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Mika: Das Leben der 15-jährigen Mika ist ziemlich außergewöhnlich. Mit ihren Hippi-Eltern reist sie in einem alten Bulli rund um die Welt. Die große Freiheit hat jedoch ihren Preis, denn Freundschaften zu schließen ist für Mika beinahe unmöglich. Umso glücklicher ist sie, als sie in Griechenland endlich einen guten Freund findet, mit dem sie vieles gemeinsam hat. Sogar mehr als die beiden ahnen... Julitränen: Juli und Max sind grundverschieden und doch seit Jahren unzertrennlich. Eigentlich meint Juli ihren besten Freund in- und auswendig zu kennen. Doch plötzlich ändert sich Max' Verhalten und er drängt sie zunehmend aus seinem Leben. Anfangs enttäuscht und ratlos, ist Juli bald darauf fest entschlossen, dem seltsamen Benehmen auf den Grund zu gehen, denn ihre Freundschaft steht auf dem Spiel.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Marie Mayr
Mika
und
Julitränen
Scholastika Verlag
Stuttgart
Erschienen im Scholastika Verlag
Rühlestraße 2
70374 Stuttgart
Tel.: 0711 / 520 800 60
www.scholastika-verlag.com
E-Mail: [email protected]
Zu beziehen in allen Buchhandlungen,
im Scholastika Verlag und im Internet.
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage Mai 2021
© 2021 Scholastika Verlag, 70374 Stuttgart
ISBN 978-3-947233-51-9
ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-947233-50-2
Covergestaltung: Simon Kraus
Lektorat: Kathrin Klar und Friedericke Maquet-Weißenseel
Druck: Druckerei Hallwich GmbH
eBook-Entwicklung:
Mika:
Das Leben der 15-jährigen Mika ist ziemlich außergewöhnlich. Mit ihren Hippi-Eltern reist sie in einem alten Bulli rund um die Welt. Die große Freiheit hat jedoch ihren Preis, denn Freundschaften zu schließen ist für Mika beinahe unmöglich. Umso glücklicher ist sie, als sie in Griechenland endlich einen guten Freund findet, mit dem sie vieles gemeinsam hat. Sogar mehr als die beiden ahnen...
Julitränen:
Juli und Max sind grundverschieden und doch seit Jahren unzertrennlich. Eigentlich meint Juli ihren besten Freund in- und auswendig zu kennen. Doch plötzlich ändert sich Max' Verhalten und er drängt sie zunehmend aus seinem Leben. Anfangs enttäuscht und ratlos, ist Juli bald darauf fest entschlossen, dem seltsamen Benehmen auf den Grund zu gehen, denn ihre Freundschaft steht auf dem Spiel.
Marie Mayr wurde 2004 in Bayern geboren und lebt dort mit ihrer Familie. In der Freizeit ist sie gerne in der Natur und den Bergen unterwegs, wo auch die Ideen für ihre Texte entstehen. Sie fing bereits mit elf Jahren an, Abenteuergeschichten zu schreiben, die im Laufe der Zeit immer umfangreicher wurden. Die Geschichten „Mika und Julitränen“ sind ihr erstes erschienenes Werk.
Marie Mayr
Mika
Sie riefen mir Sachen hinterher, böse Worte, Beleidigungen. Manche auf Englisch, die ich leider verstand, und manche auf Irisch, welche ich zum Glück nicht verstand und dennoch genau wusste, dass es garantiert nichts Nettes war.
Ich zog meinen Kopf ein und versuchte meine Mitschüler so gut es ging zu ignorieren; die Sachen, die sie mir an den Kopf warfen, nicht persönlich zu nehmen. Nicht so nah an mich herankommen zu lassen – was jedoch nichts nutzte.
Es war Nachmittag und ich war auf dem Heimweg von der Schule. Mein Zuhause war kein Haus, es war auch nicht sonderlich groß. Mein Zuhause war knallorange, klein und stand auf vier Rädern: Ein kleiner Bulli aus der Hippiezeit. Schon mein ganzes Leben lang zog ich mit meinen Eltern rund um den Globus. Wir blieben nie länger als ein Jahr, sondern brachen unsere Zelte jedes Mal nach ein paar Monaten wieder ab und fuhren weiter.
Ich liebte dieses Leben, auch wenn man dafür Opfer bringen musste. Ich besaß nicht viel, da kein Platz für unnötiges Gerümpel in unserem Bus war, und ich hatte keine Freunde. Da wir immer nur drei, vier Monate an einem Ort waren, war es schwierig, Kontakte zu knüpfen. Noch dazu, wenn ich die Landessprache nicht beherrschte – was häufig der Fall war. Wir reisten eben nicht nur durch Deutschland, sondern um die ganze Welt. Wir betrieben oftmals »Kontinent-Hopping«, wie meine Eltern es nannten. Sie wechselten besonders gerne zwischen Europa und den USA hin und her. Die USA waren mir dabei eigentlich lieber, da es meinen Eltern dort erlaubt war, mich zu Hause zu unterrichten. In Europa musste ich dagegen meist in eine neue Schule gehen, manchmal, wenn ich Glück hatte, auf eine, in der Deutsch gesprochen wurde. Oder ich wurde einfach in irgendeine Schule gesteckt, in der völlig irrsinnigen Annahme, ich würde die neue Sprache sicher schnell beherrschen. Das war der Worst Case, der mir die meisten schlaflosen Nächte bescherte.
Meine Eltern waren Hippies durch und durch. Mit Dreadlocks, Pluderhosen, langen Ketten und Peace-Zeichen, wohin das Auge reicht. Außerdem schworen sie auf Yoga. Sie waren leider oft der Grund, warum ich in der Schule ausgelacht oder aufgezogen wurde.
Sie gaben aber auch wirklich ein schräges Bild ab: Kiffend im Lotusblütensitz vor unserem Bus, der dazu auch noch den Namen Bob trug. Aber so sehr mich die zwei manchmal auf die Palme brachten – und ich mir vorkam wie eine alleinerziehende Mutter mit zwei schwer erziehbaren Teenagern – so sehr liebte ich sie auch. Man konnte immer mit ihnen lachen und meistens hörte mir auch einer der beiden zu. Auch wenn sie meine Sorgen häufig nicht verstanden, versuchten sie mich zu trösten.
Daher war heute eigentlich alles wie immer. Ich hatte die anderen mittlerweile schnellen Schrittes abgehängt und konnte die irische Landschaft genießen. Und was noch wichtiger war: Ich konnte wieder einen Schultag abhaken. Lange würde es nicht mehr dauern und wir würden wieder aufbrechen. Alles, was ich dann von hier mitnehmen würde, waren ein Stein, den ich zu meiner Sammlung in einen Karton unter mein Bett legen würde, und eine Postkarte, die ich an die Wand in unserem Bus an das Kopfende meines Bettes hängen würde. Daneben noch – dank meiner Mitschüler – einen Haufen schlechter Erinnerungen sowie einen breiteren Wortschatz, was englische Schimpfwörter anging. Allerdings auch tolle Eindrücke der irischen Gegend mit ihren grünen Wiesen, den Schafen und dem oftmals nasskalten Wetter. Zudem waren da noch einige nette Leute in der Stadt, die nicht wussten, wer wir waren und sich uns gegenüber trotzdem sehr hilfsbereit gezeigt hatten.
Oft gab es Gerüchte und die Einheimischen erzählten sich die wildesten Geschichten über uns: Manchmal vermuteten sie, wir seien Verbrecher auf der Flucht. In den ersten Jahren, berichteten meine Eltern, waren sie viele Male irgendwelcher Straftaten verdächtigt worden, die in den Orten begangen worden waren.
Als Familie hatten wir immer zusammengehalten und letztendlich daraus gelernt, uns so weit wie möglich von der Stadt oder den Dörfern niederzulassen. Würde ich nicht jeden Tag zur Schule gehen müssen, hätten wir sicher immer fernab der Zivilisation unser Lager aufgeschlagen. Doch dann hätte ich noch weitere Schulwege zurücklegen müssen, als sie es meistens ohnehin schon waren.
Nach rund einer halben Stunde Fußmarsch erreichte ich endlich unseren Bus, der gut geschützt hinter einem kleinen Hügel stand. Meine Eltern saßen beide mit geschlossenen Augen im Schneidersitz auf unseren gehäkelten Kissen draußen vor dem Bulli, obwohl es nieselte und Schafe in unmittelbarer Nähe grasten. Sie meditierten – wie immer, wenn ich von der Schule nach Hause kam.
»Hallo Mika, Schätzchen. Na, wie war's in der Schule?«, fragte meine Mutter, ohne die Augen zu öffnen.
Es erstaunte mich immer wieder, dass sie wusste, dass ich da war, selbst wenn ich mich, wie jetzt, anschlich, um sie zu erschrecken.
»Hm, wie immer!«, antwortete ich mürrisch und wollte gerade in den Bus steigen, um diese hässliche Schuluniform in einen Pullover und eine gemütliche Jeans einzutauschen, da stand Mum hinter mir und drehte mich an den Schultern zu sich herum.
Ich sagte immer Mum, obwohl wir ja miteinander Deutsch sprachen, aber Mum fand Mum irgendwie cooler als Mama und bestand darauf, so genannt zu werden. In Wirklichkeit hieß sie Annabelle und war eine kleine, blonde, zierliche und sehr schnell aufbrausende Schwedin. Sie sprach perfekt Deutsch ohne den kleinsten Akzent, der ihre Herkunft verriet. Nur wenn sie sich über etwas ärgerte, schimpfte sie auf Schwedisch. Sie sah mich besorgt an, stellte sich auf die Zehenspitzen, denn ich überragte sie schon seit geraumer Zeit, und blickte mir direkt in die Augen. Sie strich mir eine rote Strähne aus dem Gesicht, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte.
»Waren die anderen Kinder wieder gemein zu dir?«, fragte sie sanft und hielt meinen Kopf zwischen ihren Händen. Ich nickte resigniert.
Sie presste die Lippen aufeinander, so wie sie es immer tat, wenn sie sich Sorgen machte – was allerdings nicht allzu oft vorkam – und drückte mich dann an sich. Ihre Wärme und ihr Geruch beruhigten mich. Obwohl mich die Gemeinheiten eigentlich schon lange nicht mehr verletzen konnten, sondern mich eher wütend machten.
»Was sagen die denn so?«, erkundigte sich Mum. Ihre Stimme war nur ein leises Flüstern an meinem Ohr.
»Das willst du gar nicht wissen!«, entgegnete ich ihr.
»Wegen uns, wegen unserer Art zu leben, stimmt's?«, ließ sie nicht locker.
»Nein!«, log ich. »Gar nicht!« Ich schüttelte den Kopf.
»Du lügst!«, stellte Mum fest und drückte mich nochmals.
»Ja!«, gab ich zu.
»Lügen ist schlecht fürs Karma!«, erklärte uns mein Vater, der immer noch im Schneidersitz auf dem Boden saß und sich fast den Hals verrenkte, um uns ansehen zu können.
»Ja, Pa, wir wissen's!«, erwiderte ich genervt, woraufhin er andächtig nickte und sich wieder umdrehte, um weiter zu meditieren.
Manchmal kam er mir vor wie ein weiser Schamane. Und mit seinem starken Akzent wirkte es noch authentischer. Pa war genauso wie Mum nicht aus Deutschland, sondern aus Kroatien und hieß Faro. Doch im Gegensatz zu seiner Frau hatte er einen starken Akzent behalten und sah aus wie ein richtiger Südländer. Er war groß und schlaksig. Seine Haut war das ganze Jahr knackig braun und seine Haare und Augen hatten fast die gleiche Farbe. Was eine Schwedin und einen Kroaten nach Deutschland verschlagen hatte, weiß ich nicht. Ich vermutete aber, dass sie sich einfach auf die Mitte geeinigt hatten, und das war dann wohl Deutschland gewesen – mein Geburtsort. Aber außer dieser Tatsache und der, dass Deutsch meine Muttersprache war, verband mich mit dem Land wenig, da wir ja ständig reisten.
Plötzlich hielt meine Mutter in ihrer Umarmung inne und schob mich eine Armlänge von sich weg.
»Wisst ihr was?«, fragte sie und wartete, bis Papa ihr seine Aufmerksamkeit schenkte, doch er summte nur eines seiner vielen Mantras vor sich hin.
Mum verdrehte genervt die Augen und ich sah sie gespannt an.
»Diese blöden Iren können uns mal und dieses komische Wetter erst recht!«
Sie blickte gen Himmel.
»Ich hätte mal wieder richtig Lust auf Sonne und Meer!«, verkündete sie mit einem Grinsen im Gesicht.
»Kalifornien«, schlug ich hoffnungsvoll vor und setzte einen Hundeblick auf. Vielleicht ließen sie sich damit ja erweichen.
Adieu Schule, dachte ich mir schon, als Mama ein zischendes Geräusch von sich gab, das sich anhörte, als hätte ihr jemand den Stöpsel gezogen. Ihr Grinsen verschwand.
»Ach nö, nicht schon wieder, da waren wir doch erst vor ein paar Monaten«, jammerte sie ein bisschen übertrieben.
Ich seufzte – also nichts mit adieu Schule.
»Wie wäre es mit Griechenland?« Sie sah uns erwartungsvoll an.
In diesem Moment bekam mein Vater einen Hustenanfall, sodass er von seinen kreisrunden Kissen plumpste und im nassen Gras landete.
»Griechenland?«, prustete er und sah meine Mutter an, als hätte sie den Verstand verloren.
»Also ich find's super!«, bestärkte ich Mum in ihrem Vorhaben. War zwar nicht Kalifornien, aber allemal besser als das eiskalte Irland.
»Siehst du, Mika findet es auch gut!«
Sie sah Pa, der sich gerade wieder aufrappelte und sich zu voller Größe aufbaute, herausfordernd an.
»Warum denn ausgerechnet Griechenland?«, fragte er fassungslos.
Seine verfilzten Dreadlocks hingen ihm wirr ins Gesicht und hatten sich vor seiner Brust mit einer Kette, auf der ein Peace-Zeichen prangte, verknotet.
»Warum denn nicht?«, fragte Mum zickig zurück.
»Also ich finde, es wird jetzt endlich mal Zeit!«
Sie betonte dabei das Wort »endlich« und sah Papa mit solch einem eindringlichen Blick an, als wolle sie ihn damit hypnotisieren.
Ich runzelte die Stirn. Warum endlich? Wir hatten keinen Plan, wo wir überall noch hin wollten.
Mein Vater zuckte resigniert mit den Schultern.
»Na, wenn du meinst, dass das eine gute Idee ist!«, seufzte er und hob ergeben die Hände.
»Das mein ich«, sagte Mum triumphierend und fügte hinzu: »Aber davor schauen wir noch bei Celeste und Henry in Schottland vorbei – wo wir ja schon mal fast in der Gegend sind.«
Das stimmte zwar nicht so ganz, aber meine Vorfreude konnte das nicht trüben.
Ich stürmte in den Bulli, um endlich die unbequeme Schulkleidung loszuwerden.
Dann ging alles ganz schnell, wie immer. Wir pfefferten unsere Sitzkissen in den Bus, wuschen unser Geschirr eilig in einem Bach, hängten die Lampions ab, die außen am Fahrzeug befestig waren, und verabschiedeten uns dann noch von den Schafen, die, verunsichert von der plötzlichen Aufbruchstimmung, die uns überkommen hatte, dastanden und uns anglotzten.
Keine halbe Stunde später saß Papa hinterm Steuer, Mum, die auf dem Beifahrersitz saß, breitete umständlich die Karte vor sich aus, und ich fläzte mich auf mein Bett und beobachtete die beiden amüsiert. Pa putzte wie besessen seine Sonnenbrille, nachdem er eine Kassette ins Deck geschoben und die Musik auf volle Lautstärke aufgedreht hatte. Mum versuchte auf der Karte unseren Standort zu bestimmen. Ein vergebliches Unterfangen, denn sie hatte in der Eile eine Karte der Niederlanden zur Hand genommen. Papa trommelte abwartend auf das Lenkrad, während Ma mit zusammengekniffenen Augen – das sah ich sogar von hinten – die Karte las.
»Wir müssen da lang!«, stellte sie fest und deutete vage in eine Richtung.
Ich grinste.
»Also falls wir das Land verlassen und nicht noch tiefer in die Einöde vordringen wollen, würde ich vorschlagen, dass wir genau in die entgegengesetzte Richtung fahren!«, sagte ich todernst.
Meine Eltern sahen sich an, dann nickten sie gleichzeitig.
»Hört sich gut an!«, meinte Pa, drehte den Zündschlüssel und tuckerte los.
Wenn man in Eile war, war man bei meinem Vater an der falschen Adresse. Wir fuhren im Schneckentempo auf holprigen Wegen und wurden dabei ordentlich durchgeschüttelt. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir eine befestigte Straße erreichten. Doch das konnte unsere gute Stimmung nicht trüben. Wir sangen alle Songs lauthals mit, bis wir heiser waren und es dunkel wurde.
Ich schloss die Augen und versuchte ein bisschen zu schlafen, was nicht einfach war, da die Musik immer noch in ohrenbetäubender Lautstärke dröhnte und Mum und Pa immer noch voller Inbrunst mitsangen. Ich vergrub mich unter meiner Bettdecke und zog mir das Kopfkissen als Schalldämpfer über den Kopf, was aber leider nicht wirklich viel half.
Mitten in der Nacht weckte mich das vertraute Klacken und Zischen, das entstand, wenn jemand eine Dose Bier öffnete. Ich lugte unter meinem Kissen hervor und sah gerade noch, wie Mum eine zweite Dose öffnete und sie Pa reichte. Der saß immer noch mit Sonnenbrille hinterm Lenkrad, obwohl es inzwischen stockdunkel war. Wir fuhren auch nicht mehr Schrittgeschwindigkeit, was bei meinem Vater nur bedeuten konnte, dass wir uns auf einer Autobahn oder Schnellstraße befanden.
Erschrocken rappelte ich mich auf. Ja, tatsächlich. Wir waren auf einer Autobahn mit dichtem Verkehr und Papa schlürfte in Seelenruhe ein Bier, während er den Wagen lenkte. Ich war von meinen Eltern einiges gewöhnt und eigentlich konnte mich fast nichts mehr schocken, aber während des Fahrens Bier zu trinken, war mehr als leichtsinnig. Zumal Papa keinen Alkohol vertrug.
Ich sprang aus meinem Bett, sodass der ganze Wagen ein wenig wackelte, hechtete nach vorne und riss meinem Vater das Bier aus der Hand.
»Sagt mal, spinnt ihr?«, rief ich aufgebracht, jedoch heftiger als beabsichtigt.
Verdattert sahen mich beide an, woraufhin Pa erschrocken das Lenkrad herumriss und ungewollt die Fahrbahn wechselte, was wiederum ein Hupkonzert eines wütenden LKW-Fahrers zur Folge hatte. Er fuchtelte wild mit den Händen vor seinem Gesicht herum und zeigte uns einen Vogel. Papa aber saß gelassen wie immer hinter dem Steuer, nickte würdevoll mit dem Kopf und formte lässig mit seinen Fingern ein Peace-Zeichen.
Pa war einfach die Ruhe in Person. Ganz im Gegensatz zu Mum, die dem Fahrer den Mittelfinger zeigte. Hupend fuhr er an uns vorbei und schnitt uns scharf. Pa bremste daraufhin abrupt ab; Mum kreischte übertrieben laut und meine Dose flog mitsamt dem Inhalt gegen die Windschutzscheibe und spritzte zurück zu uns.
Angeekelt wischte ich mir das Bier aus dem Gesicht und schnappte erschrocken nach Luft.
»So ein ignoranter Arsch, was denkt der sich denn? Für wen hält der sich? So was habe ich ja noch nie erlebt! Faro, verfolg ihn und an der nächsten Raststätte, an der er hält, ziehen wir den Idioten aus seinem LKW und geigen ihm ordentlich die Meinung!«, zeterte Mum und auch Teile ihres Doseninhalts landeten in meinem Gesicht und in den Haaren, weil sie so hysterisch herumfuchtelte.
Ich fuhr mir mit dem Ärmel meines Pullovers über mein Gesicht, um das Gröbste zu beseitigen. Papa schüttelte bedächtig den Kopf, während Mum versuchte, ihn zur Verfolgung zu überreden.
Bei der nächsten Ausfahrt verließ Pa die Autobahn und fuhr in Schrittgeschwindigkeit auf die Landstraße. Mum und ich stöhnten vor Entsetzen auf und starrten ihn ungläubig an.
»Du willst jetzt aber bitte nicht ernsthaft …«, begann Mum, hörte dann aber resigniert auf zu sprechen.
»… auf der Landstraße bis nach Griechenland fahren?«, beendete ich die Frage, leider mit der berechtigten Ahnung, die Antwort bereits zu kennen.
»Doch klar, warum nicht?«, sagte er fröhlich und tuckerte seelenruhig weiter.
Mum ließ dramatisch ihren Kopf gegen die Lehne fallen und ich verzog mich wieder in mein Bett, um weiterzuschlafen. Auch wenn es Vorschrift war, für jeden Mitfahrer einen Sitz mit Sicherheitsgurt zu haben, hatten meine Eltern dort Betten eingebaut und einer von uns reiste immer mehr oder weniger liegend.
Schon an diese Ruckelei gewöhnt, schlief ich schnell ein und wurde ein paar Stunden später von den kalten Händen meiner Mutter, die mich an der Schulter rüttelten, geweckt.
Verschlafen blinzelte ich sie an. Es war immer noch stockfinster, doch bei uns im Wagen brannte das Standlicht.
»Hey, Mika, Süße, schnell, wach auf, wir stehen an einer Grenzkontrolle. Komm schon, beeil dich!«, sagte Mum leise aber eindringlich und zog mir die Decke weg.
Eine Grenzkontrolle zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich! Das war ungewöhnlich. Normalerweise gab es dort keine Kontrollen.
Vielleicht suchten sie ja einen flüchtigen Verbrecher. Sofort war ich hellwach, schlüpfte unter dem Zipfel Decke hervor, der mich noch bedeckte, räumte die mit Lebensmittel gefüllten Bananenkisten unter dem Bett hervor und kroch dann in die entstandene Lücke. Ich rollte mich zusammen, meine Knie angezogen auf meiner Brust, ich umklammerte sie mit meinen Armen und schloss fest die Augen. Anschließend schob Mum die Kisten wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück und Dunkelheit umgab mich.
Nichts ließ darauf schließen, dass ich bis vor ein paar Sekunden noch friedlich in meinem Bett gelegen und geschlafen hatte. Da wir ja keinen Sitzplatz für eine dritte Person im Bus hatten, musste ich mich bei Kontrollen unter dem Bett verstecken, damit wir keine Strafe zahlen mussten. Also lag ich, wie so oft, auf dem harten, unbequemen Boden des Bullis und hoffte inständig, dass ich nicht entdeckt werden würde.
Jetzt setzten wir uns wieder in Bewegung und rollten langsam die mit Schlaglöchern übersäte Straße entlang. Bei jedem Loch schlug mein Kopf schmerzhaft gegen den Boden und ich stöhnte leise auf. Dann blieben wir stehen. Das Fenster wurde heruntergekurbelt und ich hörte, wie eine tiefe Männerstimme nach den Ausweisen verlangte. Ganz fest presste ich die Augen zu – egal, wie oft ich das schon gemacht hatte und wohl noch machen würde, ich würde mich nie daran gewöhnen.
»Wir würden gerne in Ihr Fahrzeug sehen, wenn Sie also bitte zur Seite fahren und die Türe öffnen«, sagte der Mann freundlich.
Mir stockte der Atem. Mein Herz setzte einen Moment lang aus und fing dann wie verrückt an zu schlagen. Wie bitte, er wollte was?! Meinen Eltern schien es wohl ähnlich zu gehen, denn es herrschte Schweigen vorne im Bus.
In der ganzen Zeit, in der wir schon reisten, also praktisch mein ganzes Leben lang, war noch nie unser Laderaum überprüft worden.
Was war, wenn sie mich fanden? Was sollte ich dann tun? Würden Mum und Pa dann ins Gefängnis kommen? Mal abgesehen von mir schmuggelten sie auch noch einen schönen Vorrat an Joints von Land zu Land.
Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erwachte wenigsten Mum aus ihrer Schockstarre.
»Was, Sie wollen den Bus durchsuchen, aber warum? Glauben Sie wirklich, wir schmuggeln etwas? Außer vielleicht ein paar Kleeblätter?«
Sie lachte hysterisch, was nur noch verdächtiger rüber kommen musste.
Der Beamte ging darauf, wie zu erwarten, nicht ein, sondern sagte nur ungeduldig: »Bitte fahren Sie an die Seite!«.
»Okay!«, krähte Mum übertrieben gut gelaunt.
Der Motor sprang wieder an und wir fuhren ein paar Meter weiter, nur um dann gleich wieder stehen zu bleiben.
»Muss das denn wirklich sein?«, fragte Mum noch ein letztes Mal, dann hörte ich, wie sie ausstieg und ihre Türe krachend ins Schloss fallen ließ.
»Ich muss Sie aber warnen, wir haben nicht aufgeräumt!«, flötete sie weiter und schob dann die Türe auf.
Ich rollte mich noch kleiner zusammen, kniff die Augen so fest zu, bis es weh tat und wagte kaum zu atmen.
Der Bus wackelte. Das konnte nur bedeuten, dass jemand eingestiegen war. Es raschelte und ruckelte, ein paar Schubladen wurden herausgezogen, ein leichter Schubs gegen die Kisten, hinter denen ich lag, genügte, um sie mir schmerzhaft gegen den Kopf fahren zu lassen. Ich stöhnte laut auf und schlug mir entsetzt die Hand vor den Mund, als mir klar wurde, was ich wohl gerade angerichtet hatte.
»Was war das?«, fragte der Polizist misstrauisch und blickte sich bestimmt verwirrt um.
»Aaah!«, stöhnte da Pa, der meinen Vermutungen nach immer noch hinter dem Steuer saß.
»Jetzt hab ich mir doch tatsächlich den Finger im Zigarettenanzünder verbrannt!«, jammerte er übertrieben.
Ich runzelte die Stirn und schüttelte dann fassungslos den Kopf. Vollkatastrophe! Wir hatten in unserem Bulli nämlich gar keinen Zigarettenanzünder! Wenn der Beamte das bemerkte, war es aus. Doch allem Anschein nach, genügte dem Mann diese Erklärung, denn kurz darauf wurde die Hintertür wieder zugeschoben. Der Polizist wünschte noch eine angenehme Reise, Mum stieg wieder ein und Papa fuhr, ausnahmsweise einmal nicht im Schritttempo, davon.
Ein paar Minuten verharrte ich noch regungslos in meinem Gefängnis unter dem Bett, dann schubste ich die Bananenkisten resolut von mir weg und krabbelte auf allen Vieren wieder unter dem Bett hervor. Stöhnend streckte ich meine schmerzenden Glieder und rieb mir die Stirn, dort, wo die Kiste gelandet war.
»Puh, das war jetzt aber verdammt knapp!«, stellte ich erleichtert fest.
»Das kannst du laut sagen!«, stimmte Mum mir heftig mit dem Kopf nickend zu.
»Ach was, knapp ist aber wirklich etwas anderes!«, widersprach Pa uns und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Ich verdrehte die Augen und schwieg, wohl wissend, dass Papa nicht von seiner Meinung abzubringen war.
Wie sollte ich das jetzt bloß bis Griechenland überstehen mit den beiden? Ich hatte sie echt lieb, aber die Gefahr an einer Überdosis Hippie-Eltern zu sterben oder selbst zu einem zu werden, war enorm hoch.
Ich freute mich schon darauf, in Griechenland wieder größtenteils getrennte Wege zu gehen. Vielleicht schützte das vor der eventuell ansteckenden Hippie-Krankheit, die meine Eltern offensichtlich befallen hatte. Diese fanden es zwar alles andere als toll, so eine »Spießerin« als Tochter zu haben, wie sie mich immer wieder mal nannten, aber sie ließen mich weitgehend in Ruhe.
Nachdem wir auch den Besuch bei Celeste und Henry in Schottland hinter uns gebracht hatten – meine Eltern kannten die beiden wohl von irgendeinem Yoga-Kurs – ging es endlich weiter Richtung Dover.
Noch in der Nacht erreichten wir den Fährhafen. Pa steuerte den Bulli auf einen Parkplatz in der Nähe des Hafens. Morgen würden wir die Fähre nach Calais nehmen. Ich gähnte ausgiebig und fläzte mich auf mein Bett. Ich war hundemüde von der langen Fahrt.
Am nächsten Morgen wurde ich von einem lauten Hupkonzert geweckt. Verdattert schaute ich aus dem Fenster. Offenbar hatte Pa den Bus einfach ohne darüber nachzudenken auf dem Parkplatz abgestellt, sodass wir, da sich der Parkplatz gefüllt hatte, die Ausfahrt versperrten. Nun konnten die Autos nicht mehr über die ehemals freien Parkplätze ausweichen und an uns vorbeifahren.
Hektisch versuchte ich Pa zu wecken, doch er schlief tief und fest und blies mir mit jedem Schnarchton einen unangenehmen Geruch ins Gesicht. Mum dagegen war sofort hellwach und drehte auf, was sich bei ihr durch lauten Gesang, schwedische Flüche und angedeutete Tanzbewegungen äußerte.
Meine Knie wurden weich, denn ich hatte natürlich sofort begriffen, was los war. Meine Eltern hatten sich gestern nach der langen Fahrt wohl noch den einen oder anderen Joint gegönnt und waren immer noch high. Und wir standen mit unserem kleinen Bus mitten im Weg und hinter uns ungeduldige Urlauber, die vermutlich genau wie wir auf die Fähre wollten.
Ich klatschte mir ein paar Mal hintereinander mit der flachen Hand an die Stirn. Was sollte ich jetzt tun? Wenn jemand meine Eltern so sah, konnten wir Griechenland vergessen. Mum und Papa wanderten ins Gefängnis wegen illegalem Drogenkonsum und Kindesvernachlässigung – falls es das überhaupt gab – und ich ins Kinderheim.
Nein, so weit würde ich es mit Sicherheit nicht kommen lassen! Ich nahm Pa seine grüne Sonnenbrille von der Nase, setzte sie mir auf, plus einen Hut, den ich mir tief ins Gesicht zog. Dann kletterte ich nach vorne auf den Fahrersitz und drehte den Zündschlüssel, der noch im Schloss steckte, um. Der Bulli machte einen Sprung nach vorne, der Mum sogleich von den Beinen riss und auf mein Bett fallen ließ, wo sie augenblicklich zu schnarchen begann. Kopfschüttelnd blickte ich in den Rückspiegel. Wie konnte sie jetzt bloß einschlafen? Vielleicht sollte ich auch einmal einen Joint rauchen, dann wäre ich nicht immer so schnell aus der Ruhe zu bringen.
Das Hupkonzert wurde lauter und drängender, was mich noch fahriger werden ließ. Schnell, bevor noch ein wütender Autofahrer auf die Idee kam, sich persönlich bei uns zu beschweren und mich dann hinter dem Steuer entdeckte, drehte ich den Zündschlüssel ein weiteres Mal im Schloss. Bevor der Bus wieder einen Satz nach vorn machen konnte, trat ich aufs Gas – oder zumindest auf irgendein Pedal da unten im Fußraum – und der Bus setzte sich ruckelnd in Bewegung.
So gut es ging und schön langsam fuhr ich Richtung Hafen mit meinen schnarchenden Eltern hinten drin und einer Schlange ungeduldiger Autofahrer im Nacken.
Endlich, kurz bevor ich an einem Nervenzusammenbruch starb, erreichten wir das Tickethäuschen auf dem Weg zur Fähre. Ich bremste abrupt und lächelte den Mann, der im Glashäuschen saß, unsicher an. Der blickte allerdings nur grimmig zurück und starrte mich erwartungsvoll an. Hoffentlich wachten jetzt nicht Mum oder Pa auf. Da ich nicht wusste, was ich nun tun sollte, lächelte ich einfach weiter und nickte mit dem Kopf, wobei meine roten Haare auf und ab wippten. Der Mann verdrehte die Augen und rief mir etwas durch das geschlossene Fenster zu, wobei er heftig mit den Armen fuchtelte. Ich schüttelte verwirrt den Kopf und kurbelte die Scheibe schließlich herunter.
»Guten Tag!«, grüßte ich und bemühte mich, möglichst unbeschwert zu klingen und nicht so, als hätte ich eine Heidenangst, dass meine bekifften Eltern plötzlich aufwachen könnten und meine »Tarnung« aufflog.
Der Beamte nickte nur griesgrämig und forderte in einem schwierig zu verstehenden Englisch den Ausweis und das Ticket für die Fähre.
»Ja, natürlich, warten Sie bitte einen Moment!«, sagte ich und fragte mich gleichzeitig, ob wir überhaupt schon Fahrscheine hatten.
Wie ich meine Eltern kannte, besaßen wir keine. Ich beugte mich quer über den Beifahrersitz und suchte hektisch in der Seitentüre nach Mums Ausweis. Für eine lange Zeit bekam der Mann nur mein Hinterteil zu sehen, bis ich endlich, unter unzähligen Landkarten, Taschentüchern und Kaugummipapieren, den Ausweis fand. Er steckte in einer aufklappbaren Ledertasche und als ich diese öffnete, fielen mir allerlei Papiere entgegen. Darunter die Buchungsbestätigung und das Ticket für die Fähre. Verwundert sammelte ich es auf und streckte dem Beamten mit zittriger Hand den Ausweis und das Ticket entgegen. Erstaunt, dass meine Mum das Ticket bereits hatte, schaute ich mir die Buchungsbestätigung genauer an, während der Mann die Papiere prüfte. Als ich das Datum entdeckte, an dem diese abgewickelt worden war, verschwanden meine Augenbrauen mit Sicherheit unter dem Hut, den ich trug, so verblüfft war ich. Die Buchung war schon über zwei Monate alt. Das Ticket galt ab Kaufdatum ein halbes Jahr. Ungläubig starrte ich das Datum an, in der Hoffnung, dass es mir, je länger ich es ansah, eine Erklärung liefern könnte.
Ratlos blickte ich zu meinen schlafenden Eltern. Dann war diese Idee mit Griechenland also keine spontane Eingebung meiner Mutter gewesen, sondern bereits vor längerer Zeit geplant worden!
Warum hatten sie mir nichts davon erzählt? Oder hatten sie nur geahnt, dass wir es nicht mehr lange mit diesem schrecklich wechselhaften Wetter in Irland aushalten würden? Fragen über Fragen türmten sich in meinem Kopf, sodass ich zuerst gar nicht bemerkte, dass der Mann schon mit seiner Arbeit fertig war. Mit einem lauten genervten Räuspern machte er auf sich aufmerksam und warf mir geradezu die Unterlagen durchs Fenster, was ich ziemlich unhöflich fand. Jedoch wagte ich nicht zu protestieren, um nicht noch mehr unangenehm aufzufallen, wie ich es eh schon getan hatte.
Also fuhr ich hoppelnd und stotternd weiter, bis ein Mann winkend vor mir stand, der wohl dafür zuständig war, den Passagieren die Parkplätze zuzuweisen. Hoffentlich ließ er mich nicht in irgendeine enge Parklücke einparken. Zweimal jaulte der Motor gefährlich auf und der Bus hüpfte bedrohlich nahe an den Warnwestentyp heran. Verstört sah er mich an und entschied dann, wohl wegen meiner offensichtlich mangelnden Fahrkenntnisse, mir einen riesigen freien Behindertenparkplatz zuzuweisen, in den selbst ich ohne Probleme hineinkam. Okay, wenn ich es mir recht überlegte, stand ich trotzdem ziemlich schief drin, aber da der Mann, ohne etwas zu sagen, ging, ließ ich den Bus einfach so stehen.
Ich war schweißgebadet und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. Noch mehr solcher Aktionen und ich würde die Schönheit Griechenlands nicht zu Gesicht bekommen. Außerdem meldete sich mein Magen jetzt lautstark und beschwerte sich, dass er heute noch gar nichts zu tun bekommen hatte. Um diesen Zustand zu ändern, kletterte ich nach hinten in den Lade-beziehungsweise Wohnraum und plünderte unseren ganzen Obstvorrat, der noch aus zwei Bananen, einem Apfel und einer verschrumpelten braunen Birne bestand.
Dann machte ich mich mit dem ganzen Zeug im Arm auf zum obersten Deck, um dort in Ruhe und im Sonnenschein mein Frühstück nachzuholen und mich vom Wind ein bisschen trocknen zu lassen, denn ich war noch immer schweißnass. Auf dem höchsten Deck hatte man eine Eins-A-Aussicht und Stühle gab es dort auch – praktisch der perfekte Ort, um zu frühstücken und genüsslich in den Tag zu starten, hätte er nicht schon eher suboptimal angefangen. Also ließ ich mir die Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Nase wehen und mein Frühstück schmecken. Nach und nach füllte sich das Deck und immer mehr Leute gesellten sich auf den Stühlen um mich herum.
Nachdem ich mein Frühstück verputzt hatte, schloss ich die Augen, um dem Stimmengewirr, dem Meeresrauschen und dem Schreien der Möwen zu lauschen. Wohlig lehnte ich mich zurück und ich merkte, wie ich immer müder wurde. Ich weiß nicht, wie lange ich so gedöst hatte, aber als ich wieder die Augen öffnete, fand ich mich mit dem Kopf auf der Schulter meines Sitznachbars wieder. Blitzartig schreckte ich hoch und blickte entsetzt den Herrn im fortgeschrittenen Alter an, der sich überhaupt nicht an mir zu stören schien. Er lächelte mich an, als wäre es das Normalste auf der Welt von einem wildfremden Mädchen mit Bananenschale auf dem Schoß als Kopfkissen missbraucht zu werden. Verlegen erwiderte ich sein Lächeln.
»Sorry, sorry!«, stammelte ich auf Englisch, da ich mir nicht sicher war, welcher Nationalität er angehörte.
Auf meine Entschuldigung hin lachte er nur noch breiter, schüttelte den Kopf und hob die Hände, was ich als »kein Problem« deutete und stand dann auf. Etwas verwirrt sah ich ihm hinterher und blickte mich um. Das Deck war mittlerweile brechend voll und Sitzplätze waren daher heiß begehrt. Eine Familie hatte soeben den leeren Platz neben mir entdeckt und kam auf mich zu, als ich Mum und Pa schon von Weitem auf der Treppe sah. Als sie mich und den freien Platz – sowie die Familie offensichtlich auch – entdeckten, fing Mum sofort an zu drängeln und zu schubsen und rief unentwegt der jungen Familie zu: »Halt, stopp, das ist mein Platz, weg da. Mika, heb ihn mir auf!«
Ich tat so, als sähe ich sie nicht. Das war ja echt zum Fremdschämen! Mum schlängelte sich, unter Einsatzes ihrer Ellbogen, flink wie ein Wiesel durch die Menschenmasse, bekam etliche, wohl nicht sonderlich nette Sachen in fremden Sprachen an den Kopf geworfen. Doch das kümmerte sie nicht weiter – Mum doch nicht. Nein, es schien sie eher noch mehr anzuspornen. Während ihres Endspurts rempelte sie noch einen Kinderwagen an und übersah zur Krönung noch ein kleines Kind, das auf den Boden fiel und gleich darauf ein Kreischkonzert anstimmte. Fast hätte Mum das Geheule des Kleinen angehalten, aber eben nur fast. Mit wehenden Haaren kam sie bei mir an und fläzte sich ziemlich unverschämt vor dem Familienvater, der gerade im Begriff war, sich hinzusetzen, auf den Stuhl. Ich blies die Luft aus meinen Backen, sah zur anderen Seite und tat so, als ob ich sie gar nicht kennen würde. Laut schimpfend zog die Familie ab und Mum legte mir triumphierend einen Arm um die Schultern.
»Hey Süße, so früh schon auf den Beinen? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie wir auf die Fähre gekommen sind. Aber dein Vater ist ja so pflichtbewusst und hat uns hier sicher drauf manövriert. Hach, aber diese frische Luft und das Wellenrauschen, herrlich«, plapperte sie drauf los, atmete tief ein und aus und hielt ihr Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne.
Ich sagte dazu, wie so oft, einfach nichts und dachte mir meinen Teil. Nun kam auch Pa angeschlurft. Allerdings musste er nicht erst Leute umrennen, um zu uns zu kommen, sondern diese wichen erschrocken vor ihm zurück. Wenn man Pa nicht kannte, war er wirklich ein wenig furchteinflößend. Er sah etwas, na ja, verwegen aus. Mit seinen hüftlangen Dreadlocks, seinen uralten Jogginghosen, bei denen der Schritt in den Knien hing, und dem auberginefarbenen ein wenig ausgeleiertem Pulli. Außerdem hatte er sich drei Schafsfelle, die uns sonst als Sitzunterlagen dienten, über die Schulter geworfen. Als er näher kam, nahm die Frau links von mir Reißaus und Pa konnte seelenruhig sein Fell auf dem Stuhl ausbreiten und sich niederlassen. Davor schob er noch Mum und mir die anderen zwei unter den Hintern.
»Auf nacktem Metall zu sitzen, ist schlecht fürs Karma«, murmelte er warnend und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.
Mum stöhnte: »Er und sein Karma!«
Ich nickte zustimmend, denn ich ahnte wie sie, dass sich Pa nicht sonderlich gut mit dem ganzen esoterischen Kram auskannte und deshalb einfach immer alles aufs Karma schob. Aber so war er halt.
Den Rest der Fahrt saßen wir schweigend auf dem Deck und genossen die Sonne. Das heißt, ich genoss die Sonne, während Mum und Pa ausführlich meditierten und sich von ihren Joints erholten.
Ohne größere Zwischenfälle kamen wir nach einigen Tagen in Griechenland an. Wenn Mum und Pa mal wieder bekifft waren, blieben wir halt etwas länger auf einer Autobahnraststätte stehen und fuhren erst am nächsten Tag weiter.
Ich blieb ganz gelassen, denn ich war erstens daran gewöhnt und zweitens fest entschlossen, mir nicht noch einmal meiner Eltern wegen solche Strapazen anzutun. Die meiste Zeit lag ich in meinem Bett und las, studierte die Landkarte, da Mum es ja bekanntlich mit der Orientierung nicht so hatte, oder hörte Musik. In jedem neuen Land kaufte ich mir wie immer eine Postkarte und heftete sie zu den anderen rund um die Weltkarte über mein Bett. In der Landkarte steckten unzählig viele Stecknadeln mit bunten Köpfen in allen Ländern, die wir bereist hatten. Auch wenn wir an manchen Orten öfters waren oder auch nur wenn wir durch ein Land fuhren, steckte ich jedes Mal eine Nadel in den kleinen Bereich, den das jeweilige Land auf der Karte zugeteilt bekommen hatte. In Deutschland steckten die meisten Nadeln in allen möglichen Farben, in Kalifornien fünf.
Es erschien mir selbst manchmal etwas surreal, dass ich mit meinen zarten fünfzehn Jahren schon in so vielen Ländern gewesen war. Andererseits war es nicht verwunderlich, denn manchmal wechselten wir bis zu vier Mal im Jahr das Land. Ein paar Mal waren wir auch geflogen und hatten unseren Bulli in ein klappriges Mietauto umgetauscht. Zum Beispiel waren wir schon in Neuseeland gewesen, mein eindeutiger Favorit. Allerdings bevorzugten meine Eltern Orte wie Kalifornien, deshalb waren wir dort erst einmal und das auch nur für vier Monate. Natürlich war ich ebenfalls sehr gerne in Deutschland. Auch wenn Deutschland im Gegensatz zu manch anderen Ländern lachhaft klein und uninteressant zu sein schien. Allerdings verstand ich keine andere Sprache so gut wie diese und ich fühlte mich dort nicht unerwünscht oder als Ausländerin. Zudem war es ja auch irgendwie mein Heimatland – irgendwie. Meinen Eltern war das jedoch ziemlich egal, sie mussten sich ja in keiner Schule beschimpfen lassen oder wurden ausgeschlossen. In der Arbeit auch nicht, da sie nur gelegentlich Yogakurse anboten. Und diejenigen, die diese Kurse besuchten, waren selbst so abgefahren, dass sie unser etwas spezieller Lebensstil nicht zu stören schien.
Woher meine Eltern das Geld für unsere unzähligen Ortswechsel hatten, wusste ich selber nicht. Ich hoffte nur inständig, dass nicht irgendwann einmal die Polizei vor unserer Tür stehen würde und meine Eltern wegen irgendwelcher zwielichtigen Geschäfte oder ähnlichem mitnahmen. Doch bis es soweit war, konnten wir das Leben in Griechenland oder sonst wo genießen.
Ich schreckte von meinen Träumereien hoch, als ich plötzlich von oben bis unten durchgerüttelt wurde und mit einem Blick aus dem Fenster das Kopfsteinpflaster als Übeltäter entlarvte. Gerade eben fuhren wir durch ein kleines Örtchen, in dem es in den engen Gässchen von sommerlich gekleideten Menschen nur so wimmelte. Draußen musste es wohl sehr heiß sein. Davon bekamen wir im Wageninneren allerdings nichts mit, weil Mum die Klimaanlage voll aufgedreht hatte und uns bis auf gefühlte zehn frostige Grad heruntergekühlt hatte. Sie war halt eine echte Schwedin. Ich verfluchte Pa dafür, dass er die Klimaanlage in unseren alten Bus eingebaut hatte. Aber irgendwann hatte er Mums Drängen nachgegeben.
Interessiert spähte ich durch das Fenster auf das bunte Treiben. Rechts und links der gepflasterten Straßen standen alte Häuser, die sich lückenlos aneinanderreihten. Über die Straße waren farbenfrohe Fähnchen gespannt, die für einen malerischen Eindruck sorgten.
Unwillkürlich musste ich lächeln und ich verspürte ein seltsames Gefühl der Vertrautheit, so als wäre ich nach all den Jahren endlich zu Hause angekommen. Ich war plötzlich ganz ruhig und entspannt, obwohl ich das erste Mal in meinem Leben hier in Griechenland war.
Wir fuhren weiter durch kleine Städtchen und auf verlassenen Landstraßen. Ab und zu kamen wir an Campingplätzen vorbei, auf denen wenig Betrieb herrschte, was wahrscheinlich daran lag, dass sie irgendwo mitten in der Pampa lagen und nicht am Meer – weswegen ja die meisten Urlauber nach Griechenland kamen.
Am Straßenrand gab es vereinzelt Stände, die Obst, Oliven oder Wasser anboten. Hinter den aufgeschichteten Türmen von Wassermelonen und Zitronen standen meist alte Frauen in ärmellosen Hemden und knöchellangen Röcken mit sonnenverbrannter, runzeliger Haut, die sich Luft zufächelten. Ich fröstelte im kühlen Bulli.
»Ahm, Mum, könntest du bitte die Klimaanlage zurückdrehen, es wird ein bisschen frisch hier drinnen!«, bat ich sie und wunderte mich, dass sie so eingehend und hochkonzentriert eine Landkarte dieser Region studierte.
»Ach was«, brummte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Lieber erfroren als erstunken!«
»Jap!«, antwortete ich genervt und starrte hypnotisierend auf den Temperaturregler am Armaturenbrett, als hoffte ich ihn nur mit bloßer Kraft meiner Gedanken herunterdrehen zu können. Natürlich geschah dies aber nicht. Also blickte ich wieder nach draußen.
Es rauschten unzählige Olivenhaine an uns vorbei, ab und zu riesige gläserne Gewächshäuser, in denen wahrscheinlich Tomaten und Melonen angebaut wurden. Als wir das dritte Mal an demselben Gewächshaus mit den dahinter angrenzenden Zitronenplantagen vorbei tuckerten und Mum immer noch vollkommen unbeirrt wieder den gleichen Weg wies, wurde es mir zu bunt.
»Mensch Ma, merkst du nichts? Schau dich doch mal um!«, versuchte ich ihr auf die Sprünge zu helfen, doch sie starrte erst nach draußen und dann verständnislos mich an.
»Meinst du nicht, dass wir hier schon mal waren?«, fragte ich und schüttelte entgeistert den Kopf.
»Keine Ahnung, woher soll ich das wissen, ich muss schließlich die Karte im Blick behalten!«, antwortete sie stur und lotste Pa wieder auf genau die falsche Straße.
»Wir waren hier schon mal und zwar nicht nur einmal!«, erklärte ich genervt.
»Pa, halt an, wir sind hier falsch, dreh um«, befahl ich meinem Vater, doch er reagierte nicht.
»Pa, stopp!«, schrie ich und wurde beinahe vom Bett geschleudert, da Papa eine Vollbremsung hingelegt hatte. Und zwar mitten auf der Straße. Hupende Autos mit schimpfenden und wild gestikulierenden Insassen überholten uns.
»Also Faro, du wirst alt, dein Fahrstil ist wirklich unter aller Sau!«, schimpfte Mum und sammelte ihr ganzes Zeug, das sich bei der Bremsung auf dem Boden verteilt hatte, wieder ein.
»Und was soll das, dass du einfach so los schreist, Mika?«, fragte Mum und fügte hinzu: »Schon vergessen, in der Ruhe liegt die Kraft. Somit bist du ein ganz schwacher Mensch, weil du immer gleich in Panik ausbrichst!«
Über den Rand ihrer runden Sonnenbrille sah sie mich tadelnd an.
»Das sagt die Richtige!«, grummelte ich, aber nur so laut, dass sie es nicht hören konnte und setzte dann lauter zu einer Erklärung an: »Hätte ich nicht geschrien, wären wir heute Abend noch hier. Mum, ich sag’s ja nur ungern, aber deine Kartenlesefähigkeiten waren auch schon mal besser. Wir fahren die ganze Zeit im Kreis!«
»Dann mach’s doch selber!«, entgegnete Mum beleidigt und knallte daraufhin die Karte auf den Schoß und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust.
Pa bekam mal wieder nichts mit und öffnete die Türe unseres Busses, ohne nachzusehen, ob gerade ein Auto von hinten heranrollte. Laut hupend fuhr ein Lastwagen einen wilden Bogen um uns herum. Dessen Fahrtwind ließ den Bulli hin und her schwanken. Ich klammerte mich am Vordersitz fest und Mum zog scharf die Luft ein. Papa störte das nicht im Geringsten. Er ging um den Bulli herum und verschwand dann im Dickicht der Zitronenbäume, wohl um sich zu erleichtern. Währenddessen wechselten Mum und ich die Plätze, da der Kartenleser bei uns immer vorne sitzen durfte. Als Erstes lehnte ich mich über den Fahrersitz und zog die Türe zu, die Dad offen gelassen hatte, dann schaltete ich den Warnblinker ein und versuchte unseren Standpunkt auf der Karte zu verorten. Bis Pa wieder zurückgekommen war, hatte ich es geschafft und wusste nun, wo wir uns befanden.
»Wo genau wollen wir denn überhaupt hin?«, fragte ich und drehte mich zu Ma um, damit ich sie besser verstehen konnte. Sie schnappte sich die Karte und zeigte auf einen nahe am Meer liegenden Ort, der allerdings gefühlte tausend Kilometer entfernt lag.
»Da«, sagte sie.
Ich runzelte die Stirn.
»Warum denn genau da? Es kommen doch ungefähr noch hundert andere Städtchen davor, das ist doch viel zu weit. Außerdem fallen wir doch in einer so ländlichen Gegend noch viel mehr auf als sonst wo!«, äußerte ich meine Bedenken.
»Na und, macht doch nichts, wenn wir auffallen. Wir brauchen uns ja wohl vor niemanden für unseren Lebensstil zu schämen!«, erwiderte Mum schnippisch.
Oh Mann, heute war sie echt anstrengend.
»Aber trotzdem, für diese Strecke brauchen wir doch – in unserem Tempo – noch ewig!«, ließ ich nicht locker.
»Als ob uns das was ausmachen würde, wir haben doch alle Zeit der Welt!«, winkte sie ab.
