Mit Schwung in den Tod - Catie Murphy - E-Book

Mit Schwung in den Tod E-Book

Catie Murphy

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In Dublin ist sogar das Golfen tödlich …
Die aufregende Fortsetzung der humorvollen Cosy Crime-Reihe mit authentischer weiblicher Ermittlerin

Die amerikanische Armee-Veteranin und unfreiwillige Hobbyermittlerin Megan Malone ist von einem netten und entspannten Tag ausgegangen, als sie vom erfolgreichen Golfer Martin Walsh eingeladen wird, ihn zu einem Golfturnier in Dublin zu begleiten. Doch kaum hat sie den ersten Schlag gehört, stolpert sie ausgerechnet über den Leichnam des Golf-Profis Lou MacDonald – elegant drapiert in einem Wasserhindernis. Dass der Tote ein enger Freund von Martin Walsh ist und dieser als Einziger ein Mordmotiv hat, macht die Sache nicht einfacher. Besonders ärgerlich ist, dass Megan und hundert andere Zuschauer zur Tatzeit live dabei waren und damit Martin Walsh scheinbar ein wasserfestes Alibi hat. Zusammen mit dem attraktiven Detective stürzt sich Megan in die Welt des Golfsports und stellt schnell fest, dass hinter den gepflegten Rasenflächen mehr Drama steckt, als sie je erwartet hätte. Und die Uhr tickt …

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen Titels Megan Malone und der Tote im Teich.

Weitere Titel in der Reihe
Mord im Menü (ISBN: 9783989981997)

Erste Leser:innenstimmen
„Catie Murphy lädt nach ihrem erfolgreichen Auftakt der Cosy-Crime-Reihe in die trügerische irische Idylle ein.“
„Die authentische Hobby-Ermittlerin Megan gibt der Geschichte das gewisse Etwas. Absolute Empfehlung für Krimifans.“
„Mordfälle und scheußliche Geheimnisse machen den Krimi spannend, aber es ist dennoch eine lockere und unterhaltsame Lektüre!“
„Megan Malones Ermittlungen im regnerischen Dublin sorgen für ein abwechslungsreiches Lesevergnügen, das mit feinem Humor gespickt ist.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses E-Book

Die amerikanische Armee-Veteranin und unfreiwillige Hobbyermittlerin Megan Malone ist von einem netten und entspannten Tag ausgegangen, als sie vom erfolgreichen Golfer Martin Walsh eingeladen wird, ihn zu einem Golfturnier in Dublin zu begleiten. Doch kaum hat sie den ersten Schlag gehört, stolpert sie ausgerechnet über den Leichnam des Golf-Profis Lou MacDonald – elegant drapiert in einem Wasserhindernis. Dass der Tote ein enger Freund von Martin Walsh ist und dieser als Einziger ein Mordmotiv hat, macht die Sache nicht einfacher. Besonders ärgerlich ist, dass Megan und hundert andere Zuschauer zur Tatzeit live dabei waren und damit Martin Walsh scheinbar ein wasserfestes Alibi hat. Zusammen mit dem attraktiven Detective stürzt sich Megan in die Welt des Golfsports und stellt schnell fest, dass hinter den gepflegten Rasenflächen mehr Drama steckt, als sie je erwartet hätte. Und die Uhr tickt …

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen Titels Megan Malone und der Tote im Teich.

Impressum

Erstausgabe 2020 Überarbeitete Neuausgabe August 2024

Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98998-218-5

Copyright © 2020, Catie Murphy Titel des englischen Originals: Death on the Green

Published by Arrangement with KENSINGTON PUBLISHING CORP., NEW YORK, NY 10018 USA  Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2022, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2022 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Megan Malone und der Tote im Teich (ISBN: 978-3-98637-944-5).

Übersetzt von: Julia Pauss Covergestaltung: Nadine Most unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © ricorico, © BesticonPark, © Yesaulov Vadym, © Foxys Graphic, © Prapat Aowsakorn, © ArnaPhoto, © Jasper Suijten, © Gary Le Feuvre Korrektorat: Buchgezeiten

E-Book-Version 02.08.2024, 08:14:30.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein

Facebook

Instagram

TikTok

YouTube

Mit Schwung in den Tod

Vorwort des Verlags

Willkommen zur überarbeiteten Neuauflage von Catie Murphys zweitem Band: Megan Malone und der Tote im Teich.

Unser Bestreben ist es, unseren Lesern stets ansprechende Produkte zu bieten. Wir freuen uns, dass du dich für dieses Buch entschieden hast. Es erfüllt uns und die Autorin gleichermaßen mit Freude zu sehen, dass ein anhaltendes Interesse an ästhetisch hochwertigen Werken besteht. Wir hoffen, dass dir diese Neuauflage genauso viel Freude bereitet wie uns.

Dein dp-Team

Dieses Buch ist dem Lady Writers’ Club gewidmet: Susan, Ruth und Sarah, die mir bei dieser Buchserie so, so sehr geholfen haben.

Danksagung

Der Schreibprozess ist von Momenten geprägt, in denen man davon überzeugt ist, es nicht zu schaffen – egal wie oft man es bereits geschafft hat. Mitten in so einer Krise sind mir meine Lady Writers zur Hilfe geeilt und haben mir mit einer gemeinsamen Brainstorming-Session dabei geholfen, wieder auf die schriftstellerischen Beine zu kommen. Deshalb möchte ich mich besonders bei Susan Connolly und Sarah Rees Brennan dafür bedanken, dass sie mich auf dem Heimweg in einer stürmischen Dubliner Nacht von der (metaphorischen) Klippe gerettet haben. Dieses Buch und die ganze damit verbundene Reihe sind durch eure Ideen so viel besser geworden, und gemeinsam mit Ruth Long habt ihr euch weit über eure Pflicht hinaus bemüht, sicherzugehen, dass ich die irischen Redewendungen richtig benutze. Vielen Dank an euch alle.

Ich habe die Zusammenarbeit mit meiner Lektorin Elizabeth May sehr genossen und bin nach wie vor unglaublich begeistert von der Grafikabteilung von Kensington, die gemeinsam mit der Illustratorin Anne Wertheim für die farbenfrohen, charmanten und amüsanten Cover dieser Bücher verantwortlich ist. Außerdem muss ich Lorraine Freeney danken, die den Klappentext für "Megan Malone und der Tote im Teich" geschrieben hat. Ich habe beim Lesen durchgehend gelacht, der Text ist einfach unglaublich gut. <3

Und wie immer bin ich meiner Familie zu tiefstem Dank verpflichtet, denn sie hat mir dabei geholfen, die Zeit und den nötigen Freiraum zum Schreiben zu finden. Dasselbe gilt für meine Schreibgruppe War Room, die sichergestellt hat, dass ich meine Zeit auch sinnvoll nutze. Ihr seid alle die Besten!

Kapitel eins

Lou MacDonald trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasserhindernis. Während sein Körper langsam im Teich versank, blähte sich sein pinkfarbenes Hemd mit Luft auf.

Eine verblüffte Stille legte sich über die kleine Gruppe auf dem Hügel, die ihn dort im Wasser gefunden hatte. Es handelte sich dabei hauptsächlich um Fans: Frauen und Männer, die an diesem milden, nicht ganz verregneten Septembermorgen die Chance genutzt hatten, um dem in die Jahre gekommenen PGA-Champion Martin Walsh bei einem lockeren Spiel auf dem Grün zuzusehen. Die Leute hatten den Weltklasse-Golfer mit leisem, gut gelauntem Gemurmel beobachtet, obwohl dieser seine Blütezeit schon hinter sich gebracht hatte. Der Anblick des regungslosen Mannes ließ die Zuschauer jedoch mit einem Schlag verstummen. Die gesamte Truppe erstarrte und keiner schien in der Lage zu sein, auch nur darüber nachzudenken, was in so einer Situation zu tun war.

Gänsehaut kroch über Megan Malones Rücken und Arme. Sie gehörte nicht einmal wirklich hierher. Sie war bloß Martin Walshs Angestellte und dazu angeheuert, ihn und seine Frau die zehn Tage lang zu chauffieren, die das Paar in Dublin verbrachte. Sie wusste so gut wie gar nichts über Golf, aber nachdem sie Martins Frau Heather auf ihrem Golfplatz weiter nördlich auf der kleinen, flachen Insel in der Bucht von Dublin abgesetzt hatte, hatte Martin Walsh sie dazu eingeladen, ihn auf den Golfplatz zu begleiten. Da Megan es grundsätzlich vorzog, sich die Beine zu vertreten, anstatt stundenlang untätig im Auto zu sitzen, hatte sie die Einladung gern angenommen. Ihre schwarz-weiße Chauffeurs-Uniform wies sie zwar ganz eindeutig als Personal aus, aber für Walshs Fans stieg sie durch die Tatsache, dass sie für den Golfer arbeitete, offenbar in eine Art geheime Liga auf, von der seine Anhänger nicht einmal zu träumen wagten. Die Gruppe hielt daher respektvoll Abstand zu ihr.

Der Caddie, der Walsh um einen ganzen Kopf überragte, behandelte sie freundlich, ganz besonders nachdem Megan angeboten hatte, ihm mit den Schlägern zu helfen. Damit hatte sie sich zwar bei ihm beliebt gemacht, doch er hatte ihr Angebot dennoch abgelehnt, und da es sein Job war, an Walshs Seite zu sein, danach nicht mehr viel mit ihr geredet. Also war Megan den Fans gefolgt und hatte sie dabei eher von außen beobachtet, anstatt selbst Teil der Gruppe zu sein. Nicht, dass sie sich daran gestört hätte. Sie liebte ihren Job als Fahrerin unter anderem deshalb, weil sie dadurch einen Einblick in das Leben anderer Menschen bekam.

In der Regel endeten diese Einblicke allerdings nicht damit, dass ein Mann mitten in einem der kniffligsten Wasserhindernisse Irlands trieb.

Lou MacDonald war ein großer, freundlicher Mann gewesen, nicht so enthusiastisch wie die Fans und zugänglicher als die Caddies. Er hatte im Clubhaus mit Megan geplaudert und fasziniert nachgefragt, wie eine Amerikanerin dazu kam, in Irland als Limousinenfahrerin zu arbeiten. Megan hatte ihm die Kurzfassung erzählt: Sie hatte durch ihren Großvater die Staatsbürgerschaft erhalten und dadurch konnten die Iren sie nicht mehr so einfach loswerden. Er hatte gelacht und sie hatte ihm angeboten, ihm die ganze Geschichte zu erzählen, während sie über das Grün spazierten. Daraufhin hatte MacDonald abgewinkt, ihr aber gleichzeitig versprochen, sich der Gruppe an den letzten Löchern anzuschließen, sollte es bis dahin ein wenig wärmer geworden sein. Er hatte gesagt, er würde es ansonsten vorziehen, mit einem Glas Whiskey im Warmen zu sitzen, anstatt an einem nebligen irischen Morgen über das feuchte Gras zu stapfen.

Es schien völlig unmöglich, dass er in einem Teich ertrunken war, wenn sie ihn doch weniger als zwei Stunden zuvor in dem gemütlichen Clubhaus zurückgelassen hatten. Doch hier war er und versank unter den entsetzten Blicken der Fans immer tiefer im Teich.

Megan stürzte auf das Wasser zu, sprang über das niedrige, überstehende Ufer und beugte die Knie, um sich beim Aufprall in den potenziellen Untiefen nicht zu verletzen. Eiskaltes Wasser spritzte ihr entgegen. Der Teich war tiefer, als sie erwartet hatte, und reichte ihr bis an die Brust, sodass sogar ihr BH nass wurde. Sie keuchte, richtete sich auf und kämpfte sich durch das hüfthohe Schilf, das von der Oberfläche aus kaum zu erkennen war. Hinter ihr ertönte ein weiteres Platschen. Offenbar hatte ihre Aktion die anderen aus ihrer Starre geweckt. Jemand rief mit dem Handy um Hilfe, doch als Megan Lous regungslose Gestalt erreichte und ihn auf den Rücken drehte, befürchtete sie, dass es dafür bereits zu spät war. Seine Gesichtsmuskeln waren schlaff und seine Haut war kalt. Megan tastete trotzdem nach seinem Puls, und als sie keinen fand, drückte sie das Ohr an seine Brust, nur für den Fall, dass dort ein letztes hoffnungsvolles Pochen seines Herzens zu hören war.

Martin Walsh kämpfte sich an ihre Seite vor, das Gesicht zu einer gequälten Grimasse verzogen. »Er ist … er kann nicht …« Er tastete nach Lous Puls, so wie Megan es getan hatte, doch im Gegensatz zu ihr ließ er die Hand des leblosen Mannes sofort wieder fallen und sah aus, als müsste er sich übergeben. Martin Walsh war nicht groß, aber kräftig genug, um einen Ball meilenweit über den Golfplatz zu schlagen – zumindest hatte es für Megans ungeschultes Auge so ausgesehen. Er war sportlich gebaut, für einen angenehm warmen Tag auf dem Golfplatz gekleidet und zitterte wie ein verängstigtes Tier. Rund um seine braune Iris war das Weiß in Walshs Augen deutlich sichtbar und seine Lippen nahmen bereits eine bläuliche Farbe an. »Es ist doch noch nicht einmal eine Stunde her, seit wir uns von ihm verabschiedet haben! Er kann noch nicht so kalt sein!«

»Das liegt am Wasser.« Obwohl die irischen Gewässer Mitte September meist am wärmsten waren, war die Temperatur des Teichs beinahe unerträglich. Die Kälte hatte sich bereits durch Megans Oberschenkelmuskulatur gefressen und sog die Wärme regelrecht aus ihrer Körpermitte heraus. Während sie bis zur Hüfte im betäubend kalten Wasser stand, spürte sie, wie der Schlamm vom Grund des Teichs über ihre Schuhe kroch. Es fühlte sich trügerisch warm an. Sie biss auf ihre Unterlippe, starrte Lou an und fasste einen Entschluss. Sie griff nach seinem Arm und watete mit ihm im Schlepptau zurück zum Ufer.

»Megan, was tun Sie? Was tun Sie?« Martin kämpfte sich hinter ihr durchs Wasser und schlug dabei Wellen, die Megan überholten. »Er ist tot! Sollten wir seine Leiche nicht dort lassen, wo wir sie gefunden haben, bis die Polizei kommt?«

»Vielleicht ist er noch gar nicht tot. Kaltes Wasser kann den Metabolismus durch einen Schock herunterfahren. Ich will versuchen, ihn wiederzubeleben, und das ist an Land sehr viel einfacher. Holen Sie etwas Warmes. Nehmen Sie den Leuten ihre Mäntel ab. Es gibt ein …« Sie erreichte das seichtere Wasser und drehte sich um, damit sie ihn unter den Achselhöhlen packen und den restlichen Weg an Land zerren konnte.

Lou MacDonald war bereits zu Lebzeiten kein leichter Mann gewesen, und nun, da sich seine Klamotten mit Wasser vollgesogen hatten und sein schlaffer Körper regungslos in Megans Armen hing, hätte sie schwören können, dass er eine Vierteltonne wog. Als sie mit dem Fuß auf dem überhängenden Rand des Teichs ausrutschte, brach ein Stück sandiger Erde ab und platschte ins Wasser. Beinahe hätte Megan Lous Körper aus ihrem Griff verloren. Sie bleckte die Zähne und atmete schwer vor Konzentration, als sie einen weiteren Versuch wagte. Sie machte einen großen, unbeholfenen Schritt nach hinten und versuchte, Lou nach oben zu ziehen. Ihr Rücken schmerzte und ihr Herz schlug so schnell, dass ihre Sicht verschwamm. Schwankend schüttelte sie den Kopf, doch sie war sich selbst nicht sicher, ob sie damit Ich kann das nicht oder Ich werde nicht aufgeben sagen wollte.

Martin war inzwischen beinahe grün vor Entsetzen. Dennoch schnappte er sich die Beine des regungslosen Mannes und hob ihn an, während Megan den Großteil des Gewichts rückwärts zerrte. Beim zweiten Anlauf gelang es ihnen, Lou ans Ufer zu befördern. Martin sprang regelrecht aus dem Wasser und Megan plumpste auf ihr Hinterteil, ehe sie sich auf Hände und Knie aufrichtete, um Lous Kopf zur Seite zu drehen. Sie schob die Finger in seinen Mund, bekam die Zunge zu greifen und richtete sie gerade aus, damit er nicht daran ersticken konnte. Wasser floss aus seinem Mundwinkel und Megan hörte, wie sich Martin ein paar Schritte hinter ihr ins Gras übergab.

»Hier, nehmen Sie.« Einer der Zuschauer trat vor und reichte ihr seinen Mantel. Mehr Leute folgten und begannen, in einem zunehmend lauten, chaotischen Stimmengewirr ihre Hilfe anzubieten.

Schließlich ergriff eine matronenhafte Frau das Wort. »Legen Sie die Mäntel aufeinander auf den Boden und streichen Sie sie glatt. Sie da und Sie da, helfen Sie der Frau, den Körper auf die Mäntel zu heben!«

Um sie herum gehorchten die Leute artig und selbst inmitten der Krise flammte ein winziger Funke Humor in Megans Brust auf. Offenbar war niemand hier in der Lage, sich der strengen Stimme einer irischen Mammy zu widersetzen. Ein paar Sekunden später hatten sie Lou auf die Mäntel verfrachtet. Megan kroch ebenfalls auf den Haufen und übte Druck auf Lous Brustbein aus, in der Hoffnung, dadurch das Wasser aus seiner Lunge zu pumpen. Die Mäntel waren ein gutes Stück wärmer als das feuchte Gras und Megan wurde plötzlich bewusst, wie kalt ihr selbst eigentlich war.

Jemand mit einem blumig duftenden Parfum und langen, lackierten Fingernägeln berührte Megans Schulter. »Lassen Sie mich Ihnen helfen, diese nasse Jacke auszuziehen«, sprach die Person sanft.

Megan nickte, während sie weiterhin versuchte, das Wasser aus Lous Lunge zu zwingen. Zwischen den Stößen zog die Frau Megan ihre Chauffeursjacke aus und legte ihr stattdessen einen wärmenden wattierten Wintermantel um die Schultern. Ein heftiger Schauder bahnte sich seinen Weg von Megans Bauchgegend durch ihren gesamten Körper. Sie schlüpfte in die Ärmel des Mantels und wünschte, sie könnte lange genug aufhören, um sich ihr nasses Hemd auszuziehen. Allerdings war, abgesehen vom ersten Schwall, bisher kein weiteres Wasser aus Lous Mund gekommen. Megan konnte keine Verzögerung riskieren, denn im Kampf um Leben und Tod war jede Sekunde kostbar.

Obwohl nicht mehr als eine, vielleicht zwei Minuten vergangen sein konnten, fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. »Es kommt kein Wasser mehr raus«, sagte jemand.

»Das ist mir bewusst«, zischte Megan.

Ein anderer Zuschauer wiederholte die Worte und langsam dämmerte Megan, was die Aussage bedeutete.

Als sie Lous Kopf zur Seite gedreht hatte, war nur eine kleine Menge Wasser aus seinem Mund gekommen. Sie war seitdem nicht imstande gewesen, mehr Flüssigkeit aus ihm herauszupumpen, obwohl sie die nötigen Muskeln dazu besaß und außerdem professionell für solche Dinge ausgebildet war. Die Erschöpfung nahm mit einem Schlag überhand und Megan sank neben Lous Körper zusammen. Erst jetzt sah sie das Blut unter seinem Kopf, das sich durch das hellblaue Innenfutter eines Mantels fraß.

Megan biss die Zähne zusammen und griff nach dem Handy, das sie in ihrer inneren Brusttasche trug. Für die Dauer eines Herzschlags flammte Panik in ihr auf: Das Telefon war nicht dort, wo es sein sollte. Allerdings galt dasselbe auch für die gesamte Innentasche, denn anstelle ihrer Chauffeursjacke trug Megan den Wintermantel einer fremden Person. Sie sah sich um. Ein gutes Dutzend besorgter und schockierter Menschen, vielleicht sogar mehr, hatten sich um sie und die Leiche versammelt. Zu ihnen zählte auch die Frau mit dem Nagellack, die Megan die nasse Jacke ausgezogen hatte. Die Frau hielt diese noch immer in den Händen und drückte den nassen Stoff an ihre Brust. Megan hob die Hand und winkte ihr. Die Frau fuhr überrascht zusammen, presste die Jacke fester an sich und sah sich um, als würde sie sich fragen, was Megan von ihr wollte. Dann wurde ihr offensichtlich bewusst, dass sie das, was Megan wollte, in den Händen hielt, und sie reichte ihr die Jacke zurück. Obwohl der schwarze Stoff die Wasserflecke im grauen Morgenlicht gut verbarg, konnte Megan erkennen, dass ihr Jackett trotz ihres waghalsigen Sprungs nur bis Rippenhöhe nass geworden war. Ihr Handy war hoffentlich verschont geblieben. Und tatsächlich: Das Telefon ließ sich ohne Probleme anschalten und Megan seufzte erleichtert auf. Sie öffnete ihre Kontaktliste und tippte auf den Namen, den sie gesucht hatte. Dann schloss sie die Augen und hielt sich das Handy ans Ohr.

»Detective Bourke? Hier spricht Megan Malone. Ich habe gerade eine Leiche gefunden.«

Kapitel zwei

Streng genommen lag der Royal Dublin Golf Club, der sich etwa acht Kilometer – also fünf Meilen – nordöstlich der Pearse Street Garda Station befand, nicht mehr in Detective Paul Bourkes Zuständigkeitsbereich. Allerdings hatte Megan Bourke vor drei Monaten kennengelernt, als sie nach dem Mord an einer ihrer Kundinnen in seine Ermittlungen verwickelt worden war. Demnach war er der einzige Polizeibeamte, den sie gut genug kannte, um ihn anzurufen. Ehrlich gesagt war er der einzige Polizeibeamte, den sie überhaupt kannte. Und da sie ohnehin keine Ahnung hatte, welche Polizeidienststelle für Bull Island, die Insel, die in der Bucht von Dublin lag, zuständig war, erschien ihr Bourke in diesem Moment die beste Wahl zu sein.

Kaum eine halbe Stunde nach Megans Anruf erschien Paul Bourke auf dem Golfplatz. Inzwischen waren bereits andere Gardaí am Tatort aufgetaucht. Vermutlich hatte Bourke sie selbst informiert und höchstwahrscheinlich kamen sie von jener zuständigen Dienststelle, die Megan eigentlich hätte anrufen sollen. Jedenfalls war er der erste Polizeibeamte, der in Zivil eintraf. Der präzise Schnitt seines eng anliegenden Anzugs biss sich allerdings ein wenig mit den wadenhohen grünen Gummistiefeln, mit denen er versuchte, seine Füße trocken zu halten. Über dem Anzug trug er einen Trenchcoat, und als er über das Grün auf sie zukam und der Wind sein rotblondes Haar zerzauste, erinnerte er Megan ein wenig an einen Doctor Who mit fragwürdigem Schuhgeschmack. »Ms. Malone«, begrüßte er sie, und in seiner Stimme lag ein Hauch von Ungläubigkeit.

Megan drehte die Handflächen hilflos nach oben. »Ich weiß. Ich verstehe auch nicht, wie das schon wieder passieren konnte.« Ein paar Sekunden lang sahen sie einander schweigend an und Megan erinnerte sich bildlich daran, wie die Restaurantkritikerin Elizabeth Darr vor ein paar Monaten unter mysteriösen Umständen direkt vor ihren Füßen gestorben war. Bourke dachte offenbar an denselben Vorfall, denn er seufzte tief, und Megan hob erneut die Hände. »Dieses Mal kannte ich das Opfer aber nicht. Macht das die Sache besser?«

»Nicht wirklich«, erwiderte Bourke in leicht säuerlichem Tonfall. »Sie haben am Telefon gesagt, dass Sie einen Mord vermuten. Wie kommen Sie darauf?«

»Er hatte kein Wasser in der Lunge.« Megan sah zu der Stelle, an der die Sanitäter MacDonalds Leiche in den Krankenwagen verladen hatten. Es waren noch immer tiefe, breite Reifenspuren im Gras zu erkennen. »Ich dachte, er könnte vielleicht noch am Leben sein. Durch das kalte Wasser hätte er einen Kälteschock erlitten haben können. Deshalb habe ich ihn ans Ufer gezogen und versucht, das Wasser aus seiner Lunge und seinem Magen zu pumpen, aber dort war keine Flüssigkeit. Und ich weiß, wie man eine Herz-Lungen-Reanimation korrekt durchführt.« Sie warf Bourke einen Blick zu und er nickte. Immerhin hatte er selbst mitangesehen, wie sie damals versucht hatte, Liz Darr wiederzubeleben. »Falls er Wasser in der Lunge gehabt hätte, dann hätte ich es da rausgekriegt«, fuhr Megan selbstbewusst fort. »Aber da war kein Wasser. Er muss also gestorben sein, bevor er in den Teich gestürzt ist. Außerdem hat er eine Wunde am Hinterkopf. Also entweder hat er sich irgendwo den Schädel aufgeschlagen und ist dann mit dem Gesicht voran in einen Teich gefallen, dem er sich eigentlich nicht mal hatte nähern wollen – oder er wurde ermordet.«

Bourke hob die Brauen, die so blond waren, dass man sie beinahe nicht sehen konnte. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten. »Und woher wissen Sie, dass er sich dem Teich nicht nähern wollte?«

»Bevor wir auf die Anlage gegangen sind, hat Mr. Walsh ihn mir im Clubhaus vorgestellt. Als wir losgingen, sagte er, er würde lieber mit seinem Whiskey im Warmen bleiben.«

»Also haben Sie ihn gekannt.«

»Ich habe einmal mit ihm gesprochen, und das war vor zwei Stunden.« Megan richtete den Blick in den Himmel, als würde sie darauf hoffen, dass die dicke Wolkendecke sich teilte und die Sonne freigab, damit sie die Uhrzeit einschätzen konnte. »Na ja. Eher vor drei Stunden, schätze ich. Aber ich habe ihn auf jeden Fall nicht richtig gekannt.«

»Und welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?« Bourke zog ein Notizbuch mit dunkelviolettem Einband aus der Tasche seines Trenchcoats und begann, sich Notizen zu machen. Sein Stift flog über die Seiten, und die Schleifen und Unterbrechungen seiner Handschrift waren durch seine Handbewegungen deutlich zu erkennen. Bei der Ermittlung zu Elizabeth Darrs Tod hatte er in ein dunkelgrünes Notizbuch geschrieben und Megan fragte sich, ob er für jede Ermittlung eine andere Farbe benutzte. Bedeutete das, dass er mehrere Bücher auf einmal mit sich herumtrug?

»Er wirkte ziemlich nett. Hat sich offenbar mit jedem Menschen, den er getroffen hat, gern unterhalten, ganz wie ein typischer Ire.« Megan hielt inne und schürzte die Lippen. Für einen Moment hatte sie vergessen, dass sie mit einem gebürtigen Iren sprach. Allerdings lächelte Bourke nur kurz über das Klischee und bedeutete ihr mit einer Geste, fortzufahren. »Er war die Art von Mann, die schon vor dem Mittagessen ein Glas Whiskey in der Hand hat, aber er wirkte nicht betrunken. Es war ja auch nicht so, als hätte er seinen Drink runtergekippt, während wir uns unterhalten haben. Im Gegenteil, ich bin mir nicht mal sicher, dass er überhaupt davon getrunken hat. Er wollte wissen, wie es dazu gekommen ist, dass ich in Irland als Chauffeurin arbeite, aber das war auch schon alles. Wir haben uns nur ein paar Minuten lang unterhalten. Er sagte, dass er sich bei den hinteren neun Löchern vielleicht zu uns gesellen würde, sollte das Wetter sich bis dahin gebessert haben.« Erneut sah sie skeptisch zum Himmel. »Mir hat mal jemand gesagt: Das Wetter ist doch gut, die Wolken sind alle ganz hoch oben… Aber das war kurz nachdem ich hierhergezogen bin, und ich glaube, die Person hat sich damals einen kleinen Scherz erlaubt. Ich würde auf jeden Fall nicht behaupten, dass das Wetter sich gebessert hat. Aber wie dem auch sei, offenbar hat er sich dazu entschlossen, doch einen Spaziergang zu machen. Oder jemand ist auf die Idee gekommen, den Film Immer Ärger mit Bernie mit ihm nachzuspielen. Sie wissen schon, das ist diese schwarze Komödie, in der eine Leiche als lebender Mann verkleidet wird …«

Bourke notierte sich die Flut an Informationen mit stoischem Gesichtsausdruck. »Wissen Sie, in welcher Beziehung er zu Martin Walsh stand?«

Megan verzog das Gesicht zu einer ahnungslosen Grimasse. »Sie kannten sich offenbar ziemlich gut. Sie waren ungefähr gleich alt, würde ich sagen. So etwa Mitte vierzig? Auf jeden Fall nicht viel älter als Sie und ich. Martin versucht immer noch, seine letzte PGA-Tour in den Staaten zu gewinnen. So alt kann er also gar nicht sein.«

»Martin Walsh ist achtundvierzig Jahre alt«, erklärte Bourke, als wäre es kaum zu glauben, dass Megan dies nicht wusste.

»Verzeihen Sie mir, dass ich nicht auf dem letzten Stand bin, was irische Spitzengolfer betrifft«, erwiderte Megan amüsiert. »Zumindest weiß ich, wer er ist. Reicht das nicht?«

»Als Nächstes erzählen Sie mir, dass Sie Katie Taylor und Conor McGregor auch nur vom Namen her kennen«, murmelte Bourke, und Megan lachte.

»Nein. Die kenne ich. Hören Sie, ich weiß, dass das hier nicht Ihr übliches Revier ist, Detective. Also danke, dass Sie hierhergekommen sind, nachdem ich Sie angerufen habe.«

»Ich glaube nicht, dass es meinem Chef gefallen würde, wenn ich einen persönlichen Anruf über einen Mord erhalte und anschließend nicht an den Tatort fahre, also nichts zu danken. Ich sollte mich gleich an die Arbeit machen.« Trotz seiner Worte zögerte Bourke einen Moment. »Wie geht es den Welpen?«

Ein Grinsen wuchs auf Megans Zügen. »Es geht ihnen wunderbar! Dip ist inzwischen größer als Thong …«

Die Namen der Hunde ließen Bourke gequält das Gesicht verziehen und Megan musste sich ein Lachen verkneifen. Während der Mordermittlung im Fall Elizabeth Darr war sie auf einen Jack Russell Terrier gestoßen, eine Hündin, die gerade zwei Welpen zur Welt gebracht hatte. Mit seinem braunen Gesichtchen sah der Junge aus, als hätte man ihn in Schokolade getunkt, und deshalb hatte Megan ihn auf den Namen Dip getauft. Da sie, wie sie aus sicherer Quelle erfahren hatte, einen seltsamen Sinn für Humor besaß, hatte sie seine Schwester Thong genannt. Sprach man die Namen gemeinsam aus, entstand daraus Dip Thong, was einerseits an Damenunterwäsche erinnerte und andererseits ein bisschen wie das Wort Diphthong klang, das Zwielaut bedeutete. Niemand sonst fand dieses Wortspiel lustig und Megans Freundin Fionnuala, die versprochen hatte, Thong bei sich aufzunehmen, schwor, dass sie der kleinen Hündin einen anständigen Namen geben würde. Bourke teilte diese Einstellung offenbar, allerdings schien er sich ohnehin nicht sonderlich für die Welpen zu interessieren. Stattdessen war er jedoch bereits einige Male bei Megan vorbeigekommen, um das Vertrauen der Hundemama zu gewinnen.

»Übrigens sind die Kleinen inzwischen so gut wie vollständig von der Milch ihrer Mutter entwöhnt«, beendete Megan ihre Erzählung und grinste breit. »Fionn hat gesagt, dass sie Thong dieses Wochenende abholt, wenn ich mich richtig erinnere. Ich hoffe es zumindest. Meine Chefin wirft mir jedes Mal den Todesblick zu, wenn sie mich sieht. Ich dürfte eigentlich gar keine Hunde in meiner Wohnung haben.«

»Tja, vielleicht haben Sie dadurch gelernt, dass es keine gute Idee ist, wenn die Arbeitgeberin auch gleichzeitig die Vermieterin ist.« Bourke verabschiedete sich mit einem Nicken und ging, um die Zeugen zu befragen.

»Die Wohnung war ein richtiges Schnäppchen!«, rief Megan ihm hinterher, als müsste sie sich verteidigen, dann murmelte sie halblaut: »Das ergibt doch keinen Sinn. Ich wusste ja nicht, dass ich irgendwann mit einer Hündin und zwei Welpen dastehen würde, als ich den Mietvertrag unterschrieben habe …«

Detective Bourke führte ein langes Gespräch mit Martin Walsh. Der Krankenwagen verließ das Gelände und mehrere junge Angestellte des Clubs erschienen in Golfwagen. Sie sahen allesamt entsetzt drein und hielten Abstand von den Zeugen des Nachspiels von Lou MacDonalds Tod. Megan zitterte vor Kälte, doch sie wollte wissen, worüber sich Bourke und Walsh unterhielten. Unter dem Vorwand, ihren Auftraggeber nach Hause fahren zu müssen, schlich sie sich an die beiden Männer heran. Als sie in Hörweite war, begann sie, den schmalen Pfad hinter Bourke auf und ab zu stapfen, damit der Detective sie nicht sehen konnte. Außerdem hoffte sie, dass die Bewegung dabei half, wieder ein bisschen Leben in ihre mit Schlamm verklebten Füße und halb erfrorenen Schenkel zu bringen. Im Kofferraum ihres Wagens lagen zwar einige Rettungsdecken, aber um diese zu holen, hätte sie Walsh zurücklassen müssen, und dann würde sie nie erfahren, worüber sich die Männer unterhielten.

Martin hatte sich in den bodenlangen Wollmantel einer Frau gewickelt, um sich vor der Kälte zu schützen. Er sah völlig zerstört aus und warf immer wieder schnelle Blicke zu den Reifenspuren des Krankenwagens. Der Nebel hatte die hellen Haare des Golfers mit feinen Tröpfchen benetzt, und einige der feuchten Strähnen klebten an seinem runden Gesicht, wodurch er ein wenig wie ein besonders dusseliges, zotteliges Schaf aussah. »Jeder hat Lou gemocht«, sagte er nun schon zum vierten Mal, seit Megan die Unterhaltung belauschte. »Er war nicht die Art von Kerl, die sich Feinde macht. Für so einen Schwachsinn hatte er keine Zeit. Wenn du ihn nicht gemocht hast, dann war das dein Problem. Über so was hat er sich nicht aufgeregt. Ich kannte ihn, seit ich zwölf war, und in all den Jahren habe ich nur ein einziges Mal erlebt, dass Lou sich geprügelt hat.«

»Und was ist damals vorgefallen?« Offenbar wusste Bourke noch nichts von dieser Sache, denn er begann erneut, sich Notizen zu machen. Megan blieb stehen und trat stattdessen auf dem feuchten Gras auf der Stelle, um sich warm zu halten.

»Ach, wir waren damals in einer Kneipe und so ein kleines Arschloch ist auf einen Kumpel von uns losgegangen. Unser Freund ist Nigerianer und dieser Pisser hat ihn mit einem Wort bezeichnet, das ich lieber nicht wiederholen möchte. Da ist Lou aufgestanden und hat den Kerl gefragt, ob er das noch einmal sagen möchte. Der kleine Penner hat ihm eine verpasst, aber es war wie in einem Film, wissen Sie? Wenn der winzige Typ dem großen ins Gesicht schlägt, aber der Riese zuckt nicht einmal mit der Wimper? Genau so war’s. Ich habe ihn noch nie so überrascht gesehen. Er war einen Meter neunzig groß und damals noch gebaut wie ein Fass, in den letzten Jahren hat er ein bisschen abgenommen. Niemand schlägt so einem Mann ins Gesicht, schon gar nicht so ein kleines Arschloch. Also hat Lou zurückgeschlagen. Es war nur ein einziger Hieb, aber mehr war auch nicht nötig. Der Penner ist zu Boden gegangen und seine Kumpels haben ihn nach draußen gezerrt, während wir weiter unser Bier getrunken haben. Aber das ist fast dreißig Jahre her und es war eigentlich nicht mal eine richtige Prügelei.«

Bourke nickte, als würde alles einen Sinn ergeben. »Und er hat ebenfalls gegolft?«

Unter dem Wollmantel zitterte Martin vor Kälte. Er zuckte mit den Schultern. »Sie hätten ihn mal sehen sollen, als wir noch Teenager waren. Mit diesen Schultern hätte er einen Ball so weit schlagen können, dass man das Ding nie wieder gesehen hätte, vorausgesetzt, er hätte getroffen. Aber seine Frau war leidenschaftliche Golferin und er hat ihretwegen auch damit angefangen. Durch die Spiele mit ihr ist er zu einem ziemlich guten Golfer geworden, vielleicht sogar besser als ich, auch wenn er nie so ambitioniert war. Wir wollten dieses Jahr zusammen um die Wildcard beim Ryder Cup spielen …« Der Schmerz kroch über Martins Gesicht und in Verbindung mit der Kälte schienen dem Golfprofi beinahe die Tränen in die Augen zu steigen. »Ich schätze, ich bin jetzt auf mich allein gestellt.«

Detective Bourke sah sich um. Sein Blick wanderte zu Megan – offenbar war sie doch nicht so unauffällig gewesen –, dann weiter zu Walshs Entourage, die noch immer von den Gardaí verhört wurde, und schließlich zurück zu Martin Walsh selbst. »Sie und Ms. Malone begeben sich am besten zurück zum Clubhaus und wärmen sich auf. Ich möchte mich dort noch weiter mit Ihnen unterhalten, aber es gibt nichts, was wir hier im Wind und Nebel besprechen müssen, vor allem, da Sie beide völlig durchnässt sind.«

»Oh, Gott sei Dank!«, brach es aus Megan hervor und sie eilte gemeinsam mit Walsh zu einem Golfwagen, der von seinem Fahrer vor einer Weile verlassen worden war. Als der junge Mann sie sah, kam er sofort zu seinem Gefährt zurückgelaufen, zog eine dicke Wolldecke hervor und bot sie Megan und Walsh an.

»Möchten Sie, dass ein Hot Toddy oder ein Kaffee im Clubhaus für Sie bereitsteht?«, fragte er besorgt. »Ich kann anrufen und Bescheid sagen.«

»O Gott, ja«, entfuhr es Walsh. »Einen Kaffee, so stark wie möglich.« Er zog die Decke fester um sich.

Megan nickte dem Fahrer zu, der offenbar glücklich darüber war, helfen zu können. Während sich Megan und Martin unter der Decke wärmten, rief er im Clubhaus an, setzte sich hinter das Lenkrad und fuhr los.

»Im Club gibt es eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner«, sagte Walsh zähneklappernd. »Dort können sie uns wieder frisch machen.«

Megan wurde von einem unkontrollierbaren Zittern ergriffen, kicherte aber dennoch. »Ich befürchte, dass es gegen die Kleidervorschriften verstößt, wenn ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehe, Mr. Walsh.«

»Ich denke, in diesem Fall werden sie eine Ausnahme machen«, erwiderte Walsh trocken und wandte sich erneut dem Fahrer zu. »Denken Sie, dass es dort Bademäntel oder Pantoffeln gibt, Junge? Ich weiß, es ist kein Hotel, aber …«

»Man wird Ihnen trockene Kleider aus dem Shop bringen, Sir«, erwiderte der Fahrer schnell. Offenbar war das Thema unter den Angestellten bereits besprochen worden. »Wir waren uns nicht sicher, wie viele Leute nass geworden sind und Kleidung benötigen, aber es gibt dort auf jeden Fall Oberteile und Shorts.« Er warf Megan über die Schulter hinweg einen besorgten Blick zu. »Ich weiß allerdings nicht, ob es dort lange Hosen oder sonst etwas gibt, das Ihnen passen könnte, Ma’am …«

»Wenn die Leute im Club ausnahmsweise über ein schlecht sitzendes Polo-Shirt mit Shorts hinwegsehen können, komme ich zurecht«, versprach Megan. Der Fahrer schenkte ihr ein erleichtertes Lächeln und schwieg für den Rest der kurzen Fahrt zum Clubhaus, womit alle Beteiligten einverstanden waren.

Im trüben Nachmittagslicht sah das rote Schieferdach des Clubhauses fast schwarz aus. Vor den sauberen, strahlend weißen Wänden des Gebäudes zeichneten sich die Gestalten der aufgeregten Angestellten ab, die dem Golfwagen entgegeneilten. Manche trugen Handtücher, andere den versprochenen Irish Coffee und ein paar von ihnen schienen bloß hier zu sein, um den craic mitzukriegen – den Unterhaltungswert der Angelegenheit. Wahrscheinlich wollten sie später erzählen können, dass sie die Sache mit eigenen Augen mitangesehen hatten.

Megan nahm dankbar ein Handtuch entgegen – offenbar hatte es jemand frisch vom beheizten Handtuchhalter genommen, denn es war noch immer angenehm warm.

»Hier entlang«, hörte sie einen männlichen Angestellten zu Walsh sagen. »Ich bringe Sie nach oben zu den Duschen, dann können Sie sich aufwärmen.«

Megan nahm einen köstlichen Schluck von ihrem heißen Irish Coffee und näherte sich dem jungen Mann. »Sie haben etwas von einer Dusche gesagt? Ich erfriere.«

Der Angestellte sah sie unsicher an. »Ähm, also, na ja, ich fürchte … Sehen Sie, die Sache ist die: Wir haben hier keine Duschen für Frauen, Ma’am.«

In Megans Magen breitete sich ein Feuer aus, das rein gar nichts mit dem Kaffee zu tun hatte. »Entschuldigung?«

»Nein, Sie müssen sich nicht entschuldigen, Ma’am, wir haben bloß keine …«

»Entschuldigung«, wiederholte Megan, dieses Mal deutlich schärfer als zuvor, »aber Sie haben mich wohl falsch verstanden. Ich habe Sie nicht um Verzeihung gebeten. Das war die höfliche Art, meine Fassungslosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Was meinen Sie bitte, wenn Sie sagen, dass es hier keine Duschen für Frauen gibt?«

»Es ist … nun, das Clubhaus ist … der Club ist … es ist sozusagen … die Mitgliedschaft …« Der junge Mann geriet ins Stocken und sah verzweifelt zu seinen Kollegen, von denen ihm allerdings keiner zur Hilfe kam. Sein Blick kehrte schließlich zu Megan zurück, doch anstatt seine Aussage zu beenden, machte er bloß den Mund auf und zu, sodass er wie ein Fisch aussah.

Megan wartete einfach, und sie spürte, wie sich ein grimmiges Grinsen auf ihren Zügen ausbreitete. Als der Junge nicht fortfuhr, ergriff sie das Wort. »Es tut mir leid, aber ich verstehe nicht, was Sie mir sagen wollen. Sie müssen es mir wohl ganz langsam Wort für Wort erklären.«

»Damen sind im Royal Dublin nicht als Mitglieder zugelassen«, wisperte der junge Mann schließlich. »Es gibt im Clubhaus also keine Einrichtungen für Frauen.«

Megan schäumte geradezu vor Wut, und als sie lächelte, trat der Angestellte einen Schritt zurück. »Ausgezeichnet«, sagte sie, nachdem er Abstand zwischen sie gebracht hatte. »Dann führen Sie uns jetzt bitte zu den Männerduschen.«

»Was?« Der junge Mann, der ohnehin bereits hellhäutig war, wurde so weiß wie ein Laken. »Was? Nein, Ma’am, ich fürchte …«

»Junger Mann«, zischte Megan durch ihr angespanntes Lächeln. »Der einzige Grund, weshalb ich Sie nicht persönlich zur Schnecke mache, ist die Tatsache, dass Sie nichts für diese abscheulichen Regeln können, die zweifelsohne aus einem anderen Jahrhundert stammen. Allerdings haben Sie sich freiwillig dazu entschieden, für eine Einrichtung zu arbeiten, in der Frauen nicht einmal als Bürger zweiter Klasse angesehen werden, sondern schlicht und ergreifend nicht existieren – und das ist zu hundert Prozent Ihre eigene Verantwortung.« Sie ließ den Blick über die anderen Angestellten schweifen. Die meisten davon sahen betroffen zur Seite. »Und das gilt für Sie alle.« Megan richtete den Blick wieder auf den unseligen jungen Mann, der beschlossen hatte, die Hausregeln bis aufs Äußerste zu verteidigen. »Ich versichere Ihnen, dass ich nicht beabsichtige, mich einfach abzutrocknen und dann darauf zu warten, dass mir irgendwann von selbst wieder warm wird, wenn es hier im Haus Duschen gibt. Wenn einer der – und ich benutze dieses Wort nur ungern – Gentlemen in diesem Club ein Problem damit hat, dann lade ich ihn herzlich dazu ein, seine antiquierten, sexistischen und frauenfeindlichen Ansichten mit der Geschäftsleitung zu besprechen.« Wutentbrannt stolzierte sie an dem jungen Mann vorbei. Wenn er ihr nicht half, würde sie die Dusche eben selbst finden. Allerdings schien er es sich anders überlegt zu haben, denn er stieß einen alarmierten Laut aus und eilte voraus, als hätte er die Situation völlig unter Kontrolle. Martin Walsh gluckste amüsiert und folgte ihnen nach drinnen.

Kapitel drei

»Lou hätte Sie gemocht«, sagte Walsh, nachdem sie geduscht hatten. Das hatten sie natürlich getrennt voneinander getan und der Golfer hatte Megan dabei den Vortritt gelassen. Nun waren sie beide abgetrocknet und angezogen. »Er fand es abscheulich, dass Frauen keine Mitglieder im Club werden können.«

»Lou fand es abscheulich?« Megan hatte Glück, dass es in Irland selbst heutzutage noch genug Männer gab, die eher klein und schmal gebaut waren. Sie hatte ein kakifarbenes Paar Hosen und ein schickes, dunkelgrünes Poloshirt im Shop gefunden, und alles in allem standen ihr die Klamotten ziemlich gut. Ihre Haare waren noch immer zu einem französischen Knoten gebunden und waren bloß ein bisschen feucht, sodass Megan sie nicht öffnen und an der Luft trocknen lassen musste. Den Umständen entsprechend fühlte sie sich also durchaus präsentabel, zumindest wenn man von ihren Füßen absah. Sie hatte ihre nassen Schuhe gegen ein Paar Socken getauscht, deren Streifen zu ihrem Shirt und ihrer Hose passten. »Und was denken Sie?«

Martin war in ein fast identisches Outfit gekleidet, bis auf die Tatsache, dass man für ihn außerdem passende Schuhe gefunden hatte. Er war in etwa einen Meter fünfundsiebzig groß und damit ohnehin ein wenig größer als Megan, aber seine Körperhaltung ließ darauf schließen, dass er die zusätzlichen Zentimeter Höhe genoss, die er durch seine Fußbekleidung gewann. »Ich bin mir nicht sicher. Ich finde, dass es großartig ist, wenn man an den alten Traditionen festhält. Es gibt nicht mehr viele Orte, an denen Männer einfach Männer sein können, ohne dass ihre Frauen hinter ihnen herrennen und sie vollmeckern.«

»Klar.« Megan schaffte es gerade noch, sich zurückzuhalten, denn sie rief sich im letzten Moment in Erinnerung, dass sie noch immer Walshs Angestellte war. Missmutig begann sie zu murmeln: »Nirgends außer in den Chefetagen, den Regierungsbehörden oder in den meisten angesehenen Sportarten, wenn man’s genau nimmt, oder …«

Walsh schien sie trotzdem gehört zu haben und zwinkerte ihr zu. Irgendwie passte die lockere Geste gar nicht zu der Tatsache, dass sein Freund nur wenige Stunden zuvor gestorben war. »Wie gesagt: Sie hätten Lou gefallen.« Er öffnete die Tür zur Umkleidekabine und hielt sie für Megan auf. Sie akzeptierte die Geste so würdevoll, wie es den Umständen entsprechend möglich war. Ein aufgewühlt wirkender Angestellter – ein anderer Mann als zuvor – erschien mit einem verzierten, mit Spitzendeckchen ausgelegten Silbertablett, auf dem zwei wundervolle, mit Schlagsahne dekorierte Kaffeegläser Irish Coffee standen.

Megan griff gierig nach ihrem Glas und stellte fest, dass das Spitzendeckchen aus echtem Stoff war und nicht wie üblich aus Papier. Dann legte sie die Finger um das heiße Glas und seufzte zufrieden, als die Wärme ihre Haut rot färbte. Walsh nahm sein Getränk ebenfalls an sich und der nervöse Kellner bedeutete ihnen, ihm zu folgen. »Hier entlang, bitte.«

Sie wurden durch eine Reihe von Fluren mit hohen Decken und dunkler Wandverkleidung in eine Bar geführt. Hier waren die Wände heller und auf den ersten Blick sah es für Megan so aus, als hätte man die Einrichtung direkt aus den 1970er-Jahren in die Gegenwart transportiert. Dem Zustand der orange-blau bezogenen Stühle nach zu schließen, handelte es sich allerdings mit ziemlicher Sicherheit um einen modernen Retrostil. Auf der einen Seite der Bar lag eine Reihe riesiger Fenster, durch die das graue Licht einen hellen Schimmer auf die dunkelbraunen Tische und den geteilten Holztresen warf. Megan und Walsh wurden zu einem Platz fernab der Fenster geführt. Megan vermutete, dass es dabei nicht nur um eine Frage der Wärme, sondern vielmehr um Diskretion ging, als wären sie zwei Füchse, die sich inmitten einer Jagdmeute versteckten.

Die Mühen waren jedoch vergebens. Kaum hatte Megan ihren Kaffee ausgetrunken, betrat Detective Bourke die Bar. Walsh erhob sich und Sorgenfalten bildeten sich in seinen Mundwinkeln. Die Schatten unter seinen Augen erschienen mit einem Mal dunkler als zuvor. »Detective Bourke. Wissen Sie schon, was vorgefallen ist?«

»Nein, leider nicht.« Bourke ließ sich nieder, schlug eines seiner langen Beine über das andere und legte das Notizbuch auf die orangefarbene Armlehne des Sessels. In einer Umgebung, in der Männer normalerweise einen Anzug trugen, sahen seine Gummistiefel noch unpassender aus. »Haben Sie sich aufgewärmt? Schickes Shirt, Megan.«

Megan rümpfte die Nase und der Detective schenkte ihr ein kurzes Lächeln. Leider war es ein professionelles, höfliches Schmunzeln und nicht sein gelegentliches charmantes Grinsen, das ihn mit einem Schlag atemberaubend attraktiv machte.

»Die Farbe steht Ihnen«, sagte er offenbar aufrichtig und öffnete dann sein Notizbuch. »Mr. Walsh, könnte ich mich für einen Moment allein mit Ms. Malone unterhalten? Es wäre mir lieber, wenn ich Ihre Aussagen separat aufzeichnen könnte.«

»Zeit für einen weiteren Kaffee.« Walsh erhob sich und ging zur Bar. Als man ihm dort den zweiten Irish Coffee servierte, sah er so dankbar aus, wie sich Megan bei ihrer ersten Tasse gefühlt hatte.

Bourke entging Megans sehnsüchtiger Blick nicht. »Brauchen Sie auch noch einen?«

»Absolut, aber ich bin noch immer im Dienst. Ich hätte nicht einmal den ersten Becher trinken sollen. Zumindest machen sie den Irish Coffee hier nicht nach Ruth Neggas Rezept.« Bourke sah sie verwirrt an und Megan grinste. »Sie hat eines dieser Videos gemacht, bei denen man einen Star von seiner privaten Seite kennenlernt. Und dort zeigt sie, wie sie Irish Coffee macht. Sie sollten sich das mal ansehen, es ist wirklich ein brillanter Clip auf YouTube.«

»Wenn darin Ruth Negga und Whiskey vorkommen, kann das Video nicht schlecht sein«, gestand Bourke. »Also, was ist da draußen passiert?«

Megan lehnte den Kopf nach hinten gegen die Sessellehne. »Ich habe nicht den blassesten Schimmer. Lou wollte uns an den hinteren neun Löchern treffen.« Sie reckte die Hände nach oben, um dem Detective zu zeigen, dass sie bloß wiederholte, was man ihr gesagt hatte. »Diese hinteren neun Löcher sind hier aber tatsächlich gar nicht hinter den anderen. Es ist nämlich offenbar die Art von Golfplatz, bei der man auf halber Strecke umkehrt, damit man nicht am anderen Ende der Insel landet und drei Meilen zurück zum Clubhaus laufen muss, wenn das Spiel vorbei ist.«

Sie richtete sich wieder auf, damit sie sehen konnte, wie Bourke auf diese Information reagierte. Der Detective hatte den Kopf gesenkt und warf ihr einen Blick zu, der sie an einen strengen Bibliothekar erinnerte, der einen über den oberen Rand seiner Brille hinweg ansah.

»Hören Sie, ich habe keine Ahnung von Golf«, murmelte sie. »Das ist alles Neuland für mich. Es hat mich eben interessiert, warum ein Mann, der keine Lust darauf hat, im Nebel herumzulaufen, uns am Ende des Golfplatzes treffen will. Aber weil diese Anlage so gebaut ist, dass man nach der Hälfte wieder umkehrt, hätte er uns eigentlich am fünfzehnten Loch getroffen, oder so. Anders gesagt: Es wäre für ihn kein langer Spaziergang gewesen.«

Der Gesichtsausdruck des Detectives erhellte sich ein wenig und er machte sich eine Notiz. Megan lehnte sich nach vorn, aber selbst wenn es ihr gelungen wäre, einen Blick auf die Seite zu werfen, wäre seine Handschrift für sie unleserlich gewesen, da die Buchstaben aus ihrer Perspektive auf dem Kopf standen.

»Ich habe ihn also erst wiedergesehen, als er bäuchlings im Teich trieb. Und diese Wunde an seinem Hinterkopf? Die habe ich gar nicht bemerkt, bis er auf dem Mantel lag und ich die Blutflecken im Stoff gesehen habe. Im Wasser war also nicht viel Blut zu sehen. Sein Gesicht war rötlich, also dachte ich, dass er ertrunken sein müsste, aber inzwischen vermute ich, dass sich das Blut in seinem Gesicht gesammelt hat. Seine Hände waren auch ein bisschen rosa gefärbt, aber weil er im kalten Wasser lag, habe ich nicht an Leichenflecken gedacht.«

»Wahrscheinlich lag es tatsächlich am Wasser. Leichenflecken bilden sich meistens erst nach ein paar Stunden, selbst wenn der Körper unter extremen Bedingungen gelagert wird – wie zum Beispiel in einem Teich mit fünf Grad kaltem Wasser.«

»Fün… Oh.« Megan schüttelte den Kopf. »Ich wohne seit über zwei Jahren hier und ich finde noch immer, dass Celsius ein miserables System zur Temperaturmessung ist. Ich finde einfach, wenn man sagen kann, dass es zweiundzwanzigeinhalb Grad sind, dann hat man zu viel Spielraum. Jedenfalls, ja, das ist ziemlich kalt. Etwa vierzig, einundvierzig Grad Fahrenheit. Auf jeden Fall kalt genug. Und er war ja auch nicht so lange in dem Teich. Das ist gar nicht möglich. Mr. Walsh hat allein gespielt, also haben wir pro Loch nicht lange gebraucht, selbst wenn man das ganze selbstdarstellerische Getue und Händeschütteln einrechnet.«

Bourke hob die blassen Augenbrauen und bedeutete Megan fortzufahren. Sie kuschelte sich tiefer in den Sessel und wünschte, sie hätte eine Decke.

Sie grinste. »Er hat seinen Fans eine gute Show geboten. Zuerst hat er seinen Plan verkündet und dann ein großes Theater darum gemacht, alle ein paar Schritte nach hinten zu schicken.« Megan senkte die Stimme. »Damit der Champion zum Schlag ansetzen konnte.« Bourke grinste erneut und Megan fuhr in ihrem normalen Tonfall fort. »Es waren nicht so viele Leute da, also wäre die Situation ohnehin nicht gefährlich geworden, denke ich. Außer er hätte den Schläger beim Ausholen aus Versehen losgelassen oder den Ball rückwärts geschlagen. Aber er wollte beim Spielen seinen Freiraum haben und es hat dem Ganzen einen gewissen Zauber verliehen. Sie wissen schon, die Silhouette des einsamen Helden auf dem grünen Hügel, wie er zum spielverändernden Schlag ausholt, dieses ganze Zeug.«

»Ich dachte, Sie interessieren sich nicht für Golf?«

»Tue ich auch nicht, aber ich liebe die Natur des Menschen und ich erkenne eine dramatische Szene, wenn sie sich vor meinen Augen abspielt. Jedenfalls, Sie können mit circa sechs Minuten pro Loch rechnen. Und wir waren auf dem Rückweg, als wir Lou entdeckt haben. Das heißt, zwischen dem Zeitpunkt, an dem wir uns im Clubhaus verabschiedet haben, und dem Zeitpunkt, an dem wir Mr. MacDonald im Wasserhindernis gefunden haben, liegt nur eine knappe Stunde. Er war zwar lange genug im Wasser, um kalt zu werden, aber ich war ebenfalls lange genug im Wasser, um kalt zu werden, und mir lief dabei noch warmes Blut durch die Adern. Wir waren an Loch fünfzehn, also musste er genug Zeit gehabt haben, um zu Fuß dorthin zu gehen, niedergeschlagen zu werden, in den Teich zu fallen und dort zu sterben. Ich schätze, er muss das Clubhaus also kurz nach uns verlassen haben, selbst wenn er den schnellsten Pfad über das Grün gewählt hat.«

»Sie haben sich Gedanken darüber gemacht.« Bourke klang leicht amüsiert und Megan hob die Hände.

»Natürlich habe ich das getan. Man findet nicht jeden Tag eine Leiche.« Als sie Bourkes Ausdruck sah, verzog sie das Gesicht. »Und auch nicht jeden Monat, schätze ich. Ich meine, Sie tun das vielleicht.«

»Es ist mein Job. Haben Sie heute Morgen noch etwas bemerkt, als Sie da draußen waren? Ich meine abgesehen von dem toten Mann. Hat sich in der Gruppe jemand auffällig verhalten? War einer der Caddies schlecht gelaunt?«

»Das sind sehr suggestive Fragen, Detective. Dürfen Sie das überhaupt so formulieren?«

»Nein, und genau das ist das Problem, wenn man eine Person befragt, die man kennt und von der man weiß, dass sie nicht für den Vorfall verantwortlich ist. Also, haben Sie was gesehen?«

Megan schüttelte den Kopf. »Ich habe kurz mit dem Caddie gesprochen, als wir rausgegangen sind. Er war ziemlich förmlich, aber nett. Ich wusste nicht, dass es ein Teil des Jobs ist, vorzugehen und nachzusehen, wo der Ball tatsächlich gelandet ist. Das hat er heute Morgen aber nur an ein paar Löchern gemacht, ehe Mr. Walsh sagte, es wäre albern, sich die Mühe zu machen. Weil er doch allein gespielt hat und niemand hinter uns drangekommen ist.« Megan lächelte amüsiert. »Ich konnte sehen, dass das dem Caddie nicht wirklich gefallen hat. Als würde Walsh versuchen, sich als ein Mann des Volkes darzustellen, wissen Sie? Ich schätze, er wollte damit wahrscheinlich die anwesenden Damen beeindrucken. Das hat auch funktioniert.«

»Ach ja?«

»Oh, Sie wissen schon. Sie sind doch inzwischen ein paarmal mit Niamh ausgegangen, oder? Dann haben Sie ja erlebt, wie die Leute sind, wenn es um Prominente geht. Immer wenn eine Berühmtheit irgendetwas annäherungsweise Normales tut, sind alle sofort ganz aus dem Häuschen.«

Bourkes Mundwinkel zuckten amüsiert. »Ich hatte nicht erwartet, dass ich einmal zum Topthema der sozialen Medien werden würde. Aber jemand hat ein heimliches Foto von uns gemacht, als sie sich einen Smoothie gekauft hat. Danach wollte jeder wissen, wer der Kerl an ihrer Seite war. Also ja, ich schätze, ich weiß, was Sie meinen.«

»Es war allerdings ein gutes Bild von Ihnen.«

Bourke sah leicht entsetzt aus. »Haben Sie es gesehen?«

»Nun, es war das Topthema in den sozialen Medien.« Megan grinste breit. Vor ein paar Monaten hatte sie Bourke und ihre Freundin, die aufstrebende Filmschauspielerin Niamh O’Sullivan, bei einem Telefonat furchtbar in Verlegenheit gebracht. Inzwischen hatten sich die beiden genug von der Blamage erholt, um miteinander auszugehen – eine Tatsache, die Megan entzückte, und das brachte sie auch gern zum Ausdruck. »Ihnen haben bloß noch Dip und Thong gefehlt. Dann wäre es das perfekte Familienfoto gewesen.«

»Wir kommen vom Thema ab«, sagte Bourke streng. »Bitte beschreiben Sie, was Sie heute Morgen auf dem Grün erlebt haben, Ms. Malone.« Es gelang ihm, einen ernsten Tonfall mit einer gewissen Leichtigkeit zu verbinden.

Megan richtete sich auf, sammelte sich und schloss die Augen, damit sie sich die Geschehnisse besser in Erinnerung rufen konnte. »Ich habe die meiste Zeit über ein wenig Abstand zur Gruppe gehalten«, gestand sie. »Ich war dichter am Caddie als an der Gruppe. Die Fans dachten auf jeden Fall, dass ich zu Walsh gehöre. Eine Frau hat sich sogar an mich herangeschlichen und gefragt, ob ich schon lange mit Mr. Walsh zusammen wäre. Ich meine, sie muss doch wissen, dass er verheiratet ist, oder? Ich weiß auch nicht, vielleicht war es ihr auch egal. Sie war ziemlich begeistert, als ich ihr gesagt habe, dass ich nur seine Fahrerin sei. Ich dachte, das wäre offensichtlich, ich meine …« Sie deutete auf ihre Kleidung, doch dann erinnerte sie sich daran, dass sie nicht länger ihre Chauffeurs-Uniform trug. Megan schlug die Augen wieder auf und zuckte demonstrativ mit den Schultern.

Bourke erwiderte ihren wortlosen Kommentar mit einem kurzen Nicken und Megan richtete den Blick auf die Szenerie vor dem Fenster. Es war ein perfekter Ausblick auf das Grün und sie konnte sich gut vorstellen, dass es an einem Sonnentag wirklich wunderschön sein musste. Selbst an diesem Tag, an dem dichter Nebel und eine dicke Wolkendecke über dem Golfplatz hingen, strahlte die Landschaft eine gewisse Ruhe aus, die einem ein Gefühl von Gelassenheit vermittelte, auch wenn das nicht ganz zu der Tatsache passte, dass gerade ein Mann da draußen gestorben war.

»Ich glaube, Martin hat jedem mindestens einmal die Hand geschüttelt. Er war voll dabei und hat es richtig genossen, ein Promi zu sein. Eine der Frauen – nicht die mit den Fingernägeln …«

Fragend hob Bourke seinen Stift ein paar Zentimeter an.

»Die Frau, mit der ich gesprochen habe, die, die mir ihren Mantel geborgt hat, die hatte tolle Fingernägel. Etwa zweieinhalb Zentimeter lang, spitz gefeilt, mit orangefarbenem Shellac und goldenem Glitzer.« Sie sah auf ihre eigenen Hände hinab. Ihre Nägel waren kurz, gepflegt und mit einem unauffälligen Klarlack lackiert. »So was würde ich auch gern tragen, aber ich hätte ständig Angst davor, mir alle fünf Minuten die Nägel abzubrechen. Jedenfalls, eine andere Frau hat Martin gefragt, ob er ihr mit ihrem Aufschwung helfen kann. Sie hat ganz offensichtlich versucht, direkt auf dem Grün mit ihm auf Tuchfühlung zu gehen, aber er hat sie charmant abgewiesen und hat allein weitergespielt. Es hat schon etwas, ihm zuzusehen. Obwohl ich keine Ahnung von Golf habe, war es deutlich, dass ich einen Experten beobachte. Er war die ganzen Front Nine – sagt man so dazu? – unter Par, abgesehen von ein paar schlechten Schüssen am Anfang. An diesen Löchern hat er nur Par gespielt.« Megan rollte mit den Augen. » Schlechte Schüsse. Als könnte ich es besser. Aber mir ist aufgefallen, dass er nicht zufrieden damit war. Er hat eine Weile lang dagestanden und dem Ball nachgesehen, dann ist er zurückgekommen und hat mit seinen Fans über etwas namens Slice oder Hook gesprochen, bevor er sich zum nächsten Loch aufgemacht hat. Jemand – es war ein Kerl – hat einen solchen Schlag erwähnt, der Martin wohl vor ein paar Jahren bei einem Turnier passiert ist. Walsh war höflich, aber er hat ein wenig verärgert gewirkt. Später habe ich gehört, wie jemand gesagt hat, dass dieser Vorfall damals wohl der Anfang vom Ende von Walshs Profikarriere gewesen ist, zumindest was die nennenswerten Erfolge betrifft.«

Megan sah mehr als nur ein wenig sehnsuchtsvoll zur Bar, an der Martin seinen zweiten Irish Coffee trank. Dann seufzte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf Bourke.

»Danach ist er mit dem Caddie ein bisschen weiter vorgegangen. Ich bin bei den Leuten geblieben, um den Gesprächen der Fans zu lauschen. Jeder von ihnen schien alles über Walsh zu wissen, und der Kerl, der zuvor nach dem Turnier gefragt hatte, behauptete, damals wäre eine Schulterverletzung der Grund für den Slice gewesen. Darauf sagte eine Frau, sie wüsste, dass Walsh seither zur Physiotherapie gehe. Anscheinend haben ihm die Behandlungen großteils geholfen, aber manchmal würde die alte Verletzung ihm noch immer Probleme bereiten, ganz besonders dann, wenn er sich an einem kalten Morgen wie dem heutigen nicht richtig aufwärmt. Ich würde es hassen, berühmt zu sein. « Sie sah ihn fragend an. »Können Sie sich vorstellen, wie es wäre, Ihr ganzes Leben so zu leben? Mit so vielen Fremden, die alles über Sie wissen?«

»Manche Leute finden so was toll«, erwiderte Bourke. »Was ist danach passiert?«

»Ich kann mich an keine weiteren schlechten Schläge nach Loch vier erinnern, also wurde es mit der Zeit ein wenig eintönig. Die Gruppe hat immer wieder Ohh! und Ahh! gerufen und Walsh hat sich in der Aufmerksamkeit gesonnt. Und er hat mit seinen großen, braunen Augen immer wieder mit den Damen geflirtet. Dann sind wir über den Hügel zu Loch fünfzehn gegangen und haben MacDonald im Wasserhindernis gefunden. Im ersten Moment sind alle erstarrt. Vorübergehend dachte ich, Walsh würde das Bewusstsein verlieren. Ich bin ins Wasser gesprungen und da kam mir die Idee, dass es sich vielleicht nur um einen Kälteschock handelt – an dem Punkt hatte ich die Kopfverletzung noch nicht gesehen –, also habe ich ihn ans Ufer gezogen. Martin hat mir geholfen, aber er hat sich hinterher übergeben. Und dann habe ich realisiert, dass MacDonald nicht ertrunken sein konnte …« Megan spreizte die Hände. »Also habe ich Sie angerufen.«

Bourke schloss sein Notizbuch und seufzte auf eine eher unprofessionelle Art und Weise. »Das ist so ziemlich das, was die anderen auch gesagt haben. Der Golfplatz hat inzwischen geschlossen und wir haben Leute auf der Brücke und dem Damm platziert, also kann zumindest niemand die Insel verlassen. Ich werde jeden auf dem Gelände befragen, aber bis jetzt stimmen die Geschichten der Leute, die mit Ihnen auf dem Golfplatz waren, alle überein.«

»Dürfen wir die Insel verlassen, wenn wir befragt worden sind?« Megan warf wieder einen Blick aus dem Fenster und sah sich dann nach einer Uhr um. »Mr. Walsh hat morgen ein echtes Spiel, wenn er sich dazu bereit fühlt. Außerdem muss ich seine Frau am St. Anne’s abholen.«

»Dem Krankenhaus?« Bourke sah überrascht aus.

»Nein, dem Golfplatz! Dem anderen Golfplatz!«

»Oh.« Bourke schüttelte sich. »Das ergibt deutlich mehr Sinn. Das Krankenhaus wurde geschlossen, als ich ein Kind war.«

»Nur weil Sie wie der Doktor aus Doctor Who aussehen, bedeutet das nicht, dass Sie durch die Zeit reisen können, Detective.«

Absolute Begeisterung breitete sich auf Bourkes Gesicht aus. »Tue ich das?«

»Na ja, wenn Sie dieses Outfit tragen, dann schon, finde ich. Meiner Meinung nach runden die Stiefel den Look irgendwie ab. Also dürfen wir gehen, wenn wir fertig sind? Wobei – bis meine Uniform nicht trocken ist, kann ich nirgendwohin fahren. Orla würde mich bei lebendigem Leib häuten.« Megan verzog das Gesicht und machte eine Geste, die aussah, als würde sie die Sorgen wortwörtlich über die Schulter werfen. »Das wird sie sowieso tun. Nach der Sache mit Elizabeth Darr war sie schon halb davon überzeugt, dass ich ein Fluch für den Leprechaun Limousine Service