Missing in Paris - Wo ist Nina? - Cis Meijer - E-Book
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Missing in Paris - Wo ist Nina? E-Book

Cis Meijer

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Beschreibung

Grüß Mama von mir. Diese Worte stehen auf einer Karte, die Lotte von ihrer Schwester Nina erhält. Das Seltsame daran: Die beiden haben seit Jahren keinen Kontakt zu ihrer Mutter, die ihre Familie für einen Liebhaber verlassen hat. Lotte ist sicher: Nina muss etwas zugestoßen sein, und diese Karte ist ein versteckter Hilferuf! Also reist sie nach Paris, wo ihre Schwester als Model arbeitet, und begibt sich auf die Suche nach ihr. Während Lotte die dunkle Seite der Pariser Kunst- und Modewelt kennenlernt, merkt sie, dass ihr jemand auf den Fersen ist ... Kann sie es schaffen, Nina zu finden, bevor einer von ihnen etwas Schlimmes zustößt?

Für Fans von Monika Feth und Janet Clark: atmosphärisch, düster und fesselnd ab der ersten Seite

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Titel

Prolog

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Über die Autorin

Impressum

Über das Buch

Grüß Mama von mir. Diese Worte stehen auf einer Karte, die Lotte von ihrer Schwester Nina erhält. Das Seltsame daran: Die beiden haben seit Jahren keinen Kontakt zu ihrer Mutter, die ihre Familie für einen Liebhaber verlassen hat. Lotte ist sicher: Nina muss etwas zugestoßen sein, und diese Karte ist ein versteckter Hilferuf! Also reist sie nach Paris, wo ihre Schwester als Model arbeitet, und begibt sich auf die Suche nach ihr. Während Lotte die dunkle Seite der Pariser Kunst- und Modewelt kennenlernt, merkt sie, dass ihr jemand auf den Fersen ist ... Kann sie es schaffen, Nina zu finden, bevor einer von ihnen etwas Schlimmes zustößt?

Übersetzung aus dem Niederländischen von Verena Kiefer

Prolog

Im Gebäude ist es stockfinster. Unsicher reibe ich meine klammen Arme. Der schwüle Nachmittag ist einer drückenden Nacht gewichen. Weil ich nicht das Geringste sehe, sind meine anderen Sinne geschärft. In meiner Nase kribbelt ein seltsamer Geruch. Leicht süßlich, aber es riecht auch wie eine Polderlandschaft nach dem Regen. Eine Haarlocke klebt an meiner Wange. Ich löse sie, während ich versuche, mich zu orientieren. Wo soll ich langgehen?

Vorsichtig mache ich einen Schritt und merke, wie sehr ich zittere. Liegt das an meiner Müdigkeit? Oder ist es eine Warnung? Eine Warnung meines Körpers vor dem unsichtbaren Feind, der erneut zuschlagen will, um mich endlich aus dem Weg zu räumen? Nein, nicht daran denken! Ich mache einen weiteren Schritt und drehe meinen Kopf langsam von einer Seite zur anderen, um jedes Geräusch aufzufangen. Mein Nacken ist noch immer ganz steif von dem Angriff vorhin. Welche Spur hat Nina verfolgt? Der Gedanke, dass ihr etwas Schreckliches passieren könnte – oder, noch schlimmer, inzwischen bereits passiert ist –, ist unerträglich. Das darf nicht sein! Ich muss sie finden, ich muss weitermachen! Ich habe keine Angst. Eine Lüge, ich weiß.

Die zarten Klänge einer Geige dringen in den Raum. Mein Gefühl sagt mir, dass ich auf der richtigen Spur bin. In Gedanken höre ich wieder die Warnung: Du begibst dich in Gefahr!

Ich neige den Kopf etwas zur Seite, damit ich besser hören kann, woher die Musik kommt. Gibt es irgendwo eine Tür, die ins Haus führt? Unbeholfen mache ich ein paar Schritte und pralle gegen etwas. Ein Tisch. Ich taste mich daran entlang, die Hand auf der Tischplatte. Ich berühre einen harten Gegenstand und fahre mit den Fingern darüber. Kühl fühlt er sich an, ein wenig rau, klebrig. Jetzt zittern meine Finger heftig. Ich habe keine Angst ... Meine Hand folgt den Konturen des Gegenstands. Oben ist er so rund wie ein Ball, dann geht es langsam wieder nach unten. Ich spüre eine Ausstülpung. Er ähnelt einem ...

Ich erschrecke und zucke zurück. Ist es das, wofür ich es halte? Auf der anderen Seite des Dings spüre ich dieselbe Wölbung. Mit einem Finger streiche ich über mein Ohr, von der Oberkante bis zum Ohrläppchen. Mit der anderen Hand fasse ich zum Vergleich an eines der abstehenden Teile. Dieselbe Form. Und ich rieche einen typischen Geruch, an meiner Handfläche, meinen Fingern. Wieder dieser Geruch nach Polder ... Ich habe ihn schon früher mal bei jemandem gerochen. Ganz sicher. Aber bei wem?

Grübelnd beuge ich mich vor und gehe ganz nah mit der Nase heran, schnuppere noch einmal. Denk nach! Bei wem habe ich diesen Geruch schon mal wahrgenommen? Wo? Wann? Ich bin absolut sicher: Irgendwo tief in meinem Gedächtnis finde ich die Antwort.

1

Eine Ansichtskarte liegt auf der Fußmatte unter dem Briefschlitz. Eine stinknormale Ansichtskarte mit einer abgeknickten Ecke neben der Briefmarke und einem fetten Poststempel. Merkwürdig. Vereinbart war eine Karte pro Woche, doch das ist schon die zweite. Während ich nach meiner Sporttasche greife, starre ich weiter auf die Karte. Ich knie mich hin und hebe sie auf.

Mir geht es gut, hoffe, euch auch.

Alles Liebe,

Nina

PS: Grüß Mama von mir.

Mama grüßen? Wie kommt sie darauf? Ein unbehagliches Gefühl nistet sich in meiner Magengegend ein. Wir haben Mama seit Jahren nicht gesprochen. Ist das ein schlechter Witz? Oder ... ist sie durcheinander? Verwirrt? So was nur zum Spaß zu schreiben – unmöglich. Das würde Nina doch nie machen. Dafür hat es uns zu wehgetan.

Nachdenklich lese ich den ersten Satz auf der Karte noch einmal, Ninas Stimme in meinem Kopf. Genau dieselben Worte wie in den vergangenen Wochen. Stimmt es denn, geht es ihr wirklich gut? Andererseits, warum sollte sie lügen?

Ich betrachte ihre Handschrift. Sie wirkt so sorglos. Schwungvoll. Lange Unterlängen bei g und f. Ein megagroßer Anfangsbuchstabe bei ihrem Namen. Hier und da fleckig. Neben Ninas Name schwebt ein hingekritzeltes Blümchen auf einem Stängel. Abgestempelt wurde die Karte in Paris. Ich prüfe das Datum. Vor vier Tagen. Vorn ist ein Foto vom Eiffelturm. Also eine ganz normale Karte – bis auf das seltsame PS.

Ich schaue auf die Uhr. Mein Softballtraining beginnt in einer halben Stunde. Ich muss jetzt echt los; wer zu spät kommt, riskiert einen Platz auf der Reservebank. Das geht gar nicht!

Schnell öffne ich das seitliche Reißverschlussfach an der Tasche und schiebe die Karte hinein. Dann schaue ich auf mein Armband. Drei rote Stränge. Nina und ich haben die Bändchen geflochten und sie uns gegenseitig als Symbol unserer engen Bindung geschenkt. Nichts und niemand kann zwischen uns kommen.

Ich lasse meine Sporttasche fallen und umfasse den Knoten der ausgefransten Enden des Armbändchens. Ich versuche mir Nina so deutlich wie möglich vorzustellen. Manchmal funktioniert das. Oft wissen wir, wie es der anderen geht, ohne miteinander gesprochen zu haben. Ich flüstere: »Nina, geht es dir wirklich gut?« In Gedanken sehe ich das Gesicht meiner Schwester. Ich konzentriere mich auf ihren Ausdruck. Wie sieht sie aus? Krampfhaft presse ich das Bändchen zusammen. Es ist, als würde ich durch eine Kamera schauen, die einen Moment braucht, um scharf zu stellen. Dann kneife ich die Augen zu und lasse das Bändchen los. In meiner Vorstellung sieht sie ängstlich aus. Hohle Augen. Blass.

Ich blinzele. Weg ist das Bild. Wieder schließe ich die Augen, aber da kommt nichts mehr. Beunruhigt ziehe ich die Ansichtskarte wieder aus dem Seitenfach. Wenn ich in einer Viertelstunde aufbreche und kräftig in die Pedale trete, schaffe ich es noch rechtzeitig zum Training. Mein Blick huscht über die Worte auf der Karte. Ich weigere mich zu glauben, dass das PS: Grüß Mama von mir ein Scherz ist. Es muss etwas dahinterstecken. Aber ich habe einfach keine Ahnung, was. Und warum hat sie sich nicht an unsere Vereinbarung gehalten? Kurz vor ihrem letzten Aufbruch ins Ausland sagte sie auf dem Bahnsteig, sie würde jede Woche eine Karte als Lebenszeichen schicken. Eine Karte pro Woche, nicht mehr, nicht weniger.

»Ich verspreche es«, hat sie todernst gesagt. »Ehrenwort.«

Ich glaubte ihr. Natürlich. Diese Vereinbarung haben wir nicht umsonst getroffen. Sich an sein Wort zu halten und keine Geheimnisse voreinander zu haben – daran sollten uns die Armbänder erinnern.

Keine Geheimnisse voreinander haben, dröhnt es in meinem Kopf, und mein Magen zieht sich zusammen. Was, wenn Nina doch Geheimnisse vor mir hat? Ach was! Oder doch? Meine Überzeugung, dass unser starkes Band selbstverständlich ist, gerät plötzlich ins Wanken. Energisch schüttele ich den Kopf. Sie ist nicht so wie unsere Mutter.

Ich erinnere mich daran, wie sie Nina, Papa und mich vor fünf Jahren verlassen hat. Aus heiterem Himmel ist Mama ans andere Ende der Welt gezogen, in ihr Herkunftsland. Ich denke an diesen albernen Zettel, den sie hinterlassen hat. Sie habe sich für ihren heimlichen Liebhaber entschieden und könne nicht anders, als ihrem Herzen zu folgen.

Sie konnte nicht anders? Und was war mit Nina und mir? Und mit Papa?

»Wenn ich mein Versprechen breche, darfst du kommen und mich holen«, hat Nina lachend zu mir gesagt. Dann setzte sie ihren Rucksack auf, warf mir einen Handkuss zu und stieg in den Thalys. Das ist jetzt zwei Monate her.

Ich reibe mir über die Schläfen. Zwei Karten in einer Woche ... Da stimmt doch etwas nicht. Es sei denn ... es sei denn, sie will, dass ich sie holen komme. Ist ihr etwas Schlimmes passiert? Der Blick, den ich gerade vor meinem inneren Auge gesehen habe, macht mir Angst.

Ich halte mein Ohr an die Tür zur Praxis meines Vaters. Er brummelt vor sich hin. Eine zweite Stimme ist nicht zu hören. Kein Gemurmel, kein Weinen, kein Klient.

»Paps?«

»Ja, ja. Ich arbeite.« Er klingt abgelenkt.

Ich öffne die Tür und sehe, dass er auf seinen Computerbildschirm starrt. Er hat die Augen zusammengekniffen, das ist sein forschender Psychiaterblick. Dieser Blick, der sagt: Ich weiß, was du denkst. Nervig. Er weiß fast nie, was mich beschäftigt, und ganz sicher nicht, wie sehr mir Nina fehlt.

»Guck mal, eine Karte von Nina.«

Er schaut auf, erschöpft. Sein Hemdkragen sitzt schief.

»Warum hast du deinen Anzug noch an?«, frage ich. »Du hast doch keine Klienten mehr?«

Ich halte ihm die Karte an ihrer geknickten Ecke vors Gesicht.

»Ich muss noch eine Akte durchgehen.« Zerstreut fährt er sich mit einer Hand durch die Haare. »Und du? Musst du nicht zum Training?«

»Gleich.« Ich wedele mit der Karte vor seiner Nase herum. »Schau mal hier. Nina schreibt: Grüß Mama von mir.«

»Reizender Sinn für Humor«, sagt er, ausdruckslos und ohne aufzuschauen.

»Reizend? Ich finde es spooky. Absolut untypisch. Und weißt du was? Das ist schon ihre zweite Karte in dieser Woche.«

»Wieso spooky?« Er fasst nach der Karte, dreht sie um und betrachtet die Abbildung des Eiffelturms. »Ich kann nichts Besonderes erkennen.«

»Findest du das nicht komisch?« Es fällt mir schwer, die Karte loszulassen. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Kostbares aus der Hand geben.

Er zuckt mit den Schultern. »Der Eiffelturm – an dem ist doch nichts Besonderes?« Er wölbt die Karte so, dass der Eiffelturm ganz krumm aussieht. »Ich finde ihn übrigens immer noch hässlich.«

»Vorsicht, gib sie mir lieber zurück.« Ich halte die Hand auf. »Da stimmt etwas nicht. Zwei Karten. Sie hat versprochen, eine einzige pro Woche zu schicken. Was denkst du?«

Mein Vater schaut von der Karte zu mir, sagt aber nichts.

»Vielleicht können wir ja herauskriegen, wo sie ist«, sage ich.

»Was erwartest du denn? Nina kommt erst zurück, wenn sie das will.« Er gibt mir die Karte zurück. »Wenn sie dahinterkommt, dass wir sie suchen, wird sie sich von uns abwenden. Das läuft nur wieder auf Streit hinaus, und den will ich nicht mehr.« Sein Blick ist entschlossen. »Wirklich nicht.«

»Aber wir können es doch probieren?«, bitte ich. »Heimlich?«

»Heimlich? Wir haben doch keine Ahnung, wo sie ist.« Er seufzt. Typisch!

»In Paris? Ich überlege mir was, Paps, wirklich. Wir finden sie, und dann sorge ich dafür, dass sie mit uns nach Hause kommt.«

»Lotte, jetzt mach mal halblang. Warum ist es überhaupt so schlimm, dass sie zwei Karten hintereinander schickt?«

»Weil ... einfach, weil sie das nicht machen würde. Sie hat gesagt, ich darf kommen und sie holen, wenn sie ihr Versprechen bricht.« Einen Moment zögere ich, suche nach den richtigen Worten. »Und diese Karte, sie ist anders als sonst. Ich traue der Sache nicht.« Ich merke selbst, wie wirr ich klinge.

»Sei nicht albern«, sagt mein Vater. »Weißt du ...« setzt er gewichtig an, doch bevor er weiterreden kann, schlüpfe ich aus dem Büro.

Auf der Schwelle drehe ich mich noch einmal um. »Ich bin nicht albern! Vielleicht habe ich keine richtige Erklärung, aber irgendwas ist hier merkwürdig, ich spüre es. Und wir müssen herausfinden, was das ist.«

Von Ninas ängstlichem Blick, den ich gerade in Gedanken gesehen habe, brauche ich wirklich nicht anzufangen. Dann würde er mir nur wieder einen Vortrag über die Funktionsweise des Gehirns halten, über Tunnelblick und Wunschdenken, und damit meine Gefühle wissenschaftlich niedertrampeln.

»Ich glaube einfach, dass es nur Streit geben wird, und das will ich nicht. Punkt, aus, Ende der Diskussion.« Nach einem letzten aufgebrachten Blick wendet er sich wieder seinem Computerbildschirm zu.

»Du bist derjenige, der streitet, nicht ich«, sage ich.

Er schaut nicht auf.

Schön bequem, dich vor der Welt zu verschließen und mich als albern zu bezeichnen, will ich sagen, doch stattdessen balle ich die Hände zu Fäusten. Wenn Nina ernsthaft etwas passiert ist, bin ich zum größten Streit bereit, um sie zu finden.

Nachdem ich die Tür zur Praxis meines Vaters hinter mir zugeknallt habe, denke ich ans Training und schaue auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Der Gedanke, auf der Reservebank zu landen, macht mich noch nervöser, als ich es ohnehin schon bin. Aber Nina geht vor. Bevor ich zum Verein fahre, will ich mir ihre Karte noch einmal ganz genau anschauen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich etwas übersehe.

Eilig gehe ich ins Wohnzimmer, wo ich unserer Haushaltshilfe Paula begegne. Sie passt schon seit Jahren nicht mehr auf Nina und mich auf, trotzdem hat ihre Anwesenheit etwas Vertrautes.

»Ich hänge deinem Vater noch diese gebügelten Hemden in den Schrank, und dann gehe ich nach Hause, Schätzchen«, sagt sie. »Wenn du noch was hast, was ich bügeln soll ... Morgen bin ich wieder da.«

»Nicht nötig, ich habe nichts.«

Von der Diele her ruft sie mir noch etwas über Spinnweben zu, aber ich höre schon nicht mehr hin. Ich lehne die Karte an einen Kerzenständer, neben ein gerahmtes Foto von Nina. Von einer Blumenspange über ihrem Ohr gehalten, fallen Ninas glänzende Locken weit über die Lederjacke. Sie hat volle rote Lippen und lange dunkle Wimpern. Und sie hat ein ganz besonderes Merkmal: Ihre Augen haben unterschiedliche Farben.

Ich schaue in Ninas braunes Auge. Was jetzt?, scheint sie zu denken. Danach konzentriere ich mich auf das grüne Auge, das mich frech anschaut. Meine Schwester ist schön. Und sie ist lieb und cool und geht ihren eigenen Weg, manchmal ein bisschen zu sehr.

Ich binde meine Haare locker zu einem hohen Pferdeschwanz und betrachte mich im Spiegel. Ich bin blond, wie Nina. Mir fällt auf, dass sich auf meiner Stirn eine Falte gebildet hat, mein Blick wirkt besorgt.

Denk nach! Schau genau hin!

Ich tigere an der Reihe von Ansichtskarten vorbei, die ich an den Spiegel gelehnt habe. Die Gespräche, die Nina mit mir führte, bevor sie auf Reisen ging, wie die letzten Monate gelaufen sind ... All das schwirrt mir durch den Kopf.

Gleich nach ihrem achtzehnten Geburtstag hielt Nina sich für alt genug, um allein ins Ausland zu gehen. Ein international bekanntes Fotomodell will sie werden. Auch hier bei uns hat sie immer mehr Aufträge bekommen, aber sie will an die Spitze – mit den allerbesten Fotografen arbeiten, viel von der Welt sehen, interessante Leute treffen. Also hat Nina ihre Sachen gepackt, ihre Mappe mit den Modelfotos genommen, und weg war sie – ihrem Traum nachjagen.

Ihre erste Station war Antwerpen, wo sie bei einer Freundin wohnte. Sie hatte einen Termin bei einer Modelagentur und wollte ins Modemuseum gehen. Irgendwann mailte sie mir, dass sie auf einer Undergroundparty gelandet sei, wo die Leute auf XTC waren. Ich erschrak und überredete Papa, zu Nina zu fahren und sie nach Hause zu holen, doch sie wehrte sich und weigerte sich mitzugehen. Sie dachte gar nicht daran, auf Kommando die Verwirklichung ihrer Träume einzustellen.

Seither lässt sie uns nicht mehr wissen, wo sie ist, und schreibt auf jede Ansichtskarte nur noch: Mir geht es gut, hoffe, euch auch. Alles Liebe, Nina. Die beiden ersten Karten waren in Mailand abgestempelt worden. Danach bekam ich fünf Karten aus Paris, mit der von heute sechs. Ich vermute, dass Paris ihr fester Standort ist. Auf den ersten Blick wirken alle Karten ganz normal. Trotzdem ...

Erneut schaue ich mir ihre letzte Karte an. Was irritiert mich daran so? Ich nehme die Karten und lege sie nebeneinander auf den Tisch. Etwas stimmt nicht, das spüre ich. Ich muss nur noch herausfinden, was es ist.

Mit einem Glas Cola in der Hand setze ich mich an den Tisch, den Rücken ganz gerade. Alle Karten liegen mit dem Text nach oben vor mir. Eine nach der anderen betrachte ich sie, mein Notizbuch offen für Anmerkungen. Jeden Buchstaben vergleiche ich, jedes Wort, jedes Komma und jeden Punkt. Ich schaue von oben nach unten, von links nach rechts und von rechts nach links. Die aus Mailand sind mit blauem Stift geschrieben.

Ich tippe mit dem Finger auf die erste Karte aus Paris. Auch blau. Die zweite aus Paris, blau. Die dritte, die vierte und die fünfte auch. Mein Blick huscht zur letzten Karte. Schwarz. Kein Kugelschreiberblau, sondern tiefes Schwarz. Nina hat die Eiffelturmkarte mit einem schwarzen Füllhalter geschrieben. Dabei mag sie keine Füller. Die hinterlassen Tintenflecken auf ihren Fingern. Nun, vielleicht hatte sie gerade keinen anderen Stift zur Hand und konnte in dem Moment nicht anders. Weil sie in Schwierigkeiten steckt? Aber wenn das so ist – warum hat sie dann eine Karte geschrieben? Warum hat sie mich nicht einfach angerufen oder mir eine Nachricht geschickt?

Ich trinke einen Schluck Cola und stelle das Glas wieder ab. Ein Tropfen gleitet über den Glasrand und rollt auf den Buchstaben A. Dort teilt er sich in zwei. Mit gespitzten Lippen, knapp über der Karte, puste ich die Tropfen schnell von den Buchstaben.

Dann entdecke ich einen kleinen Fleck unter der Schleife vom »g«. Eine vage Schliere, die plötzlich nach mehr aussieht als nach ausgelaufener Tinte. Mein Herz schlägt schneller.

In der Schliere sind feine Ritzer. Vorsichtig kratze ich mit dem Nagel meines Zeigefingers darüber und halte die Luft an. Dann spüre ich die Unterbrechungen, die die eingekerbten Zeichen in das harte beige Papier der Karte gedrückt haben. Ein Code? Als wir noch auf dieselbe Schule gingen, haben Nina und ich uns Zettel in Geheimsprache gegeben, wenn wir uns auf dem Gang begegnet sind. Ich blinzele und starre, halte die Karte kopfüber und gekippt. Was kann ich aus diesen vagen Strichelchen machen? Ich erkenne es nicht.

In der Schale, die mal für Obst gedacht war, krame ich zwischen einem Stapel Rechnungen und Zeitungen nach der Lesebrille meines Vaters. Da ist sie! Hoffentlich kann ich sie als Lupe benutzen. Die Brille auf der Nase, beuge ich mich ganz dicht über die Karte. Zuerst müssen sich meine Augen an die Glasstärke gewöhnen, aber plötzlich sehe ich etwas. Winzig und doch haarscharf.

Nina ist einfach brillant! Sie hat unauffällig gekratzt, in diesem verschwommenen Fleck. HLP, lese ich. HLP ... Das kann doch nur eins bedeuten: Help! Nina ist in Not, und sie braucht mich! Ich muss etwas tun!

Keine Panik, ruhig atmen. Ich beiße auf meinen Nagel. Sind da noch mehr Codes?

Schnell lasse ich den Blick noch einmal über die Karte wandern, auf der Suche nach etwas Hingekritzeltem, einem Kratzer, irgendwas. Mein Blick bleibt an dem gezeichneten Blümchen hängen. Dann lege ich den Finger auf die Karte aus Mailand und sehe hinter Ninas Namen das gezeichnete Gänseblümchen: Die Blütenblätter sind länglich und bilden, flach nebeneinander liegend, einen Kreis auf einem geraden Stängel. Auf der zweiten Karte aus Mailand befindet sich ebenfalls ein Gänseblümchen, und auf jeder der anderen Karten aus Paris ist auch eins. Nina zeichnet immer ein Gänseblümchen hinter ihren Namen, das ist so was wie ihr Markenzeichen.

Aber die mit Füllhalter gezeichnete Blüte auf der letzten Karte ist kein Gänseblümchen. Die Blütenblätter sind breiter und runder. Die Blüte mit dem gewundenen, borstig behaarten Stängel kommt mir bekannt vor. Ich glaube, das ist Mohn. Was könnte sie mir damit sagen wollen?

Auf dem Tisch steht unser Familien-PC. Ich hole ihn aus dem Stand-by, öffne Firefox und tippe »Mohn« ein. Mein Blick fliegt über den Bildschirm, ich brauche einen Anhaltspunkt. Auf Wikipedia lese ich, Mohn, Klatschmohn oder Klatschrose, sei ein Symbol für Trost, Schlaf, Träume, Hochmut und Vergänglichkeit. Der griechische Gott Hypnos, Gott des Schlafes, wird mit Mohnblüten im Haar abgebildet. Symbol bei Totenehrungen: Mohn. Trost ... Schlaf ... Vergänglichkeit ...

Tief in meine Gedanken versunken kehre ich zu den Suchergebnissen zurück. Was ist noch bekannt über Mohn? Mohnarten, Mohn auf Gemälden, giftige Pflanzen wie Mohn, Oleander und Beeren ...

Mir stockt der Atem. Giftige Pflanzen? Hastig klicke ich eine Website an.

Der Mohn, auch Papaver oder Schlafmohn, ist eine sehr giftige Pflanze, lese ich. Opium wird aus Mohn gewonnen. Harte Drogen, süchtig machend ... Wird als Betäubungsmittel verwendet. Die Folgen sind verengte Pupillen, erschwerte Atmung, geschwächte Herzfunktion ...

Es ist, als würde mir etwas die Luft abschnüren. Die beiden Karten in einer Woche, die Grüße an Mama, das Schreiben mit einem Füller, die eingeritzten Buchstaben HLP und der Mohn ... Mein Unbehagen ist zu einem großen, bedrohlichen Gefühl geworden. Ich denke wieder an Ninas ängstlichen Blick in meiner Vorstellung, der meine Netzhaut wie ein Lichtblitz getroffen hat. Kein Hokuspokus, davon bin ich überzeugt. Sie will mir etwas mitteilen, und sie hat nicht einfach nur ein Problem: Ich spüre, dass sie in Lebensgefahr schwebt!

2

»Was machst du denn noch hier?« Mein Vater kommt ins Wohnzimmer und schaut auf die Uhr. »Musst du nicht zum Softballtraining?«

Ich zucke mit den Schultern. »Das musst du dir ansehen«, sage ich, seine Lesebrille auf meiner Nasenspitze. »Nina ist in Gefahr. Wir müssen nach Paris!« Ich ziehe ihn am Ärmel zum Tisch und zeige auf die Postkarten. »Schau doch nur, sie ruft um Hilfe!« Mein Finger gleitet zu dem Fleck mit den kleinen Kratzern. »Du musst deine Lesebrille aufsetzen, sonst siehst du es nicht«, sage ich und nehme sie ab.

»Das schaffe ich auch noch ohne.« Er nimmt die Karte in die Hand und liest laut: »Mir geht es gut, hoffe, euch auch. Alles Liebe, Nina.« Seufzend legt er einen Arm um mich. »Ich verstehe ja, dass du sie gern wieder zu Hause haben willst. Mir fehlt sie auch.«

»Du musst genauer hingucken, Papa, nicht nur den Text lesen. Schau noch einmal ganz genau, unter dem ›g‹ von ›gut‹.«

Ich schiebe seinen Arm zur Seite und reiche ihm die Brille, aber er steckt sie in seine Hemdtasche.

»Nein, Liebes, ich muss das nicht noch mal lesen. Vorläufig kommt sie doch nicht wieder.« Dann geht er aus dem Zimmer.

Ich schnappe mir die Karte vom Tisch und renne in den Flur. Am Fuß der Treppe bleibe ich stehen.

»Paps!« Ich halte die Karte hoch. »Setz deine Brille auf, und schau dir den Fleck unter dem ›g‹ an. Bitte!«

Er gähnt. Langsam kommt er die Treppe wieder hinunter, auf einer dunkelblauen und einer schwarzen Socke. Er setzt die Brille auf und hält sich die Karte ganz nah vors Gesicht.

»Was ist denn mit diesem Fleck?« Ein Teil seiner Augen wirkt durch die Brille größer. Ohne zu zwinkern, starrt er auf die Karte, so konzentriert, dass ich für einen Moment glaube, er hat noch mehr entdeckt als ich.

»Siehst du? Da steht HLP. Sie bittet um Hilfe! Also ...«

»Diese Kritzeleien?«, fragt er ungläubig. »Jetzt hör doch bitte auf, etwas zu suchen, was nicht da ist. Du weißt, dass Nina keine Hilfe will. Sie ist vernünftig und außerdem alt genug.« Er gibt mir die Karte zurück. »Sie schafft das schon. Bestimmt!«

Wie kann er das so entschieden behaupten, wenn er nicht einmal Kontakt mit ihr hat? Ich balle eine Hand so fest zur Faust, dass ich meine Nägel in der Haut spüre. Die andere Hand mit der Karte halte ich ihm direkt vors Gesicht.

»Es steht sehr wohl dort! Schau doch mal genau hin!« Ich stelle einen Fuß auf die Treppe. »Willst du es nicht sehen, oder was?«

»Nein, ich will keine Dinge sehen, die nicht da sind.« Mit müdem Blick dreht er sich um und geht die Treppe hinauf.

Warum glaubt er mir nie sofort, einfach nur, weil ich es sage, und auch wenn er die Buchstaben HLP selbst nicht sieht? Ich kann aufstampfen, weinen, brüllen, mit den Türen schlagen, mich eine Woche auf den Kopf stellen – das bringt alles nichts. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bringt ihn keiner davon ab. Er kann mich mal gernhaben, ich mache mich allein auf die Suche! Am liebsten würde ich den nächsten Zug nach Paris nehmen, ohne ihm etwas zu sagen, aber zuerst brauche ich einen Plan. Einen guten Plan, um Nina zu finden.

Ich massiere meinen Schädel. Dadrin fängt es an zu hämmern, ich brauche dringend frische Luft. Ich muss den Kopf frei kriegen und mir etwas Schlaues ausdenken.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass das Training längst angefangen hat. Vielleicht schaffe ich es noch zur letzten halben Stunde. Manchmal hilft es mir, mit dem Grübeln aufzuhören, wenn ich den Ball möglichst hart schlage und einfach nur Runde um Runde renne. Vielleicht fällt mir dann etwas ein.

Ich schnappe mir meine Softballsachen und düse mit dem Fahrrad zur Sporthalle.

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin«, rufe ich, während ich aufs Feld laufe.

Mein Trainer Mike nickt. »Stell dich schnell auf, und zeig mir, dass du in Form bist. Nach dem Training habe ich gute Neuigkeiten für diejenige, die am meisten auffällt. Also streng dich an.«

Tatum, die Fängerin, steht mir gegenüber. Ich lockere meine Schultern und warte, bis sie ihre Maske aufgesetzt hat. Meinen rechten Fuß stelle ich auf die Mitte des Schlagmals.

»Erst Stand bestimmen«, ruft Mike.

»Fest.« Der Lederball fühlt sich schwer an, stabil. Ich halte ihn mit zwei Fingern und dem Daumen meiner rechten Hand und werfe der Fängerin ein paar Bälle zu, allerdings ohne echte Überzeugung.

»Oberkörper eindrehen!« Mike stellt sich neben mich und macht es vor. »Nicht mit einem schlaffen Schlagarm. Kopf einschalten. Was hast du denn heute, Lotte? Konzentrier dich. Du denkst nur daran, wohin der Ball soll. Das weißt du!«

Ich nicke. Langsam strecke ich beide Arme nach vorn. Meine Handschuhhand zeigt auf die Fängerin. Sobald sich mein Wurfarm in einer geraden Linie hebt, reagiert alles in mir automatisch. Der Ball rollt fast von meinen Fingern, mein Handgelenk klappt hoch, und ich hüpfe auf meinem Abstoßfuß. Genau im richtigen Moment drehe ich die Hüfte ein, und der Ball schießt wie eine Kugel auf Tatums Handschuh.

»Gut ausgestiegen!«, ruft Mike begeistert. »Das war ein schonungsloser Spin. Doch hoffentlich kein Zufallstreffer?« Er grinst und verschränkt die Arme.

Jetzt muss ich ihm zeigen, dass der straffe Wurf von eben keine einmalige Sache war. Nachdem der Ball locker in meine Hand geglitten ist, drücke ich ihn kurz. Ich schaue rasch zu Tatum, nach dem Handschuh vor ihrer Brust. Eins, zwei. Zack! Der Ball liegt im Handschuh. Sie hebt den Daumen.

»Sauber!« Mike klatscht. »Drei solcher Würfe, und du hast den Gegner ausgeschaltet. Kannst du auch auf Kommando so weiterwerfen?« Er schnipst mit den Fingern.

Noch einmal also. Mein Fuß schiebt sich wieder auf das Schlagmal. Für einen Moment schließe ich die Augen – und zack, da ist es wieder. Nina taucht vor meinem inneren Auge auf, ihr ängstlicher Blick. Haarsträhnen kleben ihr im Gesicht.

Nein! Erschrocken schüttele ich den Kopf. Wieder diese bizarre Angst in ihren Augen. Das Bild ist klarer als zuvor. Ich habe Gänsehaut an Armen und Beinen.

»Na los!«, ruft Mike verärgert.

Verdutzt öffne ich die Augen und bringe in einem Reflex den Arm nach oben.

»Jetzt!«, brüllt er.

Meine Finger umklammern den Ball. Wie war das noch, was muss ich jetzt ...? Zählen! Eins, zwei ... Ich werfe den Ball. Zu schlaff.

Enttäuscht sieht Mike mich an.

»Tut mir leid ...«

Er schüttelt den Kopf. »Das verstehe ich nicht. Dieser Wurf steckt in jeder Faser deiner Arme und Beine. Was ist los mit dir?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Du bist mit dem Kopf nicht dabei. Die beste Leistung erzielst du, wenn du dich unter allen Umständen auf dein Ziel fokussieren kannst.« Er schwingt den Arm hoch, die Finger um einen imaginären Ball gekrümmt. »Arbeite daran!«

»Was soll ich denn tun?«

»Dich konzentrieren, das ist alles.« Er zeigt auf das Schlagmal. »Los, stell dich dahin. Wir machen das jetzt so lange, bis es klappt.«

So ein Mist. Wenn das so weitergeht, stehe ich in einer Stunde noch hier. Wie soll ich denn mit dem erschreckenden Bild von Nina vor Augen Leistung bringen? Ich bin hierhergekommen, um den Kopf frei zu kriegen, aber da herrscht jetzt vollends Chaos. Ich will hier weg!

»Wird das noch was?«, fragt er drängend.

Widerwillig stelle ich den rechten Fuß auf das Schlagmal. Mein linker steht daneben. Ich drehe den Kopf erst zur linken, dann zur rechten Schulter. Rücken gerade, stark machen. Ich spanne die Bauchmuskeln an und drehe meine Wurfschulter nach hinten.

»Wiederhole die ganze Bewegung so, wie du sie haben willst. Geh in dich«, fordert er.

»Äh, was?« Ich zucke mit den Schultern.

»Schließ die Augen.«

Ich habe keine Lust mehr, ihm zuzuhören, tue es aber trotzdem. Ein Training mit einem misslungenen Wurf zu beenden, bedeutet bad luck.

Mit geschlossenen Augen atme ich tief ein. Ich spüre, wie sich mein Brustkorb immer ruhiger hebt und senkt. Plötzlich verstehe ich, was Mike mit »in mich gehen« meint. Jetzt merke ich, wie mein Gewicht auf dem linken Bein ruht. So stehe ich immer noch nicht richtig. Bauchmuskeln anspannen. Schon besser. Ich atme ruhig und kräftig durch die Nase ein und aus. Jetzt die Augen öffnen. Fokus auf den Ball, auf die Fängerin. Eins, zwei, drei. Auf vier hole ich aus. In einer geraden Linie schießt der Ball zu Tatum.

»Yes!« Mike springt aus der Hocke auf und stellt sich vor mich. »Das ist er, so will ich ihn sehen! Was für ein strammer Wurf. Ich wusste doch, dass du es kannst. Wir gehen eine Stufe höher mit dir«, sagt er mit leuchtenden Augen.

»Eine Stufe höher?« Ich zupfe an dem Bändchen an meinem Handgelenk. Meint er ...?

»Guck nicht so erstaunt, ich will dir eine Chance in der Auswahl geben. In anderthalb Wochen haben wir einen wichtigen Wettkampf.« Er tippt sanft gegen meinen Kopf. »Aber bleib mit dem Kopf bei der Sache. ›Konzentration‹ heißt das Zauberwort.«

Ich nicke. »Okay ...«

Die Auswahl? Das war ... das ist das, wovon ich schon so lange träume. Und ich kann es also: auf Kommando den Feind ausschalten. Ich muss nur in mich gehen und wirklich spüren, was ich gerade tue.

Eigentlich müsste ich total happy sein, aber ich bin es nicht.

»Hallo, du Träumerin, hörst du mir zu?«, fragt Mike. »Vermassel es nicht. Jede Einzelne hier lauert auf die Chance, einmal mitspielen zu dürfen, und ich habe nur einen einzigen freien Platz zu vergeben.«

Ich schaue zu, wie er auf das Feld läuft und den anderen Anweisungen erteilt. Natürlich darf ich es nicht vermasseln. Hierfür habe ich so hart gearbeitet, monatelang. Ab jetzt werde ich jeden Tag trainieren müssen – auch um meine Schulter zu kräftigen, denn die fängt schon wieder an zu stechen. Diese blöde Verletzung! Ich reibe mir den Oberarm.

Plötzlich fühle ich mich schuldig. Wie konnte ich trotz des schrecklichen Bilds von Nina vor meinem inneren Auge so gut werfen? Statt einen Plan zu machen, wie ich sie retten kann, war ich auf den Ball fixiert. Mein Magen zieht sich noch straffer zusammen, als wollte er mich daran erinnern, dass so schnell wie möglich etwas passieren muss.

Zu Hause werde ich sofort meine Tasche packen und mein Geld zählen, damit ich den Zug nach Paris nehmen kann. Aber wo soll ich schlafen? Für ein Hotel reicht mein Geld nicht. Also doch Papa überreden, dass er mitkommt? Soll ich so tun, als würde ich die Karte bei genauer Betrachtung auch für einen Scherz halten? Als hätte ich durch die Karte einfach große Lust bekommen, nach Paris zu fahren? So was in der Art. Es gibt keine andere Möglichkeit. Eine Notlüge.

Jemand klopft mir auf die Schulter. »Hier, für dich.«

»Huch?« Ich drehe mich um.

Mike hält mir einen Ball vor die Nase.

»Der hat mir Glück gebracht, als ich damals Werfer war.« Seine Augen glänzen. »Er fliegt noch prima.« Er nimmt meine Hand und legt den Ball hinein. »Wenn du weiter dein Bestes gibst, wird er auch dir Glück bringen, davon bin ich überzeugt.«

Ein Poltern auf der Treppe. Mein Vater. Ich seufze und setze mich auf mein Bett.

»Wie war das Training?« Er bleibt auf der Schwelle stehen.

»Ganz okay.« Ich nehme Mikes Ball und drücke ihn.

Jetzt. Sag es.

Mein Vater kommt mir zuvor. »Sollen wir das Kriegsbeil begraben?«

Ich schweige und zupfe an der Tagesdecke. Warum kann ich das mit der Karte nicht einfach sagen? Dass ich mich geirrt habe und es nur ein blöder Scherz von Nina war, als sie geschrieben hat: »Grüß Mama von mir«.

»Von mir aus Schwamm darüber«, sagt er. »Reden wir nicht mehr davon. Kommst du gleich Fußball gucken?« Er fasst nach der Klinke und zieht die Tür hinter sich zu.