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Merle ist zurück... Merles Venedig ist voller Magie. Doch nach dem Verschwinden der Fließenden Königin versinkt die Lagunenstadt im Chaos. Merle und ihre Gefährten sind unterwegs ins Land der Sphinxe, wo eine uralte Macht eine neue Eiszeit heraufbeschwört. Nicht nur Ägypten, der ganzen Welt droht ein ewiger Frost. Unsterbliche Götter und Horuspriester, fantastische Meerwesen und treue Freunde ziehen mit Merle in einen schrecklichen Krieg. In der Spiegelfestung der Sphinxe entfesseln sie den Zauber des Gläsernen Wortes. Drittes Buch des Merle-Zyklus Der Klassiker der deutschen Phantastik in opulenter Neuausgabe
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kai Meyer
Das gläserne Wort
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-5202-9
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Eis und Tränen
Untersee
Das Herz des Imperiums
Piraten
Zurück zum Licht
Ihr wahrer Name
Die Entführung
Amenophis
Sphinxsplitter
Der einzige Weg
Der Sohn der Mutter
Schneeschmelze
La Serenissima
Die Pyramide erhob sich aus hohem Schnee.
Um sie herum erstreckte sich die ägyptische Wüste, begraben unter dem Mantel einer neuen Eiszeit. Ihre Sandhügel waren steif gefroren, ihre Dünen zu Verwehungen aus Schnee aufgetürmt. Die Glutgeister von einst tanzten als Eiskristalle über die Ebene, kreisende Windhosen, die sich ein paarmal um sich selbst drehten und kraftlos wieder zusammensanken.
Merle kauerte im Schnee, auf einer der oberen Stufen der Pyramide. Junipas Kopf ruhte in ihrem Schoß. Das Mädchen mit den Spiegelaugen hatte die Lider geschlossen, zuckend, als kämpfte dahinter ein Paar Käfer darum, ins Freie zu gelangen. Eiskristalle hatten sich in Junipas Wimpern und Brauen verfangen und ließen beides noch heller erscheinen. Mit ihrer weißen Haut und dem glatten, hellblonden Haar wirkte sie wie eine Puppe aus Porzellan: zerbrechlich und ein wenig traurig, als wäre sie in Gedanken stets bei einem tragischen Verlust in der Vergangenheit.
Merle fror erbärmlich, ihre Glieder schlotterten, ihre Finger bebten, und jeder Atemzug fühlte sich an, als saugte sie geraspelte Glassplitter in ihre Lunge. Ihr Kopf tat weh, aber sie wusste nicht, ob es an der Kälte lag oder an dem, was sie während ihrer Flucht aus der Hölle durchgemacht hatte.
Eine Flucht, die sie geradewegs hierhergeführt hatte. Nach Ägypten. In die Wüste.
Zum ersten Mal seit der letzten Eiszeit waren Sand und Dünen unter einer meterhohen Schicht aus Schnee begraben.
Junipa murmelte etwas, ihre Stirn legte sich in Falten, aber noch immer schlug sie ihre Spiegelaugen nicht auf. Sie war nicht mehr sie selbst, seit man ihr in der Hölle anstelle ihres Herzens ein Bruchstück des Steinernen Lichts eingepflanzt hatte. Zuletzt hatte Junipa versucht, Merle an ihre Gegner auszuliefern. Das Steinerne Licht, jene unbegreifliche Macht im Zentrum der Hölle, hielt sie fest in seinem Bann.
Noch war das Mädchen bewusstlos, aber wenn es erwachte … Merle mochte nicht daran denken. Sie hatte einmal mit ihrer Freundin gekämpft, und sie würde es nicht wieder tun. Sie war mit ihren Kräften am Ende. Sie wollte nicht mehr kämpfen, nicht gegen Junipa, nicht gegen die Lilim unten in der Hölle, auch nicht gegen die Schergen des Ägyptischen Imperiums hier oben. Merles Mut und ihre Entschlossenheit waren aufgezehrt, und sie wollte nur noch schlafen. Sich zurücklehnen, sich ausruhen und abwarten, bis die Frostwinde sie in eisigen Schlummer wiegten.
»Nein!«
Die Fließende Königin riss Merle aus ihrem Dämmerzustand. Die Stimme in ihrem Kopf war ihr vertraut und zugleich unendlich fremd. So fremd wie das Wesen selbst, das sich in ihr eingenistet hatte und sie seither begleitete, jeden ihrer Gedanken, jeden ihrer Schritte.
Merle schüttelte sich und mobilisierte ihre letzten Reserven. Sie musste überleben!
Rasch hob sie den Kopf und blickte zum Himmel empor. Dort oben tobte ein erbitterter Kampf. Ihr Begleiter Vermithrax, der geflügelte Löwe aus Stein, focht eine waghalsige Luftschlacht mit einer Sonnenbarke des Ägyptischen Imperiums. Der schwarze Obsidian seines Körpers glühte seit Vermithrax’ Bad im Steinernen Licht, als hätte man ihn aus Lava gegossen. Nun zog der Löwe leuchtende Spuren am Himmel wie eine Sternschnuppe.
Merle beobachtete, wie Vermithrax die trudelnde Sonnenbarke rammte, sich an dem sichelförmigen Gefährt festklammerte und auf der Oberseite sitzen blieb. Seine Schwingen legten sich rechts und links um den Rumpf, der etwa dreimal so lang war wie eine venezianische Gondel. Unter dem Tonnengewicht des Löwen verlor das Gefährt rapide an Höhe, raste auf den Boden zu, auf die Pyramide – und auf Merle und Junipa!
Merle erwachte endgültig aus ihrer Starre. Es war, als hätte die Kälte einen Panzer aus Eis um sie gelegt, den sie jetzt mit einem einzigen Ruck sprengte. Sie federte hoch, packte die bewusstlose Junipa unter den Armen und zerrte sie mit sich durch den Schnee.
Sie befanden sich im oberen Drittel der Pyramide. Falls der Aufschlag der Sonnenbarke das Gestein zertrümmerte, hatten sie keine Chance. Eine Lawine aus Felsblöcken würde sie mit sich in den Hohlraum im Inneren des Bauwerks reißen.
Vermithrax blickte auf und sah, wohin der taumelnde Flug die Barke führte. Der Luftwiderstand erzeugte einen scharfen Knall, als er seine Schwingen auseinanderriss und versuchte, den Absturz der Barke umzulenken. Aber das Gefährt war zu schwer, als dass er allein es hätte auffangen können. Es behielt seinen steilen Kurs in die Tiefe bei, geradewegs auf die Flanke der Stufenpyramide zu.
Vermithrax brüllte Merles Namen, aber sie nahm sich nicht die Zeit, aufzusehen. Rückwärts zerrte sie Junipa die steinerne Stufe entlang. Bei jedem Schritt musste sie ihre Füße mühsam aus dem Tiefschnee ziehen, und ständig drohte sie zu stolpern. Ihr war klar, dass sie nicht mehr aufstehen würde, wenn sie einmal gestürzt war. Ihre Kraftreserven waren so gut wie aufgebraucht. Ein schrilles Heulen drang an Merles Ohren, als die Sonnenbarke näher kam: eine Pfeilspitze, mit der das Schicksal auf sie zielte; es gab kaum noch Zweifel, dass sie ins Schwarze treffen würde.
»Junipa«, brachte sie keuchend hervor, »du musst mir helfen …«
Aber Junipa bewegte sich nicht. Nur hinter ihren geschlossenen Lidern zuckte und rumorte es. Wäre dieses Lebenszeichen nicht gewesen, Merle hätte gemeint, eine Tote durch den Schnee zu ziehen: Junipas Brust hob und senkte sich nicht, und da war kein Herz mehr, das schlug. Nur Stein.
»Merle!«, brüllte Vermithrax erneut. »Bleib stehen!«
Sie hörte ihn, reagierte aber nicht, machte zwei weitere Schritte, ehe die Worte zu ihr durchdrangen.
Stehen bleiben? Was, zum Teufel –
Sie blickte zurück, sah die Barke – so nah! –, sah auf dem Rumpf Vermithrax mit ausgebreiteten Schwingen, die im Gegenwind nach hinten umzuschlagen drohten, und erkannte, was der Löwe bereits einen Augenblick vor ihr bemerkt hatte.
Die Sonnenbarke trudelte stärker, wich von ihrer ursprünglichen Sturzbahn ab und raste jetzt auf die gegenüberliegende Kante der Pyramidenflanke zu, dorthin, wo Merle sich und Junipa hatte in Sicherheit bringen wollen.
Es war zwecklos, umzudrehen. Stattdessen ließ Merle Junipa los, warf sich über sie und barg ihr Gesicht unter ihren Armen. So erwartete sie den Aufprall.
Er ließ auf sich warten – zwei Sekunden, drei Sekunden –, doch als er kam, war es, als hätte man einen mächtigen Gong gleich neben Merles Ohren geschlagen. Der Boden vibrierte mit solcher Heftigkeit, dass sie sicher war, die Pyramide würde einstürzen.
Das Gestein wurde ein zweites Mal erschüttert, als Vermithrax neben ihnen aufkam, mehr Sturz als Landung, beide Mädchen mit seinen Pranken vom Boden riss und in die Luft hob. Trotz der Glut, in der er erstrahlte, war sein Körper kühl.
Seine Vorsichtsmaßnahme erwies sich als unnötig. Die Pyramide hielt stand. Lediglich Schneeschollen brachen von den Kanten und schlitterten ein, zwei Stufen tiefer, zerstoben zu blitzenden Kristallwolken und hüllten die Schräge für einen Moment in einen Nebel aus Eis. Erst nachdem er sich gesetzt hatte, sah Merle, was aus der Barke geworden war.
Die Goldsichel lag auf einer der oberen Stufen, nur ein Stück über der Stelle, an der noch vor Sekunden Merle und Junipa gekauert hatten. Das Gefährt war seitlich aufgekommen, eng an der Wand der nächsthöheren Stufe. Aus der Luft konnte Merle nur einen geringen Schaden erkennen, ein Loch an der Oberseite, das Vermithrax in den Rumpf gerissen hatte.
»Setz uns wieder ab, bitte«, sagte Merle zu dem Löwen, atemlos zwar, aber zugleich so erleichtert, dass neue Kraft sie durchströmte.
»Zu gefährlich.« Der Raubtieratem des Löwen bildete in der eiskalten Luft weiße Dunstwolken.
»Komm schon. Willst du nicht wissen, was in der Barke ist?«
»Ganz bestimmt nicht!«
»Mumienkrieger«, meldete sich die Fließende Königin in Merles Kopf zu Wort, unhörbar für die beiden anderen. »Ein ganzer Trupp davon. Und ein Priester, der die Barke mit seiner Magie in der Luft gehalten hat.«
Merle warf einen Blick zu Junipa hinüber, die an Vermithrax’ zweiter Vorderpranke baumelte. Ihre Lippen bewegten sich.
»Junipa?«
»Was ist?«, fragte Vermithrax.
»Ich glaube, sie wacht auf.«
»Mal wieder genau zum richtigen Zeitpunkt«, meckerte die Königin.
Merle ignorierte die Stimme in ihrem Inneren. Ganz gleich, was das für sie alle bedeuten mochte oder ob sie dadurch eine Sorge mehr haben würden, sie war froh, dass Junipa zu sich kam. Schließlich war sie selbst es gewesen, die Junipa bewusstlos geschlagen hatte, und der Gedanke schmerzte. Aber ihre Freundin hatte ihr keine Wahl gelassen.
»Falls sie noch deine Freundin ist.« Es war nicht das erste Mal, dass die Fließende Königin ihre Gedanken las; es war längst zur schlechten Angewohnheit geworden.
»Natürlich ist sie das!«
»Du hast sie gesehen. Und gehört, was sie zu dir gesagt hat. So benimmt sich keine Freundin.«
»Das ist das Steinerne Licht. Junipa kann nichts dafür.«
»Das ändert wenig daran, dass sie womöglich versuchen wird, dir weh zu tun.«
Merle erwiderte nichts. Sie schwebten gut zehn Meter über der nächsten Pyramidenstufe. Allmählich begann Vermithrax’ fester Griff zu schmerzen.
»Lass uns runter«, bat sie ihn noch einmal.
»Zumindest scheint die Pyramide stabil zu sein«, sagte der Löwe.
»Heißt das, wir sehen uns die Barke an?«
»Das hab ich nicht gesagt.«
»Aber da unten rührt sich nichts. Wenn wirklich Mumien darin sind, dann sind sie –«
»Tot?«, fragte die Königin spitz.
»Außer Gefecht.«
»Vielleicht. Oder auch nicht.«
»Das sind wieder mal genau die Bemerkungen, die uns weiterhelfen«, sagte Merle bissig.
Vermithrax hatte seine Entscheidung getroffen. Mit sanften Schwingenschlägen brachte er Junipa und Merle zurück auf sicheren Boden – so sicher viertausendjährige Pyramiden eben sind, die über einem Zugang zur Hölle stehen.
Als Erste setzte er Merle auf einer der Steinstufen ab. Nachdem sie sicher stand, nahm sie Junipa vorsichtig aus Vermithrax’ Griff in Empfang. Junipas Lippen bewegten sich noch immer. Standen ihre Augen jetzt nicht einen Spaltbreit offen? Merle war, als sähe sie das Spiegelglas unter den Lidern blitzen.
Langsam ließ sie ihre Freundin in den Schnee sinken. Sie brannte darauf, zur Barke hinüberzulaufen, doch erst musste sie sich um Merle kümmern.
Sanft tätschelte sie die Wange des Mädchens. Als ihre unterkühlten Finger die Haut berührten, fühlte es sich an, als stieße Eis auf Eis. Sie fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, ehe sich die ersten Erfrierungen zeigten.
»Junipa«, flüsterte sie. »Bist du wach?«
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Vermithrax’ glühender Leib sich spannte, bemerkte die gewaltigen Muskelstränge, die sich unter dem Obsidian wie Fäuste ballten. Der Löwe war bereit, auf einen Angriff sofort zu reagieren. Und sein Argwohn galt nicht allein der Sonnenbarke. Junipas Verrat hatte ihn ebenso misstrauisch gemacht wie die Königin, nur zeigte er es nicht so offen.
Die Lider des Mädchens flatterten, öffneten sich zögernd. Merle sah ihr eigenes Gesicht reflektiert in den Spiegelscherben, die Junipa statt Augäpfeln besaß.
Sie erkannte sich kaum wieder. Als hätte ihr jemand Bilder eines Schneemenschen gezeigt, mit eisverkrustetem Haar und weißblauer Haut.
Wir brauchen Wärme, dachte sie alarmiert. Wir sterben hier draußen.
»Merle«, kam es schwach über Junipas aufgesprungene Lippen. »Ich … Du hast …« Sie verstummte, hustete erbärmlich und krallte eine Hand um den Saum von Merles Kleid. »Es ist so kalt. Wo … sind wir?«
»In Ägypten.« Obwohl sie selbst es aussprach, erschien es Merle so absurd, als hätte sie gesagt: auf dem Mond.
Junipa starrte sie aus ihren Spiegelaugen an, doch die glänzenden Scherben verrieten keinen ihrer Gedanken. Damals, als der Zauberspiegelmacher Arcimboldo sie ihr eingesetzt und das blinde Mädchen damit sehend gemacht hatte, hatte Merle den Blick der Spiegel als kalt empfunden; doch nie war diese Empfindung zutreffender gewesen als jetzt, inmitten dieser neuen Eiszeit.
»Ägypten …« Junipas Stimme klang rau, aber nicht mehr so gleichgültig wie noch im Inneren der Pyramide, als sie Merle hatte überreden wollen, in der Hölle zu bleiben. In Merle regte sich ein Hauch von Hoffnung. Hatte das Steinerne Licht hier oben seine Macht über Junipa verloren?
Aus Richtung der Barke ertönte ein metallischer Laut, gefolgt von einem Knirschen.
Vermithrax stieß ein drohendes Knurren aus und wirbelte herum. Erneut erbebte der Boden unter seinen Pranken.
An der Seite der Barke – in jener Wand, die jetzt oben lag – klappte ein Segment aus Metall nach außen und stand einen Moment lang zitternd da wie ein aufgerichteter Insektenflügel.
Vermithrax schob sich schützend vor die beiden Mädchen. Damit verdeckte er Merles Sicht, sie verrenkte sich beinahe den Hals, um zwischen seinen Läufen hindurchzuschauen.
Etwas schob sich aus der Öffnung. Kein Mumienkrieger. Auch kein Priester.
»Ein Sphinx«, flüsterte die Fließende Königin.
Das Geschöpf hatte den Oberkörper eines Mannes, dessen Hüfte in den Leib eines Löwen überging, mit sandfarbenem Fell, vier muskulösen Beinen und messerscharfen Raubtierkrallen. Er schien Vermithrax und die Mädchen kaum wahrzunehmen, so sehr hatte ihn der Absturz mitgenommen. Aus mehreren Platzwunden floss Blut in sein Fell, ein Riss an seinem Kopf war besonders tief. Kraftlos stemmte er sich in mehreren Anläufen aus der Luke, ehe er schließlich das Gleichgewicht verlor, über die Kante des Barkenrumpfs rollte und stürzte. Eine Stufe tiefer schlug er auf, schwer wie ein ausgewachsener Büffel. Sein Blut sprenkelte den Schnee. Reglos blieb er liegen.
»Ist er tot?«, fragte Merle.
Vermithrax stapfte durch den Schnee auf die Barke zu und blickte von oben auf den Sphinx hinab. »Sieht ganz so aus.«
»Glaubst du, da drinnen sind noch mehr?«
»Ich schau nach.« Damit näherte er sich der Barke in Lauerstellung, tief am Boden und mit gesträubter Mähne.
»Wenn die Barke nur ein Aufklärer war, was machte dann ein Sphinx an Bord?«, fragte die Königin. »Für solche Aufgaben ist normalerweise ein Priester zuständig.«
Merle kannte sich in der Hierarchie des Ägyptischen Imperiums nicht allzu gut aus, doch selbst sie wusste, dass die Sphinxe für gewöhnlich nur die wichtigsten Positionen innehatten. Lediglich die Obersten der Horuspriester standen zwischen ihnen und dem Pharao Amenophis. Vermithrax erklomm so geschmeidig wie ein Katzenjunges den Rumpf. Nur das leise Scharren seiner Krallen auf dem Metall verriet ihn. Doch falls im Inneren tatsächlich noch jemand lebte, hatten ihre Stimmen ihn ohnehin längst gewarnt.
»Warum ein Sphinx?«, fragte die Königin noch einmal.
»Woher soll ich das wissen?«
Junipas Hand tastete nach Merles. Ihre Finger schlossen sich umeinander. Trotz der Anspannung war Merle erleichtert. Zumindest für den Augenblick schien das Steinerne Licht seinen Einfluss auf Junipa verloren zu haben. Oder sein Interesse.
Vermithrax überwand lauernd das letzte Stück bis zur offenen Luke. Er schob seine riesige Vorderklaue an den Rand der Öffnung, reckte den Hals vor und blickte hinunter.
Der Angriff, den sie alle erwarteten, blieb aus. Vermithrax umrundete jenen Teil der Luke, der nicht von der offenen Klappe verdeckt wurde. Von allen Seiten blickte er ins Innere.
»Ich friere so schrecklich!« Junipas Stimme klang, als wäre das Mädchen in Gedanken weit entfernt, so als hätte ihr Verstand noch nicht verarbeitet, was geschehen war. Merle zog sie enger an sich, doch ihr Blick haftete weiterhin auf Vermithrax.
»Er wird doch nicht da reingehen«, sagte die Königin.
Um was wollen wir wetten?, dachte Merle.
Der Obsidianlöwe machte einen abrupten Satz. Sein gewaltiger Körper passte gerade eben durch die Öffnung, und als er darin verschwand, ein strahlender Umriss aus Glut, wurde die Umgebung auf einen Schlag grau und farblos. Erst jetzt wurde Merle bewusst, wie sehr seine Helligkeit die Eisoberfläche um sie herum zum Glitzern gebracht hatte.
Sie wartete auf einen Laut, Geräusche eines Kampfes, Schreien und Brüllen und das hohle Scheppern von Körpern, die von innen gegen den Rumpf der Barke prallten. Doch es blieb ruhig, so ruhig, dass sie sich nun erst recht Sorgen um Vermithrax machte.
»Glaubst du, ihm ist was passiert?«, fragte sie die Königin und sah dann, dass Junipa erschöpft die Schultern zuckte, weil Merle die Frage laut ausgesprochen hatte. Auch die Königin schwieg.
Seit Junipa und Merle sich das letzte Mal in Venedig gesehen hatten, war so viel geschehen. Merle wünschte sich nichts mehr, als Junipa von ihren Abenteuern zu erzählen, von ihrer Reise durch die Hölle, wo sie Hilfe gegen das übermächtige Imperium hatte finden wollen. Doch stattdessen hatten in den Tiefen der Erde nur Elend und Gefahr und das Steinerne Licht auf sie gewartet. Aber auch Junipa. Merle brannte darauf, ihre Geschichte zu erfahren. Sie wollte endlich zur Ruhe kommen und das tun, was sie mit ihrer besten Freundin früher Abend für Abend getan hatte: miteinander reden.
Ein metallischer Laut ertönte aus dem Innenraum der Barke.
»Vermithrax?«
Der Löwe gab keine Antwort.
Merle sah Junipa an. »Kannst du aufstehen?«
Ein dunkler Schemen huschte über die Spiegelaugen. Es dauerte einen Moment, ehe Merle begriff, dass es die Spiegelung eines Raubvogels war, der über ihre Köpfe hinweggeflogen war.
»Ich kann’s versuchen«, sagte Junipa und klang so schwach, dass Merle ernsthafte Zweifel kamen.
Doch Junipa rappelte sich hoch, weiß Gott, woher sie die Kraft dafür nahm. Dann aber erinnerte sich Merle, wie das Bruchstück des Steinernen Lichts in Junipas Brust ihre Wunden in Sekundenschnelle geheilt hatte. Junipa stand auf und schleppte sich mit Merle näher an die Barke heran.
»Willst du hinter ihm herklettern?«, fragte die Königin alarmiert.
Jemand muss nachsehen, dachte Merle.
Insgeheim machte sich die Königin genau wie sie selbst Sorgen um Vermithrax, und sie verbarg diese Gefühle nicht einmal besonders gut: Merle empfand die Unruhe der Königin so deutlich, als wäre es ihre eigene.
Kurz bevor sie die Spitze des gebogenen Rumpfes erreichten, blickte sie zu dem leblosen Sphinx hinunter, zwei Meter tiefer im Schnee. Er hatte noch mehr Blut verloren, ein unregelmäßiger roter Stern, dessen Zacken wie die einer Windrose in alle Richtungen wiesen. In der Kälte begann das Blut bereits zu gefrieren.
Merle schaute zur Luke, doch der Rumpf der Barke war zu hoch, und sie waren zu nah herangekommen, um die Öffnung jetzt noch sehen zu können. Es würde nicht einfach werden, an der glatten Oberfläche emporzuklettern.
Ein lautes Krachen ließ sie zusammenfahren und entledigte sie auf einen Schlag ihrer Befürchtungen.
Vermithrax hockte wieder oben auf dem Rumpf. Er hatte sich mit einem Sprung aus der Luke katapultiert und blickte mit seinen sanften Löwenaugen auf die Mädchen herab.
»Leer«, sagte er.
»Leer?«
»Kein Mensch, keine Mumie und kein Priester.«
»Das ist unmöglich«, sagte die Königin in Merles Gedanken. »Die Horuspriester würden nicht zulassen, dass die Sphinxe allein auf Patrouille gehen. Priester und Sphinxe hassen sich wie die Pest.«
Du weißt eine ganze Menge über sie, dachte Merle.
»Ich habe Venedig vor dem Imperium und seinen Mächtigen beschützt, solange ich konnte. Wundert es dich wirklich, dass ich zumindest ein wenig über sie in Erfahrung gebracht habe?«
Vermithrax faltete eine Schwinge aus und hob erst Merle, dann, zögernd, Junipa neben sich auf die Barke. Der Löwe deutete auf die Luke. »Klettert hinein. Da drinnen ist es wärmer. Ihr werdet zumindest nicht erfrieren.«
Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als etwas Riesiges, Massiges aus dem Abgrund neben dem Wrack emporschnellte und mit einem feuchten, dumpfen Laut hinter den Mädchen auf dem Rumpf landete. Ehe Merle sichs versah, wurde Junipas Hand aus ihrer gerissen.
Merle wirbelte herum. Vor ihr stand der verwundete Sphinx und hielt das Mädchen in seinen riesigen Pranken. Junipa sah noch zerbrechlicher aus als zuvor, wie ein Spielzeug in den Klauen dieser Bestie.
Sie schrie nicht, sie flüsterte nur Merles Namen, und dann schwieg sie.
Vermithrax wollte Merle beiseiteschieben, um auf der Barke besser an den Sphinx heranzukommen, doch das Wesen schüttelte den Kopf, mühsam, als bereitete jede Bewegung ihm grässliche Schmerzen. Blut aus seiner Schädelwunde tropfte auf Junipas Haar und fror fest.
»Ich reiße das Kind in Stücke«, brachte er schwerfällig hervor, in Merles Sprache, aber mit einem Akzent, der sich anhörte, als wäre seine Zunge geschwollen; vielleicht war sie es tatsächlich.
»Sag nichts.« Die Stimme der Königin klang beschwörend. »Lass Vermithrax das erledigen.«
Aber Junipa –
»Er weiß, was zu tun ist.«
Merles Blick haftete an Junipas Gesicht. Der Schrecken des Mädchens schien auf seinen Zügen steif gefroren. Nur die Spiegelaugen blieben kalt und teilnahmslos.
»Nicht näher kommen«, sagte der Sphinx. »Sie stirbt.«
Vermithrax’ Löwenschwanz pendelte langsam von einer Seite zur anderen, vor und zurück, immer wieder. Ein schrilles Quietschen ertönte, als er seine Krallen ausfuhr und die Spitzen über den Rumpf kratzten.
Die Lage des Sphinx war aussichtslos. In einem Kampf hatte er Vermithrax nichts entgegenzusetzen. Und doch wehrte er sich auf seine Weise: Er hielt Junipa gepackt und benutzte sie wie einen Schild. Ihre Füße baumelten einen halben Meter über dem Boden.
Merle fiel auf, dass der Sphinx nicht sicher stand. Den rechten Vorderlauf hatte er gerade so weit angewinkelt, dass die Ballen der Pranke nicht den Schnee berührten. Er hatte Schmerzen, und er war verzweifelt. Gerade das machte ihn unberechenbar.
Merle vergaß die Kälte, den eisigen Wind, sogar ihre Angst. »Dir geschieht nichts«, sagte sie zu Junipa, nicht sicher, ob ihre Stimme die Freundin erreichte. Junipa sah aus, als zöge sie sich mit jedem Atemzug ein wenig tiefer in sich selbst zurück.
Vermithrax machte einen Schritt auf den Sphinx zu. Der wich, seine Geisel fest im Griff, nach hinten aus.
»Bleib stehen«, sagte er gepresst. Die Glut des Obsidianlöwen reflektierte in seinen Augen. Er begriff nicht, wer oder was da vor ihm stand: ein mächtiger geflügelter Löwe, der wie ein Stück frisch geschmiedetes Eisen erstrahlte – nie zuvor hatte der Sphinx solch ein Wesen gesehen.
Diesmal gehorchte Vermithrax der Aufforderung und blieb stehen. »Wie ist dein Name, Sphinx?«, fragte er grollend.
»Simphater.«
»Gut, Simphater, dann denke nach. Wenn du dem Mädchen ein Haar krümmst, werde ich dich töten. Du weißt, dass ich das kann. So schnell, dass du es nicht einmal spürst. Aber auch langsam, wenn du mich wütend machst.«
Simphater blinzelte. Blut lief ihm ins linke Auge, aber er hatte keine Hand frei, um es fortzuwischen. »Bleib stehen!«
»Das hast du bereits gesagt.«
Merle sah, wie sich die Sehnen und Muskeln in den Armen des Sphinx spannten. Er veränderte seinen Griff, packte Junipa an beiden Oberarmen und hielt sie weiterhin frei in der Luft.
Er zerreißt sie, durchfuhr es sie panisch. Er wird sie einfach entzweireißen!
»Nein«, sagte die Königin ohne rechte Überzeugungskraft.
Er bringt sie um! Der Schmerz treibt ihn in den Wahnsinn.
»Sphinxe ertragen weit mehr Schmerz als ihr Menschen.«
Vermithrax strahlte endlose Geduld aus. »Simphater, du bist ein Krieger, und ich werde nicht versuchen, dich zu belügen. Du weißt, dass ich dich nicht laufenlassen kann. Trotzdem habe ich kein Interesse an deinem Tod. Du kannst diese Barke fliegen, und wir wollen fort von hier. Das trifft sich gut, findest du nicht?«
»Wozu die Barke?«, fragte Simphater irritiert. »Wir haben gekämpft, dort oben. Du kannst fliegen. Du brauchst mich nicht.«
»Nicht ich. Aber die Mädchen. Ein Flug auf meinem Rücken würde sie bei dieser Kälte in ein paar Minuten umbringen.«
Simphaters verschleierter Blick geisterte über Merle und den Löwen, um dann über das strahlende Weiß der endlosen Schneefelder zu schweifen. »Habt ihr das getan?«
Vermithrax hob eine Braue. »Was?«
»Das Eis. Der Schnee. Es schneit nicht in dieser Wüste … das hat es noch nie.«
»Nicht wir«, sagte Vermithrax. »Aber wir wissen, wer dafür verantwortlich ist. Und er ist ein mächtiger Freund.«
Wieder blinzelte der Sphinx. Er schien abzuwägen, ob Vermithrax ihn anlog. Wollte der Löwe ihn nur verunsichern? Simphater Schwanz peitschte hin und her und ein Schweißtropfen erschien auf seiner Stirn, trotz der eisigen Kälte.
Merle hielt den Atem an. Plötzlich nickte Simphater fast unmerklich und setzte Junipa sachte am Boden ab. Sie begriff erst, wie ihr geschah, als ihre Füße die goldene Oberfläche der Barke berührten. Stolpernd rannte sie zu Merle hinüber. Die beiden umarmten sich, aber Merle ging nicht in Deckung. Sie wollte dem Sphinx in die Augen sehen.
Vermithrax hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Er und Simphater starrten sich an.
»Du hältst dein Wort?«, fragte der Sphinx und klang beinahe erstaunt.
»Gewiss. Wenn du uns von hier fortbringst.«
»Und keine magischen Tricks versuchst«, fügte Merle hinzu, aber es war die Stimme der Königin, die aus ihr sprach. »Ich kenne den Sphinxzauber, und ich werde wissen, wenn du versuchst, ihn anzuwenden.«
Simphater starrte Merle voller Überraschung an und schien sich zu fragen, ob er das Mädchen an der Seite des Löwen unterschätzt hatte.
Niemand war erstaunter über ihre Worte als Merle selbst, aber sie machte keinen Versuch, der Königin den Gebrauch ihrer Zunge zu verwehren – auch wenn sie mittlerweile wusste, dass sie es konnte.
»Keine Magie«, sagte die Königin noch einmal durch Merles Mund. Und dann fügte sie einige Worte hinzu, die weder aus Merles Sprachschatz noch aus dem irgendeines anderen Menschen stammten. Sie gehörten zur Sprache der Sphinxe, und ihre Bedeutung schien Simphater zutiefst zu beeindrucken. Noch einmal beäugte er Merle argwöhnisch, dann verwandelte sich sein Zögern in Ehrfurcht. Er senkte das Haupt und verneigte sich demütig.
»Ich werde tun, was ihr verlangt«, sagte er.
Junipas Blick fragte: Woher kannst du das? Aber Merle musste sie weiter im Ungewissen lassen. Jetzt war keine Zeit für eine Antwort.
Vermithrax dagegen wusste, wer aus Merle sprach. Besser als jeder Mensch spürte er die Anwesenheit der Königin, und Merle hatte sich mehr als einmal gefragt, welche Verbindung zwischen dem geisterhaften Wesen in ihrem Inneren und dem Löwen aus Obsidian bestand.
»Du steigst zuerst ein«, sagte er zu Simphater und deutete auf die Luke.
Der Sphinx nickte. Seine Pfoten hinterließen rote Abdrücke im Schnee.
Ein schriller Laut gellte über die Eisebene, so hell, dass Merle und Junipa sich die Ohren zuhielten. Das Kreischen hallte über das Land, bis hin zu den vereinzelten Schneepyramiden in der Ferne. Die Eiskruste bekam Risse, und an den Rändern der Stufen über und unter der Barke lösten sich Zapfen und bohrten sich zwei Meter tiefer in den Schnee.
Merle kannte diesen Laut. Der Schrei eines Falken. Simphater erstarrte.
Über dem Horizont erhob sich der Umriss eines mächtigen Raubvogels, vielfach höher als alle Pyramiden, golden gefiedert und mit Schwingen so groß, als wollte er damit die Welt umfassen. Als er sie ausbreitete, lösten sie einen tosenden Schneesturm aus.
Die Eismassen der Ebene wurden aufgepeitscht und tobten als weiße Wolkenwand auf sie zu; erst kurz vor der Pyramide verloren sie an Kraft und sanken in sich zusammen. Der riesenhafte Falke riss seinen Schnabel auf und stieß abermals das hohe Kreischen aus, noch lauter diesmal, und jetzt geriet überall um sie herum der Schnee in Bewegung, zitterte und vibrierte wie bei einem Erdbeben. Junipa klammerte sich an Merle, und Merle griff instinktiv in Vermithrax’ lange Mähne.
Simphater verfiel in heillose Panik, wich mit weit aufgerissenen Augen zurück, verlor auf dem glatten Rumpf der Sonnenbarke das Gleichgewicht und schlitterte über die Kante in die Tiefe, diesmal mit größerer Wucht als zuvor. Die nächste Pyramidenstufe hielt ihn nicht auf, er polterte weiter abwärts, die langen Beine knickten ein, der Kopf krachte mehrfach auf Eis und Gestein, und der Sphinx kam erst am Fuß der Pyramide zum Liegen, viele Stufen und Meter unter ihnen, so unnatürlich verdreht, dass kein Zweifel daran bestand, dass er tot war.
Ein letztes Mal schrie der Falke, dann schloss er die Schwingen vor seinem Körper wie ein Magier den Umhang nach einem gelungenen Kunststück, verbarg sich dahinter und löste sich auf.
Augenblicke später war der Horizont wieder leer und alles wie zuvor – mit Ausnahme Simphaters, der leblos tief unter ihnen im Schnee lag.
»In die Barke, schnell!«, rief Vermithrax. »Wir müssen –«
»Weg?«, fragte jemand über ihnen.
Eine Stufe höher stand ein Mann, unbekleidet trotz der Kälte. Einen Augenblick lang glaubte Merle, feines Gefieder auf seinem Körper zu erkennen, doch es verblasste sogleich. Vielleicht eine Täuschung. Seine Haut war einmal golden bemalt gewesen, jetzt zeugten nur noch einige verschmierte Farbstreifen davon. In seinen kahlen Schädel war ein feinmaschiges Netz aus Gold eingelassen. Wie das Muster eines Schachbretts bedeckte es seinen ganzen Hinterkopf und reichte vorn bis fast zu den Brauen.
Sie alle erkannten ihn wieder: Seth, der Höchste unter den Horuspriestern Ägyptens, persönlicher Vertrauter des Pharaos und zweiter Mann in der Hierarchie des Imperiums.
In Gestalt eines Falken war er aus der Unterwelt geflohen, nachdem sein Mordanschlag auf Lord Licht, den Herrscher der Hölle, gescheitert war. Vermithrax war dem Vogel gefolgt, und so hatten sie den Pyramidenausgang gefunden, der sie an die Oberfläche zurückgebracht hatte.
»Ohne mich werdet ihr nirgendwohin gehen«, sagte Seth und klang nicht halb so furchteinflößend, wie er es sich vielleicht wünschte.
Der Anblick der vereisten Wüste verunsicherte ihn genauso wie alle anderen. Zumindest aber schien er nicht zu frieren, und Merle sah, dass der Schnee unter seinen Füßen geschmolzen war. Seth galt nicht umsonst als mächtigster Magier unter den Dienern des Pharaos.
»In die Barke!«, flüsterte Vermithrax den Mädchen zu. »Beeilt euch!«
Merle und Junipa hasteten auf die Luke zu, aber Seths Stimme ließ sie abermals innehalten.
»Ich will keinen Kampf. Nicht jetzt. Und ganz bestimmt nicht hier.«
»Was dann?« Merles Stimme zitterte leicht.
Seth schien abzuwägen. »Antworten.« Seine Hand wies in die Weite der Eisebene. »Auf all das hier.«
»Wir wissen nichts darüber«, sagte Vermithrax.
»Vorhin habt ihr etwas anderes behauptet. Oder solltet ihr den armen Simphater in seinen letzten Augenblicken belogen haben? Du kennst denjenigen, der für das hier verantwortlich ist. Du hast gesagt, er sei euer Freund.«
»Auch uns liegt nichts an einem Streit mit dir, Horuspriester«, sagte Vermithrax. »Aber wir sind nicht deine Sklaven.«
Der Priester war kein Feind wie jeder andere, und es war nicht Vermithrax’ Art, einen Gegner zu unterschätzen.
Seth lächelte böse. »Du bist Vermithrax, nicht wahr? Den die Venezianer den Uralten Verräter nennen. Du hast dein Volk der sprechenden Steinlöwen vor langer Zeit in Afrika zurückgelassen, um Krieg gegen Venedig zu führen. Sieh mich nicht so entgeistert an, Löwe – ja, ich kenne dich. Und was den Sklaven angeht, der du nicht sein willst: Ich habe kein Verlangen, einen wie dich zum Diener zu haben. Deine Art ist zu gefährlich und unberechenbar. Eine schmerzliche Erfahrung, die wir auch mit dem Rest deines Volkes machen mussten. Das Imperium hat ihre Kadaver in den Leichenmühlen von Heliopolis zu Sand zermahlen und an den Ufern des Nils verstreut.«
Selbst wenn Merle gewollt hätte: Sie konnte sich nicht rühren. Ihre Gelenke waren wie eingefroren, sogar ihr Herz schien stillzustehen. Sie schaute Vermithrax an, sah den Zorn, den Hass, die Verzweiflung in seinen glosenden Lavaaugen. Seit sie ihn kannte, hatte ihn die Hoffnung angetrieben, eines Tages zu seinem Volk zurückzukehren.
»Du lügst, Priester«, sagte er tonlos.
»Mag sein. Vielleicht lüge ich. Vielleicht aber auch nicht.«
Vermithrax setzte zum Sprung an, aber die Königin rief durch Merles Mund: »Nicht! Wenn er tot ist, kommen wir niemals lebend hier weg!«
Einen Moment lang sah es aus, als gäbe es nichts, das Vermithrax aufhalten könnte. Sogar Seth trat einen Schritt zurück. Dann beherrschte sich der Löwe, behielt seine sprungbereite Stellung aber bei.
»Ich werde herausfinden, ob du die Wahrheit sagst, Priester. Und falls ja, werde ich dich finden. Dich und alle, die dafür verantwortlich sind.«
Seth lächelte erneut. »Heißt das, wir können unsere persönlichen Gefühle jetzt zurückstellen und zum Kern unseres Handels kommen? Ihr verratet mir, was in Ägypten geschehen ist – und ich bringe euch in der Barke fort von hier.«
Vermithrax schwieg, aber Merle sagte langsam: »Einverstanden.«
Seth zwinkerte ihr zu, sah dann wieder den Löwen an. »Habe ich dein Wort, Vermithrax?«
Der Obsidianlöwe zog eine Vorderpfote über das Metall der Barke. Zurück blieben vier fingerbreite Furchen, so tief, wie Merles Zeigefinger lang war. Er nickte, einmal nur und sehr verbissen.
In den Leichenmühlen zu Sand zermahlen, hallte es in Merles Gedanken wider. Ein ganzes Volk. Konnte das überhaupt wahr sein?
»Ja«, sagte die Königin. »Dies ist das Imperium. Seth ist das Imperium.«
Vielleicht lügt er, dachte sie.
»Wer weiß.«
Du glaubst nicht daran?
»Vermithrax wird die Wahrheit irgendwann herausfinden. Was ich glaube, ist unwichtig.«
Merle wollte Vermithrax’ mächtigen Hals umarmen, wollte ihn trösten und mit ihm weinen. Doch der Löwe stand da wie zu Eis erstarrt.
Sie gab Junipa ein Zeichen und kletterte hinter ihr her ins Innere der Barke.
Serafin und Unke folgten den Meerjungfrauen in die Tiefen des Ozeans. Beide trugen Tauchhelme, durchsichtige Kugeln, die am Hals mit einem Lederzug verschnürt wurden. Doch was wie Glas aussah, war gehärtetes Wasser und stammte aus dem Vermächtnis der Subozeanischen Reiche, deren Untergang Jahrtausende zurücklag. Als Serafin gezögert hatte, den schlichten Kugeln sein Leben anzuvertrauen, hatte Unke ihm erzählt, dass auch Merle mit Hilfe eines solchen Helmes durch die Kanäle Venedigs getaucht war; nur so war sie den Häschern des Imperiums entkommen.
Serafin hatte ein paarmal tief Luft geholt, ehe er den Helm über seinen Kopf gestülpt hatte, nur um gleich darauf festzustellen, dass es unnötig war – unter dem gehärteten Wasser, das sich durch und durch gläsern anfühlte, konnte er mühelos weiteratmen. Die Kugel beschlug nicht einmal von innen. Nachdem er den ersten Moment des Zweifels und der aufsteigenden Panik überwunden hatte, gewöhnte er sich erstaunlich schnell daran.
Unke und er hatten allen Gefährten die Hände geschüttelt, auch Lalapeja. Die Sphinx zog weiterhin ihre Menschengestalt vor. Dann waren sie zu den Meerjungfrauen ins Wasser gestiegen. Serafins Kleidung saugte sich voll Wasser, doch durch den Lederbund am Hals drang kein Tropfen. Er war überzeugt, dass die Helme magisch waren; und falls doch eine uralte Technik dahintersteckte, so war sie mitsamt ihren Meistern längst vergessen.
Er hatte sich ihren Abstieg in das Reich der Meerhexe als phantastische Reise durch die Tiefe vorgestellt, atemberaubende Ausblicke über Korallenriffe, verschlungene Pflanzen und unbekannte Geschöpfe, Schwärme aus Millionen von Fischen, schillernd und bunt und von schmerzhafter Schönheit.
Stattdessen erwartete sie Dunkelheit.
Das Licht von der Oberfläche blieb schon nach wenigen Metern zurück. Die Umgebung färbte sich erst dunkelgrün, dann schwarz. Er sah Unke nicht mehr, sah auch nicht die beiden Meerjungfrauen, die ihn an den Händen steil nach unten zogen. Der Druck auf seinen Körper tat weh, schien ihm aber nicht zu schaden, was so ziemlich allen Theorien widersprach, die er über Tauchgänge in solche Tiefen gehört hatte. Eigentlich war es naiv, all dies der Wirkung des Helms zuzuschreiben, aber schließlich blieb ihm keine andere Wahl.
Die Wand aus Schwärze um ihn herum war vollkommen, er konnte nicht einmal seine eigenen Arme sehen. Ebenso gut hätte er körperlos dahinschweben können. Und vielleicht war es ja genau das: Man gab am Eingang zum Reich der Meerhexe seinen Leib an der Garderobe ab wie anderswo Zylinder und Mantel. Es irritierte ihn – nein, in Wahrheit machte es ihm schreckliche Angst –, dass er Unke und die Meerjungfrauen nicht sehen konnte, obschon er ihre Hände spürte. Und wenn es nun Einbildung war? Wenn er längst allein dahintrieb, in einem Abgrund aus Kälte und Finsternis und Gott weiß was für Geschöpfen?
Denk nicht daran. Mach dich nicht verrückt. Alles ist in Ordnung, alles wird gut.
Er rief sich Merles Gesicht in Erinnerung, ihr Lächeln, den Mut und das Blitzen in ihren Augen, den tapferen Zug um ihre Lippen und das widerspenstige, wilde Haar. Er musste sie einfach wiedersehen. Dafür nahm er auch die Begegnung mit einer Meerhexe in Kauf.
Unter ihm – vor ihm? – über ihm? – erschienen diffuse Lichter in der Schwärze. Beim Näherkommen sahen sie aus wie, ja, wie Fackeln.
Bald erkannte er, dass seine Vermutung der Wahrheit recht nahe kam. In weiten Abständen hingen Kugeln in der See, nicht starr wie sein Helm, sondern wabernd, beständig ihre Form verändernd: Luftblasen. Und in den Blasen brannten Feuer.
Feuer in der Tiefe, Dutzende, Hunderte Meter unter der Oberfläche!
In ihrem Schein konnte er wieder seine Begleiterinnen erkennen, bleiche Schemen mit langem Haar, Frauen, deren Hüften in geschmeidigen Schuppenschwänzen ausliefen. Sogar hinter dem Vorhang aus treibenden Partikelwolken und tintigen Schattensträngen waren ihre Gesichter von makelloser Perfektion – wären da nicht die breiten Mäuler gewesen, die sich
