitrag im Nachhinein oder während der Produktion überarbeitet werden kann, desto ‹asynchronerKommunikationasynchrone› ist die Kommunikation. Ein weiterer Faktor ist die ‹Parallelität›. Je mehr schriftliche DialogeDialog parallel ablaufen können, desto ‹asynchronerKommunikationasynchrone› werden sie. Bei der ‹Wiederverwertbarkeit› geht es darum, dass eine Kommunikation umso ‹asynchronerKommunikationasynchrone› ist, je besser im Nachhinein auf einen Beitrag zurückgegriffen werden kann (vgl. Thaler 2007: 167–175).

Halten wir fest: Je stärker die Faktoren in die eine oder andere Richtung ausgeprägt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dies auf den sprachlichen Duktus auswirkt. Grundsätzlich gilt: Je ‹synchronerKommunikationsynchrone›, desto spontaner, sprachlich weniger reflektiert und weniger geplant (vgl. Dürscheid 2003: 11).

2.1.1WhatsAppWhatsApp

TechnischTechnik gesehen erlaubt es WhatsAppWhatsApp, mit Gesprächsteilnehmenden sowohl quasi-synchronKommunikationquasi-synchrone wie auch asynchronKommunikationasynchrone zu kommunizieren. Wenn beide (oder mehrere) Gesprächsteilnehmende die AppApp und die entsprechende Konversation gleichzeitig geöffnet haben, kommunizieren sie quasi-synchronKommunikationquasi-synchrone. Die Gesprächsteilnehmenden können solch eine quasi-synchrone KommunikationKommunikationquasi-synchrone an der entsprechenden Anzeige identifizieren: Produziert der oder die Kommunikationspartner*in gerade einen Beitrag, wird vom System darüber informiert. Dabei unterscheidet WhatsApp auch zwischen den Medialitäten. So kann es sein, dass es heisst, xy «schreibt» gerade oder dass aktuell eine «Tonaufnahme läuft». Push-NachrichtenMedium/Medien1 in WhatsApp ermöglichen es, Beiträge unmittelbar nach dem Absenden zu rezipieren und darauf zu antworten. Dies ist auch dann der Fall, wenn die oder der Rezipient*in die App nicht geöffnet hat. Charakteristisch ist weiter, dass für die Gesprächspartner*innen nicht nur ersichtlich ist, ob eine Nachricht rezipiert wurde,2 sondern auch deutlich wird, ob die angeschriebene Person die App geöffnet hat («online» ist). Dieser Faktor erhöht die soziale KontrolleKontrolle: Man könnte unter Rechtfertigungsdruck geraten, weil man Nachrichten zur Kenntnis genommen hat, jedoch nicht darauf reagiert. Daraus lässt sich die Vermutung ableiten, dass über WhatsApp ‹synchronerKommunikationsynchrone› kommuniziert wird als über andere Instant-MessagingInstant-Messanging-Dienste.

Allerdings zeichnet sich WhatsAppWhatsApp auch durch Merkmale der asynchronen KommunikationKommunikationasynchrone aus. Denn wendet man die drei oben genannten Faktoren ‹Überarbeitbarkeit›, ‹Parallelität› und ‹Wiederverwertbarkeit› auf WhatsApp an, wird deutlich, dass technischTechnik gesehen all dies umstandslos möglich ist: Beiträge können redigiert werden, ehe sie versendet werden.3 Es ist auch möglich, «gleichzeitig» mehrere Konversationen zu bedienen, d.h. schnell zwischen den «Chats» hin- und herzuwechseln. Auf Nachrichten kann später einfach zurückgegriffen werden, indem nach oben gescrollt oder im Suchfeld ein Suchbegriff eingegeben wird. Alle Konversationen werden protokolliert.

2.1.2iMessageiMessage

Ähnlich wie WhatsAppWhatsApp informiert iMessageiMessage darüber, ob der oder die Konversationspartner*in gerade einen schriftlichen Beitrag produziert. Wird ein mündlicher Beitrag (eine Audiodatei) produziert, wird dies allerdings nicht angezeigt. Im Unterschied zu WhatsApp zeigt iMessage zudem weder an, ob die andere Person «online» ist oder wann sie die AppApp zuletzt geöffnet hat, noch ob sie die Nachricht gelesen hat. Zwar lässt sich einstellen, dass eine Lesebestätigung angezeigt wird, dies gehört aber nicht zur Default-Einstellung. Angezeigt wird jedoch, ob eine Nachricht dem oder der Empfänger*in zugestellt worden ist.

In Bezug auf die drei von Dennis/Valacich genannten Faktoren zur Ermittlung des Grades an SynchronizitätKommunikationsynchrone lassen sich dieselben Aussagen wie bei WhatsAppWhatsApp treffen: Die Beiträge sind – vor dem Absenden, aber nach der ersten Produktion – überarbeitbar. Mehrere Konversationen können gleichzeitig geführt werden, und schriftliche Beiträge sind im Nachhinein über die Suchfunktion oder durch Scrollen abrufbar. TechnischTechnik gesehen lässt iMessageiMessage demzufolge denselben Grad an SynchronizitätKommunikationsynchrone zu, wie dies bei WhatsApp der Fall ist. Weil jedoch nicht angezeigt wird, wann der oder die Gesprächspartner*in zuletzt online war, besteht ein wesentlicher Unterschied hinsichtlich der sozialen KontrolleKontrolle.

2.1.3E-MailE-Mail

Obwohl es unterschiedliche E-MailE-Mail-Messaging-Dienste gibt, unterscheiden sie sich technischTechnik nicht wesentlich voneinander. E-Mails werden klassischerweise zur asynchronen KommunikationsformKommunikationasynchrone gezählt. Im Jahr 2007 verweist Thaler auf E-Mails als Extrembeispiel asynchronerKommunikationasynchrone, computervermittelter Kommunikation. Sie spricht von einer «fehlenden Geschwindigkeit des Feedbacks, welche durch die technische Infrastruktur der Kommunikationsform E-Mail bedingt ist» (Thaler 2007: 171), denn es sei keine spontane Übernahme der Produzent*innenrolle möglich (vgl. ebd.). Im Jahr 2020 müssen diese Begründungen kritisch betrachtet und die Rahmenbedingungen der E-Mail-Kommunikation neu beurteilt werden. Die Geschwindigkeit des Feedbacks wird durch die Möglichkeit, E-Mails auch mobil – d.h. unterwegs – zu lesen und zu beantworten, stark erhöht. Hinzu kommt: Wer Push-Nachrichten für E-Mails aktiviert hat, kann diese genauso schnell rezipieren, wie dies bei WhatsAppWhatsApp- und iMessageiMessage-Nachrichten der Fall ist. Es ist, wiederum wie bei den beiden anderen Diensten, zudem auch nicht mehr notwendig, den Kommunikationskanal für Produktion oder Rezeption der Nachrichten jedes Mal aufs Neue zu öffnen (sofern eine funktionierende Internetverbindung vorhanden ist). Im Unterschied zu WhatsApp und iMessage weiss der oder die Verfasser*in eines Beitrages in der Regel aber nicht, ob die angeschriebene Person die Mail gelesen hat, wann sie zuletzt online war und ob die Nachricht überhaupt zugestellt worden ist.1 Vielleicht sind gerade deswegen bei längeren Abwesenheiten automatisch generierte Nachrichten üblich geworden, in denen darüber informiert wird, wann man wieder erreichbar ist.

Eine interessante, E-MailE-Mail-spezifische Möglichkeit ist die Planung des Sendezeitpunktes, die es erlaubt, individuell eine Zeitspanne zwischen Produktion und Versenden einer Mail zu definieren. Diese Möglichkeit kann zur AsynchronieKommunikationasynchrone beitragen. Allerdings ist es keine Default-Einstellung, dass nach dem Zeitpunkt gefragt wird, wann eine Mail versendet werden soll. Es ist eher üblich, zwischen dem Abschluss der Produktion und dem Versenden keine Zeitspanne einzuplanen.

Die technischenTechnik Voraussetzungen für die Geschwindigkeit des Feedbacks (und damit den Grad an SynchronizitätKommunikationsynchrone) sind bei E-MailE-Mails demzufolge zwar nicht identisch mit iMessageiMessage und WhatsAppWhatsApp, aber dennoch vergleichbar. Es ist rein technischTechnik gesehen genauso möglich, in Sekundenschnelle Nachrichten hin- und herzuschicken. Dazu muss der Kanal nicht jedes Mal neu geöffnet, sich nicht jedes Mal neu eingeloggt werden. Und ähnlich wie bei den anderen beiden Messaging-Diensten gilt: Bevor eine Nachricht verschickt wird, kann sie problemlos überarbeitet werden; auch eine ‹Parallelität› mehrerer Konversationen ist möglich. Der Faktor der ‹Wiederverwertbarkeit› ist besonders stark ausgeprägt. Weil E-Mails meistens mit einer Betreff-Zeile ausgestattet sind, sind Beiträge im Nachhinein noch leichter abrufbar als bei den anderen beiden Diensten. Dazu kommt, dass Mails als Favoriten markiert werden können, wodurch wichtigere Inhalte noch schneller wiedergefunden werden können. Im Sinne von Dennis/Valacich (1999) tragen diese Faktoren zur Asynchronie der KommunikationKommunikationasynchrone bei.

2.2Semiotische Ressourcen: Multimedialität und MultimodalitätMultimodalität

Die Internetkommunikation verläuft zu einem grossen Teil über die Schrift, hinzu kommen aber auch andere semiotische Ressourcen. Zwar sind

Chats, Newsgroups oder Emails […] semiotisch verhältnismäßig ‹arme› Umgebungen, in denen Schrift die zentrale, wenn nicht die ausschließliche Ressource darstellt. Allerdings stellen diese gegenwärtigen, semiotisch reichhaltigen Web 2.0-Umgebungen dringende Fragen über den Anteil von Multimedialität und MultimodalitätMultimodalität an der Erzeugung von kommunikativem Sinn und über das Zusammenspiel von Sprache [sic]1 mit anderen Zeichensystemen. (Androutsopoulos 2010: 425)

Die Möglichkeiten zur multimedialen und multimodalenMultimodalität Kommunikation haben sich seit 2010 noch einmal beträchtlich weiterentwickelt, weswegen sie hier etwas ausführlicher diskutiert werden. Den beiden Termini ‹multimodal› und ‹multimedial› liegen keine einheitlichen, sprachwissenschaftlichen Definitionen zugrunde. Nach Steinseifer (2011: 164) wird ‹multimedial› zunehmend durch ‹multimodalMultimodalität› ersetzt oder es werden beide Wörter synonym verwendet. Auch die Unterscheidung von Androutsopoulos (2010) ist deutungsoffen, wenn er schreibt, er unterscheide:

Multimedialität (Koexistenz und Kombination verschiedener MedienMedium/Medien) und MultimodalitätMultimodalität (Koexistenz und Kombination verschiedener semiotischer Modalitäten, Zeichensysteme in einem Text). (Androutsopoulos 2010: 425; Fussnote 6)

Im vorliegenden Beitrag werden die beiden Termini folgendermassen verwendet: ‹Multimedialität› bezieht sich auf die Frage, über welche Medialitäten kommuniziert werden kann. Dazu gehören beispielsweise die Fragen: Kann ein PDF-Dokument, ein Bild, ein Video, eine Audiodatei versendet werden? Wie aufwändig ist dies technischTechnik? Für die Untersuchungen in diesem Beitrag relevanter ist aber die ‹MultimodalitätMultimodalität›. Sie fragt nach den zur Verfügung stehenden semiotischen Ressourcen, die einen Beitrag kommunikativ kohärent machen. Dabei wird beispielsweise relevant, wie Bildzeichen, Bilder, Videos, GIFsGIF, Layout und Farben verwendet werden. Es wird deutlich, dass sich die beiden Termini inhaltlich überschneiden können: Eine Audiodatei zu versenden kann eine multimediale Möglichkeit der Kommunikation sein und gleichzeitig ein semiotisches Zeichen darstellen, das in Kombination mit anderen Zeichen den kommunikativen Sinn prägt, verändert oder erst ergibt.

Eine vieldiskutierte semiotische Einheit sind «Emoticons» und «Emojis»,2 wobei Letztere Erstere teilweise ablösen (vgl. dazu z.B. Arens 2014, Dürscheid 2016, Dürscheid/Frick 2014, Hinz 2015, Pappert 2017, Siever 2015). Emojis werden in der sprachwissenschaftlichen Forschung als typisch für die private, digitale KommunikationKommunikationdigitale beschrieben. Dies wird häufig so begründet, dass Emojis para- und nonverbale Ausdrucksmittel ikonografisch abbilden und damit nähesprachlichnähesprachlich wirken (vgl. z.B. Pappert 2017: 179). Auch die Frage nach den kommunikativen Funktionen von Emojis als in die Schrift eingebettete Einheiten ist sprachwissenschaftlich interessant und wurde mehrfach diskutiert. Dürscheid/Frick (2016) schlagen dazu drei Kategorien vor: Am häufigsten werden Emojis zur Kommentierung verwendet, sodass dem schriftlich Vorliegenden eine bestimmte Konnotation verliehen wird. Bei der zweiten Funktion werden Emojis zur piktoralen Veranschaulichung einer Situation oder eines Gefühls genutzt. Bei der dritten Funktion schliesslich wird ein Bildzeichen anstelle der graphischen Realisierung verwendet, um ein Wort (oder eine andere sprachliche Einheit) abzubilden (vgl. Dürscheid/Frick 2016: 104f.). Emojis stellen jedoch schon länger nicht mehr das einzige Zeichensystem dar, um die genannten Funktionen zu erfüllen. Dahingehend vergleichbar mit Emojis sind «Sticker», «Animojis», «Memojis» und «GIFsGIF» («Graphics Interchange Format») (s.a. den Beitrag von Tanchis/Walder i.d.B.). Da diese Zeichen teilweise spezifisch für die einzelnen Dienste sind, werden sie im nächsten Unterkapitel genauer erläutert.

2.2.1WhatsAppWhatsApp

Der Dienst WhatsAppWhatsApp erlaubt Kommunikation über verschiedene MedienMedium/Medien. So können NutzerNutzer*in*innen Fotos und Videos mit wenigen Klicks direkt aufnehmen und versenden; zudem ist es möglich, auf die gesamte Mediathek zurückzugreifen und in der Vergangenheit produzierte Inhalte zu versenden. Die Foto- und Videodateien können vor dem Versenden auf unterschiedliche Weise bearbeitet werden; beispielsweise kann eine Zeichnung oder ein EmojiEmoji über die Bilddatei gelegt werden. Mit wenig Aufwand ist es auch möglich, den aktuellen Standort zu versenden oder Kontaktdaten zu teilen. Interessanterweise können auch Dokumente verschickt werden, sofern sie in einer Cloud abgespeichert sind (siehe Abb. 1).

WhatsAppWhatsApp erlaubt zudem eine mündliche Form der Kommunikation. So ist es möglich, eine SprachnachrichtSprachnachricht zu versenden, die bei der rezipierenden Person phonisch ankommt. Weiter kann ein Beitrag phonisch produziert, aber graphisch empfangen werden. Dies erlaubt die sogenannte «Diktierfunktion». Interessanterweise sind die Ikone für diese beiden Funktionen identisch; die Perspektive der Rezeption wird von WhatsApp hier folglich ausgeklammert.

Abb. 1:

Multimediale Kommunikationsmöglichkeiten bei WhatsAppWhatsApp

WhatsAppWhatsApp bietet auch in Bezug auf die MultimodalitätMultimodalität