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Es gibt Geschichten, die besitzen einen geheimnisvollen Tiefensog, der es vermag, mitten hineinzuziehen in die Geschichte, an ihren aus Schatzkisten bestehenden Grund. Ein solcher Kinderbuch-Glücksfall ist MIA MEILENSTEIN. Wer wäre nicht gern mit Mia befreundet? Wer möchte nicht gemeinsam mit ihr gegen das Böse kämpfen? Manuela Rosenkind hat das richtige Gespür für die Bedürfnisse junger Leser, und sie verfügt über das erzählerische Können, eine zeitgemäße Abenteuergeschichte einfühlsam, spannend und kindgerecht zu inszenieren. Sabine Zaplin, Kulturjournalistin BR, SZ u.a. Mia hat keine normale Familie. Sie lebt mit ihrem Vater, einem verschrobenen Physikprofessor, ihrer treuen Bernhardinerhündin Mimi und der alten Haushälterin Rosa im altmodischen Familiensitz, der Villa Meilenstein. Nach Mias neuntem Geburtstag wirbeln merkwürdige und bedrohliche Vorfälle ihr Leben durcheinander. Die Polizei ermittelt. Haben Mias Mutter Mona, die seit sechs Jahren verschwunden ist, und ihre geheimnisvolle Formel zur Energiegewinnung etwas damit zu tun? Während Mia in ihren Träumen einen Weg zur vermissten Mutter findet, taucht die unangenehme Kriminalkommissarin Brandeis auf. Die Ereignisse überschlagen sich und Mia und ihr Vater geraten in große Gefahr. Gemeinsam mit ihren Freunden, Ali, Emma, Jojo und Leopold stellt Mia sich dramatischen Herausforderungen, um Licht in das Geheimnis ihrer Familie zu bringen. www.miameilenstein.de
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Band 1
nach der Hörspielreihe „Mia Meilenstein“ in 9 Teilen von Manuela Rosenkind und Ulrike Löhlein, 2011 und 2012 vom Westdeutschen Rundfunk produziert und gesendet.
Für Harry, Benjamin und Micah
Geburtstagsüberraschung
Ein Geschenk aus alter Zeit
Zoff unter Freunden
Jeder bekommt was er verdient
Monas Arbeitszimmer
Mondfinsternis
Polizei in der Schule
Angst um Mimi
Ermittlungen
Unfall im Labor
Ganz allein?
Neue Geheimnisse
Die Meilensteine
Mias Traum
Das erste Rätsel
Verstärkung für die Meilensteine
Akteneinsicht im Polizeiarchiv
Die Brandeis wird beschattet
Das zweite Rätsel
Dramatische Wendung
Entführt!
Gefangen im grauen Haus
Die Meilensteine ohne Mia
Gemeinsame Anstrengungen
Das dritte Rätsel
Der Gast von Zimmer 13
Das Nest wird ausgehoben
Dunkle Nacht
Heller Tag
Glücklicher Ausgang
Ein unerwartetes Geschenk
Die goldene Kette
Polizeischutz
Gestörte Nachtruhe
Monas Medaillon
In der Falle
Die letzte Runde
Eine rettende Idee
Die Ereignisse überschlagen sich
Von ganzem Herzen froh
Autsch! Mit einem dumpfen Schlag landet Mia auf dem Dielenboden. Unsanft ist sie aus der Hängematte gefallen. Die ist ihr Lieblingsschlafplatz, oben unterm Dach der Villa Meilenstein. Mias Gesicht ist nass. Die roten Haare kleben wie Feuerschlangen an ihrem Hals.
Der Traum. Wieder dieser Traum – erst wunderschön und am Ende schrecklich. Jedes Mal lässt er ein dunkles, schwarzes Loch zurück, in Mias Gedanken und in ihrem Herzen, das sich vor Sehnsucht zusammenkrampft.
Morgensonnenschein. Goldene Lichter tanzen zum offenen Fester herein. Verirrte Glühwürmchen aus einer Sommernacht. In einem viel zu großen Himmelbett schläft ein kleines rothaariges Mädchen. Das kleine Mädchen bin ich. Gerade aufgewacht, doch die Augen sind noch geschlossen. Nur meine Finger bewegen sich unter der Decke und krabbeln auf dem Laken herum. Sie suchen nach Mama und Papa, aber die sind nicht da. Von draußen hör ich eine Amsel singen und hinter der geschlossenen Tür Wispern und Tuscheln. Endlich ist es soweit! Schnell greife ich nach der Decke, ziehe sie mir bis zur Nasenspitze hoch und tu so, als ob ich noch schlafen würde. Natürlich blinzle ich und sehe sie kommen, meine Familie. Papa in weißen Boxershorts. Dahinter Mama im leicht zerknitterten Morgenmantel. An ihrem Arm schaukelt ein Körbchen mit einer roten Schleife. Zum Schluss kommt Rosa, die ist alt und lebt schon immer bei uns. Ich hab sie lieb wie eine Oma, aber sie ist nicht mit uns verwandt. Sie trägt ein Tablett mit einer Schokoladentorte, hoch wie ein Turm, mit drei brennenden Kerzen obendrauf.
„Zum Geburtstag viel Glück - zum Geburtstag viel Glück! Zum Geburtstag liebe Mia, zum Geburtstag viel Glück!“. So singen sie, alle drei zusammen! Und das klingt so falsch und komisch, dass ich unter der Zudecke laut lachen muss. Der Papa wirft sich kichernd neben mich aufs Bett und kitzelt mich wach. Rosa ist vor Freude ganz rot im Gesicht und sucht einen Abstellplatz für die Geburtstagstorte. Mama setzt sich im Schneidersitz zu mir aufs Bett. Aus dem Körbchen quiekt es. Mama stellt es sich auf den Kopf. Auf der Stelle bin ich hellwach, strecke meine Arme aus, so weit ich kann, und versuche heranzukommen.
„Mama, was ist da drin? Mein Geschenk?“ Mama lacht und hebt das quiekende Körbchen noch höher hinauf. Dabei flüstert sie mir ins Ohr: „Mach schnell noch mal die Augen zu, mein Mädchen!“ Ganz fest kneife ich sie zusammen und spüre dann etwas Weiches an meinem Gesicht. Warm fühlt sich das an. Ich blinzle und schaue direkt in zwei glänzende Kulleraugen. Wie Glasmurmeln stecken sie in einem winzigen, zerknautschten Hundegesicht. Es ist lebendig, ein echtes Hundebaby, kein Kuscheltier mit Knopf im Ohr. Eine rosa Zunge kommt unter dem feuchten Schnäuzchen heraus und schleckt rau über meine Hände. Das kribbelt und fühlt sich himmlisch gut an. „Mama, Papa, das ist das schönste Hundebaby auf der ganzen Welt! Ist es ein Mädchen?“ „Ja, Mia, wie du es dir gewünscht hast.“
„Ich nenne sie Mimi“, bestimme ich, „und sie bleibt für immer hier bei mir.“ Mein Geburtstagsgeschenk geht jetzt auf Entdeckungsreise, schlüpft unter die Decke, schleckt und knabbert an mir herum. Das kitzelt so, dass ich laut kreischend abtauche, unter den Kissenberg. Mama und Papa kommen hinterher. Zusammen balgen wir uns um das kleine Hundebaby. Alles ist wunderschön, bis auf einmal ... irgendetwas nicht mehr stimmt ...
Mit meiner Mama stimmt was nicht ... ihre Arme werden durchsichtig ... wie Glas. Ich versuche sie festzuhalten, aber meine Hände greifen durch sie hindurch ... meine Mama ... sie verschwindet ... und ... ich schreie laut: „Mama, was ist los mit dir? Mama!“
So schrecklich endet dieser Traum. Aber Mia will ihn nicht erzählen. Dem Papa nicht und auch ihren Freunden nicht. Nur mit Mimi spricht sie darüber.
„Mimi, bist du da?“, ruft Mia, ohne die Augen aufzumachen. Besorgt beugt sich der gewaltige Hundeschädel einer riesigen Bernhardinerhündin über sie. Mit ihrer Riesenmonsterzunge schleckt Mimi liebevoll die salzige Nässe von Mias Gesicht. Angstschweiß gemischt mit Tränen – schmeckt gar nicht so übel. Mia schnieft, schiebt den großen Hundekopf beiseite und grummelt: „Iiih, Mundgeruch! Mimi, hast du was Ekliges geträumt?“ Mit einem Handrücken wischt Mia sich über die Nase und reibt sich mit der anderen Hand den Hintern. Raunzt mit gespielter, schlechter Laune: „Hast du mich aus der Hängematte geworfen? Du wildes Tier! Das ist wohl dein Geburtstagsgeschenk für mich. Beulen, Blutergüsse und ein gebrochenes Hinterteil ... danke!“
Mimi ignoriert das Gezeter. Sie sabbert auf Mias Nachthemd, ein XL T-Shirt von Papa, und wedelt freudig mit ihrem buschigen Hundeschwanz. Als von Mia nur ein Brummen kommt, dreht Mimi sich um, schwenkt ihr Hinterteil in Richtung Tür und springt auf die Klinke hoch. Mit einem lauten Quietschen öffnet sich die alte Dachzimmertür nach außen. „Braucht Öl!“, murmelt Mia schlecht gelaunt. Mit geschlossenen Augen liegt sie noch immer auf dem Dielenboden. Sie ist überhaupt nicht ausgeschlafen und nicht im Entferntesten bereit für diesen Tag. Obwohl sie doch heute Geburtstag hat! Seit neun Jahren ist Mia auf dieser Welt.
Mimis Hundeschnauze schnüffelt geräuschvoll auf dem Treppenabsatz herum. Sie hat etwas entdeckt und bellt laut und lockend durch die offen stehende Tür, hinein zu Mia. Die überlegt noch kurz, ob sie weiter die Beleidigte spielen will, aber ihre Neugier siegt. Sie beschließt, aufzustehen. Außerdem hat sie inzwischen Hunger auf Geburtstagskuchen. Mit gespieltem Stöhnen rappelt Mia sich hoch, wankt zur Tür hinaus ... und stolpert über ihr erstes Geschenk. Ein Paar Schlittschuhe! Knallrot und funkelnagelneu. Schlittschuhe im Hochsommer? Die können nur von Rosa sein. Die liebe Rosa! Sie ist schon ziemlich alt, und in letzter Zeit bringt sie alles Mögliche durcheinander, zum Beispiel die Feiertage. Zu Neujahr gab es bunt gefärbte Ostereier und zu Weihnachten eisgekühlte Himbeerbrause.
„Möchtest du Eislaufen gehen?“, fragt Mia ihre Hundedame, die mit herausgestreckter Zunge hechelnd auf dem Treppenabsatz sitzt. Es ist Ende Juli, der heißeste Sommer seit Jahren. Keine Antwort. Mia setzt sich auf die oberste Treppenstufe und schnürt die Schlittschuhe an ihre nackten Füße. Mimi verschmäht das freundliche Angebot zum Schlittschuhlaufen. Sie braucht erstmal frisches Wasser, bevor sie ans Eislaufen denken kann. Mit einem kurzen Bellen erhebt sie sich und wetzt die Treppe hinunter, zu Rosa in die Küche.
Vorsichtig stakst Mia auf glänzenden Kufen hinterher. Im ersten Stock landet sie vor dem Bad direkt in den Armen ihres Vaters. Dr. Moritz Meilenstein, Professor für Physik, arbeitet an der Universität und hat ein Labor im Keller dieses Hauses. Mias Papa sieht blass aus mit seinen zerzausten Haaren, so, als hätte er mal wieder die ganze Nacht forschend im Labor verbracht. Abwesend wühlt er in Mias Haarschopf herum, als wäre es sein eigener. Ein flüchtiger Kuss auf die Stirn, dann hält er seine Tochter ein Stück weit von sich weg. Ein Lächeln funkelt kurz in seinen müden Augen, und ein paar Sekunden lang ruht der zerstreute Professorenblick liebevoll auf Mia. Erwartungsvoll schaut sie ihn an. Aber da kommt weiter nichts. Anscheinend hat er ihren Geburtstag total vergessen. Als er die roten Schlittschuhe an ihren Füßen bemerkt, murmelt er vor sich hin: „Gleitflächen ... für variable Energiepotenzen ... Schatz, ich bin im Labor.“
Bevor Mia protestieren kann, ist er schon die Treppe hinunter und im Keller verschwunden. Das geht ihr jetzt aber echt zu weit. Tränen schießen in Mias Augen. Zornig und extra laut poltert sie nach unten ins Erdgeschoss und sieht in der Küche nach. Keiner da! Kein Geburtstagstisch! Kein Gratulant! Mia brüllt durchs ganze stille Haus: „WILL DENN KEINER MIT MIR GEBURTSTAG FEIERN?“ Da kommt Mimi aus dem Garten über die Küchenveranda hereingewetzt und zerrt sie am T-Shirt nach draußen. Dort, unter der Markise, bleibt Mia stehen und blinzelt in die helle Sommersonne.
Und dann ... bleibt ihr erst einmal vor Staunen der Mund offen stehen. Träumt sie etwa wieder oder ist sie wach? Da ist ein Glitzern und Funkeln im Garten, dass Mia total geblendet ist. Prächtig sieht das aus! Goldene Kugeln und Sterne, bunte Girlanden und blinkendes Lametta im Apfelbaum. Der große Gartentisch, festlich gedeckt mit feinem Porzellangeschirr, Blumen und brennende Kerzen in hohen Leuchtern. Die gute Rosa hat sich mächtig für ihre Mia ins Zeug gelegt. Hat feinen Marzipanstollen gebacken, sogar neun rote Christbaumkerzen reingesteckt und angezündet. Die biegen sich schon im heißen Sonnenschein und tropfen auf den Geburtstagskuchen. Weihnachtsdekoration im Juli ... das ist doch mal was Besonderes!
Und Geburtstagsgäste sind auch da! Jojo, Ali und Leopold haben die liebe alte Rosa mitsamt dem Weihnachts-Geburtstags-Stollen in die Mitte genommen und wirbeln funkensprühende Wunderkerzen durch die Luft. Alle zusammen singen ein Geburtstagsständchen. Mimi springt wie toll um sie herum und bellt im Chor dazu. Da ist Mias einsamer Kummer auf einmal wie weggeblasen. Lachend stakst sie die drei Verandastufen hinunter in den Garten. Begleitet vom Applaus ihrer Freunde, pustet Mia die neun tropfenden Kerzen aus. Dann fällt sie ihrer heißgeliebten Rosa um den Hals. So fest wird Mia an Rosas Riesenbusen gedrückt, dass ihr fast die Luft wegbleibt und sie beim Reden keuchen muss.
„Danke ... für die schönen ... Schlittschuhe, Rosa ... und diese super tolle Deko.“
Die alte Dame lockert ihre Umarmung. Mit ihren weichen Händen glättet sie Mias widerspenstigen Haarschopf. Ein ganzes Kinderleben lang macht sie das schon so. Mia zwinkert ihr zu und schlägt vor:
„Was meinst du, sollen wir noch Oh du fröhliche singen?“ Verschämt senkt Rosa den Blick zu Boden. Allmählich dämmert es ihr wohl, dass sie mal wieder die Feiertage durcheinander gebracht hat, wie so oft in letzter Zeit.
Jetzt aber wollen dringend auch die Freunde gratulieren. Sie zappeln hinter Rosa herum, und Jojo kitzelt die alte Dame im Nacken unter ihrem Düttchen, wie sie ihren winzigen Haarknoten selber nennt. Kichernd lässt Rosa ihre Mia los, und die drei Jungen können das Geburtstagskind nun endlich auch begrüßen.
Jojo, der älteste und größte von den Dreien, umarmt Mia stürmisch. Dabei verliert er seine rote Kappe. Schnell bückt er sich nach ihr, und schon sitzt sie wieder wie angewachsen an ihrem Platz, bevor die dicke, weiße Narbe über einem seiner abstehenden Ohren zu sehen ist. Diese Narbe ist ihm geblieben von einem schweren Sturz vom Fahrrad. Leopold, Brillenträger, flachsblond und zwei Köpfe kleiner als sein Kumpel, überreicht Mia mit einem breiten Grinsen wortlos sein Geschenk. Es ist ein Ungetüm von einem Wecker, bestimmt selbst gebastelt! Und Ali, schön wie ein Prinz aus dem Morgenland, Mias neueste Eroberung aus dem fernen Ägypten. Ali schenkt Mia perlende gereimte Worte, aus dem unerschöpflichen Reichtum seiner Dichterseele, in vorbildlichem Deutsch, vollendet vorgetragen:
In dunkler Nacht ein Stern erwacht.
Die Freundschaft zwischen uns ist groß und rein,
sie soll für immer - nein - von ewiger Dauer sein.
Mia schmilzt dahin. Doch Alis Redefluss wird, im stummen Einverständnis mit Leopold, von Jojo unterbrochen. „Sehr schön, Ali, aber jetzt kommt endlich alle mal zum Frühstück, ich bin am Verhungern. Schließlich hab ich schon einen ganzen Arbeitstag hinter mir. Komm, Mia, setz dich, es gibt knusprige Geburtstagsbrezeln, heute von mir höchst persönlich gebacken!“ Jojo ist nämlich der Sohn vom besten Bäcker im Ort. Er ist immer gut gelaunt und obertüchtig. Jeden Sonntag, wenn alle länger schlafen und keiner arbeiten will, bringt er mit dem Fahrrad frische Brötchen, Brezeln und Rosinenschnecken zu den Samstagsnachteulen und Sonntagschlafmützen. Gerade als die Kinder dabei sind, sich an den festlich gedeckten Gartentisch zu setzen, ertönt wieder ein Lied, diesmal hinter der Hecke zum Nachbarhaus:
Hab mein Wagen vollgeladen
mit 'ner Überraschung.
Unterm Tuch da gibt’s ein Ding.
Ratet mal, was ist da drin?
Geburtstagsüberraschung!
Emma, das Nachbarkind und Mias beste Freundin, wühlt sich durchs Gebüsch. Natürlich haben die beiden einen geheimen Durchgang zwischen ihren Gärten, keine von ihnen benützt das Gartentor. Im Schlepptau hat Emma einen bunt bemalten Leiterwagen. In dem sitzen normalerweise ihre beiden niedlichen und manchmal auch ziemlich nervigen Zwillingsbrüder. Aber heute ist etwas anderes darin. Ein riesiges, unbekanntes Ding, eingehüllt in ein weißes Bettlaken. „Emma, da bist du ja endlich! Wo hast du denn die Zwillinge gelassen?“, begrüßt Mia stürmisch ihre Freundin. „Die hab ich mit einem Haufen Schokolade vor die Glotze gesetzt. Ein Mädchen in meinem Alter braucht ja auch mal ein Privatleben“, erklärt Emma, und alle geben ihr lautstark recht. Schnaufend bleibt sie vor Mia stehen und strahlt sie mit blitzenden, blauen Sternenaugen an. Statt einer Begrüßung wirft sie eine Frage in die ganze Runde:
„Jetzt ratet doch mal. Was schenke ich wohl meiner besten Freundin zum Geburtstag?“
Aha, sie macht es spannend! Gute Idee, ein Ratespiel! Alle fangen an zu grübeln und kommen auf die komischsten Sachen: ein Rasenmäherroboter ... ein Haus für die Gartenzwerge ... ein Schaukelstuhl ... ein Hundeheimtrainer für Mimi? Jojo tippt auf ein Schlafwandlerfesthaltegerät. Auch Rosa, die inzwischen mit einem wagenradgroßen Tablett voller Leckereien aus der Küche gekommen ist, gibt kichernd ihren Tipp ab: „Ein ausrangiertes Karussellpferd.“ Alles ist falsch. Emma schlägt sich auf die molligen Schenkel vor Vergnügen. So im Mittelpunkt zu stehen, das gefällt ihr.
Aber die anderen werden ungeduldig. „Emma, spann uns nicht so auf die Folter“, bettelt Mia, „Gib uns einen Tipp.“ Gnädig lässt Emma sich herab zu einem klitzekleinen Hinweis: „Also ... es ist ein Instrument für die Nacht.“ Rosa prustet als Erste los: „Ein hölzerner Nachttopfstuhl mit Klappdeckel.“ Die Kinder halten sich die Bäuche vor Lachen. „Quatsch mit Soße“, meint Emma trocken. Sie will den Spaß so lang wie möglich auskosten. Erst als den Geburtstagsgästen gar nichts mehr einfällt, kommt zögerlich ein zweiter Hinweis: „Man kann ... hoch hinaus damit!“
„Ein UFO!“, platzt Mia heraus. „Damit könnte ich meine Mama finden.“
Stille ... jeder weiß, dass Mia keine Mutter hat. Aber niemand spricht mit ihr darüber. Auch Mias Papa nicht. Seit Jahren hüllt er sich in eine dichte Wolke des Schweigens, wenn sie ihn fragt, wie das damals war, an ihrem dritten Geburtstag. An dem Tag, als ihre Mutter verschwand. Mia bekommt dann immer so eine ausweichende Antwort: Wenn du größer bist, mein Schatz, dann werde ich dir davon erzählen.
Tief in Gedanken versunken steht Mia stumm und reglos da ... endlos lange Minuten vergehen ... bis endlich Emma das Schweigen bricht.
„Ein UFO ist es nicht, Mia, aber damit könntest du vielleicht eins entdecken.“ Jojo rollt mit den Augen und meint flapsig:
„Alberne Spinnerei, es gibt doch in Wirklichkeit gar keine UFOs!“ Er glaubt nur an Dinge, die man sehen und anfassen kann.
„Emma, nun sag schon, was es ist!“, bettelt Mia. Sie ist wieder aufgewacht aus ihren Tagträumen und aus der Erstarrung. Jetzt kann und will sie die Spannung wirklich nicht mehr länger aushalten. Emma sieht ein, dass es genug ist mit der Rätselraterei. Mit einer großen Geste und einer laut geschmetterten Fanfare reißt sie die Verhüllung vom Leiterwagen:
„TaTaTaTa!“
„Oh! Gigantisch! Ein ... Sternenteleskop?! Liebste Emma, wie konntest du bloß wissen, was ich mir am meisten wünsche?“ Voller Begeisterung fällt Mia ihrer allerbesten Freundin um den Hals. Emma strahlt übers ganze Gesicht. Sie ist mächtig stolz über ihre gelungene Überraschung, und bereitwillig erklärt sie, wie sie zu diesem großartigen Geschenk gekommen ist: „Das stand bei uns auf dem Speicher. Ganz eingestaubt war es schon. Eines Tages hatten es die Zwillinge da oben entdeckt und angefangen, daran herumzufummeln. Ich dachte sofort an deinen Geburtstag und habe meinen Papa gefragt, ob ich es dir schenken darf. Er war gleich einverstanden, denn bei uns hätte es sicher nicht mehr lang überlebt. Und die Sternenguckerei passt ja auch irgendwie besser zu euch!“ Gerührt umarmt Mia ihre beste Freundin. „Danke, Emma! Können wir es gleich ausprobieren?“
„D...Das funktioniert doch nur bei Nacht, wenn es d...d...dunkel ist“, meldet Leopold sich zum ersten Mal zu Wort. Mit den Worten hat er es nicht so. Wahrscheinlich denkt er seine blitzgescheiten Gedanken immer schneller, als er sie aussprechen kann. Darum stottert er ab und zu. Zum Ausgleich hat er Zauberhände. Mit denen kann er alles zusammenbauen und reparieren, was ihm zwischen die Finger kommt. Er ist nicht nur mit Mia sehr gut befreundet, sondern auch mit Professor Meilenstein, und außer Mia ist er der Einzige, der den Professor zu fast jeder Zeit im Kellerlabor besuchen darf.
Mia sieht ein, dass Leopold recht hat. Kein Stern in Sicht. Nur die Sonne steht hell am Sommerhimmel und in die darf man auf keinen Fall hineinschauen. Nicht mit bloßen Augen und erst recht nicht mit einem Teleskop. Rosa schlägt vor, dass jetzt erst einmal gefrühstückt wird. Wozu hat sie sich denn sonst die ganze Mühe gemacht! Ali deklamiert schon wieder:
„Rosa ist die Beste – die liebste Oma auf der Welt.
Kocht und bäckt, verwöhnt uns,
wie es ihr und uns gefällt ...“
„Hör schon auf mit deinem Gesülze!“, unterbricht ihn Emma genervt. Alis Dichtersprüche gehen ihr auf die Nerven. Er ist vor ein paar Monaten mit seinen Eltern aus Kairo gekommen. Zusammen mit Jojo geht er in die vierte Klasse der Grundschule, eine Klasse über Mia, Emma und Leopold. Der Vater von Ali ist Ägypter und ein Doktor der Medizin. Er hat am Städtischen Krankenhaus eine Stelle als Oberarzt angenommen. Von ihm hat Ali die dunkle Hautfarbe und die Kirschaugen. Seine deutsche Mutter schreibt Romane und Gedichte. Daher kommt Alis Liebe zur deutschen Sprache. Mia gefällt das, aber Emma findet die Dichterei total zum Kotzen. Wahrscheinlich ist Emma aber nur eifersüchtig auf Alis Sonderstellung. Schon am ersten Tag war er der Mädchenschwarm der ganzen Schule und ausgerechnet Mia hat er in sein Herz geschlossen. Emma war von klein auf Mias beste Freundin und will auf jeden Fall für immer die Wichtigste für sie bleiben.
Endlich sitzen nun alle um den Geburtstagstisch herum und mampfen knusprige Brezeln, klebrige Rosinenschnecken und süßen Marzipanstollen. Mimi ist es heiß in ihrem dicken Fell, sie hat sich hechelnd unter den festlich gedeckten Gartentisch verzogen. Mia und Emma füttern sie abwechselnd mit einer ihrer Lieblingsspeisen, Käsewürfel mit Weintrauben! Rosa hält es nicht lang aus auf ihrem Stühlchen. Immer wieder trippelt sie vom Garten über die Veranda zurück in ihre Küche. Einmal bringt sie knackige Kirschen, in Schokolade getaucht, frischen Quark mit Gartenkräutern, dann einen knusprigen Gemüsekuchen aus dem Ofen und schließlich auch noch Milchbrötchen mit selbst gemachter Marillenmarmelade mit nach draußen. Dabei leuchten ihre feuerroten Wangen vor lauter Glück und Freude.
Und dann, wie herbeigezaubert, steht mit einem Mal auch Professor Meilenstein im Garten. Mit seinen Kelleraugen blinzelt er in die helle Sonne und fragt, mit leicht vorwurfsvollem Unterton in der Stimme: „Wir haben Gäste? Wie reizend! Habt ihr vergessen, mich einzuladen?“ Das geht jetzt aber der guten Emma ordentlich über die Hutschnur! Wütend und ohne Hemmungen schimpft sie drauflos: „Ich glaube, SIE haben da was vergessen, Herr Professor! Es ist eine Schande, nicht an den Geburtstag seiner einzigen Tochter zu denken!“
„Oh je!“, ist alles, was Mias Papa dazu einfällt. Er macht ein furchtbar schuldbewusstes Gesicht. Das sieht rührend aus und lässt Mias Groll auf ihn sofort verfliegen. Auf der Stelle ist sie versöhnt und wirft sich in die ausgebreiteten Arme ihres Vaters. Sie wird im Kreis herumgewirbelt und abgeknutscht. Mit zappelnden Beinen hängt sie noch in seiner Umarmung, als der Professor beim Blick über ihre Schulter Emmas Geschenk entdeckt. „Ein Teleskop? Was für ein schönes, altes Instrument ... wo kommt das her?“, wundert er sich. Emma antwortet ihm spitz: „Dieses wunderschöne alte Sternenteleskop ist mein Geburtstagsgeschenk für Mia!“ Das sitzt! Professor Meilenstein sieht seine Tochter tief betroffen an. Er hat kein Geschenk und ist sich seiner Schuld bewusst. Jetzt denkt er offensichtlich angestrengt darüber nach, wie er das wieder gutmachen kann. Behutsam setzt er Mia auf den Boden und sagt mit leiser Stimme, sodass nur sie es hören kann: „Warte einen Moment, Mia. Ich hab da so eine Idee ... bin gleich zurück.“ Dreht sich um und ist verschwunden, über die äußere Kellertreppe nach unten, ins Labor.
Abwartend setzt Mia sich ins Gras. Mimi legt sich zu ihr und schleckt an Mias rauen, vorstehenden Knien herum. Das Geschnatter der Geburtstagsgäste ist verstummt. Alle warten gespannt. Kurze Zeit später kommt der Professor zurück in den Garten, auf dem Gesicht ein geheimnisvolles Lächeln. In den Händen hält er etwas, das aussieht wie eine Schachtel oder ein Buch, eingewickelt in nachtblauen Samt. Mit den Worten „Mia, das ist mein Geburtstagsgeschenk für dich, oder vielmehr unser Geschenk“, legt der Professor das schwere, blaue Paket in Mias Schoß. Dann hockt er sich neben seine Tochter ins Gras. Rosa und die Jungen haben aufgehört zu essen. Nur Emma knabbert noch an einem Nusshörnchen herum und alle warten, mucksmäuschenstill, gespannt auf die Enthüllung.
Mit beiden Händen knüpft Mia die Kordel auf, die den weichen Stoff zusammenhält, rollt sie zusammen und legt sie neben sich ins Gras. Dann, ganz langsam und vorsichtig, wickelt sie den schweren Gegenstand aus dem samtenen Tuch auf ihrem Schoß. Zum Vorschein kommt ... ein abgegriffenes Buch, mit dunklem, goldfarben bedrucktem Ledereinband. Verschnörkelte Buchstaben, ausgeschmückt mit verschlungenen Ornamenten. Mia versucht laut vorzulesen, was da steht. Mühsam buchstabiert sie einige der komplizierten Schriftzeichen:
„Lö ... we, Ori ... on, Kreuz des Südens.“
Zart wie Elfenfüße fliegen ihre Fingerkuppen über die erhabenen Buchstaben.
„Oh, wie schön ... ist das ein Sternenatlas, Papa?“
Wieder ist die Stimme ihres Vaters so leise, dass nur Mia ihn verstehen kann.
„Dieser alte Sternenatlas gehörte einmal deiner Mutter Mona. Jetzt soll er dir gehören.“ Mit bangem Blick hängt Mia an den Lippen ihres Vaters. Ihr Herz brennt und hofft auf weitere Erklärungen. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um weiter zu fragen ... mehr zu erfahren über die verschwundene Mutter ...?
Nicht zu übersehen, stehen diese Fragen in Mias Augen, doch der Blick des Vaters verdunkelt sich wie ein Bergsee im Novemberregen. Er schüttelt leicht den Kopf, und Mia hat verstanden. Dieser Augenblick war noch nicht der richtige. Sie seufzt, senkt den Blick und schweigt. Dann streckt sie ihren Rücken durch, rappelt sich auf und umarmt ihren Vater mit seinen traurigen Augen. „Danke, Papa!“
Ganz fest drückt Mia das wertvolle Geschenk an sich, wickelt es wieder in den blauen Samt, steht auf, und legt es behutsam zu Emmas Teleskop in den Leiterwagen. Keiner von den Freunden traut sich, sie danach zu fragen.
Mimi ist mit Mia aufgesprungen und kläfft ausgeruht und fröhlich. Das wirkt wie ein Signal! Die Stille ist aufgehoben, und endlich wird jetzt richtig Geburtstag gefeiert! Topfschlagen. Der Professor bekommt als Erster die Augen fest mit einem roten Tuch verbunden. Auf allen Vieren muss er durchs Gras robben und wird mit kalt, polareiskalt und heiß durch den weitläufigen Garten gescheucht. Besonders schwierig für ihn und besonders lustig für die Kinder wird es, als Mimi mitspielen will und ständig vor ihm her wuselt, hechelt und hüpft. Aber Mias Papa ist überhaupt kein Spielverderber und macht jeden Spaß mit. Nach dem Topfschlagen kommen Blinde Kuh und Pfänderspiele dran, bei denen ziemlich viel Kleidung dran glauben muss. Das ist gut so, denn es ist eine Bullenhitze. Dann darf der Professor sich ausruhen. Die Kinder bemalen sich die Gesichter als wilde Buschräuber und beschmieren sich gegenseitig von oben bis unten mit feuchtem Dreck als Tarnung. Nach Verstecken und Jagen durch den ganzen Garten verfolgen sie sich laut kreischend mit dem Gartenschlauch, und dabei werden Hitze, Dreck und Farbe wieder abgespritzt. Alle wundern sich, wie schnell der schöne Tag verflogen ist.
Emma ist völlig entsetzt, als vom Nachbarhaus her die ungeduldige Stimme ihrer Mutter nach ihr ruft: „Emma, wir haben heute Abend eine Einladung ... ohne Kinder! Hast du das vergessen? Du hast versprochen, die Zwillinge zu hüten. Murrend trollt Emma sich vom Acker, etwas versöhnt durch eine nicht zu kleine Schüssel mit dem restlichen Kartoffelsalat, die ihr Rosa zum Abschied in die Hände drückt. Aber es ist ohnehin schon spät, und auch die anderen müssen jetzt gehen. Rosa bekommt noch Hilfe beim Abräumen, obwohl sie protestiert. Der Weihnachtsschmuck bleibt hängen. Er sieht zu schön aus im alten Apfelbaum, um ihn schon wieder abzunehmen. Jojo holt sein Rad und bietet Leopold an, ihn mitzunehmen. Auf der Fahrt schmettern sie lauthals durch die warme Sommernacht: „Sti...hi...lle Nacht, hei...lige Nacht ... alles schläft ... bis es kracht ...“
Nur Ali steht jetzt noch bei Mia. Zusammen sehen sie den Sängerknaben hinterher, bis sie in der Dämmerung verschwunden sind. Ein samtblauer Nachthimmel spannt sich weit über dem Garten auf. Der Abendstern blinkt im Weihnachts-Apfelbaum. Leiser Wind raschelt in den Blättern. Mia fühlt einen kühlen Schauer auf ihrer sonnenwarmen Haut.
„Kannst du noch bleiben?“, fragt sie Ali leise, ohne ihn dabei anzusehen.
„Klar, meine Eltern sind verreist, da ist kein Ärger zu erwarten.“
Mia schmunzelt über seine eigenartige Ausdrucksweise. Ali ist nicht so wie die anderen Jungs, und genau das mag sie so sehr an ihm. Mit einem Seitenblick aus seinen Kirschaugen nimmt Ali Mia an der Hand und führt sie zu Emmas Leiterwagen.
„Komm, Mia, willst du, dass ich dir das Sternenbuch erkläre? Mein ägyptischer Großvater, daheim bei mir in Kairo, hat auch so einen Atlas. Er hat mir manches über die Sterne beigebracht. Sollen wir hinauf klettern in den Baum? Da sind wir dem Himmel näher.“
„Gute Idee“, haucht Mia und ist froh, dass Emma sie nicht hören kann. Und - dem Himmel sei Dank - auch nicht sehen kann, denn bald sitzt sie mit Ali auf ihrem Lieblingsplatz oben im Apfelbaum.
Das weiße Mondlicht spiegelt sich sanft in den goldenen Weihnachtskugeln. Die Lamettafäden funkeln und zittern zusammen mit den dunklen Blättern des Apfelbaumes im kühlen Abendwind. Der Sternenhimmel wölbt sich über den beiden Kindern wie eine gemalte Zirkuskuppel. Durch Alis Stimme spricht sein weiser Großvater vom Kreuz des Südens und anderen Himmelsgestirnen. Wunderbar hört sich das für Mia an, wie ein geheimnisvolles Märchen. Ali hat eine kleine Taschenlampe von seinem Schlüsselbund losgemacht und angeknipst, denn das blasse Mondlicht reicht zum Lesen nicht mehr aus. Suchend tanzt der helle Lichtkegel über die dünnen Seiten des alten Buches. Ali blättert darin herum, auf der Suche nach einem Bild vom Kreuz des Südens.
Auf einmal kommt ein ungestümer Windstoß daher und jagt eine Böe durch den Apfelbaum. Die Blätter im Sternenbuch wirbeln wild durcheinander ... huii ... dann ... genauso plötzlich wie es begann, ist es auf einmal wieder still und ruhig im Garten ... bis auf ein dünnes Blatt Papier, das noch durch die Luft schwebt. Ein von Hand beschriebenes kleines Zettelchen, leicht wie eine Daunenfeder. Wo kommt es her? Noch einmal wird es hoch gewirbelt ... und landet dann ... direkt in Mias Schoß.
Erstaunt nimmt Mia den Zettel in die Hand und fragt Ali: „Kommt das aus dem Sternenbuch?“
Noch bevor Ali ihr antworten kann, muss Mia auf einmal heftig gähnen und lässt ihren Kopf dabei sanft auf Alis Schulter sinken. Wohlige Müdigkeit legt sich über ihren Körper, dick und weich wie eine Wolkendecke. Mia spürt Alis warme Haut an ihrer Wange und will sich gar nicht mehr bewegen. Ali hat nun endlich gefunden, was er suchte und deutet in das Sternenbuch. Sein Mund flüstert dicht an ihrem Ohr: „Schau mal, Mia, hier ist es. Das Kreuz des Südens.“ Aber Mia ist von einem Moment auf den anderen viel zu müde, um sich noch irgendetwas anzusehen. Ihre Augenlider fallen von allein zu, nur ein mattes Murmeln kommt noch von ihren Lippen: „Ali ... leg doch das kleine Zettelchen hier ins Sternenbuch ... beim Kreuz des Südens ... dann ... können wir es morgen wiederfinden. Bin auf einmal ... total müde.“
Ali lächelt verständnisvoll. Es ist ja auch ein langer Tag gewesen. Ohne genauer hinzuschauen, legt er den Zettel, den Mia ihm gibt, in das Sternenbuch, klappt es zu und knipst die Taschenlampe aus. Sanft stupst er sie mit dem Zeigefinger wach. Mia macht ihre Augen noch mal ein klein wenig auf und lässt sich von Ali, der einen Arm um sie gelegt hat, Ast für Ast nach unten helfen, ins hohe Gras, wo sie direkt neben Mimi landen. Eng beieinander gehen sie über den Kiesweg durch den Garten. Mimi tappt, mit etwas Abstand, hinterher. Gedämpftes Klappern von Tellern und Töpfen kommt aus der Küche. Rosa ist dort immer noch beschäftigt. An der Treppe zur Veranda flüstert Ali Mia zu: „Salam Prinzessin, Träume aus Samt und Seide soll die blaue Nacht dir schenken.“ So schön geht Mias neunter Geburtstag zu Ende, mit ägyptischen Nachtgrüßen unter dem weiten Sternenhimmel.
Der nächste Tag ist ein ganz normaler Schultag, kurz vor den Sommerferien. Keiner will noch was lernen. Die Schüler würden ihre Lehrer am liebsten gleich in die Ferien schicken. Alle denken nur noch ans Spielen, Rennen, Schwimmen und Eis essen. Die Sonne brennt die Köpfe leer. Da ist wohl nichts mehr drin als heiße Luft. Anders ist es nicht zu erklären, was da passiert, an diesem Vormittag.
In der großen Pause sitzen Mia und Emma auf der Mauer, die den Schulgarten begrenzt. Rosa hat Mia eine Tüte Kirschen mitgegeben. Die schmecken reif und süß und tropfen dunkelroten Saft auf ihre heißen Oberschenkel. Natürlich spielen sie Kirschkernspucken. Emma spuckt am weitesten. Da kommt Ali mit Verspätung von zu Hause angeradelt, in hellen Shorts und einem weiß in weiß bestickten ägyptischen Hemd. Sauber ist es und rein, wie frisch gefallener Schnee.
Mia und Emma sehen sich an. Ein Gedanke schießt durch ihre aufgeheizten Köpfe! Im Hechtsprung sind sie hinter der Mauer und für Ali unsichtbar. Der ist abgestiegen und schiebt sein Rad über den Schulhof zu den Fahrradständern. „Du oder ich?“, wispert Emma und grinst Mia angriffslustig an. Beide! Das ist doch klar. Als Ali in Spuckweite auf der anderen Seite der Mauer vorbeigeht, feuern die Mädchen gleichzeitig ihre Geschosse auf den Ahnungslosen ab. Volltreffer ... Doppeltreffer! Zwei blutrote Spuren auf strahlendem Weiß! Ali sieht entsetzt an sich hinunter und schimpft wild auf arabisch los: „Ya rechmeen ... Elbanat elbanat sarasier elbala at!“ Das klingt fremd, aufgebracht, wütend.
Die Übeltäter sind begeistert von ihrem Erfolg und müssen sich die Münder zuhalten, um vor Lachen nicht laut loszuprusten und dabei ihre Munition zu verlieren oder gar zu verschlucken. Gezielt spucken sie gleich noch eine Ladung hinterher. „Mist, jetzt hat er uns gesehen!“, kichert Mia aufgedreht und lässt sich dabei zum Spaß auf den Boden fallen. Aber Ali versteht jetzt keinen Spaß mehr. Wütende Blicke und wüste Beschimpfungen schleudert er über die Mauer zu den beiden Mädchen hin. Blass vor Scham und Wut ist er, dreht sich auf dem Absatz um und will weg. Da steht ihm Leopold im Weg, der seinem Freund zu Hilfe geeilt ist. Alis Verwünschungen sind auf dem Pausenhof nicht unbemerkt geblieben. Leopold sieht sofort, was los ist und stottert besänftigend auf den aufgebrachten Ali ein: „L...Lass dich b...b...bloß nicht von d...denen ärgern. Komm wir g...gehen.“ Leopold versucht den gedemütigten Freund zu beruhigen. Zu den Mädchen faucht er wütend rüber: „O...O...Oberwitzig! B...Blöde Weiber, haut ab und lasst Ali in Ruhe!“
Auch andere Schüler haben mitbekommen, dass hier was geboten ist und bleiben erwartungsvoll stehen. Im Nu hat sich eine Gruppe grinsender Zuschauer versammelt. Das Publikum stachelt Emma und Mia erst so richtig an. Die Mädchen springen aus ihrer Deckung hoch, fuchteln wild mit den Armen und brüllen zu Ali und Leopold hinüber: „Wir haben ihn erschossen ... mit gefährlichen Kirschkerngeschossen!“ Das Gegröle der Mitschüler ermuntert Emma, weiterzumachen. Der Pausenhof ist ihre Bühne. „Da ... seht nur, Blut auf seinem blütenweißen Hemd!“
Ali ist tödlich beleidigt. So etwas darf man nicht sagen. Das wird Mia augenblicklich klar, als sie Leopolds verzweifelte Blicke sieht, mit denen er versucht, Emma und sie zum Schweigen zu bringen. „Ha...ha...haltet endlich eure Schandmäuler, ihr wisst doch genau, dass Ali empf...pfindlich ist m...mit seiner Ehre!“ Aber Emma ist voll in Fahrt und lässt sich auch durch einen warnenden Ausruf von Mia nicht mehr bremsen. „Ach, unsere Prinzessin auf der Erbse kriegt von jedem Kernchen blaue Flecken.“ Alis eisiger Blick lässt Mia das Herz gefrieren. Sie sind zu weit gegangen. Unsanft stößt sie Emma in die Rippen und zischt ihr zu: „Ich glaube, wir sollten jetzt lieber ruhig sein.“ Emma lacht laut auf, sie ist begeistert von ihrem Auftritt und erhält auch noch Applaus.
Zu Alis Verstärkung ist jetzt auch Jojo aufgetaucht. Ganz dicht stehen die drei beieinander, tuscheln kurz und wenden sich dann ab, ohne die Mädchen eines weiteren Blickes zu würdigen. Jojo hat seinen Arm schützend um Alis schmale Schultern gelegt. Langsam gehen alle drei an den grölenden Zuschauern vorbei in Richtung Fahrradständer, als die Schulglocke schrillt. Die Pause ist zu Ende. Die Vorstellung ist aus. Zurück in die Klassenzimmer.
Auf dem Weg in den Raum der 3a im ersten Stock plappert Emma munter auf Mia ein. Sie ist aufgekratzt, und es fällt ihr gar nicht auf, wie geknickt Mia ist und wie schuldbewusst und verzweifelt die Freundin neben ihr hertrottet. Schweigend setzt sich Mia neben sie in ihre Bank in der ersten Reihe und bittere Tränen steigen ihr in die Augen, als sie an Ali denkt. Wie wütend musste er auf sie sein! Zum ersten Mal. Und das auch noch nach dem schönen Abend gestern. Würde sie das jemals wieder gutmachen können?
An der Tafel steht Frau Sahner, die hübsche Klas-senlehrerin. Wegen ihrer hochgetürmten hellblonden Haare wird sie von ihren Schülern liebevoll Sahnehäubchen genannt. Alle Mädchen schwärmen für sie, und selbst die Jungs finden sie voll in Ordnung. Leopold kommt etwas zu spät, aber Stotterer haben das Glück, nicht so viel erklären zu müssen, das dauert zu lang.
Als er gerade zu einer Entschuldigung ansetzen will, winkt ihn Frau Sahner ungeduldig auf seinen Platz. Leopold würdigt Emma und Mia keines Blickes, als er an ihnen vorbei nach hinten geht und sich geräuschlos setzt. Mia hat ein furchtbar schlechtes Gewissen und ist mit ihren Gedanken bei Ali.
Das Sahnehäubchen macht ein geheimnisvolles Gesicht und deutet auf ein Poster, das sie neben der Tafel aufgehängt hat. Darauf ist der Nachthimmel zu sehen, die blaue Erde mit dem Mond und allen Planeten in unserem Sonnensystem. Ein abgeteiltes Feld zeigt die verschiedenen Mondphasen.
Mit bedeutungsvoller Stimme spricht die Lehrerin zu ihren erwartungsvollen Schülern:
