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ER KNACKT DEN JACKPOT. DER PREIS: DAS LEBEN SEINER KINDER! 4,7 von 5 ***** auf Lovelybooks! Beschwingt verlasse ich die Spielhalle und grinse wie ein Honigkuchenpferd. Heute ist mein Tag! Glückselig streiche ich über die beiden Jutesäcke voller Geld. Ein Schatz, der Hauptgewinn. Mein Handy klingelt. Eine Nachricht. TODESANZEIGEN. SCHAU IN DIE ZEITUNG. Zitternd blättere ich die vorderen Seiten der Zeitung weiter, ohne auch nur die Überschrift zu lesen. Ich muss es Schwarz auf Weiß sehen! Da ist es, Rubrik Sterbefälle: UND WENN ICH DICH NICHT MEHR SEHE, SO IST MEINE SEELE DEIN ZUHAUSE. Fassungslos starre ich auf die Worte. Das Gedicht steht in der Anzeige der hübschen, dreizehnjährigen Mariella. Daneben die Anzeigen ihrer jüngeren Geschwister, die gewissenhafte Ravina und der fußballsüchtige Jack. MEINE KINDER - DER HAUPTGEWINN MEINES LEBENS. Geopfert dem Spielautomaten MIDAS, benannt nach einem geldgierigen griechischen König oder bin ich nur ein Opfer dieses Goldkönigs und meine Kinder sitzen vergnügt am Küchentisch? WOHER KOMMEN UNTERSCHWELLIGE ÄNGSTE, DIE IN UNS SCHLUMMERN UND UNS DEN FRIEDEN NEHMEN? AUS EINER LÄNGST VERGANGENEN ZEIT? Was Leser-/innen sagen: https://www.lovelybooks.de/autor/Susanne-Grußler/ Wahnsinn! Dieser Psychothriller hat mich mal wieder SEHR GEFESSELT. ALLES WAR ZU SPÄT, ICH WURDE REGELRECHT INS BUCH GEZOGEN! ***** ICH HAB DIESES BUCH VERSCHLUNGEN. Wie weit man sinken kann, wird in diesem Buch sehr verdeutlicht. Sehr lesenswert! ***** Ein SEHR KRASSER PSYCHOTHRILLER. Sehr toll geschrieben und das Ende find ich sehr schön das seine Familie so zu ihm hält. ***** +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ UND HÄTTE ICH EIN HERZ AUS GOLD, SO WÜRDE IN MEINEN ADERN KEIN WARMES BLUT MEHR FLIEßEN UND DAS KALTE METALL WÄRE MEIN SICHERER TOD. Psychothriller/ Serienmörder Übertragung von Traumata in Familien
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Woher kommen unterschwellige Zwänge,
die in uns schlummern
und uns den Frieden nehmen?
Aus einer längst vergangenen Zeit?
Das Buch
Theo liebt seine Frau Lilly, die Sockenberge und pubertären Auswüchse der Kinder. Doch seine heile Welt zerbricht, als er einen Erpresserbrief mit dem Porträt seines Vaters, gezeichnet durch seinen talentierten Bruder Andre, erhält. Vater und Andre - beide wurden vor fünf Jahren Opfer eines ungeklärten Verbrechens, oder aber, so befürchtet Theo insgeheim, ihr Konflikt hat sich bis zu einem schrecklichen Höhepunkt gesteigert, einem erweiterten Suizid. Aus Angst, jemand würde seine Familie in den Dreck ziehen, zahlt Theo immer mehr an den Erpresser und um das zu finanzieren, findet er eine fatale Lösung: die Spielhalle. Doch irgendjemand will das nicht akzeptieren und rächt sich blutig an jedem, der sich Theo in den Weg stellt.
Zur Autorin:
Seit vielen Jahren arbeite ich als Sozialarbeiterin mit Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchtproblemen. Besonders einprägsam war mir während meiner Tätigkeit als Schuldnerberaterin der hohe Leidensdruck für Betroffene, Partner und Familien bei Glücksspielsucht.
Dieses Buch präsentiert als Erklärungsansatz für eine mögliche Ursache die Weitergabe von Traumata über mehrere Generationen hinweg.
Doch es gibt zahlreiche Auslöser für die Erkrankung.
Wichtig ist ein professionelles Hilfsangebot.
Widmung:
Mein Buch „Spielverderber“ widme ich den Betroffenen, die Gehör finden sollen.
Außerdem danke ich den Mitarbeitenden der Landessstelle Glücksspielsucht in Bayern, die mir im beruflichen Kontext mit professionellen Angeboten häufig begegnet sind, für ihren hartnäckigen Kampf für Schutzmechanismen und eine Sensibilisierung der Gesellschaft.
www.verspiel-nicht-dein-leben.de
Und hätte ich ein Herz aus Gold,
so würde in meinen Adern
kein warmes Blut mehr fließen
und das kalte Metall
wäre mein sicherer Tod.
PROLOG HAUPTGEWINN THEO
HAUPTGEWINN 1
WENIGE WOCHEN SPÄTER : HAUPTGEWINN 2
WIE ALLES BEGANN
ANDRE 24.08. : DER ERSTE TAG EINES NEUEN LEBENS
THEO 24.08. : DER LETZTE TAG EINES ALTEN LEBENS
GRABBLUMEN
DANACH
ABSCHIED
ABSTURZ
AM ROTEN TOR
BEGEGNUNG
FÜNF JAHRE SPÄTER
AUSERWÄHLT
EIN FERIENTAG
ROBS GESCHICHTE : 1945 BÖHMEN
PORTRÄT
AD AKTA
FAHRSTUNDE
1945 BÖHMEN : DER WÄCHTER KEREBOS
AM GÄNSBÜHL
TANTE
EIN MANN VON WELT
VERLIEBT, VERLIEREN, VERGESSEN, VERZEIHEN
ROB 1945 : WAGGON NR. 7
PETER FREIHEIT
FAMILIENZEIT
PETER
DER PLATZ IM BETT NEBEN MIR
BLUTBAD
ROB 1945 : VON BÖHMEN NACH FÜSSEN
THEO
EHEGLÜCK
IN NACHBARS GARTEN
STILL LOVING YOU
1946 FÜSSEN VATER?
PARIS
STELLAS TRAUM
JOHANNA
60 - ER JAHRE AUGSBURG
GUTE VORSÄTZE
KRANKENSCHWESTER
WEGGESPERRT
STREIT
JOHANNA
80 ER - JAHRE SOZIALSTUNDEN
SPIELOTHEK
ANTON
MÄNNERFREUNDSCHAFT
PERFEKTE MAßE
WASCHTAG
PAKT MIT DEM TEUFEL
JOHANNA
BEGEGNUNG
FÖN
KURZSCHLUSS
ZUFALL?
ENSEMBLE
TANTE
ANTON
24.08. : ROBS LETZTER TAG
THEATERBESUCH
FAMILIENVERHÄLTNISSE
ANTON
VORHANG
EBBE
HOTELZIMMER
VERLOREN E POST
NOTIZBUCH
24.08. ROB : WAS WIRKLICH GESCHAH
MARIELLA
MAMMON
NOTWENDIGKEIT
THEO - BLUTSAUGER
STELLA EINE KISTE VOLLER BRIEFE
DER TOD KAM NACH DEM WEIN
THEO MEIN LETZTES SPIEL: DELIRIUM
THEO STERNSTUNDE UND UNTERGANG
LILLY
ENDSPURT
DIE ALTE BAHNKNEIPE
STELL A MEINE AUFGABE
NORMANNENKÖNIGIN
THEO HOMMAGE AN DIE FÜßE
MEINE HEIMAT
WAS GLÜCK WIRKLICHIST
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Ein leichter Sonnenbrand pikst auf meinen Schultern wie tausend kleine Nadelstiche, während ich im Waschkeller die Badetasche ausräume. Die Folgen eines schönen Tages am See. Dies gilt ebenso für diese lästigen Dinger. Winzige Sandkörner, die sich an nassen Haargummis und in klammen Badetüchern festhalten, als sei das ihr neues Zuhause. Ich stelle die Tasche auf die Waschmaschine, fische ein Paar bunte Flip-Flops vom Boden und klopfe sie über dem Waschbecken aus.
Da springt meine Frau Lilly die Treppe herunter zu mir. Hastig drehe ich mich zu ihr.
„Hast du doch noch etwas gefunden?“, fragt sie atemlos. Ihre Augen richten sich hoffnungsvoll auf mich.
„Nein, mein Schatz!“ Ich schüttele den Kopf. Bedauernd zucke ich mit den Schultern. „Nichts, außer Sand, der für einen ganzen Sandkasten reichen würde.“
Liebevoll nehme ich ihr Gesicht in meine Hände und küsse sie auf die Nasenspitze.
„Oh, mein Gott!“, seufzt Lilly. Auf dem Weg zum Autobahnsee hatte sie Haushaltsgeld für diesen Monat abgehoben. Fünfhundert Euro!
„Ich hätte nie so viel Geld mitnehmen dürfen!“, jammert sie. „Als du eingenickt bist, bin ich nur kurz zur Toilette gegangen. Da muss es passiert sein. Jemand hat die Börse aus der Tasche geklaut. Ich bin so doof!“
Ich merke, dass sie gegen ihre Tränen ankämpft. Drei Kinder brauchen viel. Da schmerzt der Verlust von einigen hundert Euro sehr.
„Mach dir keine Vorwürfe. Das kann jedem passieren. Wir gehen diesen Monat nicht zum Essen, ich backe uns Pizza. Und statt des Kinobesuchs sehen wir uns morgen im Fernsehen einen guten Film an. Dann kommen wir hin.“ Ich nehme Lilly in den Arm.
„Hast du vergessen, dass ich die Klassenfahrt für Mariella bezahlen muss?“, stöhnt Lilly, lässt sich jedoch in meine Umarmung sinken. „Danke, dass du mich tröstest, andere würden ihrem Partner Vorwürfe machen!“
Ich spüre, wie bei unserer Berührung ihre Anspannung nachlässt.
Lillys Arme gleiten meinen Rücken hinab. Ein angenehmer Schauer huscht mir über die Haut. Obwohl wir schon mehrere Jahre ein Paar sind, gibt es in unserem Alltag immer wieder spontan zündende Funken, die schnell eine mitreißende Leidenschaft entfachen.
Obwohl ich sie gerne intensiver getröstet hätte, fange ich ihre Hände leichthin ein und ziehe sie nach vorne.
Dabei muss Lilly an die Badetasche gestoßen sein, polternd fällt diese zu Boden, die nassen Badehosen und Bikinis klatschen auf die kühlen Fliesen und Sandkörner verbreiten sich wie davoneilende Spinnen bis in die tiefsten Fugen.
„Mist. Heute ist ein mieser Tag.“ Lilly betrachtet das Chaos und lässt missmutig die Schultern hängen.
„Stimmt nicht, Lillybeth.“ Nicht viele Menschen kennen ihren vollen Namen. Ich küsse zart ihre weichen Fingerspitzen.
Doch der Moment der Entspannung ist vorüber. „Das viele Geld. Wie sollen wir das nur schaffen!“, jammert sie.
„Leg dich etwas hin“, schlage ich vor. „Ich kümmere mich weiter um die Wäsche. Wir finden später einen Weg.“
Ich will nicht, dass sie traurig ist. Nicht Lilly. Sie und die Kinder: Mariella, Ravina, Jack – sie sind mein Leben, mein
persönlicher HAUPTGEWINN!
Nun gehe ich in die Hocke, um die nassen Badesachen einzusammeln. Spontan greife ich zu einem Handtuch und ziehe es mir wie ein Kopftuch über meine vom Baden verstrubbelten Haare. „Lass mich dein Saubermann sein, dein Putzkrieger, dein ergebener Picasso der Fleckentfernung“, blödele ich und ziehe eine dumme Grimasse.
Mit Erfolg. Ein zaghaftes Lächeln huscht über Lillys Lippen wie ein zarter Sonnenstrahl am Morgen. Sie streckt mir frech die Zunge raus und geht nach oben.
Nachdem ich einen Waschgang gestartet und den Sand von den Fliesen gekehrt habe, fasse ich mich an die hintere Hosentasche und hole einen weichen Gegenstand hervor. Beinahe wäre es schief gegangen. Leider musste ich deswegen auf ein paar der wenigen möglichen Momente der Zweisamkeit, wenn auch in der kalten Waschküche, verzichten.
Mit den Fingern fahre ich über die glatte, lederne Oberfläche. Öffne Lillys Börse, der Inhalt: 492 Euro und 30 Cent.
Meine Zunge erinnert sich immer noch an den cremigen Geschmack von Schoko-Brownie. Unser Lieblingseis, eine Kugel für jeden. 7,70 Euro. Eine Investition für einen reizenden Familientag.
Beschwingt verlasse ich die Spielhalle und grinse wie ein Honigkuchenpferd. Heute ist mein Tag! Glückselig streiche ich über die beiden Jutesäcke voller Geld. Ein Schatz, der HAUPTGEWINN!
Ich fahre zum Augsburger Autobahnsee. Als ich den Wagen an einer uneinsichtigen Stelle auf dem Gelände abstelle, ist es stockfinster. Hier parken nachts selten Autos, und wenn, dann nur für eine Dauer von dreißig Minuten. Ein kurzer Treff, ein Schäferstündchen für Durchreisende, die Bedürfnisse haben, auf ein unkompliziertes Abenteuer aus sind. Ein geeigneter Platz – niemandem fällt auf, dass dies mein Zuhause geworden ist.
Heute ist dieser Ort für mich das Paradies auf Erden und ich fühle mich frei wie der Falke, der in Leichtigkeit über den Sandstrand des Sees und dessen grüne Insel hinwegschwebt! Heute Nacht habe ich um das Wohl meiner Kinder gespielt und ich werde gleich morgen früh alles bezahlen, sie freikaufen, ich habe gewonnen!
Da vibriert mein Handy. Eine WhatsApp-Nachricht. Ich habe keine Lust, das jetzt zu entziffern, doch mein Blick fällt auf den Text, der automatisch aufleuchtet.
Die Kinder: TODESANZEIGEN! Schau in die Zeitung!
Knallharte Worte, die umgehend jeden Sauerstoff aus meiner Lunge pressen.
Ich umklammere das Handy, lese die Nachricht wieder und wieder.
Es ist wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Etwas brüllt, jemand, ich? Dann Totenstille. Rasende Panik macht sich in meinem Magen breit, mein Herz schlägt schnell, es donnert gegen meine Brust.
Warum jetzt, wo ich doch nun alles regeln könnte?
Ich wage es fast nicht, die Zeitung aufzuschlagen. Zitternd blättere ich die vorderen Seiten weiter, ohne auch nur die Überschrift zu lesen. Ich weiß genau, was ich suche, muss es Schwarz auf Weiß sehen! Da ist es, Rubrik Sterbefälle:
Und wenn ich dich nicht mehr sehe, so bist du doch ein Teil von mir und in meiner Seele zu Hause.
Fassungslos starre ich auf die Worte. Das Gedicht steht in der Anzeige der dreizehnjährigen Mariella. Mein wunderschönes Mädchen mit den grünen, leicht schräg stehenden Augen. Das Ebenbild ihrer Mutter Lilly. Sie liebt es, stundenlang zu telefonieren. In meinen Ohren höre ich noch ihr helles Lachen aus ihrem Zimmer, wenn ihre Freundinnen zu Besuch sind.
In ruhigem Tonfall, als säße jemand neben mir, dem ich das erklären müsste, spreche ich: „Nein, das ist falsch! Sie liegt nicht in einem Grab! Sie ist zu jung! Wer schreibt solchen Unsinn?“
Jacks Anzeige steht am rechten oberen Rand. Jack Rommels, in Trauer: alle Angehörigen. Zwei Jahre, drei Monate und fünf Tage alt. Die Anzeige ist klein, wie der süße Jack mit den Locken, die seine Mutter an ihm so liebt. Ich denke an ihn, an sein fröhliches Glucksen, als er die ersten Schritte schaffte. Daran, wie gerne er Vanillepudding schlemmt und wie der Pudding danach in den Haaren, an den Augenbrauen und seinem Traktor-Pullover pappt. Und an seine klebrigen Umarmungen, denen ich nie widerstehen kann. Nun ist jede Kleinigkeit wieder in meinem Kopf.
Ich beginne zu keuchen. Drücke ungeduldig auf den Fensteröffner, die Scheibe senkt sich zu langsam. Ich brauche dringend Luft! Der Wind bläst Regentropfen ins Auto. Speichel sammelt sich in meinen Mundwinkeln, wie bei einem tollwütigen Fuchs und tropft zähflüssig auf die Zeitung. Unbeholfen schmiere ich mit den Händen darüber. Meine Augen wandern hektisch weiter.
Dann lese ich: Ravina Renata Rommels, elf Jahre alt.
Freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Eine sanfte, strebsame Schülerin. Von jedermann gemocht. Im letzten Schuljahr hatte der Übertritt ans Gymnasium angestanden. Mit ihren Begabungen kein Problem. Sie sollte ein behütetes Leben führen. Wie ihre Geschwister verdient Ravina einen Vater, der sie beschützt und sie unterstützt, wo es nur geht.
„Ich liebe dich“, murmele ich fast unhörbar, denn ich weiß nicht, ob ich je wieder die Möglichkeit haben werde, diese Worte, die ich ihr schon so oft ins Ohr geflüstert habe, auszusprechen. Hilflos sinke ich über der Zeitung zusammen.
Ich ekle mich so vor mir. Ich habe sie auf dem Gewissen, die reinsten Geschöpfe, die ich je kennenlernen durfte. Meine Kinder.
Ich stutze, überlege kurz, dann weiß ich plötzlich, was ich zu tun habe. Es gibt keine andere Möglichkeit. Mein Mund verzieht sich zu einem hilflosen Lächeln. Aus dem Handschuhfach nehme ich mir feste Stricke und knote sie an die Taschen der Rücksitzbank. Klirrende Münzen vermischt mit dem Rascheln gebündelter Scheine – nun erscheint es mir wie die Notdurft meines nach Geld gierenden Menschseins.
Danach greife ich nach den schweren Beuteln, der Ursache allen Übels, verlasse den Wagen und steuere zielstrebig auf den See zu. Grau liegt das Wasser vor mir, unter den Ästen, die ins Wasser reichen, schlafen die Enten, die meine Kinder tagsüber so gerne füttern. Doch heute gibt es an diesem Ort nichts Schönes. Der Wind pfeift durch die Büsche, er schleudert mir seine Wut um die Ohren, für mich gibt es keine Vergebung. Schritt für Schritt stapfe ich ins lauwarme Wasser.
Was für ein Mensch ist nur aus mir geworden?
Es gab Zeiten, da habe ich alles, was wichtig war, vergessen! Für den Rausch, ein Automatenspiel, benannt nach Midas, einem antiken König, der seine eigene Tochter tötete, weil er sie zu Gold verwandelte!
Jetzt ist alles düster, doch nicht so finster wie in meiner verfluchten Seele. Der Mond verschwindet hinter einer dunklen Regenwolke, als könne er meinen Anblick nicht mehr ertragen. Ich schaffe es trotz der Dunkelheit, mir die Säcke um den Bauch zu binden. So fest, dass ich sie nicht mehr lösen kann. Sie sollen mit mir untergehen. Obwohl ich in allem versagt habe, ein Feigling war ich nie. Die Stricke drücken mir fest ins weiche Fleisch, als ich gefasst auf das, was kommt, ins tiefere Wasser wate. „Lilly“, hauche ich und denke an meine Frau. „Es tut mir so leid!“ Mehr gibt es nicht zu sagen. Ich wage es nicht, sie um Verzeihung zu bitten.
Im Stillen hoffe ich darauf, in den nächsten Momenten meine Kinder wiederzusehen. Ihre engelsgleichen Gesichter ziehen in meinem Kopf wie verheißungsvolle Vorboten an mir vorüber. Ravina, Jack, Mariella! Ich lasse euch nie mehr allein! Jetzt endlich wird alles gut, ich werde ewig für euch da sein. Wo auch immer.
Lautlos tauche ich unter.
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Dass er in der Lage war, sich Nächte um die Ohren zu schlagen, kam Andre Rommels in seiner schwierigen Situation entgegen. Sein Vater Rob war abends regelmäßig lange unterwegs und Mutter Stella mit kitschigem Fernsehkram beschäftigt, sodass er sich unbemerkt bis tief in die Nacht in seinem Zimmer vor Zeichnungen setzen konnte.
Obwohl Andre stundenlang intensiv in seine Fantasiewelt eintauchte, lauschte er mit einem Ohr stets, ob er den Wagen seines Vaters in die Garage fahren hörte. Aus Gewohnheit zog er das Rollo halb runter und öffnete das Fenster, um rechtzeitig das Licht zu löschen und sich schlafend zu stellen.
Andre war zwar bereits über zwanzig, doch im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Theo wohnte er noch im gepflegten Einfamilienhaus seiner Eltern. Nach einem wackeligen Realschulabschluss mit einigen Ehrenrunden und einer abgebrochenen Ausbildung als Bauzeichner, bestand Vater darauf, dass er so lange zu Hause blieb, bis er das Abitur abgelegt hatte. Aus diesem Grund achtete Vater auch akribisch darauf, dass sein Sohn fürs Lernen stets ausgeschlafen war.
Ein Schuss in den Ofen, wusste Andre, meine Noten sind und bleiben grottenschlecht, hoffnungsloser Fall eben. Wenn Vater wüsste, wie viel Zeit ich mit Zeichnen verbringe, er würde toben.
Am Wochenende verordnete sein Vater ihm manchmal eine Tour durch die Augsburger Hinterhofkneipen. Andre vermutete, er wolle einen „ordentlichen Mann“ aus ihm machen. Sein jüngerer Bruder Theo verstand nicht, warum Andre mitging, aber Andre mochte die Abende, denn obwohl Vater streng war, war er auch charismatisch, und Andre hörte fasziniert zu, wenn er mit den anderen Männern diskutierte. Vater hatte ihn und Theo im Alter von über vierzig Jahren bekommen, daher wäre er eigentlich in der Lebensphase, in der sich andere auf ihren Ruhestand vorbereiten. Doch sein alter Herr strotzte nur so vor Energie und konnte nicht die Bremse ziehen und das Leben genießen.
Andre ließ sich auf sein Bett plumpsen und griff zu Stift und Block. Mit gekonnten Strichen entstand eine Bleistiftzeichnung: sein Vater mit seinem dominanten Blick, dem man so wenig entgegenzusetzen hatte, und mit den weicheren Zügen, die man nur in seltenen Momenten wahrnahm, wenn man ihn genau beobachtete.
Andre wusste, er musste sich endlich der Konfrontation mit Vater stellen und ihm war klar, dass das keinen Aufschub mehr duldete.
Außerdem war Vater in den letzten Tagen anders gewesen als sonst, irgendwie weicher, das gab ihm Mut.
Den ganzen Tag plante er bereits nervös für die anstehende Aussprache. Am Vormittag hatte er mit Theo eine Runde Tennis gespielt, das lenkte ab.
„Habt ihr nichts zu lernen?“, hatte das Vater verkniffen kommentiert. Solange Andre nicht mindestens drei Stunden vor seinen Schulaufgaben saß, konnte Rob nicht entspannen.
Abends backte Andre Pizza für die ganze Familie, doch beim Essen bekam er keinen Bissen runter.
„Gehst du nicht mit an den Lech auf ein Bier?“, fragte Theo, der zum Essen kam, ungeduldig nach. Am liebsten hätte Andre sofort zugesagt, die Abende, an denen er mit Theo und dem gemeinsamen Freund Anton an den Kiesbänken des Lechs mit Grillen, Karten spielen und endlosen Diskussionen verbrachte, waren sein Highlight der Woche. Doch Andre schüttelte den Kopf.
„Hast grad nie Zeit. Wie laufen die Dates?“, bohrte Theo augenzwinkernd weiter.
Andre grinste vielsagend. Die Brüder standen sich nahe und so war klar, dass Theo über kurz oder lang Wind von seiner neuen Liebe bekommen würde. Doch bislang schwieg Andre sich hartnäckig darüber aus.
Vater verließ später das Haus, vermutlich, um in einer Kneipe den Abend ausklingen zu lassen, und nachdem Mutter die Küche aufgeräumt hatte, saß sie wie oft im Wohnzimmer vor dem Samstagabendprogramm.
Andre dachte kurz nach, dann schloss er das Fenster wieder und zog demonstrativ das Rollo hoch, sodass sein Zimmer von außen hell beleuchtet auffiel.
Ab heute wird alles anders, heute bin ich stark, stehe zu mir und meinem Leben.
Das hatte er sich fest vorgenommen. Doch wenn er Vater die Wahrheit beichten würde, so viel war klar, würde er sein Elternhaus verlassen müssen. Für immer. Alles, was er dafür brauchte, hatte er in seinem Rucksack verstaut. Andre war nervös, hatte Angst.
Am liebsten hätte er seinen Bruder um Hilfe gebeten.
Doch meine Probleme sind nicht seine Probleme. Das muss ich heute allein schaffen.
Theo kam oft zu ihm ins Zimmer und sah seinem großen Bruder zu, wie er zeichnete. Wenn’s dafür nicht die Todesstrafe gibt, frotzelte Theo regelmäßig sarkastisch. Eine Karriere als Bühnenbildner, das war Andres Traum, doch Vater verbot es ihm strikt. Brotlose Kunst. Andre sollte als sein ältester Sohn in seine Firma einsteigen. Dabei plante Andre anderes. Er wollte seine Leidenschaft zu seinem Beruf machen.
Heute ist der letzte Tag meines alten Lebens, sprach sich Andre Mut zu und beim Gedanken an die Konfrontation mit seinem Vater begann sein Herz aufgeregt zu flattern. In den letzten Wochen hatte es da noch etwas anderes gegeben, jemanden, dem er nur zu gerne Zeit schenkte. Auch das würde er dem höchsten Gericht – seinem Vater – heute gestehen.
Andre rollte das fertige Porträt zusammen und band einen Gummi darum.
Sobald ich weg bin, erzähl ich Theo alles. Er versteht es.
Andre hörte, wie ein Auto vor dem Haus hielt und sich das elektrische Garagentor öffnete. Vater war früher zu Hause als sonst. Fast wäre er aufgesprungen und hätte aus alter Gewohnheit schnell das Licht gelöscht. Stattdessen zwang er sich, ruhig zu bleiben.
Kurz darauf vernahm er stampfende Schritte auf der Treppe, die Haustür fiel krachend ins Schloss. Andre griff zu Zeichenblock und Stiften und steckte sie in den Rucksack.
Kleidung, Handy, etwas Geld, Waschzeug. Alles, was man für die Flucht in ein freies Leben braucht.
Um seinem Vater zuvorzukommen, verließ er sein Zimmer und ging die Treppe hinunter.
Aufrecht wie stets stand Vater im Flur vor ihm.
Er ist einen Kopf größer als ich, genauso wie Theo, fiel Andre auf. Schon allein aufgrund seiner körperlichen Dominanz löste Vater in ihm häufig ein Gefühl der Unterlegenheit aus.
„Ich muss dir etwas sagen.“ Andre sprach leise. Zu leise. So hatte er sich das nicht vorgenommen. Er räusperte sich, richtete sich gerade auf und ergänzte mit fester Stimme: „Jetzt gleich.“
Wie oft schwankte Andre zwischen Scheu und Bewunderung. Sein zeichnerisch geschulter Blick registrierte blitzschnell, wie sich die Halsmuskeln seines Vaters anspannten, das Kinn zuckte. Dennoch, da war die ihm vertraute warme Glut in Vaters Augen.
Wie ein Löwe, der in den Kampf zieht. Ästhetisch, für seine Familie bis zum Allerletzten.
Wie gerne würde er diesen Moment zeichnerisch einfangen. Sogar in dieser angespannten Situation konnte Andre nicht anders.
„In fünf Minuten im Wintergarten“, lautete die Antwort. Erleichtert bemerkte Andre, dass sein Vater versuchte, ruhig zu bleiben.
Andre begab sich sofort in den Wintergarten. Dort wartete er fünf endlos lange Minuten. Er starrte durch die großzügigen Glasscheiben nach draußen. Tiefe Dunkelheit, nur das Licht der Straßenlaterne warf seine Schatten über den gepflegten Rasen. Dann das Ticken der Uhr. Eine besondere Wanduhr, ihr Design bestand lediglich aus schwarzen Kontinenten der Welt. Theo und Andre hatten Vater die Uhr zum letzten Geburtstag geschenkt. Er schwärmte oft laut von fremden Ländern und seine Söhne wollten ihm mit der Uhr zeigen, dass es Zeit wurde, Träume in die Wirklichkeit umzusetzen.
Aus dem Wohnzimmer tönte der laut gestellte Fernseher. Mutter war bestimmt wieder davor eingeschlafen.
„Was hast du mir zu sagen?“ Mit energischen Schritten trat Rob ein und verschloss die Tür hinter sich. Er trug eine Flasche Wein unterm Arm und stellte die zwei Gläser auf dem Tisch ab. Der Anfang war gemacht.
Ein Gespräch unter Männern von Vater zu Sohn. Andre wusste, das war ganz nach Vaters Geschmack, deshalb hatte er bewusst diese Art der Kommunikation gewählt. So tickte Vater eben.
In seinen schlimmsten Albträumen hätte sich Andre nie ausmalen können, was in den nächsten sechzig Minuten passieren würde.
Genauso unaufhaltsam wie die Zeit der Uhr, so verrann auch Andres Lebenszeit. Mit jedem Ticken näherte sie sich dem tragischen Ende.
Ein klärendes Gespräch mit tödlichem Ausgang.
Eine Stunde später wusste Andre, dass dies sein letzter Tag sein würde. Verwundert fasste er sich an die Brust, sie war feucht, ein Schwall Blut färbte sein Hemd dunkelrot, doch er spürte keinen Schmerz.
Andre hatte seinem Vater gebeichtet, wie es um die Schule stand, seine Pläne kompromisslos klar gemacht und von seiner großen Liebe erzählt.
Erleichtert fühlte Andre, er hatte zu sich selbst gestanden, auch in den allerletzten Minuten seines kurzen Lebens, selbst, wenn das jetzt seinen Tod bedeutete.
Das ist mein Triumph und ich bedauere nichts.
Andre hielt Vater in seinen Armen.
Entzweit im Leben, verbunden im Tod. Mit ungläubigen Augen starrte ihn der starke Mann an. Vater war nicht mehr in der Lage, auch nur den kleinen Finger zu krümmen.
So wie Andres Körper an Kraft verlor, arbeitete auch sein Verstand nur noch auf Sparflamme.
„Verzeih mir, Theo“, flüsterte Andre, als er den letzten Atemzügen seines Vaters lauschte und sich sein warmes Blut mit dem des starken Mannes vermischte.
Es war einer dieser lauen Sommernächte am Lech, an denen man nicht nach Hause gehen mochte, weil es von ihnen im Jahr so wenige gab. Die Grillen zirpten und Theo Rommels und sein Freund Anton saßen im Licht des Feuers auf einer der Lechbänke. In den letzten Monaten hatte es selten geregnet, so führte der sonst oft reißende Fluss nur wenig Wasser. Theo drehte den Lautsprecher des Radios lauter und warf dürre Äste ins Lagerfeuer.
„Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen verzeichnet besonders in den Industrienationen eine weiter steigende Zahl von Asylsuchenden. Wenn dieser Trend anhält, wird in diesen Staaten die höchste Flüchtlingszahl seit zwei Jahrzehnten erreicht.“
Theo drosselte den Ton des Radios. Er nahm einen Stecken und stocherte gedankenverloren in der Glut. „Menschenverachtend. Viel zu viele sterben an Misshandlung, sexueller Gewalt, oder bei einer der Meeres- und Wüstendurchquerungen. Und die Welt sieht zu. Was macht das mit einem? Hunger, Tod, Vergewaltigung, und doch ist da in uns der unbedingte Drang zum Überleben. Selbst zum Preis des Verlustes der Heimat“, sagte er.
Anton beugte sich vor und griff zu einem Bier, das die beiden ins seichte Wasser gestellt und mit Steinen befestigt hatten.
„Würde mir auch nie in den Sinn kommen, mein Land zu verlassen“, meinte er und öffnete die Flasche mit einem Zischen.
„Was ist Heimat?“, sinnierte Theo weiter und sprach mehr mit sich selbst als mit Anton. Er streckte seine Beine auf den noch warmen Steinen des Lechufers aus. Mit Andre konnte er über solche Themen ewig diskutieren. Mit Anton war das anders, aber es störte Theo auch nicht, laut vor sich hin zu denken.
„Heimatlos, obdachlos, wohnungslos, vertrieben, geflüchtet – viele Wörter für einen Zustand. Doch wo ist der Unterschied und wo liegen die Gemeinsamkeiten?“, überlegte Theo und ihm fiel ein, dass sein Vater und seine Tante mit ihren Eltern aus Böhmen vertrieben worden waren. Während er die Abendluft genoss, versuchte er, sich selbst eine Antwort zu kreieren: „Heimatlos heißt, dass es keinen Ort gibt, an dem man zu Hause ist. Vertrieben bedeutet, an genau dem Ort, den man sein Zuhause nennt, nicht bleiben zu dürfen, während geflüchtet bedeutet, die Heimat aus Angst um Leib und Leben zu verlassen, folglich ist in der Praxis ein Vertriebener oft auch ein Geflüchteter. Obdachlos jedoch bedeutet nicht heimatlos zu sein, sondern dass ich in meiner Heimat kein Dach mehr über dem Kopf habe. Und wohnungslos – na ja, dass man vielleicht bei jemandem pennt, aber keine eigene Wohnung hat.“
„Echt kompliziert!“, stellte Anton fest und kratzte sich am Kopf.
„Vielleicht nicht. Unterm Strich stellt sich stets die Frage, wo fühlt man sich zu Hause?“
„Aha, wenn du meinst? Hättest du nicht gerne später mal im Ausland gearbeitet?“, fiel Anton ein.
Theo nickte. „Vielleicht – also noch eine Variante: auswandern. Trotz Heimat und Wohnplatz, freiwillig sozusagen. Nur, damit brauch ich meinem Vater nicht zu kommen“, seufzte er. „Außerdem will ich Andre nicht allein lassen.“ Er holte sich ebenfalls eine Flasche Bier, es zischte beim Öffnen. Theo wandte sich erneut an Anton: „Ist aber auch bei dir echt Zeit, dass du das Hotel Mama verlässt. Kannst meinen großen Bruder gleich mitnehmen! Ich helf euch dabei. Wir könnten gebrauchte Möbel besorgen und organisieren gemeinsam den Umzug“, schlug Theo vor. „Nennt man einfach nur Ausziehen. Was meinst du? In meiner WG sind noch Zimmer frei!“ Seit einem Jahr wohnte Theo in einer Studenten-WG im Univiertel. Er büffelte oft bis spät in die Nacht und so konnte er länger schlafen, da er am nächsten Morgen nur einen kurzen Weg zu seiner nächsten Vorlesung hatte. Gegen Theos Auszug hatte Vater nichts einzuwenden gehabt. Schließlich waren selbst im anspruchsvollen Jura-Studium Theos Leistungen brillant. Nur die Notenübersichten musste er nach wie vor bei Vater vorlegen, wenn auch für ihn selbst diese Bewertungen völlig nebensächlich waren.
„Was ist nun, soll ich mich um das freie Zimmer kümmern?“, hakte Theo nach, als er keine Rückmeldung erhielt.
„Nicht unbedingt. Aber wo ist heute eigentlich Andre?“, fragte Anton.
Theo grinste. Themenwechsel also.
Er wusste genau, Anton fiel es schwer, sich von seiner Mutter zu lösen. „Andre sitzt vor seinen Zeichnungen, in irgendein Buch versunken, wo soll er schon sein?“
Seit ihrer Schulzeit fuhren die beiden Brüder und Anton regelmäßig und am liebsten auf ihren alten Fahrrädern zum Fluss. Obwohl Theo gerne Zeit mit Andre verbrachte, schätzte er auch Anton als einen ihrer treuesten Freunde, half ihm mit Ratschlägen zu Mädchen oder erklärte ihm zu seiner Gesellenprüfung als Maurer Fächer wie Wirtschafts- oder Sozialkunde.
„Apropos Bücher, ich habe mir gestern das Skript zu Materialkunde für Auszubildende durchgelesen. Nächste Woche ist Zwischenprüfung“, berichtete Anton zaghaft.
„Du hast so viel gelernt, du schaffst das!“, behauptete Theo und gab sich Mühe, zuversichtlich zu wirken. Andre hatte zwar Anton angeblich auch abgefragt, aber Theo wusste genau, wie das gelaufen war. Wahrscheinlich hatten die beiden sich verquatscht und Andre es vorgezogen, Anton zu zeichnen.
Wenn Anton die Ausbildung nicht schafft, verdient er nie genug, um eigenständig zu werden, ging es Theo durch den Kopf.
Die Glut im Feuer war fast erloschen. Ein frischer Wind zog auf und es begann zu tröpfeln. Theo fröstelte, er griff zu seiner Jacke. „Es ist zehn Uhr, lass uns morgen nochmal die Themen der Zwischenprüfung durchsprechen. In der Früh um acht bei mir?“
„Geht’s nicht erst um neun?“, kam kläglich der Protest seines Freundes.
„Du kriegst eine Tasse Kaffee. Es bleibt bei acht.“
Jetzt kling ich fast so streng wie mein eigener Professor, fiel Theo auf. Oder wie Vater.
Theo war froh über seine Studentenbude, so konnte er sich seine Zeit frei einteilen, ohne unter väterlicher Überwachung zu stehen, gerade wenn das bedeutete, Anton zu helfen, anstatt für sein eigenes Examen zu lernen. Vater hatte sich gewünscht, dass er Jura studierte, und Theo hatte nichts dagegen gehabt. Ihm fiel das Lernen leicht, doch insgeheim bewunderte er Andre. Eine Leidenschaft, für etwas zu brennen, das hab ich noch nicht erlebt.
Ein flackerndes Licht näherte sich ihnen, Fahrradbremsen quietschten.
„Mutti hat gesagt, sie fährt mir um zehn entgegen“, seufzte Anton, füllte einen kleinen Eimer mit Lechwasser und goss es in die restliche Glut. Zischend glommen die Funken ein letztes Mal auf.
„Gewöhn ihr das ab“, sagte Theo und flüchtete hustend aus der Rauchwolke.
Antons Mutter war eine freundliche Frau. Dennoch fand Theo sie schlicht und einfach übergriffig. Seit ihr Mann gestorben war, meinte sie, sie müsse sich rund um die Uhr um Anton kümmern.
„Weiß sie, dass du schon erwachsen bist?“, fragte er bewusst provozierend.
„Sie kann sonst nicht schlafen“, erklärte Anton entschuldigend.
„Und du liegst noch mit fünfzig allein im Bett, wenn das so bleibt.“
Fünfzehn Minuten später radelte Theo zurück zu seiner WG. Er mochte den Weg durch die Lechauen, fernab von den Straßen auch nachts. Öfter schon war ein Reh über seinen Weg gesprungen oder ein Fuchs ins Dickicht geflüchtet.
Da klingelte sein Handy. Auf dem Display erschien der Name von Stella, seiner Mutter. Spontan dachte er an Antons Mutter.
„Kannst du auch nicht schlafen?“, frotzelte er.
Doch am Telefon meldete sich eine unbekannte Stimme. „Hier spricht die Polizei. Wir haben das Handy Ihrer Mutter und so Ihre Nummer ausfindig gemacht. Sind Sie Theo Rommels? Ein Unglück ist passiert. Ihre Mutter steht unter Schock. Wegen der Umstände muss ich Sie bitten, sofort ihr Elternhaus aufzusuchen.“
Fast wäre Theo vom Rad gefallen, so scharf bremste er ab. Die Bremse quietschte. Sein Herz fing wild an zu rasen, während sein Mund trocken wurde und er heiser fragte: „Welche Umstände? Andre. Vater. Was ist mit meiner Familie?“
Das Schweigen des Polizisten dauerte eine gefühlte Ewigkeit. „Vielleicht kommen Sie besser“, hörte er die Stimme besänftigend sagen, da hatte er das Handy schon in seine Hosentasche gesteckt. Theo sprang aufs Rad, wechselte die Richtung und düste los.
Schon von Weitem sah er die Polizeiautos mit blinkendem Blaulicht in der Einfahrt stehen, dahinter zwei Krankenwägen. Theo warf das Fahrrad achtlos auf den Gehweg und hechtete schwungvoll über den Zaun. Er wollte sofort ins Haus stürmen. Dabei ignorierte er die zahlreichen Polizisten und Mitarbeiter in weißen Anzügen, bis drei Männer ihn mit aller Kraft an Armen und Schultern festhielten. Theo wehrte sich, doch dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Wintergarten, der von Scheinwerfern der Polizei angestrahlt wurde. An der Scheibe, die Mutter sonst so akkurat putzte, war ein Handabdruck zu erkennen, passend zu Andres feingliedrigen Fingern, rot und klebrig. Mit einem Mal fühlte Theo sich wie gelähmt. Er ahnte das Schlimmste.
Eine Kommissarin mit kurzen Haaren kam auf ihn zu. „Marlene König, ich leite die Ermittlungen, sind Sie Theo Rommels? Ist das Ihre Mutter?“ Sie deutete Richtung Krankenwagen.
Stella saß lächelnd aufrecht auf einer Liege und winkte ihm zu. Ihre Augen waren weit aufgerissen und hetzten wirr von einer Seite des Gartens zur anderen.
Theo nickte. Er fühlte sich nicht in der Lage, nachzufragen oder weitere Schlüsse zu ziehen.
„Zwei Männer, vermutlich ihr Vater und ihr Bruder sind ums Leben gekommen“, erklärte Frau König ruhig. Die Kommissarin deutete den Polizisten an, Theo loszulassen. Behutsam wurde er von ihr am Ellenbogen zu einem der Gartenstühle geführt. Er wusste nicht, was die König von ihm wollte.
Blödsinn, was die da quatschte, er war doch nachmittags noch mit Andre auf dem Tennisplatz gestanden.
„Sie irren sich“, versuchte er ihr zu erklären und doch, Theo schaffte es nicht, seinen Blick von dem blutigen Handabdruck abzuwenden.
So ein Unsinn, schrie es in ihm dagegen an. Andre wird doch ein großer Künstler!
„Ich will da hin!“, stammelte er und deutete auf die Hand.
„Wenn Sie möchten, bringe ich Sie rein. Ich will Sie jedoch warnen, der Anblick der beiden Männer ist“, sie überlegte kurz, „ehrlich gesagt - schrecklich.“
Wie ferngesteuert stand er auf. „Bitte“, sagte er. „Sonst glaub ich ihnen nicht.“
Ein weiterer Kommissar mit Anzug und Fliege war dazugekommen, die König nickte ihm zu, erneut nahm sie ihn am Arm, so, als würde sie einen alten Mann über die Straße führen.
„Kommen Sie!“, sanft schob sie ihn mit sich.
Wie in Trance ließ Theo sich in den Wintergarten begleiten. Da lagen sie, Bruder und Vater. Der schmale Andre sah aus, als schliefe er. Er wirkte entspannt, im Arm hielt er den massigen Körper seines Vaters. Rob hingegen hatte die Augen weit geöffnet, den Blick gerade nach vorne gerichtet. Es kam Theo vor, als starre er ihm bis ins Herz.
Vor ihren Füßen lag, wie achtlos hingeworfen, eine Pistole.
„Sie sind tot“, flüsterte Theo der König zu. Er hatte keine Ahnung, woher er auch bei Andre diese Gewissheit nahm, und trotzdem wusste Theo es jetzt sofort. „Dann gibt es in meiner Familie nur noch meine Mutter und mich.“ Ihm wurde schwindelig und er lehnte sich an die Wand. Die Sanitäter kamen, doch die Kommissarin winkte ihnen, zu warten.
Theo wollte die beiden hochziehen, im Arm halten, sie schütteln und aufwecken, doch der Blick seines Vaters ließ nicht zu, dass er auch nur einen Schritt nach vorne ging. Er stand nur da, unfähig, etwas zu sagen oder sich zu bewegen.
„Haben Sie einen Verdacht, was passiert sein könnte?“, fragte die König behutsam.
"Ja!", brach es aus Theo hervor. Dann zwang er sich, den Kopf zu schütteln. „Ich meine NEIN!“ Theo merkte nicht, dass er die Kommissarin anschrie.
Ich lasse nicht zu, dass jemand schlecht über meine Familie denkt, befahl Theo sich und beschloss, dabei so stark zu bleiben, wie sein Vater.Es gab Dinge, die durften einfach nicht sein.
Weil nicht ist, was nicht sein darf.
Theo wusste nur eines: von diesem Moment an war sein bisheriges Leben vorbei. Nichts würde je wieder sein wie früher. Hier gab es kein Happy End, vor ihm lag die ungeschminkte, brutale Wahrheit.
Schon fast eine Stunde verbrachte die Kommissarin Marlene König mit ihrem Vorgesetzten Robert Stahlgruber am Tatort in dem Einfamilienhaus mit den duftenden Geranien am Balkongeländer. Ihr Blick streifte über die geschmackvolle und sicherlich teure Innenausstattung, bestehend aus cremefarbenen Möbeln, Rattansesseln, flauschigen Teppichen und bunten Tischdecken. Mitten in dieser heimeligen Atmosphäre war jedoch ein grausamer Mord geschehen, die Opfer: ein stadtbekannter Bauunternehmer und der Ältere seiner beiden Söhne.
„Nach Aussage von Frau Rommels, der Frau und Mutter der Opfer, gab es ein lautstarkes Gespräch, daraufhin fielen Schüsse und sie flüchtete in Todesangst in den Keller. Wegen des Fernsehers ist sie jedoch nicht sicher, ob sie ausschließlich Stimmen der beiden Männer gehört hat. Die Opfer weisen mehrere Schusswunden auf. Es wird schwer feststellbar sein, wer aus welchem Winkel geschossen hat.“ Marlenes Blick fiel auf den Strauß mit den Blumen auf dem Beistelltisch. Angesichts des Massakers, das im Wintergarten passiert war, wirkten die strahlend gelben Rosen jedoch wie Friedhofsblumen, arrangiert für den allerletzten Gang.
Stahlgruber, Gesamtleiter der K1 – Fachkommissariat für Verletzung persönlicher Rechtsgüter – war heute besonders aufgekratzt. Hektisch lief er zwischen den Räumen auf und ab.
Marlene bemühte sich, ihn zu ignorieren, so sehr nervte ihn seine hippelige Art. Sie inspizierte den Tatort genau. Die Terrassentür stand sperrangelweit offen, Schranktüren waren aufgeklappt, Schubladen herausgezogen. Kerzenständer, Dekoartikel, Bücher, alles lag wahllos verstreut auf dem Boden. Mittendrin: eine Pistole, höchstwahrscheinlich die Tatwaffe. Wie achtlos weggeworfen lag sie zu den Füßen der Toten. Marlenes geübter Blick zeigte ihr sofort: Hier war wenig planmäßig vorgegangen worden. Welchen Grund sollte ein Eindringling haben, Dinge über so einen weiten Radius auf den Boden zu verstreuen? Sie zog Handschuhe über, kniete sich hin und betrachtete ein aufgeblättertes Buch: „Furcht und Elend des Dritten Reiches“, Berthold Brecht. Es lag mit dem Buchrücken zu den Füßen des älteren Opfers.
„Ein Gräuelmärchen, so lautet die ursprüngliche Bezeichnung des Werkes. Dieser Titel hätte besser zum Tatort gepasst“, bemerkte Stahlgruber, der sich von hinten über Marlene beugte. „Las vermutlich eher der Vater, vielleicht ein Literaturkenner. Ein inspirierendes Theaterstück übrigens.“ Jetzt zog ein verträumtes Lächeln über sein Gesicht und er ging wieder zum Fenster.
Marlene biss sich auf die Lippen, um sich einen zündenden Kommentar zu ersparen. Sie hasste seine Angewohnheit, sich anderen Menschen bis auf wenige Zentimeter anzunähern. Jedes Mal mit einem neuen „Duft“, einer aufdringlicher als der andere. Marlene konnte sich lebhaft vorstellen, wie er samstags stundenlang in irgendwelchen Drogerien stöberte.
Sie prägte sich die Lage der Leichen genau ein. Verwundert runzelte sie die Stirn. Laufend äugte der Stahlgruber zum Fenster hinaus, anstatt sie bei der Tatortbegehung zu unterstützen.
„Erwarten Sie jemanden?“, fragte Marlene kritisch.
„Unsinn“, er hüstelte.
Nicht, dass Marlene die Zusammenarbeit mit ihrem Vorgesetzten sonst schätzte, heute jedoch irritierte er sie zusätzlich, und sie konnte nicht einordnen, wieso er sich so komisch benahm. Im Anzug war er am Tatort erschienen, hatte etwas von: „Premiere Staatstheater“, gemurmelt.
„Übrigens, ich bin überzeugt, dass ein Zusammenhang mit der örtlichen Einbruchsserie besteht. Schließlich war das Opfer ein vermögender Geschäftsmann“, resümierte Stahlgruber. „Der Täter war überrascht worden, deshalb hat er auf die Männer geschossen und um uns auf eine falsche Fährte zu locken, ließ er die Waffe hier, sozusagen um ein Familiendrama zu inszenieren.“
Der Vorhang ist geschlossen, dachte Marlene bei seiner Darstellung, wir sind nicht mehr in einer deiner Theatervorführungen.
Sogar die weiße Fliege trug der Stahlgruber noch. Sein Haar war streng nach hinten gegelt und das Rasierwasser musste er unterwegs noch mal aufgetragen haben, anders konnte sich Marlene den penetranten Duft nicht erklären, den er überall verströmte. Seit er den Tatort betreten hatte, spielte er sich auf, als sei das ein weiterer Theaterakt.
Verärgert widersprach sie: „Eine solche These ist noch nicht angebracht. Wie erklären Sie sich, dass der Täter offensichtlich nur im Wintergarten nach etwas gesucht hat? Alle anderen Räume sind unversehrt. Am Tresor im ersten Stock machte sich außerdem niemand zu schaffen. Die Zusammenhänge sind derzeit völlig unklar und in keiner Weise belegbar.“
Das weiß doch jeder Anfänger, erst recht ein Stahlgruber, fügte sie in Gedanken hinzu. Auf die Ermittlungsarbeit vor Ort hatte er offenbar noch nie großartige Lust gehabt. Nur gut, dass der sonst nur noch im Innendienst agierte.
Marlene König leitete die Mordkommission, K1 – Bereich Tötungsdelikte. Normalerweise wären nur sie und ihr Team mit dem Fall betraut. Wegen einer akuten Grippewelle im engen Kollegenkreis musste sie jedoch gezwungenermaßen ihren Vorgesetzten informieren. Wenn irgend möglich, so die Dienstvorschrift, sollten die Kommissare zu zweit am Tatort erscheinen.
„Nur eine Vermutung, Intuition“, Stahlgruber wischte mit einer fahrigen Handbewegung Fussel von seiner Jacke. Leichthin ignorierte er die Kritik.
Marlene erklärte: „Eine erste Einschätzung der Rechtsmedizin besagt, dass Vater und Sohn vermutlich annähernd zum selben Zeitpunkt gestorben sind. Sollte es sich tatsächlich um einen Einbruch handeln, stellt sich die Frage, warum durchwühlte der Täter nur hier den Wintergarten und ließ die anderen Räume außen vor? Suchte der Einbrecher das Weite, weil er vorzeitig überrascht wurde, da frag ich mich, von wem? Frau Rommels verständigte vom Keller aus die Polizei. Verdächtige Personen hat sie nicht gesehen.“
Der Stahlgruber betrachtete die Toten mit mitleidigem Gesichtsausdruck und zog eine der gelben Rosen aus der Vase. Er schnupperte mit verklärtem Blick daran, um sie danach seufzend wieder zurückzustellen.
„Robert!“ Hörte der Chef überhaupt zu? Zwei Menschen waren gestorben. Reiß dich zusammen und konzentrier dich!, hätte Marlene ihn am liebsten angebrüllt. Stattdessen fragte sie: „Der heutige Theaterbesuch - Welches Stück?“
„La Traviata, zweiter Akt, dann kam Ihr Anruf“, Stahlgruber setzte ein selbstmitleidiges Gesicht auf. „Genuss pur, lebensbejahende Glücksmomente so ein Abend!“, schwärmte er.
Pietätlos! urteilte Marlene angewidert und fühlte mit den vor ihr liegenden Männern mit. Der Sohn hielt den Vater im Arm. Sie wirkten innig, so, als würden sie sich in ihrer letzten Minute liebevoll aneinander festhalten. Doch Marlene fragte sich, ob der Schein trog und wie sie sich in den Momenten vor dem Tod begegnet waren.
Stahlgruber klopfte mit dem Fuß einen Rhythmus nach.
Wenn er nun noch zum Pfeifen anfängt, schicke ich ihn nach draußen, so viel war Marlene klar.
„Ihre Frau mag also Verdi?“, schoss sie hinterlistig hervor und beobachtete ihren Vorgesetzten aus den Augenwinkeln.
Ruckartig drehte Robert Stahlgruber den Kopf zu ihr und sah sie mit offenem Mund an. Die Antwort blieb er Marlene schuldig.
Hätte er doch wissen können, dass ich da draufkomme, dass er außerehelich unterwegs war.
Marlene ging in die Hocke, und griff zum Familienstammbuch, das achtlos aus dem Schrank geschmissen auf dem Boden lag. Sie blätterte in den Urkunden. „Der Vater ist in der Nähe von Marienbad, Tschechien, geboren, er hieß auch Robert“, stellte Marlene fest. „Ist das ein Name böhmischen Ursprungs?“
„Möglicherweise“, bekräftigte Stahlgruber und atmete hörbar, offensichtlich erleichtert über den Themenwechsel, aus. „Der Verstorbene war, allem Anschein und der Info der Nachbarn nach auch ein erfolgreicher und charismatischer Mann.“
So wie du?, lag es ihr spöttisch auf der Zunge. Wenn es die Situation zugelassen hätte, hätte Marlene vor Lachen losgebrüllt, so blieb es bei einem Kratzen im Hals.
Stahlgrubers Handy klingelte. Nach kurzem Blick auf die Nummer ging er lächelnd dran.
„Und, Verdi noch im Ohr?“ säuselte er in den Hörer, während er sich leger in den Türrahmen lehnte.
Danach folge ein längerer Monolog seiner Gesprächspartnerin, wobei er immer wieder höchst vergnügt auflachte. Das fröhliche Geplänkel setzte sich fort.
„Wir sehen uns später, oder?“ hauchte Stahlgruber zum Abschied ins Telefon.
Marlene betete inständig, er möge sie in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen lassen.
„Eine Pressekonferenz. Morgen Nachmittag um 15:00 Uhr. Sind Sie dabei?“, fragte er Marlene, als er das Telefonat beendet hatte.
„Robert, für Ermittlungsergebnisse ist es viel zu früh. Nein, wir werden die Zeit anderweitig benötigen.“
„Einleuchtend. Dann nur ein knappes Interview eines einzigen Senders. Keine Sorge, das führe ich. Um Ihre Zeit nicht über Gebühr zu beanspruchen. Konzentrieren Sie und Ihr Team sich vollkommen auf die Fallarbeit.“
„Ein Sender, das können Sie nicht bringen!“, brauste Marlene auf.
Missbilligend zog sie die Augenbrauen nach oben. Wieder einmal fiel ihr auf, welch eigenartiges Arbeitsverhältnis sie mit ihrem Vorgesetzten hatte. Es fiel ihr zunehmend schwerer, ihn ernst zu nehmen. Obwohl sie ihn siezte, rutschte ihr immer wieder das Du heraus. Auch, dass sie ihn beim Vornamen nannte, hatte er in all den Jahren noch nie kritisiert.
Sollte er mich mit Vornamen ansprechen, würde ich ihn klar zurechtweisen.
„Warum sprechen Sie nicht noch mal mit der Frau des Opfers?“, schlug sie vor. „Hatten die Männer Feinde, mit wem verkehrten sie in ihrer Freizeit, gab es finanzielle Schwierigkeiten, vielleicht lief die Firma doch nicht so gut wie angenommen?“
Zwar hatte Marlene die Befragung schon ergebnislos durchgeführt, sie wusste jedoch, ein weiterer Ermittler nahm andere Eindrücke auf und manchmal öffnete sich ein Zeuge auch erst nach einiger Zeit, nachdem er die Tragweite des Verbrechens realisiert hatte.
„Wie Sie meinen“, Stahlgruber verschwand in der Küche.
Wenigstens spielte er bei ihr nicht den Vorgesetzten, sondern tat, was sie sagte. Marlene seufzte.
Sie hörte Schritte, Theo Rommels stolperte erneut in den Wintergarten. Ein Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams folgte ihm, griff ihn am Arm und wollte ihn zurückhalten.
Marlene winkte ab, denn er wirkte gefasst. Sie sah ihm an, dass er nicht wirklich realisiert hatte, was geschehen war, und wahrscheinlich immer noch darauf wartete, aus dem Albtraum aufzuwachen.
„Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrer Familie?“, fragte sie behutsam.
Theo Rommels nickte. „Wie macht man das, ich mein, mit der Beerdigung?“, begann er. „Es gibt ein Familiengrab, das meiner Großeltern. Andre hat aber immer gesagt, er wolle eingeäschert werden und seine Asche solle im Lech verstreut werden.“
„Hat er denn mit seinem Tod gerechnet?“, fragte Marlene und runzelte überrascht die Stirn.
„Unsinn. Er hat nur mal im Spaß geäußert, das müsse im Tod aufregend sein, von der Strömung mitgerissen zu werden. Andre lebte eben mit Bildern.“ Mit großen Augen blinzelte er Marlene an. „Es war schön mit ihm. Ist das jetzt vorbei?“
Es kam Marlene vor, als säße ein zehnjähriger Junge vor ihr, der die Welt nicht versteht. Auf so eine Situation ist niemand vorbereitet.
Der Sanitäter stand achselzuckend hinter ihm. Marlene war davon ausgegangen, dass sie ihn mit in die Klinik genommen hatten, doch das wollte Theo Rommels offensichtlich nicht.
„Ja, das ist vorbei“, sagte Marlene mitfühlend. Mehr konnte sie nicht tun. Für die Opfer war der leidvolle Weg beendet, für die Hinterbliebenen fing er gerade erst an.
„Zuerst muss der Leichnam obduziert werden. Anschließend wird er freigegeben. Vielleicht können Sie oder auch Ihre Mutter ein Bestattungsinstitut kontaktieren und vorab die Modalitäten klären“, schlug sie vor.
„Mutter kann das nicht“, lautete die knappe Antwort und von jetzt an begann er zusammenhanglos vor sich hin zu plappern. Vom Lech, Andres Bildern, und über das Wetter. Ein Sanitäter war dazu gekommen und zu zweit bugsierten sie Theo Rommels durch die Wohnung Richtung Krankenwagen.
Marlene sah ihm bedauernd hinterher. Vermutlich war es verboten, die Asche einfach in den Lech zu streuen. Sie blendete den Gedanken aus. Niemand würde daran Schaden nehmen.
Sie hoffte, dass morgen weniger aus dem Team krank sein würden, sie wollte gleich zu Dienstbeginn ihre Eindrücke vorstellen.
In der nächsten Stunde stand Marlene stumm da und ihre Augen durchstreiften den Wintergarten Zentimeter um Zentimeter, während ihr Gehirn auf Hochtouren arbeitete. Gehobene Ausstattung, geschmackvolle, durchgeplante Einrichtung. Konservativ.
Der Vater durchtrainiert, groß, muskulös. Anders der Sohn. Fast mädchenhaft zart. Ein Detail fiel ihr auf. Die Hände: die Finger der Männer waren ineinander verschränkt.
Gewaltsames Festhalten oder zärtliche Geste?
Die Terrassentür des Wintergartens stand sperrangelweit offen. Die leichten Baumwollvorhänge flatterten ins Zimmer. Marlene zog ihre Handschuhe über, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, und schloss die Tür. Es war um diese Jahreszeit üblich, auch spätabends eine Tür offen stehen zu lassen.
Dennoch, das ist auch ein Eingangstor für unerwünschte Gäste!
War tatsächlich jemand eingedrungen? Oder aber handelte es sich um ein Familiendrama ohne das Zutun Dritter? Alles schien möglich. Wollte sich die Ehefrau an nichts erinnern? Hatte sie selbst die Waffe benutzt? Dass auf keinen der Familienmitglieder eine Waffe zugelassen war, bedeutete nicht unbedingt etwas. Eventuell war die Waffe illegal besorgt worden. In Marlenes Kopf sortierten sich Anhaltspunkte und offene Fragen, bauten sich zu einer Fallkonstruktion auf, die jederzeit wieder verworfen werden konnte.
Stunden später saß Marlene in ihrem Apartment im Wintergarten. Es war schon weit nach Mitternacht, aber nach einem solchen Verbrechen konnte Marlene nie sofort einschlafen. Der Tisch hier war klein und rund und stets durch ein Puzzle belegt. Andere Menschen hatten Hobbys wie Laufen, Schwimmen oder Lesen. Marlene kam am besten bei einem 1000er-Puzzle zur Ruhe.
Derzeit: Water Tower of Chicago.
Im knöchellangen Nachthemd mit einer Decke über den Knien saß sie am Tisch, sortierte die unteren Randstücke für die Parkanlage und ließ sich die Eindrücke des Tatorts durch den Kopf gehen.
Noch war alles offen. Marlene verglich die Grüntöne der Bäume. Bei einem Puzzle war es genauso wie bei ihren Ermittlungen wichtig, mit dem Einfachen, dem Offensichtlichen zu beginnen. Sie würde den Fall mit den örtlichen Einbrüchen vergleichen.
Sattes Grün neben dem sandfarbenen Turm. Seitlich eingesäumt von Hochhäusern. Mist, die Farben stimmten doch. Aber nein, wenn man genau hinsieht.
Unaufhörlich schwirrten ihr weitere Fragen durch den Kopf: Konnte ein Bauunternehmer in dubiose Geschäfte verwickelt sein?
Mit der Grünanlage vor dem Turm bildete sich die Ermittlungsstrategie für den nächsten Vormittag. Marlene war müde, doch trotz der späten Stunde puzzelte sie weiter. Sie konnte nicht anders, ein Gedanke nagte unaufhörlich an ihr. Der gelbe Fiat 500 auf der Straße vor dem Tatort, sie hatte das Auto schon öfters gesehen. Ihr fiel die junge Journalistin ein, mit der Stahlgruber in der letzten Zeit häufig Kontakt hatte. Sie holte ihn mit genau diesem Kleinwagen hin und wieder zum Mittagessen ab. Mittlerweile, nach vielen gemeinsamen Dienstjahren, kannte Marlene das Beuteschema des Chefs.
Ich wette, sie haben den Abend gemeinsam verbracht und nach meinem Anruf hat sie ihn im Auto zum Tatort begleitet.
Jetzt verstand Marlene, warum der Stahlgruber immer wieder zum Fenster hinausgesehen hatte. Die Journalistin hatte auf ihn gewartet und vieles vom Tatort live mitbekommen! Sozusagen aus der ersten Reihe! Es würde Marlene nicht wundern, wenn Morgen ein Bild des Hauses auf der Titelseite der Zeitung erscheinen würde.
Ein Unding. Und dann noch die Pressekonferenz morgen, nein, das Einzelinterview! Exklusiv- nur für seine Journalistin?
Nicht mit mir, sie würde das unterbinden. Marlene war zu allem entschlossen.
Nun war die Klarheit in Marlenes Kopf wiederhergestellt. Sie gähnte. Last but not least, als zwei Bäume fertiggestellt waren, trottete sie entspannt Richtung Bett.
Theo Rommels verlor jedes Zeitgefühl, während die Polizisten wieder und wieder ihre Fragen stellten. Die Helfer vor Ort wollten ihn in eine Klinik bringen, doch aus seiner Sicht gab es dafür keinen Grund. Nicht ihm war etwas zugestoßen. Als alles besprochen war, stieg Theo auf sein Rad. Er raste ohne Licht quer durch die Stadt zu seiner Studentenbude, über rote Ampeln, ohne die hupenden Autos wahrzunehmen. Theo erinnerte sich später nicht mehr, wie er in dieser Nacht zurückgefunden hatte.
In seiner WG kochte er sich einen starken Kaffee und schrieb Anton eine Nachricht: „Vergiss nicht, um 08:00 Uhr bei mir. Wir gehen deine Prüfungsthemen nochmal miteinander durch.“ Kein Wort der Geschehnisse. Danach verkroch er sich mit seinen eigenen Vorlesungsmitschriften, Gesetzestexten und rechtlichen Kommentaren in sein Zimmer und büffelte die ganze Nacht für die nächste Klausur.
Ich mach dich stolz, Vater.
In den nächsten drei Tagen gönnte sich Theo keine Pause. Anton wollte, nachdem er vom Tod seines Freundes Andre erfahren hatte, seine Prüfung hinschmeißen, aber Theo ließ das nicht zu. Er lernte mit Anton, paukte für seine eigene Klausur, sprach erneut mit der Polizei und vergaß selbst zu essen und zu schlafen. Die Kommissarin König hatte am Tag nach dem Unglück einen Autounfall erlitten, sie war für einige Zeit stationär ins Krankenhaus aufgenommen worden und deshalb für die Ermittlungen ausgefallen, so leierte Theo die immer selbe Geschichte dem Stahlgruber und seinem Team herunter.
Unmittelbar nachdem Anton seine Prüfung geschrieben hatte, packte Theo ein paar Sachen und radelte zurück zu seinem Elternhaus. Was er dort vorfand, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen: Mutter war zu nichts mehr in der Lage, sie sprach nicht mehr, verließ die Wohnung nicht, verbrachte den ganzen Tag im Bett und Theo fiel auf, dass sie noch dasselbe Kleid wie in der Unglücksnacht trug.
Theo lüftete das Haus und rief seine Tante Jana an. Er beschloss, einige Nächte in seinem alten Zimmer zu bleiben.
Dabei hatte er nicht mit dem gerechnet, was dann kam. Nachts, wenn er lernte, fing Mutter stündlich, wie eine kranke Katze, an zu winseln und Theo schlurfte übermüdet zu ihr und beruhigte sie, so gut er konnte.
Jana unterstützte ihn. Nachdem sie von dem Unglück gehört hatte, hatte sie ihren Einsatz in Mali sofort abgebrochen und war nach Hause gereist. Nun half sie Theo tagsüber und kümmerte sich um die Einäscherung, die Abwicklung der Firmenangelegenheiten und um die Verteilung des Nachlasses. Theo versorgte Mutter und den Haushalt. Es gab so viel zu tun: Wäsche waschen, Bäder putzen, kochen, einkaufen und für die weiteren Klausuren lernen. Das Haus erschien ihm unheimlich. Ohne Andre und seinen Vater war es nicht mehr dasselbe. Um den Wintergarten machte Theo einen großen Bogen. So verging Woche um Woche, nur stundenweise kam er zur Ruhe, dann schlief er zitternd in seinem zu kleinen Jugendbett. In Andres großzügigerem Bett zu nächtigen, schaffte er nicht.
Das Zimmer gehört nicht mir.
Nur einmal, als es schon dunkel war, wagte er es und betrat Andres Zimmer. Vor ihm zogen Bilder vorbei, sein Bruder, wie er ihn noch vor wenigen Tagen zum letzten Mal gesehen hatte, auf dem Rücken in seinem Bett liegend, in der einen Hand wie meist einen Stift, in der anderen seinen Zeichenblock. Der Raum wie immer ein einziges kreatives Chaos. Die Klamotten waren zwar akkurat von Mutter im Schrank platziert worden, auf dem Boden stapelten sich jedoch Reiseprospekte, Fotoalben und Bildbände von Naturschauplätzen der Erde.
Vater hatte nicht verstanden, wofür Andre das brauchte. Andres Ziel war nicht nur, fürs Theater zu zeichnen, sondern auch im Alltag jeden Winkel, der ihm ins Auge stach, auf Papier festzuhalten. Er fing alles ein, teilte mit seinen Bildern mit, was ein Baum, das Meer, ein Gesicht auszudrücken vermochten. Theo war jeden Tag aufs Neue von Andres Art, die Welt zu sehen, fasziniert, weit über seinen Tod hinaus. Andre hatte auch ihn oft gezeichnet und Theo fand sich auf den Portraits schöner als im realen Leben.
Vater, Andre, was ist in dieser Nacht nur mit euch passiert?
Was habt ihr getan?
Zögerlich machte Theo ein paar Schritte zu Andres Schränken und zog eine der Schubladen auf. Versteckt vor den Blicken des Vaters lagen da stapelweise leere Blätter, Stifte, Hefte. Theo stutzte, anschließend stöberte er durch weitere Regale.
Die Mappe mit Andres Zeichnungen ist weg.
War sie die Ursache allen Übels? Streitthema Nummer eins unserer Familie. Was ist mit den Bildern passiert?
Da entdeckte Theo mitten im Chaos den gepackten Rucksack. Wie ferngesteuert öffnete er ihn, auch dort waren die Kunstwerke nicht. Doch er fand etwas anderes, das er instinktiv gesucht hatte, und nahm das Heft an sich: „Helden der Antike“. Theo hielt das Buch an seine Wange. Eigentlich Vaters Buch. Theo kannte die Geschichten in- und auswendig, so oft hatte Vater ihnen als Kindern daraus vorgelesen. Vater hatte das Buch aus seiner alten Heimat mitgebracht. Als sie erwachsen geworden waren, hatte Vater es ihm und Andre gegeben, und die Brüder hüteten es wie einen unendlich wertvollen Schatz. Doch wozu der Rucksack?
Andre wollte gehen.
Schon lange hatte Theo das befürchtet und gleichzeitig auch für seinen Bruder gehofft. Er hätte ihm geholfen.
Er wollte das Heft mitnehmen, um im Positiven an Vater zu denken.
Langsam sog Theo den moderigen Duft des Heftes ein. Abgegriffen, viel benutzt. Es erzählte von vielen Lebensstunden, roch nach vergilbtem Papier. Und von einer langen Reise ins Ungewisse.
Sorgsam nahm es Theo an sich, ging zu seinem Bett und platzierte es unter seinem Kopfkissen. Es war bedeutsam gewesen für seinen Vater und jetzt war es das für ihn.
Es klingelte an der Tür, Jana kam vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Theo ging in die Küche und schaltete den Wasserkocher an, er wollte Kräutertee für Mutter kochen, da vibrierte das Handy. Während er eine Tasse aus dem Schrank holte, schielte er darauf.
„Geschafft, gerade so.“ Eine Nachricht von Anton.
Das war mehr, als Theo erwartet hatte. Eigentlich hatte er mit einer Nachprüfung gerechnet. Er freute sich für Anton, aber er fühlte sich nicht in der Lage, über seine eigenen Klausurergebnisse nachzudenken. Emotionslos starrte Theo zu einem Brief der Uni, der immer noch ungeöffnet auf der Kommode lag.
Jana trat aus dem Schlafzimmer von Mutter und folgte seinem Blick zu dem Kuvert. „Du hast die Ergebnisse deiner Klausuren schon?“, fragte sie gespannt, als sie den Stempel auf dem Brief erblickte.
„Wen interessiert das jetzt noch?“, murmelte Theo und sprach dabei mehr mit sich selbst.
Jana bewahrt in jeder nur erdenklichen Situation einen kühlen Kopf. Sicher ist sie in ihrem Job die Beste.
In seinen Augen war alles an Jana praktisch. Ihr kurzer Haarschnitt, ihr Kleidungsstil, ihre lineare Art zu denken.
Ihr Bruder ist gestorben und ihr Neffe.
Theo überschwemmte eine plötzliche Welle von Mitleid für seine Tante, die fast ihre gesamte Familie verloren hatte. Aus einem Impuls heraus umarmte er sie. Das war für ihn leichter, als an sich selbst zu denken.
„Dein Leistungsstand ist wichtig, es geht um deine Karriere!“, bestimmte Jana und er meinte, ein feuchtes Glänzen in ihren Augen zu bemerken, als er sie losließ und anfing, die Küchenoberfläche mit einem Lappen zu säubern.
Sie wirkte verlegen, strich sich durch ihr Haar, danach hatte sie sich wieder im Griff. Jana langte nach einem der Messer aus dem Messerblock und riss das Kuvert auf.
„Herausragend.“ Erfreut nickte sie, als sie seine Bewertungen las. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr unscheinbares Gesicht.
Der wirkliche Glanz in ihrem Leben war ihr Bruder gewesen, fiel Theo auf. Und jetzt ich, ergänzte er und wusste nicht, ob das gut war oder nicht. Wieso hatte niemand gemerkt, dass Andre das wahre Talent gewesen war?
Theo legte einen Teebeutel in die Tasse und goss Wasser auf. Da hörte er ein langanhaltendes Klagen und Seufzen aus dem Schlafzimmer. Wie in Trance gab Theo einen Löffel Zucker in den Tee und brachte Mutter die dampfende Tasse.
„So geht es nicht weiter“, bestimmte Jana, als Theo nach zehn Minuten zurückkam. „Stella braucht Hilfe und ich will, dass du dich weiter auf dein Studium konzentrierst. Wann ziehst du wieder in deine WG?“
„Ich habe die letzten beiden Mieten nicht gezahlt, das Zimmer ist vergeben“, nuschelte Theo, während er das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine räumte. Er vermied es, Jana anzusehen.
Noch am selben Tag packte Jana einen Koffer für Mutter, wenig später kam ein Krankenwagen. Die Sanitäter führten Stella behutsam aus dem Haus. Theo fiel auf, wie ungepflegt sie aussah: Die Haare waren verknotet und rote Flecken auf dem Nachthemd deuteten auf das letzte Mittagessen hin. Dabei hatte sie immer den allergrößten Wert auf Äußerlichkeiten gelegt. Theo war froh, dass sie weg war.
Theo blieb im Haus, doch es gelang ihm nicht mehr, sich zum Lernen aufzuraffen. In den nächsten Wochen organisierte Jana den Verkauf der Firma, mit Andres Tod war nun niemand mehr da, der Vaters Werk fortführte. Theo – so hatte Rob bestimmt, solle seinen Hochbegabungen folgen und Richter oder Anwalt werden.
Jana suchte für Stella eine kleine Wohnung, die sie nach dem Klinikaufenthalt beziehen würde, und vermietete das Haus. Das beträchtliche Erbe ging an Theo als den einzigen Nachfahren, das Haus an seine Mutter und Tante.
Jana, die als Krankenschwester weltweit in Krisengebieten arbeitete, wurde beruflich wieder gefordert. Sie organisierte einen Einsatz im Libanon, geplant war, dass sie dort mehrere Wochen in einem Krankenhaus arbeiten würde, bevor sie wieder nach Augsburg zurückkehre. Theo zog in ein freies Zimmer in Janas Wohnung. Seine Tante wohnte in einer Vier-Zimmer-Wohnung in der Nähe von Stellas neuer Bleibe und schlug Theo vor, er solle dort einziehen. So konnte er regelmäßig nach Stella sehen und die Wohnung blieb während der beruflichen Abwesenheiten von Jana nicht unbewohnt.
Eigentlich lief alles wieder, und doch - da war etwas in Theo, eine Leere, die sich von Tag zu Tag tiefer in ihn hineinbohrte, wie ein gefräßiger Parasit und jedes Gefühl von ihm zum Erliegen brachte. Ein Loch in seinem Herzen, so groß wie der Stein auf Andres Grab.
Gefasst stand Stella unter dem schattigen Baum auf dem Friedhof. Täglich kam sie hierher, goss die Blumen, zupfte Unkraut. Hier, an diesem Ort, fühlte es sich an wie früher, als sie das Zuhause für ihre Familie pflegte. Es waren Monate vergangen, bis Stella sich nach dem Unglück einigermaßen stabilisiert hatte und in der Lage gewesen war, ihren Alltag wieder zu bewältigen. Rob und ihre Jungs, das schien ihr wie ein Märchen aus einer besonderen Zeit. Es waren die wunderbarsten Jahre in ihrem Leben gewesen. Rob blieb ihr Held, er hatte sich um sie gekümmert, und Stella war ihm dankbar für jedes gemeinsam verbrachte Jahr.
Doch nun waren andere Zeiten angebrochen und sie hatte nur noch Theo. Theo war ihr wichtig und sie mochte es, wenn er sie besuchte, sie in ein Café ausführte oder mit ihr einen Spaziergang durch die Augsburger Altstadt unternahm. Vieles an Theo erinnerte sie an Rob, seine türkisblauen Augen, sein charmantes Lächeln, seine Freundlichkeit, aber Rob war stets stark gewesen und das erwartete sie auch von Theo.
Stella war unzufrieden, Theo sollte mehr nach ihr sehen. Zwar telefonierte sie regelmäßig mit ihm, allerdings kamen mehr und mehr Tage, an denen sie ihn nicht erreichte, das ärgerte sie.
Was, wenn meine Depressionen wieder schlimmer werden oder es sonst zu einem Notfall, wie einem Wasserrohrbruch, kommt? Was, wenn ich dann seine Hilfe benötige?
Schließlich gab es nur noch den einen Mann in ihrem Leben. Ungeduldig wartete sie bereits seit drei Tagen, dass er ihr half, ihr neues Handy einzustellen. Manchmal, so vermutete sie, ging er nicht ans Telefon, wenn er keine Lust dazu hatte.
Vielleicht geht es ihm auch nicht gut.
