7,99 €
Hannes ist ein echter Bücherwurm. Am liebsten liest er spannende Agentengeschichten. Sein Freund Kalli hingegen ist abenteuerlustig und will Comedian werden. Die beiden Freunde erfinden ein ungewöhnliches Agenten-Spiel: Mission Unterhose! Hannes erlebt das verrückteste Abenteuer seines Lebens und Kalli kommt seinem großen Traum ein Stück näher …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2024
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
© 2013 Tulipan Verlag GmbH, Berlin, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Text: Sylvia Heinlein
Coverillustration: Regina Kehn
Layout und Satz: www.lenaellermann.de
Umschlaggestaltung: www.anettebeckmann.de
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-32945-7V001
www.tulipan-verlag.de
Dieses Buch widme ich Berry und Justin, den mutigen Helden und Erfindern der Mission Unterhose.
»Ich leg dich um!«, brüllte der Mafiaboss durch die Nacht. »Sag Goodbye zum Leben!« Benny Hotton und sein Partner Phil hechteten hinter die nächste Hausecke und duckten sich. Sekunden später pfiffen die Kugeln über ihre Köpfe. »Geben Sie auf!«, rief Hotton dem Gangster zu. »Sie kommen hier nicht lebend weg!« Aber er bluffte nur. Ihre Pistolen waren bereits leergeschossen. Phil und er waren ihrem Gegner hilflos ausgeliefert.
Hannes lag im Schatten unter dem Apfelbaum auf der Gartenliege, aß Erdnusskekse und verschlang gierig jedes Wort aus dem Benny-Hotton-Heft. Benny Hotton war Geheimagent. Es war ungefähr das tausendste Benny-Hotton-Heft, das Hannes las. Heimlich natürlich, seine Eltern wollten nicht, dass er Benny-Hotton-Hefte las. Weil sie viel zu brutal waren. Und weil es keine richtigen Bücher waren, sondern eben nur Heftchen, die man für einen Euro siebzig am Zeitungskiosk kaufen konnte.
»Schund!«, sagten Hannes’ Eltern. »Ganz schlecht geschriebener Schund ist das!«
Hannes fand die Hefte kein bisschen schlecht geschrieben. Und Herr Moll fand das auch nicht. Herr Moll war uralt und Hannes’ Nachbar. Er arbeitete nicht mehr, aber früher war er bei der Kriminalpolizei gewesen.
»Nicht weiter aufregend«, sagte er immer, wenn Hannes ihn bat, davon zu erzählen. »Hin und wieder eine kleine Schießerei, aber ansonsten war wenig los.«
Und dann erzählte er Hannes, was alles wenig los gewesen war, an Prügeleien und Banküberfällen und Verfolgungsjagden und Geiselbefreiungen.
Herr Moll kaufte sich jede Woche ein neues Benny-Hotton-Heft, und wenn er es ausgelesen hatte, reichte er es Hannes über den Gartenzaun. Mit einer Packung Erdnusskekse.
»Denn die gehören dazu«, sagte Herr Moll. »Es gibt nichts Besseres, wenn man einen Agentenroman liest, als Kekse mit dicken Erdnüssen drin, glaub es mir.«
Zurzeit ging alles gut, was heimlich getan werden musste, denn es waren Sommerferien. Die kleine Sackgasse mit den Reihenhäusern, in der Hannes wohnte, war in diesen Wochen fast so unbewohnt wie der Mond. Auf jeden Fall war es so still wie auf dem Mond. Alle anderen Kinder aus der Siedlung waren im Urlaub. Hannes war das sehr recht. Er mochte es, wenn er seine Ruhe hatte.
Seine Eltern mussten arbeiten und waren den ganzen Tag fort. Sie hatten sich gesorgt, dass Hannes alleine nicht zurechtkäme, aber er hatte sie beruhigt. »Ich bin sehr, sehr vernünftig«, hatte er gesagt, und das stimmte. Und außerdem gab es ja Herrn Moll, der versprochen hatte, sich zu kümmern, wenn Hannes es brauchte.
Hannes konnte also tun und lassen, was er wollte. Es gab allerdings nicht viel, was er tun und lassen konnte, außer heimlich Schund lesen. Er hätte natürlich auch heimlich fernsehen können oder am Computer sitzen, aber bei Hannes gab es beides nicht. Seine Eltern waren dagegen. »Fernsehen und Computer«, sagten sie, »das macht dumm. Das ist wissenschaftlich erwiesen.«
Es lohnte sich nicht, seinen Eltern zu widersprechen, das wusste Hannes. Sie waren nämlich Psychologen. Es war ihr Job, mit Leuten zu reden, die irgendwelche Probleme hatten. Hannes’ Eltern redeten und redeten und redeten mit den Leuten, bis die Probleme weg waren. Zu Hause redeten Hannes’ Eltern weiter. Und wenn Hannes eine andere Meinung hatte als sie, diskutierten sie so lange mit ihm, bis er müde wurde und aufgab.
Seitdem Hannes die Agentenheftchen las, wusste er, was er werden wollte, wenn er groß war. Agent natürlich. Mit Anzug und Schlips und Sonnenbrille und Pistole. Er würde in einer unterirdischen Geheimwohnung leben. Über der Wohnung war zur Tarnung ein Auto geparkt. Man musste den Kofferraum aufklappen und hineinsteigen, um durch einen Gang in die Tiefe zu gelangen. Hannes würde alleine dort wohnen und jeden Tag Kekse essen und niemand würde ihn bei irgendetwas stören.
Gerade war Benny Hotton gefesselt und geknebelt in den Kofferraum eines Wagens geworfen worden und wurde an einen unbekannten Ort entführt. Er versuchte, die Seile von den Handgelenken zu lösen, aber sie saßen zu fest. Hotton hatte keine Chance. Hannes saugte Seite um Seite auf und zerknackte dabei eine Erdnuss nach der anderen zwischen den Zähnen.
»Hey!«, rief es vom Gartenzaun her.
Hannes sah und hörte nichts. Hotton hatte eben mit den Zähnen eine Nagelfeile aus der Brusttasche seiner Anzugjacke gezogen. Nun krümmte und wand er sich in dem engen Kofferraum, um mit der Feile an die Fußfesseln heranzukommen.
»Hey! Hey! Hey! HEEEEY!«
Aufgeschreckt sah Hannes zum Gartentor. Dort hüpfte ein Junge auf und ab, wackelte mit dem Kopf und schlenkerte wie verrückt seine Arme.
»Hey!«, rief er, »Ich hab ’nen Flummi verschluckt!«
Hannes sah hastig wieder in sein Heft. Das war Kalli. Er hatte nichts mit Kalli zu tun. Hannes wohnte am Ende der Siedlung und Kalli ganz an ihrem Anfang, also praktisch am anderen Ende der Welt. Hannes kannte Kalli nur vom Versteckspielen. Das machten die Kinder der Siedlung manchmal zusammen. Versteckspielen war das einzige Spiel, das Hannes gerne spielte. Er war ein guter Verstecker. Er wurde immer als Letzter gefunden. Kalli war kein guter Verstecker, weil er es witziger fand, mit lautem »Buh!« aus seinem Versteck herauszuspringen und dem Sucher einen höllischen Schrecken einzujagen.
»Was machst du?!«
Angestrengt versuchte Hannes so zu tun, als ob er Kalli nicht hören würde. Er wollte nicht mit Kalli reden. Er hatte sich noch nie mit Kalli unterhalten. Kalli war laut und lärmig und irgendwie stressig. Er und Kalli lebten sozusagen auf zwei verschiedenen Planeten. Zwischen ihnen waren hundert Milliarden Lichtjahre.
»Wir sind die letzten beiden Überlebenden!«, rief Kalli. »Keiner da, außer uns. Alle schön im Urlaub, am Strand und so. Strand übrigens, da fällt mir einer ein, hör mal! Hörst du?!«
Hannes überlegte, ob er schnell aufstehen und ins Haus gehen sollte.
»Also!«, brüllte Kalli. »Liegt am Strand und spricht undeutlich! Weißte, was das ist?«
Hannes zuckte mit den Schultern.
»Nuschel!«, rief Kalli begeistert. »’ne Nuschel! Hahaha! Und weißte, wie die Nuschel heißt, wenn sie Schnupfen hat? Niesnuschel! NIESnuschel heißt die! Buahahahaha!«
Kalli geriet komplett aus der Fassung über seinen eigenen Witz. Er schlug sich auf die Schenkel und hielt sich den Bauch vor Lachen.
Hannes musste grinsen. Er wollte nicht grinsen, aber Kallis Lachen war ansteckend.
»Und jetzt?«, fragte Kalli, als er sich endlich beruhigt hatte. »Ich komm mal rein, ja?«
Hannes erstarrte vor Schreck. Er wollte niemanden in seinem Garten haben. Schon gar nicht Kalli. Was, wenn er die Witze nur gemacht hatte, um anschließend gemein zu sein? Oder wenn er kam und nicht mehr ging, sondern ewig blieb? Bis zum Abendbrot oder so?
Kalli öffnete das Gartentor und breitete die Arme aus. Po wackelnd tänzelte er auf Hannes zu und sang dabei.
»Hallo-ho-ho Leute,
jetzt macht euch auf was gefasst!
Hi-hi-hier kommt Kalli mit seiiiiner Shoooow!
Haltet euch fe-hest, dupp-dupp-dupp-di-dapp,
denn jeeeeetzt geht’s ab!«
Hannes war fassungslos. Kalli war ganz eindeutig verrückt. Andererseits musste er zugeben, dass Kalli nicht schlecht sang, und sein Tanz war ulkig.
Kalli verbeugte sich, als er bei der Liege angekommen war. »Danke, danke, danke! Danke für den Applaus, Leute!«
Ohne dass Hannes es wollte, ließ er sein Heftchen los und klatschte brav in die Hände.
Kalli grinste ihn an. Dann sah er gierig auf die Packung mit den Erdnusskeksen.
»Kann ich einen?«
Hannes zögerte. Wenn er Kalli einen Keks gab, würde er nicht mehr fortgehen, nie wieder, so viel war sicher.
»Springt ’n Keks gegen die Wand, bricht sich ’nen Krümel«, sagte Kalli und sah Hannes auffordernd an. »Witz! Das war ein Witz! Nicht lustig?«
Hannes schüttelte spontan den Kopf und bereute es augenblicklich. Wenn Kalli jetzt sauer werden würde, sah es schlecht aus für Hannes.
»Okay«, sagte Kalli. »Guck mal die Biene da. Weißte, warum die summt? Weil die den Text vergessen hat!«
Hannes geriet in Panik. Er war in die Hände eines durchgeknallten Witze-Erzählers gefallen.
»Ich muss rein«, sagte er. »Ich muss … äh, ich muss noch mein Zimmer aufräumen. Meine Eltern kommen gleich. Die werden wütend, wenn es unordentlich ist.«
Das stimmte natürlich nicht. Hannes’ Eltern wurden nie wütend. Sie waren sanftmütig bis zum Gehtnichtmehr. Sie konnten gar nicht brüllen, das Schlimmste, was sie konnten, war betroffen zu gucken. Kalli nahm Hannes das Benny-Hotton-Heft aus der Hand und sah sich den Umschlag an.
»Wenn es Nacht wird in New York. Geheimauftrag für Benny Hotton«, las er. »Benny Hotton? Ist der so was wie James Bond?«
»Ja«, sagte Hannes, obwohl er es nicht wirklich wusste. Er wusste lediglich, dass es Filme mit James Bond gab, weil die anderen Kinder sich regelmäßig darüber unterhielten, wie cool die waren. Aber er hatte noch niemals einen gesehen.
»Haste den gestern geguckt?«, fragte Kalli. »Im Fernsehen?«
»Wir haben keinen Fernseher«, sagte Hannes.
Kalli brach auf dem Rasen zusammen. »Wuah!«, stöhnte er, »boah, ooooh, wuaah! Mann! Ich könnte nicht LEBEN ohne Fernseher! Weißte, was da alles läuft? COMEDY läuft da! Kennste Lach dich tot!? Kennste BIG?«
Hannes schüttelte stumm den Kopf.
»Oh Mann! Naja, egal, komm mit.«
Entsetzt sprang Hannes von der Liege, schnappte Kalli das Hotton-Heft aus der Hand und griff sich die Kekspackung.
»Ich muss jetzt rein, unbedingt!« Er stürzte zum Haus, ohne sich noch einmal umzublicken.
»Isch gomm wieda«, rief Kalli ihm mit tiefer verstellter Stimme hinterher. «Isch weiß, wo deine Haus wohnt!«
Hannes schlüpfte durch die Terrassentür, verriegelte sie eilig und hastete in sein Zimmer. Von dort aus spähte er vorsichtig in den Garten. Kalli war verschwunden.
Am nächsten Tag blieb Hannes bis mittags im Haus. Er hätte lieber im Garten auf der Liege gelegen, aber das Risiko war zu groß. Wenn er draußen war, konnte Kalli ihn erwischen, und das war nicht gut. Hannes wusste nicht genau, warum es nicht gut war, er wollte einfach seine Ruhe und Kalli war alles andere als Ruhe. Hannes wollte ihm keinesfalls noch einmal in die Hände fallen.
Einmal klingelte es an der Haustür, aber Hannes machte nicht auf. Er war sich sicher, dass es Kalli war.
Aber dann hatte Hannes sein Agentenheft ausgelesen und brauchte dringend Nachschub. Als er aus dem Fenster blickte, sah er Herrn Moll im Nachbargarten die Blumen gießen. ›Also gut‹, dachte Hannes, ›ich laufe kurz zu ihm hin, das geht zack-zack.‹
Auf dem Gehweg, der hinter den Gärten der Häuser entlangführte, war niemand zu sehen, als Hannes auf die Terrasse trat und zum Zaun huschte. Herr Moll war ungemein erfreut, ihn zu sehen.
»Wunderbar, mein Freund und Kupferstecher«, sagte er. »Was sagst du zu dem letzten Heft? Großartige Geschichte, nicht wahr?«
Sie unterhielten sich eine kleine Weile über die Geschichte, die Hannes gerade gelesen hatte. Sie war ziemlich brutal gewesen, darüber waren sich beide einig.
»Gut, gut«, sagte Herr Moll. »Ich hole dir mal das neue Heft … und die Erdnusskekse, nicht wahr?«
Hannes nickte dankbar. Er liebte diese Erdnusskekse und teilte sie sich stets sorgfältig ein. Eine Packung reichte exakt für ein Hotton-Abenteuer. Bei Hannes zu Hause gab es sonst keine gekauften Kekse. Allerhöchstens gab es selbstgebackene staubtrockene Haferflockenkekse mit Dattelstückchen drin.
»Gekaufte Kekse sind entsetzlich ungesund«, sagten Hannes’ Eltern. »Alles Chemie und dieser ganze Zucker und das weiße Mehl!« Sie backten mit braunem Mehl, mit Vollkornmehl. Denn nur in dem, sagten sie, steckten die guten, gesunden Dinge drin. Weißes Mehl war für Hannes’ Eltern ungefähr so ein Horror wie für andere Leute eine tote Maus im Kuchen. Es gab überhaupt jede Menge Essenssachen, die für Hannes’ Eltern Horror waren: Pizza und Pommes und Chips und Flips und Cola und Schokoriegel. Alles ungesund. Und Fleisch. Auch ungesund.
»Ganz schlechte Energie«, sagten Hannes’ Eltern.
Herr Moll fand das gar nicht. Er lebte alleine und aß, was er wollte. Besonders gerne Würstchen aus dem Glas. »Knackwürstchen«, sagte er. »Nichts knackt so schön, wie Knackwürstchen, wenn man hineinbeißt.« Manchmal wanderte er mit einem Würstchenglas im Garten umher, und wenn er Hannes sah, reichte er ihm ein Würstchen über den Zaun, das Hannes sofort gierig verschlang.
Jedenfalls wusste Herr Moll, was Hannes brauchte, und machte sich nun auf den Weg ins Haus, um das neue Heft und die Kekse zu holen. Nur für den Fall, dass Kalli wieder auftauchen sollte, versteckte Hannes sich hinter einem Busch und kroch erst wieder hervor, als Herr Moll zurückkehrte.
»Hey!«, rief es in dieser Sekunde vom Zaun her. »Hey, hey, hey, hey, hey! Da biste ja!«
Am Gartentor stand Kalli und ruderte wie ein Wahnsinniger mit den Armen.
»Ah!«, sagte Herr Moll. »Das ist dieser Kalli, oder? Wie nett. Ich dachte schon, es wäre außer dir gar kein Kind mehr hier. Na, dann hast du ja doch jemanden zum Spielen.« Munter winkte er Kalli zu. »Komm herein!«
»Nein!«, flüsterte Hannes verzweifelt. Aber es war zu spät. Kalli kam bereits auf sie zugetanzt. Er stach mit den Zeigefingern in die Luft, warf den Kopf von links nach rechts und wackelte mit dem Po.
»Yeah!«, sang er. »Das ist der ›Wir haben Ferien und unsere Eltern sind bei der Arbeit und wir machen, was wir wollen‹- Tanz, yeah, yeah, yeah!«
Herr Moll gluckste vergnügt. »Und?«, fragte er, als Kalli vor ihnen stand. »Was habt ihr vor, ihr zwei?«
»Wir geh’n ins Schwimmbad«, erklärte Kalli.
