Mondberge - Ein Afrika-Thriller - Andreas Klotz - E-Book

Mondberge - Ein Afrika-Thriller E-Book

Andreas Klotz

0,0

  • Herausgeber: Tipp 4
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Der Ruwenzori. Die legendären Mondberge. Ein unzugängliches Bergmassiv im Herzen Afrikas. Dichter Dschungel und eisige Gletscher, überwucherte Sümpfe und karge Felsen, verwunschene Wälder und immerwährender Nebel. Wer sich in dieses Gebirge wagt, muss mit allem rechnen ... Als eine Trekkinggruppe um den National-Geographic-Fotografen Tom und die dynamische Berlinerin Andrea die schmalen Pfade des Ruwenzori besteigt, wissen die Wanderer noch nichts von Rebellen aus dem Kongo, die sie in den kalten Höhen bereits erwarten. Dort stürzt die geheimnisumwobene Familiengeschichte von Andrea die Gruppe in eine gefährliche Krise. Die Geister der Mondberge und die Quellen des Nils, ein vergessenes Tal und eine unbekannte Menschenaffen-Spezies führen die beiden immer wieder in den Grenzbereich zwischen Realität und Einbildung. Nur wenn sie die Bedingungen der Mondberge und ihre Legenden respektieren, nur wenn sie sich auf ungewöhnliche Umstände einlassen und zu tiefen Veränderungen bereit sind, haben Tom und Andrea eine Chance, der Bedrohung zu entkommen. Nachdem sie diese Welt einmal betreten haben, werden sie verändert aus ihr hervorgehen - oder sterben. Ein Thriller voller Mystik, der die Geschichte Ugandas mit Deutschland verbindet und auch vor unbequemen Themen wie Kindersoldaten und der Vernichtung der Natur durch den Menschen nicht haltmacht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 824

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



IMPRESSUM

Mondberge – Ein Afrika-Thriller

1. Auflage 2012

ISBN 978-3-9812944-6-0

www.mondberge.de

Verlag: TiPP 4 GmbH, Marie-Curie-Str. 15, 53359 Rheinbach, Tel. 02226 911799, www.tipp4.de

Herausgeber: Andreas Klotz, Rheinbach

Layout und Karte: Michael Hildebrand, Rheinbach Lektorat: Thirza Albert, Frankfurt a. M.

Korrektorat: Reinhard Fey, Bonn

Autorencoaching (für S. M. Meyer): Jochen Scheel, Köln

© Copyright 2012 by TiPP 4 GmbH, Rheinbach

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Der ganze oder teilweise Abdruck und die elektronische oder mechanische Vervielfältigung gleich welcher Art sind nicht erlaubt. Abdruckgenehmigungen erteilt ausschließlich die TiPP 4 GmbH.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

»Wenn eine Gegend sich in Nebel hüllt, erscheint sie größer, erhabener und erhöht die Einbildungskraft und spannt die Erwartung gleich einem verschleierten Mädchen ... denn wer im Nebel nichts als Grau sieht, dessen Phantasie ist arm.«Caspar David Friedrich

Prolog

Im dichten Nebel, kurz hinter dem Scott-Eliott-Pass, verlor Tom den Kontakt zur Gruppe.

Senezien und Lobelien, die urwüchsigen Pflanzen dieser afrikanischen Region in über 4.000 Metern Höhe, ragten wie Palmen an beiden Seiten des Weges hoch über ihn in den ugandischen Himmel. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den rutschigen Schotter. Leise fielen Schneeflocken auf ihn herab. Angespannt blickte Tom auf den Pfad vor seinen Füßen, konzentrierte sich auf jeden Schritt. Schnee. In Uganda. Für einen Moment fühlte er sich unendlich einsam in diesen Bergen an der Grenze zum Kongo.

Plötzlich waren sie da. Rechts und links des Weges standen Männer in Uniformen, grinsten, sagten jedoch nichts. Schwarze Gesichter, weiße Augen, bleiche Zähne. Gewehre lässig über die Schultern gehängt. An den ersten ging Tom vorbei, ohne sie richtig zu registrieren; seine Wahrnehmung war betäubt von den Strapazen der letzten Tage. Die anstrengende Passüberquerung und der kalte Regen, immerwährender Nebel und der geringe Sauerstoffgehalt in der Luft hatten ihn abstumpfen lassen.

Das war kein freundlicher Empfang von Einheimischen. Dies war ein paramilitärischer Übergriff. Erinnerungen an die geisterhaften Erscheinungen der letzten Tage überschwemmten sein Gehirn. Wie viel von dem, was er gerade sah, war real? War er überhaupt noch bei Verstand?

Vor ihm mussten seine Mitstreiter sein. Irgendwo im undurchdringlichen Nebel. Tom ermahnte sich, schneller zu gehen. Seine Füße rutschten immer wieder weg, aber er wollte nicht länger allein zwischen diesen unheimlichen Gestalten sein. Er zwang sich, die Situation zu erfassen. Hatten sie sich verlaufen? Waren sie unbemerkt in den Kongo geraten? Nein, die Grenze war noch mindestens zwei Kilometer entfernt. Und der über 4.800 Meter hohe Bergrücken des Mount Stanley lag dazwischen. Vorausgesetzt, seine Karte war richtig.

Die Bewaffneten verharrten weiterhin regungslos am Wegrand. Wenn Tom noch auf ugandischem Gebiet war, dann mussten diese Soldaten aus dem Kongo herübergekommen sein. Dabei sahen sie nicht einmal wie richtige Soldaten aus. Eher wie schwer bewaffnete Guerilla-Kämpfer.

Er hätte sich dieser Reisegruppe nicht anschließen dürfen.

Als die anderen sich vor ihm im Nebel abzeichneten, atmete er auf. Andrea stand kerzengerade und schaute ihn aus müden Augen an. Peter kam ihm ein paar Schritte entgegen.

»Sie sagen, wir sind entführt«, raunte der Guide.

Dann fielen die ersten Schüsse.

Teil 1

1

Hamburg-Fuhlsbüttel, 4. März

Bedächtig betrat Bernard Kayibanda den Flur zu den Besucherräumen der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel. Mit wachen Augen verschaffte sich der große Mann einen schnellen Überblick über die verglasten Räume, an deren Tischen die anderen Gefangenen und ihre Besucher saßen. Wie immer hatte er um den abgelegenen Raum am Ende des Flurs gebeten.

Durch seine dunkle, beinahe schwarze Hautfarbe hob er sich von den restlichen Insassen deutlich ab. Im Gegensatz zu ihm wechselten sie für die Besuchszeiten meist noch nicht einmal den Trainingsanzug. Sie saßen unrasiert und in den typischen blauen Plastiklatschen ihrem meist weiblichen Besuch gegenüber, ließen sich beschimpfen oder mit dem neuesten Klatsch aus der Familie versorgen.

Bernards Äußeres war wie jeden Tag tadellos und wirkte sorgfältig ausgewählt: Er trug einen dunkelblauen Anzug, durch den seine schlanke Gestalt besonders zur Geltung kam, darunter das gestärkte weiße Hemd, die Falten der Hose akkurat und scharf geschnitten. Nur eine Krawatte durfte er zu seinem Bedauern nicht tragen, da die Gefängnisleitung befürchtete, er könnte sich das Leben nehmen. Diese Idioten. Seine schwarzen Schuhe glänzten von der Schuhcreme, die er noch vor zehn Minuten mit geübtem Schwung auf das feine Leder aufgetragen hatte.

Bernard war anders als seine Mitgefangenen. Vollkommen anders. Das lag natürlich an seinen afrikanischen Wurzeln. In der Kindheit und Jugend hatte er sich durch den militärischen Drill ruandischer Privatschulen prügeln lassen. Die hatten nichts von dem verweichlichten Gehabe europäischer Prestige-Internate. Kein lockerer Knopf, keine Falte im Hemd war seinen Lehrern entgangen. Schläge hatten ihn hart werden lassen. Wenn er nun im deutschen Gefängnis an seine frühen Jahre in Ruanda zurückdachte, spürte er noch immer den beißenden Schmerz der Züchtigungen auf seinen feingliedrigen Handrücken.

Er war verabredet. Seine Verlobte saß mit einer großen Sonnenbrille am Tisch des bis auf den Boden verglasten Raumes und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Er jedoch vermied jede Eile und folgte mit seinen Blicken den Fugen der Bodenfliesen, während er an den beiden Wachleuten vorbeiging, die die Besucher und Gefangenen genau beobachteten.

Die junge Frau hob sachte ihre Hand, als befürchte sie, er habe sie noch nicht entdeckt. Dabei sollte sie mittlerweile wissen, dass ihm niemals etwas entging, dachte Bernard. Er tat, als freue er sich, als habe er sie gerade erst zwischen all den anderen Besuchern und Häftlingen ausgemacht. Diese Deutschen hatte er bisher noch alle um den Finger gewickelt. Mit geschmeidigen Schritten bewegte er sich auf den Raum zu, zog die Glastür hinter sich zu, schob den leeren Stuhl mit einem leisen Quietschen nach hinten und nahm Platz. Sofort ergriff er ihre Hände. Sie trug eine blonde Langhaarperücke und ein mehrfach um den Hals geschlungenes buntes Tuch. Sie übertrieb es wieder einmal mit der Vorsicht.

»Die Reise ist gebucht. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.«

Sie sprach mit gedämpfter Stimme, selbst Bernard konnte sie kaum verstehen. Die Nachbarn in den angrenzenden Räumen dürften nicht mitbekommen haben, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte.

»Hast du gehört? Die Reise steht. Am 9. Juni fliege ich nach Uganda.«

Ja, jetzt konnte das Unternehmen beginnen. Aber anders, als du es erwartest, dachte er. Noch war es zu früh, das auszusprechen.

»Sehr gut«, antwortete er laut und drückte zur Bestätigung ihre weißen Hände. Ihre Finger stachen leuchtend zwischen seinen schwarzen Händen hervor. Das würde er vermissen, wenn er erst wieder zurück in seiner Heimat war. Bald! Doch auch dort warteten Hände auf ihn, die ihn endlich wieder so verwöhnen konnten, wie er es sich wünschte. Dort war er der Präsident. Hier war er ein Gefangener, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wie absurd. Er schnaubte unwillkürlich. Die Deutschen hatten ja keine Ahnung, was in Afrika los war. Sie schufen Gesetze und versuchten, über ihn zu richten. Dabei hatten die deutschen Gerichte weder das Recht, über seine Arbeit zu urteilen, noch konnten sie klare Beweise gegen ihn vorbringen. Die ersten Zeugen hatten ihre Aussagen schon zurückgezogen. Sobald er die Namen der anderen erfuhr – dabei konnte es sich nur noch um Tage handeln –, würden seine Milizen schon dafür sorgen, dass sie sich dem Beispiel der anderen anschlossen. Bernard zog die Fäden des Geschehens. Er herrschte weiter über seine Armee, ohne dass irgendjemand in Deutschland etwas davon ahnte.

»Wie soll es jetzt weitergehen?«, wollte seine Verlobte wissen.

»Ganz wie geplant«, gab Bernard zurück. »Es gibt keinen Grund, von unserem Vorhaben abzuweichen.«

Sie nickte. »Wann kommst du nach?«

»Sobald ich hier raus bin, fliege ich nach Uganda. Das ist am sichersten.«

Noch einmal drückte er ihre Hände, beugte sich zu einem Kuss nach vorn, berührte sanft ihre Lippen und erhob sich.

»Musst du schon gehen?« Nur zögernd löste sie sich ebenfalls von ihrem Stuhl.

»Wir sehen uns kommende Woche, dann erfährst du letzte Einzelheiten.«

Er nickte ihr zu, ließ den Blick durch den Flur schweifen, doch niemand schenkte ihnen auch nur eine Sekunde Aufmerksamkeit. Bernard war zufrieden mit sich, sehr zufrieden. Mit zügigen Schritten ging er durch die Tür und eilte dann den langen Gang hinunter, bog um zwei Ecken, stieg die Metalltreppe hoch, ging an den offenen Türen entlang bis zu seiner Zelle. Diese Deutschen waren einfach zu naiv. Sie glaubten tatsächlich, sie könnten sich mit Bernard Kayibanda anlegen. Doch da hatten sie sich getäuscht. Eine gespielte Unterwürfigkeit hatte er sich schon vor Jahren angeeignet, und sie half ihm ausgezeichnet dabei, seine Ziele durchzusetzen.

Das Mobiltelefon lieh er sich auf dem Rückweg in seine Zelle bei einem Mitgefangenen für die üblichen zehn Euro. Bernard hatte sich von seinem Anwalt eine Hardcover-Ausgabe des deutschen Strafgesetzbuches bringen lassen und in den Einband eine kleine Vertiefung eingearbeitet. Das Versteck für seine SIM-Karte. Dreimal hatten die Beamten seine Zelle schon gefilzt, ohne sie zu finden. Er legte die Karte mit geübtem Griff in das Handy und gab seine PIN ein.

Die Telefonnummer kannte er auswendig. Natürlich löschte er den Speicher nach jedem Gespräch. Wieder einmal dauerte der Verbindungsaufbau viel zu lange. Das Freizeichen drang in nicht enden wollenden Wiederholungen an sein Ohr, und schon wollte er fluchend auflegen, als sich sein erster General im Kongo endlich meldete.

»Wieso dauert das so lange?«, blaffte Bernard ihn an, wartete die Antwort jedoch gar nicht erst ab. Er würde sich um diesen Emporkömmling kümmern, wenn er wieder in der Heimat war. »Alles läuft nach Plan. Die Operation kann pünktlich beginnen.«

Er warf das Handy auf seine Pritsche, ließ sich grinsend daneben fallen und schaltete den Fernseher ein. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Die Fische waren im Netz; sie wussten es nur noch nicht.

2

Entebbe, am Nachmittag des 9. Juni

Mit elegantem Schwung warf Tom seinen schweren Fotorucksack auf das Bett der noblen Lodge in Entebbe; die wasserdichte gelbe Trekkingtasche folgte umgehend. Morgen ging es los! Dreihundert Kilometer mit dem Jeep quer durch Uganda. Von der staubigen Vorstadt am Viktoria-See bis in sein Gebirge. Seinen Ruwenzori. Er konnte es kaum noch erwarten.

Er riss sich die Kleider vom Leib – nur seinen Talisman, die durchbohrte Linse aus dem Fotoapparat seines Bruders, behielt er um den Hals – und betrat beschwingt das schmale Badezimmer, das sich hinter der Wand am Kopfende des Bettes verbarg.

Sein Blick verharrte kurz auf den Armaturen der Dusche, bevor er sie bis zum Anschlag auf kalt drehte. Das eisige Wasser jagte ihm einen kurzen Schauer durch den Körper, beflügelte ihn dann jedoch noch mehr. Der Gedanke an den World Press Photo Award durchströmte ihn, während er unter dem reinigenden Wasserfall ganz bei sich war. Bei sich und seinen Träumen. Natürlich hatte er schon diverse fulminante Erfolge vorzuweisen, darunter einige Foto-Reportagen im National Geographic Magazin. Nicht nur die breite Öffentlichkeit hatte ihn dadurch wahrgenommen, auch seine meist ziemlich eitlen Kollegen hatten ihm Respekt gezollt.

Sein großes Ziel, die Anerkennung schlechthin, war ihm allerdings bisher versagt geblieben: der wichtigste Preis seiner Zunft. Der World Press Photo Award. Mal hatte ihm das Wetter nach langer Vorbereitung einen Strich durch die Rechnung gemacht, mal ruinierte ein Militärputsch seine Pläne, dann wieder wollte sich lange Zeit kein passendes Thema finden.

Jetzt hatte er die perfekte Idee: eine Fotoreportage über den Ruwenzori, die sagenumwobenen Mondberge an der Grenze zwischen Uganda und der Demokratischen Republik Kongo. Er war einer Legende auf der Spur, der zufolge irgendwo in diesem Gebirge ein vergessenes Volk in einem geheimnisvollen Tal lebte. In seinem Kopf war die Story im Grunde schon fertig. Er musste das Ganze nur noch in Bilder umsetzen. Dafür war er hier – in Uganda. Im Land Idi Amins, der Berggorillas und der Homophobie.

Tom drehte das Wasser ab und verließ erfrischt die Dusche. Als er vor den großen Spiegel am Waschbecken trat, hielt er inne. Er hatte sich für seine 38 Jahre verdammt gut gehalten: Sein Körper war gestählt, der Bauch flach. Die Disziplin, mit der er niemals eine Fitness-Einheit ausließ, wo immer er auch war – ob im teuren Hotel-Gym oder zwischen Wellblechhütten –, zahlte sich aus. Der Dreitagebart gab seinem schmalen Gesicht etwas Verwegenes. Die halblangen dunkelblonden Haare waren von den vielen Reisen in sonnige Gefilde an den Spitzen ausgeblichen und verliehen ihm die Ausstrahlung eines jugendlichen Abenteurers. Um seine strahlend blauen Augen machten sich die ersten Falten bemerkbar.

Immer noch nass und mit einem Handtuch um die Hüften ging er in das Zimmer zurück und sah durch die bodenlange Gardine in den kleinen Innenhof hinaus, um den sich die übrigen Gästezimmer der Lodge gruppierten. Der afrikanische Himmel verdunkelte sich bereits. Die Nacht fiel wie ein dunkles Tuch über die Stadt und bedeckte sie, nur um sie in einigen Stunden wieder der unerbittlichen Sonne des nächsten Tages zu übergeben. Er war in Afrika angekommen.

3

Ostkongo, am späten Nachmittag des 9. Juni

»Verursacht eine humanitäre Katastrophe. Löscht das Dorf aus.«

Die aus Deutschland geschickte SMS war eindeutig. General Paul Niyigena stand im Zentrum einer Lichtung mitten im kongolesischen Dschungel, schaute von seinem Satellitentelefon auf und nickte stumm. Dem Befehl des Präsidenten würde er Folge leisten. Noch. Er lächelte säuerlich. Die nächsten Stunden versprachen, anstrengend zu werden, denn die Leute in den Dörfern begannen sich zu wehren. Genau dem würde er nun ein Ende bereiten.

Der General führte nun schon seit ein paar Jahren das Oberkommando der ALR im Kongo, das er persönlich lieber Zaire nannte, und seine Vormachtstellung machte ihm niemand streitig. Schließlich war die Armée de Libération Rwandaise die stärkste Befreiungsarmee des besetzten Ruanda. Paul war groß gewachsen und von bulliger Statur; eine Narbe zog sich durch sein herbes Gesicht von der linken Augenbraue über die Wange bis zum Kinn. Er war jetzt 42 Jahre alt und noch lange nicht am Ende seiner Karriere bei den ruandischen Rebellen angelangt. Vor sich sah er große Ziele, die er um jeden Preis erreichen wollte: Irgendwann würde er diese Armee befehligen.

Er ließ den Blick durch die amerikanische Pilotenbrille über seine Soldaten schweifen. Dann rief er ihnen laut seinen Befehl zu:

»Wir brechen auf. Sofort!«

Die Soldaten liefen über den schlammigen Platz, griffen nach ihren Macheten und Kalaschnikows und kamen in mehr oder weniger geraden Reihen zum Stehen. Etwa siebzig Männer und mehr als dreißig Jungen betrachteten ihn. Paul spürte Wut in sich aufsteigen. Eine Armee aus Kindern. So würden sie nie Erfolg haben.

Ein Junge war abseits auf einem Holzstamm sitzen geblieben. Er zitterte. Paul trat mit bedrohlich zusammengekniffenen Augen vor den Halbwüchsigen. Seit drei, vier Jahren durfte er bei der Miliz dienen, doch er hatte offenbar noch immer nicht verstanden, welch eine Ehre es bedeutete, für Bernard Kayibanda, ihren Präsidenten, zu arbeiten. Und er hatte auch noch nicht verstanden, was ihm drohte, wenn er seinen Befehlen, den Befehlen des Generals, nicht folgte.

»Was ist?«, fragte Paul scharf.

Der Junge schaute kurz zu seinem Befehlshaber auf, dann senkte er den Kopf.

»Hast du etwa Angst?«, bohrte Paul nach.

Er bekam nur ein stummes Kopfschütteln zur Antwort. Doch Paul bemerkte die nasse Hose. Er roch die Pisse, er bemerkte, wie der Junge sich immer mehr zusammenkauerte.

»Doch, und was für eine Angst du hast.«

Er griff den Jungen an den Haaren und zog ihn zu sich hoch. Er war fast so groß wie der General, wirkte jedoch wie ein kleines, verängstigtes Kind. »Du weißt, was wir mit weibischen Soldaten machen, die keinen Mumm haben!« Er stieß ihn vor sich her, auf die Gruppe Soldaten zu, die ihm mit eisernen Mienen entgegenblickten. »Stell dich hin, du schwuler Pisser!«

Der Junge stolperte über eine Wurzel und fiel in den Matsch. Paul hasste diesen Schlamm. Zuhause in Ruanda war es viel trockener. Hier im Osten des Kongo bedeckte der sumpfige Boden große Teile der Landschaft. Wieder spürte Paul Wut. Wegen der verdammten Tutsi musste er in diesem elenden Dschungel leben. Die hohen Herren in Europa regten sich über den angeblichen Genozid in Ruanda auf, aber dass auch er durch die Scheiße gegangen war, das interessierte niemanden. Er würde sich seine Heimat zurückholen.

Paul baute sich vor dem Jungen auf, der sich gerade wieder aufrappelte. Bei der letzten Bestrafungsaktion war er ihm bereits aufgefallen. Er hatte sich nicht wie die anderen beteiligt, sondern hatte mit offenem Mund dabeigestanden, so als wäre er völlig blöde. Schon häufiger hatte Paul solche Jungen erlebt, und gerade in dieser Gruppe waren einige, die sich noch nicht in ihre Situation gefügt hatten. Es war Zeit, ein Exempel zu statuieren.

Er riss den Jungen erneut an den Haaren nach oben, diesmal so heftig, dass sich ganze Büschel lösten und Blut aus den Wunden quoll. Angewidert wischte Paul es sich von den Fingern. Der Junge stand schwankend vor ihm, fixierte seinen General mit rot unterlaufenen Augen. Paul packte ihn am Kragen, drehte ihn mit dem Gesicht zu den Soldaten, die dem Geschehen mit angespannten Mienen folgten. Dann zog Paul langsam sein Messer aus der Scheide. Er liebte dieses Messer, denn es verschaffte ihm Macht, unglaubliche Macht. Die Bestrafung mit dem Messer, die Nähe zu seinem Opfer, machte diese Form des Exempels so unvergleichlich. Keine Kalaschnikow und keine Machete brachten ihn dem Leben und dem Tod so nahe. Er genoss es insgeheim, wenn sich Körper unter seiner Hand aufbäumten, er erfreute sich am Zucken der Muskeln und dem sich anschließenden Erschlaffen aller Gliedmaßen.

Paul zog den Jungen zu sich heran, blickte an ihm vorbei seine Soldaten an, fixierte dabei einen nach dem anderen. Da hinten links, der Junge in der letzten Reihe, guckte der nicht auch ängstlich? Wie hieß er noch gleich? Paul würde ein Auge auf ihn haben müssen. Wenn er in dieser Nacht nicht wie ein Mann standhielt, dann würde er der Nächste sein. Das galt genauso für seinen Freund mit dem Trikot einer deutschen Fußballmannschaft, der nicht von seiner Seite wich.

Er setzte das Messer mit der rechten Hand langsam an den Hals des Jungen. Er spürte ihn in seinem Griff zittern. Er entdeckte den Schweiß, der über seine Wange lief. Und er roch die Ausdünstungen, die Pisse, die Scheiße. Der kleine Schwächling hatte sich doch tatsächlich in die Hose geschissen. Paul ließ den Blick weiter über seine Soldaten wandern, bevor er mit einer schnellen Bewegung das Messer von links nach rechts zog. Die Haut bot keinen Widerstand. Die Luftröhre war sofort durchtrennt. Paul hatte das Messer am Morgen geschliffen. Er übernahm das immer selber, denn es verschaffte ihm die größte Vorfreude. Der Junge bäumte sich auf, ein Röcheln drang aus dem offenen Hals, seine Muskeln zogen sich krampfartig zusammen. Paul ließ den Jungen los, der mit schiefem Kopf zu Boden sank. Die ganze Zeit über ließ der General seine Soldaten nicht aus den Augen. Der Junge links war reif. Er hatte Tränen in den Augen, und auch auf seiner Hose zeichneten sich deutliche Spuren der Angst ab. Die anderen starrten weiterhin möglichst ungerührt nach vorn, auf ihn, den Einzigen, dem sie jederzeit zu gehorchen hatten. Der Körper auf dem Boden vor ihm zuckte – es war, als wollte der Junge in seinen letzten Atemzügen noch fliehen, doch das Blut, das sich im fahlen Licht des Waldes schnell über die schlammige Erde ergoss und sich mit dem Wasser der Pfützen vermischte, machte allen deutlich, dass er starb. Paul ging einen Schritt zur Seite, blickte den vor ihm liegenden Jungen an, trat mit dem Fuß nach ihm und spuckte aus. Der Speichel traf das verzerrte Gesicht und mischte sich sofort mit dem Blut.

»Ist hier noch jemand, der meinen Befehlen nicht folgen will?«

Der General fischte ein schmutziges Taschentuch aus der Hosentasche, wischte sein Messer damit ab, bevor er es entschlossen wieder zurück in die Scheide steckte und das blutige Tuch auf den Boden fallen ließ. »Gibt es einen unter euch, der freiwillig das Lager bewachen will?«

Mit ein paar Schritten war er bei dem ängstlichen Jungen. Jetzt fiel ihm wieder ein, wie er hieß: Mugiraneza. Er packte ihn am Kragen, schrie ihm ins Gesicht: »Willst du lieber das Lager bewachen oder wie ein richtiger Soldat für die Freiheit Ruandas kämpfen?«

Wieder dieser Geruch nach Urin. Paul verabscheute diese Kinder, die sich bei jeder Gelegenheit in die Hose pissten.

»Ich ... ich will kämpfen«, stammelte Mugiraneza, wobei er seinen Körper straffte. »Für die Freiheit Ruandas!«

Zufrieden ließ Paul ihn los. Er würde dennoch ein Augenmerk auf ihn haben. Heute sollte er die Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren.

Er trat ein paar Schritte zurück, damit ihn alle sehen konnten.

»Badyoro liegt vier Stunden von hier entfernt im Norden. Wir werden die Befehle unseres Präsidenten Bernard exakt ausführen. Nur wenige Überlebende. Zwanzig sollten reichen.« Mit einer langsamen Drehung des Körpers musterte er die Runde. Sein Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. »Ein paar von den Kakerlaken sollen doch erzählen können, wie es einem Dorf ergeht, das nicht für seinen Schutz bezahlen will.«

Er lachte, schulterte sein Gewehr, stellte fünf Soldaten, denen er vertraute, zur Bewachung des Lagers ab, griff nach seiner Machete und marschierte los.

4

Entebbe, früher Abend des 9. Juni

Der Ruwenzori. Das gewaltigste Gebirge Afrikas. Überbordend grün, regendurchtränkt, geheimnisumwoben. Auf einer Länge von 120 Kilometern und einer Breite von 50 Kilometern hat sich der Ruwenzori aus den Tiefen der Erde gehoben. Hier, mitten in Ostafrika, vermutet man die Wiege der Menschheit. Der höchste Gipfel, exakt auf der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo – dem ehemaligen Zaire – und der Republik Uganda, befindet sich die Margherita-Spitze mit 5.109 Metern Höhe. Nur die beiden Vulkane Mount Kenya und der Kilimandscharo in Tansania ragen höher aus der afrikanischen Landschaft auf.

1888 wurde der Ruwenzori von dem amerikanischen Journalisten und Abenteurer Henry Morton Stanley zufällig für die westliche Welt entdeckt, nachdem in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts der Missionar David Livingstone, der Großwildjäger Samuel White Baker und der Offizier John Hanning Speke auf der Suche nach den Nilquellen am Ruwenzori vorbeigeirrt waren. Was zunächst gegen die Zurechnungsfähigkeit westlicher Pioniere spricht, ist tatsächlich den regionalen Wetterbedingungen zuzuschreiben.

Da sich das Gebirge beinahe ständig unter Wolken und Nebel versteckt, ist es selbst aus wenigen Kilometern Entfernung oft nicht zu sehen. Stanley hatte schon vom Ruwenzori gehört, ihn aber während seiner ersten großen Reise – auf der Suche nach dem vermissten Livingstone – nicht zu Gesicht bekommen. Als Stanley zum zweiten Mal Ostafrika bereiste, machte ihn ein einheimischer Junge auf die große Schneefläche eines hohen Berges aufmerksam. So entdeckte Stanley durch Zufall den Ruwenzori, der den Afrikanern selbstverständlich bekannt war.

1906 wurde das Gebirge von dem italienischen Herzog der Abruzzen, Ludwig Amadeus von Savoyen, zum ersten Mal genauer erforscht; er erstürmte die vielen Gipfel des Gebirges, in dem es an etwa dreihundertzwanzig Tagen im Jahr regnet oder schneit. Daher wundert es nicht, dass »Ruwenzori« in der Sprache der Bayira, der Bewohner des Gebirges, »Regenmacher« und»Wolkenkönig«bedeutet. Das Klima der Berge zeichnet sich darüber hinaus durch eine weitere Besonderheit aus, die für jeden Wanderer zu einer Herausforderung wird: Tagsüber herrschen sommerliche Temperaturen, nachts wird es winterlich kalt.

Die Spitzen – nur wenige Kilometer vom Äquator entfernt – sind das ganze Jahr über von Schnee bedeckt. Mehr als zwanzig Gipfel erreichen über 4.500 Meter Höhe, und zahlreiche Gletscher bilden zusammen die größte Gletscherfläche Afrikas. Wie alle anderen Gletscher der Erde weichen auch diese im Zeichen der Klimaerwärmung kontinuierlich zurück und machen der Stechmücke Anopheles Platz, die potenziell die »malaria tropica« in sich trägt.

Der Ruwenzori gilt als das mit Abstand wildeste, ursprünglichste und am schwierigsten zu erreichende Bergmassiv Afrikas – aber auch als das schönste. 1994 versah die UNESCO den Ruwenzori mit dem Ritterschlag des Weltnaturerbes der Vereinten Nationen. Das hielt das ugandische Militär jedoch nicht davon ab, Ende der 1990er Jahre großflächig Brandbomben auf die in den Bergen verschanzten ruandischen Rebellen abzuwerfen. Die Rebellen haben sie damit vorerst vertrieben, genauso wie fast alles andere Leben, das dort existierte. Die Geister der Mondberge haben diese Entwicklung sicherlich mit Unmut zur Kenntnis genommen.

Andrea ließ die handschriftlichen Notizen ihres Vaters sinken. Sie saß am Ende des Tisches auf der geräumigen Veranda, wo den Teilnehmern der deutschen Reisegruppe in Kürze das Abendessen serviert werden sollte. Die meisten anderen unterhielten sich halblaut in kleinen Grüppchen. Die Veranda schmiegte sich an die Hauswand der Lodge und stellte die Abgrenzung zu einem kleinen Innenhof dar, in dessen Mitte das klare Wasser eines blau gefliesten Pools zum Baden einlud. Üppige Palmen spendeten tagsüber Schatten, der Rasen wurde englischen Ansprüchen gerecht. Der große Holztisch unter der Bedachung war mit einer gestärkten Tischdecke geschmückt, und ein schwarzer Kellner brachte der Gruppe die Getränke. Auf dem Tisch standen Ketchup-Flaschen bereit, traditionelle Holzmasken zierten die Wände im Wechsel mit handgewebten Teppichen. Ein Ficus Benjamini verkümmerte in der Ecke.

Andrea wandte sich ihren beiden Tischnachbarn zu. Die blonden Haare fielen offen über ihre Schultern, und eine enge Bluse betonte ihren schlanken, geschmeidigen Körper. Sie erzählte ihnen vom Erfolg ihres Berliner Studios, das sie als Personal- und Fitnesstrainerin betrieb. Mit 29 hatte sie sich selbstständig gemacht, und der Laden lief jetzt, sechs Jahre später, fantastisch. Sie verschwieg ihren Gesprächspartnern jedoch, dass der Erfolg vor allem auf dem Geld und den Kontakten ihres Vaters basierte und dass sie nicht zum Spaß in Uganda war. Die dunklen Schatten ihrer Familie waren über sie hereingebrochen, und sie wollte endlich Klarheit schaffen. Sie wippte unaufhörlich mit dem rechten Bein, nippte an ihrem Orangensaft und strich sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht.

Die beiden Männer neben ihr, zwei Münchner Freunde in Andreas Alter, hörten ihr aufmerksam zu. Die Sorglosigkeit, die sie versprühten, tat Andrea gut, und ihre verspannten Schultern lockerten sich allmählich. Michael hatte seine Eventagentur in der Maxvorstadt und seine Familie zu Hause gelassen, um sich mit seinem Jugendfreund Martin, einem erfolgreichen Rechtsanwalt, einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: Afrika pur erleben. In diesem Moment war er jedoch ganz auf Andrea konzentriert, besonders auf das Grübchen ihrer linken Wange, das ihn in den Bann zog.

Andreas Freundin Birgit saß neben der Dreiergruppe. Sie war im Gegensatz zu Andrea dunkelhaarig, kleiner und deutlich fülliger. Mit ihren 32 Jahren war sie etwas jünger als ihre Freundin und ihre schmalen, fest aufeinander gepressten Lippen ließen eine zarte Verbitterung erahnen. Sie war Ärztin in einer Hamburger Klinik, in der sie sich schon lange nicht mehr wohlfühlte. Während ein älterer Herr neben ihr Anekdoten aus seinem Leben erzählte, die sie nur begrenzt amüsant fand, sprach Birgit selbst wenig. Mit einem Steakmesser zog sie gedankenverloren Linien über die Tischdecke, was bei genauerem Hinsehen an die Obduktion eines Leichnams erinnerte.

Birgits Gesprächspartner Hans war Mitte 60, hatte kurze graue Haare und schaute die jüngere Frau freundlich an, ohne recht zur Kenntnis zu nehmen, dass sie ihm nicht die gleiche Zuneigung entgegenbrachte, wie er ihr. Der Unternehmensberater aus Potsdam hatte die Tage zuvor bei seinem Bruder im Bwindi-Nationalpark im Süden Ugandas verbracht. Hans erzählte Birgit von den Berggorillas, denen er dort begegnet war und die ihn sehr fasziniert hatten. Aus dem Augenwinkel blickte er allerdings unentwegt auf Andrea. Auch ihm fiel das kleine Grübchen auf ihrer linken Wange auf.

Drei weitere Personen komplettierten die Runde. Auf einem durchgesessenen Sofa am Rande der Veranda saß ein Paar – Kathrin und Kai aus Erfurt, die die Köpfe zusammengesteckt hatten und sich leise stritten. Am anderen Ende der Veranda saß scheinbar unbeteiligt ein Afrikaner an einem kleinen Tisch, war in eine Zeitung vertieft und nippte in kleinen Schlucken an seinem Tee. Er war der Erste, der Tom auffiel, als er die Veranda betrat und zur Gruppe stieß. Der Mann wirkte eigenartig deplatziert auf ihn. Tom schüttelte leicht den Kopf, um das unangenehme Gefühl loszuwerden, das ihn für einen Moment überkam. Die Diskrepanz zwischen den reiselustigen Deutschen auf der einen Seite der Veranda und dem einsamen Afrikaner auf der anderen wirkte auf ihn beinahe grotesk.

Dann stach ihm Andrea ins Auge, die sich gerade lachend umdrehte. Ihre Aufmerksamkeit war kurz auf Tom gerichtet. Kaum wahrnehmbar zog sie die rechte Augenbraue hoch. Sie nickte unbestimmt und wandte sich wieder Martin und Michael zu.

»Du bist Tom, richtig?«, sagte Hans, der ihn nun ebenfalls entdeckte. »Manfred hat mir erzählt, dass du uns ein paar Tage begleiten wirst.« Er stand auf und streckte Tom die Hand entgegen. Der Händedruck war weich und zaghaft, wie Tom es von Männern kannte, die nicht wussten, was sie in dieser Welt verloren hatten. Er hasste diese Weichheit, wenn er ehrlich war.

Tom begrüßte die Reisenden am Tisch und setzte sich mit einem Lächeln dazu. Er genoss gerade das erste ugandische Bier – natürlich ein Nile –, als ihr Reiseleiter Manfred aus dem Haus trat und Kathrin und Kai vom Sofa an den Tisch bat.

Duftender Reis wurde aufgetragen, das scharfe Hühnchencurry brannte angenehm auf der Zunge. Die große indische Gemeinde hatte nachhaltig Spuren in Uganda hinterlassen, auch nachdem sie unter dramatischen Bedingungen von Idi Amin in den 1970er Jahren des Landes verwiesen worden war. Andrea fragte verwundert in die Runde, was das für undefinierbare Fleischstücke seien, die in dem Curry schwammen, und Manfred klärte sie lachend darüber auf, dass das in Uganda so üblich sei:

»Meistens sind auch noch die Knochen dabei, denn die Köche hier zerhacken das Geflügel einfach mit einer Machete in viele Stücke und schmeißen es dann in den Topf.«

Andreas leicht angeekelte Miene gab deutlich zu verstehen, dass sie sich daran erst noch gewöhnen musste. Sie trank einen Schluck Orangensaft, als müsste sie die Vorstellung herunterspülen. Toms Gesichtszüge hingegen spiegelten eine Kaskade unterschiedlichster Empfindungen wider, über die schließlich ein Lächeln dominierte. Er mochte diese Frau sofort.

Er erzählte ihr, dass er schon einmal im Ruwenzori gewesen war, und berichtete von seiner letzten Wanderung durch das entlegene Hochgebirge, von den vielen Grün-Schattierungen, die es dort oben zu sehen gab. Seine Worte versprachen Abenteuer und Herausforderungen. Andreas Züge entspannten sich bei seiner Erzählung, ihr rechtes Bein hörte auf zu wippen und sie lauschte seinen Worten so aufmerksam, dass sie für einen Moment den eigentlichen Grund ihrer Reise vergaß.

Als die leeren Teller gerade abgeräumt waren, betraten drei Männer die Veranda und gingen zielstrebig auf den lesenden Afrikaner zu, der noch immer allein auf dem Sofa in der Ecke saß. Einer der Männer steckte in einem viel zu großen dunklen Anzug, dessen Ärmel beinahe die Fingerknöchel erreichten. Er nickte den deutschen Besuchern kurz und mit ernster Miene zu. Seine beiden Begleiter versanken in grünen Uniformen des ugandischen Militärs, hielten Maschinenpistolen in den Händen und widmeten den Touristen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Der Lesende schaute auf, sah den dreien entgegen, blieb zunächst ruhig, doch in seinen Augen lag ein gehetzter Blick. Die Gespräche am Tisch der Deutschen verstummten, während die vier Afrikaner sich leise unterhielten. Plötzlich sprang der Mann auf, drängte einen der Soldaten brachial zur Seite, um an ihm vorbeizuhechten, doch die Bewaffneten stellten sich ihm in den Weg. Was sie ausstießen, klang wie eine Warnung. Andrea fuhr erschrocken von ihrem Stuhl hoch, doch Tom zog sie vehement wieder zurück.

»Bleib sitzen«, sagte er leise. »Das geht uns nichts an!«

Der Mann lieferte sich eine kurze Rangelei mit den beiden Soldaten. Er schlug einem von ihnen die Waffe aus der Hand und griff sofort danach. Die Soldaten und der Anzugträger wichen erschrocken an die Wand zurück. Im Nu hatte der Mann die Maschinenpistole auf die Männer gerichtet, rief etwas in einer afrikanischen Sprache, sprang dann über die niedrige Mauer, die die Veranda vom Garten trennte, und rannte über den Rasen. Nach wenigen Metern strauchelte er, kämpfte kurz darum, sein Gleichgewicht zu halten, um dann in den angrenzenden Pool zu stürzen.

Nun hielt es Tom nicht mehr auf seinem Stuhl. Er stand kreidebleich am Tisch, die Hände verkrampft und starrte auf die Szene am Pool. In seinem Hirn explodierten die Synapsen. Intuitiv wollte er dem Mann im Wasser zu Hilfe eilen, aber der zog sich schon wieder aus dem Becken heraus, um seine Flucht fortzusetzen. Die Waffe ließ er auf dem Grund des Pools zurück. Die Soldaten hechteten hinter ihm her, verfolgten ihn durch die Büsche und verschwanden in der Dunkelheit.

Der übergroße Anzug stand die ganze Zeit schreckensstarr neben dem Sofa an der Wand. Nun besann er sich, kam zu ihnen an den Tisch, stellte sich knapp als der Hotelmanager vor und entschuldigte sich für den Vorfall. Dann drehte er sich mit einem kurzen Nicken um und verschwand im Restaurant, wo er den Kellnern ein paar laute Befehle gab. Danach kehrte wieder Ruhe ein. Tom ließ sich auf seinen Stuhl sinken.

»Was um alles in der Welt war das denn jetzt?«, fragte er Manfred entsetzt.

Der Reiseleiter wand sich einen Moment, dann setzte er zu einer komplizierten Erklärung an. Offenbar war der Mann ein Mitglied der ruandischen Rebellengruppe Armée de Libération Rwandaise. Was ein Angehöriger der ALR hier in Entebbe, Zeitung lesend in ihrer Lodge zu schaffen hatte, das konnte sich Manfred allerdings selbst nicht erklären.

»Sind die Rebellen immer noch in Uganda aktiv?«, fragte Tom erstaunt.

»Die sind eigentlich längst tiefer in den Kongo gezogen«, sagte Manfred betont beiläufig. Seine Absicht, die Gruppe zu beruhigen, konnte ihm jeder anmerken.

»Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie auch Touristen angegriffen haben«, warf Hans ein. »Dabei sind sie nicht besonders zimperlich mit denen umgegangen. In der Regel haben sie die Männer erschossen und die Frauen vergewaltigt.« Er sah zu Andrea hinüber, fixierte sie einen Moment lang.

Stille breitete sich aus, während vor allem die Frauen verängstigt zu Manfred hinüberstarrten.

»Das Militär hat längst wieder die Kontrolle über das gesamte Grenzgebiet«, beschwichtigte Manfred.

Hans lachte bitter. »An einer Grenze, die sich zum größten Teil durch vollkommen unwegsame Regenwälder, Steppen und Gebirge windet, ist das für das modern ausgerüstete ugandische Militär die leichteste Übung.« Er verdrehte belustigt die Augen.

»Die letzten Übergriffe liegen Jahre zurück. Ganz im Norden des Landes kann es schon mal brenzlig werden, aber nicht in der Gegend, in die wir fahren.«

»Dann hoffen wir mal, dass sich die Rebellen an diese Regeln halten. Aber wir wollen ja nicht gleich den Teufel an die Wand werfen «, fügte Hans noch hinzu und trank einen großen Schluck Bier.

»Malen«, murmelte Tom, der als Einziger Hans’ verdrehte Redewendung registrierte.

Als Tom Andrea eine halbe Stunde später zu ihrem Zimmer begleitete, trafen sie auf den Hotelmanager, der mit einem Europäer auf der kleinen Terrasse vor dem gemeinsamen Zimmer von Andrea und Birgit saß. Die beiden Männer erhoben sich erwartungsvoll und traten auf Andrea zu, die unwillkürlich ein Stück zurückwich. Der Herr wolle mit ihr sprechen, teilte ihr der Manager mit, bevor er sich leise zurückzog.

Tom verabschiedete sich, verschwand durch die Tür seines Zimmers, schloss diese jedoch nicht ganz, um zu hören, worum es in dem Gespräch ging.

»Gerald Stich. Ich komme von der deutschen Botschaft in Kampala«, sagte der Weiße zu Andrea. »Ich muss Sie kurz sprechen.«

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Andrea besorgt. »Ist irgendetwas mit meiner Familie?«

»Ihrer Familie geht es gut«, beruhigte sie Stich. »Doch um Sie machen wir uns Sorgen.«

Die beiden zogen sich in den Schatten der Terrasse zurück, sodass Tom sie kaum mehr verstehen konnte. Hin und wieder drangen einzelne Gesprächsfetzen zu ihm herüber, die er jedoch nicht zu einem sinnvollen Ganzen zusammenbrachte.

»Ich weiß, worauf ich mich einlasse«, hörte er Andrea schließlich in bestimmtem Ton sagen. Kurz darauf erschienen Stich und Andrea wieder im Licht.

»Das ist Ihre Entscheidung, und Sie müssen die Konsequenzen allein tragen«, sagte der Botschaftsangehörige und reichte ihr zum Abschied die Hand. »Ich wünsche Ihnen eine schöne Reise. Und passen Sie bitte auf sich auf.«

Er wandte sich um und ging über den Hof. Andrea schaute ihm nach und betrat das Zimmer.

Tom stand hinter der Gardine, die ihn gegen Blicke von außen schützte, beobachtete, wie Andrea die Tür hinter sich ins Schloss zog, und versuchte, das Gehörte einzuordnen. Erst der Sturz des Ruanders in den Pool und jetzt ein Abgesandter des deutschen Botschafters, der Andrea vor irgendetwas warnte – sein Journalisten-Instinkt signalisierte ihm, hier stimmte etwas nicht.

Er wollte den Vorhang gerade zuziehen, als er hörte, dass draußen telefoniert wurde. Der Deutsche sprach in sein Mobiltelefon, während er sich entfernte.

»Ja, hallo? Stich hier. Nein, ich habe sie nicht abhalten können ... Nein, wir können im Moment leider nichts tun.« Die Stimme verlor sich in der Dunkelheit.

5

Ostkongo, früher Abend des 9. Juni

Coltan, das Erz, aus dem das Metall Tantal gewonnen wird. Unersetzlich bei der Herstellung von Mikroelektronik-Bauteilen, besonders für Mobiltelefone. Die ganze industrialisierte Welt lechzt nach diesem Erz. Überall in Afrika werden die Rohstoffe dem Boden entrissen, damit Amerikaner, Chinesen und Europäer ihren Konsum decken können.

Afrika blutete aus. Und Paul verdiente daran nicht schlecht. Für den Freiheitskampf seines Volkes. Solange die ALR die Minen kontrollierte, konnten sie auch die Coltan-Preise bestimmen. Immerhin war hier im Osten des ehemaligen Zaire das Hauptabbaugebiet des Erzes. Die Erde war aufgerissen. Vom ursprünglichen Bewuchs war nicht mehr viel übrig.

Junge Arbeiter hievten in der schwülen Luft Eimer für Eimer Erde aus tiefen Löchern ans Tageslicht. Paul blieb stehen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Er hatte diese Mine übernommen, hatte sie rentabel gemacht und jetzt war er für saubere Abläufe verantwortlich. Das war keine leichte Aufgabe. Das Erz musste geschürft und gewaschen, dann über die grüne Grenze nach Uganda transportiert werden. Dort wurde es an die Großhändler verkauft. Das alles musste er überwachen, sonst floss kein Geld in die Kassen der ALR.

Außerdem versuchten immer wieder einige Arbeiter, das abgebaute Erz zu stehlen und den Gewinn aus dem Verkauf in die eigene Tasche zu stecken, anstatt ihn in die Befreiung Ruandas zu investieren. Gebieterisch trat Paul auf einen kleinen Hügel, beobachtete die Arbeiter skeptisch und rief schließlich den wachhabenden Offizier zu sich, der schon auf seine Anweisungen wartete.

Während Pauls Männer in einer langen Kette vorbeimarschierten, erstattete ihm der Offizier Bericht. Der Abbau ging gut voran, die meisten Arbeiter hielten sich an die vorgeschriebenen vierzehn Stunden Arbeit, sodass diejenigen, die sich weigerten, vertrieben werden konnten. Paul war zufrieden. Sollten sich diese renitenten Idioten doch einen Job als Köhler suchen und Holzkohle in Säcken quer durch den Ruwenzori über die Grenze nach Uganda schleppen. Der Lohn dafür war deutlich geringer als in der Mine. Seine Gewinne hingegen stiegen mit jeder Stunde, die die Arbeiter länger gruben. Alles für die Befreiung Ruandas.

Da seine Soldaten nur langsam vorankamen, konnte Paul sich Zeit für einen kleinen Rundgang lassen. Weit aufgerissene Augenpaare starrten ihn aus den dunklen Gruben an. Unter den Arbeitern waren viele Kinder. Sie machten am wenigsten Ärger und gehorchten den Aufsehern, ohne mit der Wimper zu zucken. Außerdem tat er ihnen im Grunde einen Gefallen, wenn er sie beschäftigte, denn wenn die Frauen hier so viele Kinder zur Welt brachten, mussten sie sie auch irgendwie ernähren. Und er war nun mal der einzige Arbeitgeber in der Region. So war die Lage.

Plötzlich ertönten am Rand der Mine Schreie. Ein paar Kinder flohen laut rufend aus ihren Löchern und ließen dabei das wertvolle Erz fallen. Ein lautes, durchdringendes Klopfen zog Pauls Aufmerksamkeit auf sich. Dann sah er ihn: einen dieser männlichen Berggorillas, dessen Rückenbehaarung sich mit den Jahren grau verfärbt hatte und der als stärkstes Tier das Oberhaupt einer Gorillagruppe war. Der riesige Silberrücken hatte sich direkt am Waldrand auf die Hinterbeine gestellt. Hinter ihm, halb von den Büschen verdeckt, erkannte Paul zudem zwei deutlich kleinere Weibchen. Der Silberrücken schlug mit den Handflächen auf seine muskulöse Brust, ließ sich dann wieder auf alle Viere nieder und bewegte sich bedrohlich langsam am Rand der Mine entlang.

Schon lange hatten sie Probleme mit diesen Berggorillas, die immer wieder in den Dörfern auftauchten und nahe an die Minen herankamen. Paul hatte sich zunächst darüber gewundert, da die Tiere von Natur aus sehr scheu waren, doch dann hatte er erfahren, dass diese Gorillas vermutlich aus Uganda in den Kongo herübergekommen waren. In ihrer alten Heimat waren sie von Rangern an Menschen gewöhnt worden, um als lebende Attraktion und Fotomotiv den Tourismus zu fördern und der ugandischen Regierung Devisen in die leeren Kassen zu spülen. Von Zeit zu Zeit überquerten sie auf ihren Wanderungen die Grenze und durchquerten die Berge im Kongo. Hier störten sie jedoch den normalen Ablauf in den Minen, denn die Menschen aus der Region waren von einer irrationalen Angst vor den riesigen Tieren beherrscht. Wie dumm von ihnen.

Die Arbeiter und die vorbeimarschierenden Soldaten blickten zum Waldrand, wo sich der beeindruckende Silberrücken mittlerweile niedergelassen hatte und auf Blättern kaute. Wenn nicht bald etwas geschah, würde seine Anwesenheit die Arbeit für Stunden lahm legen. Paul nahm seine Kalaschnikow von der Schulter, stieß zwei vor ihm stehende Arbeiter zur Seite und bewegte sich langsam auf den Berggorilla zu. Er wusste, wie er sich zu verhalten hatte. Keine hastigen Bewegungen, nicht wegrennen, auf keinen Fall in die Augen des Tieres schauen. Die Arbeiter um ihn herum waren einen Moment lang erstaunt, doch nach und nach schienen sie zu verstehen, was er vor-hatte.

Als er auf zehn Meter an den Silberrücken herangekommen war, hob er sein Gewehr und richtete die Mündung auf das Tier. Er durfte jetzt nicht zittern. Die AK-47 lag schwer in seinen Händen, ein Schweißtropfen rann ihm die Stirn herunter. Der Berggorilla hob den Kopf und sah Paul direkt in die Augen. Im nächsten Moment konnte das riesige Tier aufspringen und ihn angreifen. Einen solchen Angriff würde er nicht überleben. Schüsse hallten in schneller Folge über das Gelände. Für einen Moment schien es, als wolle der Silberrücken erneut auf die Hinterbeine steigen, doch dann kippte er mit einem dumpfen Schlag auf die Seite, zuckte noch ein Mal, blieb gespenstisch ruhig liegen. Im Unterholz raschelte es, als die anderen Tiere die Flucht ergriffen.

Zufrieden setzte Paul die Waffe ab. In seinen Ohren hallten die Schüsse noch eine Weile nach. Niemand rührte sich, bis die ersten Arbeiter klatschend aus ihren Löchern stiegen und bald auch die anderen jubelnd einfielen. Befriedigt stapfte Paul durch das hohe Gras, bis er vor dem erschlafften Körper stand. Die Arme des Gorillas bewegten sich ein wenig. Er war noch nicht tot. Mit leeren Augen blickte das Tier zu seinem Mörder hinauf. Der lächelte. Dieser verdammte Affe würde niemanden mehr erschrecken. Paul zog seine Machete aus dem Gürtel, überlegte kurz, wo er beginnen sollte, und entschied sich für die Hände.

Ein schriller Schrei ließ ihn jäh zusammenschrecken. Eines der beiden Weibchen stürmte durch das Unterholz auf ihn zu. Mit weit aufgerissenem Maul und entblößten Zähnen griff sie Paul an. Der riss die Machete hoch und schlug sofort zu. Er erwischte das Tier am Arm, doch sein Schlag wurde von dem massigen Gorillakörper gestoppt, und Paul stürzte zu Boden. Im nächsten Moment machte das Weibchen kehrt und verschwand zwischen den Büschen. Paul atmete tief durch. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Der Angriff war vorbei.

Als er die rechte Hand des Silberrückens zurechtlegte, spürte er durch das weiche Fell die Körperwärme. Vorsichtig strich er über den behaarten Arm. Ein Zittern durchlief den am Boden liegenden, ehemals mächtigen Berggorilla. Schon lange hatte Paul kein Gorillafell mehr angefasst. Kindheitserinnerungen stiegen in ihm auf. Doch jetzt war keine Zeit für Sentimentalitäten. Mit einem gezielten Schlag trennte er die Hand vom Arm. Ein dumpfes Grollen ertönte aus der Brust des Gorillas. Die zweite Hand amputierte Paul ebenso schnell. Reiche Amerikaner zahlten gut dafür. Er hatte gehört, dass sie sie als Aschenbecher benutzten. Für den Kopf rief er zwei seiner Leute zu sich heran. Die Jungen Mugiraneza und Hitimana waren ihm gerade am nächsten und trabten auf ihn zu. Zu dritt legten sie das schwere Tier so in Position, dass es gerade auf dem Rücken lag. Aus den Einschusslöchern in der Brust quoll Blut auf Pauls Hände. Er wischte es an Hitimanas Fußball-T-Shirt ab. Dann hob er seine Machete und hackte den Kopf ab. Mit einem Schlag. Das sollte ihm erst mal einer nachmachen. Die meisten brauchten mindestens zwei bis vier Schläge, bis das zähe Fleisch, die Nackenwirbel und die Haut komplett durchtrennt waren.

Er griff sich den Kopf des Berggorillas und drückte ihn zusammen mit den Händen dem wartenden Offizier in die Arme. Auf dem Rückweg würde er sie hier abholen. Dann scheuchte er die Arbeiter wieder in ihre Erdlöcher. Sie hatten schon genug Zeit verloren. Die Kette seiner Soldaten war ins Stocken geraten, doch als er mit ernster Miene auf sie zuschritt, gingen sie eilig weiter. Immer tiefer in den Dschungel hinein.

6

Ugandisches Tiefland, 10. Juni

Tom schreckte aus dem Schlaf auf. Er war schweißgebadet und sank wieder in die Laken, den Blick leer an die Decke gerichtet. Dann schloss er die Augen noch einmal und ließ die Bilder des Traumes an sich vorbeiziehen. Seit Jahren wurde er von demselben Albtraum heimgesucht: Eine eiskalte Winterlandschaft, in der sein Bruder in das Eis eines Flusses einbrach. Jens’ um Hilfe flehende Augen. Die eigene Handlungsunfähigkeit. Im Laufe der Zeit waren die Träume seltener geworden, daher war Tom irritiert, ausgerechnet jetzt damit konfrontiert zu sein.

Er erinnerte sich an die Deutungsversuche einer Freundin, wehrte sich aber sofort gegen diese dahergeredete Küchenpsychologie. Frühkindliche Traumata, eine überpräsente Mutter oder ein gestörtes Sexualleben – um mehr ging es dabei doch meist nicht. Seine Kindheit aber war behütet gewesen, ohne große Auffälligkeiten – wenn man mal von der Sache mit seinem Bruder absah –, so wie es sich damals am Rande einer Kleinstadt im Münsterland eben gehörte. Seine Mutter hatte sich meist ein bisschen zu viele Sorgen gemacht, aber das war alles im normalen Rahmen gewesen. Mütter machen sich nun mal Sorgen. Und nicht zuletzt führte Tom ein erfülltes Sexualleben. Er war zwar zurzeit nicht in einer Beziehung, aber Gelegenheiten für einen guten One Night Stand oder eine Kurzbeziehung mit einem attraktiven weiblichen Wesen, das ihm zudem sympathisch war, ergaben sich mit einer Regelmäßigkeit, über die er sich wirklich nicht beklagen konnte. Er schüttelte den Kopf, streckte sich, hob das Moskitonetz hoch und stieg aus dem Bett. Ein verspäteter Gecko huschte an der Wand entlang und ließ Tom noch einmal zusammenschrecken.

Der extralange Toyota Land Cruiser stand bereits auf dem staubigen Parkplatz vor der Lodge, einer weitläufigen Hotelanlage mit kleinen Bungalows, in der sie die Nacht verbracht hatten. Eine lange Fahrt durch das ugandische Tiefland lag vor ihnen. Eine Tour, die genug Zeit lassen würde, um sich innerhalb der Reisegruppe anzufreunden oder auch festzustellen, wem man lieber aus dem Weg ging. Er musste sich zwei Tage mit den anderen Reisenden arrangieren, danach würde er allein mit einem Guide und ein paar Trägern im Ruwenzori unterwegs sein.

Das Gepäck wurde von den Angestellten der Lodge verladen. Schon jetzt am Morgen brannte die Sonne unerbittlich auf das Dach des Wagens, sodass Tom sofort beim Einsteigen das Fenster an seinem Platz in der letzten Reihe aufzog. Eine Klimaanlage hatte das Fahrzeug offenbar nicht. Andrea setzte sich an das andere Fenster in die letzte Reihe. Sie war noch ein wenig verschlafen und wirkte mürrisch. Zwischen Tom und ihr stand jetzt nur noch ein Koffer auf dem Boden. Birgit nahm direkt vor Andrea Platz – obwohl sie sich beim Frühstück zunächst kurz angegiftet und die restliche Mahlzeit über angeschwiegen hatten.

Die beiden Münchner, Michael und Martin, stiegen zum Fahrer in die vordere Sitzreihe, die als einzige drei Personen nebeneinander Platz bot und von wo sie den besten Blick auf die Straße hatten. Kai und Kathrin setzten sich in die erste Reihe hinter den Fahrer und für Hans blieb nur der Sitz vor Tom übrig. Ihr Reiseleiter Manfred nahm den Platz am Steuer ein und die Türen schlugen mit einem scheppernden Knall zu.

Der Wagen setzte sich mit aufheulendem Motor ruckartig in Bewegung. Im näheren Umkreis ihres Hotels reihte sich ein großes Anwesen an das andere. Diplomaten residierten hier, Industrielle und Menschen, die sich in mehr oder weniger legalen Berufszweigen ein stattliches Vermögen erworben hatten. Die Straße war in diesem Teil Entebbes, des edlen Vororts der Hauptstadt Kampala, akzeptabel, doch das sollte sich schnell ändern. Reifenpannen gehörten im Landesinneren zur Tagesordnung.

Schon nach einer Viertelstunde waren die Häuser deutlich kleiner, die Straßen löchriger. Der Land Cruiser wirbelte feinen rotbraunen Staub auf, der an Bäumen, Palmen und Sträuchern hängen blieb. Als Tom einen Blick nach hinten aus dem Fenster warf, sah er, dass sie mit ihrem Fahrzeug die Szenerie in eine große Wolke tauchten.

»Entebbe ist die Stadt der Reichen.« Hans erklärte den Mitreisenden die Umgebung, während Andrea, der er sich dabei immer wieder kurz zuwandte, konsequent aus dem Fenster sah. »Sie ist auf mehreren Hügeln erbaut und liegt teilweise auf einer Halbinsel im Viktoria-See. Die offizielle Quelle des Nils, nach der die großen Erforscher Afrikas jahrhundertelang gesucht haben, ist der Ausfluss aus dem See. Sie befindet sich hier ganz in der Nähe. In Jinja. Der See selber, der drittgrößte Binnensee der Welt, ist durch die angrenzende Industrie im Grunde vollkommen vergiftet und schon vor vielen Jahren umgekippt. Aber da ist schon lange der Schwamm drüber gewachsen.«

Tom hob erstaunt den Blick. »Schwamm drüber gewachsen ...«, murmelte er.

»Außerdem lebt in ihm der weltberühmte Viktoria-Barsch«, fuhr Hans fort, der Tom nicht gehört hatte.

»Der erst in den 60er Jahren hier ausgesetzt wurde und seitdem die meisten anderen Fischarten verdrängt hat«, fügte Tom aus dem Fenster blickend hinzu.

»Die Hauptstadt Kampala«, erklärte Hans weiter, »liegt fünfunddreißig Kilometer von Entebbe entfernt.«

»Zum Glück müssen wir nicht durch die Stadt fahren«, rief Manfred von vorne gegen den Motorenlärm. »Der Verkehr dort ist eine Katastrophe, daher fahren wir auf einer Landstraße daran vorbei.«

»Kampala ist ein Moloch«, sagte Hans. »Geschätzte eineinhalb Millionen Menschen leben dort. In den vielen Elendsvierteln um die Stadt herum hausen noch viel mehr. Bestimmt eine weitere Million, würde ich sagen.«

Hans erzählte so angeregt, als sei er schon zigmal in Kampala gewesen, doch wie sich schnell herausstellte, hatte er Deutschland noch nicht oft verlassen. Er wusste nahezu alles über Afrika, über Uganda, die Länder rundherum, über die Tiere und die Natur, die politischen und gesellschaftlichen Probleme, über die Auseinandersetzung mit Ruanda während des Genozids 1994 und über die ruandischen Rebellen, die danach in den Kongo abwanderten – der damals für eine kurze Zeit Zaire hieß – und immer wieder die Grenze nach Uganda übertraten. Letztlich waren diese Informationen jedoch keine Neuigkeiten. Was er referierte, stand in jedem Reiseführer. Und doch schien Hans das unbändige Bedürfnis zu haben, seinen Mitreisenden die Welt zu erklären.

Andrea unterbrach seine Ausführungen: »Bist du nun schon einmal hier in Uganda gewesen oder nicht?«

»Das ist lange her«, antwortete er, offensichtlich erfreut, dass sie ihn ansprach. Er blickte ihr direkt in die Augen. »1970/71. Ich war damals mit Freunden eine Weile hier. Einige der Leute von damals bekleiden heute hohe Positionen in Deutschland ... « Andreas Stirn wurde von einer tiefen Falte geteilt. Sie öffnete den Mund, schien etwas fragen zu wollen, schloss den Mund dann jedoch wieder.

»Aber ich habe heute keinen Kontakt mehr zu diesen Menschen ...«, fügte Hans verschwörerisch hinzu.

Andrea guckte Hans erstaunt an. Dann griff sie nach Birgits Schulter, um das Gespräch mit Hans demonstrativ zu beenden. Birgit deutete eine Kopfdrehung nach hinten nur an und lächelte knapp. Schließlich beugte Andrea sich vor, schob ihren Kopf zwischen Birgits Wange und die Autoscheibe, um leise mit ihr reden zu können.

»Was ist mit dir los?«, fragte sie wispernd.

»Wieso?«, gab Birgit nüchtern zurück. »Mir geht’s gut.« Sie wich von Andreas Kopf zurück.

»Du hast dich in den letzten Monaten verändert ...«

Birgit schnaubte ein paar unverständliche Worte und richtete den Blick nun starr durch die Frontscheibe auf die Straße.

»Wir haben nie darüber gesprochen ..., aber ich habe mich sehr gefreut, dass du dich vor ein paar Monaten gemeldet hast. Nach der langen Zeit, in der wir keinen Kontakt hatten. Nach all dem, was geschehen ist ...« Sie sah Birgit neugierig an. »Und ich bin froh, dass du mich ermutigt hast, diese Reise zu machen. Allein hätte ich mich wohl nicht dazu durchgerungen.«

Nun wandte sich Birgit doch zu Andrea um. »Du bist doch sonst nicht so zimperlich.«

»Früher nicht, nein. Aber ich war erschüttert, als mein Vater mir die Wahrheit erzählt hat. Eine Zeit lang hatte ich für nichts Kraft. Andererseits ...«, sie ließ den Blick aus dem Fenster schweifen, »sind diese ewigen Geheimnistuereien nun endlich passé.«

Birgit schwieg, blickte weiterhin nach vorne, wo die staubige Landschaft mit den für europäische Augen ungewohnt üppigen Pflanzen und kleinen Hütten vorbeizog.

»Jedenfalls war ich dadurch emotional völlig am Boden. Und dann warst du plötzlich wieder da und hast mir deine Schulter geboten. An dir konnte ich mich wieder aufrichten. Und du selbst bist in dieser Zeit aufgeblüht. So habe ich dich noch nie erlebt.«

»Auch ich verändere mich nun mal – das hättest du wohl nicht gedacht ...«, brachte Birgit hervor. Dass sie dabei Tränen in den Augen hatte, konnte Andrea aus ihrer Position nicht sehen.

»Du bist immer in deiner Arbeit in der Klinik aufgegangen, hast dich mit ganzer Kraft für andere eingesetzt. Für deine Patienten. Allerdings hast du dich dabei selber oft vergessen. Damals, als wir den Kontakt verloren haben, warst du im Grunde eine ...« Sie machte eine kurze Pause. »Naja, du warst zwar ausgebildete Ärztin, aber eher unscheinbar, jemand, der auf Partys am Rand bleibt. Wenn ich dich jetzt vor mir sehe, dann bist du ein vollkommen anderer Mensch. Was ist passiert?«

Birgit warf Andrea einen vernichtenden Blick zu. »Vielleicht kommt dein Eindruck eher daher, dass du so lange nur auf dich selber geachtet hast«, sagte sie mit unterkühlter Stimme und drehte sich wieder nach vorne. »Du hast dich nie für andere Menschen interessiert.«

Andrea setzte zum Protest an, aber Birgit ließ sich nicht bremsen.

»Guck dir die Welt hier draußen an: Diese Menschen auf der Straße können nur existieren, weil sie sich auf andere verlassen, weil sie eine Familie haben, die ihnen am Herzen liegt. In Deutschland hat all das keinen Wert mehr. Da werden die Ellenbogen ausgefahren, und jeder kämpft für sich allein. Das ist ein zum Scheitern verurteiltes System.«

Sie hatten die Häuser Entebbes hinter sich gelassen und fuhren nun auf einer teilweise asphaltierten Landstraße durch kleinere Dörfer. Immer wieder musste Manfred die Geschwindigkeit an quer verlaufenden Bodenwellen drastisch drosseln. »Sleeping Policemen« nannte er sie. Die Gegend war flach, kleine Ortschaften tauchten auf, Motorräder, Fahrräder, voll besetzte Kleinbusse und Fußgänger bevölkerten die Straßen. Sie fuhren an einem Markt vorbei, auf dem Hühner und Bananen, Stoffe und Kohle, Mais und tausend andere Dinge angeboten wurden. Die afrikanischen Frauen trugen leuchtend bunte Wickelkleider, Kinder liefen zwischen den Autos hindurch, Männer diskutierten im Schatten der Bäume.

Manfred hielt den Wagen an, um frische Lebensmittel für die Tour zu besorgen. Nach und nach stiegen auch die Mitfahrer aus.

Die Straße war staubig. Überall waren Menschen unterwegs. Die meisten von ihnen trugen keine Schuhe, sondern liefen barfuß über den festgestampften Boden. Einige starrten die Europäer mit so unverhohlener Neugier und Offenheit an, als hätten sie noch nie Weiße gesehen. Motorräder rasten in halsbrecherischem Tempo an ihnen vorbei. Unzählige Fahrräder mit gepolsterten Gepäckträgern, auf denen Menschen und oftmals viel zu große Lasten transportiert wurden, verstopften die schmalen Straßen. Andrea sog das pulsierende Afrika in sich auf.

»Boda Bodas«, sagte Tom. Erschrocken drehte sie sich um. Er stand neben ihr und lächelte. »Das sind hier die Taxis. Die Motorräder und Fahrräder. Man nennt sie Boda Bodas. Und wie du siehst, haben ohne Probleme fünf Einheimische auf einem Boda Boda Platz«, fuhr er mit Blick auf eines der Gefährte fort. »Sie transportieren damit alles.« Er wies auf ein Motorrad, das gerade langsam an ihnen vorbeiknatterte. Hinter dem Fahrer saß ein Mann, der vor sich, quer auf dem Sitz, ein weiteres, offenbar defektes Motorrad balancierte.

»Und? Solltest du die nicht fotografieren?«, fragte Andrea spöttisch.

»Die Boda Bodas? Nein. Typisches Touristenfutter, nichts für Profis.«

»Wie oft bist du schon in Uganda gewesen?«

»Ich war schon zweimal hier. Und du?«

Sie standen nebeneinander an den Land Cruiser gelehnt, beobachteten das Geschehen um sich herum. Ununterbrochen fuhren Autos, Fahrräder und Motorräder an ihnen vorbei. Zwei Frauen traten auf sie zu, boten gerösteten Mais, gegrillte Fleischspieße, Obst und frisches Brot an. Gerüche von gebratenem Hähnchenfleisch und verbranntem Plastik lagen in der Luft. Der allgegenwärtige Staub trocknete ihnen die Kehlen aus.

»Ich bin zum ersten Mal in Afrika. Irgendwie hat es mich bislang nicht hierhin gezogen.«

Tom musterte sie einen Moment, bevor er weiterfragte: »Und was hat dich umgestimmt?« Ihre Blicke trafen sich, doch Andrea senkte ihren schnell. Er zückte seine Kamera und fotografierte sie.

»Das ist eine lange Geschichte ...«, sagte sie zögerlich.

»Ich mag lange Geschichten ...«, erwiderte Tom.

In diesem Moment entdeckte er Kathrin, die mit ihrem kurzen Jeansrock und rosa Pumps auf der anderen Straßenseite vor dem Stand eines Schlachters stand und auf die in der Sonne liegenden rohen Fleischbrocken blickte. Die ugandischen Männer drehten sich nach ihr um, gafften auf ihre schneeweißen Beine und die hochhackigen Schuhe und zerrissen sich ganz offensichtlich die Mäuler über sie. Die Frauen widmeten ihr höchstens einen abfälligen Blick.

»Ist es nicht viel interessanter zu erfahren, warum die da nach Uganda gekommen ist?«, wollte Andrea wissen, die Toms Blick gefolgt war, während er ein Bild von dem Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Kulturen schoss.

»Nein«, sagte Tom über die Schulter, »keineswegs.« Er drückte ein letztes Mal auf den Auslöser und wandte sich ihr wieder zu. »Dein Geheimnis ist viel spannender. Oder hast du etwa keins?«, fragte er mit gespielter Enttäuschung.

»Na, nicht direkt ...«

»Sondern?« Tom ließ nicht locker.

»Es ist eine komplizierte Familiengeschichte.«

»Oha, jetzt wird es spannend«, meinte Tom ironisch. »Also, wann wirst du mir die Geschichte erzählen?«

»Du bist ziemlich ungeduldig!«

»Ich wollte eigentlich einen anderen Weg im Ruwenzori nehmen als ihr. Ihr seid sozusagen nur mein Taxi nach Nyakalengija; von dort aus gehe ich mit einem Guide und ein paar Trägern allein weiter. Aber vielleicht entscheide ich mich ja noch anders. Natürlich nur wegen deiner Geschichte ...« Er grinste verschmitzt und zwinkerte ihr zu. Andrea zog erstaunt die Stirn kraus.

»In der Zwischenzeit kannst du mir ja sagen, was dich erneut in dieses Land getrieben hat.« Jetzt war sie es, die ihn herausfordernd ansah.

»Es ist die Landschaft, die mich fasziniert. Und die Menschen.«

»Die Landschaft. Die Menschen«, wiederholte sie seine Worte leise und fixierte ihn prüfend.

Tom blickte auf die andere Straßenseite, zückte seine Kamera und richtete sie auf eine Gruppe junger Männer, die mit ihren Boda Bodas an der Straßenecke standen und laut lachten. Andrea beobachtete Tom scharf aus den Augenwinkeln.

»Was ist? Stehe ich jetzt unter Beobachtung, nur weil ich doch noch Boda Bodas fotografiere?« Er lachte und ließ dann den Blick über die Menschen auf der Straße schweifen.

Kathrin war mittlerweile weitergegangen, verhandelte jetzt mit einer steinalten Frau, die selbst gebastelte Ketten aus Papier verkaufte. Birgit stand vor einem Supermarkt und sprach aufgeregt in ihr Mobiltelefon. Ihr Reiseleiter Manfred kam die staubige rote Straße entlang auf Tom und Andrea zu, balancierte einen Stapel Kartons in den Händen und versuchte gleichzeitig, eine penetrante Maisverkäuferin abzuwimmeln. Etwas weiter die Straße hinunter beugten sich Michael und Martin über Obstkisten. An einen Baum gelehnt, gar nicht weit vom Auto entfernt, stand Hans und sah unverwandt zu Andrea herüber. Tom fragte sich, wie lange er da schon stand.

»Unter Beobachtung? Nein nein, ich habe nur gerade ...«, murmelte Andrea abwesend. Auch sie hatte Hans bemerkt. »Nichts weiter ...«

»Doch, sag schon, was du denkst!« Er sah sie neugierig an.

Andrea blickte weiter in die Ferne.

»Also gut«, sagte sie schließlich. »Ich glaube dir das nicht. Du hast noch einen anderen Grund, nach Uganda zurückzukehren. Aber es ist schon in Ordnung, wenn du mir nichts Näheres sagen willst.«

Tom lachte laut auf.

»Wir kennen uns erst seit gestern Abend, und schon durchleuchtest du mich. Na, wenn das nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ist, dann weiß ich es auch nicht.«

Andrea blickte hoch und Tom hielt ihren Blick mit seinen Augen fest. Dann fügte er in ernstem Ton hinzu: »Und wenn sich hier jemand bedeckt hält, dann doch wohl du.«

»Wieso? Was meinst du damit?« Andrea wandte den Kopf und fixierte die Boda Bodas.

»Da ist zum Beispiel dieser Mann von der Botschaft gestern Abend vor deinem Zimmer. Wovor hat er dich gewarnt?«

»Belauschst du mich etwa?«

»Der Tonfall hat mich aufhorchen lassen. Euer Gespräch klang nicht gerade freundlich.«

»Lass das mal meine Sorge sein!«, gab Andrea zurück.

»Und was ist das für eine Geschichte mit diesem Hans? Der beobachtet dich ununterbrochen. Was will der von dir?«

Andrea zuckte teilnahmslos mit den Schultern. Um Toms Befragung zu entgehen, blickte sie Birgit erwartungsvoll entgegen, die ihr Telefonat beendet hatte und mit finsterer Miene zum Auto zurückkehrte.