Mesphalion - Felil Gemderkin - E-Book

Mesphalion E-Book

Felil Gemderkin

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Beschreibung

Das erste Werk eines geplanten Mehrteilers von Felil Gemderkin über die eindringlichste Frage der Menschheit - was geschieht nach dem Tode? Gemderkin nutzt diese Frage jedoch nur als Hülle - obgleich als prägende, fantastische und leider auch bedrückende Hülle. Im Kern geht es um das Schützenswerte um uns herum, was im Stande zu schützen wir nicht mehr sind. Zorn, Gier und Egoismus treten ein in unseren Geist und rächen sich an allem Schönen, Schwachen und Verletzlichen dieser Welt. Doch Verlorenes bleibt nicht verloren; es wird neu geboren. Auf ein Wiedersehen

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Ihr habt viele Gedanken und so viele Ideen; schreibt alles auf, lasst nichts vergehen.

Sagt Eure Meinung, nennt die Inspiration; Eure Gedanken sind Geschenke, pure Motivation.

Erzählt von Freud, erzählt von Leid; ein Meer von Bildern steht bereit.

Geschichten sind unser aller Glück; wir wollen sie greifen, Stück für Stück.

Nichts ist in Gänze von Makeln befreit; so zeigt Eure Werke, Eure Persönlichkeit.

gemderkin

Inhaltsverzeichnis

Prolog - Aquileia

Kapitel 1 - Emystaya

Kapitel 2 - Nhomm

Kapitel 3 - Lumo Standor

Kapitel 4 - Der Angriff des Xaros

Epilog - Gedanken und Gedenken

Hell die Zeit,

da ein Kind das Licht der Welt erblickt -

Dunkel die Zeit,

wird es wieder fortgeschickt

Prolog

Aquileia. 451 n.c. Marcus und Fabius standen sich gegenüber. Die stumpfen Klingen ihrer selbst hergestellten Übungsschwerter berührten sich. Die Blicke eisern. Kopf an Kopf. Dann traten beide Akteure jeweils 3 Schritte zurück und schließlich zwei schnelle Schritte nach vorne.

Die Schwerter krachten aufeinander. Immer und immer wieder.

Fabius war der starke und sehr draufgängerische Kämpfer, während Marcus sehr reaktionsschnell war und meist bedacht kämpfte. Beide trainierten seit ihrer Kindheit mit dem Schwert und waren stolz, in einer römischen Legion dienen zu dürfen.

An diesem Tag boten sie einen langen und spektakulären Kampf. Bis Fabius so hart zuschlug, dass Marcus zu Boden ging und sein Schwert in zwei Teile barst. Fabius ging auf ihn zu und drückte Marcus sein Schwert auf die Brust. Gerade wollte er sich seine Siegesanerkennung holen, als sich Marcus plötzlich unter dem Schwert zur Seite drehte und mit einem gekonnten Trick Fabius zu Fall brachte.

Sie lagen eine Weile lang auf dem Boden und lachten herzhaft. Es war ein herrlicher Sommer und sie genossen die freien Wochen in Ihrer Heimat mit den Familien.

Fabius war 32 Jahre alt, verheiratet mit seiner herzlichen Frau Cornelia und Vater seiner Tochter Valentina. Er bekleidete den Rang des optio ballistariorum in einer römischen Legion, welchen er sich durch Mut im Kampf und herausragende kämpferische Qualitäten verdient hatte. Als Anführer einer neu geschaffenen Späheinheit forderte er sich und seine Männer oft bis ans Äußerste. Zeitweilig schien er dabei wie besessen, doch seine Kampfausbildung war sehr gefragt.

Marcus war 34 Jahre alt und seit langer Zeit mit der schönen Julia verheiratet. Auch sie hatten eine Tochter – Helena. Sie war 13 Jahre alt und mittlerweile eine junge Frau; unerschrocken und stark, die gerne ihren Vater beobachtete und von ihm lernte. Ähnlich wie Marcus hatte sie diesen ganz bestimmten Beschützerdrang. Besonders um hilfesuchende Kinder kümmerte sie sich und war einst mutig genug, um auf 5 Männer loszugehen, die eine junge Frau bedrängten. Sie hatte halt diesen starken Charakter.

Marcus war nach seinen letzten Kampfeinsätzen zum optio centuriae befördert worden. Ein kluger und schneller Schwertkämpfer war er, der zudem ein ausgeprägtes Gespür für Taktik hatte. Diese Qualitäten wurden innerhalb seiner Legion schnell erkannt und auch an den Heeresführer Westroms, Aetius, herangetragen. Dieser war sich nicht zu schade, Gespräche mit Marcus zu führen und taktische Maßnahmen für zukünftige Schlachten auszuarbeiten.

Noch bevor ihre freie Zeit vorüber war, schickte man eine eilige Nachricht an Marcus und Fabius. Die Aufforderung war eindeutig - Hunnenkönig Attila war in Gallien eingefallen und zog plündernd und mordend von Stadt zu Stadt. Sie waren aufgefordert, am nächsten Tag aufzubrechen. Marcus und Fabius redeten kurz und verabschiedeten sich dann beide in Richtung ihrer Häuser. Julia empfing Marcus im Haus mit einem Lächeln, welches jedoch verschwand, als sie die Schriftrolle in seiner Hand sah.

„Was steht darin?“, fragte sie sanft.

Marcus erzählte ihr von dem Inhalt.

„Wir reiten morgen in der Früh“, sagte er und nahm sie in den Arm.

Julia liefen zwei Tränen über das Gesicht. Dann gab sie Marcus einen Kuss und machte sich an die Vorbereitungen. Am späten Nachmittag kam Helena nach Hause. Julia erzählte ihr von der Nachricht, woraufhin Helena langsam zu Marcus ging und sich hinter ihn stellte.

„Vater“, fragte sie, „was passiert, wenn wir sterben?“.

Marcus drehte sich um und schaute sie an.

„Komm zu mir ans Fenster“, bat er sie. „Schau dir die Sterne an. Für jeden verstorbenen Menschen wird es dort oben einen Stern geben, auf welchem wir unser Leben fortführen. Deshalb werden wir uns alle irgendwann wiedersehen“.

„Einen Stern auch für die bösen Menschen?“, fragte Helena.

Diese Frage beschäftigte Marcus sehr. <Wann ist ein Mensch böse?>, fragte er sich. <Bin auch ich böse, weil ich so viele Kämpfer besiegt und in den Tod geschickt habe?>

„Nein, nicht für die bösen Menschen“, entgegnete Marcus. „Deren Seelen werden in den Weiten des riesigen Himmelsreiches einfach verschwinden“.

Helena träumte in den Sternenhimmel hinein.

„Wird Rom diesem Kampf gewinnen?“, fragte sie schließlich.

„Ja“, antwortete Marcus. „Rom wird gewinnen! Und ich werde zu euch zurückkehren, mein über alles geliebter Engel. Ebenso wird Fabius zu seiner Familie zurückkehren. Das ist ein Versprechen“.

Er gab Helena einen Kuss, woraufhin sie auf ihr Zimmer ging.

Es war mittlerweile spät am Abend. Helena schlief bereits und Marcus setzte sich zu Julia, die an einem kleinen Ofenfeuer saß und Tee trank.

„Könnt ihr Attila besiegen?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Marcus und stand wieder auf. „Er hat ein großes Heer und viele Verbündete. Seine Krieger sind geübte Kämpfer und seine Taktik ist unberechenbar. Doch Aetius scheint gute Überzeugungsarbeit geleistet zu haben. Er hat die Westgoten zu einem Bündnis überredet. Damit haben auch wir einen starken Verbündeten. Ja, wir werden Attila vertreiben“.

Marcus ging zum Fenster.

„Der Sternenhimmel leuchtet wieder so fantastisch“,sagte er.

„Hast du wieder das grüne Leuchten gesehen?“, fragte Julia.

„Ja, ich habe es vor einiger Zeit erneut gesehen. Doch an jenem Abend war es so präsent und schien so hell, als hätte ich es anfassen können. Ich fühlte mich hingezogen. Auch in meinem folgenden Traum sah ich es. Warum können es andere Menschen nicht sehen? Oder ist es meine bloße Einbildung? Dann, so denke ich, solltest Du mich für verrückt erklären“.

Marcus lächelte Julia an und ging zu ihr. Sie erwiderte sein Lächeln.

Noch eine ganze Weile saßen und sprachen sie. Dann löschte Marcus das Feuer und sie gingen gemeinsam zur Nachtruhe. Marcus träumte wie so oft sehr intensiv. Seine Familie konnte er sehen; und Attila. Außerdem sah er wieder das Leuchten; und diesen kleinen Planeten, der ziellos herumtrieb. Nach jedem Traum konnte er sich an diesen Planeten erinnern. Wirklich klein war dieser, umgeben von einem grünen Schleier. Wie ein kleiner Ball, der mit einem Band versehen an Marcus` Gürtel hing und vor ihm hin und her zuckte.

Am nächsten Morgen traf Fabius früh mit Cornelia und Valentina bei Marcus` Haus ein. Die beiden Männer berieten sich kurz, nahmen anschließend Abschied von ihren Familien und bestiegen ihre Pferde. Helena überreichte ihrem Vater noch einen kleinen Kranz aus hübschen weißen Blumen. Sie hatte viel Ruhe und Ideenreichtum, um anderen Menschen auch mit kleinen Dingen eine große Freude zu bereiten. Marcus dankte und malte Helena zwei Handzeichen in die Luft.

„Ich liebe euch!“

Dann ritten sie los.

„Was bedeuten die Handzeichen?“, fragte Julia ihre Tochter.

„Sie bedeuten ´ ich werde zurückkehren` und ´sei stark`“, antwortete Helena ernst.

Mit einem mulmigen Gefühl gingen sie zurück ins Haus.

Marcus und Fabius ritten schnell. Auf der Via Postumia sollten sie 2 Tage benötigen, um schließlich am frühen Abend in Placentia auf die römischen Truppen zu stoßen. Dort angekommen, meldeten sie sich bei ihrem Centurio.

Fabius begab sich unmittelbar zu seiner Artillerieeinheit, während Marcus noch warten sollte.

„Marcus, auf ein Wort“, sagte der Centurio und ging mit ihm in ein Zelt, in welchem sie auf mehrere Centuriones der Legion und auf Aetius trafen.

„Marcus, bitte tritt näher“, sagte Aetius.

So wurde Marcus eingeweiht in die jüngsten Geschehnisse, die ersten taktischen Planungen, wobei insgeheim jeder in diesem Raum gespannt war, welche Maßnahmen Marcus in die vorhandenen Planungen einzustreuen vermochte. Es wurde ein langes Gespräch. Marcus schlug unter anderem vor, von Süden her kommend einige Meilen vor Orléans zu rasten. Die Westgoten sollten zu dieser Zeit mit dem Überfall auf die Hunnen beginnen.

Früh am nächsten Morgen setzte sich das römische Heer, bestehend aus 20.000 Soldaten, in Bewegung. Sie marschierten stramm und trafen nach vielen Tagen etwa 20 römische Meilen vor Orléans ein. Es war später Nachmittag. Wie geplant attackierten die Westgoten zu dieser Zeit bereits die Hunnen und drängten diese von den Toren Orléans zurück.

Immer weiter verlagerte sich das Kampfgeschehen Richtung Nordwesten. In den frühen Stunden des nächsten Tages stieß das römische Heer zu seinen Verbündeten. Auf den ´Katalaunischen Feldern`, mit den Westgoten auf der linken und dem römischen Heer auf der rechten Flanke, sollte die große Schlacht also beginnen.

Es gab ein fürchterliches Gemetzel. Gegen Mittag fiel der Centurio aus Fabius` und Marcus` Einheit, so dass Marcus als Stellvertreter die Einheit übernahm. Plötzlich entdeckte er einen kleinen Reitertrupp, welcher abseits ihrer rechten Flanke ritt. Marcus drehte sich herum und sah in einiger Entfernung den Heeresführer Aetius auf seinem Pferd sitzen. Schnell war ihm klar, dass die Hunnen in ihrer misslichen Lage versuchen würden, Aetius niederzustrecken. Marcus lief zu Fabius, und ritt kurz darauf mit zehn weiteren römischen Soldaten in Richtung Aetius. Es ging um Sekunden. Einer der hunnischen Reiter holte gerade zum Schlag aus, als ihn Marcus` anfliegendes Schwert traf und zu Boden schmetterte. Dann attackierten Fabius und die zehn Soldaten von der Seite her kommend die Hunnenreiter und wehrten den Angriff rechtzeitig ab. Noch etwas konsterniert verfolgte Aetius das Geschehen. Kurz darauf erhielt Aetius die Nachricht, dass der Westgotenkönig Theoderich von einem anderen Reitertrupp erschlagen worden sei. So ordnete er nun die Vernichtung der Hunnen an und sollte gegen Nachmittag die hunnischen Streitkräfte entscheidend schlagen und zum Rückzug zwingen.

Nach kurzer Belagerung löste Aetius diese auf und ließ die Hunnen fliehen, was vor allem Fabius mit großer Sorge erfüllte.

Das römische Heer verließ am folgenden Tag seine westgotischen Verbündeten und marschierte zurück in Richtung Rom.

Nach den Festlichkeiten hinsichtlich des Sieges, vielen Gesprächen, Marcus` Beförderung zum Centurio und Fabius` verdienter Beförderung zum optio ballistariorum durften sie etwa zwei Monate später zu ihren Familien zurückkehren. In Rom sollten sie erst nach dem Frühjahr des nächsten Jahres erscheinen. Auf ihrem Weg in die Heimat scherzten die beiden und freuten sich auf die schöne Zeit bei ihren Familien. Doch sie waren auch lange Zeit sehr still und nachdenklich. Zwar hatten sie eine Schlacht gewonnen, allerdings waren Tausende Soldaten ums Leben gekommen. Auch durch ihre Schwerter.

Schließlich in Aquileia angekommen, wurden sie von ihren Familien überschwänglich begrüßt und sollten eine sehr schöne und unbeschwerliche Zeit ohne Krieg haben.

Marcus genoss die Zeit in der Heimat sehr, war jedoch ob seiner Beförderung zum Centurio äußerst aufgeregt. Der Winter hielt nun Einzug. Marcus und Fabius gingen oft nach ihrem Training durch die Gegend und sprachen über die anstehenden Aufgaben. An einem dieser Tage erzählte Fabius von einem Bekannten.

“Ich habe einen guten Freund in Rom. Es wird erzählt, dass Attila möglicherweise dabei ist, ein neues Heer aufzubauen. Wir hätten ihn damals vernichten sollen. Er ist ein verfluchter Mörder und Scharlatan“.

„Wie sicher ist diese Quelle?“, fragte Marcus. „Immerhin hat sein Heer einen gewaltigen Verlust erlitten. Und solange es keine exakten Hinweise darauf gibt, werden wir nicht in Panik verfallen. Das Heer wurde zerschlagen und Attila gedemütigt“.

So verging die Zeit und es wurde Frühling. Am späten Morgen eines schönen und ruhigen Tages tauchte völlig unerwartet ein Reiter auf und übergab Marcus eine Pergamentrolle. Marcus las und erschrak. Fabius` Befürchtungen und Informationen hatten sich bestätigt. Attila war tatsächlich dabei ein neues Heer anzuführen. Truppenbewegungen in Richtung Oberitalien wurden beobachtet.

„Aquileia“, flüsterte Marcus, verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. <Was sollte Attila in Aquileia? Diese Gegend ist nicht mit Schätzen bestückt und strategisch ebenfalls nicht wertvoll>, dachte er sich. <Außerdem ist hier eine äußerst starke und erfahrene Legion stationiert und die Stadt sehr kampferprobt. Ganz abgesehen von einem Zug gegen Rom, für welchen Attilas Heer jedoch nicht groß und stark genug sein könne, gab es kein wirkliches Ziel in Italien>.

„Warum sollte Attila Aquileia und die anderen Städte umgehen, wenn er schon durch Oberitalien marschiert?“, fragte Fabius energisch, als Marcus ihm von der aktuellen Lage erzählte. „Nach seiner herben Niederlage in Gallien und der Tatsache, dass er innerhalb kurzer Zeit ein neues Heer aufstellen kann, wird er Rache üben. Aquileia ist stark, ja, doch wir wissen nicht, wie groß Attilas Heer wirklich ist. Seine letzte Möglichkeit des Erfolges ist ein Schlag gegen Rom. Alles andere ist Unsinn. Er wird gegen Rom ziehen und zuvor in Oberitalien angreifen, um sich zu stärken und zu positionieren. Marcus, wir müssen die Legion in Aquileia und die anderen Städte noch stärker sichern. Bitte bei Aetius um diese Verstärkung und erkläre ihm die heikle Lage. Wir müssen hierbleiben und bei der Umsetzung helfen!“.

„Fabius, wir können und dürfen aufgrund von Vermutungen nicht vergessen, wem wir dienen und was unsere Aufgaben und Pflichten sind. Wie sollte Attila in so kurzer Zeit ein neues und vor allem starkes Heer aufbauen? Wie werden nach Rom reiten. So, wie es gewünscht ist!“

Daraufhin wurde Fabius zornig.

„Ich werde hierbleiben. Ich werde meine Familie nicht alleine lassen. Sag Aetius, ich sei krank oder hätte eine Verletzung! Sag ihm irgendetwas!“.

„Nein, Fabius!“, erwiderte Marcus scharf, „du wirst mit mir nach Rom reiten. Ich bin ranghöher und du wirst meinem Befehl Folge leisten. Ich werde nicht für dich lügen. Du musst an deine Pflicht denken! Zum Schutze Roms! Zum Schutze unserer Kinder. Wir reiten in 3 Tagen!“.

Fabius war danach wie verändert. Die verbleibenden 3 Tage verbrachte er nur noch bei seiner Familie und ließ sich nicht mehr bei Marcus blicken. Am Tage des Abschieds wartete Fabius bereits auf einem nah gelegenen Hügel, während Marcus seine Tochter und seine Frau in den Arm nahm. Wieder malte er seiner Tochter die beiden Handzeichen in die Luft und ritt kurz darauf los. Während des langen Rittes nach Rom sprachen beide Männer nur das Allernötigste. Sie ritten schnell. Marcus musste zusehen, wie sich Fabius` Miene stetig verfinsterte. Er hatte tiefe schwarze Ränder unter seinen Augen. So, als hätte er die letzten Nächte nicht mehr geschlafen.

In Rom angekommen, wandten sie sich sofort ihren Abteilungen und Aufgaben zu. Marcus wurde nach 2 Tagen zu Aetius gerufen, um die Lage zu besprechen. Es stellte sich heraus, dass Attila erneut ein enormes Heer aufgebaut hatte und nun in Richtung Oberitalien marschierte. Als Stratege war Marcus sehr gefragt und seine Pläne wurden oft umgesetzt, doch dieses Mal scheiterte er mit seinem Vorschlag, Aquileia und die angrenzenden Städte aufzurüsten und Attila somit von Beginn an den Zahn zu ziehen. Niemand glaubte wirklich daran, dass sich Attila auf seinem Weg nach Rom mit Plünderungen und Gefechten aufhalten würde. Man müsse nun in erster Linie an Rom denken und eine erfolgreiche Strategie entwickeln, um Attila ein für alle Mal zu vernichten. Marcus dachte an Fabius und dessen Befürchtungen.

Dieser fiel derweil damit auf, seiner Aggressivität freien Lauf zu lassen. Er schlug und schrie, er demütigte und befahl während der Kampfausbildungen. Hatte er sich derart verändert oder verfolgte er einen bestimmten Plan?

Als Marcus ihn eines Abends zu Rede stellen wollte, wurde Fabius gerade von Soldaten abgeführt. Er war betrunken und hatte einen anderen Soldaten seiner Einheit verletzt. Sie steckten ihn ins Gefängnis. Einige Tage später besuchte Marcus ihn, um schlechte Kunde zu tun. Fabius` Befürchtungen, Attila könnte Angriffe in Oberitalien starten, hatten sich bewahrheitet. Sein Heer stand vor Aquileia.

Kapitel 1

Emystaya. Der kleine Planet erstrahlte in grünem Glanz im Schein der riesigen wärmenden Sonne. Golden war die Landschaft, prachtvoll die Tierwelt, atemberaubend die üppige Vegetation. Gewaltige Bergketten, tobende Flüsse und mysteriös ruhende Seen; dazu das endlos wirkende Meer. Unerreichte Gebiete, unbekanntes Leben. Eine gigantische Himmelsweite, übersät mit Sternen. So nah, es schien, man könne sie berühren. Es wirkte so wunderbar, so faszinierend.

Bewohner dieses einzigartigen Planeten waren die Shenarier. Tapfer und kämpferisch waren sie. Zudem loyal, hilfsbereit und hingebungsvoll im Umgang mit Alten, Kranken und vor Allem Kindern. Im Übrigen galt das für Frauen und Männer gleichermaßen. Da auch die Frauen durchweg eine stattliche Körpergröße hatten, konnten sie mit einem sehr speziell zugeschnittenen Training enorme Wendigkeit, viel Ausdauer und Kraft erlangen. Und da jede Frau eine solche Ausbildung durchlaufen musste, war der Respekt eines jeden Mannes entsprechend groß. Das shenarische Volk bewohnte in vielen Gebieten große Teile Emystayas. Geführt wurde es über Generationen von königlichen Herrschern in deren prachtvollen Burg ´Khamen Ash`. Hinzu kamen weitere sehr unterschiedliche emystayanische Volksstämme und die 4 Völker der Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer. Zusammen mit den 8 ´Sternenvölkern` aus den Bergen bildeten sie das Leben auf diesem Planeten. Jedes Volk hatte seinen Platz und seine Berechtigung.

Doch so wunderschön dieser Planet auch war; er besaß eine unvorstellbare Fülle an Energie. Äußerst unberechenbare und teils nicht kontrollierbare Energie. Ein gewaltiges und kaum vorstellbares Machtpotenzial. Aus diesem Grund war Emystaya seit Anbeginn im Wandel. Licht und Schatten wechselten sich ab. Kriege zogen auf und brachten viel Leid und Tod mit sich. Alte Völker waren verschwunden, neue Völker waren entstanden.

Einer der großen shenarischen Herrscher über dieses Reich war der junge König Iskermoun. Ein mächtiger Anführer; noch mächtiger als all seine königlichen Vorfahren. Denn er hatte etwas geschafft, was vor ihm keinem anderen Herrscher gelungen war – er vereinte die kriegerischen Sternenvölker und sein Reich unter dem großen Banner Emystayas, nachdem sein stolzer Vater, König Merdargos, in einem Wald von feindlichen Kriegern ermordet wurde. Iskermoun übernahm in tiefer Trauer sein Königreich, schwor Vergeltung und zog mit seinen Verbündeten in einen unbeschreiblichen Krieg. Das Heer der Krieger jedoch war gewaltig. Unter herben Verlusten, vor Allem auf Seiten der Sternenvölker, vertrieb Iskermoun schließlich die Brut. Doch er besiegte sie nicht.

Zorn stieg auf. Die meisten Sternenvölker fühlten sich verraten ob des wirklichen Sinns dieses Krieges und des desaströsen Ausgangs. Sie trennten das Bündnis. Iskermouns Macht schrumpfte.

Noch vor Beginn des Krieges hatte König Iskermoun die junge Frau Perynaia vom Elemente-Volk Luft geheiratet und wurde zum Vater eines kleinen Sohnes – Burandur.

Viel zu jung und sehr unerwartet jedoch verstarb Perynaia. Iskermoun war tief unglücklich. Er zog sich nach Kahmen Ash zurück und war nun alleine verantwortlich für seinen geliebten kleinen Sprössling. Sehr früh wurde dieser mit den königlichen Pflichten vertraut gemacht, um später einmal fortzuführen, was einst wurde geschaffen.

Es war eines schönen Morgens, an Burandurs 7. Geburtstag. König Iskermoun saß an einem Tisch und arbeitete an einem Gegenstand. Es klopfte an der Tür und Burandur grinste in den großen Saal hinein.

„Soldimor, Vater“.

Iskermoun stand auf und breitete seine Arme aus.

„Soldimor, mein Sohn. Ja, es wird bestimmt ein guter Morgen. Bitte komm her zu mir“.

Burandur ging langsam auf seinen Vater zu, blieb dann jedoch stehen, senkte seinen Kopf und schaute mit großen Augen und weit heruntergezogenen Augenbrauen zu Iskermoun hinüber. Plötzlich begann er zu rennen. Schnell, schneller, bis auch er seine Arme ausbreitete und Iskermoun wuchtig entgegensprang. Iskermoun musste froh sein, dass er groß und kräftig war. Ansonsten wäre er bestimmt zu Boden gegangen. Burandur grinste seinen Vater erneut an und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Soldimor, Imou“.

Imou; so hatte ihn Perynaia stets genannt, wenn sie unter sich waren. Iskermoun musste einmal schlucken und gab seinem Sohn ebenfalls einen Kuss auf dessen Wange.

“Alles Gute zu deinem Geburtstag. Komm, ich habe etwas für dich“.

Burandur war gespannt; wie jedes Jahr. Was würde sein Vater ihm wohl schenken?

Burandur nahm das große Geschenk entgegen und wickelte das braune Ledertuch ab. Dann fingen seine Augen an zu leuchten. Mit einem glücklichen Lächeln streckte er sodann den großen Bogen druckvoll in die Höhe.

„Danke, Vater“.

Iskermoun hatte diesen wunderschönen Bogen aus dem seltenen ´Amiskariholz` geschnitzt. In künstlerischer Art und Weise war diese Waffe entstanden über einen langen Zeitraum hinweg. Extrem widerstandsfähig, dennoch geschmeidig im Umgang und so leicht wie ein Tuch. Der Rahmen schimmerte rötlich braun. Darauf waren ein großes ´B` und ein ´Hondrazur`, der Wappenvogel Emystayas, in feinen Linien eingeritzt.

Fortan war Burandur täglich mit seinem Bogen im Schlossgarten unterwegs, um das Schießen zu erlernen. Im Alter von 10 Jahren war er bereits so gut, dass Iskermoun nur noch staunen konnte. Gegenstände aus 100 Schritt Entfernung zu treffen war derweilen kein Problem mehr. Er hatte jedoch auch einen Lehrer allerbester Güte; Elgmur, engster Vertrauter und Berater seines Vaters. Es gab niemanden, der ihm das Wasser reichen konnte. Seine Bogenschüsse waren nicht nur sehr schnell und sehr genau ausgeführt, er vermochte auch aus fast jeder Position zu schießen; und zu treffen. Stehend auf einem beweglichen Untergrund, sitzend, kniend, liegend. Es gab in dieser vollendeten Perfektion nichts Vergleichbares.

„Hey Bur“, sagte Elgmur eines Tages, „schau her!“.

Er nahm Anlauf, sprang auf einen großen Steinblock, drehte sich in der Luft um seine eigene Achse herum und schoss einen Pfeil direkt in einen Baumstamm hinein. Bur (Elgmur nannte Burandur häufig so, da ihm der Name zu lang war) staunte und konnte es kaum glauben. Er war aufgeregt und gespannt, was Elg (Burandur nannte Elgmur häufig so, da ihm der Name zu merkwürdig erklang) noch alles konnte.

„Hey Elg, es wird gleich dunkel. Das mit dem Sprung war ganz ordentlich, doch jetzt möchte ich gerne etwas Anspruchsvolles sehen“.

Elgmur schaute zunächst ein wenig irritiert drein, schmunzelte dann und ging zu Burandur hinüber.

Einverstanden, kleiner Mann. Nimm dir drei Tonvasen und stelle je eine dort hinten vor jeweils einem der Bäume auf. Dann komm zu mir zurück!“.

Burandur tat dies. Er konnte seine Aufregung kaum verbergen. Als er wieder bei Elgmur war, hatte dieser bereits seine Pfeiltasche auf den Rücken gebunden und sich kerzengerade aufgestellt. Mit konzentriertem und nach vorne gerichtetem Blick stand er dort. Nicht einmal ein Haar schien sich an ihm zu bewegen.

„Ich werde nun versuchen, die drei Bäume und die drei Tonvasen zu treffen“.

Burandur hob eine Augenbraue. Er fragte sich, ob das wirklich anspruchsvoll war.

„Ich glaube nicht, dass dir ein solch schwieriges Unterfangen glücken wird, Elg“, scherzte er und grinste.

„Mit zwei Schüssen“, entgegnete Elgmur und grinste kurz zurück.

Bevor Burandur etwas sagen konnte, griff Elgmur mit gespreizten Fingern in seine Pfeiltasche hinein und zog gekonnt drei Pfeile heraus. Wie aus einem Guss spannte er die Pfeile in seinen Bogen ein und kippte diesen rechts herum in die Horizontale. Nur ein kurzes Zielen. Zschschsch. Jeder Pfeil traf einen Baum.

Burandur wollte erneut etwas sagen, doch Elgmur hatte sich bereits hingekniet und drei weitere Pfeile aus seiner Tasche herausgezogen. Wieder legte er die Pfeile an, spannte den Bogen und kippte diesen rechts herum. Ein kurzes Zielen. Zschschsch. Die Tonvasen zerbarsten in viele kleine Teile.

Burandur nickte.

„Elg“, sagte er trocken, „du wirst von Tag zu Tag besser“.

Sie lachten.

Die Jahre vergingen. Burandur war fast 15 Jahre alt und Emystaya noch immer das fantastisch blühende Paradies. Doch König Iskermoun spürte, dass sich etwas veränderte. Er wusste nur nicht, was es war. Ihm erschien es, als sei die Luft kühler, der Boden härter und der Himmel dunkler als sonst.

Sein Gespür sollte ihm schon bald Recht geben.

Am Morgen Burandurs 15. Geburtstags trat Iskermoun vor den Raum seines Sohnes und klopfte an die schwere Holztür. Eine energische und jugendlich tiefe Stimme antwortete.

„Herein!“.

Iskermoun folgte dieser Aufforderung mit einem glücklichen Lächeln und betrat den Raum.

„Soldimor, mein Sohn. Ich gratuliere dir von ganzem Herzen zu deinem Geburtstag“.

Er überreichte Burandur eine kleine Schatulle und setzte sich auf einen großen Stuhl. Burandur bedankte sich, öffnete die Schatulle und fand darin eine silberne Kette. Die Kette seiner verstorbenen Mutter.

„Mutter“, sagte Burandur und senkte seinen Kopf.

„Ja“, seufzte Iskermoun, „sie gehörte ihr, doch nun soll sie an dich gehen“.

Neben der Kette lag ein kleiner Stein. Blau war dieser und wunderschön geformt.

„Der Stein gehörte ebenfalls Deiner Mutter“, sagte Iskermoun. „Auch dieser ist nun für dich bestimmt. Hüte ihn besonders, denn er birgt ein großes Geheimnis. Es wird vielleicht der Tag kommen, an welchem das dir bekannte Leben auf Emystaya vor dem Abgrund steht. Sollte dieser Tag Wirklichkeit werden, wirst du als König regieren und reagieren müssen“.

Iskermoun stand auf, warf seinen Umhang zur Seite und zog ein großes Schwert aus einer rot glänzenden Metallhülle hervor. Ein Schwert, wie es niemand zuvor je gesehen hatte. Anmutig glänzend, leicht, voller Kraft. Iskermoun hatte es viele Jahre versteckt gehalten. Für kein Auge sichtbar, für keine Hand erreichbar. Ohne es zu berühren konnte man seine Schärfe spüren. In der Mitte des silbernen Griffes gab es einen aufwendig geformten Beschlag mit drei kleinen Kerben darin. In der oberen Kerbe steckte ein kleiner grüner Stein. Er hatte eine sehr ähnliche Form wie der blaue Stein, welchen sein Vater ihm zuvor geschenkt hatte; nur ein wenig größer.

„Dann“, fuhr Iskermoun fort, „nimmst du den kleinen blauen Stein und setzt diesen in die untere Kerbe ein! Denn einzig in diese Kerbe passt er hinein. Sobald der Schein des grünen Steines mit jenem des Blauen zusammentrifft, entsteht Energie. Diese Energie, gepaart mit Deinem Mut und Willen, wird Dich zu einem sehr überlegenen Kämpfer machen. Und genau diesen Kämpfer wird Emystaya dann benötigen“.

Burandur nahm das Schwert entgegen und betrachtete es von allen Seiten. Dann schwang er es. Es war, als könne er die Luft zerschneiden. Iskermoun ging zur Tür.

„Morgen werde ich mit dir an einen Ort gehen, von welchem nun auch du wissen musst. Wir reiten sehr früh. Sei bereit, geliebter Sohn!“.

Burandur war überaus stolz auf sein Schwert und durchschritt damit noch einige Zeit lang sein Zimmer. Er nannte es ´PI`; gebildet aus den Anfangsbuchstaben seiner Eltern Namen. Der kleine Stein schimmerte ab und zu in schwachem Grün oder Schwarz. Burandur empfand ihn als wunderschön und ihm war bewusst, dass diese Geschenke eine neue, eine andere Zeit mit sich bringen würden.

Nach einer geschmeidigen Körperdrehung ließ er das Schwert schließlich zurück in die Hülle gleiten, suchte ein geeignetes Versteck für den kleinen blauen Stein und machte sich auf zum Marktplatz.

Dort angekommen, traf er seine Freunde und zeigte ihnen voller Stolz sein neues Schwert. Einige Zeit später blickte er sich um. Der Marktplatz war wie immer sehr belebt. Überall waren Händler und Künstler zu sehen. Kinder tobten herum, aufgeregte Kaufinteressierte und arbeitende Shenarier wirbelten herum. Eine rundum bunte und vielfältige Gesellschaft.

Ein wenig entfernt standen die alten Freunde und Wegbegleiter seines Vaters an einem großen Brunnen. Sie winkten Burandur zu sich herüber, als sich ihre Blicke trafen.

„Hey Kleiner“, sagte Elgmur, „nun hast du also dein eigenes Schwert. Und du kannst es sogar schon alleine tragen, hmm?“.

Die Anderen lachten.

„Gestatten, PI, mein Schwert. Und wenn ich mit der Klinge dieses Prachtstücks die Träger deiner Hose durchtrenne, gibt es etwas, was du gleich nicht mehr tragen kannst“, entgegnete Burandur.

Schallendes Gelächter ertönte, woraufhin Elgmur Burandur freundschaftlich auf den Kopf klopfte.

Bei Elgmur standen Kermug, Bostarmes, Tromanur und Timmitwott.

Kermug war ursprünglich ein bekannter Schmied. Er fertigte seine Schwerter mit einer solchen Hingabe an, dass König Iskermoun irgendwann auf ihn aufmerksam wurde und ihn zu seinem führenden Armeeschmied ernannte. Er begleitete fortan den König auf allen Reisen und auch im Krieg gegen das feindliche Heer der Mhyrosaren-Krieger. Schnell stellte sich heraus, dass Kermug nicht nur die besten Schwerter schmieden, sondern auch exzellent mit diesen umgehen konnte. Unglaublich flink schwang er diese Waffe und dennoch mit einer äußerst präzisen Eleganz. So wurde er in die Leibgarde des Königs berufen und schließlich ein enger Vertrauter Iskermouns.

Neben Kermug stand Bostarmes. Er war ein kleiner, sehr kompakter Kerl, der sich bis auf sein Kurzschwert keiner bestimmten Waffe hingab. Vielmehr vermochte er alle möglichen Gegenstände waffenähnlich einzusetzen. Einen Tonkrug, ein Seidentuch, einen Kochlöffel – er war unberechenbar und für jeden unwissenden Gegner sehr gefährlich.

Schräg hinter Kermug hatte sich Tromanur aufgebaut. Ein Berg von einem Mann, der meist einen braunen Umhang aus Stoff trug. An seiner Seite trug er stets ´Mielmik`; seine gefürchtete Langaxt, welche den kleinen Bostarmes deutlich überragte. Tromanur galt als treuester Gefährte Iskermouns. Er hatte dem König in dessen kriegerischem Wahn gegen die Mhyrosaren ein ums andere Mal entscheidend zur Seite gestanden, ihm in der großen Schlacht sogar das Leben gerettet. Er war teils grob und kantig, jedoch auch einfühlsam und immer für Späße zu haben.

Schließlich stand dort noch Timmitwott. Er war Beobachter und Denker. Mit scharfen Sinnen und einem ganz eigenen Humor. Auch ihm war der Umgang mit dem Schwert nicht fremd, was jedoch die Wenigsten wussten oder ahnten. So war er auch der Einzige, der die flinken Hände beobachtete, welche am Boden hinter Tromanur wuselten. Es waren die Mädchenzwillinge Ebbibal und Limashyll sowie Burandurs bester Freund Tuucks. Sie schnürten vorsichtig ein Seil um Tromanurs Beine und kamen dann hintereinander hervor. Sie begrüßten die anderen und grinsten den ahnungslosen Tromanur frech an. Der wollte sodann mit einem großen Satz auf die Drei zuspringen, stolperte jedoch ob des Seils an seinen Beinen und fiel wie ein Sack Mehl um. Das folgende Gelächter war dann überall zu hören und das freundschaftliche Gerangel zwischen Tromanur, Burandur, Tuucks und den beiden Mädchen nicht zu übersehen. Alle hatten viel Spaß.

Nachdem sich das staubige Knäuel entzerrt hatte und alle wieder aufrecht standen, bat Elgmur seine Freunde und Burandur zu sich.

„Bur, wie geht es deinem Vater? Ich habe ihn schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen. Er wirkte in letzter Zeit sehr unruhig“.

Burandur verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf.

„Ich kann euch leider nichts Genaues dazu sagen. Nur, dass er morgen mit mir an einen ganz bestimmten Ort reiten wird“.

„An einen ganz bestimmten Ort? So, so. Na, das wird bestimmt ein interessanter Tag für dich“, sagte Tromanur. „Gut, wir haben hier noch eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. Warum lauft ihr Vier nicht los und macht noch ein wenig Unsinn, hmm?“.

Burandur blickte zwar etwas unsicher drein, entfernte sich dann jedoch mit Tuucks und den beiden Mädchen.

Die fünf Männer sahen sich an.

„Er wird es ihm also morgen zeigen“, sagte Bostarmes.

„Ja“, entgegnete Kermug, „und auch wir sollten dort sein. Elgmur hat Recht, irgendetwas ist anders als sonst. Wir sollten herausfinden, warum Iskermoun so besorgt ist“.

Die Anderen nickten. Und so trafen sie sich früh am nächsten Morgen und versteckten sich hinter einer Mauer. Sie warteten und warteten, doch Iskermoun und Burandur kamen nicht.

„Sind sie etwa dermaßen früh losgeritten, dass wir sie verpasst haben und uns nun hier mit den Vögeln unterhalten können?“, fragte Timmitwott aufgeregt. „Lasst uns los. Schnell!“.

Unterdessen hatten Iskermoun und Burandur einen dunklen Waldweg hinter sich gebracht und waren kurz darauf an einem Felsen angekommen. Sie hielten an. Es war der vorderste Teil des gewaltigen Vulkans Gongg. Wie eine Art Begrüßungsfelsen. Kantig und hoch, mit vielen kleinen Plattformen. Dahinter fiel der Felsen etwas ab, verbreiterte und erhöhte sich jedoch stark und ging langsam über in die atemberaubende und anmutige Gestalt des Vulkans. Eine steinernde Schönheit der Natur. Dorthin führte Iskermouns und Burandurs Weg.

Stolz saßen sie hoch zu Ross. Beide waren in königlicher Kampfrüstung gekleidet und schwer bewaffnet. Am Fuße des Massivs angekommen, stiegen sie von ihren Pferden ab und banden diese an.

„Hier ist es“, sagte Iskermoun. „Hier ist der Eingang“.

Burandur blickte verwundert auf die Felswand.

„Welcher Eingang?“

Iskermoun grinste und kletterte in eine tiefe Grube hinunter, die sich entlang der Felswand schlängelte. Am Ende der Grube kletterte er ein Stück hinauf und verschwand plötzlich in der Wand. Burandur war verblüfft. Er konnte, so genau er auch schaute, einfach keinen Eingang erkennen. Schließlich tat er es seinem Vater gleich; hinunter in die Grube steigen und am anderen Ende wieder hinauf. Jedoch musste er vorsichtig sein. Messerscharfe Steinsplitter und aus dem Boden der Grube ragende Felskanten zwischen teils dichten und kniehohen Sträuchern hatten sehr wahrscheinlich schon etliche Unwissende zum Rückzug gezwungen. Burandur folgte dem Weg seines Vaters und schaffte den Weg unbeschadet. Endlich angekommen, konnte auch er den Eingang sehen. Langsam und voller Ehrfurcht ging er darauf zu. Ein kurzer Blick zurück, dann verschwand er hinter einer Felsspalte. Iskermoun wartete dort.

„Das, Burandur, ist der Grund, weshalb noch kein Unwissender den größten Schatz unseres Planeten hat entdecken können. Sei es am Tage das Licht der Sonne, sei es das Licht der Sterne in der Nacht; die hervorstehenden Felskanten bilden stets einen oder mehrere Schatten, welche den Anblick dieser Wand derart verändern, dass diese Felsspalte stets wie unsichtbar ist“.

Sie gingen tief in das Berginnere hinein. Es war ein schmaler und dunkler Weg. Mit jedem Schritt wurde es enger und wärmer. Einzig Iskermouns Fackelschein deutete ihnen ein wenig die Richtung. Als Burandur sich schließlich kaum noch bewegen konnte und die Hitze in dem kleinen Gang fast unerträglich geworden war, schlüpfte Iskermoun sehr gekonnt einen schmalen Spalt hindurch, vor welchem er zunächst einen großen Stein zur Seite hatte schieben müssen. Eine große Höhle tat sich auf. Licht trat ein in den kleinen Gang, in welchem Burandur noch stand. Er folgte seinem Vater und war überwältigt ob des Anblickes dessen, was dort vor ihm auftauchte. Wie eine Art riesiger Schleier, der hinein bis in die Spitze des Berges zu ragen schien. In seiner Mitte kreisten zwei große Kugeln. Eine davon war grün, die andere Kugel blau. Ringsherum schwebte eine Unzahl an kleinen weißen Glitzersteinen oder Ähnlichem herum. Burandur war einfach nur fasziniert. Nicht in der Lage, dem Gebilde eine Beschreibung zu geben. Es füllte den Raum in diesem Berg mit all seiner Herrlichkeit. Ließe es jemand hinaus, würde es wahrscheinlich den Raum der ganzen Welt füllen. Der Schleier drehte sich sehr schnell und erzeugte dabei einen enormen Wind. Unter dem Schleier gab es ein großes dunkles Loch. Nichts war darin zu erkennen, doch eine heftig andauernde Saugkraft brachte selbst das undurchdringlich wirkende Schwarz in tobende Wallung. Es wirkte wie die Suche nach irgendetwas Besonderem. Wie ein unbeugsamer Wille, etwas ganz Bestimmtes zu sich ziehen zu wollen. Burandur war wie gebannt und überlegte, weshalb er erst jetzt davon erfahren durfte. Auch, wie etwas so Großes geheim bleiben konnte und wie lange es dieses Gebilde bereits gab, interessierte ihn brennend.

Nach einiger Zeit begab sich Iskermoun zu einem kleinen flachen Felsvorsprung und nahm dahinter Platz. Burandur folgte und setzte sich zu ihm. Hier war es nicht mehr so heiß und auch nicht so laut.

„Was Du hier nun zum ersten Mal sehen darfst, mein Sohn, ist MESPHALION“, sprach Iskermoun mit kraftvoller Stimme. „Das große Geheimnis unseres Planeten. Vor sehr langer Zeit haben unsere Vorfahren diesen Ort entdeckt und seitdem wurde dieses Geheimnis streng gewahrt. Die grüne Kugel dort in dem Schleier; sie stellt unseren schönen Planeten dar – Emystaya. Die blaue Kugel steht für einen anderen Lebensraum – die Erde“.

„Erde?“, fragte Burandur überrascht. „Was ist das für ein fremder Name?“.

Iskermoun lächelte.

„Die Erde ist ein Ort, an welchem ein fremdes Volk lebt; Menschen. Der Mensch ist uns sehr ähnlich. Er lebt und stirbt wie wir, jedoch dauert sein Leben nicht annähernd so lange wie das Unsere. Der Mensch ist an sich nichts Besonderes, doch er birgt eine große Macht, von welcher er allerdings nichts weiß. Und nun höre mir aufmerksam zu!“.

Iskermoun faltete seine Hände.

„Alles begann mit Skagranthus. Er wurde in der späteren Neuzeit unseres Planeten der 1. König Shenariens. Gutmütig, klaren Gedankens und sehr bemüht, aus Emystaya einen lebenswerten Ort zu machen. Er ließ Burgen erbauen, Landschaften besiedeln und hatte ein feines Gespür für den richtigen Umgang mit anderen Völkern. Sein Leben wurde noch vollkommener, als die Königin ihm einen Sohn gebar - Fandirmondt. Viele Jahre lang zog er seinen Sohn mit viel Hingabe auf und dankte täglich den Sternen für die schöne Zeit. Doch im Alter von etwa 16 Jahren nahm die Entwicklung Fandirmondts plötzlich einen anderen Verlauf. König Skagranthus lag im Sterben. Fandirmondt kümmerte das jedoch nicht. Er war ein sehr kluger Junge und schon früh beschäftigte er sich mit Dingen wie Macht und Reichtum. Kurz vor Skagranthus` Tod soll Fandirmondt am Bette seines Vaters folgendes gesagt haben: <Wenn du von uns gegangen bist, werde ich König sein. Emystaya wird sich verändern. Nichts wird sein wie es war>

Es dauerte nicht mehr lange, bis Skagranthus verstarb. Fandirmondt übernahm die Macht als 2. König Shenariens. Und er sollte umsetzen, was er einst zu seinem Vater sagte. Seine Armee wurde stark vergrößert, neue Gebiete wurden besetzt und besiedelt. Sämtliche Schätze gingen in seinen Besitz über. Im Alter von 19 Jahren heiratete er die junge Marnivaya, die ihm im Laufe der Jahre zwei Söhne gebar - Physanoor und Zysamonn. Jedoch starb Marnivaya völlig unerwartet kurz nach der Geburt Zysamonns.

Fandirmondt liebte beide Söhne sehr und zog sie fürsorglich auf, obwohl er nicht glaubte zu wissen, was Liebe ist. Doch selbst die Gier nach Schätzen und weiterem Land wich seinen väterlichen Pflichten und der Trauer um seine Frau. Im Alter von 31 Jahren jedoch kam es erneut zu einer großen Veränderung. Fandirmondt wurde sehr unruhig und verspürte den Drang, erneut nach Höherem zu streben. Es galt, endlich weitere Gebiete sein Eigen nennen zu können. Auch Mediandronn, das gewaltige Bergmassiv und Heimat der Sternenvölker, rückte in sein Visier. Fandirmondt vermutete eine Fülle an Schätzen in den Bergen und war gewillt, sich diese zu nehmen. Da die Sternenvölker Fandirmondts Aufforderungen nicht nachkamen, die Schätze des Berges herauszugeben oder die Wege ins Innere der Berge freizumachen, rückte dieser an seinem 33. Geburtstag mit seinen Soldaten aus. Einen Tagesritt von Mediandronn entfernt stieß er bei einer Anhöhe auf eine große Armee der Sternenvölker, welche ihn bereits erwartete. Tausende von Kämpfern standen sich im Morgengrauen gegenüber, doch es war so leise, als ob beide Seiten gar nicht existierten. Wie Statuen verharrten sie dort. Kaum etwas bewegte sich. Als Wind aufkam, machte sich plötzlich Unruhe breit. Fandirmondt besann sich seines Vorhabens und griff nach seinem Schwert. Langsam zog er es heraus. Der Wind wurde stärker. Die Sonne verschwand hinter großen dichten Wolken. Mit einem Mal schien alles in Bewegung zu sein. Es klapperte und klopfte, Fahnen flatterten, die Kämpfer zuckten. Fandirmondt zog sein Schwert.

DROMMMMMMMMM.Ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Aus dem Wind wurde ein Sturm. Dann begann der Boden zu beben und tiefe Risse taten sich auf. Furcht und Panik setzten ein. Die Armeen wichen zurück, Hunderte an Kämpfern auf beiden Seiten starben. Kurze Zeit später war alles vorbei. Fandirmondt war schockiert und starrte noch lange vor sich hin. Als läge ein dunkler Nebel über seinem Geist. Irritiert gab er irgendwann den Befehl zum Rückzug. Auf Khamen Ash angekommen, zog sich Fandirmondt immer mehr zurück und wurde von Tag zu Tag ruhiger und nachdenklicher“.

„Was hatte er?“, fragte Burandur überrascht.

„Niemand wusste es, doch es muss etwas mit dem Beben zu tun gehabt haben“, antwortete Iskermoun. „Des Bebens Ursprungsort war eine blühende Landschaft direkt am großen Wasser, die den Namen Keltarissonn trägt. Und nun, mein Sohn, schaue genau hin. Kannst du etwas erkennen zwischen den beiden schwebenden Kugeln?“.

Burandur schaute angestrengt hinüber. Er musste sich sehr konzentrieren, bis er schließlich etwas erkannte. Es gab eine weitere Kugel genau in der Mitte der beiden Anderen. Auch diese kreiste, jedoch viel langsamer. Sie war schwarz und deutlich kleiner. Burandur war verblüfft.

„Ich kann sie sehen, Vater“.

Iskermoun fuhr fort.

„Weiß oder schwarz, gut oder böse, Liebe oder Hass; für alles gibt es ein Gegenstück. Und somit birgt auch Mesphalion zwei unterschiedliche Seiten. Grün galt stets Emystaya. Es steht für das Leben, für Liebe, für Einklang und Harmonie. Doch leider führen all diese für uns so positiven Dinge nicht zu einem vollkommenen Gleichgewicht. All das Positive begann sich irgendwann selbst zu bekämpfen und zu zerstören. Emystaya muss gewusst haben, wie dicht es dem Abgrund bereits war. Vielleicht gibt es deshalb die schwarze Kugel. Warum auch immer, sie scheint einen Ausgleich zu schaffen. Möglicherweise einen Ausgleich für das, was uns zerstören kann. Und nun kommt der Mensch ins Spiel. Der Mensch besteht, genau wie wir, aus einem Körper und einer Seele. Verstirbt ein Mensch auf der Erde, verschwindet nach einiger Zeit sein Körper. Was bleibt, ist seine Seele und eine unsichtbare Hülle, die den Menschen zu Lebzeiten umgibt. Diese Hülle besteht aus purer Energie. Sie kann positiv oder negativ sein. Wie positiv oder negativ eine Hülle ist, hängt von der Reinheit der Seele ab. Menschen, die viel Gutes tun, ganz besondere positive Eigenschaften oder Fähigkeiten haben, besitzen eine sehr reine Seele und bauen im Laufe eines Lebens eine Hülle mit viel überwiegend positiver Energie auf. Seele und Hülle lösen sich nach dem Tod vom Körper des Menschen und schweben in die unendlichen Weiten des Himmels hinein. Mesphalion zieht diese Seelen an, bedient sich der positiven Energie und zerstört den negativen Anteil. Schließlich werden die Seelen in die Weiten des Himmels geleitet. Aus ihnen entsteht nach einiger Zeit ein kleiner Stern. Es ist wie ein neues Leben. Der entstandene Stern erzeugt Licht für unseren Planeten. Seelen mit überwiegend negativer Energie hingegen werden komplett zerstört. Wir wissen bis heute nicht, wie, doch wir wissen, dass Mesphalion einige der positiven Seelen einfängt und festhält. Woher wir das wissen? Nun ja, es wurde halt irgendwann so erzählt“.

Iskermoun zog eine Augenbraue hoch.

„Viele Bewohner schmunzeln noch heute. Auch ich hatte es für ein Märchen gehalten. Bis ich eines Tages hierher kam und ungeplant den ganzen Tag an diesem Ort verbrachte. Ich konnte mich einfach nicht lösen, ging auf und ab, schaute mir die Felswände wieder und wieder an. Irgendwann wurde ich müde und setzte mich genau hier hin. Tja, und mit einem Mal sah ich es – einen ganz schwach schimmernden Umriss mit etwas blau Leuchtendem. Ich stand auf und ging ganz nah an das dunkle Loch heran. Sehr langsam glitt das Gebilde in Richtung der schwebenden Kugeln. Es verformte sich dauernd, behielt jedoch stets eine unserem Körper ähnliche Form. Und der bläuliche Schein hielt sich in dem Teil des Körpers auf, der wie ein Kopf aussah. Ich stand dort wie gelähmt. Der Umriss stieg weiter hinauf, bis er ebenfalls in die Rotation der Kugeln aufgenommen wurde. Es war eine Seele. Diese Seelen gehören fast ausschließlich verstorbenen Kindern mit all ihren reinen Gedanken und werden von Mesphalion aufbewahrt. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden Seele und Hülle an einen bestimmten Ort geleitet. Einen Ort, an welchem sich stets shenarisches Leben befindet. Unter der menschlichen Hülle entsteht dann innerhalb kurzer Augenblicke ein neuer gesunder Mensch. Er bildet seinen Körper aus Erde, Wasser, Luft und Licht. Anschließend verbindet sich dieser neue Körper mit seiner Seele. Ein wahres Meisterwerk des Lebens und der Energie. Mit dem kleinen Unterschied, dass es ein erkennbar shenarischer Mensch ist“.

Iskermoun musste kurz grinsen.

„So wird den verstorbenen Kindern ein neues Leben geschenkt. Hier auf Emystaya. Ein weiteres Leben, eine zweite Chance, bis auch dieses Leben hier irgendwann erlischt und sie ebenfalls als Stern in den Weiten des Sternenreiches ihren Platz finden. Einen Platz bei ihren Liebsten. Auch diese Sterne geben Licht und Energie für unseren Planeten. Was dann geschieht, vermag ich leider nicht zu erklären. Doch ich glaube sehr fest daran, dass das Leben immer weitergeht. Energie kann nicht verschwinden. Sie lässt irgendwann immer etwas Neues entstehen. Und wahrscheinlich ist es dort oben als Stern am allerschönsten. Ich sprach soeben über die Kinderseelen und von ´fast ausschließlich`. Das tat ich aus gutem Grund, denn Mesphalion birgt ein weiteres Geheimnis. Es ist äußerst selten, doch es kommt vor, dass auf der Erde Menschen leben, die einen unglaublichen Willen, eine ungeahnte geistige Stärke oder Fähigkeit in sich tragen. Auch diese scheinbar rein positiven Seelen nimmt Mesphalion auf und schenkt ihnen ein neues Leben auf unserem Planeten. Jedoch behält diese Seele ihre gesamte Energie und die der Hülle und kann hier von dem Menschen in einer Art und Weise genutzt werden, wie wir es niemals erwartet hatten. Stärke, Mut, Schnelligkeit und ein unbeugsamer Willensgeist sind ihnen beschert. Und sie können damit sogar unsereins übertreffen. Wenn Mesphalion Seele und Hülle eines solchen Menschen freigibt, färbt sich der Himmel für eine kurze Zeit leuchtend rot. Kurz danach ist auch dieser Mensch aus Erde, Wasser, Luft und Licht neu entstanden. Sein Äußeres entspricht hier nicht mehr dem des Menschen auf der Erde. Er nimmt den leicht rötlichen Teint und die markanten Gesichtszüge der Shenarier an. Zudem das lange hellbraune Haar und unsere stolze Größe; wenn wir Bostarmes einmal außer Acht lassen“.

Iskermoun entglitt ein kurzes Grinsen.

„Auf jeden Fall erkennen wir, dass die Erdenmenschen nicht wirklich mit Schönheit gesegnet sind“.

Burandur musste sich trotz seiner Aufregung das Lachen verkneifen.

Iskermoun fuhr in ernstem Ton fort.

„Über die schwarze Kugel hingegen nimmt Mesphalion auch Seelen mit rein negativer Energie auf. Sie scheinen geprägt zu sein von unbändigem Hass oder unendlich tiefer Trauer. Es war kurz nach besagtem Beben, welches weite Teile des Landes zerstörte. Damals fand ein armer Bauer eine kleine schwarze Kugel, die einen schmalen Weg entlang rollte. Zuerst dachte sich der Bauer nichts dabei, doch die Kugel zog seinen Blick auf sich. Sie rollte immer weiter. Er folgte dem kleinen Objekt; tagelang. Fasziniert vergaß er alles um sich herum. Außerdem schien nur er die Kugel bemerkt zu haben. Kein anderer Shenarier nahm sie wirklich wahr. Nach zwei Wochen rollte die Kugel auf das gewaltige Bergmassiv Mediandronn zu. Zu diesem Zeitpunkt war der Bauer nur noch ein Schatten seiner selbst. Seit Beginn der zweiten Woche war er ohne Wasser und Brot, nahezu jeden Knochen seines Körpers konnte man erkennen. Seine Füße waren blutig gelaufen, die Augen nur noch einen Spalt breit geöffnet. Doch er schleppte sich weiter, bis er schließlich auf einem Felsvorsprung zusammenbrach. Einen Tag später