Monastery - Gerard Carpenter - E-Book
Beschreibung

Anfang 16. Jahrhundert - In einem Kloster in Manoppello sterben junge Mönche. Offenbar haben sie einen geheimen Schwur geleistet, der Ihnen zum Verhängnis wird. Bruno Santo versucht die unheimlichen Todesfälle aufzuklären und wird dabei selbst immer tiefer in die dunklen Geheimnisse des Klosters hineingerissen. Ein Wettlauf gegen einen mystischen Feind beginnt…

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Monastery

Der junge Mann war die ganze Zeit schnell unterwegs gewesen. Man konnte

sehen, dass er Strapazen hinter sich hatte. Er war schnell geritten und er hatte

wenig Proviant dabei. Es grenzte an ein Wunder, dass er mich überhaupt

gefunden hatte, aber da stand er nun vor mir. Sein Pferd keuchte. Er ebenfalls.

„Signore Santo?“, fragte er mit flacher Stimme.

„Ja“, sagte ich, „Warum?“

Er reichte mir aus dem Sattel einen Briefumschlag in die Hand.

„Ich hoffe, Sie sind der richtige für uns alle“, sagte er. Dann gab er seinem Pferd

die Sporen und war so schnell weg wie er aufgetaucht war. Ich rief ihm noch

hinterher, aber er hörte mich nicht.

Er war der Mensch, der mein Leben, meine Art zu denken, mein Vertrauen in die

heile Welt für immer verändern sollte, und doch hatte ich ihn an jenem Tag nur für

einen einzigen Moment zu Gesicht bekommen. Dass ich den jungen Mann einige

Zeit später noch einmal unter weitaus unerfreulicheren Umständen sehen sollte,

wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als ich den Brief las, der zusammen mit

einem wirklich großzügigen Geldbetrag im Umschlag gewesen war, wusste ich,

dass ich helfen wollte. Helfen musste. Ich wusste allerdings nicht, worauf ich mich

einließ.

Erster Teil

Manoppello, Italien, Anno Domini 1505

Scharf hing der Geruch in den Straßen des kleinen Ortes. Fäkalien, Müll, und Tod

nebelten die Luft zum Atmen ein. Der Tod war allgegenwärtig zu jener Zeit. Jedes

Dorf wurde von ihm heimgesucht. Wie ein mächtiger schwarzer Reiter aus uralten

Zeiten, der niemanden verschonen wollte. Keine Gnade für Kinder, Frauen, junge

Männer, weise Menschen. Der Tod schaffte sich seinen Weg in jedes Haus, in

jede Familie. Er brachte Elend. Dunkelheit. Angst. Jedes Haus in dem kleinen Dorf

hatte ein großes schwarzes Kreuz an der Tür bepinselt, als Zeichen des Verlustes

eines geliebten Menschen im Haus. Ein bedrückendes Gefühl, durch die engen

Gassen an den Häusern vorbei zu gehen. Tote Menschen mit großen

aufgeschnittenen blutigen Beulen, die man vergeblich versucht hatte zu retten,

pflasterten die Gassen. Sie wurden nach ihrem qualvollen Tod schnell vor die Tür

gelegt. Anschließend sperrten sich die verbarrikadierten sich die Lebenden

wieder. Es schien kein lebender sich mehr rauszutrauen. Klagelieder und Gebete

füllten neben dem Gestank, die Luft mit schweren Klängen. Ich ritt langsam durch

die schmalen Gassen. Ich hatte schon viele Städte gesehen auf meinen Reisen,

aber diese schien mir die düsterste von allen zu sein. Der Tag war noch jung,

dennoch war es dunkel, als würde die Welt Trauer tragen. Kutscher zogen durch

den schwarzen matschigen Boden beschwerlich ihre Karren, um die Toden

aufzusammeln. Nur die Augen der Kutscher waren zu erkennen, ihre Gesichter

waren komplett mit Tüchern umwickelt. An ihren großen Stöcken, die sie fest in

ihren Händen hielten stand geschrieben: „Dio, perdona.“ Gott vergib uns. Mit ihren

Stöcken, verscheuchten sie umher streunende Hunde, Katzen, Vögel, die sich an

den leblosen Körpern satt fressen wollten.

Ich war durchnässt und müde von meiner Reise, aber so trostlos dort alles war, so

anders muss ich auf die Menschen gewirkt haben. Ich zog meine Kapuze noch ein

wenig weiter in mein Gesicht, um den Blicken der Gestalten zu entgehen, während

ich die Hauptstraße hinauf ritt. Langsam, denn durch teils lehmigen Weg, teils

glatten Kopfsteinpflaster hatte mein Pferd keinen guten Halt. Der vor mir reitende

Kutscher war auch nicht viel schneller. Auch sein Pferd kämpfte mit dem

Untergrund. Mir schien, als drücke er alles den Berg wieder hinauf, was versuchte

herunterzukommen. Ich beobachtete das Gespann vor mir. Es waren zwei

Männer. Der kleinere trieb das Tier an, der ungleich größere, massivere lief neben

dem Wagen her, teils im Voraus. Er sammelte die Reglosen von der Straße auf.

Gekonnt warf er sie auf die Pritsche des Wagens, bevor er wieder und wieder vor

lief, um den Nächsten aufzuheben.

Es wurde langsam heller; wahrscheinlich stand die Sonne schon recht hoch am

Himmel, doch man sah sie nicht. Die dicken schwarzen Wolken dämpften das

Licht und tauchten den ganzen Tag in eine seltsame, wie in eine von Kerzenruß

dumpf erleuchtete Atmosphäre. Als die Beiden vor mir abbogen, sah ich es

endlich vor mir. Den Grund meiner Reise. Diese Stadt beherbergte etwas

Sonderbares. Etwas, was man nicht überall hatte; etwas, dass den meisten

Menschen mehr Nachteile, als Vorteile verschaffte. Dennoch zog es viele an.

Diese Stadt war der Bischofssitz. Mir brachte dieser Umstand eher Vorteile, als

Nachteile, denn in diesen düsteren Zeiten wurde ich zu manch ausweglos

erscheinenden Situation gerufen. Es war die Zeit, in der die Menschen den

Glauben zu verlieren schienen. Sie riefen mich, wenn sie nicht mehr auf ihren

Glauben bauen konnten, wenn das Leid größer war. Wenn sie den Glauben in die

Kirche mit ihren ewigen Erklärungsversuchen für das ein oder andere Übel leid

waren. Wenn sie glaubten mit diesem heimsuchendem Elend von Gott bestraft zu

werden.

Dieses Mal allerdings war es anders. Kein Hilferuf aus normalem Haus hatte mich

erreicht; nein, dieses Mal war es der Bischof selbst.

Düster dampfend baute sich das gewaltige Kloster langsam vor mir auf, während

ich mich näherte. Die Stadt reichte bis an die Grundmauern des festungsähnlichen

Gemäuers. Es waren keine Fenster oder ähnliche Einlasse zu erkennen, nur die

schwere Holztür, vor der zwei Wächter standen, als würden sie eine andere, eine

heile Welt im Inneren des Gebäudes vor dem Verderben draußen schützen. Es ist

lange her, dass ich zuletzt hier war.

Ich glaubte nicht, dass man sich wirklich an mich erinnern würde, ich war

schließlich damals noch ein Kind gewesen. Der Eindruck aber, den ich damals

bekam, hatte sich in meinen Kopf eingebrannt. Langsam ritt ich immer näher auf

die Tür zu. An den Mauern versuchten einige Bauern ihre Produkte anzubieten,

ohne Erfolg allerdings, wie mir schien. Die zwei Wächter standen regungslos da,

als bemerkten sie mich gar nicht; ich war allerdings sicher, dass sie es taten, alle

anderen taten es jedenfalls. Ich ritt dicht an sie heran. Vor ihnen blieb ich stehen.

Es war eine seltsame Situation. Sie beachteten mich immer noch nicht.

Wahrscheinlich waren sie es nicht gewohnt, dass einzelne Reiter hier um Einlass

baten. Der Regen schien noch stärker zu werden, ich fühlte mich schwach und

müde. Ohne abzusteigen beugte ich mich zu einem der Männer herunter. Beide

trugen eine dunkelrote Uniform, die in dieser Umgebung fast lächerlich wirkte, und

hatten zur Verteidigung eine Art Speer mit Säbelspitze.

Misstrauisch beäugte mich der Mann. Ich sah in sein Gesicht, das nicht wie die

anderen Gesichter in der Stadt durch Armut, Hunger und Leid gezeichnet war. Ich

sagte ihm leise meinen Namen.

Er sah mich noch einmal misstrauisch an. Offensichtlich war mein Name bekannt.

Schließlich erwartete man mich, ich war mir allerdings nicht sicher, ob die Wächter

mich so erwartet hatten. Er drehte sich schließlich um und klopfte an die schwere

Holztür. Dumpf hallten die Töne in den Innenhof, doch der Regen schien einen

Großteil von ihnen zu verschlucken.

„Signore Santo ist angekommen“, schrie der Wächter in den Regen.

Dann passierte eine Weile lang gar nichts. Der Wächter drehte sich wieder um

und würdigte mich keines Blickes mehr. Es schien, als sei die Zeit stehen

geblieben, als wir so dort vor der Holztür standen und warteten. Der Regen

hämmerte unaufhörlich auf uns ein, als wolle er uns ertränken. Es dauerte eine

Ewigkeit, bis sich die Tür schwer in Bewegung versetzte. Als sie geöffnet wurde,

eröffnete sich eine andere Welt. Langsam trabte ich auf meinem Pferd in den

Innenhof. Hinter mir schloss sich rasch die Holztür. Ich hörte hinter mir großes

Geschrei. Die Bauern hatten versucht, sich ebenfalls einen Weg in das Innere der

Gemäuer zu verschaffen, wurden aber gewaltsam von den Wächtern

zurückgetrieben. Im Inneren lag eine gewaltige Ruhe. Es war, als würde man ins

pure Nichts eintreten. Ich sah einige Menschen, hauptsächlich Wärter, manche

standen hoch oben auf der Befestigungsmauer. Offensichtlich konnte man durch

die Türme, die in kurzer Entfernung zueinander standen, auf die Mauer gelangen.

Vor mir lag ein leer gefegter Platz, an dessen linken Ende ein unfreundlicher Weg,

von einer Wiese umringt, hinauf zum Haupthaus führte.

Schnell kam ein weiterer Uniformierter zu mir herüber. Mir fiel auf, dass er erst

kam, nachdem das Tor verschlossen war.

Er begrüßte mich und reichte mir freundlich die Hand zum Absteigen, doch ich

benötigte sie nicht. Ein weiterer Wärter kam hinzu.

„Ich werde mich persönlich um Ihr Pferd kümmern“, sagte er während ich abstieg.

Ich sah ihm an, dass er es ehrlich meinte. Schon hatte er es am Zügel und zog es

zu den Stallungen herüber, wo offensichtlich noch andere Pferde Unterschlupf

fanden. Ich war froh angekommen zu sein. Die beiden Wärter grenzten sich zu

den Menschen draußen gewaltig ab; der schwarze Tod schien keinen Weg in

diese Gemäuer gefunden zu haben – dass er nur in einer anderen Form hier war,

wusste ich noch nicht. Überhaupt hatte die Nachricht des Bischofs mich über

meinen Auftrag eher im Dunklen gelassen, aber die Dringlichkeit war nicht zu

überhören gewesen. Außerdem war ich gespannt, in welcher Weise ich wohl den

Vertretern Gottes helfen konnte.

Der erste Wärter deutete auf den Weg vor uns. Dahinter baute sich das Kloster

dunkel auf. Es bestand im Wesentlichen aus einem schmucklosen grauen

Steinbau, vielleicht drei Etagen hoch. An der Vorderseite waren keine Fenster, nur

die unheimliche Masse der grauen Wand. Die einzigen Verzierungen, die ich sah,

waren um die oben spitz zulaufende Tür angebracht.

„Bitte sehr, Signore Santo. Hier entlang. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme

Reise.“

Ich blickte ihn unter meiner Kapuze heraus an.

„Ich freue mich jedenfalls hier zu sein“

„Ich verstehe“, sagte der Mann. „Dann zeige ich Ihnen mal, wo Sie sich etwas

frisch ausruhen können.“

Gemeinsam gingen wir den doch recht langen Weg zum Haupthaus hinauf. Der

Wächter wirkte auffallend kühl, aber ich ignorierte es. Das Gelände war groß; ich

erahnte hinter dem Haupthaus die Kapelle, und ich konnte mich erinnern, dass

dahinter noch ein großer Garten mit den Gebäuden für die Wächter auf der

anderen Seite war. Die Treppe zur Haupttür war schlicht und auch die Tür selbst

stellte nichts Besonderes dar. In dunklem Holz wirkte sie zwar außerordentlich

massiv, aber dennoch schmucklos. Einzig der steinerne Rahmen darum war reich

mit seltsamen Figuren verziert. Ich konnte mich erinnern, dass sie mir bereits als

Kind aufgefallen waren, mir aber niemand wirklich sagen konnte, was sie

darstellten.

Der Wächter, der mich begleitete klopfte dreimal gegen die Tür. Dumpf hallten die

Schläge in den Raum dahinter und es verging eine Weile, bis die schwere Tür sich

langsam und quälend in Bewegung setzte. Die Dunkelheit des Raumes schlug mir

entgegen, obwohl es draußen nicht besonders hell war. Man konnte nicht sehen,

wer die Tür geöffnet hatte; fast, als wäre sie von Geisterhand geöffnet worden.

Der Wächter kannte das vermutlich schon. Er ging gezielt hindurch in den dunklen

Raum. Ich folgte ihm. Im inneren des Gebäudes brannten nur ein paar Fackeln an

den kalten Wänden. Man hörte sie knistern, aber sonst hörte man nichts außer

den schweren Tritten des Wächters in der Stille. Laut schlug plötzlich hinter mir die

Tür zu. Mit einem Mal wurde es noch dunkler in dem Raum. Ich erschrak und

drehte mich um, während der Wächter sich nicht beirren ließ und seinen Weg wie

zuvor weiterging. Als ich nach hinten blickte, sah ich die Umrisse eines Mannes in

der Dunkelheit verschwinden. Ich drehte mich wieder um und ging weiter, um den

Wächter nicht aus den Augen zu verlieren. Ich fragte mich, ob ich wohl von außen

Fenster gesehen hatte. Ich hatte nicht darauf geachtet, aber es müssen wohl

welche da gewesen sein. In meiner Erinnerung war das Gebäude hell gewesen.

Jetzt wirkte es eher wie eine Grabkammer. Wie zutreffend meine Ansicht doch

war, würde ich allerdings erst später erfahren.

Wir gingen eine ganze Weile, bis wir am anderen Ende der Halle wieder eine Tür

erreichten. Diese musste allerdings nicht von innen geöffnet werden, denn der

Wächter hatte einen Schlüssel. Ziemlich gut geschützt für ein Kloster, dachte ich

mir im Stillen, während er den großen Schlüssel lautstark im Zylinder drehte. Auch

der nächste Raum wirkte nicht einladender, als der erste; er bestand praktisch nur

aus Steinwänden und dem Steinboden, aber wenigstens waren ein paar mehr

Fackeln an der Wand. Unsere Schritte hallten laut durch den Raum, und obwohl

ich die ganze Zeit durch den Regen geritten war, wurde mir erst in diesen Räumen

richtig kalt. Am anderen Ende des schmalen Korridors konnte ich eine weitere Tür

erkennen, und etwa in der Mitte ging eine Treppe nach oben. Wortlos führte mich

der Wächter die Treppe hinauf. Auffällig wurde inzwischen, dass im gesamten

Gebäude absolute Stille herrschte. Keine Menschenseele zu sehen. Auch der

Wärter hatte es offensichtlich eilig durch die Gänge zu kommen, jedenfalls legte er

ein ordentliches Tempo vor. Im ersten Stock waren einige massive Türen, hinter

denen sich wohl Zimmer befanden. Man hörte nichts, keine Stimmen, gar nichts.

Wir erreichten mein Zimmer. Der Wärter schloss die ebenfalls massiv aussehende

Tür auf und drückte mir den Schlüssel in die Hand. Dann blickte er mir direkt in die

Augen.

„Machen Sie sich ein bisschen frisch. Sie finden alles was Sie brauchen im

Zimmer. Ich werde Sie später abholen.“

Seine Art zu sprechen hatte etwas Angst einflößendes. Ein Schauer lief eiskalt

meinen Rücken herunter, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Er

schaute mich noch eine Zeitlang an, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort

um und ging weg. Meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Sie war einer

undefinierbaren Angespanntheit gewichen. Ich wusste nicht warum, aber hätte mir

der Mann nicht den Schlüssel gegeben, wäre ich sicher gewesen, ein Gefangener

zu sein.

Ich betrat das Zimmer unbewusst mit großer Vorsicht. Mein Herz pochte, aber ich

wusste nicht warum. Wahrscheinlich spielte mir mein Körper nach der langen

Reise einen Streich. Das Zimmer war nicht in dem dunklen Stil der anderen

Räume gehalten. Hier brannten diverse Fackeln und Kerzen, man hatte es

offenbar für mich vorbereitet. Es gab zwei recht große Räume, mit einem Bett in

dem einen und einem Schreibtisch mit Sitzgelegenheit für vier Personen in dem

anderen. An der langen Wand war ein großer Kamin. An der anderen Seite eine

verschlossene Tür und der Eingang ins Schlafzimmer. Die Schlagläden vor dem

Fenster auf der anderen Seite des Raumes waren geschlossen. Ich beschloss sie

zu öffnen, aber musste, als ich mich daran begab, feststellen, dass sie sich nicht

bewegen ließen. Man hatte sie offensichtlich auf irgendeine Weise befestigt. Ich

wollte nicht anfangen an ihnen herumzuwerkeln, also ließ ich von ihnen ab und

wandte mich der noch verschlossen Türe zu. Hinter ihr war das schön

eingerichtete Badezimmer versteckt. Es hatte sogar eine Badewanne, und ich

fragte mich sofort, wer wohl das Wasser dafür herbrachte. Jedenfalls stand auf

einem glänzenden kleinen Schrank bereits eine große Schüssel mit dampfendem

Wasser, das wohl für mich gedacht war. Es duftete herrlich und verbreitete ein

Klima, wie ich es hier nicht erwartet hätte. Langsam legte sich meine Nervosität.

Ich ging zurück ins erste Zimmer. Meine Sachen waren völlig durchnässt. Um sie

zu trocknen, zündete ich in dem gewaltigen Kamin ein Feuer an. Holz dafür lag

schon im Kamin und daneben war noch ein weiterer Stapel Holz. Das Holz

brannte schnell. Sofort strömte die Wärme aus. Ich zog mich aus und hing meine

Sachen über zwei Stühle, die ich vor den Kamin stellte. Dann ging ich ins

Badezimmer, um mich ausgiebig zu waschen. Man hatte mir zahlreiche weiche

Handtücher zurechtgelegt. In eines davon hüllte ich meinen Körper und ging wieder

hinaus ins Wohnzimmer. Es war schon herrlich warm geworden. Von meinem

Gefühl her hätte es schon spät am Abend sein können. Ich hätte nichts dagegen

gehabt mich ins Bett fallen zu lassen und zu schlafen, doch es war Vormittag. Mein

Gefühl rührte wohl daher, dass kein Tageslicht in den Raum kam. Also ließ ich mich

stattdessen in einen der zwei schweren Sessel fallen, die vor dem Kamin standen.

Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn das Nächste, was ich bemerkte, war ein

Rascheln vor meiner Tür. Es klang wie ein Kratzen an Holz, ich konnte es nicht

identifizieren. Ich sprang auf, weil ich dachte, der Wärter würde mich abholen.

Immer noch in das Handtuch gewickelt ging ich zur Tür und öffnete diese, aber es

war niemand da. Der ganze Korridor war leer. So leer, dass es fast unheimlich war.

Und trüb. Man konnte den gesamten Raum bis zur Treppe sehen, aber irgendetwas

machte die Sicht undeutlich. Ich schloss die Tür wieder. Das Feuer im Kamin war

schon deutlich kleiner geworden. Ich fühlte meine Kleider. Sie waren trocken und

warm. Schnell zog ich mich an. Mir wurde klar, dass ich recht lange geschlafen

haben musste. Meine Sachen fühlten sich wunderbar an. Die Wärme auf der Haut

zu spüren, ließ mich den dämmerigen Gang wieder vergessen. Ich hatte gerade

meinen zweiten Stiefel angezogen, als es dreimal laut an der Tür klopfte. Das

musste der Wärter sein. Wieder war ich schnell bei der Tür. Tatsächlich stand ein

Wärter dort. Nicht der gleiche von zuvor, aber auch er wirkte reserviert. Er sagte

nichts, blickte mich nur still an.

Er hatte die Erscheinung eines Kampfhundes, sein kurzes schwarzes Haar wirkte

wie Schleifpapier auf seinen kantigen Kopf. Seine Uniform war aufwendig

gearbeitet.

„Ich bin fertig“, sagte ich, „wir können gehen“

Stumm drehte er sich um und setzte sich lautstark in Richtung Treppe in

Bewegung.

„Ach, Entschuldigung“, rief ich ihm hinterher

Er blieb stehen und drehte sich zu mir um.

„Mein Name ist Santo, Bruno Santo. Ich hoffe, ich habe nichts getan, um Sie zu

verärgern.“

Der kleine Mann zog eine seiner scharf gezeichneten Augenbrauen hoch und

fixierte mich eine Weile.

„Mich nennt man hier Carlos.“

Er wirkte so kühl, dass die Luft um ihn herum zu Eis zu erstarren drohte. Ich fragte

mich, ob ich wohl bei meiner Ankunft unhöflich zu ihm gewesen war, aber ich

konnte mich nicht erinnern. Er drehte sich wieder um und ging weiter. Wir gingen

die Treppe wieder hinunter. Wir traten durch einige Türen, vorbei an groß- und

kleinflächigen Gemälden. Von einem steinernen Korridor gelangten wir in den

nächsten. Und immer noch wirkte dort alles, wie in einem endlosen Alptraum. Als

seien alle Menschen von einem tausendjährigen Schlaf befallen worden, und nur

Carlos und ich konnten uns ihm widersetzen.

Nach einer Weile blieb Carlos vor einer Tür stehen. Man sah ihr schon an, dass

hinter ihr etwas Besonderes war, denn hier standen nun endlich noch zwei

Menschen. Wachen von Carlos Schlag. Darüber hinaus war die Tür etwas größer

als die anderen und mit Ornamenten reichhaltig verziert.

„Warten Sie hier“, sagte er leise, aber in seinem Tonfall konnte man den Befehl

hören. Er öffnete die Tür und ging hinein, nicht ohne sie sofort von innen zu

schließen. Um mich herum war wieder nur Stille. Wo gerade eben noch das laute

Geräusch unserer Schuhe zu hören war, hörte man jetzt rein gar nichts.

Niemanden. Es war wie ein Geisterschloss. Noch nicht einmal die beiden Wärter

bewegten sich. Sie waren regungslos und starrten fixierend auf die

gegenüberliegende Wand. Die Stille drückte so sehr auf mir, dass ich drauf und

dran war, die Tür zu öffnen, doch ich widerstand der Versuchung. Schließlich ging

sie auf und Carlos stand wieder vor mir. Ich war erstaunlich erfreut ihn zu sehen,

und ich glaube, er bemerkte ein Lächeln in meinem Gesicht, aber er starrte mich

noch immer kalt und ausdruckslos an.

„Seine Eminenz empfängt euch jetzt“, sagte er knapp und tat einen Schritt zurück

in den Raum. Er hielt mir die Türe auf, während ich hineinging. Sofort schlug mir

ein eigenartig strenger Geruch in die Nase. War das Parfüm? Ich konnte es

irgendwie nicht einordnen. Carlos ging wieder hinaus und schloss die Tür; dann

sah ich die Silhouette eines Mannes vor mir, den ich aus meiner Kindheit noch

kannte, und der sich kaum verändert hatte. Fröhlich lachend kam er auf mich zu.

„Bruno!“, rief er mich mit meinem Vornamen „Ich bin so froh, dass du kommen

konntest.“

Auch ich machte einen Schritt auf ihn zu. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite,

Eminenz“, sagte ich und reichte ihm die Hand zum Gruß.

Er lachte und schnappte sich meine Hand. Sein Händedruck war fest für einen

Geistlichen. Hätte ich es nicht gewusst, hätte ich ihn eher für den Händedruck

eines Dorfbauern gehalten. Er zog mich mit der Hand an sich und umarmte mich.

„Ach Bruno, sei nicht so förmlich. Hat du denn vergessen, wer ich bin?“

Nein, wahrlich, das hatte ich nicht. Er war so dick wie damals, nur seine Haut

verriet sein Alter, sein Gesicht aber war von gesunder rötlicher Farbe und seine

Augen funkelten wild. Haare hatte er noch nie, jedenfalls nicht, soweit ich mich

erinnern konnte. Sein kahler Kopf bildete eine gleichmäßige Fläche ohne Dellen

oder Erhebungen.

„Weißt du nicht mehr, wie wir damals gespielt haben, hier auf den Gängen?“

„Natürlich weiß ich das noch. Du hast mich nie besiegt.“

Er lachte laut auf und brach damit die Spannung, auch ich lachte mit.

„Bruno, mein alter Freund. Mein Gott, was bist du groß geworden. Aber nenn mich

doch bitte Ernesto, so wie früher.“

„Ernesto. Aber jetzt erzähl doch mal, was so dringend ist. Dein Brief war kryptisch

unheimlich geschrieben. Außerdem wäre ich auch gekommen, wenn du mir kein

Geld geschickt hättest.“

„Das weiß ich, aber die Situation ist anders, als du es dir vorstellen kannst. Aber

erzähl erst einmal, wie es dir ergangen ist, Bruno.“

„Nun ja, da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Natürlich gab es da zwar einiges, ich

hatte schon seit längerem den Ruf eines Mannes, der in der Lage war, ganz

spezielle Probleme lösen zu können. Probleme, die andere Leute wohl als

übernatürlich bezeichnen würden, die sich aber meistens relativ leicht erklären

ließen. Nach seinem Brief, den der Bote mir gegeben hatte, zu urteilen, wusste

Ernesto aber über meine Fähigkeiten Bescheid.

Wir gingen hinüber zu dem Tisch, an dem schon zwei Stühle standen.

„Mir ist aufgefallen, dass hier alles recht trostlos wirkt. Ich habe außer Carlos und

deinen zwei Wachen keinen Menschen gesehen.“ Mit Blick auf sein Fenster, bei

dem ebenfalls die Schlagläden zu waren, ergänzte ich. „Außerdem scheint ihr das

Tageslicht nicht mehr zu mögen.“

Der alte Mann ließ sich schwer auf seinen Stuhl sacken. Wie auf ein Kommando

war die Freude in seinen Gesichtszügen einer beklemmenden Angespanntheit

gewichen. Er saß ungemütlich gerade da und legte seine Hände auf seine

Oberschenkel.

„Bruno“, sagte er nach einer Weile, in der ich das Gefühl hatte, dass er

angestrengt nachdachte, „Bruno, die Menschen hier haben Angst.“

Er hielt kurz inne: „Sie haben Angst zu sterben“

Er ging langsam zu dem großen Vorhang, der an der Wand angebracht war.

Schwer und rot hing er herunter und deckte alles ab, was hinter ihm lag Er

machte eine kleine Pause und fixierte mich. „Ich hatte gehofft, dass du mir sagen

könntest, wovor wir hier Angst haben.“

Mit den Worten ging er zu dem Vorhang und öffnete ihn. Ich erschrak unwillkürlich,

denn so direkt seine Sprache auch war, sie wurde von dem, was er mir zeigte,

übertroffen. Hinter dem Vorhang war ein Durchgang in einen weiteren Raum und

in diesem Raum, fein säuberlich, stand ein Tisch, auf dem ein Mensch lag. Das

hatte ich nicht erwartet, aber wenigstens wusste ich jetzt, wo der Geruch herkam,

der sich hier überall ausbreitete. Ernestos Versuche den Geruch zu überdecken,

waren wenig erfolgreich gewesen. Ich näherte mich langsam dem Tisch, an

Ernesto vorbei. Der Mann auf dem Tisch war offensichtlich tot, die Leichenstarre

hatte seinen Arm in einem unnatürlichen Winkel nach oben stehen gelassen. Es

war ein junger Mann, wohl einer der Klosterbewohner hier, ein junger Mönch,

denn er hatte eine Kutte an. Äußerlich sah er auf den ersten Blick unversehrt aus,

aber je näher ich ihm kam, desto klarer wurde mir, was die Ursache für seinen Tod

war. Es war sein Gesicht, sein ganzer Kopf. Die Augen waren weit aufgerissen,

sein Mund ebenfalls, sein Kopf stand in einer unnatürlichen Stellung zu seinem

Körper, er war fast bis zu seinem Rücken gedreht. Sein ganzer Körper schien sich

zu krümmen. Man sah es dem Mann ganz deutlich an. Er hatte ein schreckliches

Ende gehabt. Man konnte es förmlich in seinen toten Augen sehen. Ungläubig

drehte ich mich wieder zu Ernesto um. Er stand nur da, immer noch den Vorhang

in der Hand.

„Verstehst du jetzt, was ich meine?“

„Mein Gott. Wie ist das passiert?“

Ernesto schüttelte stumm den Kopf. „Ich weiß es nicht. Er hat die eine oder andere

kleine Verletzung, Kampfspuren vielleicht. Nach seinem Kopf zu urteilen ist er an

einem Genickbruch gestorben, aber sicher bin ich mir nicht.“ Ernestos Auftreten

war imposant, aber in dieser Situation konnte man erkennen, dass er eine gewisse

Hilflosigkeit ausstrahlte.

„Wo ist er gefunden worden?“

„In seinem Zimmer. Aber da ist noch etwas...“

Ich blickte ihn fragend an, während ein Moment der Stille sich im Zimmer

ausbreitete.

„Er war nicht der Erste“, fügte er still hinzu.

Nicht der Erste? „Wie meinst du das? Es hat schon andere Tote gegeben?“

Der Geistliche nickte. „Das ist Timothei. Einer unserer Mönche. Wir fanden ihn vor

zwei Tagen. Er war nicht zur Messe gekommen und wir bekamen keine Antwort

an seiner Tür. Carlos hat sie dann aufgebrochen. Wir fanden ihn so, wie er da

liegt.“

Ich schaute ihn mir noch einmal an. Ich war kein Arzt, kannte mich medizinisch nur

begrenzt aus, aber auch ich vermutete, dass er an einem Genickbruch gestorben

war.

„Und wie viele andere Opfer gibt es?“

Er schwieg einen kurzen Moment, als überlege er noch, ob er es wirklich sagen

wolle. Stumm ging er rückwärts und ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen. Er

senkte seinen Blick und hielt einen Moment inne. Dann schaute er mich wieder an.

„Er war der Zehnte.“

„Der Zehnte?“ Ich war schockiert.

Ernesto nickte. Ich konnte es kaum fassen.

„Der zehnte Tote? Wie sind sie gestorben? Ähnlich wie Timothei?“

Ernesto sah mich streng an.

„Mehr oder weniger, wir hatten auch schon Tote mit weitaus offensichtlicheren

Verletzungen hier.“

Ich wollte es gar nicht wissen, was das für Verletzungen gewesen waren. So

etwas hatte ich noch nie erlebt. Zehn Tote!

„Wann hat es angefangen?“

„Vor zwei Wochen“, sagte Ernesto, und das war das Nächste, was mich

schockierte, denn es bedeutete, dass fast jeden Tag jemand starb. Das schaffte

sonst nur die Pest.

„Aber in den letzten drei Tagen ist niemand gestorben.“

Unwillkürlich dachte ich an den Boten, der mir die Nachricht überbracht hatte.

Vielleicht hatte er etwas damit zu tun, aber ich verwarf den Gedanken wieder,

obwohl es anscheinend seit seiner Abreise keine Toten mehr gegeben hatte.

„Er liegt schon seit drei Tagen hier?“, fragte ich, „Und die anderen?“ Mir kam der

Gedanke, wie Ernesto es geschafft hatte, drei Tage mit diesem stinkenden Körper

zu verbringen.

„Die anderen sind schon beerdigt. Timothei habe ich noch nicht beerdigt, weil ich

wollte, dass du ihn siehst. Es ist schrecklich. Diese Gewalt. Und dann dieser

Ausdruck im Gesicht, ich habe so etwas noch nie gesehen.“

Ich auch nicht, dachte ich mir im Stillen, aber es gab sicherlich eine natürliche

Erklärung für die ganzen Toten. Da es sich offensichtlich nicht um eine rätselhafte

Krankheit handelte.

„Gab es an den Stellen, an denen ihr sie gefunden habt, etwas Auffälliges?“

Ernesto nickte. Dann seufzte er: „Die Fensterscheiben waren immer zerstört.

Offensichtlich ist jemand durch die Fenster in die Zimmer eingedrungen und hat

sie ermordet. Jedenfalls waren die Türen immer unversehrt.“

„Durch die Fenster?“, fragte ich und sah in Ernestos Gesichtsausdruck, dass er

wusste, worauf ich hinaus wollte. Denn obwohl zerschlagene Fenster eindeutig auf

ein gewaltsames Eindringen schließen ließen, war da ein Problem. Außen war die

Mauer bis zum ersten Stock mindestens fünf Meter hoch, vom zweiten Stock ganz

zu schweigen. Im unteren Stockwerk hatte ich noch keine Anzeichen für private

Zimmer gesehen. Eigentlich ausgeschlossen, dass jemand da an die Fenster

herankäme. Ernesto schien meinen Gedankengang zu sehen.

„Es gibt im Außenbereich keine Leitern, die lang genug wären. Keine der Leichen

wurde hier im Erdgeschoss gefunden“, sagte er, „Es gibt keine Hilfsmittel um an

die Fenster heranzukommen. Außerdem“, er machte ein kleine Pause und blickte

auf sein verbarrikadiertes Fenster, „zwei Unglücke sind oben im dritten Stock

passiert.“

Das schloss natürlich die Leiter-Theorie aus.

„Deshalb sind hier also alle Fenster verriegelt.“

Ernesto nickte. „Aber auch nachdem die Fenster verriegelt wurden sind Mönche

gestorben und Fensterscheiben waren zerstört. Ich weiß einfach nicht mehr

weiter, Bruno. Du musst mir hier helfen. Du musst herausfinden, warum diese

schrecklichen Dinge geschehen.“ Er machte eine kurze Pause und schaute mich

schon wieder in seiner unglaublich intensiven Art an.

„Die Menschen haben Angst, aber wo sollen sie hin? Im Dorf grassiert die Pest,

wir waren schon lange nicht mehr vor unseren Toren. Wir lassen auch niemanden

hinein. Bisher konnten wir den schwarzen Tod aus unseren Mauern heraushalten.“

„Dafür habt ihr euch eine andere Variante hereingeholt.“

Ernesto antwortete nicht, aber es stimmte.

„Hat es einfach so begonnen?“, fragte ich ihn. „Aus dem nichts? Oder war vor dem

ersten Toten etwas Besonderes? Vielleicht ein neuer Mönch?“

„Nein“, erwiderte Ernesto, „wie gesagt, wir lassen hier niemanden von außen

hinein. Du hast da eine Ausnahme gebildet. Selbst die Wachen, die vor dem

Haupttor stehen, bleiben draußen, sie haben ein Häuschen direkt an der Mauer.

Dort können wir sie von oben versorgen. Es sind vier. Sie wechseln sich immer

ab.“

„Wie lange macht ihr das schon?“

Ernesto winkte ab: „Seit mindestens sechs Monaten. Seitdem ist hier niemand

hereingekommen.“

Er blickte jetzt noch düsterer und schaute mir direkt in die Augen.

„Es gibt nur eine logische Erklärung für das Ganze“, sagte er.

Für einen Moment war Stille in dem Raum, dann aber sagte Ernesto etwas, was

fast den Boden erzittern ließ, das Wort war so raumfüllend, dass es alles andere

verdrängte.

„Luzifer“, sagte er still und doch gleichzeitig laut.

Danach war einen Moment lang wieder Ruhe. Ernesto saß immer noch in dem

Stuhl.

„Wie meinst du das?“, fragte ich.

„Kannst du mir einen anderen nennen, der so etwas vollbringen könnte?“

Im Moment hatte ich keine brauchbare Idee, aber ich wusste wenigstens, warum

Ernesto in seinem Brief so schnell nach mir verlangte.

Der Teufel war sicher

niemand, mit dem ein Bischof gerne scherzte. Würde ich es schaffen die Toten

einem anderen Grund zuzuordnen, wäre er sicher mehr als erfreut, zumal man

bedenken musste, warum der Teufel sich wohl gerade die Mönche ausgesucht

hatte. Ich schüttelte den Gedanken Ernestos ab. Ich war fest davon überzeugt,

dass es für das Ganze eine logische Erklärung geben musste, einen Teufel in

Menschengestalt praktisch.

„Ernesto, ich weiß...“, fing ich einen Satz an, als wir plötzlich scharf unterbrochen

wurden. Laut klopfte jemand an die Tür. Es war Carlos. Er wartete nicht einmal ab,

bis man ihn hereinbat, nein, er stürmte geradewegs in das Zimmer. Leicht nach

Luft ringend stand er da – er war offensichtlich gerannt, ich konnte seine

Halsschlagader pulsieren sehen. Er blickte uns einen Moment mit all seiner

autoritären Strenge an, dann sprach er fünf Worte, die niemand hören wollte:

„Noch einer, es ist Arthur.“

Ernesto stand erschrocken auf.

„Arthur?“

Carlos nickte. „Einer meiner Männer. Er ist von der Mauer gefallen.“

Ernesto hauchte nur ein kurzes „Nein“, dann rannte er los. Auch Carlos rannte los.

Ernesto hinter ihm her, und da ich auch sehen wollte, was passiert war, rannte ich

ebenfalls hinter den beiden her. Wir rannten den Gang entlang durch die

unzähligen Türen, von denen jetzt keine abgeschlossen war, und weiter in die

Eingangshalle. Auch hier stand die Tür offen und gab den Weg an das Tageslicht

frei. Wir rannten hinaus, die Treppe hinunter. Immer hinter Carlos her. Es hatte

aufgehört zu regnen, aber es war trotzdem ein durch und durch grauer Tag.

Nachdem wir um das Gebäude herum gerannt waren, konnte man schon sehen,

was passiert war. Da lag er, einer der Wachen, tief in den schlammigen Boden

herein gedrückt. Er lag direkt neben einem kleineren Schuppen. Und er sah aus,

als läge er schon eine Weile dort, er war total durchnässt. Sein ganzer Körper war

nur zur Hälfte zu sehen, er lag mit dem Gesicht nach unten. Vermutlich war er von

der Mauer, auf denen die Wachen patrouillierten, heruntergefallen. Es standen

auch ein paar andere Gestalten um ihn herum, zwei Wärter und drei Mönche. Die

ersten Menschen, die mir hier direkt begegneten. Ernesto kniete sich neben ihm in

den Schlamm. Offenbar war es ihm egal, seine Gewänder zu beschmutzen.

Er packte den Wächter an den Schultern und drehte ihn herum auf den Rücken.

Schnell wischte er den Schlamm mit seiner Hand aus dem Gesicht des Opfers.

Und da war es wieder. Dieser Ausdruck, dieser verdrehte Kopf. Ernesto ließ ihn

resigniert sinken und bekreuzigte sich still. Er war tot. Da lag er nun, der Wächter.

Die Starre war noch nicht eingetreten, aber seine Gesichtszüge waren auf eine

seltsame Art scheinbar eingefroren. Selbst seine Augen vermochte Ernesto nicht

zu schließen. Ich sah mich in der Gruppe der Leute um, die hier standen.

„Hat jemand gesehen, was passiert ist?“

Mir fiel sofort auf, dass nur noch zwei Mönche da waren; ich drehte mich um, aber

der Dritte war nirgendwo zu sehen. Die übrigen sahen genauso erschrocken aus

wie Ernesto, nur Carlos stand da wie immer mit seinem strengen Blick. Er verlor

nicht einen Millimeter an Fassung.

Die beiden Mönche und die Wachmänner schüttelten stumm den Kopf.

„Wir fanden ihn gerade eben. Er lag schon so hier“, sagte einer der Mönche, ein

großer dünner Mann, ungefähr im selben Alter wie der Tote in Ernestos Zimmer.

Ich sah ihn an. Es fiel mir erst jetzt auf, aber er war tropfnass. Seine Kutte war von

oben bis zu den Hüften durchtränkt.

„Sind Sie nass geworden?“, fragte ich ihn.

Er schaute mich verwundert an „Ja.“

Ich fragte mich, wie man nass werden konnte, während man über den Hof lief,

zumal es nicht mehr regnete. Ich entschloss mich, nicht weiter zu fragen. Ich

schaute in den Himmel. Die Sonne blitzte zwischen der Wolkendecke hervor.

„Habt ihr etwas gehört, als er gefallen ist?“

Wieder verneinten alle.

„Wer hat ihn zuerst entdeckt?“

„Das war ich“, antwortete der dünne Mönch wieder, „aber ich habe ihn nicht

bewegt. Er lag schon so da.“

„Was ist mit dem Mönch, der gerade weggegangen ist? Hat er vielleicht etwas

gesehen?“

Nun schaltete sich auch der dritte Mönch ein. Er war ein ganzes Stück älter. „Nein,

Bruder Claudio war bei mir. Wir haben uns um Ihr Pferd gekümmert. Den da

liegenden Wachmann haben wir erst bemerkt, als Bruder Umberto die Wachen

gerufen hat.“

Ich blickte hinauf auf die Mauer, von der er herunter gefallen war. Es war nichts

Verdächtiges zu sehen. Was war nur dort los? Die Menschen schienen im Kloster

gefährlicher zu leben als in dem pestverseuchten Dorf. Unwillkürlich sah ich zu

den Ställen mit meinem Pferd hinüber. Hoffentlich hatte ich keinen Fehler

begangen hierher zu kommen. Jedenfalls war die sichere, friedliche Herberge der

Geistigen zum Schauplatz einer Macht geworden, die scheinbar nicht daran

interessiert war mit dem Morden aufzuhören.

„Bringt ihn hier weg“, sagte Ernesto still. „Bringt ihn rein und macht ihn sauber.“

Dann stand er wieder auf und drehte sich um.

„Wir feiern jeden Mittag eine Messe, Bruno“, sagte er leise, dann ging er langsam

in Richtung des Hauses.

Ich kniete mich neben den toten Wächter. Es war außergewöhnlich, sein Gesicht

war tatsächlich mit einer gewissen Angst versetzt. Ich sah ihn mir genau an, es

war aber keinerlei offene Verletzung zu finden, hingegen hatte er bestimmt

mehrere Knochenbrüche, denn irgendwie sah er verdreht aus. Vielleicht ist er

einfach nur die Mauer heruntergefallen, dachte ich mir, aber ich hielt das eher für

unwahrscheinlich.

„Wie kommt man da hinauf?“ fragte ich Carlos auf die Mauer zeigend.

„Durch den Eingang in dem Turm da vorne.“

Ich überlegte nicht lange. „Können Sie es mir zeigen, ja?“

„Jetzt sofort?“

„Ja, warum nicht?“

Carlos zögerte zwar kurz, aber dann nickte er zustimmend und drehte sich zu

seinen Männern um.

„Bringt ihn hinein“, befahl er den anderen Wachen, die noch da standen. „Wascht

ihn, wie der Bischof es gesagt hat.“ Die anderen beiden Mönche boten ihre Hilfe

an. Dann drehte sich Carlos zu mir um.

„Kommen Sie.“

Wir gingen hinüber zu dem Turm. Carlos schloss die Tür auf.

„Kann man auch durch die anderen Türme auf die Mauer gelangen?“, fragte ich.

Carlos nickte still. „Die Mauer geht einmal komplett herum. Durch alle vier Türme

kann man hinauf und auch wieder herunter gehen.“ „ Dann ist es also möglich,

dass jemand durch eine der anderen Türen hinauf gelangen konnte und jetzt auch

unbemerkt fliehen konnte?“

„Nein“, sagte Carlos knapp, während er mit seinem Schlüsselbund hantierte.

„Nein?“, fragte ich, „Warum nicht?“

Jetzt hatte Carlos den richtigen Schlüssel gefunden. Er steckte ihn in das Schloss

und drehte.

„Alle Türen sind verriegelt. Ich habe sie selbst verschlossen und nur der Bischof

und ich haben einen Schlüssel zu den anderen drei Türmen. Dieser hier ist der

einzige, zu dem auch die Wachen einen Schlüssel haben.“

„Wie viele Wachen haben denn einen?“

„Es gibt nur einen Schlüssel.“, sagte Carlos während er die Tür öffnete. „Und den

geben die Wachen immer wieder an ihre Ablösung weiter. Sie übergeben den

Schlüssel hier unten an der Tür. Der ablösende Wächter schließt dann immer

sofort ab, bevor er hinaufgeht.“

Wir betraten den Turm. Unmittelbar vor uns war die Treppe, die sich in einer

kompletten Drehung nach oben wand. Es war kalt in dem Turm und feucht. Aber

der Weg nach oben war nicht sehr lang. Oben blies uns der Wind um die Ohren.

„Hier laufen die Wachen her“, sagte Carlos. Ich schaute auf den langen schmalen

Weg, der sich vor uns erstreckte.

„Was bewachen sie hier eigentlich?“

„Dieses Kloster ist eine Oase inmitten der Gegend dort draußen. Haben Sie nicht

gesehen, wie es in dem Dorf aussieht?“

Doch, das hatte ich in der Tat.

„Wir schützen uns hauptsächlich vor Menschen aus dem Dorf, die versuchen über

die Mauer in das Kloster zu gelangen.“

„Passiert das oft?“

„Dann und wann versucht es jemand. Aber bisher hat es noch niemand geschafft.“

Ich fand es seltsam, dass die Kirche sich vor Zuflucht suchenden Menschen mit

Gewalt schützte, aber ich hatte schon vorher Erfahrungen mit diversen Geistlichen

gehabt, also überraschte es mich nicht besonders.

„Vielleicht hat es nun doch jemand geschafft und sie haben es nicht bemerkt.“

Carlos sah mich böse an. „Das glaube ich nicht, Mr. Santo.“

Eigentlich glaubte ich es auch nicht. Immerhin war die Mauer nach draußen recht

hoch. Man hätte es bestimmte bemerkt, wenn jemand versucht hätte sie zu

überwinden.

Vor mir sah ich eine Art endlosen Balkon, auf dem man mühelos laufen konnte. Er

war zu beiden Seiten durch eine Mauer gesichert. Zur Außenseite war sie etwas

höher als Innen, aber selbst Innen konnte man nicht versehentlich runterfallen.

Jemand muss den Wachmann herunter geschubst haben. Oder vielleicht war er

ohnmächtig geworden. Vielleicht war sogar Suizid eine Möglichkeit. Immerhin

passte er nicht in das Schema der anderen Toten. Er war zwar auch recht jung,

aber er war sicherlich kein Mönch.

„Haben sie eine Theorie zu den vielen Toten?“, fragte ich Carlos, während wir auf

der Mauer gingen.

„Eine Theorie? Eigentlich nicht. Aber ich denke, dass es jemand aus dem Kloster

war. Vielleicht ist einer der Mönche durchgedreht oder einer meiner Männer.“

Es überraschte mich, dass er seine Männer nicht ausschloss.

„Benimmt sich denn jemand ungewöhnlich?“

„Wenn jemand sich ungewöhnlich benehmen würde, hätte ich ihn schon längst

ausgequetscht, aber bis auf den Fakt, dass alle Angst haben, sind sie so wie

immer.“

„Dann ist es vielleicht doch jemand von draußen.“

„Das ist unmöglich“, sagte Carlos. Ich merkte, dass auch er mit seinen

Nachforschungen in einer Sackgasse steckte.

Wir gingen auf der Mauer eine komplette Runde um das Schloss. Es war kein

Mensch hier oben. Die übrigen drei Türme waren auch nach oben hin durch eine

schwere Tür gesichert, aber Carlos sperrte trotzdem jeden einzelnen auf, um

hereinzuschauen. Es war nirgendwo etwas Verdächtiges zu sehen. Wenn es

stimmte, was Carlos gesagt hatte, so muss der Mörder auf einem anderen Weg

als durch die Türme auf die Mauer und wieder herunter gelangt sein.

„Außer den Türmen gibt es keinen Weg auf die Mauer?“

Carlos schüttelte den Kopf. Unten sahen wir, wie die zwei Wachen den Körper des

toten Wachmanns auf ein Brett legten, um ihn fortzutragen.

„Was ist mit dem Mönch, der den Toten gefunden hat?“, fragte ich Carlos als wir

wieder bei unserem Ursprungsturm waren.

„Umberto? Er hat meinen Mann bestimmt nicht von der Mauer geschubst, ich

meine, sehen sie ihn sich mal an, er ist doch wirklich nicht der Inbegriff eines

Gewalttätigen.“

Ich sah die zwei Wächter und die zwei Mönche unten an. Es stimmte, der Mönch

machte tatsächlich nicht den Eindruck, als könne er einen Mord begehen,

geschweige denn, zehn oder elf. Bei Carlos allerdings war ich mir da nicht so

sicher.

In einiger Entfernung saß der Mönch Claudio allein in seinem Zimmer und dachte

nach. Er wusste, dass es für ihn unangenehm werden konnte. Die Wachmänner

hatten nicht die Befugnis, die Privatgemächer in dem Gebäude zu durchsuchen,

aber nun war dieser seltsame Fremde gekommen. Er war kein Geistlicher, dass

hatte Claudio schon gesehen, als er angekommen war. Er sah eher aus wie ein

Räuber, aber er wusste, dass er hier war, um die Mordfälle zu klären. Trotzdem,

dieser Ankömmling würde für ihn und Umberto nichts Gutes bedeuten. Es waren

zu viele Menschen gestorben hier in letzter Zeit, man würde alles daran geben,

den Schuldigen zu finden, und Claudio dachte sich, dass der Mann der da

angekommen war bei der Schuldfrage nicht in erster Linie an das Werk des

Teufels denken würde. Claudio hatte Angst. Angst, dass jenes Geheimnis

entdeckt werden würde, das die jungen Mönche verwahrt hatten. Das Geheimnis,

für das sie offenbar umgebracht wurden. Er würde es nicht mehr allzu lange

verstecken können, denn auch der Mörder wusste, dass es nur noch eine Person

außer ihm gab, die davon wusste. Er brauchte eine Idee. Er musste es mit

Umberto nach draußen bringen, es den Menschen zeigen, aber es war so

unglaublich, dass er wusste, dass ihm niemand glauben würde. Trotzdem, im

Kloster konnte es nicht bleiben. Dafür war es hier viel zu gefährlich. Wenn der

Mörder ihn und Umberto umbringen sollte, wäre die Geschichte für immer

verloren. Kein Mensch würde jemals die Wahrheit erfahren.

Carlos hatte mir gesagt, wo ich die fünf Personen finden konnte, die bei dem Toten

Wächter waren, aber er hatte mir darüber hinaus deutlich gemacht, dass ich von

ihm selbst keine Hilfe zu erwarten hätte, denn er hätte viel zu tun. Seine Aversion

gegen mich war offensichtlich. Ich fragte mich wieder und wieder, was ich wohl

diesem jungen Mann angetan hatte, aber es fiel mir einfach nicht ein. Ich beschloss

also die Tatsache einfach zu akzeptieren, dass er mich nicht mochte. Die zwei

Wärter hatte ich draußen schon angesprochen, als ich wieder in das Gebäude ging.

Sie hatten unabhängig voneinander angegeben, dass die drei Mönche schon dort

gewesen waren, als sie bei dem Toten ankamen. Ich schenkte ihnen in diesem

Punkt Vertrauen, erstens weil sie sich gegenseitig bestätigten, aber zweitens auch,

weil ich davon überzeugt war, dass keiner der Wärter mit den Morden etwas zu tun

hatte.

Die drei Mönche wollte ich später befragen. Als erstes interessierten mich viel

mehr die Toten. In welcher Beziehung standen sie zueinander? Ich machte mich

auf den Weg zurück zu Ernesto. Auf den Gängen in dem Palast war jetzt nicht viel

mehr los, als zuvor. Aber direkt an der Tür lief ich in einen der Mönche hinein. Ich

fiel fast hin, so fest hatte er mich angerempelt. Er murmelte ein „Entschuldigung“

und ging dann schnell weiter. Der hatte es aber eilig, dachte ich mir und ging

weiter. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass es der Mönch Umberto war,

den ich auch vorhin schon bemerkt hatte. Für sein schlankes Erscheinungsbild

war er unglaublich stabil.

Es war ein langer Weg zu dem Zimmer des Bischofs und ich begegnete dem

einen oder anderen Wachmann, aber ich sah keine Mönche mehr. Nun ja, sie

werden sich wohl alle auf die Messe vorbereiten, dachte ich mir, und als ich in

Ernestos Zimmer eingelassen wurde, sah ich, dass dieser Gedankengang wohl

der richtige war. Auch Ernesto bereitete sich auf die Messe vor. Außerdem waren

in dem Zimmer noch zwei Wächter, die gerade den Körper des Toten

heraustrugen, den mir Ernesto vorher gezeigt hatte.

„Ist es nicht schrecklich?“, fragte Ernesto, ohne mich anzuschauen, während er

seine Kutte überlegte. „Um uns herum sterben die Menschen wie die Fliegen.“

„Ja, schrecklich“, antwortete ich ihm. Die Situation war unglaublich bizarr. Es war

seltsam, aber es schien, als würde dieser eine Tote bei der großen Anzahl der

anderen nicht mehr so ins Gewicht fallen. Es war ein Verhalten, das ich schon

vorher beobachtet hatte. Ab einer gewissen Zahl von Opfern ist man sich der

einzelnen Schicksale nicht mehr so bewusst. Das galt vor allem in Zeiten wie

jenen, in denen die großen Epidemien grassierten. Tote wurden nur noch

abgehandelt. So war es sicher auch draußen im Dorf, wo der schwarze Tod seine

Fänge nach den Menschen ausgerichtet hatte. Die Situation im Kloster war

anders. Ich hatte das Gefühl, als ob das Leben seiner Mönche und Wächter

Ernesto wirklich wichtig waren.

„Sag mal, kanntest du eigentlich alle zehn, entschuldige, elf Toten?“

„Selbstverständlich“ antwortete er mir. Ich half ihm die Kutte zu richten „Ich kenne

hier jeden.“ In seinem Gesicht spiegelte sich der Schmerz. Der Schmerz über die

gestorbenen Mönche und der Schmerz über das jüngste Opfer, der sich noch

nicht völlig ausgebreitet hatte.

„Auch die Wachmänner?“

„Nun ja, eingestellt werden sie immer von Carlos, aber wir sind schon so lange

hier auf diesem Raum zusammen, dass ich alle kenne, denke ich.“

„Auf jeden Fall kanntest du alle Toten. Wie viele Mönche gibt es hier?“

„Es gibt hier genau zweiundfünfzig Mönche“, er hielt kurz inne, „ich meine natürlich

es gab hier zweiundfünfzig Mönche, nun sind es nur noch zweiundvierzig, drei

Priester, die aber schon seit Jahren hier sind und einen Bischof“, er lächelte mich

von der Seite an. „Aber den kennst du ja“.

Ich erwiderte sein Lächeln, „Ja, das stimmt. Den Bischof kenne ich“

„Hatten die Toten irgendein gemeinsames Projekt?“

„Außer, dass sie Gott gedient haben meinst du? – Nein. Sie haben hier

unterschiedliche Dinge getan. Die Mönche sind in Arbeitsgruppen für alle Bereiche

aufgeteilt, aber die Bereiche der Toten stehen in keinem Zusammenhang“.

Ich merkte schnell, dass Ernesto sich auf seine Luzifer-Theorie eingefahren hatte.

Es war schwierig andere Ansatzpunkte zu finden.

„Wo sind sie denn beerdigt?“, fragte ich

„Hinter der Kapelle. Warum?“

„Ach, nur so“.

„Wil st du hingehen?“

„Ja, ich dachte daran“.

„Gut, aber denk daran, ich würde mich freuen dich später in der Messe zu sehen“.

Ich versprach es ihm. Ernesto war durch und durch nicht nur Bischof, sondern

auch Priester. Er verstand es die Menschen um sich zu sammeln.