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Marina Bianchi macht sich mit ihrem kleinen Cinquecento auf nach Italien, um dort ihre Schwiegerfamilie zu besuchen.Doch nicht nur die Fahrt nach Dolcedo, welches direkt an der malerischen Blumenrivera liegt, ist voller Tücken und Turbulenzen, sondern auch bei den Bianchis selbst ist schon lange nichts mehr so wie es mal war. Sogar der Neffe Marinas, interessiert sich inzwischen mehr für die Röcke der Mädchen als seiner Mutter lieb sein kann. Eben diese neu entdeckte Leidenschaft verführt Bruno zu allerhand Unfug. Der eingeschalteten Polizei von Dolcedo schwant ein böser Verdacht, denn eine attraktive Teilnehmerin eines Selbsterfahrungsseminars ist scheinbar spurlos verschwunden. Als Marina und ein alte Schulkameradin schließlich auch noch beim Baden im Rio dei boschi zufällig gewisse Spuren entdecken, erhärtet sich der Verdacht auf ein grausiges Verbrechen.
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gela La Vigna
MOLINOS MERENDA
Der erste Dolcedo Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Impressum neobooks
Mit der zunehmenden Vibration wanderte der Saxofonkoffer aus dem Rücksitzbereich des Fiat Cinquecento treffsicher zwischen den Kopfstützen Richtung Windschutzscheibe. Marina versuchte sich dessen interruptären Angriffen zu erwehren.
Das Plastik-Riesenauto unter dem Instrumentenkoffer bot offensichtlich nur wenig Halt für den Rest der Ladung. Flaschen vom Oktoberfestbier erklangen wenig erbaulich, wenn sie sich bei eventuellen Straßenunebenheiten begegneten. Der unerwünscht eindringende Fahrtwind ließ Marinas zunächst seitlich platzierte Sommerkleider seitenfensternah nach vorne flattern, so dass man durchaus von einer temporären Sichtbehinderung ausgehen konnte.
Was musste auch diese blöde Kühlung nicht funktionieren.
Besser sie hätte Querflöte gelernt, statt Saxofon, der Platzbedarf wäre deutlich geringer ausgefallen.
Diese großen Mitbringsel für ihren italienischen Neffen Bruno, unpraktisch.
Warum wollen überhaupt immer alle irgendwelche Mitbringsel mitgebracht haben?
Platzverschwendung.
Die paar Kilo Übergewicht, die sich Marina seit der letzten Bikinisaison erfolgreich angefressen hatte, sorgten auch noch für ein Übermaß an Raumausnutzung in dem etwas zu kleinen Fahrzeug. Als städtisches Bewegungsmittel in München brauchbar, als Reisemobil terribile.
Das Radio wollte Marina nicht anmachen, der Raum war eh schon mit Klängen reich angefüllt. Überflüssigerweise meldete sich auch noch ihr telefonino und trug zur Lautstärke ein Wesentliches bei.
Wo lag es nur wieder?
Normalerweise in der Ablage neben der Gangschaltung.
Fehlanzeige.
Oder auf dem Vordersitz?
Nein, da saßen schon der Schokokuchen für Orla und der Leberkäse für Antonio auf dem Laptop-Koffer.
Mist.
Das Drängen wurde schier unerträglich.
Runtergerutscht.
Marina versuchte bei 130 Sachen mit der rechten Hand im Fußraum des nicht vorhandenen Beifahrers zu fischen. Der Saxofonkoffer rutschte in ihren Nackenbereich.
‚Autsch...“ meldete der vierte Halswirbel.
Igitt, was war das??? Alarm in den oberen haptischen Gliedmassen.
Das telefonino lag schon in den letzten Zügen.
Klebrig.
Marina schnappte es im großen Bogen, verlor wohl ein wenig die Spur, erntete Hupen, giftiger Blick, böser Blick zurück, die Finger klebrig.
„Ja, pronto,“ fast nur noch ein letztes Keuchen.
„Rina, wo bist du?“
Oh, mein Gott, was konnte Mamu nerven.
“Ich bin erst später weggekommen.“
„Du kommst immer spät weg. Steh’ früher auf, pack’ eher. Was musst du auch noch immer zu den Bianchis fahren? Hab ich dir doch immer gesagt, dass das nichts bringt. Was musstest du dir auch diesen Macho-Piloten anlachen. Wenn du auch nur einmal auf mich gehört hättest.“
„Ja, Mamu, hast du mir gesagt. Und ich fahr immer wieder gerne hin, ich mag meine italienische Familie eben. Und Italien. Ich reise gerne“, setzte sie noch hinzu, konnte es derzeit aber fast selbst nicht glauben. Nicht in diesem Fahrzeug, nicht mit dieser Ladung.
„Geht es dir gut, Rina, mein Schatz?“, fast ein Säuseln.
„Sofern es einem in der fast schon zweiten Lebenshälfte mit 130 Sachen auf der Brennerautobahn und einem klebrigen Handy bei einem Gespräch mit dir gut gehen kann. Ja, danke der Nachfrage.“
„Was bist du aber auch wieder sarkastisch. Ich mach‘ mir nur Gedanken, schließlich ist dein Auto nicht mehr das jüngste. Man weiß ja nie!“
„Wenn das Gespräch noch länger dauert, steigt das Unfallrisiko ins Unermessliche!“
„Schon gut, ich habe verstanden. Ciao, meine Süße!“
„Ciao, Mamu!“
Das telefonino wollte sich nicht mehr von Ihrer Hand trennen.
Was war da nur in den Fußraum gekommen?
Und wer hat es dahin gebracht?
Marina konnte sich in keinster Weise erinnern, etwas derartig fest Anhaftendes in den Cinquecento gebracht zu haben.
Jetzt musste schnell eine Fahrtunterbrechung her.
Gut, dass Marina sich für die Brennerroute entschieden hatte.
Nicht nur die Begegnung mit den Schweizer Kontrollbehörden wäre unter diesen Overload-Umständen sehr wahrscheinlich unglücklich verlaufen. Alles ausladen, ein Alptraum, und dann nur die Hälfte wieder reinkriegen. Oh, dio mio!
Außerdem gab es mehr Möglichkeiten, irgendwo aus welchen Gründen auch immer, einzukehren. Aber die italienischen Mautgebühren, incredibile.
Auf der Höhe von Lago di Garda Sud entschied sich Marina diese kleine Verschnauf- und Reinigungspause einzulegen. Die Beine verweigerten fast ihren Dienst, als Marina sich aus der Blechkiste schälte, benvenuti in Italia!
In die Pumps musste sie erst einmal wieder reinschlüpfen als Barfußautofahrerin. Während sie mit ihren Zehen nach dem Schuh fischte, fühlte sich die andere Fußsohle schon etwas klebrig an. Der Kontrollblick gab Gewissheit, vermutlich Kaugummi oder Schlimmeres. Eine gründliche Reinigung verschiedener Körperteile sowie des telefoninos waren nun unvermeidlich. Das fing ja schon mal gut an.
Marina entschied sich erst einmal eine Zeitung in den Fußraum zu legen, wieder ins Auto zu steigen und runter an den See zu fahren, natürlich barfuß, sonst wären ihre einzigen Pumps versaut. Also rein nach Peschiera, Parkplatzsuchen, in der Hochsaison kein leichtes Spiel.
Schon wieder das telefonino.
Oh, Gott, was lag auf diesem Urlaub für ein Fluch?
„Pronto.“
„Rina, bist du’s?“ Orla war dran.
„Si, sono io.“
„Bella, wann kommst du? Hoffentlich noch rechtzeitig zum Abendessen.“
Marina blickte auf ihre Uhr.
16.30 h.
Das sah nicht gut aus.
Gar nicht.
„Du, Orla, ich brauch’ von hier mindestens noch vier Stunden und ich hab da noch ein kleines Problem.“
Seufzen. Die Enttäuschung kam förmlich durchs Handy gekrochen.
„Nein, mach dir keinen Stress. Ich dachte nur...!“
Nein, Orla ihre ligurische Schwiegermutter war wirklich eine Seele von Mensch.
Und ihr Essen, delizioso!
Aber seitdem Pietro tot war, manchmal ein bisschen zu sehr Übermutter.
Da waren durchaus noch Verbesserungsmöglichkeiten nach oben drin.
Hupen. Lautes Hupen.
Was für eine Ungeduld diese Italiener doch entwickeln konnten.
Mist, Marina hatte vergessen weiterzufahren.
Kolonnenverkehr mit größeren Stopps.
In ihrem Fall war er wohl zu groß gewesen.
Und noch immer kein Parkplatz weit und breit.
Ok, dann nicht. Wasser löst eh keinen Klebstoff.
Aber eine Pinkelpause war dringend nötig.
„Rina...!”
„Oh, ’tschuldigung. Ich hatte ein Problem mit...”
„Alles in Ordnung?” Orlas Sorgen legten Marina beinahe schon den Würgegriff an ihre empfindsame Seele.
„Ja, geht gleich wieder.”
„Du kommst also nicht zum Abendessen.”
„Wenn ihr nicht bis 10 warten wollt.”
„Naja, du weißt die Kinder müssen ins Bett!”
„Ne, kein Problem. Ein bisschen Diät schadet mir nicht.“
„Ich heb dir was auf!“
„Ja, danke. Wartet nicht auf mich!“
„Fahr’ vorsichtig!“
„Ja, versprochen, bis dann!“
„Ciao, Rina.“
„Ciao, Orla.“
Das telefonino klebte an Marinas Hand. Unerbittlich.
Wenn das so weiter geht, würde sie den Rest ihres Lebens mit diesem Funkenwerfer an ihrer Hand verbringen. Ein verfluchter Baumarkt muss her mit einem breiten Lösungsmittelangebot! Manchmal meinte es das Schicksal auch gut, denn schon sichtete sie einen großen Self direkt an der Straße, welcher sicher eine große Auswahl an Giften und Lappen im Angebot hatte.
Inzwischen klebten auch die Pumps an Marinas Füssen.
Vielleicht eine neue Marketing- Idee?
Später, unter Umständen.
Nach einer gründlichen Reinigung auf der Baumarkttoilette und einem kleinen Imbiss im angrenzenden Fastfood-Kiosk zwängte sich Marina wieder in ihren Fiat.
Ihr blieb fast die Luft weg.
Ob sie diese Fahrt ohne Schnüffel-Schäden überhaupt überleben würde?
Sie öffnete die Autofenster soweit es möglich war. Die wehenden Kleider stopfte sie vorsichtshalber unter das Plastik-Riesenauto und zwischen die Flaschenmusik, der wandernde Instrumentenkoffer wurde mit einem Haarband an der Kopfstütze der Rücksitzbank befestigt. Nun hatte Marina das Gefühl zumindest ladungstechnisch betrachtet dem Rest der Fahrt ins Auge sehen zu können.
17:00h, just in time, bis 22:00h, das wäre locker noch zu schaffen.
Sonnenbrille drauf.
Absolutes Italien-Muss, auch wenn die Sonne teilweise hinter Wolken verschwand. Was soll’s!
Auffahrt Desenzano: Beeing on the road again.
Marina stopfte Queen’s Champions in den player.
Der Fahrtwind blies ihr um den Kopf.
Endlich, naja bis auf den Geruch – echtes Urlaubsfeeling.
Der Koffer sah diesmal von seinen unerwünschten Zwischenauftritten ab.
Und auch sonst lief endlich alles nach Plan.
Inzwischen war Marina schon fast bei der Abzweigung nach Genua angelangt, eine Superautobahn kerzengerade, dafür aber auch schweineteuer. Mit großen Schritten zum altbekannten Ziel, wenn sie nur schon über diesen nächsten Bergrücken wäre, der die Poebene von Ligurien trennt. In Gedanken zu sein, kann man sich bei dieser Kurvenfahrt mit ständigen Tunneldurchlässen kaum erlauben. Ein ständiges Wechselspiel von Licht und Schatten.
Licht und Schatten, oh je, sie hatte das feine, papierne Schattenspiel-Theater für Chiara Zuhause vergessen. Das ging gar nicht, ihre Nichte würde zu Tode beleidigt sein, wenn ihr Bruder mit einem Luxusschlitten beschenkt und sie leer ausgehen würde. Also half es nichts, man musste für einen giro di spesa – eine Einkaufstour – noch einen kleinen Zwischenschwenk einlegen. Marina dachte nicht lange nach und entschied sich aufgrund der vorgerückten Abendstunde für Albenga. Imperia würde sie sicher nicht mehr rechtzeitig erreichen.
Aber die Parkplatzsuche entwickelte sich auch in dieser lebhaften Altstadt in der alta stagione zum größeren Problem.
Nach einer Stunde entschied sich Marina es den Italienern gleichzutun und sich einfach auf den Rand des Zebrastreifens zu stellen, da sollten sich die Fußgänger eben dünner machen. Ich bin eh gleich wieder zurück, ritorno subito schrieb sie schnell auf einen Notizzettel und legte ihn hinter die Windschutzscheibe.
Da gab es irgendwo so einen kleinen Buchladen, nein eher Spielzeugladen mit Kinderbüchern.
Chiara war eine kleine Leseratte und hatte immer Lust auf kindgerecht verarbeitete Kunst und Kultur, da müsste doch noch das Passende zu finden sein für eine Siebenjährige. Aber in welcher Gasse war dieser Shop nochmal? Irgendwie sehen die Altstadtgassen in den ligurischen Küstenstädten doch immer gleich aus. Es dauerte eine weitere geschlagene Stunde bis Marina endlich in dem Shop stand. Ein Hoch auf die italienischen Ladenöffnungszeiten!
Die Auswahl war riesig. Bunte Schachteln und Schächtelchen, Püppchen, Bücher und bunte Papiere stapelten sich bis zu vier Meter Höhe. Ein kunterbuntes Spieleland. Dieser Laden ließ nicht nur jedes Kinderherz höher schlagen. So ein ähnliches Papiertheater war noch da, oder sollte sie lieber das kleine Buch mit den Tierscherzen nehmen? Sie entschied sich für das Papiertheater, das so herrliche Schatten an die Wand werfen konnte. Und dann nichts wie raus, den Cinquecento retten.
Da stellt sich nur die Frage nach dem kürzesten Weg zu Rettung des Automobils. Auch hier waren zunächst einige Fehlversuche nötig, bis der bekannte Kreisel mit dem dahinterliegenden Zebrastreifen auftauchte.
Marina hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass es auch in Italien einen Abschleppdienst geben würde. Der Cinquecento lächelte ihr freundlich zu, die weniger freundlichen Herren waren gerade dabei ihn an die Leine zu legen. Stopp! È mia!
Ein schräger strafender Blick von dem Herrn mit der Wichtigmütze:
”Arrivi in ritardo!”- Du kommst zu spät! Marina fühlte sich ob des Duzens durchaus geschmeichelt.
„Aber nicht zu spät!“
„Egal, die Kosten sind schon angefallen.“
„Aber ich bin doch da!“
„Aber wir auch! Mitsamt dem Abschlepper! Das kostet!“
„Was kann ich Ihnen denn anbieten?“
„Du willst mich bestechen?“
„Nein, nein, keinesfalls!“
„Das sieht den Deutschen wieder mal ähnlich, dass sie denken, sie könnten mit ihrem Geld alles kaufen...“
„Aber das habe ich gar nicht gedacht!“
„...dabei sind wir seit einigen Jahren auch ein Euroland und haben denselben Euro...“
„...ich habe aber gar nicht viel Geld...“
„Was machst du dann in Italien?“, der carabiniere sah ziemlich verwirrt aus.
„Meine italienische Familie besuchen!“
„…ah, wie denn das?“
Also erzählte Marina in Kurzform von Pietro und den anderen Bianchis.
Der Herr mit der Wichtigmütze wurde zunehmend freundlicher.
Zu den anderen Herren gewandt sagte er nur:
„Insieme Sima la Liguria!“ Der Werbeslogan kam Marina zu Hilfe.
Marina zückte einen Zwanziger und bedankte sich freundlich und als waschechter Ligurierin wurde ihr selbstverständlich nach Tausend mille grazie die unverzügliche Weiterfahrt zugesichert.
Gerade noch konnte sie verhindern, dass man ihr einen Escortservice anbot.
Nach ca. zweieinhalb Stunden Fahrtunterbrechung begab sich Marina wieder auf die Küstenautobahn, um womöglich doch noch mit heutiger Datumsangabe in Dolcedo bei den Bianchis einzutreffen.
Wenn Sie allerdings gewusst hätte, wie sich ihr Urlaub dort entwickeln würde, hätte sie auf der Stelle kehrt gemacht.
Die Tischplatte bog sich beinahe.
Bei den Bianchis stapelten sich die Vorspeisen, Hauptspeisen und undefinierbare andere Delikatessen mitsamt den Tellern, Gläsern und anderen Tischutensilien auf dem großen Eichentisch.
Dazwischen einige Kabel, Ladegeräte und Handys.
Ein munteres Gespräch war in vollem Gange. Bei dem Inhalt konnte es sich offensichtlich nur um die baldigst zu erwartende Ankunft von Marina handeln, was den Wortfetzen ganz deutlich zu entnehmen war. Silvo, der patrone und damit das unvermeidliche allererste Familienoderhaupt in vorderster Front, sprach als erster ein Machtwort:
„Basta, non aspettiamo più! - Schluss jetzt, wir warten nicht mehr länger! Die Deutschen sind immer zu spät!“ Die Faust landete zur Bekräftigung des Gesagten auf dem Tisch.
Brrrr...Grrr...Klirr.
„Ruf sie doch mal auf ihrem telefonino an, vielleicht ist sie schon in der Nähe?“, meinte seine bessere Hälfte, Orla versöhnlich.
„Du weißt genau, dass ein Handy auf dieser Küstenautobahn nur selten Empfang hat, wegen der vielen Tunnel und der Berge!“
„Sie ist auch nicht böse, wenn wir ohne sie anfangen!“
„Ich finde auch, dass wir genug gewartet haben, lasst uns essen!“ Enzo rieb sich das schon ziemlich erwachsene Bäuchlein und zwirbelte an seinem Hemdknopf. Orla und Silvos Sohn liebte das Essen, konnte aber mit der geduldigen Warterei gar nichts anfangen. Schon gar nicht wegen seiner Schwägerin. Besser dieser quirligen Deutschen mit vollem Magen begegnen, da ließ sie sich eher aushalten. Also griff er mutig in das Speisenangebot und handelte sich wohl deshalb einen strafenden Blick seiner Mutter ein.
Bruno, Enzos Sprössling, schnappte sich missmutig seinen Kabelsalat und riss damit beinahe das Weinglas von Enzo in den Abgrund.
„Pass doch auf, du Idiot!“ fauchte Chiara ihren Bruder an „Ich sitze heute neben Antonio! Basta!“ Schon platzierte sie ihren Hintern neben Antonio, ihrem einzigen Lieblingsgroßonkel, der hinter seinem weißen Schnurrbarthaaren nur verschmitzt lächelte.
Lucia, Enzos unvermeidlich bessere Hälfte, versuchte ihre vorlaute Tochter etwas abzulenken:
„Freust du dich schon auf Marina?“
„Ich freue mich auf das Geschenk, das sie mitbringen wird.“
„Eh, beh... Hoffentlich bringt sie dir wieder so eine hässliche Puppe im Dirndl mit!“ Bruno grinste schadenfroh und stopfte sich die rote Pasta ungeschickt zwischen die Zähne.
„Das ist gemein von dir Bruno!“, schalt Lucia ihn, „Marina bringt sicher nicht zweimal dasselbe Geschenk mit. Außerdem sind solche Oktoberfestpuppen bestimmt wertvoll.“
„Die sind nicht wertvoll, dieser Ramsch wird auf dem Oktoberfest an dumme Touris verkauft!“, Enzo hatte schließlich das Oktoberfest schon einmal besucht und galt daher als Experte auf diesem Gebiet.
„Und außerdem spiele ich schon lange nicht mehr mit Puppen! Mach jetzt endlich das blöde Handy beim Essen weg.“ Chiara wurde handgreiflich und riss an Brunos Handykabel.
„Wir hatten Handys sowieso bei Tisch verboten und über Geschenke sollte man sich nicht schon im Voraus beschweren!“ Orla versuchte Sanftmut in ihre Stimme zu legen.
Antonio brummelte und formte den Rest seines schütteren Barts unter der Nase.
Wahrscheinlich nur um seinen Unmut kundzutun.
„Immer diese Streitereien! Ich freue mich schon auf Marina!“
Was für ein Fehler. Jetzt löste er geradezu eine Explosion aus, an der Chiara und Bruno erheblichen Anteil hatten. Insgesamt lässt sich wohl Folgendes rekonstruieren: Beide waren nicht unerheblich eifersüchtig auf Marina, weil wohl durch Marinas Aufenthalt in Dolcedo einige Nachteile auf sie beide warteten:
Zum einen spielte Marina zumindest bei Antonio und Gio, seinem treuen maremmanischen Schäferhund, während ihrer langen Anwesenheit die allererste Geige. Außerdem mussten Bruno und Chiara in einem Zimmer schlafen, da Marina das zweite Kinderzimmer als Gästezimmer zur Verfügung gestellt bekam.
Zu allem Überdruss versuchte Marina, Bruno immer auf ihren Touren mitzuschleppen, obwohl es Bruno hasste, zu Fuß zu laufen. Und auch der Speiseplan und die Essenszeiten wurden geändert, damit Marina einen ordentlichen italienischen Haushalt zu sehen bekam …und... und... und!
Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen, davon aber an anderer Stelle.
„Jetzt reicht es!“, ermahnte Silvo die Kinder, „manche Dinge sagt man nicht, die denkt man nur!“
„Eh, beh...Aber wenn man sie nur denkt, woher sollen die anderen dann wissen, was man denkt?“ fragte Bruno entgeistert.
„Die anderen sollen eben nicht wissen, was man denkt! Non fare domande stupide. Basta! - Frag’ nicht so blöd!“
Nach dem Pasta Gang wurden die Kinder zu Bett geschickt, wahrscheinlich weil die Erwachsenen doch etwas genervt von den Streitereien waren. Aber vielleicht waren Sie von dem Streitinhalt auch nur so angeregt, dass sie nun doch in Abwesenheit der Kinder, die manchmal unerbittlich ehrliche Zeugen waren, weiter tratschen konnten.
„Orla, meinst du nicht auch, dass wir nach so langer Zeit endlich mal den Alltag Alltag sein lassen könnten?“ Silvo kraulte ihr die Küchenschürze.
„Was meinst du damit genau?“
„Naja, jetzt gehört doch Marina schon so gut wie zur Familie. Da musst du sie nicht mehr beeindrucken!“
„Beeindrucken womit?“
„ Zum Beispiel gibt es immer grandiose Vorspeisen, wenn Marina da ist. Bei uns gibt es sonst nur alici oder olive con pane. Und die Essensausgaben reißen auch immer ein großes Loch in unseren Geldbeutel. Lass’ es doch endlich, wie es immer ist.“
„Dann denkt Marina nur, dass wir arme Leute sind!“, Orla bearbeitete ihren Schürzenzipfel.
„Vielleicht denkt sie dann gar nicht so falsch!“
Enzo benutzte jetzt auch den Faust auf den Tisch Trick.
Grrrrrh...Brrrrhhhh....Klirrrr. Na, also.
„Aber ich möchte nicht, dass sie das denkt! Sie denkt sonst noch, wir hätten es ohne Pietro nicht mehr so weit gebracht!“
„Aber das stimmt doch auch in gewisser Weise“, Lucia bearbeitete ihre falsche Perlenkette im Akkord, „Pietro hat die Familie immer finanziell unterstützt.“
„ Dann reicht dir mein Einkommen also nicht!“, Enzo erhob schon wieder seine Faust. „Gewiss ich bin kein Pilot, nur Mechaniker für Schiffe. Aber ich mache meine Arbeit gut und ich bin glücklich. Ich habe Meerblick, wenn ich arbeite. War es denn wirklich besser als Pietro noch lebte?
Oder fängst du an, ihn in deinen Erinnerungen zu verklären? Es ist so wie es ist, er wird nicht wieder lebendig werden.“
Lucia zwang sich Röte ins Gesicht und streichelte die stark beanspruchte Tischplatte: „ Ich möchte auch nicht, dass wir Marina immer etwas vormachen, wir sind zwar nicht arm, aber reich sind wir wohl noch weniger!“
„Meckere nicht rum! Du brauchst gerade reden, du spielst ihr immer die liebende Schwägerin vor und in Wirklichkeit bist du nur eifersüchtig!“ Enzo bekräftigte diese Erkenntnis mit zwei trommelnden Fäusten.
Brhhh.......Grrrrhh......Brrrhhhhhhhhhh.........Klirrhh. Der Sound übertraf alles bisher Gehörte.
„Ich will nur nicht, dass wegen meiner Schwägerin alles durcheinander kommt. Und dann noch die ständigen Streitereien der Kinder. In dem Alter sollten sie nicht mehr in einem Zimmer schlafen!“ Die Perlenkette hatte inzwischen wohl die Strecke bis Rom hinter sich gebracht.
„Soll Marina etwa zu Antonio ins Zimmer ziehen?“, Orla rümpfte schon vorab ihre Nase.
„Nein, das geht nun wirklich zu weit!“ entgegnete Antonio entsetzt und schob den Teller weit von sich.
„Fangen wir doch mal mit dem Essen an, das ist am einfachsten zu lösen“, Silvo streichelte dazu seinen Tellerrand, wahrscheinlich um den Bildimpuls für die eher visuell Orientierten zu verstärken, „wir essen nicht mehr wie Festtags, sondern ab morgen wie immer und auch die Zeiten bleiben wie immer, eben nicht jeden Mittag zur selben Zeit, abends kann es ja so bleiben wie es ist. Aber es geht nicht an, dass wir mittags alle zur gleichen Zeit am Tisch sitzen müssen, nur wegen Rina! Jeder isst, wenn er Zeit hat und manchmal auch mehrere zusammen. Wie sonst auch. Und... „ an Orla gewandt, „ein Pasta Gericht reicht, die alici kann sich ja jeder selbst aus dem frigo nehmen.“ Er fummelte wieder an Ihrer Schürze rum.
Orla haute ihm eins auf das Patschehändchen und schluckte schon, um Anlauf für die Widerrede zu nehmen.
„Dann muss ich nicht einmal mehr aus dem Orto zurückkommen!“ Antonio warf Zustimmung in die Tischrunde, um Orlas Redeschwall zuvor zu kommen. „Ich nehme mir meine merenda einfach mit und ich gehe jetzt zu Bett!“ Antonio wollte sich das gute Ende des Abends nicht versauen und dazu noch einen Schlusspunkt setzen. Basta!
„Buona Notte!“-„Buona notte!“
Orla schwieg grummelnd und bearbeitete nun wieder selbst ihre Schürze.
Enzo und Silvo gingen zum Rauchen nach draußen, auch um die Damen des Hauses nicht beim Tischabräumen zu stören. Da war es bei den Bianchis wie bei den meisten italienischen Familien. Die Hausarbeit gehörte den Frauen, die Ligurer waren und sind in dieser Hinsicht sehr traditionell eingestellt.
Besonders die Männer halten gerne an diesem Rollenverhalten fest und nutzen dann die Abwesenheit der Frauen, um über sie zu lästern.
„Ich hätte mir das nicht gefallen lassen!“ Silvo versuchte Enzo anzuspitzen und reichte ihm Feuer.
„Was ...?“ Enzo spitzte das Zigarillo mit den Lippen an und zog kräftig.
„Naja, die Bemerkung mit dem Auskommen, dass ihr dein Geld nicht ausreicht!“
„Aber das hat sie doch gar nicht so gesagt!“ Ein Dreifaches Paff, Paff, Paff.
„Aber sie hat es so gemeint! Mir hätte das Orla nie gesagt. Schon gar nicht vor der Familie!“
„Ja, Orla ist eine andere Generation.“ Enzo schickte Rauchkringel in den Abendhimmel.
Wahrscheinlich Friedenspfeife.
„Generation hin oder her, es gehört sich nicht, dass sich die Frau offen über das Gehalt ihres Mannes beschwert! Ist sie denn nie zufrieden?“ Das Ei des Unfriedens musste schon gelegt werden.
„Hai ragione, -Du hast recht-, ich habe auch den Eindruck, dass sie nie zufrieden ist. Das mit dem Zimmer ist schon lange ein Thema. Sie sagt, wenn wir uns endlich ein eigenes Haus leisten könnten, dann bekämen Bruno und Chiara ein eigenes Reich mit Kinderbadezimmer. Und wir hätten ein eigenes Gästezimmer, da gäbe es viele Probleme erst gar nicht.“
„Beh! Bist du etwa Onassis? Wer glaubt sie denn, wer das bezahlen soll? Ihr bekommt eh nach unserem Tod das Haus, das könnt ihr doch wohl abwarten!“ Silvo fasste sich an die Brust, wahrscheinlich um sein baldiges Herztodende anzudeuten.
„Darum geht es doch gar nicht, sie möchte nur unabhängig sein. Außerdem ist ihr das Haus zu alt. Sie möchte eins in den Siedlungen an die Küste.“
„Jetzt schlägt es aber dreizehn! Deine Frau möchte die ganze Zeit, und wer, bitte, wer soll das bezahlen? Du etwa?“ Silvo schnappte nach Luft.
Ein alter Cinquecento ratterte erlösend die Auffahrt herauf.
„Das muss Marina sein!“ Enzo wirkte erleichtert, dass auch dieses Gespräch irgendwann ein Ende nehmen sollte. Er warf das ausgelutschte Zigarillo ins Rosenbeet.
„Ich sag Orla und Lucia Bescheid!“ Enzo verschwand kurz in der cantina.
Als Marina sich aus dem Auto faltete, schien schon wieder jeder Streit vergessen.
Zuerst flog ein riesiger weißer Wischmopp durch die Türe.
Mit großem Gejaule riss er Marina von den Beinen, so dass sie gerade noch den, neben der Türe stehenden, Olivenbaum ergreifen konnte, um den kompletten Umfall zu verhindern.
Ein großes Begrüßungsumarmen und –küssen machte die Runde. Und ein ciao, come stai?
Tutto bene? Come va? - Was hast du in der letzten Zeit so gemacht? Marina bedauerte zwar, dass Antonio und die Kinder schon zu Bett gegangen waren, was aber aufgrund der vorgerückten Stunde kein Wunder war. Es gab aber auch mit dem Rest der Familie noch ausreichend Gesprächsstoff.
Schließlich waren seit ihrem letzten Hiersein drei ganze Monate vergangen. Orla servierte noch einige Vorspeisen inklusive aufgewärmter Pasta und dabei wurden die Erlebnisse der letzten Monate ausgetauscht.
Ein forderndes Klingeln durchtrennte eine kurze Atempause. Orla fühlte sich als einzige angesprochen und erhob sich behäbig, um den Grund der Störung zu erfahren. Am Hörer konnte man nur ihre nach oben wandernden Augenbrauen sehen, ihr Stirnrunzeln vervollständigte das Bild vom ungeliebten Anrufer. Ihre Lippen blieben daher ungewohnt einsilbig.
Schweigen in der vorher so redseligen Runde erwartete sie.
Und Neugierde.
„Es war Frau Wieler...“, damit war wohl das Wichtigste gesagt.
„Mist, ich hatte Ihr versprochen Bescheid zu geben, wenn ich heil angekommen bin!“
„Frau Wieler war sehr verärgert.“
Seltsamerweise konnte Orla Mamu nicht ausstehen, und das obwohl sie sich nur bei der Hochzeit kurz gesehen hatten. Es blieb bei ‚Frau Wieler’, wahrscheinlich der Inbegriff allen Deutschseins in den Augen von Orla.
Marina versuchte das Thema zu wechseln „Wie wäre es gleich morgen mit einem bagno?“
„Du kannst ja die Kinder fragen, aber ich für meinen Teil habe morgen zu tun!“ Lucia hasste es, wenn Marina dachte sie würde nur so zur Dekoration herum sitzen und gab sich geschäftig. „Deshalb gehe ich jetzt auch zu Bett. Gute Nacht!“
Die Ehepaare verzogen sich in ihre camere.
Enzo hatte das Gespräch mit Silvo keine Ruhe gelassen, so dass er im Bett liegend doch noch mal kleinlaut bei Lucia anfragte: „Du, wie hattest du das mit dem wenigen Geld eigentlich wirklich gemeint?“
„Jetzt fängst du schon wieder damit an! Ich weiß nicht, was daran nicht zu verstehen ist.
Seit Jahren schon verdienst du das gleiche Geld. Seit dem Euro sogar fast gar nichts mehr. Du bist einfach zu wenig durchsetzungsstark, um dich um eine Angleichung deines Gehalts zu bemühen. Andere verdienen jährlich mehr. Deshalb können sie sich auch mehr leisten.“ Sie drehte sich auf die andere Seite.
„Du willst also, dass ich mehr Gehalt fordere?“ Enzo setzte sich entsetzt auf.
„Das wäre zum Beispiel einmal ein Anfang!“ Lucia zog sich die Bettdecke bis unter das Kinn.
„Ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst. Die Werft steht nicht gerade rosig da, schon einige Male dachten wir, wir müssen schließen. Ich bin froh, dass ich diese Arbeit habe!“
„Und das weiß auch Carlo. Carlo erzählt Euch nur wie schlecht es der Werft geht, damit ihr alle die Klappe haltet. Und ihr macht das, wie dumme Jungen.“
„Du willst damit sagen, dass ich ein dummer Junge bin?“ Leider funktionierte der Fausttrick im Bett nur begrenzt.
„Nicht nur das, du bist nie erwachsen geworden, du hast nie gelernt für die Interessen deiner Familie einzutreten. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich dich geheiratet habe.“
Brodelndes Schweigen.
Diese Nacht ging dunkel und schweigend in Enzos und Lucias Schlafzimmer zu Ende.
Im Schlafzimmer von Orla und Silvo ging es noch weiter zur Sache.
Orla keifte: „Was sollte dieser blöde Vorschlag, mit der Gästebewirtung etwas sparsamer zu sein? Marina denkt doch dann, dass ich nicht mehr so gut kochen kann. Wahrscheinlich denkt sie sogar, dass ich alt geworden bin und meinem Haushalt nicht mehr gewachsen wäre-incredibile!“
Silvo widersprach nicht, das hatte gar keinen Sinn.
Leider hatte Orla gute Ohren und daher hatte sie mitbekommen, dass Silvo sich Enzo vorgenommen hatte, um ihn gegen Lucia aufzuwiegeln.
„Was musst du dich um die Ehe deines Sohnes kümmern? Ständig musst du Unfrieden stiften! Lucia ist schon immer eine Nörglerin gewesen! Und du musst Enzo mit der Nase dahinein stoßen. Jetzt streiten sie wieder ums Geld, wie so oft.“
Silvo brummte.
„Und du sagst dann nichts? Erst stiftest du Unruhe und dann sagst du nichts!“
Orla wurde sehr laut und ihre Augen blitzten angriffslustig. Auch sie hatte sich im Bett aufgesetzt.
Silvo konnte diesem Angriff nichts entgegensetzen und zog sich die Decke erst mal weiter hoch.
„Du bist schuld, wenn die Ehe jetzt den Bach runter geht!“
„Daran sind die beiden schon selbst schuld!“, brummelte er unter die Bettdecke hinein.
„Ach, du kannst ja doch reden!“
Silvo fixierte die Deckenbalken.
Nur keine Widerrede mehr leisten, sonst bist du verloren.
Orla konnte sich nach dem heutigen Abend nicht mehr erinnern, weshalb sie Silvo geheiratet hatte. Silvo jedoch wusste noch genau, warum er Orla geheiratet hatte: Weil sie nicht so streitsüchtig wie die anderen Mädels aus dem Dorf gewesen war. Aber er hatte schon gehört, dass sich im Alter Vieles ändern sollte, was genau und mit welcher Tragweite war ihm aber bisher nicht bewusst gewesen.
Das sollte sich ab diesem Tag nun schlagartig ändern.
Im Schlafzimmer von Chiara und Bruno, das eigentlich das Schlafzimmer von Chiara war, ging der Streit vom Abendtisch weiter, noch lange bis in die Nacht hinein. Schließlich musste Bruno eine lange Liste unterschreiben, was er in Chiaras Zimmer tun und lassen sollte.
Naja, eher mehr lassen. Eigentlich war es eher eine Not to do-Liste. Solche Listen findet man übrigens ausdrucksreif im Internet unter knebelvertr.....eu. Upps.
Diese Liste bezog sich aber nicht nur auf das Zimmer von Chiara, sondern auch auf dem Umgang mit Tante Marina und Tanten im Allgemeinen. Weil Bruno schon genervt war, unterschrieb er alles. Was sicherlich sein größter Fehler des heutigen Tages war.
Und im Schlafzimmer von Antonio?
Hier herrschte Ruhe. Gio, der riesige, nur selten wirklich weiße, maremmanische Schäferhund, lag auf dem Teppich vor dem Bett seines Herrchens. Die beiden hatten selten Streit. Gio hatte einfach nie gelernt zu widersprechen.
Was für Antonio ein Glücksfall war.
Und auch für Gio.
Und in Brunos ehemaligem Kinderzimmer, derzeit Gästezimmer?
Marina war glücklich dem Abschleppdienst in Albenga gerade noch mal davon gekommen zu sein. Und so preiswert! Das hatte sie alles ihrer italienischen Familie zu verdanken. Marina stellte ein in Gold gefasstes Bild von Pietro auf den Nachttisch. Es zeigte einen gutaussehenden Italiener in Pilotenuniform. Dazu legte Marina ein navy striped Halstuch, das sie gerade aus einer Plastiktüte genommen hatte. Sofort strömte der Geruch von Armanis Acqua di Gio in den Raum.
Sie hatte noch einige dieser Tüten auf Lager.
„Buona notte, Pietro!“ Marina drückte ihre Lippen auf das Glas und zog den Geruch aus dem Tuch förmlich in ihre Nasenflügel. Soweit zum täglichen Gutenachtritual.
Zufrieden schlüpfte sie unter die Decke.
Wie schön es wieder gewesen war, heimzukommen. So eine tolle Familie hätte sie in Deutschland auch gerne gehabt. Mit den traumhaften Gedanken an ein intaktes Familienleben und das mediterrane Meer schlief Marina glücklich im Hause Bianchi ein.
Und die unheilschwangere Dunkelheit legte sich über das Tal von Dolcedo, in der Hoffnung einen Deckel auf die brodelnde Suppe zu bekommen.
Die Weinflasche sauste auf der eigenen Achse drehend im Kreis.
Der mangelnde Inhalt war in diesem Fall durchaus von Vorteil.
Erst zauderte sie, doch dann machte sie bei Sabine Halt.
„O.K. hab schon verstanden, ich geh’!”
Etwas wacklig auf den Beinen begab sie sich auf den Weg zu Peter, dem Herrn der großen Weinfässer in Trinknähe.
„Hey, lass ihn schlafen, es ist schon spät!” brüllte ihr Kathrin nach.
„Ruhe, da unten!” tönte es prompt aus einem der oberen Fenster.
Sabine strauchelte bei der Steintreppe. „Uupps!”
Kathrin kam ihr nachgetorkelt. „Lasch es doch!”
„Isch doch lustig grad, oder?”
„Verdammt noch mal Ruhe, es ist schon fast zwölf!” Das Fenster bebte.
Kathrin wollte Sabine zurück lotsen, was aufgrund deren instabilen Zustandes gar nicht so einfach war. „Gehn mehr zurucki!”
„Lasch mich!” Sabine zog Ihren Arm zurück und kam dabei aus dem Gleichgewicht.
„Autsch’”, die Landung war offensichtlich unsanft.
„Fritz, jezze hilf mir doch!” Fritz erbarmte sich und erhob sich von seinem bequemen Gartenlager.
Er ergriff Sabines rechten Arm, Kathrin zog am linken.
„Hey du Sau, begrabsch mich nich!” Sabine schlug nach Fritzens Arm.
Renate, die bisher zum Kreis der untätig Gebliebenen gehörte, stach weiter ins Wespennest.
„Haste wohl zu viel Gefallen an Sabines Oberweite gefunden?”
Fritz, der einzig männliche Teilnehmer des Selbsterfahrungskurses, hatte einen schweren Stand in der weiblich dominierten Gruppe.
Fritz errötete sichtlich.
Renate stachelte weiter: „Ne, was des Mädel aber auch so ein enges T-Shirt anziehen muss. Grad so, als ob wir bei ner Party wären, net bei so einem Kurs!“ Die Röte wuchs.
„Vielleicht haben wir da ja schon ein Thema für morgen?“ schlug Helene vor.
„Welches Thema genau meinste?“ Renate tat unschuldig.
„Warum einige hier herum zicken müssen und andere erröten!“
„Und warum hier einige die Oberlehrerin spielen müssen!“
„Und warum hier keine Ruhe ist nach Mitternacht“, ein mit einem Stock Bewaffneter im Schlafanzug gesellte sich zu der Gruppe im Garten der Mühle. Der Stock hatte bedrohliche Ausmaße.
„Das kann ja interessant werden“, Klara, die bisher noch wenig Gelegenheit gefunden hatte mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen, meldete sich mutig zu Wort.
„Ihr macht Euch jetzt ins Bett, alle wild gewordenen Psychoten, es gibt hier schließlich auch noch andere Gäste“ schlug der Schlafanzug vor.
Sabine trudelte nicht nur geistig wieder im Kreise ein: „Hab isch was verpasst?“
„Alle ins Bett! Sofort!“ brüllte der Schlafanzug.
„O.k., ich geh jetzt ins Bett, buona notte!“, Helene strich die Segel.
„Ich komm mit!“ das war neben dem „Hallo“ heute Nachmittag bei der Ankunft das Einzige, was von Cindy zu hören war.
„Und Tschüss!“, Renate wurde unverschämt frech.
„Dass Fred schon ins Bett gegangen ist, obwohl er doch weiß, wie minenreich der erste Abend von so einer Gruppe sein kann?“ Helene blickte ratlos in die Runde.
„Typisch Kursleiter eben, interessiert sich nicht die Bohne für seine Schützlinge!“
Klara kannte diese Sorte.
„Die Cindy ist wohl von drüben, weil sie den Mund nich aufkriegt, oder hat was zu verbergen!“ meinte Renate.
„Jetzt lass es aber gut sein, nicht jeder reißt das Maul so weit auf wie du!“ Fritz wagte sich weit vor.
Renate sprang von ihrem Gartensessel hoch, ihre Augen blitzten böse, gerade als Peter, der Hausherr der Mulino Pino, in ihre Mitte trat: „Das Licht in der Toilette ist ausgefallen, ich habe Euch Taschenlampen mitgebracht, damit ihr Euch nicht fürchten müsst! Zeit auch für Euch ins Bett zu gehen!“ Er blinzelte dem Schlafanzug vertraulich zu.
„Das isch aber lieb von dir“, Sabine versuchte Peter einen Kuss auf die Wange zu drücken und versuchte sich zu stabilisieren.
„Morgen früh, da sieht die Welt schon wieder anders aus. Nun, dann buona notte!“
„Buona notte!“ Sabine krallte sich Klaras Arm, schließlich waren sie Zimmernachbarinnen.
Da keiner den Streit vertiefen wollte, gingen auch alle auf mehr oder minder direktem Wege tatsächlich ins Bett.
Und mit der Mulino Pino legte sich auch hier die sorgenvolle Dunkelheit über das restliche Tal des Prino und versuchte, sich eventuell gerade entwickelndes Unheil in die Unsichtbarkeit zu entlassen.
Nachdem jeder am nächsten Morgen für sich allein frühstückte, konnte das Seminar ohne vorherige Dispute beginnen. Fred wollte zuerst in der Vorstellungsrunde Persönliches von jedem Teilnehmer erfahren. Zudem sollte jeder über den Grund, weshalb er hier war, berichten. Alle waren gespannt, wie sich Renate nach dem gestrigen Abend präsentieren würde. Sie erzählte, dass sie glücklich verheiratet war mit einem Arzt, 2 Kinder, sie selbst war Apothekerin, sie hatten ein Haus am Starnberger See. Ihr würde es an Sinn im Leben mangeln, daher der Kurs. Danach stellte sich Sabine vor: Geschieden, eine Tochter, die schon groß war, bisher freie Journalistin, es lief aber gerade nicht so gut, irgendwie Midlife-Krise oder so ähnlich, daher der Kurs. Nacheinander stellten sich alle Teilnehmer mehr oder weniger ehrlich vor. Dann schickte sie Fred auf eine Art Sinnesspaziergang. Alle sollten innerhalb des unmittelbaren Mühlengeländes bleiben, dort über das Gehörte und das Gesprochene nachdenken. Vielleicht würde man dann ja auch einen Gegenstand finden, der das repräsentierte, was im Moment ein Symbol für das Wichtigste darstellte.
„Aber bitte nicht miteinander sprechen und wenn es geht auch nicht mit anderen Gästen des Hauses. Bleibt ganz bei Euch selbst, schließlich geht es hier um Euch selbst!“ Hier hatte Fred zumindest einen klaren Plan.
Nur durch die Sache mit dem Wichtigsten und dem Gegenstand, der dieses verkörpern sollte, machte sich etwas Unsicherheit in der Gruppe breit.
Sabine machte sich trotzdem in Richtung Ponte Ripalta auf den Weg.
Renate verließ die Mühle in die entgegengesetzte Richtung, sozusagen über den Hinterausgang. Sie wollte keinesfalls nochmal mit einer der gestrigen Schnepfen aneinandergeraten. Sabine wanderte den steilen Weg hinab, vorbei am Riesenschilfgras. Noch nie hatte sie so imposantes Gras in solcher Dimension gesehen. Besonders gefiel ihr auch das Wasser des Rio dei boschi mit den zahlreichen Gumpen. Bestimmt könnte man an den tiefen Stellen auch Baden. Das wäre aber erst einmal auf später verschoben, zwecks Zeitmangels.
Nur welchen Gegenstand sollte sie mitbringen?
Wenn sie gewusst hätte, was das Wichtigste in ihrem Leben war, wäre sie nicht hier in diesem sogenannten Selbsterfahrungskurs. Sie hielt an der ersten Ponte inne und blickte auf das Wasser. Es hatte eine unglaubliche Dynamik, es bildeten sich vereinzelte Strudel, mal rann es hauchdünn über einen riesigen Stein, mal schuf es tiefe Furchen oder Gumpen, dabei zeigte es überall unterschiedliche Färbungen: vom Ultramarin zum Aquatürkis, tiefes unergründliches Violett und noch Vieles darüber hinaus.
Ja, so war auch ihr Leben.
Es rann dahin. Wohin?
Der Fluss hatte wenigstens ein klares Ziel, darauf konnte man wirklich neidisch sein.
Vom Süden her näherte sich eine blonde Frau der Ortsmitte von Dolcedo.
Gio wedelte aufgeregt mit seinem weichen Naturpinsel und streichelte dabei mehr oder weniger sanft über ihre stoffumflatterten Beine. Was für ein Glück, dass Marina Spaziergänge liebte, so konnte Gio seine SDM’s (die hündische Variante der SMS, also die Short-Dog-Message) absetzen oder dort Hinterlassene einer gründlichen Überprüfung unterziehen. Also weiter bergan. Was stört es einen kräftigen maremmanischen Schäferhund schon, dass hinten an der Leine noch ein Gewicht dran hängt? Marina hatte sich für heute eigentlich vorgenommen, den dolcedischen Sachstand zu überprüfen, also zu gucken, was sich seit ihrer Abwesenheit inzwischen alles so zugetragen hatte. Dabei hatte sie natürlich eine klare Wegvorstellung und vor allen Dingen eine gewisse Prioritätenliste.
Ebenso Gio.
Dessen Liste schien aber von anderen Prioritäten gespeist, so dass er an jeder Weggabelung einen anderen Weg einschlug. Marina musste sich erst an den Kräftezehrer gewöhnen und ihre Zugkraft besser portionieren. Für Außenstehende bot sich ein skurriles Bild, das einem altertümlichen Schreit- und Zerrtanz glich, wie man es bei den bajuwarischen Völkern auch heute noch beizeiten zu sehen bekommt.
Nichts desto trotz näherten sich beide Tanzpartner dann doch noch dem Kern des Hauptortes und Marina beschloss erst einmal einen Stuhl im Torbogen zum Ausruhen zu nutzen. Um weitere Diskussionen mit Gio zu verhindern, band sie ihn kurzerhand an einem der Tischbeine an. Und weil der Stuhl mitsamt dem Tisch zu einer Ihrer Lieblingsbars gehörte, bestellte sie noch ein großes Bier bei Eugenio, dem Barbesitzer: „Una birra grande!”
Runzeln, Augenbraue hochziehen: „Grande?”
„Si,si, grande!” Was stellte der sich so an, mit so einem kleinen Bier (0,33 l, Anmerkung des Verfassers) kann man bei dieser Affenhitze sowieso nichts anfangen?!
Murrend und zögerlich zog Eugenio von dannen.
