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Band 1, Alles reine Verwandlungssache: Miep hätte absolut nichts gegen besondere Kräfte, die einer Superheldin oder Zauberin vielleicht. Stattdessen verwandelt sie sich plötzlich in ein Eichhörnchen. Während sich der Teenie mit dem vermeintlich uncoolen Schicksal anzufreunden versucht, sind einige Tiere in der Gegend sofort begeistert von ihr. Allen voran das stark lispelnde, leicht zickige und zugleich herzensgute Zwergkaninchen Moppe. Miep ist skeptisch und wüsste zu gern: Warum kann der Fellträger lesen? Was will der Plattdeutsch sprechende komische Kauz im Wald von mir? Was wissen Oma und Mama? Und vor allem: Behalte ich die seltsamen Ohrpuschel etwa für immer? Roman für LeserInnen ab 10 Jahren, All Ages, SHORTLIST-NOMINIERT für den "Deutschen Selfpublishing-Preis 2019". "Miep & Moppe" ist eine norddeutsch-flauschige Geschichte vom Erwachsenwerden. Da trifft Fantasy auf Humor, Literaturklassiker sind mindestens genauso wichtig wie Rockmusik und Sprichworte werden mitunter tierisch verdreht. Es geht um Freundschaft und die Frage: Was und wer ist mir wichtig? Die beiden Hauptfiguren erzählen abwechselnd, Kapitel und Glossar (in dem besondere Worte erklärt werden) sind liebevoll illustriert von Elli Brockmann. www.miep-und-moppe.de. LESERSTIMMEN "Mir hat besonders gut gefallen, dass es wie ein Tagebuch geschrieben ist, und abwechselnd immer Miep oder Moppe erzählen." Nina, Ki.KA-Buchtesterin Timster "Holla die Waldfee, was für ein tolles Buch! Das Sahnehäubchen ist der einzigartig freche Schreibstil, der mein sprachverliebtes Leseherz hüpfen lässt! Ein wunderbares Kinderbuch ab 10 Jahren, das auch uns Erwachsene bestens unterhält!" Tanja Wambach, Thalia-Buchhändlerin "Wunderbar witzige und schöne norddeutsche Geschichte!" Mirai Mens, Buchblog "Lass mal lesen", Deutscher Lesepreis der Stiftung Lesen "Geeignet für junge Leser zum Selbstschmökern und für kleinere zum Vorlesen. Musste als Vorleserin viel schmunzeln. Ein Lesegenuss, und die Übersetzungsliste: genial!" Andrea, Buchblog "Mama_liestvor" "Ein mit Witz bestechendes, mit Fantasy lockendes und mit einem tollen Gesamtpaket überzeugendes Buch für Groß und Klein, Jung und Alt." Juliane Buser, Buchblog "Plüms Weltenarchiv" "Der Klappentext klang dermaßen bekloppt, ich wusste: Das ist was für mich! Alle paar Seiten musste ich so lachen, weil das genau meine Art Humor ist." Buchbloggerin Alex Schütte "Wunderschönes Buch, auch für Erwachsene!" Patricia Wollnowski, Buchblog "Lesend durchs Leben"
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2019
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FÜR OLLI & DIE OHANA
Miep ist plötzlich ganz anders
Wie Moppe die Sache sieht
Es scharrt an der Tür
Moppe Mopst sich
Bekanntschaft mit hamster Hinni
Langeweile und Erkenntnisse über das Nettsein
Verwandlungspause für Miep
Moppe Schmollt - und sinkt in Ohnmacht
Miep ist Neuerdings so Tierlieb
Rückverwandlung mit Hindernissen
Tierischer besuch
Moppes Märchen
Beginn einer flauschigen Freundschaft
Ab in den Kaninchenbau
Katteker-Deern trifft Komischen Kauz
Zu Gast bei Moppe
In der Hasenbibliothek
Was ist zu tun?
In der „echten“ Bibliothek
Moppe trifft Hedy
Im kreis der Familie
Aufträge für Miep
Moppe nervt Gewaltig
Die Wundersame Rettung von Holla und Tjard
Es darf getanzt werden
Ein See voller Kaninchentränen
Gespräch mit Hamster
Moppe Präsentiert: hörnchen Miep
Was Wandler so tun
Gedrückte Stimmung
Eine Exzellente Idee
Auf dem weg in ein neues Abenteuer
Hick.«
Hoppla, Schluckauf. Oder Snückup, wie man auf Plattdeutsch sagt. Vor Schreck ist mir das Glas runtergefallen und zerbrochen. Das gibt später unter Umständen Ärger mit Oma. Super auch, dass ich mir die Hälfte der Saftschorle über mein Shirt gekippt habe. Obwohl – angenehm erfrischend eigentlich.
»Hick.«
Könnte definitiv an dem Kaltgetränk liegen, das ich mir gerade in Windeseile einverleibt habe. Ist aber auch extrem heiß heute.
»Hick.«
Mir wird ganz anders, mir ist total blümerant zumute. Das klingt ansprechender, meint allerdings dasselbe wie: Mir ist flau und unwohl. Fest steht, ich fühle mich irgendwie … flauschig im Kopf – und auch sonst. Meine Nase juckt und zuckt, wie lästig. Ich rubbele mal ein bisschen mit den Fingern dran. Ah. Besser.
Vielleicht ist es eine allergische Reaktion auf die äußerst malerische Umgebung? All die Bäume. Das Gras, sehr saftiges übrigens. Die Gebüsche voller hysterisch tschilpender Vögel. Und die kunterbunten Blumen. Ist wohl typisch für Sommer auf dem Land. Als Großstädterin kenne ich mich in dem Bereich ehrlich gesagt nicht wirklich aus. Will ich eigentlich auch nicht.
Aber: In diesem Jahr gibt es dankenswerterweise ein Sommerspecial in Sachen Landleben. Ich zitiere Mama, die meint: »Du musst mal ein paar Wochen raus aus der Betonwüste.« Was sie damit genau sagen möchte, ist unklar. Wir wohnen in einem total grünen Stadtteil mit pittoresken alten Häusern. Außerdem waren wir erst Ostern hier.
Egal. Jetzt bin ich also hier bei Oma in der Pampa. Herrlich …
Diese wahnsinnig gute Luft. Durch die verdammt häufig ein Güllehauch wabert. Und ich bin gerade mal zwei Tage hier.
Dazu gibt es noch jede Menge dümmlich dreinschauender Tiere. Wie zum Beispiel das mampfende Häschen, das von der Wiese aus herüberstarrt, die an Omas Garten grenzt.
Es fixiert mich geradezu.
Irgendwie bedrohlich.
Ich könnte jetzt so entspannt zu Hause in meinem Zimmer sitzen. Serien und Filme gucken. Vielleicht telefonieren, chatten, was weiß ich. Stattdessen eine Art von Familienprogramm auf dem Land. Die geplante Dauer: den Rest der Sommerferien. Ich dreh durch.
Und dann die Hasen. Es gibt einige davon, sehe ich. Diese ach-soflauschigen Pelzknäuel mit ihrem treudoofen Blick. Die meisten Mädels fänden das Ganze höchstwahrscheinlich »soooo süüüüüß«.
Ich nicht. Es ist Zeit für eine Ansage.
»Verzieht euch!«
Keine Reaktion.
Ich korrigiere: Das zu Beginn erwähnte starrende Karnickel unterbricht tatsächlich sein Gemümmel. Um noch intensiver zu starren. Es guckt. Und mümmelt. Schluckt. Leckt sich das Mäulchen. Und spricht mich an.
»Hallo!«
Seit wann sprechen die Felldinger?
»Wie heift du?« Es lispelt. Selbstverständlich, bei dem Überbiss. Im Grunde klingt es wie eine Art »th« wie in »the«. Doch wir sind hier nicht im Englischunterricht, zurück zum Thema.
Wieso höre ich den Hasen reden?
Hat Mama mir was in die Rhabarberschorle gemixt? Ich blicke auf am Boden liegende Glasscherben, die in der Sonne funkeln, dann an mir herunter – und sehe … Pfoten.
PFOTEN!?
Ich sollte wirklich nicht bei den Temperaturen draußen sein. Es sind immerhin mindestens 29 Grad. Um diese Zeit, es ist nicht mal Mittag! Mama nennt das »trotz allem einen TRAUMHAFTEN Sommer«. Mit gefühlt fünf oder sechs gesprochenen Ausrufezeichen dahinter. Ich persönlich nenne das: Eine unerträgliche Hitze, auf die ich definitiv verzichten könnte. Kein Wunder, dass ich da Zustände bekomme.
Ich beschließe, ganz langsam und tief durchzuatmen. Schließe die Augenlider. Und mache sie wieder auf. Blick nach unten.
Die Sachlage ist unverändert: PFOTEN!
Ernsthaft?
Oder handelt es sich etwa um kleine Krallen? Pfotenkrallen? Krallpfoten? Ich lege mich kurz hin – vielleicht hilft das. Die Augen noch einmal fest zudrücken, tief ein- und ausatmen. Wozu Meditation doch gut ist, endlich habe ich ein Anwendungsgebiet gefunden. Mama kann ich das aber nicht erzählen. Aus Gründen.
Das Kitzelgefühl überkommt mich erneut, ich muss mir mit den Pfoten ganz dringend die Nase schubbern. Das nimmt jetzt wirklich überhand, diese Nasensache. Aber ich kann es einfach nicht lassen!
»Fprichft du nicht mit mir?« – wieder der Hase.
Mannmannmann, der sieht doch, dass ich andere Sorgen habe. Die juckende Nase zum Beispiel. Ich bin nicht in der Lage, damit aufzuhören, sie zu bearbeiten. Ich keckere ihn ungehalten an.
Okay, von vorne: Mein Name ist Miep, ich bin gerade dreizehn geworden und eine völlig durchschnittliche Hamburger Schülerin. Mein aktueller Ferienwohnsitz liegt auf dem Land. Oder vielleicht sollte ich sagen: in der Walachei, in der Pampa, sehr weit weg. An dieser Stelle erneut ein großes Dankeschön, Mama! Ich erkläre das kurz: Ich bin gerade mit meiner Mutter bei Oma in einem 150-Seelen-Dorf zu Gast.
Mama meint, es würde sie an Uhlenbusch erinnern, das Dorf in einer TV-Serie aus ihrer Kindheit, die irgendwie »kultig« sein soll. Muss sie ja wissen. Aber ich schweife ab. Dazu neige ich leider ab und zu.
Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bin ein Mensch!
Mit Armen und Händen.
Pfoten gehören nicht zu meinem äußeren Erscheinungsbild. Okay, diese »nagetierartige« Hand- und Armhaltung beim Einschlafen ausgenommen – das ist so ein Tick von mir. Allerdings ist es etwas vollkommen anderes, echte Tierpfoten, -krallen oder was auch immer zu besitzen. So wie im Moment.
»Warum keckerft du mich denn fo doof von der Feite an? Ich habe dir doch gar nikf getan«, mault der Hase.
Meine Augen verengen sich zu außerordentlich kleinen Schlitzen. Eine vollkommen normale Reaktion, wenn es in mir brodelt. Was will dieser Schnuppernasenträger eigentlich von mir?
Ich keckere wieder erbost drauflos.
Okay … Ich probiere es noch mal mit der Entspannungssache: tief durchatmen. Wieso gebe ich bloß derartige Geräusche von mir? Wie komme ich auf »keckern«? Eichhörnchen tun das. Auch so eine pelzige Tierart, die als besonders possierlich, also niedlich, gilt und mit einem treuherzigen Augenaufschlag reihenweise Menschenherzen zum Schmelzen bringt.
Mir persönlich sind Tiere eher egal. Dieses Gehechel von Hunden, Gemauze von Katzen. Oder neuerdings das lästige Gebrüll der Federbälle (= Vögel) vor meinem Ferienfenster zu nachtschlafender Stunde.
»Ich muff dir wirklich fagen, daff ich dein Verhalten total unpaffend finde!«, ereifert sich das Häschen in einigermaßen gewählter Ausdrucksweise.
Und ich muss zugeben: Das gefällt mir. Ich mag es, wenn man sich ansprechend ausdrücken kann. Ich achte selbst darauf, so oft wie möglich ungewöhnliche, nicht alltäglich klingende Worte in meinen Wortschatz einzubauen.1 Oma hat Mama Weihnachten gefragt, woher »de lüttje Klookschieter denn jümmers diese altklugen Formulierungen« hätte. »Sie ist eben eine alte Seele in einem jungen Körper!«, sagte Mama. Ich war unsicher, ob sie das als Scherz gemeint hat.
Ich dachte nur: Ihr spinnt. Alle beide. Ich lese eben gern und versuche mir ausgefallene Begriffe zu merken. So einfach ist das! Laut gesagt habe ich das vorsichtshalber nicht. Denn ich soll »nicht so aufmüpfig sein«. Das sagen sie öfter: aufmüpfig. Hervorragendes Wort!
Doch wieder zurück zum Hasen, denn der ist offenbar längst nicht am Ende seines kleinen Vortrags angekommen. »Ich habe flieflich ganf höflich gefragt, wer du bift. Habe dich hier noch nie gefehen.«
Ich dich auch nicht, du Fell-Horst. Sicher ist es angebracht, dass ich auch das nur denke. Denn dieses Langohr scheint wohl etwas zarter besaitet und schnell muffelig zu sein. Ich habe bisher geglaubt, das Leben in der Natur härtet ab, kein Platz für Weicheier. Der olle Hase hingegen wirkt geradezu empfindlich und verweichlicht.
»Echt fief, mich hier fo mief von der Feite anzukeckern«, er verschränkt die Vorderpfoten.
Oha, ich nehme alles zurück: ist unglaublich tough, das Bürschchen! Denkt er.
»Ich keckere nicht«, keckere ich.
Okay, ich gebe zu: Da passt was nicht ganz zusammen.
»Tuft du wohl!«
»Tu ich nicht!«
»Wohl!«
»Nein!!«
»Doch!«
»Nein!!!«
Zugegeben, Teil zwei: Das ist wirklich kein sonderlich eleganter Wortwechsel.
Mir wird es zu bunt, ich hoppe – ich tue was!?! Darüber rege ich mich später auf. Also von vorn: Ich hoppe von der Gartenbank, auf der ich eben noch saß, um jetzt sofort den Hasen ins Gebüsch zu schubsen. Der spinnt doch! Ich lande auf dem Boden neben dem zerbrochenen Glas und reiße mir dabei beinahe das Bein auf. Verdammt groß, die Scherben. Als wäre ich geschrumpft. Einmal versuche ich es noch mit der Vernunftschiene, ich bin schließlich kein Kind mehr, sondern ganz offiziell ein Teenie.
»Pass mal auf, du … du … du Hase du: Ich keckere nicht! Wieso spreche ich überhaupt mit dir, du Fell-Horst?«
Ups, das ist mir so rausgerutscht. Das nimmt er mir ganz bestimmt sehr übel.
Er holt tief Luft für eine gepfefferte Antwort.
»DAF fagt die Richtige! Guck dich doch mal an! Mit deinen beiden Pinfelohren und dem buffigen Fweif! Wenn du mich fragft, bift du ein ganf klarer Fall von Eichhörnchen«, nölt der Hase.
Mann, der ist aber wirklich redegewandt.
Und aufgebracht.
Und extrem lästig.
Ein sehr lebensechter Traum.
Ich will gerade ein paar Frechheiten hinterherschicken und blicke, quasi aus Versehen, erneut an mir runter. Ich sehe: zwei rotbraun befellte Vorder- und zwei Hinterpfoten und ein leicht molliges, pelziges Bäuchlein in Weiß.
Definitiv ein sehr realistischer Traum.
Ich betaste mit den Vorderpfoten (!?) mein Gesicht beziehungsweise das, was ich dafür halte: Fühlt sich anders an als sonst. Irgendwie haarig. Um nicht zu sagen schnäuzchenartig. Ich befühle die vom Hasen so bezeichneten Pinselohren.
Auch die sind puschelig.
Gleichzeitig sind meine schulterlangen Haare verschwunden, stelle ich beim Weitertasten fest. Früher fand ich den Farbton so mittel, seit ein paar Monaten ganz cool.
Aber wo sind sie hin? Was passiert hier?
Meine Stimmung schlägt nun um, die Unterlippe beginnt zu zittern, dann das Auge. Jetzt bloß nicht heulen. Schon gar nicht vor dem albernen Hasen. Ganz ruhig bleiben.
Ich drehe den Kopf und lasse den Blick an meiner Hinterseite herunterwandern. Und wieder rauf. Die Beweise verdichten sich: Ich sehe aus wie ein Eichhörnchen!
Ein rundum mit seidig glänzendem Fell bedecktes, flauschiges Eichhörnchen!!
Eines mit einem unglaublich buschigen Schwanz!!!
Heißt das bei Eichhörnchen überhaupt so? Oder gibt es dafür einen biologischen Fachausdruck?
»Was ift denn nun, Hörnchen?«, mischt sich der Hase wieder in meine Gedanken ein. Er geht mir stark auf den Zeiger, hatte ich das erwähnt?
Leider scheint seine Bezeichnung für mich zu stimmen …
»Hast du einen Spiegel?« Ist die Frage so blöd, wie sie klingt?
Er blickt mich mit fragenden Glupschaugen an und schnuppert ein, zwei Mal. Und dann gleich noch mal.
»Wir find hier draufen in freier Natur, natürlich nicht«, entgegnet er. Das hört sich eine Spur schnippisch an, wenn ich mich nicht täusche. Was ist eigentlich aus der freundlichen Kumpeltour von vorhin geworden? Ich bemerke, wie mein Auge wieder unkontrolliert zuckt. Das erinnert mich an etwas oder jemanden. Wer war das bloß…? Während das Lid weiter zuckt, fällt es mir ein: das leicht rattenartige Hörnchen aus einem meiner Lieblingsfilme, das mit den fiesen Hauern statt niedlicher Nageleiste vorne.
Oh.
Mein.
Gott.
Ich bin tatsächlich und ganz im Ernst zu einer Disney-Figur mutiert!?! Bin ich nicht zu alt dafür? Habe ich zu viele Zeichentrickfilme gesehen? Fest steht: Ich darf jetzt keinesfalls weinen, aus dem Alter bin ich nun definitiv raus.
Der Hase hat meine Gemütsverfassung scheinbar durchschaut, denn er kommt angehoppelt und legt vertraulich eine Pfote auf den kleinen Zaun, an dem ich stehe – und den ich nicht mehr wie vor Beginn dieser Szene um mindestens einen Meter überrage. Ich kann mich hier nicht mit genauen Maßangaben aufhalten, denn er spricht in sanftem Tonfall, der wohl beruhigen soll, mich aber im Gegenteil total aggressiv macht:
»Aber guck doch in die Regentonne an der Haufecke. Darin kannft du dich fpiegeln.«
Fassen wir also zusammen: Ich bin ein Teenie aus der Stadt, der gerade einen unglaublichen Traum hat. Ich habe mich in ein Eichhörnchen verwandelt, spreche mit einem Karnickel und überlege zu allem Überfluss auch noch, einen Rat von ihm zu befolgen.
Alles sehr komisch.
Komisch im Sinne von merkwürdig.
Aber ich habe definitiv schon schlechter geträumt, das gebe ich zu.
1 Dies ist eine Fußnote (= Erläuterung): „MIEPS KLEINE LISTE UNGEWÖHNLICHER UND SCHRÄGER WORTE SOWIE AUSDRÜCKE“ ab Seite 226.
Das Eichhörnchen wirkt extrem hektisch und nervös. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, man munkelt sogar, die Spezies sei etwas hochtouriger drauf als andere. Obwohl ich das leider nur vom Hörensagen weiß. Ich habe nie zuvor ein Hörnchen gekannt.
Und ich sag es euch gleich: Ich bin adoptiert. Ich lebe, seit ich denken kann, in dieser wirklich netten Kaninchenfamilie und habe entsprechend zahlreiche Geschwister, die allesamt relativ lange, weiche Ohren haben. Das gilt nicht für mich, denn ich bin anders: Ich habe sehr viel kürzere Lauscher. Die sind eher noch weicher. Mein Adoptivpapi hat es mir erklärt: Es gebe verschiedene Hasenarten und ich müsse wohl ein Zwergkaninchen sein, da meine Ohren so »stummelig« wären. Ich zitiere das, denn ich empfinde den Begriff als gemein. Er meint das vermutlich gar nicht böse, aber etwas verletzt bin ich doch. Stummelig? Ist es denn schlimm, kleine Ohren zu haben? Ich denke nicht!
Im Übrigen bevorzuge ich für uns alle in der Familie die Bezeichnung Hase. Das ist kurz und knapp, wenn auch »biologisch gesehen nicht ganz einwandfrei«. Weiß ich auch von Papi. Papi ist schlau. Nur über meine Herkunft ist ihm nichts Genaues bekannt.
Keine Ahnung, ich erinnere mich an nichts. Ich weiß also gar nicht, ob ich jemanden vermissen könnte – und wenn ja: wen. Meine Adoptivfamilie behandelt mich wie einen von ihnen. Sie teilen ihr Futter mit mir, ich spiele tagsüber mit meinen Geschwistern und lerne dabei, mich wie ein »gewöhnlicher« Hase zu verhalten. Löwenzahn und auch mal ein Möhrchen nagen, Haken schlagen und so. Habe schon einen ersten Tunnel unterhalb der Hecke hinten links vor dem Wald angefangen. Aber das bleibt bitte unter uns! Ich erledige das heimlich, denn angeblich ist das hier in der Gegend nicht so gern gesehen. Abends kuschele ich mich dann mit allen in die Schlafmulde und habe es angenehm warm.
Aber irgendetwas fehlt mir doch – wenn ich bloß wüsste was … Mir ist furchtbar langweilig. Ich habe festgestellt: Das Leben als Zwergkaninchen / Hase / Kaninchenhase kann doch recht eintönig sein. Schlafen, Klee futtern, Schule, Klee futtern, spielen, Möhrchen futtern, wieder schlafen und so weiter und so fort.
Außerdem sind alle meine Verwandten so unglaublich vorsichtig und schreckhaft. Bis auf meinen Bruder Tjard vielleicht, der ist komplett irre.
Aber zurück zu mir: Ich bin sehr neugierig und quatsche mutig jedes Tier an, das mir begegnet. Schließlich muss ich auch Sprechen trainieren, denn Lesen allein reicht mir nicht.
Wie bitte?
Natürlich lese ich! Daher kommt immerhin der Begriff Lesehase. Ich habe das mit »Urmel aus dem Eis« gelernt, ein großartiges Buch. Hat Papi angeblich mal von einem Gartentisch geklaut. Ich glaube die Geschichte nicht so ganz, wo er doch so ein Angsthase ist. Aber das Buch ist zum Glück da. »Ein Klassiker der Kinderliteratur«, behauptet Papi. In der Hinsicht bin ich wiederum durchaus geneigt, ihm zu glauben. Ich habe zwar nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten, aber es ist ausgesprochen knorke.
Er meint auch, dass die Tiere im Buch alle einen Sprachfehler hätten, ich mir deshalb also nicht alles von ihnen abgucken soll.
Um ehrlich zu sein, wir sind hier schließlich unter uns: Ich kann tatsächlich von ganz allein nicht so perfekt das S aussprechen – also: überhaupt nicht. Schon immer. Es ist doch sehr schwierig, so um die Zähne herumzusprechen. Für alle anderen aus der Familie scheinbar nicht. Verstehe ich nicht, aber macht nix, so bin ich immerhin unverwechselbar. Und wegen der Ohren natürlich.
Außerdem bin ich übrigens stets sehr höflich, wenn ich jemanden anspreche. Also meistens. Heute ist es dieses Eichhörnchen, das so überraschend auf der Terrasse am großen Haus aufgetaucht ist. Bei dem habe ich das Gefühl, dass es einen gepflegten Knall hat. Anders als Tjard, aber eine Schacke ist es definitiv. Es verhält sich nämlich sehr verpeilt – ich vermute, selbst für ein Eichhörnchen.
Es ist noch unhöflicher als sämtliche Hirsche und Pferde (beide bekannt für wortloses Niederstarren), Füchse (Zitat: »Pass bloß auf, ich schnapp’ gleich nach dir!«) und Dachse (Zitat Nummer zwei: »Mach Platz, Kleiner!«), die mir bisher über den Weg gelaufen sind.
Und: Das Hörnchen starrt mich aus leicht irrsinnigen Augen an. Das wirkt auf mich wie eine Mischung aus Angst und schlechter Laune – mit einem Hauch Arroganz vielleicht.
Man beachte meine Wortwahl. Beeindruckend, nicht wahr? Ich bin eben ein sehr guter Beobachter.
Immerhin habe ich es dazu gebracht, sich mit mir zu unterhalten. Das ist spannend. Es scheint aus einer Anstalt ausgebrochen zu sein, denn es hat ein echtes Problem mit sich selbst. Betrachtet ständig die Pfoten und den Puschelschwanz, glaubt aber scheinbar nicht, was es sieht. Um ihm zu beweisen, dass es wirklich ein Eichhörnchen ist, habe ich es gerade eben zur Regentonne an der Hausecke geschickt. Mal sehen, was es angesichts seines eindeutigen Spiegelbilds zu sagen hat. Kein Ding, wenn es noch uneinsichtig ist: Im Grunde liebe ich Diskussionen und bin neugierig auf meinen neuen Gesprächspartner – das war ich länger nicht. So gesehen ist es ein Supertag, da gehe ich über diese Unhöflichkeit gerne hinweg. Solange es nicht übertrieben wird … Ganz so freundlich bleibe ich nämlich nicht mehr lange. Wenn man mich zu stark reizt, kann ich auch bockig werden.
Das Hörnchen hockt nun auf den Holzscheiten vor der Regentonne und blickt skeptisch über die Schulter zu mir zurück. Ich nicke stumm, aber aufmunternd, murmele: »Nun komm aber mal in die Pfoten!«
Weiß gar nicht, warum es sich so ziert. Ist doch dank des Astes, der drinsteht, außerordentlich kleintiersicher. Also da hat irgendjemand mitgedacht, sehr vorbildlich: Wenn es töffelig sein sollte und hineinfällt, kann es definitiv nicht ertrinken.
Das Eichhörnchen beugt sich wie in Zeitlupe über den Rand und blickt auf die in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche. Entgeistert starrt es daraufhin blitzschnell zu mir. Und wieder vorsichtig auf das Wasser. Es wischt sich mit beiden Vorderpfoten verwundert über die Augen. Seltsame Geste … Jetzt fällt sein Blick zum dritten Mal auf das Wasser.
Es keckert laut: »Scheibenkleister!«
Oh, toll! Das Wort kenne ich noch gar nicht. Kommt das Hörnchen wohl von weit her? Muss ich unbedingt in Erfahrung bringen.
Vorerst begnügt sich meine neue Bekanntschaft mit der mehrfachen Wiederholung des ebenso heiter wie geheimnisvoll klingenden Begriffes. Ich zähle bis sieben mit und beschließe dann, dem Ausbruch ein Ende zu bereiten. Ehe wir uns versehen, haben wir sonst noch sämtliche Tiere angelockt und müssen uns rechtfertigen, warum die Mittagsruhe gestört wird. Gerade bei der Hitze.
»Kann ich helfen?«, erkundige ich mich freundlich, obwohl ich mit großer Wahrscheinlichkeit eine pampige Antwort bekomme.
Stattdessen sieht mich das Eichhörnchen mit glasigen Augen an und verkündet: »Ich bin ein Eichhörnchen!«
Was du nicht sagst. »Ich weif«, erkläre ich. Allerdings habe ich keinerlei Erfahrung mit wahnsinnigen Exemplaren, denke ich. Ich habe den Eindruck, das Tier könnte einen Schluck Wasser vertragen, denn es wirkt doch etwas verstört. Trinken und Essen hat auf mich persönlich jedenfalls immer eine beruhigende Wirkung, vielleicht klappt es bei meiner neuen Bekanntschaft ebenfalls.
»Trink doch erftmal einen Fluck!«
Ich erwarte an dieser Stelle Widerworte. Doch wie durch ein Wunder befolgt es meinen Vorschlag, beugt sich zum Wasser und trinkt so gierig, dass es Schluckauf bekommt. Ich verdrehe die Augen gen Himmel. Muss es denn mit ALLEM so übertreiben?
»Hick.«
Interessantes Geräusch, das hatten wir doch eben schon. Ganz kurz, bevor das Eichhörnchen da war.
Dann macht es noch »Puff«.
Auch das Geräusch habe ich bereits einmal gehört.
Huch!
Ich traue meinen Augen nicht: Anstelle des Hörnchens hockt da vor der Regentonne ein Mädchen im Ringelkleid mit roten Haaren, Sommersprossen und einem unglaublich dümmlichen Gesichtsausdruck – ich muss es leider so sagen, denn es ist die Wahrheit. Ich bin mir zugegebenermaßen nicht sicher, ob ich selbst nicht vielleicht noch eine Spur dämlicher aus dem Fell gucke. Aber das tut eigentlich auch nichts zu Sache.
Wir starren uns also gegenseitig an.
Minutenlang.
Sie gibt keine seltsamen Geräusche mehr von sich.
Stattdessen zwitschern die Vögel über uns und ein Plüschmors summt vorbei. Davon gab es hier früher auch schon mal mehr, fällt mir auf. Was ist da los? Sind sie umgezogen oder ist etwas anderes vorgefallen? Wieso sagt mir denn nie jemand was?
In meinem Kopf schwirren die Gedanken. Ich weiß überhaupt nicht, was ich zuerst sagen soll. »Wer bist du und was hast du mit dem Eichhörnchen gemacht?«, könnte durchaus angebracht sein. Obwohl eine Vermutung in mir aufkeimt. Denn ich habe wirklich nur diese eine winzige Sekunde nicht hingesehen – okay, lassen wir es zwei sein. Genauer: Ich habe zum wiederholten Mal die Augen verdreht. Und vom Eichhörnchen ist nun weit und breit keine Spur mehr. So schnell kann es doch nicht verschwunden sein!?
Und dann fällt es mir wie Grünzeug von der Möhre: Lerne ich hier etwa eine echte Wandlerin kennen? Das sind Tiere, die sich in Menschen verwandeln können – oder umgekehrt.
Bislang fand ich die Idee doch einigermaßen abseitig …
Aber jetzt …
In diesem Moment springt das Mädchen auf und stolpert überstürzt in Richtung Haus.
Och menno – gerade als es RICHTIG interessant wurde …
Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich wäre viel lieber die Ferien über allein zu Hause geblieben. Um im Idealfall keinen Fuß vor die Tür zu setzen und Filme, Serien, Bücher sowie Schnökerkram zu verschlingen. Und wenn ich rausgehe, dann nur, um Skateboard zu fahren. Das Rollbrett habe ich schlauerweise in Hamburg vergessen. Ganz toll. Wobei: Direkt um das Haus hier gibt es ohnehin nur Kopfsteinpflaster. Und die Straße zu Omas Anwesen verdient den Namen eigentlich auch nicht wirklich. Darauf fährt es sich nicht optimal. Genauer gesagt: kein Stück.
»Lesen und fernsehen, all das kann meine Kleine auch hier auf dem Land tun«, denkt sich Mama bestimmt. Da bin ich sicher, denn ich kenne sie schon etwas länger.
Außerdem glaubt sie, hier hätte sie meinen Medienkonsum einigermaßen im Blick und könnte zumindest versuchen, mich einmal täglich an die frische Luft zu schicken.
Das wollen wir doch erst mal sehen.
Erstens hat sie viel zu tun und eigentlich null Zeit für mich. Zweitens: Früher hat sie selbst die Nase nicht aus den Büchern bekommen und sich alles Mögliche im Fernsehen angeschaut. Erzählt mir Oma jedenfalls immer. Da kann Mama mich doch jetzt genauso in ihrem ehemaligen Zimmer sitzen lassen, wo ich mir die Augen rot lese wie sie damals. Auf mein Teenager-Dasein ist sie ihren eigenen Aussagen zufolge vorbereitet. »Schließlich kann ich mich bestens an meine eigene Pubertät erinnern«, ließ sie ihre Freundin Susa erst letzte Woche beim Wein auf dem Sofa wissen. Ja genau …! Ich mag Mama ja echt gern. Aber diese erwachsene Schlaumeier-Tour manchmal, die kann sie sich wirklich sparen.
Im Moment scheint sie es höchst amüsant zu finden, mich den Gartenweg herunterkommen zu sehen. Mist, ich habe gar nicht daran gedacht, dass sie dort am Fenster sitzt. Ich streiche das Haar möglichst schnell und unauffällig glatt. Außerdem versuche ich mir zu verkneifen, ständig auf die Hände zu gucken, sie hin und her zu drehen. Über die Schulter hinweg meinen Po zu begutachten, um zu prüfen, ob da noch Spuren des Eichhörnchenschwanzes zu erkennen sind, macht im Moment auch keinen Sinn.
Mama, die alte Grinsekatze, lacht also am offenen Fenster, wo sie am Schreibtisch lümmelt, total unauffällig in ihren Becher mit heraushängendem Teebüdel – glaubt sie! Dann nimmt sie ihren Aquarellpinsel wieder auf. Ist wohl auch besser so, der Abgabetermin für das Bilderbuch ist schließlich bald. Zum Glück bekommt sie nicht ganz so viel mit, wenn sie arbeitet.
Mehr aus Gewohnheit suche ich trotzdem ihre Nähe. Zwei Minuten später öffne ich also vorsichtig die Tür zu Omas Esszimmer, das Mama zu ihrem Arbeitsplatz umfunktioniert hat. Aus dem Radio dröhnt ihr Lieblingslied „Breakaway“ von Tracey Ullman. Eines ihrer 1000 Lieblingslieder. Den Text schmettert meine theatralisch begabte Mutter lautstark in ihren Aquarellpinsel, der ihr als Mikrofon dient.
Als ich so überraschend neben ihr stehe, sieht sie mich etwas ertappt an und wirkt direkt im Anschluss einen Hauch zerstreut.
»Alles in Ordnung bei dir, Miep?«
»Klar – warum fragst du?«
»Ich dachte nur … du wirkst irgendwie verhuscht …«
»Nee, alles okay.«
»Sicher?!«
»Ja doch!«
»Wie war es denn draußen?«
»Heiß. Viel zu heiß!« Apropos heiß: Ich werde auf dieses Stichwort hin bockig. »Habe ich dir doch schon mal gesagt, dass es zu heiß ist! Ich geh’ in mein Zimmer!«
Und weg bin ich wieder, inklusive Türen knallen. Zugegeben, ein schräger Auftritt von mir, den hätte ich mir sparen können.
Einige Minuten später klopft Mama an die Tür – wie bereits erwähnt, ist es ihre, denn ich bin über die Ferien in ihrem alten Jugendzimmer einquartiert. Da ich nicht sofort antworte, pocht sie ein zweites Mal und ruft durch das Holz: »Du hast bestimmt Durst, ich stell dir was hin!«
In dem Moment bin ich schon an der Tür, reiße sie auf und ihr förmlich das in der Wärme schwitzende große Glas aus der Hand. Hinter mir sind Gitarrenriffs hörbar. Ich sehe an Mamas gerunzelter Stirn, dass sie sich fragt, wo ich die Kassetten gefunden habe. Sie muss doch ahnen, dass ich ihr altes Zeug durchwühle. Und zwar gründlich. Und auch nicht erst in diesem Urlaub. Für wen hält sie mich? Ich bin schließlich ihre Tochter. Das bedeutet: Neugier ist nicht nur ihr, sondern auch mein zweiter Vorname.
Gerade fällt ihr meine konkrete Musikauswahl auf.
»Was hörst du denn da? Sind das etwa Bon Jovi? MAGST du die?«
Mama wirkt gleichzeitig verwirrt, peinlich berührt und hoch erfreut – das muss man auch erst mal hinbekommen. Sie schafft das allerdings locker.
»Rockmusik aus den 80ern ist doch bisher überhaupt nicht deine Baustelle! Unglaublich. Ich meine: klasse! Ist auch WIRKLICH alles fluffig bei dir?«, kann sie sich nicht verkneifen.
»Jaha, mach dir keinen Kopf, es ist alles toll.«
Daraufhin knalle ich die Tür wieder zu und ziehe den Lautstärkeregler weiter hoch. Die verzerrten Gitarren schallen noch lauter aus den Boxen. Ja, ich mag das tatsächlich. Sehr sogar.
Ich setze das Glas an die Lippen und nur Sekunden später übertönt mein lautes »Hick!« beinahe die Rockmusik. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass auch dieses eisgekühlte Getränk meinem Magen nicht sonderlich bekommt.
Dem Schluckauf-Geräusch folgen zwei weitere. Und dann noch ein anderes, ungleich quietschigeres Hicksen. Hoffentlich kommt Mama jetzt nicht rein, denn ich bin wieder tierisch klein. Und flauschig …
Das darf nicht wahr sein! Ich stehe hier, trinke auf den ganzen Schreck und die Anstrengung hin nur diesen einen, winzigen Schluck eisgekühlte Schorle – und nun das! Der helle Teppich ist zumindest vorübergehend ruiniert, weil mir das Glas aus der Hand gefallen und fast die gesamte braune Flüssigkeit über den Boden gepütschert ist. Und wir sprechen von viel Schorle, weil Mama es freundlicherweise sehr gut mit mir gemeint hat.
Nun habe ich – Überraschung! – keine Hand mehr.
Es handelt sich – zum wiederholten Mal! – um eine Pfote. Eine von vieren, um ganz genau zu sein. Wie heißt es in Comics so treffend?
Argh!
Mein Blick wandert über die Schulter nach hinten. Yep: ein puscheliger Schweif. Ich betaste kurz noch die … ja, da sind sie wieder: die Öhrchen. Das bedeutet wohl, ich bin erneut ein rot befellter Nager. Ich schleiche vorsichtig zum altertümlichen, riesengroßen Spiegel an der Wand, der bis zum Fußboden hinunterreicht, und sehe: mich in der Eichhörnchen-Version.
Ist das alles wirklich nur ein Traum? Es fühlt sich so echt an. Und so unglaublich lang!
Nur mal angenommen, dass ich nicht träume: Wenigstens bin ich nicht struppig. Sondern habe recht ansprechendes Fell, das sogar seidig glänzt, wenn ich mich richtig in der Sonne wende, die unter der Jalousie hindurchscheint …
Bin ich jetzt total meschugge?!? Das hilft mir doch an dieser Stelle überhaupt nicht weiter! Ich muss irgendwie wieder die 1,50-Meter-Miep mit langem rotem Haar werden – mit Fell komme ich in meinem normalen Leben echt nicht klar.
Nur mal angenommen, wir schreiben Mathe. Und ich hocke auf dem Tisch? Hopse ich dann auf dem Rechner von Taste zu Taste? Und das wäre längst nicht die Hauptkomplikation. Wie packe ich in diesem Aufzug meine Schultasche? Oh Gott! Was ist, wenn das alles so bleibt und ich mein Dasein fortan als Eichhörnchen fristen muss? Das geht doch so nicht! Obwohl: Dürfte ich den Sportunterricht eventuell als Hörnchen absolvieren und hätte so endlich eine nennenswerte Chance beim Bockspringen? Mir schwirrt der Kopf.
Zwei Minuten später: Es steht fest, ich scheine eine Art Gestaltwandlerin zu sein. Ist klar.
Warum bin ich nichts Cooles? Zum Beispiel ein Vampir! Damit kenne ich mich dank umfangreicher Lektüre und diverser Filme und Serienstaffeln wenigstens einigermaßen aus.
Aber so ein albernes Flausch-Ding? Gibt es keine lässigeren Tiere? Womit habe ich das verdient? Ist das die Strafe dafür, dass ich Viecher nicht so spannend finde? Oder die Quittung des Universums für wiederholte Aufmüpfigkeit?
Ich könnte heulen.
Drei Minuten später.
Ich heule.
Man muss das auch mal rauslassen. Ich steh’ dazu.
Weitere fünf Minuten später.
Okay, durchatmen und ganz ruhig und logisch überlegen: Was ist der Grund für diese … Sache? Wo wurde ich zum Hörnchen? Zuerst im Garten, das nächste Mal im Haus. Keine Übereinstimmung des Ortes also. Wann wurde ich zum Eichhörnchen? Einmal gegen 12 Uhr mittags, dann um – ich sehe auf meinen Wecker: 13.15 Uhr. Hm … Ich erkenne kein Muster, außer allgemein zur Mittagszeit. Ist das bereits ein Muster? Habe ich vielleicht irgendetwas … Nagetierartiges gesagt oder getan …? Brot mit Nussnugatcreme hatte ich heute früh schon mal nicht, es gab Müsli mit Früchten. Also scheidet das auch aus. Was passierte eigentlich direkt vorher?
Moment! Das Getränk! Glücklicherweise ist das Glas halb auf einem Bodenkissen hängen geblieben, sodass sich noch ein Rest Getränk darin befindet. Es ist wie im Film: Eine Fügung des Schicksals, möchte ich meinen. Zeit für ausgewählte Formulierungen sollte man sich immer nehmen.
Doch wie komme ich da jetzt ran, ohne reinzufallen? Mein Blick streift ein anderes, im Grunde leeres Glas mit schmierigen Milchrändern. Zugegeben, ich bin eventuell ab und zu ein bisschen schluderig. Aber erstens ist das hier nicht das Thema und zweitens: Offenbar macht das manchmal tatsächlich Sinn! Da ich meinen geliebten abendlichen Milchshake ausschließlich mit Strohhalm schlürfe, steht ein entsprechendes Exemplar im gestern geleerten Behältnis.
Ich hoppe – und das beachtlich geschmeidig, falls es jemanden interessiert – auf den Schreibtisch und recke mich zum Halm, ziehe ihn zu mir … der daraufhin blitzartig und spritzend aus dem Glas schnellt, eine Milchspur über Teppich (der ist eh hin) und Spiegel (urgh!) verteilt, um anschließend auf dem Boden liegen zu bleiben.
Mittlerweile sieht es hier aus wie bei Hempels unterm Sofa. Oder so ähnlich. Ach, darum kümmere ich mich später! Ich transportiere den Strohhalm in meinem Mäulchen (!) durchaus geschickt zum Colaglas, schiebe ihn in die braune Lache, die für mich als Eichhörnchen noch einen ordentlichen Schluck hergeben sollte und trinke gierig …
Und …? Na …?
»Hick.«
Ha!
Da ich mich zufällig noch in Sichtweite des Spiegels befinde, sehe ich, nachdem der leichte, eher angenehme Verwandlungsschwindel nachgelassen hat: mich!
Die menschliche Miep! Zum Glück!
Aber Moment mal, irgendwie fühlt sich das an, als ob … bitte nicht schon wieder …
»Hick.«
Ermattet lege ich mich auf dem Teppich ab. Ich richte mich nur kurz auf, um mir vom Spiegel bestätigen zu lassen, was ich mittlerweile weiß: Ich bin erneut ein Eichhörnchen. Zum dritten Mal heute.
Ich.
Dreh.
Durch.
Und warte ab.
Ob ich von einem neuerlichen Aufstoßen geschüttelt werde?
Weil nichts passiert, blicke ich sehnsüchtig auf den wirklich allerletzten Minischluck im Glas. Wenn das jetzt nicht funktioniert, muss ich irgendwie aus diesem Zimmer kommen, um mir ein Kaltgetränk zu besorgen und mich zurückzuverwandeln.
Alles heimlich, versteht sich.
Denn was bitte soll ich meiner Mutter sagen – mal abgesehen davon, dass ich mit ihr dann wahrscheinlich nicht mehr kommunizieren könnte? Sie wüsste gar nicht, dass ich es bin. Fände mich total niedlich, würde mich adoptieren und mit der Flasche aufpäppeln wollen … Ob das ein guter Ersatz für ihre Tochter wäre? Ich weiß nicht.
So, Schluss jetzt: Ich schnaufe tief durch, schaue mir im Spiegel und trotz aller Verquollenheit vom Heulen fest in meine Knopfaugen, trinke vorsichtig. Hoffentlich ist das Zeug noch nicht zu warm. Von lauer Plörre bekommt man meines Wissens keinen Schluckauf …
»Hick.«
Yay, es hat geklappt!
Fragt sich nur, für wie lange.
Als ich nach fünf Minuten immer noch als Menschenversion auf den Knien vor dem Spiegel hocke, erlaube ich mir, mich vorsichtig zu entspannen. Falle aufs Sofa und schlafe fast sofort ein. Kurz vorher noch der Gedanke: Scheinbar träume ich das alles doch nicht.
Und: So ein Eichhörnchen-Alter-Ego schlaucht ganz ordentlich.
Ich schrecke schweißüberströmt hoch. Was war das? War da was?
Es ist sehr still.
Da ist es wieder: Etwas scharrt an meiner Tür!
Mein Blick fällt auf den Wecker: 20.20 Uhr – habe ich etwa seit heute Mittag gepennt?
Es kratzt noch einmal.
Sofort erinnere ich mich an alles. An diesen irren Traum. Oder war es doch die Realität? Steht jetzt etwa der Hase an der Tür, um die dramatischen Ereignisse mit mir zu besprechen? Ich höre das Geräusch erneut und ich weiß: Das ist definitiv nicht der Hase mit seinen Krallen.
Es ist meine Mutter. Meine manchmal etwas peinliche, aber irgendwie doch spaßige Mama. Sie findet es nämlich wahnsinnig witzig, wie ein Monster oder Vampir mit den Fingernägeln an der Tür zu schaben. Sie meint, das würde echte Fantasy-Action (sagt sie!) in unseren Alltag bringen. Normalerweise finde ich das tatsächlich witzig.
Aber heute? Wenn sie wüsste!
Weil nach einer Minute immer noch keine Reaktion meinerseits folgt, schiebt sie sachte die Tür auf: »Miep, bist du wach?«
Ich liege schlapp auf dem Bett, habe den Kopf auf den angewinkelten Unterarm gelegt und starre wortlos zu ihr ’rüber.
»Darf ich reinkommen?«
»Hmm.«
»Was ist denn mit dir los heute? Wirst du krank? Oder macht dir das Wetter so zu schaffen?« Sie streicht mir eine verschwitzte Strähne hinters Ohr und dann sachte weiter leicht über den Kopf. Ich fühle mich wie mit acht, als ich Masern hatte. Wie macht sie das nur, bei dieser Hitze eine so angenehm kühle Hand zu haben?
»Möchtest du nicht mit uns essen? Ich habe Karottensalat mit Nüssen gemacht, den magst du doch so gern …«
Ich runzele die Stirn und bin mäßig begeistert.
Karotten?
Nüsse?
Im Ernst jetzt?!?
Okay, normalerweise ist das ein Selbstläufer. Aber nicht heute.
»Mir ist übel, ich glaube, ich mag nichts …«, flüstere ich außerordentlich geschwächt.
»Du hast seit dem Frühstück nichts gegessen und getrunken – bis auf die Schorle … ach du …!!! Was ist denn damit passiert?«
Sie bemerkt erst jetzt das Chaos. Ihr Blick wandert über den verdreckten Boden zum milchbespritzten Spiegel, vor dem ein Kleiderhümpel liegt, und zurück. »Ui, der Teppich ist wohl hin … Egal. Komm, probier doch wenigstens eine Gabel voll. Wenn es dann nicht geht, legst du dich wieder hin, okay?«
Sie zieht mich vom Bett hoch. Als ich aufrecht stehe, hakt sie mich unter und führt mich in die Küche.
Zehn Minuten später: Eigentlich fühle ich mich schon fast wie immer. Aber nach Reden ist mir echt nicht zumute. Normalerweise plappere ich in einer Tour, vor allem dann, wenn ich Oma treffe. Jetzt schweige ich nicht nur, sondern muss von Zeit zu Zeit sogar meine Hände ansehen, drehe sie unauffällig in verschiedene Richtungen. Mama beobachtet mich aus den Augenwinkeln und schüttelt ab und zu leicht den Kopf.
Doch dann überkommt mich angesichts der leckeren Dinge auf dem Tisch ganz überraschend ein extremer Hunger. Statt auf eiskalter Saftschorle oder Cola wie sonst bestehe ich darauf, lauwarmes Leitungswasser zu trinken.
»Aber das mochtest du doch nie …«, kommentiert Mama. Und handelt sich ein schnippisches »Geschmäcker ändern sich eben« von mir ein. »Holla die Waldfee«, raunt sie Oma zu und verdreht belustigt die Augen, hält sich aber mit weiteren Kommentaren zurück.
