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Eintauchen in das dystopische Universum von Méto MÉTO ist zurück. Als Junge hat er die HÄUSER befreit, schreckliche Orte, an denen Kinder gefangen gehalten und terrorisiert wurden. Jetzt ist er 17, seine Freunde sehen in ihm einen Helden, aber er wird im gesamten Land als Verräter gesucht. Als Méto erfährt, dass seine Schwester entführt wurde, akzeptiert er, ohne lange zu zögern, die Forderungen der Entführer: Er wird mit dem Lösegeld in einen Metallsarg gesperrt und in die schwarze Zone gebracht – eines der verseuchten Gebiete, die nach dem Dritten Weltkrieg von den Behörden aufgegeben wurden. Méto deckt unmenschliche Missstände auf, Bösartigkeiten der Regierung des Triumvirats. Und bald schon weht auch hier der Wind der Revolution!
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Ich wäre nie zu dem fähig, worauf Sie sich eingelassen haben.«
»Was?«, fragte ich leise.
»In einem verschlossenen Sarg zu reisen.«
»Ich hoffe, dass die Vorstellung schlimmer ist als die Erfahrung selbst.«
»Sie sind ganz schön optimistisch!«
Gelingt Méto der große Coup und er kann den Funken der Revolution in die schwarze Zone tragen?
Der Kampf gegen das Unrecht geht weiter!
Yves Grevet in der Reihe Hanser:
MÉTO. Das Haus
MÉTO. Die Insel
MÉTO. Die Welt
Yves Grevet
Aus dem Französischen von Stephanie Singh
Die Schlaftabletten habe ich abgelehnt. Herr James hatte sie mir netterweise angeboten, ehe er den Deckel des Metallsargs zuschrauben ließ, in dem ich nun mehrere Stunden liegen muss. Ich will die Kontrolle über meinen Körper und meinen Geist nicht verlieren. Doch ich weiß, dass ich durch die Entscheidung, wach zu bleiben, gleich eine der furchterregendsten Erfahrungen meines Lebens machen werde. Natürlich wurde auf Höhe meines Kopfs ein Luftloch in den Sarg gebohrt, doch es ist winzig und lässt kaum Tageslicht hindurch. Ich kann mich kein bisschen bewegen. Meine Arme werden an meinen Körper gedrückt; meine Nasenspitze berührt das kalte Metall. Ich muss irgendwie vergessen, dass ich in einem extrem engen Raum eingesperrt bin, und mich auf etwas anderes konzentrieren. Caelina hat mir geraten:
»Denk an uns beide, wie wir den Strand und die Wege auf unserer Insel entlanglaufen, durch Wind und Regen, oder wie wir nachts im Meer schwimmen, über uns die Weite des Weltalls.«
Momentan gelingt es mir nicht.
»Sie sollten nicht so hektisch atmen, Méto«, schlägt Herr James vor. »Sie müssen sich unbedingt entspannen. Sonst können Sie den Kontrollpunkt zwischen der gesunden und den kontaminierten Zonen nicht passieren. Die Polizisten untersuchen die Metallkiste wahrscheinlich ganz genau. Und wenn sie Sie entdecken … Ich erinnere Sie daran, dass Sie auf dem Kontinent noch immer wegen revolutionärer Handlungen gesucht werden.«
Den guten Mann würde ich gerne mal an meiner Stelle sehen. Glaubt er, es sei leicht, in einem derart beängstigenden Kasten das eigene Stresslevel zu kontrollieren? Er, der sein Leben noch nie aufs Spiel setzen musste und ganze Tage mit Buchhaltung zubringt?
Herr James verwaltet das riesige Erbe, das mein vor wenigen Wochen verstorbener Großvater Marc-Aurel meiner Mutter über die Verissimus-Stiftung hinterlassen hat. Er wusste, dass ich sein Geld ablehnen würde. Er war es, der einen Telefonanruf von den Entführern meiner kleinen Schwester erhalten und mich informiert hat. Appolonia ist sieben und lebt mit meinen Eltern auf dem Kontinent. Gestern wurde sie entführt. Ich weiß nicht, woher die Kidnapper wissen, dass ich mit meiner Familie Kontakt habe. Sie ließen sich nicht auf Verhandlungen ein. Für das Leben meiner Schwester verlangen sie eine Million Ecus in kleinen Scheinen. Ich allein soll ihnen die Summe versteckt in einem Sarg in der kontaminierten Zone übergeben.
Gestern, als ich die Nachricht von der Entführung erhielt, rief ich sofort meine Freunde zusammen, um sie zu informieren. Claudius reagierte wie der große Bruder, der er schon immer für mich war:
»Was soll dieser Quatsch, Méto? Du, in einem Sarg mit dem Geld? Du bist also Teil der Erpressung und wirst die Insel verlassen? Und dann behalten sie dich, stimmt’s? Oder sie töten dich? Und das willst du wirklich machen?«
»Das Leben meiner kleinen Schwester steht auf dem Spiel«, argumentierte ich.
»Sieht aus, als wolle jemand eine Rechnung begleichen«, vermutete Octavius.
»Wer könnte es auf mich abgesehen haben?«, überlegte ich.
»Machst du Witze?«, gab mein Freund zurück. »Du hast den Aufstand angezettelt, der das Ende der Häuser auf den Inseln bedeutete.«
Octavius sprach von den gefängnisartigen Heimen, in denen wir als Kinder lange Zeit eingesperrt waren. Diese Ereignisse lagen aber schon zwei Jahre zurück. Seitdem lebe ich mit meinen Freunden auf der Insel Helios, wo wir eine selbstverwaltete Kommune gegründet haben. Sie dient auch als Zufluchtsort für Menschen, die andernorts abgelehnt werden. Das Zusammenleben so vieler verschiedener Gruppen ist nicht immer leicht. Aber es gelingt uns, weil wir uns alle Mühe geben. Seit dem Tod von Marc-Aurel werde ich auf dem Kontinent bestimmt gesucht. Doch hier auf der Insel habe ich nichts zu befürchten – wenigstens dachte ich das bis heute. Was wird mit mir geschehen, wenn ich sie verlasse? Ich sprach weiter:
»Octavius, wir sind seit Beginn der Rebellion zusammen. Ohne dich, Titus und Claudius hätte ich nie die Kraft und den Mut gefunden, alles zu schaffen.«
Caelina stand schweigend neben mir. Sie dachte schon an die nächsten Schritte. Ich wandte mich fragend an sie.
»Wer überleben will, muss seine Gegner kennen«, stieß sie schließlich hervor. »Was weißt du über die Entführer?«
»Die Kidnapper waren als Polizisten verkleidet. Ein paar Hundert Meter vor dem Sommerhaus meiner Familie haben sie eine Straßensperre aufgebaut. Sie haben den Fahrer und die Leibwächter ermordet und Appolonia aus den Armen meiner Mutter gerissen. Meine Mutter war hilflos. Ich frage mich, wie sie sich wohl gerade fühlt.«
»Und dein Vater? Hast du mit ihm gesprochen?«, fragte Octavius – vermutlich in der Hoffnung, mich von meinem Vorhaben abhalten zu können.
Ich riss mich zusammen, um keine Gefühle zu zeigen. Wenn Appolonia etwas geschähe, wäre auch er am Boden zerstört. Meine kleine Schwester ist das Wichtigste für meine Eltern. Meine Mutter ist krank und hat vergessen, dass sie vor ihrer Tochter bereits einen Sohn bekommen hat, und mein Vater glaubte lange, ich sei tot.
»Er ist so schnell wie möglich von seiner Mission in den schwarzen Zonen heimgekehrt, um bei meiner Mutter zu sein. Sie sind verrückt vor Sorge. Ich habe mit ihm gesprochen. Er tat alles, um mich davon abzubringen, mich den Entführern auszuliefern. Aber vergeblich.«
»Um auf die Entführung zurückzukommen«, sprach nun Claudius, »die war ja komplett durchgeplant. Zweifelsohne von ehemaligen Militärs.«
»Man müsste die Übergabe beobachten«, meinte Caelina, »natürlich ohne sich erwischen zu lassen, um notfalls einzugreifen …«
»Kommt nicht infrage!«, rief ich. »Sie haben gedroht, meine Schwester zu töten, wenn ich mich nicht an ihre Bedingungen halte. Ich werde kein Risiko eingehen. Sobald sie in Sicherheit ist, könnt ihr mir helfen, wenn ihr wollt.«
»Dann riskieren wir, zu spät zu kommen«, warnte Caelina nervös. »Wir müssen Geronimo kontaktieren. Mit seinem Netz von Informanten jenseits der gesunden Zone könnten wir bestimmt mehr über die mafiösen Gruppen herausfinden, die eine solche Aktion organisieren könnten. Falls es eine dieser Gruppen war. Wir müssen alle Chancen nutzen.«
Sie hatte recht. Geronimo vertraue ich. Auch er war früher im Haus auf Helios eingesperrt und ist nun Anführer der »Hundszähne«, einer Organisation, die auf dem Kontinent seit Langem für die Abschaffung der Bevölkerungsgesetze kämpft. Diese Gesetze beschränken die Größe von Familien auf ein Kind und verpflichteten die Eltern bis vor Kurzem, ihre anderen Kinder den Häusern »anzuvertrauen«. Die Eltern mussten die Kinder, die sie weggaben, selbst auswählen und einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen. Geronimo ist der größte Feind des Triumvirats. So nennt man die drei Superreichen, die über Zone 17 herrschen. Zu ihnen gehörte, bis zu seinem Tod, auch mein Großvater. Ich persönlich glaube, dass jene, die sich unserem Aufstand nicht anschlossen und von der Insel verbannt wurden, meine Feinde sind. Vielleicht sind es aber auch die Behörden.
Schweigend sah ich meine vier Freunde an. Ich merkte, dass sie mit meiner Entscheidung nicht einverstanden waren. Aber sie respektierten sie oder wussten nicht, wie sie mich davon abbringen sollten, und versuchten deshalb sofort, mir zu helfen. Wir hatten mehrere Probleme zu lösen. Wie sollte ich Zugang zu einer Waffe haben, ohne dass die Entführer sie in die Hand bekämen? Wie sollte ich meinen Freunden nach der Übergabe meinen Aufenthaltsort mitteilen, falls die Entführer mich – wie erwartet – nicht wieder gehen lassen würden? Wir studierten Karten, machten uns Notizen und stellten Thesen über mögliche Zielorte auf. Die infizierten Gebiete sind riesig im Vergleich zur weißen Zone, der sogenannten Zone 17, die als gesund gilt und ganz im Osten eines Landes liegt, das man früher Frankreich nannte. Ich würde also in der kontaminierten Zone sein … aber wo?
Einen Großteil der Nacht verbrachte ich allein mit Caelina. Wir fanden nicht in den Schlaf. Ich dachte an meine kleine Schwester und an meine Mutter. Erst spät und völlig erschöpft schlief ich ein, nachdem ich meiner Freundin versprochen hatte, am Leben zu bleiben.
»Ich habe keine Lust zu sterben«, sagte ich. »Ich bin gerade 17 Jahre alt geworden, und wir beide wollen noch viel miteinander erleben.«
Lange vor dem verabredeten Zeitpunkt wachte ich auf. Ich hatte von Appolonia geträumt, von deren Existenz ich erst vor zwei Jahren erfahren hatte – nachdem es mir gelungen war, aus dem Haus auf Helios zu fliehen. Dort war ich seit meinem zehnten Lebensjahr eingesperrt gewesen. Irgendwann fand ich meine Eltern und meine Schwester. Schon bei der ersten Begegnung mit Appolonia begriff ich, dass wir eine tiefe Verbindung zueinander hatten. Wir liebten uns sofort. Ich war ihr nie böse. Sie war nicht dafür verantwortlich, dass ich bei ihrer Geburt weggegeben worden war. Heute sehe ich meine Familie zwar nur selten, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Aber ich denke viel an meine Schwester. In jener Nacht träumte ich von ihr. Sie erzählte mir eine Geschichte und blätterte dabei in einem Buch. Sie kannte jeden Absatz auswendig. Sie veränderte ihre Stimme, um wie der böse Bär zu brummen oder in hohen Tönen einen ängstlichen Vogel zu imitieren. Doch dieser schöne Moment verwandelte sich in einen Albtraum, als das Zimmer sich plötzlich verdunkelte und wir uns in einen Schrank flüchten mussten. Ich wachte entsetzt auf, als das Monster, das uns entdeckt hatte, wild an den Türen rüttelte. Wo ist meine Schwester jetzt? Bestimmt fühlt sie sich völlig verlassen, hat Angst und begreift nicht, was mit ihr geschieht. Ich hoffe, die Entführer behandeln sie gut und planen, sie wie verabredet meinen Eltern zurückzugeben, sobald sie das Lösegeld haben.
Gegen sechs Uhr früh kletterte ich in Juans Boot. Diesmal machte er die Überfahrt von Helios zum Kontinent nur für mich. Ich blieb bei ihm in der Kabine und beobachtete ihn schweigend beim Navigieren. Ich fand nicht die Kraft, mit ihm zu sprechen. Er machte mir aber keine Vorwürfe und gab sich damit zufrieden, mich wohlwollend zu betrachten. Bestimmt erinnerte er sich an unsere ersten Überfahrten, als ich für die schrecklichen Chefs des Hauses als Spion arbeitete und unter falscher Identität Missionen auf dem Kontinent ausführte. Juan spielte schon damals ein doppeltes Spiel, weil er zwar für das Haus auf Helios arbeitete, zugleich aber den Hundszähnen half. Juan und mir war es damals offiziell untersagt, auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Ich wusste damals nicht, ob es ihm genauso ging, aber ich hatte sofort das Gefühl, er sei verlässlich und wir fänden uns eines Tages auf derselben Seite wieder. Bis heute verstehen wir uns ohne Worte.
Herr James hatte Männer zum Hafen geschickt. Sie erwarteten mich in einem Auto mit verdunkelten Fenstern. Während wir in Richtung Stadtzentrum zu den Büros der Stiftung fuhren, beobachtete mich der Mann auf dem Rücksitz. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ich spürte sein Mitgefühl. Einige Minuten bevor das Auto anhielt, flüsterte er mir zu:
»Ich wäre nie zu dem fähig, worauf Sie sich eingelassen haben.«
»Was?«, fragte ich leise.
»In einem verschlossenen Sarg zu reisen.«
»Ich hoffe, dass die Vorstellung schlimmer ist als die Erfahrung selbst.«
»Sie sind ganz schön optimistisch! Ich habe richtig Platzangst. Ich bekomme schon bei einer Fahrstuhlpanne Panik …«
»Klappe, Shaun!«, rief der Fahrer. »Du wirst nicht fürs Quatschen bezahlt!«
Das Treffen mit den Entführern findet knapp eine Stunde später auf einem einsamen Parkplatz statt. Ich liege im Sarg. Es wird kein Wort gewechselt. Männer laden meinen Sarg ruhig in einen Lastwagen. Ich konzentriere mich auf meine Atmung, um nicht durchzudrehen. Der winzige Lichtstrahl, der durch das Luftloch dringt, verschwindet, als die Ladeklappe geschlossen wird. Fast sofort beginnt der Laster zu vibrieren. Wir fahren los. Automatisch schließe ich die Augen und konzentriere mich auf die Gerüche. Ich glaube, dass wir noch immer in der gesunden Zone sind. Wir fahren eine gute Stunde, ehe wir langsamer werden und schließlich anhalten. Ich höre Hundegebell und Militärstiefel auf dem Asphalt. Wir müssen den Kontrollpunkt der Zone 17 erreicht haben: die Grenze zwischen der gesunden Zone und dem restlichen Kontinent.
Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Herr James hat mir zu verstehen gegeben, dass die Entführer mich vielleicht aus meinem metallischen Albtraum befreien, sobald wir auf der anderen Seite sind. Jemand öffnet die Ladeklappe des Lastwagens, aber niemand inspiziert den Inhalt der Ladung.
»Das ist ein infizierter Leichnam für die Autopsie«, erklärt jemand. »Ich rate Ihnen davon ab, sich zu nähern.«
»Ihr Passierschein sieht korrekt aus«, antwortet der andere nach kurzer Überlegung. »Ich werde das trotzdem im Hauptquartier bestätigen lassen.«
»Hoffentlich dauert das nicht zu lange, Herr Offizier. Ich möchte diese vergiftete Ladung so schnell wie möglich loswerden.«
Der andere antwortet nicht. Die Ladeklappe wird geschlossen. Für etwa eine halbe Stunde ist es still.
»O.k., alles klar!«, ruft schließlich der Offizier. »Ein Tipp: Halten Sie sich nicht zu lange hier auf. Hier treiben Straßenräuber ihr Unwesen.«
Der Wagen fährt wieder los. Jetzt durchqueren wir die riesigen Obstgärten voller Esperen-Birnen, die Zone 17 umgeben. Ihr süßlicher Geruch ist leicht zu erkennen. Die von meinem Großvater patentierte Birnensorte soll bald die Böden reinigen und wieder fruchtbar machen, die während des Dritten Weltkriegs vor ungefähr fünfzehn Jahren kontaminiert wurden. Auf fast der ganzen Welt wurde mit chemischen und biologischen Waffen gekämpft. Dazu kamen Atombomben. Mein Großvater Marc-Aurel hat sein riesiges Vermögen und seine Machtposition hauptsächlich auf der Lüge von dieser »Wunderpflanze« aufgebaut. Weder Geronimo noch ich konnte diese Lüge bisher entlarven, da mein Großvater sonst alles getan hätte, um Helios zu zerstören. So war die Abmachung. Marc-Aurel erlaubte mir, meine Kommune auf Helios zu gründen, und dafür bewahrten wir Stillschweigen über seine zweifelhaften Geschäfte und darüber, was wirklich in den Häusern passierte. Jetzt, nach dem Tod des alten Verbrechers, ist es Zeit, seine Untaten aufzudecken und seine Komplizen zu entmachten.
Wann werden sie mich hier herausholen? Jedes Mal wenn das Auto an einer schwierigen Stelle langsamer wird, hoffe ich darauf. Schreien wäre sinnlos. Das Motorengeräusch würde mich übertönen. Ich weiß nicht, wie lange sie mich leiden lassen werden. Jetzt erreichen wir einen Wald, in dem die Luft feucht ist. Manchmal riecht es beißend. Bestimmt sind das konzentrierte Rückstände von Giftstoffen, die sich in den klebrigen Tümpeln angesammelt haben. Die Tümpel habe ich bei meinen seltenen Ausflügen in die kontaminierte Zone entdeckt, die ich mit meinem Vater und seinen Forscherkollegen unternommen habe. Wir trugen Gasmasken mit Kartuschen, um die Schadstoffe aus der Atemluft zu filtern. Mir wurde erklärt, dass man ohne diesen Schutz ohnmächtig werden könne, wenn man sich den »Teufelstümpeln« nähere. In diesem engen Kasten durfte ich jetzt auf keinen Fall ohnmächtig werden. Ich war nicht sicher, ob ich den Kopf weit genug drehen konnte, um mich zur Seite zu übergeben. Ich würde also an meinem eigenen Erbrochenen ersti… Darüber darf ich nicht nachdenken. Ganz leise flüstere ich: »Caelina … Caelina … Caelina …«, wie ein magisches Mantra, bis mir das sanfte Gesicht meiner Freundin erscheint. Ich versuche, mich an ihren Geruch und an den Klang ihrer Stimme zu erinnern. Nach einigen Sekunden beruhige ich mich. Mein Atem wird langsamer und regelmäßiger. Der Stress scheint vorüber – zumindest vorläufig.
Ich muss für eine Weile eingenickt sein; als ich erwache, habe ich Durst. Beim Schlucken schmerzt mich der Speichel im Hals beinahe. Der Sarg wird durchgeschüttelt, weil die Straße voller Schlaglöcher ist. Ich bin so eingeengt, dass mein Körper nicht einmal gegen die Wände des Sargs prallt. Und doch spüre ich, wie ich nach links und rechts rutsche. Die Spanngurte, die den Sarg bis jetzt an Ort und Stelle hielten, müssen sich gelockert haben. Ich glaube, der Wagen hat deutlich beschleunigt. Mein Magen krampft sich zusammen, und ich spüre wieder die Angst in mir aufsteigen. Plötzlich bremst der Wagen abrupt ab, und mein Kopf knallt gegen den Sargdeckel. Ich höre Schreie, dann Schüsse. Die berüchtigten »Straßenräuber«, von denen der Offizier an der Grenze sprach, müssen aufgetaucht sein. Meine Beine zittern unkontrolliert. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich einen Toten spielen kann. Jemand brüllt dem Fahrer und seinem Begleiter Befehle zu.
»Kommt mit erhobenen Händen raus! Beeilt euch, oder wir erschießen euch gleich!«
Die Türen werden geöffnet. Meine Entführer haben sich entschieden, keinen Widerstand zu leisten. Ich hoffe, dass sie einen Plan haben, um uns aus dieser Lage zu befreien. Die Ladeklappe wird plötzlich aufgerissen. Ein Lichtstrahl dringt in meine Kiste. Ich schließe den Mund und atme durch die Nase.
»Ladet die Ware ab!«, ruft jemand.
Ich spüre, dass sich der Sarg bewegt. Man trägt mich hinaus.
»Schneller, Idioten!«
Der Sarg muss auf einem abschüssigen Boden stehen, denn ich spüre, wie ich nach vorne gleite. Plötzlich rutscht der Sarg weg und kommt fast vertikal zum Liegen, vielleicht in einem Straßengraben. Mein Kopf hält jetzt fast mein gesamtes Gewicht. Das Blut schießt mir ins Gehirn, und ich bekomme sofort starke Schmerzen. Ich weiß nicht, wie lange man in dieser Position durchhalten kann. Ich versuche, mir einen Zen-Meister vorzustellen, der stundenlang Kopfstand macht. Caelina hat mir so ein Bild in einem ihrer Spionagehandbücher gezeigt. Wenn meine Freundin das zwanzig Minuten durchhalten kann, ohne zu leiden, warum sollte ich es dann nicht können?
Ich versuche, mich auf die Geräusche zu konzentrieren. Scheinbar wird alles aus dem Wagen geholt, was sich darin befindet. Manche Gegenstände knallen auf den Sarg und erschrecken mich. Ein Stoß auf Höhe meiner Füße lässt den Sarg auf die Seite kippen. Die Seite mit dem Loch, durch das ich atmen konnte, liegt jetzt auf dem schlammigen Boden. Wieder ist es in meinem Grab gänzlich dunkel. Ich weiß nicht, ob mein Gefängnis jetzt völlig luftdicht ist und, falls dies der Fall ist, wie viel Luft mir noch zum Atmen bleibt.
»Mach den Sarg auf!«, erklingt gedämpft die Stimme eines der Männer.
»Das sollte man nicht tun«, kommt die zitternde Antwort. »Darin ist … ein verwesender Leichnam. Der Kerl ist an einer unbekannten Infektion gestorben, die …«
»Falsche Antwort!«, unterbricht ihn der andere. Er versetzt ihm einen heftigen Schlag, was ich am Schrei erkenne. »Ihr wollt uns wohl für dumm verkaufen! Mach auf!«
»Erlauben Sie mir, Handschuhe und Schutzkleidung anzuziehen. Wenn Sie das nicht möchten, dann … sterbe ich lieber durch Kopfschuss.«
Alle schweigen kurz.
»In Ordnung«, sagt ein anderer. »Aber keine Tricks, oder du wirst es bereuen!«
Ich spüre, wie der Sarg zurückgeholt und auf eine ebene Fläche gestellt wird. Ich atme langsam und so leise wie möglich. Jetzt ist wieder etwas Licht zu sehen. Sofort werden meine Kopfschmerzen geringer.
»Geht zur Seite, haltet Abstand«, rät einer meiner Fahrer.
»Ich habe ein Gewehr, dessen Kugeln das Metall durchschlagen können«, meint ein anderer. »Das würde Zeit sparen.«
»Kommt nicht infrage«, blockt der Spezialist ab. »Man muss den Sarg korrekt aufschrauben, um jeden Spritzer zu vermeiden. Wenn man von diesem Zeug getroffen wird, hat man nur noch wenige Stunden zu leben und stirbt unter grausamen Qual…«
»Halt die Klappe! Beweg dich!«
Einige Minuten verstreichen. Dann ertönt das kreischende Geräusch eines Akkuschraubers. Der Mann beginnt über meinen Füßen. Bald werde ich wieder normal atmen können – aber das wird kurz vor meinem Tod sein.
Als der Mann unterbricht, um sich den oberen Teil des Sargs vorzunehmen, höre ich das Brummen eines herannahenden Motors. Die Straßenräuber reagieren sofort:
»In Deckung!«, schreit einer. »Los! Wartet auf mein Zeichen, ehe ihr das Feuer eröffnet.«
Der Kampf dauert einige Minuten, die mir lang vorkommen. Mehrere Kugeln prallen von meinem Sarg ab. Ich freue mich, durch das dicke Metall geschützt zu sein. Einige Kämpfer werden getroffen und schreien fürchterlich. Ich weiß nicht, wer gewonnen hat, als die Schüsse schließlich aufhören. Ich weiß auch nicht, wer eingegriffen hat. Vielleicht Mitglieder einer rivalisierenden Bande? Falls das der Fall ist, wird meine Situation sich nicht verbessern. Da erkenne ich die Stimme des Fahrers wieder, der zuvor den Sarg aufschrauben wollte.
»Das war knapp«, sagt er. »Ihr habt ganz schön lange gebraucht für euren Angriff. Fast wären wir vorbeigefahren.«
»Immer musst du alles dramatisieren, Roberto«, antwortet eine Stimme, die mir bekannt vorkommt und die ich doch nicht identifizieren kann. »Ist er immer noch da drin? Du lässt es ihn so richtig genießen, was?«
»Ich gebe zu, dass es praktischer ist, ihn nicht bewachen zu müssen«, antwortet der andere. »Er scheint gefährlich zu sein.«
»Mehr, als du dir vorstellen kannst. Jedenfalls glaube ich, dass er eine weitere Viertelstunde in der Kiste noch gut aushält. Ladet ihn in den Wagen, dann fahren wir schnell zum Treffpunkt. Übrigens, Méto! Erinnerst du dich an mich? Meine Stimme ist gereift, und ich bin größer geworden, aber ich wette, du erkennst mich trotzdem ohne Probleme!«
Man lädt mich in den Laster. Ich habe das Gefühl, dass die Haltegurte wieder festgezurrt werden. Die Männer fahren sofort los. Diese Stimme … Sie kommt aus meiner Vergangenheit, aus der Zeit, als ich im Haus auf der Insel Helios lebte. Ich traue ihr nicht. Dieser Kerl wird mich vielleicht umbringen, sobald das Lösegeld übergeben wurde.
Ich versuche, mich an jene zu erinnern, die nach unserer Machtübernahme die Insel verlassen haben. Da waren die Cäsaren – die Sadisten, die das Haus kontrollierten –, die Chefs der Sklavenlager, mit deren Hilfe die Versorgung des Hauses sichergestellt wurde, die Überlebenden der Gruppe E – jener Elite künftiger Spione, der ich vor dem Aufstand angehörte – und einige Jungen, darunter Publius … und Crassus! Seine Stimme ist voller, aber er hat noch die gleiche Intonation. Er hat also den Angriff angeführt. Ich stehe unter Schock. Ich hatte nicht erwartet, ihm noch einmal zu begegnen. Bei seiner Ankunft im Haus war Crassus mir zugeteilt worden. Ich war für ihn verantwortlich, habe ihm alles gezeigt und ihn beschützt. Nie hätte ich mir damals vorstellen können, dass der kleine, zerbrechliche und wehleidige Junge ein Verräter im Dienst der Cäsaren war. Er blieb ihnen bis zum Schluss treu und schlug im Moment der Befreiung der Insel die Hand aus, die wir ihm versöhnlich reichten. Ich erinnere mich noch an sein hasserfülltes Gesicht, als er das Boot der Verbannten betrat. Wäre er in meine Nähe gelangt, hätte er mich bestimmt geschlagen oder mir ins Gesicht gespuckt. Unser Wiedersehen verhieß also nichts Gutes. Auf der Liste meiner Feinde, von der Octavius gesprochen hatte, könnte er weit oben stehen.
Wenn wir unser Ziel erreicht haben, werde ich in Kontakt mit Herrn James gebracht. Wenn er mir versichert, dass meine kleine Schwester ihm gesund und unversehrt zurückgebracht wurde, werde ich den Entführern sagen, wie sie an das Geld gelangen. Es ist im doppelten Boden meines Sargs verborgen. Ich habe Herrn James gebeten, das Gespräch aufzuzeichnen und Geronimo und meine Freunde zuhören zu lassen. Caelina und ich haben einen Code vereinbart, und in meinen Antworten werde ich versuchen, ihnen unauffällig den Ort zu verraten, an dem ich mich befinde. Bestimmt werden wir dort nicht lange bleiben, aber es könnte ihnen einen Hinweis darauf geben, in welche Richtung wir gefahren sind.
Jetzt wird der Verkehr dichter. Wahrscheinlich haben wir einen größeren Ort erreicht. Der Wagen wird langsamer, und manchmal halten wir an, um andere Fahrzeuge durchzulassen. Wir scheinen in einer Stadt zu sein. Vor dem Dritten Weltkrieg gab es im Umkreis von zweihundert Kilometern um die Zone 17 nur neun größere Orte. Ich bin nicht sicher, ob wir vielleicht eine längere Strecke zurückgelegt haben, weil ich unterwegs eingeschlafen bin. Die Städte wurden alle bombardiert, und es gibt noch viele Ruinen. Doch die Telefonkabel, die sie mit der Zone verbinden, sind weitgehend intakt geblieben, weil sie tief im Boden verlaufen. Ich hoffe, dass sie mich draußen aus meinem metallenen Gefängnis befreien, damit ich mir die Merkmale der Umgebung einprägen kann. Am besten wäre ein Stadtzentrum, weil dort die Gebäude stehen, die sich am leichtesten identifizieren lassen. Ich habe vor meiner Rückkehr auf den Kontinent Hunderte Fotos von Orten in dieser Gegend auf Mikrofilm studiert. Aber sicher sein kann ich nicht, weil viele Orte einander ähneln.
Endlich bleibt der Laster stehen. Mein Sarg wird ausgeladen und auf den Boden gestellt. Schon ist wieder der Akkuschrauber zu hören. Es sind nur noch vier Schrauben übrig. Als der Deckel endlich angehoben wird, brennt mir das Tageslicht in den Augen, aber ich atme. Man holt mich ohne besondere Rücksicht aus dem Sarg. Zwei Männer stützen mich, weil mich die steifen Beine nicht tragen wollen. Blinzelnd erkenne ich die Reste einer Kirche mit zwei Glockentürmen. Das ist ein kleiner Hinweis, denn es handelt sich um eine architektonische Besonderheit, die im Norden der Region vorkommt. Kurz bevor wir ein Gebäude betreten, blicke ich zur Seite und sehe keinen einzigen Hügel am Horizont. Wir sind in der Ebene. Wo Crassus wohl ist? Ich bin sicher, dass er es war. Vor uns läuft ein Mann mit dicken Handschuhen. Er öffnet die Türen zu dem Keller, den wir jetzt betreten. Die anderen versuchen, möglichst nichts zu berühren. Wir sind also in einer verstrahlten Zone. Das Epizentrum der einzigen nuklearen Explosion in diesem Sektor lag in der Nähe von Bourg-le-Vineux. Alle Einzelheiten, die ich bisher wahrgenommen habe, fügen sich zu einem Bild dieser Stadt zusammen. Jetzt steigen wir eine steinerne Treppe hinab. Meine Begleiter werden schneller. Schließlich stoßen sie mich in einen dunklen Raum mit kuppelförmiger Decke, in der ein Mann in einem Strahlenschutzanzug auf mich wartet. Er wählt eine Nummer auf einem Telefon, vergewissert sich, dass die Verbindung zustande kommt, und reicht mir das Gerät. Crassus ist hinzugekommen und stellt sich direkt hinter mich. Er flüstert:
»Méto. Ich bin hier. Ich überwache dich.«
Konzentriert spreche ich ins Telefon:
»Geht es ihr gut? Ist alles bestens. Wie bitte?«
»Ja, ja«, versichert mir Herr James. »Sie haben Wort gehalten. Sie können ihnen das Geld geben.«
»Verstanden. Vielleicht sagen Sie ihr, dass ich sie vermi…«
Der Typ im Schutzanzug entreißt mir das Telefon. Ich gehe die Stufen wieder hoch auf die Straße, Crassus auf den Fersen. Der Lastwagen ist verschwunden. Eine Gruppe bewaffneter Männer steht um meinen Sarg herum. Sie lassen uns durch. Ein Mann mit Brille untersucht das Innere des Sargs mit einer Taschenlampe. Er fragt meinen Wächter:
»Bist du sicher, dass wir diesen Typen brauchen, um an den doppelten Boden zu gelangen? Du weißt, dass ich gut ausgerüstet bin.«
»Maxo, mach Platz!«, ordnet Crassus trocken an.
Der andere zieht ein Gesicht und tritt beiseite. Crassus erklärt:
»Wenn wir den Boden aufbrechen, wird die Zerstörung der Scheine ausgelöst. Wir müssen meinen Freund ranlassen.«
Warum bezeichnet er mich so, wundere ich mich. Sein ironisches Lächeln zeigt mir, dass er seine Meinung über mich nicht geändert hat. Ich beuge mich herunter und betrachte den Sargboden. Zunächst suche ich nach einem kaum sichtbaren kreuzförmigen Streifen und drücke fünf Sekunden lang mit dem Daumen darauf. Normalerweise müsste ein leises Klicken ertönen, aber die Männer um mich herum machen zu viel Lärm. Dann muss ich die gleichen Schritte an mehreren Stellen des Sargbodens wiederholen. Dafür gibt es keine Markierungen; ich nutze meine Fingerspannweite als Maßstab. Ich folge einem zwölfteiligen Ablauf, den ich mehrmals eingeübt habe, bevor man mich im Sarg einschloss. Schließlich richte ich mich auf. Zunächst geschieht nichts. Die Umstehenden sehen mich skeptisch oder aggressiv an. Crassus wirkt selbstsicher. Ich erkläre:
»Jetzt müssen wir zwanzig Sekunden warten. Dann hören wir das mechanische Klicken, mit dem das Versteck im doppelten Boden freigegeben wird.«
Die Stille ist schwer zu ertragen. Ich kann kaum normal atmen, weil die Möglichkeit besteht, dass ich das Manöver nicht korrekt ausgeführt habe. Wenn das Lösegeld zerstört ist, werde ich von diesen feindseligen Leuten wahrscheinlich auf der Stelle gelyncht. Und wenn alles wie geplant funktioniert, gibt es keine Garantie, dass sie mich nicht später abknallen, wenn ihre Siegeseuphorie abgeebbt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Crassus mich so einfach freilässt.
Klack! Der Mechanismus ist aktiviert und öffnet den Zugriff auf das Lösegeld. Es ist auf zehn Säckchen verteilt. Unter Freudengeschrei sammelt ein Mann die Scheine ein und packt sie in eine Aktentasche, die er Crassus überreicht. Dieser tippt mir auf die Schulter:
»Du kommst natürlich mit uns. Diese Zone ist stark verstrahlt, und der Körper kann das ohne angemessenen Schutz nicht länger als eine halbe Stunde aushalten. Danach sind die Schäden am Organismus irreversibel.«
Ich folge ihm. Habe ich eine Wahl? Der Rest der Gruppe verteilt sich auf mehrere Autos. Bei manchen wurden die Beifahrerfenster durch dicke Bleche ersetzt. Ich habe keine Ahnung, wohin sie mich bringen.
Crassus hat sich neben den Fahrer gesetzt. Ich sitze hinten zwischen seinen Komplizen – dem mit dem Werkzeug namens Maxo und einem großen Mageren, dessen Schädel das Autodach berührt. Auf seinen Unterarmen bemerke ich dicke schwärzliche, trockene Stellen. Vermutlich sind es Verbrennungen, die durch die Strahlung verursacht wurden. Ich muss sie lange betrachtet haben, denn plötzlich rammt er mir den Ellbogen in die Seite.
»Was ist los, kleiner Idiot?«, regt er sich auf. »Ekelt es dich?«
Ich verziehe das Gesicht. »Nein.«
Crassus dreht sich zu uns um. »Beruhige dich, Ramos!«
Dann spricht er mit dem Fahrer – leise genug, dass ich ihn nicht verstehen kann. Ich denke an mein kurzes Telefonat. Ich habe absichtlich möglichst viele Bs und Vs benutzt, um meinen Freunden einen Hinweis auf Bourg-le-Vineux zu geben. Hat das gereicht? Aber wie sollen Caelina und die anderen wissen, in welche Richtung wir weitergefahren sind? Geronimo hat mir versichert, dass die Hundszähne mich recht schnell finden würden. Ich muss nur versuchen, am Leben zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben. Um mich abzulenken, berechne ich die zurückgelegte Entfernung, indem ich unauffällig den Tachometer und die Uhr auf dem Armaturenbrett betrachte. Als wir auf einem großen Bauernhof mitten auf dem Land stehen bleiben, bin ich sicher, dass wir ungefähr fünfzig Kilometer von Bourg-le-Vineux entfernt sind. Ein einziges Tor führt in einen großen Innenhof. Die umgebenden Gebäude sind im Angriffsfall leicht zu verteidigen. Ich erwarte, Crassus’ Chef vorgestellt zu werden und endlich zu erfahren, welches Schicksal mich erwartet. Ich folge den Männern in eines der Gebäude, während der Fahrer den Wagen in einer Scheune parkt. Wir gehen an zwei schwer bewaffneten jungen Frauen vorbei. Eine von ihnen sieht mich seltsam an. Es wirkt, als formten ihre Lippen ein Wort. Vielleicht hat sie nur einen nervösen Tick … Oder versucht sie wirklich, mir etwas zu sagen? Es sieht aus wie vier klar getrennte Silben. Ich werde versuchen, später noch einmal darüber nachzudenken. Ich muss aufpassen, nicht überall versteckte Botschaften zu vermuten. Wir gehen in den ersten Stock. Als Crassus die Hand an die Klinke einer Flügeltür legt, dreht er sich zu mir um.
»Du wartest hier.«
Er lässt mich stehen und betritt mit der Aktentasche in der Hand den Raum. Ich höre nicht, was er sagt, aber sein Gesprächspartner ist mit seiner lauten Stimme gut zu verstehen:
»Hoffentlich bist du nicht zu müde … Du dürftest es aber sein. Ich hatte dir ja erlaubt, dich ein wenig zu amüsieren. Du bist wirklich zu ernst. Vielleicht hebst du dir auch alles für später auf, wenn es keine Zeugen mehr gibt.«
Crassus’ Antwort scheint lange zu dauern.
»Gut, lass ihn reinkommen, damit ich weiß, wie der Kerl aussieht.«
Die Tür öffnet sich. An Crassus vorbei betrete ich ein großes Zimmer, das mit Jagdtrophäen dekoriert ist. Crassus schließt die Tür hinter mir und lässt mich mit einem ungefähr vierzigjährigen Mann allein. Er hat einen dichten Bart, ist beeindruckend groß und korpulent. Er sitzt an einem eleganten alten, fein gearbeiteten Schreibtisch, taxiert mich und winkt mich dann zu sich herüber. Ich grüße ihn mit einem kurzen Nicken, das er mit einer Grimasse erwidert.
»Du stinkst bis hierher nach einer List. Ich bekomme fast Pickel von deiner Selbstgefälligkeit … Ich hasse dich jetzt schon, Méto. Zum Glück wirst du nicht lange hier sein.«
Er klopft mit der Faust auf den Tisch. Die Tür hinter mir öffnet sich, und meine beiden Wächter stellen sich links und rechts von mir auf. Schweigend warten sie auf Befehle.
»Bringt ihn über Nacht ins Warme. Und für dich habe ich morgen eine schöne Überraschung.«
Einer der Wächter packt mich grob. Ich lasse es geschehen, um keine unnötigen Schläge zu kassieren. Ich werde all meine Energie brauchen, um nachzudenken und auf die nächsten Ereignisse vorbereitet zu sein.
Wir gehen wieder hinunter in den Hof, in dem jetzt alle Fahrzeuge parken, die ich in Bourg-le-Vineux gesehen hatte. Man zerrt mich in ein Nebengebäude, in dem es nach Benzin riecht. Hier bewahren sie den Sprit auf oder den Brennstoff, mit dem sie die Gebäude im Winter heizen. In einer Ecke wurde ein großer Käfig aufgebaut. Darin befinden sich ein Feldbett mit einer Decke und ein Eimer aus Metall. Die Männer durchsuchen mich gründlich und stoßen mich dann in den Käfig. Sie schließen die Tür und verriegeln sie mit einem riesigen Vorhängeschloss. Ich lege mich auf das Bett. Ich muss Kräfte sammeln, und hier habe ich wenigstens etwas Ruhe.
