Monis Jahr - Kirsten Boie - E-Book

Monis Jahr E-Book

Kirsten Boie

4,9
8,99 €

Beschreibung

Kirsten Boies großer Kindheitsroman: Ein Blick zurück in das Jahr, in dem sich alles verändert Moni lebt mit ihrer Mutter und ihrer Oma in einfachen Verhältnissen in Hamburg. Monis Vater ist im Krieg geblieben, doch ihre Oma will nicht glauben, dass er nicht wieder zurückkommt. Es ist das Jahr 1955 und in Deutschland kehrt langsam wieder so etwas wie Normalität ein. In diesem Jahr kommt Moni auf die Oberschule - sie ist die erste in ihrer Familie, die das schafft und sie zweifelt, ob sie da überhaupt hingehört. Ihr altes Leben mit ihren alten Freunden scheint nicht mehr dazu zu passen, und Moni ist so voller neuer Eindrücke, dass sie zunächst gar nicht merkt, dass ihre Mutter einen neuen Mann kennen lernt. Ihre Oma kann sich mit dieser Entwicklung überhaupt nicht anfreunden. Und auch Moni ist zunächst alles andere als begeistert.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 320




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1. Teil

1

»Einen!«, sagt Moni. »Nur einen einzigen! Komm schon, Harry!«

»Nee«, sagt Harald und hält die Tüte mit der Hand fest umklammert. »Die brauch ich nachher noch. Wir gehen zu meinem Onkel, feiern.«

»Einen einzigen!«, sagt Moni. »Dann hast du immer noch vier.«

Harald schüttelt den Kopf. »Nee«, sagt er.

»Geizkragen«, sagt Moni und rückt ein Stück von ihm weg. Der Terrazzo ist eisig und sie sollen sowieso nicht im Treppenhaus sein. Das Spielen und Lärmen der Kinder im Treppenhaus ist verboten. Aber unten neben der Hoftür hört sie keiner, wenn sie leise sind. Und draußen stürmt es so.

»Meine Mutter sagt, dieses Geknalle ist schrecklich«, sagt Hildegard.

Warum dieses Mädchen wohl Hildegard heißt, sagt Oma immer. Rosa, das hättst du doch gedacht. Clara. Das wisst ihr ja alles gar nicht mehr. Aber so ein guter deutscher Name.

»Wie die Menschen so schnell vergessen können, sagt meine Mutter. Dass sie jetzt schon wieder Spaß daran haben, wenn es knallt.«

Harald tippt sich gegen die Stirn. »Ich hab da Spaß dran«, sagt er. »Du bist ja nur neidisch.«

»Bitte, Harry, du, bitte!«, sagt Moni. »Meine Oma kauft nachher Berliner, da kannst du meinen haben.«

Harald schüttelt den Kopf. »Krieg ich bei meinem Onkel sowieso«, sagt er. »Kauf dir doch selber welche. Die hab ich alleine bezahlt. Von meinem eigenen Geld.«

»Als ob ich Geld hätte!«, sagt Moni böse. Harald darf jeden Nachmittag die saubere Wäsche von der Wäscherei zu den Leuten bringen, denen sie gehört, oder schmutzige Wäsche abholen. Manche geben ihm ein Trinkgeld und manche nicht, das ist das Risiko. An manchen Nachmittagen kriegt er gar nichts, aber neulich hatte er an einem einzigen Tag fast eine Mark. Da könnte Moni sich auch Knallfrösche kaufen.

»Was macht ihr?«, fragt Harald. »Feiert ihr auch?«

»Muttis Freundin kommt«, sagt Moni. »Wir haben extra Luftschlangen und ulkige Hüte gekauft. Kommst du rüber, Hilli? Wir machen Bowle.«

Hildegard zupft an ihrem Mantel. Vor zwei Jahren war er so groß, dass man sie zweimal hätte reinstecken können. Jetzt ist er so kurz, dass nicht nur ihre gnubbeligen Knie darunter herausgucken, sondern auch noch eine Handbreit Bein darüber. Bis zum Strumpfband, denkt Moni. Na, fast. Könnte ihre Mutter doch unten was drannähen. Aber die hat ja lauter andere Sachen im Kopf.

»Mama und ich gehen zu unseren Freunden!«, sagt Hildegard. »Nach Eimsbüttel. Ein richtiges Fest, weißt du.«

Moni seufzt. »Aber Rummelpott laufen[1] wir vorher noch zusammen, oder?«, fragt sie. »Alle drei.«

Harald steht auf. »Hier friert einem sowieso der Hintern ab«, sagt er. Aber Moni weiß, dass er einfach nur froh ist, weil sie nun nicht mehr weiter um seine Knallfrösche bettelt.

 

Oma hat ihr erlaubt, dass sie sich Asche aus dem Küchenherd nimmt. »Aber nicht alles verschütten!«, sagt sie. »Mach das mal am Ausguss.«

Moni stellt sich vor den Ausguss und taucht ihre Finger in die Asche. Es ist ein weiches, verbotenes Gefühl. Dann verstreicht sie die Asche gleichmäßig im Gesicht. »Seh ich jetzt aus wie ein Neger?«, fragt sie.

Oma kniet auf dem Boden und fegt. Zum neuen Jahr soll es sauber sein. Sauberkeit kann sich jeder leisten, sagt Oma immer.

»Wie einer von den zehn kleinen Negerlein«, sagt Oma. »Kiek mol her, Deern. Ja, wie ein Negerlein süchst du ut. Nur die Zöpfe, die sind lütt beeten to blond«, und sie lacht.

»Kann ich ja in den Kragen stecken«, sagt Moni.

»Nee, nee, nu töv mol ’n beeten«, sagt Oma. »Wenn du versprichst, dass du ihn heil wiederbringst, kannst du den Muselmannhut haben.« Und sie langt zum Küchenbüfett, auf dem vier Papphüte liegen und auf den Abend warten. Vier, vorsichtshalber. Weil man ja nicht wissen kann, ob Muttis Freundin selber einen Hut mitbringt. Und wenn sie vorsichtig damit umgehen, halten die Hüte ein Leben lang, hat Oma gesagt, als sie damit nach Hause gekommen ist. Das Geld ist bestimmt nicht zum Fenster rausgeschmissen. Silvester ist jedes Jahr wieder.

»Was du wohl gesagt hättest, wenn ich die angeschleppt hätte!«, hat Mutti gesagt, aber Oma hat sie ihnen schon zum Aufprobieren gegeben.

»Steck die Zöpfe da mal drunter, süchst du wohl, so«, und Oma setzt Moni den roten Papphut auf den Kopf und schiebt ihr das Gummiband unter das Kinn. »Schmuck süchst du ut.«

Moni guckt in den Spiegel in der Speisekammertür. »Na ja«, sagt sie.

Sie hat sich so auf das Rummelpottlaufen gefreut, aber wenn sie dann verkleidet ist, ist es jedes Jahr wieder dasselbe. Plötzlich schämt sie sich.

»Hier«, sagt Oma und drückt ihr das Einkaufsnetz in die Hand. »Bring das mal voll wieder mit, Deern.«

»Doch kein Netz!«, schreit Moni. »Da fällt doch alles durch!«

Oma schlägt sich gegen die Stirn, dann holt sie die neue karierte Einkaufstasche aus der Speisekammer. »Ist auch besser so«, sagt sie. »Da passt hübsch was rein.«

Moni zieht sich ihren Mantel über. »Bis nachher!«, sagt sie, als die Wohnungstür hinter ihr zuschlägt.

 

»Nix darf die«, sagt Harald. Sein Gesicht ist genauso schwarz wie Monis und darüber hat er einen viel zu großen Herrenhut auf. »Als ob die heilig wären. Dabei weiß jeder Bescheid.«

»Vielleicht, weil sie erst acht ist«, sagt Moni. »Letztes Jahr durfte sie auch schon nicht. Sie soll nicht bei fremden Leuten betteln.«

»Rummelpott ist kein Betteln«, sagt Harald. »Der Grünhöker zuerst?«

Moni nickt. Sie stoßen die Ladentür auf und die Türglocke bimmelt. Zwei Frauen stehen vor dem Ladentisch und unterhalten sich mit der Verkäuferin.

»Rummel, rummel, räuben!«, singt Harald und Moni traut sich auch. »Lot mi nich lang täuben!«

Dann halten sie Monis Einkaufstasche auf. Sie haben sich darauf geeinigt, dass sie nur Monis Tasche mitnehmen. Zwei Taschen sehen so gierig aus. Und sie können hinterher ja teilen.

Die Verkäuferin seufzt. »Wisst ihr, wie viele Kinder heute schon hier waren?«, fragt sie. Dann greift sie in eine Obstkiste neben der Kasse und legt ihnen zwei Äpfel in die Tasche. »Da, bitte. Und einen guten Rutsch.«

»Einen guten Rutsch!«, ruft Harald und ist schon wieder draußen.

»Geizige Olsch!«, sagt er. »Hast du gesehen? Bloß die angestoßenen hat sie in der Kiste.«

»Macht doch nichts«, sagt Moni.

Harald hat einen Apfel aus der Tasche genommen und hält ihn ihr hin. »Da!«, sagt er. »Ganz multschig!«

Er dreht sich noch einmal zum Laden um. »Witten Twern un swatten Twern!«, schreit er. »Düsse Olsch, de gifft nich gern!«

Dann rennen sie um die Ecke, bevor die Grünhökerfrau sie schnappen kann.

Vielleicht sind multschige Äpfel sogar besser als gute, denkt Moni. Weil es so viel Spaß macht, das vom witten und swatten Twern zu rufen. Sonst darf man Erwachsene ja nicht anpöbeln. Aber beim Rummelpott muss man es sogar. Es ist wie ein Gesetz. Wenn einer geizig ist, muss man es, das ist schon seit hundert Jahren so. Seit vor dem Krieg schon. Man darf das Gesetz nicht brechen.

Beim Krämer gibt es für jeden eine Rippe Schokolade quer rübergebrochen, das hat Moni auch nicht anders erwartet. Frau Kröger gibt ihr manchmal sogar ein Stück Schokolade ganz ohne Grund. »Und Bonsche«, sagt Frau Kröger. »Hier, nehmt mal den Klumpen. Die sind sowieso zusammengebackt. So kann ich die nicht mehr verkaufen.« Und sie greift einfach mit der Hand in das Glas mit den Himbeerbonbons, die Moni fast am allerliebsten mag, und tut den ganzen zusammengebackten Rest in eine Tüte. »Hier. Einen guten Rutsch, ihr beiden Swatten!«

»Einen guten Rutsch, Frau Kröger!«, sagt Moni und macht einen Knicks. »Vielen Dank!«

»Da nicht für«, sagt Frau Kröger, aber das hört Moni schon nicht mehr richtig, weil die Türglocke beim Rausgehen bimmelt.

»Da können wir gleich einen von essen«, sagt Harald und nimmt den Klumpen aus der Tüte. Dann beißt er an einer Seite einen von den verklebten Bonbons ab, dass es splittert. »Hier. Jetzt du.«

Moni beißt zu.

»Milchmann?«, fragt sie mit vollem Mund. »Oder durch die Häuser?«

»Häuser«, sagt Harald. »Da geben manche auch Geld.«

Moni tippt sich an die Stirn. »Du tünst ja«, sagt sie, aber sie hofft, dass sie Unrecht hat. Mit Leuten, die vielleicht Geld geben, kennt Harry sich besser aus als sie.

 

Oma hat die schöne bestickte Tischdecke auf den Küchentisch gelegt und den Kittel ausgezogen. Ohne Kittel sieht sie ganz fremd aus.

»Na, hebbt ji wat kregen?«, fragt sie. Moni nickt und hält die Tasche auf. Die Hälfte hat Harald schon mitgenommen, aber es sind trotzdem noch vier Äpfel drin und die Himbeerbonbons und zweimal abgebrochene Schokolade in Stanniol und drei Fünfer und ein Groschen.

»Sogar Geld!«, sagt Moni.

Oma lacht. »Denn kannst du dir ja meist sülben neue Winterstiefel kaufen!«, sagt sie. »De bruks du doch, Deern.«

»Tünkram!«, sagt Moni. Es ist schön, wenn Oma Quatsch macht.

»Wasch die Hände«, sagt Oma. »Und zieh dein Sonntagskleid an. Dreckspatzen kriegen keine Bowle ab.«

Moni flitzt ins Schlafzimmer und holt ihr Sonntagskleid aus dem Schrank. Bowle hat Hildegard vielleicht nicht, da, wo sie feiert. Harry vielleicht auch nicht.

»Un de lütje Snut!«, sagt Oma. »Wat schall dat denn wohl för ’n neetes Johr warn, wenn du gliks as so ’n lütten Dreckspatz anfang’ doost?«

»Witten Twern un swatten Twern!«, singt Moni. Fünfundzwanzig Pfennige. Zwei Salmilollis und fünf Dauerlutscher. Oder ein »Fix und Foxi«-Heft. Wie gut dieses neue Jahr anfängt.

 

»Komm auf die Schaukel, Luise!«, singt Mutti und schwenkt ihre Freundin Jenny durch die Küche. Auf dem Kopf hat sie eine Pappkrone und Jenny hat eine Piratenkappe. Und über ihren Schultern hängen tausend Luftschlangen. »Lala, la-lala, la-laaa!«

»Der blonde Hans«, sagt Oma und füllt sich aus der großen Suppenterrine vorsichtig mit der Schöpfkelle noch ein bisschen Bowle in ihre Sammeltasse. Wer braucht denn ein Bowlengeschirr, um Bowle zu trinken, sagt Oma. Schmeck mal, wie lecker die ist.

»Der singt das?«, fragt Moni. Dabei hört sie es selber. Im Radio gibt es ein Unterhaltungsprogramm, extra zu Silvester. Das macht die Erwachsenen fröhlich.

»Lass mich mal verpusten!«, sagt Mutti und lässt sich auf einen Küchenstuhl plumpsen. »Wir gehen bald wieder, Jenny, findest du nicht? Ins Kino? Das läuft jetzt!«

Jenny fällt neben Moni aufs Küchensofa. Das Sofa sackt nach unten weg. Jenny ist keine Elfe, sagt Mutti.

»Auf der Reeperbahn, nachts um halb eins!«, singt Jenny. Ihr Gesicht ist ganz rot. Vielleicht kommt das von der Bowle und vielleicht kommt das vom Tanzen. Ihr Lippenstift ist verschmiert. Moni versteht nicht, warum Jenny sich immer so doll schminken muss. Dazu ist sie viel zu alt, bestimmt schon fast vierzig.

»So wie die hinter den Männern her ist, hab ich das noch bei keiner erlebt«, sagt Oma. »Na, da wird sie warten müssen.«

»Und du?«, fragt Jenny und drückt Moni einfach einen Kuss aufs Haar. Jetzt weiß Moni, dass das rote Gesicht von der Bowle kommt und nicht vom Tanzen. »Willst du auch mal? Darf ich bitten?« Und sie steht auf und verbeugt sich vor Moni.

Moni schüttelt schnell den Kopf. Mit Oma hat sie getanzt, vorhin. Aber jetzt ist es genug. Jetzt muss es wirklich nicht mehr sein. Und schon gar nicht mit dieser geschminkten Jenny.

»La Paloma!«, schreit Mutti und steht auf. »Los, komm, Jenny, noch einen zum Abschluss.«

Und dann tanzen sie durch die Küche, »meine Braut ist die See«, und Mutti hat ihren Kopf auf Jennys Schulter gelegt und summt die Melodie, während aus dem Radio die tiefe, rauchige Stimme von Hans Albers kommt, »la Paloma, ohé!«, und Moni denkt, dass das Lied so gut zum blonden Hans passt, weil er auch so aussieht wie einer, dessen Braut die See ist, das hat sie auf dem Filmplakat gesehen. Ganz blaue Augen wie das Meer. Man könnte sich gut vorstellen, dass so einer ein Vater ist, der draußen auf dem Meer für seine Familie Fische fängt. Bei Wind und Wetter. Aber dann kentert sein Boot, und niemand weiß, ob er sich auf eine einsame Insel retten konnte.

»Gleich!«, sagt Oma, während der blonde Hans im Radio noch »Kleine Möwe, flieg nach Helgoland« singt, das passt ja auch. »Mädels, gleich ist es so weit! Anstoßen!« Und sie reicht Mutti und Jenny ihre Tassen mit der Bowle. Moni kriegt auch einen Schluck.

»Habt ihr denn auch gute Vorsätze gefasst?«

»Mehr tanzen gehen!«, ruft Jenny. »Das Leben ist kurz!«, und sie hebt ihre Tasse.

»Erst trinken, wenn es zwölf ist!«, ruft Oma. »Und du, Herta?«

Mutti lacht. Es ist schön, wenn Mutti so fröhlich ist. Aber ein bisschen unheimlich ist es auch. Ihre Augen glänzen, und Moni sieht, dass ihr Gesicht fast so rot ist wie das von Jenny.

»Reich werden!«, schreit Mutti. »Einen Millionär heiraten!«, und sie fängt an zu lachen und Jenny lacht auch. Omas Gesicht wird plötzlich ganz hart.

»Das war kein guter Scherz«, sagt sie, aber in dem Augenblick läuten im Radio die Glocken und das grüne Auge leuchtet, und Oma stößt mit ihrer Tasse ganz vorsichtig mit Monis Tasse an.

»Ein schönes neues Jahr, Deern«, sagt sie, und die Glocken läuten immer noch.

»Ein schönes neues Jahr!«, sagt Moni und stößt auch gleich noch mit Mutti an und mit Jenny, und dann dreht sie sich um zum Küchenschrank, wo auf der Ablageplatte das Foto steht.

»Prost«, sagt Moni, und der große Junge mit der Strähne im Gesicht und der Schaufel in der Hand lacht, wie er immer gelacht hat, jeden Tag in ihrem ganzen Leben bisher.

Omi streicht ihr über das Haar. »Schön, dass du an ihn denkst«, sagt sie. »Wir wissen ja nicht, wo dein Vati heute Abend feiert, aber dass er noch da ist, das spür ich genau. Eine Mutter spürt so was, Deern.«

Die Glocken läuten immer noch, und Mutti und Jenny versuchen, mit der Schöpfkelle den Rest Bowle aus der Suppenschüssel zu schöpfen.

»Das wird ein wunderbares Jahr!«, ruft Mutti, und jetzt hört Moni genau, dass Mutti ein kleines bisschen betrunken ist. Das müssen Erwachsene Silvester vielleicht sein. »Jubiläum! Zehn Jahre Krieg vorbei!«

»Prost!«, ruft Jenny. »Auf das Jubiläum!«

»Für manche ist er nicht vorbei«, sagt Oma, aber das hört nur Moni, und sie ist ein bisschen böse, dass Oma fast die schöne Stimmung kaputtmacht.

Auf der Straße hört man ein paar Knaller. »Ich geh gucken!«, schreit Moni.

Oma seufzt. »Dass die Leute schon wieder dieses Geknalle hören wollen«, murmelt sie.

»Das sagt Hillis Mutter auch«, sagt Moni und wirft sich ihren Mantel über. »Du brauchst nicht mitkommen, Oma.«

»Manchmal sagt sie was Richtiges«, sagt Oma. »Das kann man ihr nicht verbieten. Wo sind die überhaupt? Wollte Hilli nicht mit dir feiern?«

»Die feiern bei Freunden«, sagt Moni und macht ganz schnell die Wohnungstür auf. Wenn sie sich nicht beeilt, sind die auf der Straße vielleicht schon fertig mit dem Geknalle.

»Freunde«, sagt Oma. »Da weiß man, was das heißt.«

Aber Moni hört nicht mehr hin. Moni saust die Treppe nach unten, wo in der offenen Haustür auch Papes aus dem zweiten Stock stehen und Mewes aus dem Erdgeschoss links.

»Ein schönes neues Jahr!«, ruft Frau Pape.

»Das ist doch unsere Moni!«, sagt ihr Mann freundlich und dreht sich zu Moni um. Er erkennt die Leute immer am Schritt, Moni hat das auch schon mal probiert. Es ist aber nicht so einfach, sie müsste mehr üben.

»Ein schönes neues Jahr, Herr Pape«, sagt Moni und macht einen Knicks. Was bei Herrn Pape ja Quatsch ist. Aber ihre Knie machen es immer von alleine. Vielleicht sind ihre Knie das Höflichste an ihr. Moni kichert.

»Du hattest wohl ein schönes Fest«, sagt Herr Pape ganz lieb.

»Bowle«, sagt Moni und guckt zu, wie der große Uwe auf der Straße seine Knallfrösche anzündet.

Seine Verlobte kreischt und hüpft zur Seite. »Der war fast unterm Rock!«, schreit sie.

»Da will ich auch hin!«, sagt Uwe und greift zu, und jetzt kreischt seine Freundin noch lauter, und Moni ist es ein bisschen gruselig. Silvester benehmen sich die Menschen so sonderbar.

Aber dann sind Uwes Knallfrösche aufgebraucht. Nur am Ende der Straße zündet noch ein Mann ein paar Knaller, dann wird es still. Aus einem offenen Fenster hört man Heinz Rühmann singen, dass vor dem Bettchen zwei Schuh’ stehen, und das passt jetzt ja auch.

Plötzlich spürt Moni eine Hand auf der Schulter.

»So, Deern, das Fest ist vorbei«, sagt Oma.

»Gleich!«, flüstert Moni. »Gleich, Oma!«

Wenn sie den Kopf ein bisschen in den Nacken legt, kann sie oben über der Straße den Himmel sehen. Gerade zieht eine Wolke zur Seite, es ist doch komisch, dass es nachts auch Wolken gibt, man denkt, da gibt es nur den Mond und die Sterne.

Ich hab keine Vorsätze, denkt Moni. Eigentlich muss man das ja zum neuen Jahr. Mit zehn muss man das schon. Aber ich hab nur Wünsche.

»Moni!«, sagt Oma.

Einen Hamster, denkt Moni. Und dass ich die Prüfung schaffe. Und dass sie nett sind in der neuen Schule. Und dass ich schlau genug bin.

»Moni!«, sagt Oma wieder.

Und ein Kleid, wie es in Giselas Paket aus Amerika war. So was Schönes. Und dass wir im Sommer wieder an die Elbe zum Baden fahren, sonntags.

»Jetzt ist es wirklich Zeit«, sagt Oma und zieht Moni am Arm. »Da ballert doch längst keiner mehr.«

Moni läuft hinter Oma die Treppe nach oben. »Ich hab mir nur was gewünscht!«, sagt sie.

Oma dreht sich um und lächelt. »Das tu man, Deern, das tu man ganz fest«, sagt sie. »Denn geht das auch wohl in Erfüllung«, und da weiß Moni, woran Oma denkt, und sie schämt sich, dass sie sich etwas anderes gewünscht hat.

»Bisschen darf ich aber noch aufbleiben!«, sagt sie.

In der Küche hat Jenny ihren Arm um Mutti gelegt, und sie tanzen ganz, ganz langsam.

»1955«, sagt Oma. »Na, wollen wir mal sehen.«

2

Woran merkt man, dass ein neues Jahr angefangen hat? An gar nichts, denkt Moni. An nichts und nichts und gar nichts. Es ist genau wie Geburtstag. Man wacht auf und ist ein Jahr älter und fühlt sich genauso wie vorher. Und jetzt ist die Welt ein Jahr älter, und das merkt man auch nicht.

»Die Stiefel nicht, die drücken!«, sagt Moni böse. Mutti ist schon los zur Arbeit, aber noch nicht lange. Sonst ist sie schon immer längst weg, wenn Moni aufsteht. Aber heute hat Moni zum ersten Mal den weiten Weg, da musste sie auch früher aufstehen.

»Guck mal raus!«, sagt Oma. »Das hat getaut, Deern! In dem Matsch, da geht das nicht mit Halbschuhen. Da kriegst du mir noch eine Lungenentzündung.«

Moni löffelt ihre Haferflockensuppe. Morgens hat sie immer überhaupt keinen Appetit. Aber Oma sagt, essen muss der Mensch, und Moni muss was auf die Rippen kriegen. Sie ist ja sowieso nur ein Strich in der Landschaft.

»Und wenn du Lungenentzündung kriegst«, sagt Oma und lässt sich schwer auf einen Küchenstuhl sinken, »denn kannst du nicht mehr hin zu deiner Prüfung, Deern. Und das wolltest du ja nun so gern.«

Moni legt den Löffel neben den Teller. Die süße Insel hat sie aufgegessen, jetzt reicht es aber auch. Die süße Insel ist in der Mitte, wo Oma immer einen Löffel Zucker über die Suppe streut. Wenn man den Löffel ganz flach hält, kann man den Zucker abheben, fast ohne Haferflocken.

»Ich mag nicht mehr«, sagt Moni.

Oma schüttelt den Kopf. »Weißt du, wie undankbar du bist, Deern?«, sagt sie. »Kannst du dich gar nicht mehr erinnern, was für dollen Hunger du immer gehabt hast, als du lütt warst? Geweint hast du vor Hunger! Und jetzt lässt du deine Suppe stehen.«

Moni antwortet nicht. Sie kann sich wirklich nicht erinnern. Nicht gut, jedenfalls. Und an schlimme Dinge muss man sich auch nicht erinnern. Wozu auch, sagt Mutti. Jetzt jedenfalls ist morgens immer genug Haferflockensuppe da, und jetzt jedenfalls findet Moni sie schrecklich.

»Aber Lebertran«, sagt Oma. »Mund auf, Augen zu.«

Moni stöhnt. Jeden Morgen hofft sie, dass Oma den Lebertran vergisst. Lebertran ist gut für Kinder, die werden dann nicht krank. Der Lebertran tötet all die lütten Bazillen, die sich bei den Kindern eingeschlichen haben, sagt Oma. Man muss dankbar sein, dass es Lebertran gibt. Moni schafft es nie, für die richtigen Sachen dankbar zu sein.

»So, lass dich angucken«, sagt Oma. »Bluse in den Rock.«

Moni geht zum Ausguss und guckt in den Spiegel, aber da sieht sie nur ihr Gesicht mit den Affenschaukeln und der Tolle oben auf dem Kopf, die Oma ihr immer macht, wenn Moni schön aussehen soll. Und den Kragen sieht sie da auch noch, den Kragen von der weißen Bluse, die sie für diese Woche extra von der Tochter von Muttis Arbeitskollegin ausgeliehen haben. Wer weiß, was das da alles für Leute sind, hat Oma gesagt. Bestimmt sind die etepetete. Lauter Vornehme an der höheren Schule. Da soll unsere Deern nicht gleich schlecht auffallen.

Den Schottenrock hatte Moni aber selber, Oma hat ihn noch umgenäht. Im letzten Jahr hat Moni den von Ingrid geerbt, das ist ihre Cousine und schon vier Jahre älter. Darum sind die Sachen auch immer viel zu groß, wenn Moni sie erbt. Aber der Schottenrock geht.

»Schmuck süchst du ut«, sagt Oma zufrieden. »So richtig as ’n högere Dochter.«

Moni zieht die Winterstiefel an. Das findet sie eigentlich auch. Dass sie vornehm aussieht an so einem ganz normalen Montag, vornehm und ein bisschen fremd. Aber das ist natürlich auch in Ordnung. Schließlich soll heute ja ein neuer Lebensabschnitt anfangen, das hat Mutti gesagt; wenn alles gut geht, fängt mit diesem Tag für dich ein neuer Lebensabschnitt an. Dann hat sie Moni einen Kuss gegeben.

»Ich bin stolz auf dich, Monika«, hat sie feierlich gesagt und ist losgeflitzt, damit sie ihre Straßenbahn nicht verpasst. In der Schuhcremefabrik gibt es eine Maschine, da muss man seine Karte reinstecken, wenn man kommt. Die heißt Stechuhr. Und wenn man zu spät kommt, wissen die Chefs es gleich.

In der Schule darf man auch nicht zu spät kommen. Schon gar nicht am allerersten Tag. Schon gar nicht bei einer Prüfung.

»Brot hab ich dir eingepackt«, sagt Oma und setzt Moni den Ranzen auf den Rücken. »Bring das Papier wieder mit, hörst du?«

Moni nickt. Der Ranzen fühlt sich so leicht an wie sonst nie. Sie müssen nur eine Federtasche dabeihaben zur Prüfung und ihr Frühstücksbrot, das steht auf dem Zettel, den Moni mitgebracht hat und der jetzt auf der Ablage vom Küchenschrank liegt, ein bisschen abgegrabbelt, neben dem Foto von dem großen Jungen, der lacht.

»So, Deern«, sagt Oma und drückt Moni ganz fest. Oma hat eine dicke, weiche Brust, in der Monis Gesicht fast verschwindet, und ihr Kittel riecht ein bisschen nach Küche, nach Suppe vielleicht oder nach lauter Sachen, die man nicht mehr genau erkennen kann, wenn sie erst mal in einem Kittel riechen. »Mach das gut. Und keine Angst, hörst du? Du büss liekers so schlau as de annern. Und wenn das nicht klappt, dann gehst du auf die Mittelschule. Das ist auch was Feines. Da wollte dein Vati auch immer so gerne hin.«

»Tschüs, Oma«, sagt Moni und windet sich aus Omas Armen.

»Ich drück die Daumen!«, flüstert Oma, weil Moni jetzt schon im Treppenhaus ist, und im Treppenhaus muss man leise sein.

Moni flitzt nach unten. Die Stiefel drücken. Aber wenn man erst mal unterwegs ist, merkt man so was immer ganz schnell nicht mehr. Das weiß Moni ja.

 

Oben an der Straße biegt Moni nach links in den Wiesendamm. Gestern ist sie den Weg mit Mutti gegangen, das war ihr Sonntagsspaziergang. Oma hat sich lieber aufs Ohr gelegt. Sonntags legt sich Oma immer gerne mal aufs Ohr, weil sie das ja in der Woche nicht kann. In der Woche muss sie Geld verdienen gehen, im Krankenhaus. Da putzt sie die Zimmer und die Flure, und alle kennen sie und sagen Guten Tag und mögen sie gerne.

»All de Dokters, de sünd man ok blot Minschen«, sagt Oma. Und wenn Moni krank ist, weiß Oma immer genau, was man tun muss. Das weiß man, wenn man im Krankenhaus arbeitet.

Aber Mutti will sich sonntags nicht aufs Ohr legen, und darum ist sie mit Moni spazieren gegangen, zu Fuß, zu der Schule, in der die Prüfung sein soll. Den Namen sagen sie nicht, sie sagen immer nur: die Schule. Weil es so unheimlich klingt, wenn man weiß, dass es eine Oberschule ist. In unserer Familie war noch keiner auf der Oberschule. Studiert haben wir auch nicht. Haben wir auch nicht gebraucht.

Aber wenn die Lehrerin doch sagt, dass Moni da hinsoll, hat Mutti gesagt.

»Willst du wissen, was ich von so einer Lehrersch halte?«, hat Oma gesagt. »Na, dat segg ick di leber nich. Lehrers Kinner, Pasters Vieh gedeihen selten oder nie.«

»Sie sagt, Moni ist eine von den Schlausten«, hat Mutti gesagt. »Warum soll sie denn nicht auf die höhere Schule? Wenn sie das kann?«

»Bruk se dat?«, hat Oma gefragt. »Was soll das nützen?«

Aber da hat Mutti gesagt, ziemlich viel kann das Moni später mal nützen. Sogar studieren kann sie dann und selber Lehrerin werden oder sogar Ärztin.

»De Dokters, de sünd man ok all blot Minschen«, hat Oma gesagt, aber Moni konnte doch sehen, dass sie nachgedacht hat. Das findet Oma bestimmt auch schön: eine Enkeltochter, die eine Doktersch ist.

»Wenn ich jetzt studiert hätte!«, hat Mutti gesagt. »Dann müsste ich nicht in die Schuhcremefabrik. Arbeiten müsste ich auch, das ist klar, aber was ich da verdienen könnte!«

Und Oma hat gesagt, ja, ja, die Zeiten ändern sich, und man sieht ja nun, dass es nicht schaden kann, wenn die Frauen auch was lernen. Darauf, dass immer ein Mann zum Verdienen da ist, kann man sich nicht verlassen.

»Das wollen wir der Deern ja nicht wünschen, dass wieder ein Krieg kommt«, hat Oma gesagt. »Und dass sie ihren Mann verliert. Oder erst gar keinen abkriegt, wie deine Jenny da! Aber wer weiß, wozu das sonst noch gut sein kann mit der höheren Schule.«

Dann hat sie geseufzt und Moni nachdenklich angeguckt. »Und wenn sie doch so schlau ist, die Deern«, hat sie gesagt. »Das war ihr Vater ja auch, da hat sie das von. Den wollte der Lehrer auch immer zur Mittelschule schicken.«

Mutti hat ein bisschen böse geguckt, weil das doch so geklungen hat, als ob die ganze Schlauheit nur von dem Jungen mit der Strähne kommt, der nie etwas anderes tut als vom Küchenschrank runterlächeln, und kein bisschen Schlauheit kommt von Mutti. Aber gesagt hat sie nichts. Vielleicht hat sie gedacht, die Hauptsache ist erst mal, dass Moni die Prüfung macht. Von wem sie ihre Schlauheit hat, das kann man ja hinterher immer noch besprechen.

Und darum sind Moni und Mutti gestern also den ganzen Weg zu der Schule gegangen, in der die Prüfung sein soll, und das war ziemlich weit. »Aber das ist ja auch nur für diese eine Woche«, hat Mutti gesagt. »Wenn du die Prüfung schaffst, kommst du ja auf eine andere Oberschule«, und Moni hat gemerkt, wie etwas in ihr gezittert hat bei dem Wort. Sie will dahin, sie will das jetzt. Sie will die Prüfung bestehen, und dass der Weg ziemlich weit ist, ist ihr ganz egal. Ich geh auf die Oberschule. In unserer Familie war da noch keiner. Haben wir auch nicht gebraucht. Ich heiße Monika Schleier und ich gehe auf die Oberschule, Oberschule.

Sie geht den Wiesendamm hoch, bis sie zur U-Bahn kommt. Da steigt Gisela jetzt ein und fährt eine Station, Ruth auch. Bestimmt bringt Ruths Mutter sie hin, die betüdelt ihr Kind ja vorne und hinten, dass es nicht mehr schön ist. Rosi muss auch zu Fuß gehen, genau wie Moni, aber die findet Moni ziemlich blöd. Mit Rosi hat sie sich extra nicht verabredet. Man muss ja nicht mit einer zusammen gehen, nur weil ihre Mutter auch sagt, dass man das Fahrgeld sparen kann.

Hinter dem Kanal könnte Moni ein Stück durch den Park gehen, aber Mutti hat gesagt, dass sie das bitte lassen soll. Man weiß nicht, was da alles passieren kann. Es ist so dunkel morgens, und wer weiß, wer da hinter den Büschen lauert.

»Für Mitschnacker bin ich zu alt!«, hat Moni gesagt, aber Mutti hat böse den Kopf geschüttelt und behauptet, dass man für Mitschnacker nie zu alt ist.

»Du gehst an der Straße!«, hat Mutti gesagt, und das tut Moni also jetzt auch.

»Ich heiße Monika Schleier und gehe auf die Oberschule«, flüstert Moni. Das klingt so richtig. Viel richtiger, als wenn sie denkt, dass sie Moni heißt und auf die Volksschule geht. Aber Hochmut kommt vor dem Fall, denkt Moni. Ich darf das nicht immer denken. Harald kommt auch nicht auf die Oberschule, auf die Mittelschule kommt der auch nicht. Harald kommt auf die Volksschule, und der ist auch ziemlich schlau. Mindestens so schlau wie ich. Aber sein Vater hat gesagt, was soll der Junge seine Zeit vergeuden. Der lernt mal ein Handwerk, da hat er immer sein Auskommen.

Moni überlegt, ob das stimmt. Haralds Vater hat auch ein Handwerk gelernt, aber so ein richtig gutes Auskommen hat er jetzt nicht. Sogar in den Nissenhütten auf der anderen Straßenseite wohnen sie immer noch, Harald und seine Eltern und seine kleine Schwester Ina. Dabei hatte Haralds Vater einen eigenen Betrieb, im Osten, vor der Flucht. Ein eigenes Haus und eine eigene Schreinerei in Stolp, das heißt jetzt anders und ist nicht mehr Deutschland und der Osten.

»Im Osten hatten sie alle einen eigenen Betrieb!«, hat Oma gesagt, als Moni ihr davon erzählt hat. »Was sag ich, ein Rittergut hatten sie da alle! Meine Güte, was muss das da voll sein mit Rittergütern! Kannst du gar nicht mehr treten, trittst du überall auf ein Rittergut!«

»Hatten sie ja gar nicht!«, hat Moni gerufen. »Eine eigene Schreinerei hatten sie, hat Harald gesagt.«

»Wer’s glaubt, wird selig«, hat Oma gesagt. »Wer backt, wird mehlig. Das weiß eine alte Frau ja wohl, wann einer ein Märchen erzählt.«

Aber Moni glaubt nicht, dass Harald lügt. Sonst hat er sie ja auch noch nie beschummelt.

 

Die Schule sieht aus, wie alle Schulen aussehen, groß und dunkel und ein bisschen bedrohlich. Man muss draußen eine Treppe hochsteigen, bevor man zur Eingangstür kommt, das ist bei allen Schulen so, und die Eingangstür ist so schwer, dass Moni sie gar nicht richtig aufdrücken kann.

Aber das ist hier ja auch eine Schule für die Großen, denkt Moni. Die stärker sind als ich. Die sind ja schon alle älter, manche sind sogar schon fast zwanzig. Dass man da noch in die Schule gehen kann.

Auf einer Tafel im Eingang steht, wohin man gehen muss, wenn man die Aufnahmeprüfung machen will. Vielleicht wäre es jetzt doch nicht so schlecht, wenn Mutti Moni auch ein bisschen betüdeln würde wie Ruths Mutter ihre Ruth. Wenn Mutti mitgekommen wäre und Moni jetzt an die Hand nehmen könnte und mit ihr zu dem Klassenraum gehen, in dem schon bestimmt vierzig Mädchen in ihren Sonntagssachen sitzen und gespannt aussehen und kichern. Ich heiße Monika Schleier und gehöre hierher. Ich heiße Monika, und ich habe keine Angst.

»Moni!«, ruft Gila von ganz hinten. »Huhu! Hier sind wir!«

Moni spürt, wie sie rot wird. Dass Gila sich das traut! Dass sie einfach so ruft, dass alle sie hören können, wo sie doch auch niemanden kennt, genau wie Moni!

Moni guckt nach unten und geht ganz schnell zwischen den Reihen hindurch. »Aber hier ist kein Platz mehr«, sagt Gila bedauernd. »Siehst du ja. Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr.«

Moni nickt. Sie sieht, dass die hintere Reihe besetzt ist und die Reihen davor. Warum hat sie das nicht gleich gemerkt. Jetzt muss sie ganz alleine wieder durch den Gang nach vorne gehen bis zur ersten Reihe, in der sind noch zwei Stühle frei. Und alle gucken sie an.

Ich bin genauso schlau wie die anderen, denkt Moni. Und wenn das hier nicht klappt, geh ich auf die Mittelschule. Das ist auch was Feines.

»Puuuh!«, sagt eine Stimme neben ihr. Dann lässt sich ein Mädchen auf den allerletzten Platz plumpsen. »Das wäre jetzt was gewesen, was? Zu spät gleich am ersten Tag!«

Moni dreht sich zur Seite. Das Mädchen hat einen blonden Pferdeschwanz, das hätte Moni auch gerne. Aber Oma sagt, mit Affenschaukeln sieht man immer gut aus. Ein Pferdeschwanz, das ist so was Amerikanisches.

»Ich heiß Heike«, sagt das Mädchen und legt seine Federtasche auf den Tisch. »Na bitte sehr. Jetzt können sie anfangen.«

»Ich heiß Monika«, sagt Moni.

»Hast du auch Schiss?«, fragt Heike und sieht kein bisschen aus, als ob sie Schiss hat. »Ich konnte gar nicht einschlafen gestern. Meine Mutter hat mir Zuckerwasser gemacht.«

Moni nickt. »Doch«, sagt sie.

Aber schlafen konnte sie gut in der letzten Nacht. Schlafen kann Moni eigentlich immer.

»Solltest du?«, fragt Heike. »Ich sollte eigentlich gar nicht her, weißt du! Meine Lehrerin hat gesagt  …«

Vom Flur hört man Schritte. Hackenschuhe, denkt Moni. Hackenschuhe im Winter. Das ist so in so einer Schule. Alle etepetete und alle vornehm.

»Aber bei uns in der Familie waren sie alle immer auf dem Gymnasium«, flüstert Heike. Die Frau mit den Hackenschuhen hat ein graues Kostüm an und trägt einen Knoten. Sie sieht aus, wie eine Lehrerin aussehen muss, die nur mit schlauen Schülern zu tun hat. Moni spürt, wie ihr Herz schlägt.

»Ich soll mich am Riemen reißen, sagt mein Vater«, flüstert Heike, aber dann springt sie auch auf wie alle anderen und schiebt ihren Stuhl mit den Kniekehlen zurück.

»Guten Morgen, Mädchen!«, sagt die Lehrerin, und »Guten Morgen, Frau  …«, rufen die Mädchen. Dann sind sie still, mitten im Satz.

Die Lehrerin lacht, und auf einmal sehen ihr Knoten und ihre Brille und ihr Kostüm überhaupt nicht mehr so streng aus.

»Na, das klappt doch schon ganz wunderbar!«, sagt sie. »Obwohl ihr noch nicht mal wisst, wie ich heiße. Setzen.«

Es ist gar nicht so anders, denkt Moni. Es ist auch nur eine Schule und eine Klasse und eine Lehrerin.

»Ich erzähle euch jetzt mal, was wir in dieser Woche hier zusammen tun werden«, sagt die Lehrerin. Ihren Namen hat sie an die Tafel geschrieben, Frau Dr. Einfeld. Da hat Monis Herz gleich wieder geklopft. Was Oma wohl sagt, wenn sie hört, dass Monis Lehrerin bei der Prüfung eine echte Doktersch ist.

 

In der ersten Pause will Moni zu Gisela und Ruth gehen, aber Heike redet die ganze Zeit. Da kann Moni sie doch nicht einfach stehen lassen.

»Dann wäre ich die Enttäuschung seines Lebens!«, sagt Heike gerade ganz vergnügt und holt eine Banane aus dem Ranzen. »Meine großen Brüder gehen alle aufs Gymnasium, nur ich bin so eine dumme Nudel!« Und sie lacht, als ob ihr das überhaupt gar nichts ausmacht.

»Du bist doch gar nicht dumm«, sagt Moni.

»Nein, das finde ich auch!«, sagt Heike. »Nur Rechnen, das finde ich schrecklich. Magst du Rechnen?«

Moni überlegt, ob sie jetzt zugeben kann, dass sie Rechnen schön findet. Wie Rätselraten irgendwie. Oder ob Heike dann denkt, dass sie eine Streberin ist.

»Und Lesen!«, ruft Heike da schon. Vielleicht will sie gar keine Antwort hören. »Lesen, nee, du!« Und sie lässt ihre Schultern sacken und rollt mit den Augen. »›Nesthäkchen‹, kennst du das? Ich soll immer ›Nesthäkchen‹ lesen! All die alten Bücher von Mama«, und sie wirft die leere Bananenschale in den Papierkorb. »Findest du Lesen auch so schrecklich?«

Moni schüttelt den Kopf. Rechnen, das ist etwas anderes. Aber dass man gerne liest, das kann man doch sagen. Weil Lesen spannend ist. Und lustig.

»Dann bring ich dir das mal mit, soll ich?«, fragt Heike. »Aber am Freitag brauch ich das wieder.«

»Ja, das schaff ich«, sagt Moni, und sie spürt plötzlich so ein glückliches Gefühl, und damit hat sie doch gar nicht gerechnet. Jetzt hat sie schon gleich eine neue Freundin und die bringt ihr ein Buch zum Lesen mit, und das muss doch bedeuten, dass sie Moni nett findet.

Es ist eine Prüfung, denkt Moni. Aber es ist auch etwas Schönes. Es ist wie Schule, aber es ist auch ganz anders und aufregend und schön.

Sie überlegt, ob sie Harald davon erzählen kann. Harald kann man das meiste erzählen.

 

Nach der Schule bringt Heike Moni noch ein Stück. Obwohl sie eigentlich in die andere Richtung muss.

»Ist doch egal, wo ich in die Straßenbahn steige«, sagt sie und drückt sich mit Moni im Erdgeschoss in die Nische hinter dem Springbrunnen mit den braunen Kacheln, aus dem kein Wasser kommt. »Ist sie das?«

Moni nickt und zieht Heike dichter zu sich heran. Ganz langsam geht Rosi die Treppe nach unten und sieht sich immerzu um. Dann zieht sie die schwere Eingangstür auf.

»Puuh!«, sagt Heike. »Das hat Spaß gemacht.«

Moni hält sie fest. »Warte noch mal!«, flüstert sie. Wenn sie jetzt losgehen, sieht Rosi sie doch noch. Und dann muss Moni mit ihr zusammen nach Hause gehen, den ganzen Weg. Und Rosi ist wirklich fürchterlich langweilig.

»Glaubst du, ich hab das gut gemacht heute?«, fragt Heike. »Ich glaub, ich hab das alles gekonnt. Ich glaub, ich schaff das.«

Moni nickt. Eigentlich war es gar nicht wie Schule, denkt sie. Eigentlich war es beinah ein bisschen wie Geburtstagsfeiern. Rätsel raten und Gedichte ausdenken und Denksportaufgaben lösen. Überhaupt nicht wie Schule. Wenn die Oberschule nachher genauso ist, will sie da jetzt noch viel lieber hin.

»Jetzt können wir gehen«, sagt Moni.

»Mein Vater ist Chefarzt, auf der Inneren«, sagt Heike und setzt sich ihren Ranzen verkehrt herum auf, vorne vor die Brust, wie es die Jungs immer tun, wenn sie Kämpfen spielen.

»Mein Opa hatte eine Praxis, aber die ist ausgebombt. Wir sind alle Ärzte bei uns. Was macht dein Vater?«

Moni guckt verblüfft. Eigentlich hat sie mit ihren Freundinnen noch nie darüber gesprochen, was die Väter arbeiten. Das weiß man, bei manchen. Da hat man es irgendwann mal gemerkt, irgendwie. Und bei manchen weiß man es nicht. Aber gefragt hat Moni noch keine. Warum muss man das auch wissen.

»Mein Vater ist vermisst«, sagt Moni, und plötzlich merkt sie, wie froh sie ist, dass sie das sagen kann. Vermisst kann man immer erzählen, vermisst, das ist gut und anständig. Ein Vater, der vermisst ist, ist viel besser als eine Mutter in der Schuhcremefabrik.

»Mein Onkel auch!«, ruft Heike. »Ist das nicht komisch? Wir haben ihn für tot erklären lassen, meine Tante hat das getan. Lasst ihr deinen Vater auch für tot erklären?«

Moni schüttelt schnell den Kopf. Für tot erklären lassen, das ist so ein schrecklicher Gedanke. Als ob man den Menschen damit überhaupt erst richtig totmacht. Als ob er vorher lebendig war, irgendwo auf der Welt, und dann lässt man ihn für tot erklären, und dann ist er auch tot.