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... wie ein Tagebuch, auf das man eine Antwort bekommt. Neben Berichten über das Wetter und den Alltag philosophieren die Freundinnen Indie und Karina in ihren Briefen über alle möglichen Gedanken und Themen, die sie bewegen. Dabei erzählen sie sich von ihren Ängsten und Träumen, sprechen über Liebe und gesellschaftliche Probleme und schreiben über ihre Familien, Freundschaften und alles andere, was in ihrem Leben passiert. Durch die Briefe entwickelt sich ihre Freundschaft von einer Ferienbekanntschaft zu einer tiefen Verbundenheit. Ein Jugendroman in 77 Briefen
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Meraki:
etwas aus vollem Herzen mit Kreativität und Liebe tun; ein Stück von sich selbst in das einbringen, was man erschafft
Dieses Buch ist für alle, …
… die gerne nachdenken und ihre Gedanken schweifen lassen.
… die sich manchmal anders fühlen und trotzdem zu sich stehen oder noch auf dem Weg zu sich selbst sind.
… die auch im Alltag das Schöne sehen oder bereit sind dies zu lernen.
… die gerne lesen oder dieses Buch dennoch zur Hand genommen haben.
… die wir durch die Geschichte wenigstens einmal zum Lächeln bringen oder zu etwas inspirieren.
In Deutschland werden pro Jahr rund 16 Milliarden Briefe verschickt. Pro Werktag sind es etwa 59 Millionen. Das ist wirklich eine ganze Menge Post. Im privaten Umfeld werden jedoch nur wenige Briefe verschickt, 90 % sind nämlich Geschäftspost. Neben den 800 Milliarden E-Mails, die in Deutschland pro Jahr versendet werden, scheinen es nur noch wenig Briefe zu sein.
Die erste E-Mail überhaupt wurde 1971 von Ray Tomlinson verschickt. Seit dem hat der E-Mail-Verkehr rapide zugenommen. Inzwischen liegt die Zahl der versendeten E-Mails pro Tag weltweit bei etwa 300 Milliarden. Das wären bei sieben Milliarden Menschen auf der Erde durchschnittlich 42 Mails pro Mensch. Schätzungen zufolge handelt es sich jedoch bei 80 % der Mails um unerwünschte Werbenachrichten.
Die 77 nachfolgenden Briefe sind aber keine Spam-Mails, sondern zeigen die Entwicklung einer Ferienbekanntschaft zweier Mädchen hin zu einer echten Freundschaft. Eigentlich wollten die beiden lieber richtige, analoge Briefe schreiben. Doch bei einem Porto von 80 Cent pro Brief wären das insgesamt 60,80 €. Das entspricht in etwa dem Wert von 60 Kugeln Eis. Und so viel Eis lässt sich niemand entgehen – erst recht nicht Indie und Karina.
Liebe Indie,
ich präsentiere (Trommelwirbel) unseren ersten Brief (Beckenschlag). Juhu!
Ich würde vorschlagen, wir ignorieren einfach, dass er per Mail ankam, und stellen uns vor, du hättest ihn gerade in deinem Briefkasten gefunden. Wenn wir dichter beieinander wohnen würden, hätte ich ihn auch persönlich dort hineingeworfen – oder gleich mit dir geredet. ;)
Immerhin bringt diese Entfernung mit sich, dass ich nun zu einer langersehnten Brieffreundschaft gekommen bin. Zwar hatte ich mir das früher mit Papier vorgestellt, aber Mails sind einfach praktischer. Dafür hätte ich mir aber keine bessere Brieffreundin vorstellen können.
Auf der Musikfahrt in den Osterferien war es einfach nur schön mit dir. Ich denke gerne an die vielen Momente, in denen wir gemeinsam mit Cello und Fagott musiziert haben, zurück. Weißt du noch, wie wir gemeinsam auf dem Zimmer gespielt und aus Versehen das Abendessen verpasst haben? Dafür haben wir später umso mehr Süßigkeiten gegessen. Gesund war es nicht gerade und Schlaf habe ich auch nicht genügend bekommen.
Doch unsere gemeinsame Woche an der Ostsee wird mir auf jeden Fall noch lange in Erinnerung bleiben und ich werde immer wieder gerne daran denken.
Als ich gestern zu Hause ankam, rannten Linda und Timo sofort auf mich zu und umarmten mich stürmisch.
»Karina, wir haben dich soo vermisst«, erzählte Linda und breitete ihre kleinen Arme aus.
»Nein, wir haben dich soooo vermisst«, widersprach Timo und versuchte, seine Arme noch weiter auszubreiten. Die beiden sind echt niedlich – aber meine Halbgeschwister sind schließlich erst fünf.
Doch auch meine Oma, meine Mutter und mein Stiefvater Max waren froh, mich wiederzusehen.
»Gut, dass du wieder da bist«, sagte Max, »die Zwillinge gingen uns schon auf die Nerven.«
»Wir sind nicht nervig!«, riefen Linda und Timo im Chor und alle mussten lachen.
Meine Oma hatte einen Schokoladenkuchen gebacken – mit der Hilfe von Linda, wie sie mir sofort stolz erzählte (obwohl meine Oma ohne sie wahrscheinlich schneller gewesen wäre). Bei Kaffee und Kuchen durfte ich alles, was ich erlebt hatte, gleich dreimal erzählen.
Hinterher konnte ich mir das neue Geheimversteck der Zwillinge anschauen: Sie haben wieder eine kleine Nische in unserem alten Bauernhaus gefunden (Ich hätte dir auch gesagt wo, aber ich musste versprechen, niemandem das Geheimversteck zu verraten …). Langsam frage ich mich, ob es überhaupt noch irgendwelche Ecken gibt, die die beiden noch nicht kennen.
Ich passe in die Mehrheit der Verstecke leider nicht mehr hinein, doch das stört die beiden meistens nicht sehr. (»Wir gehen einfach für dich mit hinein.«) Aber es sind ja auch ihre Geheimverstecke – von denen übrigens der größte Teil den Titel geheim eigentlich nicht mehr tragen dürfte.
Und wie ist es dir so ergangen? Bist du gut zu Hause angekommen?
Liebe Grüße
Karina
***
Hallo Karina,
danke für deinen Brief, ich habe mich sehr gefreut. (Statt Trommelwirbel und Beckenschlag gab es bei mir ein Lächeln auf dem Gesicht, als ich mein Postfach geöffnet habe.) Mir haben die Musikfahrt und unser gemeinsames Musizieren auch viel Spaß gemacht. Vor allem als wir (verbotenerweise) am Strand gespielt haben. Es war wirklich schwierig, sich abends mit den Instrumenten aus dem Zimmer zu schleichen. In meinem Cellokoffer finde ich jetzt immer noch etwas Sand, ein schönes Andenken.
Ich erinnere mich gerne daran, wie die Musik mit dem Wind fortgetragen wurde und der Sonnenuntergang den ganzen Himmel und das Wasser orange gefärbt hat. Das klingt wie aus einem Film entsprungen.
Es ist wirklich schade, dass wir so weit auseinanderwohnen. Wir müssen uns unbedingt besuchen! Aber bis dahin ist es super, dass wir uns Briefe schreiben. (Ich wollte auch schon immer eine Brieffreundschaft haben …)
Zu Hause empfing mich die vertraute Nordseeluft. Die Ostsee riecht da ganz anders. ;) Im Zug haben mich alle etwas komisch angeschaut, denn mein Cello, der Rucksack und ich haben ziemlich viel Platz eingenommen, aber daran war leider nichts zu ändern.
Am meisten hat sich, glaube ich, mein Hund Bo über meine Ankunft gefreut. Er hat mich am Bahnhof so stürmisch begrüßt, dass ich fast mit dem ganzen Gepäck hintenüber gefallen wäre. Das Vermissen beruhte auf jeden Fall auf Gegenseitigkeit.
Auch meine Schwestern Fria und Loki freuten sich riesig. Echt lustig, dass wir beide kleine Geschwister-Zwillinge haben. Mit ihren zweieinhalb Jahren haben sie jedoch keine Geheimverstecke, zumindest haben sie mir noch nie eins gezeigt. :)
Das hat mein elfjähriger Bruder Jonah übernommen. Er hat zusammen mit meinem Vater ein Baumhaus im Garten gebaut. Jonah war sogar so nett und hat mich auch mal hineingelassen. Ich muss zugeben, dass es echt gut geworden ist.
Bei meiner morgendlichen Laufrunde läuft jetzt wieder Bo an meiner Seite. Das ist voll schön, denn ich habe ihn echt vermisst, aber noch schöner wäre es, dich auch dabei zu haben. Ich glaube, ich bin sogar etwas schneller geworden. Du hast mich echt gut trainiert. Es hat sich also gelohnt, schnaufend an dir dran zu bleiben.
Auch meinen Eltern habe ich gefühlt alles dreimal erzählt. Mein Vater findet sich gerade in seine Rolle als Papa für alles ein. Jetzt, wo die Zwillinge etwas älter sind, haben meine Eltern getauscht. Meine Mutter arbeitet wieder als Ärztin in der Praxis und mein Vater ist zu Hause bei uns. Das ist sehr schön und ich glaube, er genießt es, mehr Zeit mit uns zu verbringen, und wir freuen uns, ihn mehr bei uns zu haben.
Bei uns hat mit der Schule auch die Klausurenphase begonnen. Liegen die ersten Arbeiten bei euch auch direkt nach den Ferien?
Ich könnte ewig weiterschreiben, ich habe einfach so viel zu erzählen. Es gibt viel, was wir voneinander noch nicht wissen. In der einen Woche Musikfahrt war natürlich nicht so viel Zeit, um sich besser kennenzulernen.
Ich hoffe, wir können diese Brieffreundschaft dafür nutzen, um in Kontakt zu bleiben, uns besser kennenzulernen und über alles Mögliche zu schreiben, was uns durch den Kopf geht. Ich stelle mir das sehr schön vor, jemanden zu haben, mit dem ich über den normalen Alltag rede, aber genauso auch tiefere Themen besprechen kann; wie ein Tagebuch, auf das man eine Antwort bekommt.
Vorhin habe ich in mein altes Freundebuch geschaut (nachdem ich es aus der hintersten Ecke meines Bücherregals gekramt hatte) und ein paar Fragen herausgesucht. Vielleicht hast du Lust, darauf zu antworten.
Welche berühmte Person möchtest du einmal treffen und wieso?
An welchem Ort verbringst du die meiste Zeit?
Worüber kannst du dich stundenlang ärgern?
Was ist deine Lieblingsfarbe?
Ich hoffe, du hast Spaß beim Beantworten. Wenn du willst, schreibe ich dir meine Antworten im nächsten Brief.
So, jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen, denn ich möchte noch für meine Bio-Klausur weiterlernen. Wir schreiben über das Verdauungssystem und den Transport der Nahrung durch den Körper. Das Thema muss nur noch weiter in mein Gehirn transportiert werden.
Ich freue mich auf deine Antwort. :)
Deine Indie
***
Hallo Indie,
als ich vorhin mein Postfach geöffnet habe, habe ich erst einmal breit gegrinst – eine Antwort von Indie, juhu! Leider musste ich mit dem Lesen noch etwas warten, da Linda und Timo mir keine ruhige Minute gegeben haben. Aber jetzt sind die beiden im Bett und ich nutze die Zeit, um dir zu antworten.
Ich finde es wirklich schön, dass wir uns schreiben. Wenn ich deinen Brief lese, höre ich deine Stimme im Ohr und die Entfernung zwischen uns scheint gleich kleiner … Wie du schon sagst, es gibt einfach so viel zu erzählen – ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Die Szene von uns am Strand ist wirklich filmreif. Nur das weggewehte Notenblatt würde die Atmosphäre wohl zerstören. Dafür wäre es ein lustiger Film. ;)
Mich freut es sehr, dass du beim Laufen besser geworden bist, aber du warst vorher auch schon gut. Grüße Bo und sag ihm von mir, er kann ruhig noch ein etwas schnelleres Tempo vorgeben, dann steigerst du dich noch weiter. :) Ich muss leider alleine laufen, meine Katze Mika lässt sich beim besten Willen nicht dazu überreden, mitzukommen. Irgendwann müssen wir zu dritt die Runden drehen – du, Bo und ich.
Damit wir wieder in den Unterricht hineinkommen, hat unsere Französischlehrerin gestern mit uns alle möglichen grammatischen Formen wiederholt. Um die allgemeine Motivation in der Klasse zu steigern, hatte sie einen kleinen Ball dabei, den wir uns nach jeder grammatischen Form gegenseitig zuwerfen sollten. Das war sehr witzig, zumal einige immer verrücktere Würfe wagten, die meistens gerade noch gefangen wurden.
Als Letztes hatte ich den Ball und sollte ihn zu unserer Lehrerin zurückwerfen. Der Wurf war eigentlich gar nicht so schlecht, jedoch flog er zwischen den Händen meiner Lehrerin durch und landete hinter ihr genau im Eimer mit dem Tafelwasser. Dieses erfüllte voll und ganz die typischen Tafelwasserrichtlinien: Es wurde seit Ewigkeiten nicht mehr ausgewechselt und war somit ohnehin zu eklig, um damit die Tafel zu wischen.
Jetzt lag der kleine Ball darin. Das war mir in dem Moment sehr unangenehm. Doch unsere Lehrerin meinte, dass das wohl eher ihre Schuld sei, und nahm den Ball mit spitzen Fingern aus dem Eimer heraus. Dann verschwand sie mit dem triefend nassen Ball auf dem Klo, um ihn im Waschbecken auszuwaschen. Die immerzu unmotivierten Chaoten aus meiner Klasse bedankten sich bei mir, da wir nun weniger Unterricht hatten – immerhin ein Vorteil.
Mit den Klausuren haben wir noch etwas mehr Glück als ihr. Die erste schreiben wir in drei Wochen. Danach kommen bloß mehr oder weniger alle auf einmal. Allerdings haben wir jetzt Zeit, in Ruhe wieder in die Themen hineinzukommen, und die stressige Zeit wird auch wieder vorbeigehen.
Okay, soviel zu der Ruhe, wenn die Zwillinge im Bett sind – Linda kam gerade an, weil sie nicht einschlafen konnte. Also bin ich mit in ihr Zimmer gegangen und habe ihr eine Geschichte von etwas Sand mit Cellokasten erzählt. Sie ist anscheinend nicht nur filmreif, sondern auch gutenachtgeschichtenreif. (Sagt man das so? Egal, mache ich jetzt einfach …)
Morgen habe ich das erste Mal nach den Ferien wieder rhythmische Sportgymnastik (kurz RSG), ich freue mich total. Der Sport hat mich, schon als ich ganz klein war, fasziniert. Es ist eine Turnsportart mit akrobatischen und tänzerischen Elementen im Einklang zu Musik. Dabei gibt es verschiedene Handgeräte, von denen immer eins in der Choreo benutzt wird. Zur Auswahl stehen Seil, Ball, Reifen, Keulen oder Band. Für mich stellt RSG die perfekte Verbindung zwischen Sport, Musik und Ästhetik dar.
Demnächst wollen wir eine neue Team-Choreo anfangen. Ich hoffe, meine Leistungen haben in der trainingsfreien Zeit nicht allzu weit nachgelassen; Leichtathletik konnte ich deutlich besser zwischendurch üben.
Deine Idee mit den Fragen finde ich super, dann lernen wir uns noch besser kennen:
Welche berühmte Person ich gerne treffen würde? – Dich! (Du bist zwar nicht berühmt, aber vielleicht kommt das noch …) Die eine Woche an der Ostsee war nämlich viel zu kurz.
Zu dem Thema fällt mir gerade noch ein, was eine Flöte (also die Spielerin) bei uns im Orchester letztens meinte, als wir ein Stück von Mozart gespielt hatten:
»Also wenn Mozart noch leben würde, dann würde ich ihm gerne eine E-Mail schreiben und fragen, was er sich eigentlich dabei gedacht hat, die Phrasen so lang zu machen, dass Flöten nicht mehr atmen können.« – Solche Probleme hast du mit deinem Cello sicherlich nicht …
Der Ort, an dem ich die meiste Zeit verbringe, ist eindeutig unser Dachboden. Er ist ziemlich groß. Vor ein paar Jahren haben wir ihn zu einem gemeinsamen Hobbyraum umgerüstet. Neben der Nähmaschine meiner Oma und der Werkbank von Max (unsere Familie ist in manchen Bereichen schon etwas klischeehaft) findet sich hier auch eine große Spielecke für Linda und Timo. Ich habe dort oben meine Musiksachen, sodass ich jederzeit üben kann, ohne meine Familie im Erdgeschoss zu stören.
Worüber kann ich mich stundenlang ärgern? Dass manche Menschen nicht nachdenken, würde mir als Erstes einfallen. Doch normalerweise ärgere ich mich relativ selten, denn ich habe irgendwann festgestellt, Ärgern bringt nichts. Stattdessen sollte man lieber etwas ändern oder sich damit abfinden, dass man nichts ändern kann.
Eigentlich habe ich keine festgelegte Lieblingsfarbe – orange und hellgrün mag ich sehr gerne, aber andere helle Farben wie gelb oder hellblau sind auch schön – ich finde einfach das am besten, was gerade am besten aussieht (Ich weiß, Logik …).
Spaß beim Beantworten hatte ich auf jeden Fall, auch wenn ich nicht weiß, ob du den Brief oder die Fragen meinst – es trifft beides zu.
Schreib mir deine Antworten sehr gerne. Ich hätte auch noch eine Frage zu ergänzen (sie kommt nicht aus einem Freundebuch, passt aber trotzdem dazu): Was machst du, wenn du nachmittags zu Hause bist und nichts zu tun hast?
Liebe Grüße
Karina
***
Hallo Karina,
wow, deine Antwort kam echt schnell, trotz der kurzen Unterbrechung durch deine Geschwister. Ich habe den Brief sofort gelesen und freue mich schon aufs Antworten.
Die Gutenachtgeschichte mit dem Sand im Cellokasten klingt gut, die muss ich Fria und Loki auch unbedingt erzählen …
Zu deiner Frage: Ich mag es sehr gerne, zu Hause zu sein, ohne etwas Bestimmtes zu tun zu haben. Im Moment klappt das nicht so gut (Grüße an die Klausuren …). Wenn ich die ersten geschrieben habe, habe ich zum Glück wieder mehr Zeit. Es ist echt nett von euren Lehrkräften, dass ihr erst einmal wieder die Themen wiederholen könnt.
Aber das war ja gar nicht deine Frage. Wenn ich ganz allein zu Hause bin, tanze ich gerne singend durchs Haus, schließlich hört mich dabei niemand. Ansonsten lese ich sehr gerne, am liebsten draußen in der Hängematte, spiele Cello oder gehe mit Bo spazieren.
Euer Dachboden klingt richtig gemütlich. Unserer wäre definitiv ein Projekt für sich. Vielleicht haben wir dieses Jahr noch Zeit, ihn auszubauen, das steht schon länger auf der To-do-Liste.
Mein Lieblingsort ist die Natur, auch wenn es kein direkter Ort ist. Ich liebe es, draußen zu sein, besonders im Wald oder am Meer. Beides ist nicht weit von unserem Haus entfernt und mit Bo habe ich viele Lieblingsstrecken. Wir gehen auch gerne im Watt spazieren oder baden unsere Füße bzw. Pfoten im Wasser.
Meine Lieblingsfarbe ist grün in allen Varianten. Und blau und pink und türkis, aber eigentlich mag ich auch alle anderen Farben. Das ist somit eine schwierige Frage.
Ich würde gerne einmal Jane Goodall treffen. Hast du schon einmal von ihr gehört? Ich finde, sie ist eine sehr inspirierende Person. Als Verhaltensforscherin beobachtete sie in den 1970er Jahren Schimpansen in Gombe (Nigeria) und veränderte so die bisherige Sicht auf die Menschenaffen. Unter anderem fand sie heraus, dass Schimpansen Werkzeuge selbst herstellen und nutzen können, was zuvor nur dem Menschen zugeschrieben wurde.
Außerdem war und ist sie ein großes Vorbild, weil sie Menschen dazu inspiriert mit der Natur und nicht gegen sie zu leben. Jane Goodall ist der Überzeugung, dass alle Menschen auf dieser Welt einen Unterschied machen, aber dass es unsere Entscheidung ist, was für ein Unterschied wir machen. Das und ihre positive Energie und Liebe zur Umwelt und den Tieren finde ich bewegend und würde sie deshalb gerne einmal treffen.
Das mit Mozart finde ich cool. Wenn ich zufällig seine E-Mail-Adresse bekomme, gebe ich sie dir für die Flötistin weiter. Ich brauche zum Cellospielen zwar keine Luft, aber bei schnellen Stellen geht mir trotzdem manchmal die Puste aus.
Dich würde ich auch gerne wiedersehen! Du inspirierst mich und es ist immer soo schön, deine Briefe zu lesen.
Was mich besonders ärgert, ist, wenn Menschen respektlos gegenüber anderen Menschen, Tieren oder der Umwelt sind. Aber eigentlich macht mich das mehr traurig und ich kann diese Menschen nicht verstehen. Ansonsten versuche ich auch, mich nicht so oft zu ärgern, denn es ist meistens sinnlos und bringt Streit.
In letzter Zeit lache ich lieber, anstatt mich zu ärgern. Beim Lachen schüttet man nämlich Glückshormone aus, was die ganze Situation besser macht. Leider funktioniert das noch nicht in allen Fällen und meistens auch nicht, wenn andere dabei sind. Das sorgt dann eher für Missverständnisse und noch mehr Ärger und damit ist keinem geholfen.
Zum Glück gibt es in meinem Alltag nicht so viele schwerwiegende Dinge, über die ich mich ärgern könnte. Und wenn die Zwillinge irgendwelche Schulsachen von mir auseinandernehmen, funktioniert das mit dem Lachen ganz gut. Sie werden schon noch lernen, dass Mathehausaufgaben nicht so gut geeignet sind, um Wasser darüber zu kippen. :) Und wenn meine Lehrerin auch ein bisschen mehr lachen würde, hätte sie es mit unserer Klasse deutlich leichter.
Jetzt sitzt Bo schon wieder neben mir und schaut mich mit seinen süßen Kulleraugen an. Er ist zwar schon vier Jahre alt, in meinen Augen jedoch immer noch der kleine, süße (aber auch ziemlich anstrengende) Welpe.
So schaut er immer, wenn er spazieren gehen möchte, und bevor er gleich ungeduldig wird, komme ich jetzt zum Ende. Streichle einmal deine Katze von mir. Ich finde Katzen total süß. :)
Was ist eigentlich dein Lieblingsfach in der Schule? Hast du eins? Ich mag Mathe und Musik, aber auch Englisch und Sport.
So, jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen, der Hund ruft (bzw. bellt).
Liebe Grüße
Indie
***
Liebe Indie,
ich sehe es gerade bildlich vor mir: ein einsamer Nordseestrand, an dem kleine Pfotenabdrücke neben einer Fußspur durch das weite Watt führen. Am liebsten würde ich den Spuren zu euch folgen, mir dabei den Wind durch die Haare wehen lassen und mich später beschweren, dass ich sie nicht mehr gekämmt bekomme …
Jane Goodall kannte ich bislang noch nicht. Nachdem ich deinen Brief gelesen hatte, habe ich noch weiter über sie recherchiert. Ihre liebevolle Art gegenüber den Tieren in Kombination mit der Energie, die Welt jeden Tag ein kleines Stückchen besser zu machen, sind echt beeindruckend.
Manche Menschen wollen vielleicht einmal die Welt retten und tun jahrelang nichts, außer sich aufzuregen oder zu warten, bis andere den ersten Schritt gehen. Da finde ich den Ansatz viel schöner, sich zu überlegen, was in seinen Möglichkeiten liegt, und das auch zu tun. Ich glaube, so erreicht man deutlich mehr, als man zuerst denkt. Wer weiß, was für Möglichkeiten einem offen stehen und welche dann noch folgen …
Im Alltag ist Lachen statt Ärgern auf jeden Fall eine gute Methode. Die meisten Probleme sind wirklich halb so schlimm.
Meine Oma sagt in dem Kontext immer: »Vieles ist erst dadurch schlimm, dass man es schlimm findet.« (Das klingt vielleicht banal, aber wenn man darüber nachdenkt, steckt einiges dahinter …)
Mein absolutes Lieblingsfach ist Philosophie. Außerdem mag ich Sport und Musik sehr gerne (wobei unsere Sportlehrerin überhaupt nicht gut erklären kann und mein Sportkurs somit auf einem ziemlich niedrigen Niveau ist – aber es ist Sport und ich mag Sport).
Theoretisch finde ich Mathe auch gut, aber unser Matheunterricht ist immer ziemlich langweilig, weil der Großteil meiner Klasse das meiste nicht versteht. Somit wird alles doppelt und dreifach erklärt, sodass es sich ewig in die Länge zieht. Das hat mir irgendwann den Spaß daran verdorben.
Bei uns in der Nähe ist leider weder ein Wald noch ein Meer. Hier sind nur Felder, so weit das Auge reicht. Ich gehe trotzdem gerne hinaus, meistens um eine Runde zu laufen. Da es hier sehr ruhig ist, entdecken wir immer wieder freilebende Wildtiere, wie zum Beispiel Hasen oder Rehe, die auf den Feldern stehen. Heute Morgen ist mir sogar ein kleiner Igel begegnet. Leider war er zu schnell wieder weg, sodass ich ihn nicht mehr fotografieren konnte.
Es ist nur blöd, wenn es im Sommer sehr warm ist. Denn hier ist weit und breit nicht viel, was ausreichend Schatten spenden könnte – höchstens ein paar einzelne Bäume am Wegesrand.
An solchen Tagen kann man nur früh morgens, spät abends oder mitten in der Nacht laufen gehen. Lennart und Oskar, zwei Brüder aus meinem Leichtathletikteam, wohnen mit ihren Eltern ebenfalls in der Gegend und nehmen meistens die Version mitten in der Nacht.
Linda und Timo sind gerade draußen (ab und zu kann ich die beiden überreden, den Nachmittag ohne mich zu verbringen). Ich setzte mich gleich auf dem Dachboden in den Schaukelstuhl von meinem (verstorbenen) Opa und lese mal wieder in Ruhe ein Buch.
Was liest du gerade oder grundsätzlich so?
Liebe Grüße
Karina
P.S. Meine Katze Mika hat sich sehr über das Streicheln von dir gefreut und ich soll dich ganz lieb grüßen. :)
P.P.S. Situation gerade eben zwischen den Zwillingen:
Timo: »Weißt du, ich bin total schlau, ich heiße schließlich Fuchs mit Nachnamen! Timo Fuchs – ich bin schlau wie ein Fuchs!«
Linda: »Aber ich heiße auch Fuchs, also bin ich auch schlau!«
Kinderlogik ist schon herrlich …
***
Liebe Karina,
ich habe mich schon den ganzen Tag auf deinen Brief gefreut und finde es voll schön, dass wir uns so oft schreiben. :) Nach der Schule aktualisiere ich zuerst mein Postfach und freue mich, wenn ein Brief von dir angezeigt wird.
Deine Einstellung, um die Welt ein Stück besser zu machen, finde ich sehr schön und vollkommen treffend. So viele Menschen denken, sie könnten als einzelne Person nichts bewirken und tun deshalb gar nichts, aber alles, was wir machen, wirkt sich auf unsere Umwelt und unsere Mitmenschen aus. Auf diesem Planeten geht nichts verloren, wie meine Physiklehrerin immer sagt, es wird nur in etwas anderes umgewandelt.
Ich kenne dazu auch ein schönes Zitat, das du bestimmt schon einmal gehört hast: »Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern« (Stefan Zweig).
Ich finde das so kraftvoll, weil es genau aussagt, dass alle etwas dazu beitragen, was auf der Welt geschieht, und jeder Mensch, egal wie klein oder groß er ist, die Welt verändern kann. Dabei zählt jeder einzelne Schritt und es ist erst einmal nicht wichtig, ob es ein kleiner oder ein großer ist, Hauptsache man geht ihn.
Das ist genauso wie bei einem Marmeladenglas, das man nicht aufbekommt, und alle in der Familie zeigen wollen, wie stark sie sind. Alle drehen an dem Glas, doch erst die letzte Person schafft es, dieses zu öffnen.
Doch sie hätte es nicht aufbekommen, hätten es nicht alle anderen bereits versucht und somit ihre Energie in dieses Glas gegeben. So ist das mit vielen Dingen, alle kleinen Schritte tragen zu einem großen Schritt bei. Das Wichtigste ist, einfach anzufangen.
»A year from now you wish you had started today« (Karen Lamb). Das ist auch ein sehr inspirierendes Zitat. In einem Jahr wünscht man sich, man hätte heute schon angefangen. Es trifft auf so vieles in meinem Leben zu. Zum Beispiel das Laufen. Ich habe mir vor ungefähr einem Jahr das Ziel gesetzt, wenn möglich jeden Tag laufen zu gehen, egal wie kurz oder lang, langsam oder schnell. Hätte ich das nicht getan, würde ich mir jetzt jeden Morgen wünschen, schon früher begonnen zu haben. Es ist so viel mehr wert, einfach mit etwas anzufangen, als es gleich von Anfang an gut zu machen.
Ich stelle es mir schön vor, von Feldern umgeben zu sein. Im Sommer ist es vielleicht etwas warm, aber dafür kann man bestimmt total weit schauen. Wir haben auch ein paar Felder um uns herum und es ist immer soo schön, wenn der Raps blüht und alles gelb ist.
Jonah hat eine kleine Spielzeugdrohne mit einer Kamera. Wenn man die im Frühling und Sommer fliegen lässt, dann sieht die Landschaft aus wie eine Patchworkdecke: Felder, Wald, die Dünen, das Meer, die Schafe und der Wind. Ich liebe mein Zuhause so sehr, ich kann es mir gar nicht vorstellen, in einer Großstadt zu wohnen.
Das hätte bestimmt auch Vorteile, vor allem kürzere Fahrzeiten. Auf Dauer wäre das Stadtleben bestimmt nichts für mich. Aber sollte ich später in einer Großstadt studieren, bekomme ich vielleicht noch einmal einen neuen Eindruck.
Hast du schon eine Idee, was du später einmal machen möchtest? Ich bin mir noch nicht sicher und auch wenn ich schon ein paar Ideen habe, kann ich mich noch nicht entscheiden. Aber wir haben ja noch Zeit zu überlegen.
Ich musste hier beim Schreiben einmal kurz unterbrechen, ich passe nämlich gerade auf Fria und Loki auf, die im Garten spielen, während ich in der Hängematte liege. Die beiden haben sich gerade ziemlich doll um einen Ball gestritten. Da wir nur einen roten Ball haben und der blaue Ball überhaupt kein Ersatz ist, musste ich kurz mal eingreifen.
Ich habe kein bestimmtes Buchgenre, das ich ausschließlich lese. Eigentlich lese ich das, was mir gerade gefällt. Das sind vor allem Romane, aber auch manchmal Sachbücher oder Ratgeber usw.
Was für Bücher liest du am liebsten? Ich finde es immer schwierig, mich auf nur ein Lieblingsbuch festzulegen.
Ich muss jetzt aufhören, die beiden wollen schaukeln und da muss ich Anschwung geben.
Liebe Grüße
Indie
***
Liebe Indie,
ich freue mich auch jedes Mal wieder, wenn ich einen neuen Brief von dir lesen kann. Sobald es geht, lasse ich alles stehen und liegen und setzte mich grinsend an den Computer – meine Mutter hat mich schon einmal gefragt, was denn so lustig sei. ;)
Ich habe eigentlich noch keine wirkliche Idee, was ich später einmal werden möchte. Theoretisch hätte ich auf etwas mit Sport oder Musik Lust, andererseits will ich mein Hobby nicht zum Beruf machen, weil ich das Hobby dadurch nicht mehr als Hobby hätte.
Eine andere Möglichkeit ist, etwas mit Kindern zu machen, schließlich bringt es mir immer sehr viel Spaß mit Linda und Timo zu spielen – aber ich weiß nicht genau, ob mir die zwei nicht schon anstrengend genug sind. ;)
Linda möchte Tierärztin werden (»Da kann ich den ganzen Tag Tiere streicheln!«), Timo will später unbedingt Deiche mähen (»Da kann man den ganzen Tag Schiffe beobachten!«). Als ich in deren Alter war, wollte ich professionell und hauptberuflich rhythmische Sportgymnastik aufführen, aber dazu hätte ich wohl deutlich mehr trainieren müssen. Was wolltest du werden, als du klein warst?
Ich lese richtig gerne Krimis. Ich finde es nur schwierig, gute zu finden, die meisten sind entweder zu schnell vorbei oder ziehen sich ewig in die Länge. Außerdem lese ich – wie du – einfach immer das, was gerade interessant klingt. Im Moment habe ich ein Buch, in dem eine Person aus weiter Vergangenheit in unsere Gegenwart reist. Das ist echt witzig und man lernt immer wieder, dass das, was uns selbstverständlich scheint, anderen ganz absurd und komisch vorkommen kann.
Es hat halt jeder Mensch eine andere Sicht auf die Welt und je nach Herkunft und Kultur eine ganz andere Vorstellung von Normalität. Aber was ist schon normal? Eigentlich gar nichts. Oder alles? Obwohl die Aussagen »Niemand ist normal« und »Alle sind normal« theoretisch total gegensätzlich sind, stimmen dennoch irgendwie beide.
Wenn man von der Aussage »Niemand ist normal« ausgeht, wie wäre dann eine komplett normale Person? Die durch und durch normale Person wäre aber nicht mehr normal, weil ihr das Unnormale fehlen würde, was alle anderen haben. Das macht alle anderen wieder normal. Somit wären dann alle normal, weil die Person ja nur fiktiv ist. Oder heißt das, dass doch niemand normal ist, weil alle etwas Unnormales haben? Irgendwie verwirrend …
Eine Sache wollte ich dir noch erzählen: Und zwar ist heute Morgen, als ich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren bin, plötzlich ein Reh direkt vor mir über den Weg gelaufen. Ich habe mich total erschrocken und bremste reflexartig, um es nicht anzufahren. Gleichzeitig drehte ich den Lenker zur Seite, um auszuweichen. Das war keine gute Kombination. Ich fiel hin, rutschte ein paar Meter über die Landstraße und schürfte mir dabei fast mein halbes Bein auf.
Mit quietschenden Bremsen hielt plötzlich ein Auto direkt vor mir. Da hatte ich Glück gehabt, es hätte mich auch überfahren können. Der Fahrer stieg aus und bot mir seine Hilfe an. Mit hochrotem Kopf lehnte ich dankend ab und stand wieder auf. Vom Beifahrersitz schaute mir ein Mädchen – etwa in unserem Alter – starr entgegen. Ich schaute weg und erklärte dem fremden Mann ein letztes Mal, dass ich gut alleine klarkam.
Dabei hätte ich ein wenig Hilfe eigentlich wirklich gebrauchen können. Mein Bein brannte wie verrückt und ich musste den restlichen Weg schieben. Als ich eine halbe Stunde zu spät in der Schule ankam, schickte mich meine Französischlehrerin gleich zu den Schulsanitätern, zu denen ich auch nur relativ ungern ging. Ich hatte schon genug Unterricht verpasst. Und so schlecht ging es mir auch wieder nicht.
Warum fällt es uns eigentlich manchmal so schwer, Hilfe anzunehmen? Mir ist das schon öfter auch bei anderen aufgefallen. Dabei ist doch theoretisch nichts dabei, alle brauchen manchmal Hilfe und in der Regel kommt man nicht freiwillig in so eine Situation.
Ich hoffe, dir und deiner Familie geht es gut.
Viele liebe Grüße
Karina
P.S. Solche Geschichten wie die mit dem roten Ball kenne ich auch zu gut. Irgendwie ist es niedlich, kann aber auch auf die Nerven gehen …
***
Liebe Karina,
oh Mann, dein Fahrradunfall klingt ganz schön gefährlich, ein Glück, dass das noch einmal gut ausgegangen ist. Ich hoffe, dass es dir jetzt schon besser geht.
Mir fällt es auch schwer, Hilfe anzunehmen. Eigentlich verstehe ich gar nicht, warum. Es ist, wie du schon sagtest, total menschlich, Hilfe zu brauchen, und meistens ist man ja auch nicht freiwillig in so einer Situation. Ich glaube, es ist zu sehr in unserer Gesellschaft verankert, dass es schlecht ist, wenn man Fehler macht.
Das ist meiner Meinung nach nicht sehr sinnvoll. Den Kindern wird schon in der Schule, wenn auch indirekt, beigebracht, dass es schlecht ist, etwas nicht zu können und Fehler zu machen. Das übernehmen sie dann auch in ihr späteres Leben. Dass Fehler eigentlich etwas Gutes sind, weil man aus ihnen lernen kann, kommt oft zu kurz. Schließlich gehören sie zum Leben dazu.
Wenn ich immer fehlerfrei gewesen wäre, wäre ich heute eine ganz andere Person und hätte vieles noch nicht gelernt. Deshalb denke ich, dass man Fehler in einer gewissen Weise viel mehr wertschätzen sollte, wenn du verstehst, wie ich das meine.
Und weil Fehler so schlecht angesehen sind und sie zeigen, dass wir eben nicht perfekt sind, fällt es uns oft schwer, um Hilfe zu bitten. Das ist schade, denn gemeinsam, wenn man sich gegenseitig hilft, kann man viel mehr erreichen.
Wenn man das Ganze einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist es fast etwas egoistisch, sich nie helfen zu lassen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mich macht es glücklich, anderen zu helfen, egal ob es nur etwas Kleines oder etwas Größeres ist.
Wenn wir schon einmal beim Helfen sind: Ich würde später gerne etwas machen, wobei ich anderen helfen kann, zum Beispiel Sozialpädagogik oder Psychologie. Alternativ fände ich etwas Wissenschaftliches wie Meeresbiologie oder Naturforschung spannend.
Deine Geschwister haben wirklich niedliche Berufswünsche, vor allem das Schiffebeobachten beim Rasenmähen. :) Als ich kleiner war, wollte ich später unbedingt einen Kuscheltierladen haben, weil ich dann den ganzen Tag lang von Kuscheltieren umgeben wäre und sie alle streicheln könnte.
Weit oben auf der Liste stand bei mir auch Kräuterhexe. Heute weiß ich natürlich, dass das kein Beruf ist. Früher hatte ich einen Platz im Garten neben dem Sandkasten, der meine Kräuterküche war. Dort habe ich ganz professionell Gräser, Pflanzen, Erde, Sand und Zauberwasser, das ich extra aus einem kleinen Bach im Wald geholt hatte, vermischt. Meine Mutter ließ sich sogar, als sie sich den Fuß verstaucht hatte, etwas von meinem Heilkräutermix auf diesen schmieren und wie mit Magie war es dann besser. ;) Da war ich sehr stolz auf mich und dachte, das Arbeiten als Kräuterhexe sei meine Berufung.
Wenn wir schon einmal bei lustigen Kindheitsgeschichten sind: Als Jonah kleiner war, hat er immer wieder versucht, durch die Nase zu trinken, was natürlich nicht wirklich geklappt hat. Und er ist jeden Abend vorm Einschlafen zum Fenster gegangen und hat der Welt Gute Nacht gewünscht.
Fria möchte immer ihr ganzes Essen teilen. Wenn sie einen Bissen genommen hat, darf jemand anders abbeißen, und Loki fängt jedes Mal an zu tanzen, wenn sie irgendwo Musik hört, auch wenn es nur das Telefonklingeln ist.
Wenn ich einmal anfange, Geschichten über meine Familie zu erzählen, kann es lange dauern, bis ich wieder aufhöre. Irgendjemand macht immer etwas Komisches. Ich denke manchmal, dass wir keine normale Familie sind, aber du hast recht, normal gibt es nicht, entweder sind alle normal oder niemand. Normal ist einfach undefinierbar. Es ist sehr subjektiv. Alle sprechen zwar immer von normal und ich denke, wir haben auch eine ähnliche Vorstellung, dennoch kann man es nicht als Norm festlegen.
Meine Großeltern, also die Eltern meines Vaters, sind heute aus Kanada gekommen und wir haben und sehr gefreut, sie wiederzusehen. Jetzt sind schon fast zehn Jahre vergangen, seit wir von Kanada nach Deutschland gezogen sind. Die ersten sieben Jahre meiner Kindheit habe ich in einem kleinen kanadischen Dorf verbracht.
Meine Mutter hatte während ihrer Studienzeit ein Jahr im Ausland – in Kanada – studiert und dort meinen Vater kennengelernt. Für die Liebe blieb sie noch ein paar Jahre länger. In der Zeit heiraten die beiden, meine Mutter beendete ihr Medizinstudium, ich wurde geboren und sechs Jahre später kam Jonah auf die Welt.
Als er ein Jahr alt war, sind wir nach Deutschland gezogen und seit dem leben wir an der Nordsee. Und auch wenn hier mein Zuhause ist, wird Kanada immer ein Teil meiner Heimat sein.
Seitdem wir hierhergezogen sind, haben meine Großeltern uns noch nicht so oft besucht, deshalb freue ich mich sehr, dass sie heute angekommen sind. Es ist schon manchmal schwierig, wenn die Familie über die ganze Welt verstreut ist. Meine Tante ist gerade als Tierfilmerin in Afrika und dreht eine Dokumentation über die afrikanische Wildnis. Meine anderen Großeltern und meine Tante und mein Onkel mütterlicherseits wohnen hier in der Nähe, sodass wir sie öfter sehen. Wohnt deine Familie auch so weit auseinander?
Wir wollen gleich einen Strandspaziergang machen, deshalb höre ich jetzt auf zu schreiben. Ich hoffe, deiner Familie geht es auch gut. Dir noch ein schönes Wochenende.
Liebe Grüße
Indie
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Hallo ehemalige Kräuterhexe und ehemals zukünftige Kuscheltierladenbesitzerin, :)
ich verstehe ganz genau, was du meinst. Helfen und helfen lassen ist doch eigentlich etwas Positives. Alle denken immer, Fehler sind schlimm, dabei sind sie vollkommen menschlich und auch hilfreich. Ich würde gerne behaupten, ich lerne immer dazu und mache keinen Fehler zweimal, doch so ganz klappt das leider nicht. Aber eigentlich ist das auch völlig okay.
Mein Opa hat früher immer gesagt: »Ich mache keinen Fehler zweimal. Ich mache ihn vier- oder fünfmal, nur um sicherzugehen.«
Wieso auch nicht? Man sollte wirklich in der Gesellschaft mehr Akzeptanz für Fehler schaffen. Niemand ist perfekt, sonst wäre das Leben doch langweilig, weil Schwächen auch viel Individualität schaffen. Schließlich sind wir Menschen und keine Roboter.
Außerdem bin ich der Meinung, dass perfekt zu sein gar nicht möglich ist. Wenn jemand nämlich absolut perfekt wäre, würden schon die Schwächen und Fehler zur Vollkommenheit fehlen. Man ist nicht umsonst nicht alleine auf dieser Welt. Gemeinsam ergänzen wir einander und können uns gegenseitig helfen. Wenn man zusammen etwas schafft, freut man sich gleich doppelt. (Das ist übrigens mit ein Grund, warum ich bei RSG Team-Choreos viel lieber mag als Einzel.)
Gestern am Frühstückstisch:
»Papa, warum heißt du Hauser und nicht auch Fuchs mit Nachnamen wie wir anderen?«, fragte Linda Max, »Mama, Oma, Karina, Timo und ich heißen alle Fuchs und du bist der Einzige in der Familie, der nicht so heißt. Im Kindergarten heißen alle Eltern so wie ihre Kinder.«
»Und das, obwohl du sehr schlau bist!«, ergänzte Timo, der immer noch sehr in seiner Fuchs-gleich-schlau-Logik steckte.
»Also Kinder, erst einmal hat der Nachname einer Person nichts mit deren Eigenschaften zu tun. Man kann also beliebig schlau oder weniger schlau sein, egal ob man Fuchs heißt, oder nicht. In meiner Grundschulklasse gab es zum Beispiel einen Jungen, der hieß Klein, war aber mit Abstand der Größte in der Klasse«, erklärte Max,
»Wenn zwei Erwachsene heiraten, nimmt oft der eine den Namen des anderen an, sodass beide den gleichen Nachnamen tragen. Wir haben das nicht gemacht. Karina gab es damals nämlich schon und die hätte ihren Namen nicht einfach so mit ändern können. Hätten wir dann beide meinen Namen genommen, hätte sie anders geheißen als ihre Eltern, und das wollten wir nicht. Wenn wir aber beide den Namen eurer Mutter genommen hätten, hieße ich Max Fuchs und das klingt blöd. Welcher Mensch will schon einen Zungenbrecher als Namen haben? Also haben wir beide unseren ursprünglichen Namen behalten.«
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als Max in unser Leben kam. Ich war acht, als meine Mutter ihn kennenlernte, und zehn, als er bei uns einzog und sie geheiratet haben. Ich hatte oft befürchtet, unterzugehen oder deren Beziehung nur im Wege zu stehen. Aber nach ein paar anfänglichen Schwierigkeiten hat alles sehr gut geklappt. Max und ich verstanden uns immer besser, inzwischen behandelt er mich wie eine eigene Tochter und ist für mich wie ein Vater geworden. Wir haben alle einen Weg gefunden, als Familie zusammen zu wachsen. Spätestens seit der Geburt der Zwillinge unterscheidet uns kaum noch etwas von anderen Familien.
