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Mex, zwölf Jahre alt und die größte Frostbeule des Universums, kennt nur ein Ziel: Polarforscher werden. Als sein Onkel Ignus Feuerwehrmann auf der antarktischen Forschungsstation Tutum wird, wittert Mex die Chance seines Lebens. Und Tatsache: Er darf ihn für ein paar Wochen begleiten – als Nachwuchsforscher, das ist ja wohl klar! Doch Stationschefin Clarissa hat andere Pläne. Mex soll sich mit ihren beiden Kindern anfreunden. Waaas? Statt mit den Forschern auf Bohrexpedition zu gehen, soll er Öko-Zoe und Panik-Aron bespaßen? Lieber organisiert er seine eigene Expedition! Offiziell zu einem jungen Pinguin an der Wetterstation, in Wahrheit Richtung Bohrcamp. Der Bully-Ausflug mit Aron, Zoe und Onkel Ignus wird gefährlicher als Mex ahnt, doch überraschend gewinnt er dabei neue Freunde. Ob dadurch auch sein großer Forschertraum endlich wahr wird? • Locker-lustiges Freundschaftsabenteuer ab 9 • Der große Traum vom Forschersein • Auf den Spuren von Amundsen, Scott und Shackleton • Mit kleinem Lexikon zu Fachbegriffen wie Whiteout, Sastrugi, Orca und vielem mehr
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2024
Für Uwe.
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© 2022 Tulipan Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Text: Angela Bernhardt
Bilder: Stephan Pricken
ISBN 978-3-641-32923-5V001
www.tulipan-verlag.de
Inhalt
Sie brauchen mich!
Nackt im Gefrierschrank
Kältetraining
Ich, der Falsche?
Ans Ende der Welt
Die Chef-Überraschung
Die Forschungskiste
Definitiv uncool
Survivaldingsda
Blinder Passagier
Über eine Baumwurzel stolpern
Brandgefährlich
Meine eigene Expedition
Pinguin-Party und Mission Bohrkern
Alle oder keiner
Machst du Witze?
Am Puls der Welt
Keine Helden weit und breit
Alarm auf Tutum
Das Schicksal und seine Chancen
Kleines Antarktis-Fachlexikon
Sie brauchen mich!
Ich ließ mein Skidoo mit Höchstgeschwindigkeit über die scharfe Kante sliden und warf einen kurzen Blick über die Schulter. Lonny verfolgte mich mit seinem Sportwagen, kam mir immer näher ... gleich würde er mich einholen. Metall schrammte auf Stein und ließ mein Trommelfell erzittern. Mein Puls gab Vollgas. Ich nahm mein Herz in beide Hände und hob mit einem gewagten Sprung ab.
Lonny grinste. »In echt funktioniert das nicht.«
»Wirst schon sehen! Irgendwann fahre ich so ein Ding und probiere es aus.«
Wir ließen unsere Spielzeug-Mobile auf der Tischtennisplatte unserer Reihenhaussiedlung landen und setzten uns wie so oft mit gekreuzten Beinen dazu. Der letzte Schultag vor den Sommerferien war geschafft. Sechs lange Wochen lagen vor uns und wir hatten keinen Plan.
Immerhin gab es eine Neuigkeit von Weltrang, die ich unbedingt loswerden musste.
»Stell dir vor«, platzte es aus mir raus, »in den letzten Bohrkernen vom Wostoksee haben sie diesmal wirklich Mikroben gefunden. Das heißt, es gibt . Meter unter dem antarktischen Eisschild Leben. Eine wissenschaftliche Sensa…«
»Mex, du übertreibst es echt mit deinem Polartick!« Mein bester Freund Lonny pfiff durch die Nase.
»Aber überleg doch mal«, beharrte ich, »vielleicht gibts da unten noch komplett unbekannte Arten. Tintenfische mit drei Köpfen, Robben in allen Regenbogenfarben, Seesterne so groß wie ein Fußballfeld oder …« Meine Südpolvisionen gingen in einem krassen Schluckauf unter. Vor unserem Reihenhaus bremste mit quietschenden Reifen ein feuerroter Kleinbus.
Lonny schüttelte seine Dreadlocks und bohrte seine dunklen Augen in meine blassblauen. »Brennts bei euch?«
»Noch nicht«, quetschte ich zwischen zwei Hicksern raus, aber die Frage war mehr als berechtigt. Der Bus gehörte meinem Onkel Ignus, und wo er auftauchte, brannte es praktisch immer. Es war nur eine Frage der Zeit. Wer Onkel Ignus ist? Tja, wie soll ich ihn beschreiben? Am besten, man stellt sich einen Ball vor. Keinen prallen, nigelnagelneuen Fußball. Mehr so ’ne alte Gurke von Ball, die schon ordentlich Luft gelassen hat. Daran hängen locker verteilt vier Schläuche. Und oben auf dem Ball ist eine Art Hydrant befestigt. Nicht so lang und dünn wie ein echter Hydrant, aber genauso knallrot. Das ist mein Onkel Ignus, Feuerwehrmann aus der City.
Als er über Ostern bei uns zu Besuch war, hat Mam beim Kochen die Bratpfanne mit der Wäscheschüssel verwechselt. Wenn ihr heiß geliebter Bruder auftaucht, ist sie meist ein bisschen neben der Spur. Ich denke, jeder kann sich vorstellen, wie geschmortes Plastik stinkt. Yep! Und zu Weihnachten haben meine Eltern, Tatsache, echte Kerzen auf den Baum gesteckt, weil ja angeblich nichts passieren kann, wenn ein Feuerwehrmann in der Nähe ist. Dann ist mein Onkel über sein Geschenk gestolpert. Und da hatten wir den Salat! Oder die angekokelte Nordmanntanne.
Damit da kein Missverständnis aufkommt: Ich mag Onkel Ignus. Er ist der einzige Erwachsene in meinem Leben, der nicht darauf aus ist, total erwachsen rüberzukommen. Außerdem ist Langeweile in seiner Gegenwart ein Fremdwort. Warum ich ihn so ausgiebig vorstelle? Na ja, mein Leben ist gewissermaßen an seinem festgeeist. Vorher war es ungefähr so spannend wie das eines Seelöwen im Aquarium. Sicher, ich hatte Spaß mit Lonny, der nebenan wohnt, aber ich wusste auch, dass die wirklich aufregenden Dinge ganz woanders passierten, und ich wartete sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich genau dort sein würde. Denn wozu sollte so ein Leben gut sein, wenn es wie kalter Kaffee an einem vorbeifloss? Aber jeder weiß, wie das ist: Man wartet und wartet und nichts tut sich. Und auf einmal, wenn man gar nicht mehr damit rechnet, passiert es.
Es passierte in diesem Moment. Aus dem Kleinbus plumpste mein Onkel, stieß unser Gartentor auf und marschierte über die handtuchgroße Vorgartenwiese.
»Wir sehen uns!«, rief ich Lonny noch zu, bevor ich Onkel Ignus hinterherdüste. Diesen Tag konnte ich aus der Liste öder Reihenhaus-Vorstadt-Sommerwochen schon mal streichen!
Als ich die Tür aufschloss, schwebte Mam in ihrem blauen Sommerkleid mit einer anderthalb Liter Wasserflasche unterm Arm strahlend aus der Küche. »Liebling, da bist du ja endlich. Zufrieden mit dem Zeugnis?«
»Hmm …« Bitte keine Nachfragen! Instinktiv schnüffelte ich, ob es bei uns schon irgendwo was zu löschen gab, aber noch roch es absolut unverdächtig. Ich entdeckte drei Gläser in Mams Hand. »Wo ist Onkel Ignus?«
Sie zeigte Richtung Wohnzimmer.
»Mex, mein Junge«, begrüßte er mich von unserem riesigen Ohrensessel aus, über dem Paps’ selbst geschossene Segelfotos aus aller Welt hängen. Vor ihm auf dem Couchtisch standen drei Dosen Erdnüsse, die erste war bereits leer.
Mein Blick wanderte von seinen quietschgelben Badelatschen über die geblümten Bermudashorts hinauf zu seinem Bauch, den ein ungewöhnlicher Gürtel zusammenhielt. Wenn man genau hinsah, erkannte man, dass es ein flach gepresster Feuerwehrschlauch in ausgeblichenem Rot war. Über dem Schlauch folgte ein hautenges grünes T-Shirt, aus dem sein kurzer, kräftiger Hals ragte. Der trug den knallroten Kopf, umrahmt von einem Kranz aus gekräuselten hellroten Haaren.
»Hi, Onkel Ignus«, grüßte ich zurück.
Als ich nahe genug war, boxte er mich direkt in die Magengrube. Das ist normal schon nicht witzig und erst recht nicht, wenn man so ein dünnes Hemd ist wie ich, aber ich biss die Zähne zusammen und grinste.
»Na, sechste Klasse überstanden?«, brummte er. »Wie sieht dein Giftblatt aus? Ich hoffe, gut. Für einen guten Schüler habe ich nämlich eine Wahnsinnsüberraschung im Gepäck.«
»Was denn für eine Überraschung, Igni?«, wollte Mam sofort wissen. Sie stellte die Gläser auf den Couchtisch und wählte das größte für ihn aus.
Nachdem ich mich aus den Augenwinkeln davon überzeugt hatte, dass in keiner Ecke des Wohnzimmers ein Schwelbrand vor sich hin kokelte, fragte ich mich das auch.
Mein Onkel wischte sich mit einem Stofftaschentuch, das mindestens aus dem Mittelalter stammte, den Schweiß von der Stirn und zeigte auf die Couch. »Na, dann platzt euch mal hin!«
Ich ließ den Schulrucksack fallen, schlüpfte aus meinen ausgelatschten Lieblingsturnschuhen und warf mich in die Polster.
Onkel Ignus machte ein Gesicht, als ob er uns gleich das achte Weltwunder präsentieren würde. »Wisst ihr eigentlich, dass ich dieser Tage mein -jähriges Dienstjubiläum bei der Feuerwehr feiere?«
»?«, staunte Mam. »Kein Mensch sieht dir das an, Igni!«
Fette Lüge!
Trotzdem nickte er geschmeichelt. »Es wird also höchste Zeit für eine Veränderung. Mein Hausarzt hat mir dazu geraten.«
Was hatte sein Hausarzt mit seinem Jubiläum zu tun? Und was mit der Überraschung? Ich hoffte inständig, dass er auf den Punkt kam.
»Wegen meiner Knie«, erklärte er, als wäre der Zusammenhang damit sonnenklar.
Mam schenkte ihm Wasser ein. »Igni, ich verstehe nicht ganz …«
»Kälte kann bei Arthrose Wunder wirken.«
»Tatsächlich? Und ich dachte immer, Wärme.«
»Nicht bei entzündeten Gelenken. Da muss man kühlen.«
O je, Gesundheitsgespräche konnten sich in diesem Haus endlos hinziehen und wirkten auf mich schwer narkotisch. Wenn seine Überraschung damit zusammenhing, dann konnte ich gut darauf verzichten. Ich beschloss, mich bei nächstbester Gelegenheit zu verdrücken.
Doch da sagte Onkel Ignus: »Und wo ist es wohl kälter als am Südpol?«
Bei dem Wort Südpol verdoppelte sich meine Pulsfrequenz. »Nirgends!«, entfuhr es mir und plötzlich war ich wieder hellwach. Nichts auf der Welt elektrisiert mich so wie die Antarktis. Albatrosse, Seelöwen, Kaiserpinguine, endlose Schneewüsten und das königliche Weißblau der Tafeleisberge. Meine Mitschüler träumten davon, X-Men, Iron Man oder Captain America zu sein. Ich träumte von den berühmten Polarforschern Shackleton, Amundsen und Scott.
Mam zog die Nase kraus. »Was genau willst du damit sagen, Igni?«
»Na, dass ich meinen Arbeitsplatz wechsle. Mein Chef hat sich für mich ins Zeug gelegt. Mitte November ziehe ich als Feuerwehrmann in die Antarktis.«
»Du liebe Güte!« Sie schlug eine Hand vor den Mund. »Aber wo soll es denn da brennen?«
»Es kann praktisch überall brennen, wo Menschen sind«, erklärte er im Tonfall eines Erste-Klasse-Lehrers. »Außerdem ist die Antarktis eine Wüste, also eine Eiswüste. In der extrem trockenen Luft kann sich Feuer blitzschnell ausbreiten. Ist noch gar nicht so lange her, da hat es eine brasilianische Forschungsstation erwischt. Totalschaden.« Er seufzte. »Allerdings gehe ich natürlich davon aus, dass es NICHT brennt, wenn ich erst mal da bin.«
Nach meinen Erfahrungen mit ihm war dieser Glaube zwar so unrealistisch wie ein Eisbär am Südpol, aber im Augenblick beschäftigte mich eine ganz andere Frage. »Hast du nicht was von ’ner Überraschung für ’nen guten Schüler gesagt?«
»Richtig, Mex. Stell dir vor, auf meiner Forschungsstation brauchen sie einen zwölfjährigen Jungen.«
Moment, Moment! Hörte ich da vierblättrige Kleeblätter wachsen? Zwölf Jahre – genauso alt war ich. Wollte er damit andeuten … Wollte er wirklich sagen, sie brauchten … »Mich!«, schrie ich. »Ich rufe Paps an! Er muss es auch erfahren!« O Mann, ich, Mex Ploro, im Geiste Polarforscher seit meiner Geburt, würde den Südpol erobern! Ich sprang auf und startete einen wilden Freudentanz.
»Mex? … Mex!«, bohrte sich Mams Stimme ungewohnt scharf in meine Ohren. Mam war ebenfalls aufgesprungen. »Du glaubst doch nicht, dass dein Onkel das ernst meint?!« Händeringend wandte sie sich an ihren Bruder. »Igni, mit so was macht man keine Scherze. Du siehst ja, der Junge dreht gleich durch.«
Onkel Ignus räusperte sich. »Ich mache keine Scherze. Mex soll wirklich mitkommen.«
Fassungslos sah sie zwischen ihm und mir hin und her. »Aber … wieso denn ein Kind?«
»Warte, das muss hier irgendwo …« Er zog ein zerknittertes Stück Papier aus der Tasche seiner Shorts und hielt es ihr unter die Nase. »Ich habs schriftlich vom Stationsleiter: ›… freue ich mich, Sie als Brandschutzbeauftragten auf der Forschungsstation Tutum zu begrüßen.‹ Bla, bla, bla, hier kommts: ›… suchen wir außerdem einen etwa zwölfjährigen, körperlich und geistig fitten Jungen, der …‹«
Aber mir war völlig egal, was da stand. Ich wusste genau, wofür sie mich brauchten: als Nachwuchsforscher! Das lag ja wohl auf der Hand. Also nickte ich, was das Zeug hielt. »Du hast es gehört, Mam. Ihnen fehlt ein Zwölfjähriger.«
»Davon gibt es genügend auf der Welt«, wehrte sie ab. »Sie suchen nicht dich persönlich. Sicher bekommen sie sehr viele Vorschläge.«
Mir wurde auf der Stelle übel. Wie sollte ich Hering mich gegen Tausende von durchtrainierten Jungs aus aller Welt behaupten?
»Möglich«, brummte mein Onkel, »aber einen Versuch ist es wert. Du kennst dich doch aus mit der Antarktis, oder, Mex? Das könnte ein Pluspunkt sein.«
»Worauf du dich verlassen kannst!«, rief ich. Und daran klammerte ich mich. Andere mochten mehr Muckis haben – ich hatte die komplette Antarktis im Hirn.
Bis zu dem Tag hatte ich Mam nur einmal am Rande eines Nervenzusammenbruchs erlebt. Das war, als ich mit drei Jahren eine Nacktschnecke in weiße Farbe getaucht und ihr erklärt hatte, das sei meine Schneerobbe Willi und Willi würde jetzt bei uns leben. Da hatte Mam nach Luft geschnappt und so komisch gefiept, dass ich gedacht hatte, gleich verwandelt sie sich in einen Pinguin. Das war dann aber doch nicht passiert. Als sie wieder halbwegs im Lot gewesen war, hatte sie sich Gummihandschuhe übergestreift, Willi mit spitzen Fingern unter den Wasserhahn gehalten, ihn in den Nachbargarten geschleudert (leider nicht zu Lonnys Seite) und so meine erste Freundschaft mit einem Antarktisbewohner brutal beendet. Gerade sah sie so aus wie damals.
Sie sank zurück auf die Couch, griff nach ihrem Glas und murmelte verstört: »Auf gar keinen Fall!«
Aber da setzte ich voll auf Paps. Früher war er um die Welt gesegelt. Irgendwas von dieser Abenteuerlust musste einfach noch in ihm stecken!
Nackt im Gefrierschrank
Beim Abendessen war Paps schon grob informiert. »Ich wusste gar nicht, dass in der Antarktis Kinder erlaubt sind«, sagte er. »Immerhin sind Hunde dort inzwischen verboten.«
»Kinder bellen nicht«, nuschelte mein Onkel mit Minimum drei Gewürzgurken im Mund. »Das hoffe ich jedenfalls.«
»Paps, es gibt ein paar Stationen, auf denen leben ganze Familien«, beschwor ich ihn. »Manchmal werden da sogar Kinder GEBOREN.«
»Du liebe Güte«, warf Mam ein. »Ist das wahr, Igni?«
Mein Onkel zuckte mit den Schultern, während er zwei hart gekochte Eier auf einmal verschlang. »Saubere Luft, wenig Verkehr, angenehmes Klima – ideal für Kinder.«
Ich grinste.
»Dann will ich auch mit!«, verlangte meine kleine Schwester Emma und sprang auf. »Ich pack meinen Rucksack.« Schon watschelte sie wie ein Adéliepinguin mit hochgereckter Nase Richtung Tür. Emma ist vier Jahre alt und eine echte Nervensäge. Wahrscheinlich hatte sie nicht mal verstanden, wohin die Reise gehen sollte.
»Setz dich wieder hin, Emma«, verlangte Mam.
Beleidigt watschelte sie zurück auf ihren Platz.
»Lern erst mal lesen, schreiben und rechnen«, knurrte ich. »Vorher kann man nämlich nicht in ein Forschungsteam aufgenommen werden.« Blöderweise lieferte ich Mam damit unfreiwillig das Stichwort.
»Eben, Mex, du musst doch in die Schule.«
Onkel Ignus winkte ab. »Das ist kein Problem. Es gibt wohl vor Ort einen Lehrer.«
»Aber reicht sein Zeugnis dafür überhaupt?«, wollte Mam auf einmal wissen.
Mist! Sie hatte es doch nicht vergessen. »Glaub schon«, nuschelte ich.
»Zeig!«
Mir blieb keine Wahl.
»Und was ist das?« Ihr Finger bohrte sich in die Vier bei Mathe.
Ich schwieg. In Mathe bin ich wirklich nicht die dickste Tomate auf der Pizza.
»Also ich denke, wichtiger ist, was er in Sport hat«, schaltete sich Paps ein.
Ich liebte ihn für diesen Satz! Hinter Sport stand eine Zwei, und es war beim besten Willen nicht zu erkennen, dass es sich um eine mit Doppelminus handelte. Der Ausdauerlauf hatte mich gerettet.
»Nicht übel«, schlussfolgerte Paps. »Aber machen wir uns nichts vor, bisher hast du nicht gerade durch Mut oder außergewöhnliche Tapferkeit geglänzt. Eher im Gegenteil, möchte ich behaupten.«
Empört funkelte ich ihn an. Bloß weil ich mich nicht auf ein Surfbrett traute und schon mal vor ’ner Blindschleiche geflohen war.
»Natürlich könnte das auch eine Chance sein«, fuhr er fort. »Die meisten zeigen erst unter Extrembedingungen ihren wahren Charakter.« Seine Augen glänzten, als ob er selbst auf einer Eisscholle zum Südpol segeln sollte. »Für wie lange wäre es denn?«
»Nur ein paar Wochen«, sagte Onkel Ignus. »Wir überwintern da unten. Ich meine natürlich übersommern. Ist ja auf der Südhalbkugel.«
Strahlend sah Paps mich an. »Mein Sohn, ich weiß nicht, wie dein Onkel gerade auf dich kommt, aber wenn einen das Abenteuer ruft, sollte man ihm folgen.«
Da hielt mich nichts mehr auf meinem Stuhl. Ich riss mir das T-Shirt vom Leib, warf die Arme in die Luft und schrie: »Süüüüdpooool, ich komme!« Es war der schönste Tag meines Lebens.
Bis Mam den Mund öffnete. »Aber das geht nicht. Mex ist doch so eine Frostbeule.«
Paps, Onkel Ignus und ich starrten sie mit offenen Mündern an. Ihr Argument war so einfach wie brillant. Ich bin nicht nur irgendeine Frostbeule, nein, ich bin die größte Frostbeule unter der Sonne, wahrscheinlich sogar im ganzen Universum. Nur im Hochsommer fühle ich mich richtig wohl. Sobald das Thermometer unter Grad sinkt, trage ich Wollsocken, bei zehn Grad abwärts auch Mütze, Schal und Handschuhe. Der Rollkragenpulli ist praktisch mein Markenzeichen. Keine Ahnung, warum ich trotzdem so auf die Antarktis abfahre, vielleicht, weil sich Gegensätze anziehen. Um ehrlich zu sein, ich hatte noch nie darüber nachgedacht, wie kalt es dort ist. Ich würde frieren. Zum Buckelwal, ja, ich würde mir den Arsch abfrieren!
»Schade«, sagte Onkel Ignus. »Das ist wirklich ein Problem.«
»Ach, Mex, so eine Chance.« Enttäuscht schüttelte Paps den Kopf.
Und ich … schrumpfte um einen gefühlten Meter. Da bekam ich dieses einmalige Angebot und versemmelte es schon, bevor das Abenteuer überhaupt losging.
»Frostbeule, Frostbeule«, leierte Emma.
Mir fehlte die Kraft, ihr meinen finstersten Blick zuzuwerfen.
»Ein Fell«, plapperte sie weiter. »Da brauchst du ein Fell. Wie der Eisbär.«
»Emma, in der Antarktis gibts keine Eisbären«, knurrte ich. Kleine Schwestern können soooo doof sein!
Das heißt … Augenblick mal! Ein Fell? Etwas in meinem Inneren straffte sich. Ja, die Sache mit dem Frieren war ein Problem. Aber kein unüberwindbares! »Und wenn ich meinen Körper auf Kälte trainiere?«, überlegte ich laut, obwohl sich meine Lunge, mein Herz und mein Magen schon allein bei dem Gedanken mit einer dicken Gänsehaut überzogen.
Mam sah mich an, als hätte ich ein schweres Leck im Kopf. »Das funktioniert nicht, Mex. So was ist Veranlagung.«
Doch das Gesicht meines Onkels hellte sich wieder auf. »Warum nicht? Bei der Feuerwehr werden wir in der Ausbildung auf Hitze trainiert. Und siehe da«, er wischte sich den Schweiß mit dem nackten Arm vom Gesicht, »meine Drüsen arbeiten wie kleine Hydranten. Warum soll das nicht auch umgekehrt gehen? Und Mex hat ja noch Zeit bis November.«
Yep!
»Ich fange gleich heute mit dem Training an«, versicherte ich. »Und in einer Woche sitze ich nackt im Gefrierschrank!«
Als ich an diesem Abend in mein Zimmer kam, erschien es mir wie der Eingang zum Paradies. Es sieht nämlich nicht aus wie ein gewöhnliches Zwölfjährigen-Zimmer. Zu Mams Leidwesen gibt es bei mir weder Bett noch Schrank oder Schreibtisch. Aber weil Paps findet, ein Junge muss nicht wohnen wie der Prinz auf der Kichererbse, hat sie sich damit abgefunden.
Die Hälfte des Raums nimmt ein Kuppelzelt aus UV-beständigem Ripstop vom Typ Polar Dome ein, das durch die erhöhte Eingangsluke und umlaufende Snowflaps vor eindringendem Schnee schützt und jedem Sturm gewachsen wäre. Darin liegt auf einer sich selbst aufblasenden Expedio-Isomatte (R-Wert !) ein Daunenschlafsack mit Trapezkammern und Wärmekragen, Komfortzone bis minus Grad, außerdem eine LED-XT-Taschenlampe, ein Ranger-Kompass und eine Silver Mountain-Gletscherbrille. Die komplette Polarausrüstung! Dafür habe ich jahrelang mein Taschengeld gespart. Die Wände sind mit Landkarten der Antarktis beklebt. Eine Bodenlampe simuliert im Dunkeln Polarlichter und ein Canvas-Seesack mit doppelten Nähten genügt, um meine wenigen Klamotten zu verstauen. Den Fußboden bedecken weiße Papierkügelchen, die ich in monatelanger Kleinarbeit zu »Schnee« zerknüllt habe.
Ich kroch in mein Zelt, warf mich auf die Matte und träumte mit offenen Augen von meinem bevorstehenden Leben als Polarforscher. Bald würde ich durch echten Schnee stapfen, echte Polarlichter sehen, in einem echten Iglu schlafen. Ich würde Bohrproben aus dem ewigen Eis entnehmen, mit einem richtigen Skidoo über endlose Schneeebenen rasen, Pinguine, Robben und Seeelefanten beobachten, dem berüchtigten Whiteout trotzen und mindestens eine noch unbekannte Tierart entdecken, die ich nach mir benennen konnte. In kürzester Zeit hätte ich mehr Abenteuer intus als meine ganze Schulklasse in Jahren.
Doch dann fiel mir der Schluss unseres Abendbrotgesprächs wieder ein. Paps hatte »jawoll« gesagt, Mam »auwei« und Onkel Ignus überhaupt nichts mehr, weil er sein rechtes Knie massieren musste. Bis Emma gekichert hatte. »Da passt du doch gar nicht rein.« Sie meinte den Gefrierschrank.
Aber da lag sie falsch. Unser Gerät nimmt mit seinen eins achtzig Höhe den zentralen Platz in der Küche ein. Mam glaubt nämlich, dass nur Tiefkühlkost frei von Bakterien und sonstigem Ungeziefer ist, weshalb Prozent unserer Mahlzeiten aus diesem Monster stammen. »Wirst schon sehen: in einer Woche!«, hatte ich nur erwidert und war so cool wie möglich in mein Zimmer stolziert.
Mir musste das Hirn ausgelaufen sein! Nackt im Gefrierschrank?! Gewöhnlich öffnete ich das Ding nur in meinem dicksten Wollpulli. Doch jetzt war das Ganze so was wie ein Versprechen. Ich brauchte ein Kältetraining. Und zum Glück wohnte mein weltbester Trainingspartner direkt nebenan.
