Monsoon – Wind in der Mähne - Joël Tan - E-Book

Monsoon – Wind in der Mähne E-Book

Joël Tan

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Beschreibung

Pferde, Freundschaft und Freiheit – alles, was das Mädchenherz begehrt!

Ein wunderschönes Pferdeabenteuer für Mädchen ab 10 Jahren. Der erste Band der neuen Reihe von Erfolgsautorin Joël Tan lässt die Herzen aller Pferdefans höher schlagen.

Wind in der Mähne und Freiheit im Herzen

Lisann ist im siebten Himmel. Zwei Wochen Reiterferien mit ihrer besten Freundin Mira! Schon der erste Tag stellt ihr Leben auf den Kopf. Sie begegnet Monsoon – ein wildes Pferd, das auf rätselhafte Weise zum Falbenhof gekommen ist. Sofort spürt sie eine besondere Verbindung zu ihm. Doch ein heimlich belauschtes Gespräch bringt ans Licht: Monsoon umgibt ein Geheimnis und er ist in großer Gefahr. Lisann hat nur einen Gedanken: Sie muss ihr Traumpferd retten!

  • Ein spannendes Pferdebuch von Erfolgsautorin Joël Tan
  • Das Buch ist das perfekte Geschenk für pferdebegeisterte Mädchen ab 10 Jahren
  • Pferde, Freundschaft, Freiheit, erste Liebe!

 

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe

© 2020 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, 80801 München

Alle Rechte vorbehalten

Text: Joël Tan

Covergestaltung: Kathrin Schüler und Grafisches Atelier arsEdition unter Verwendung von Bildmaterial von Alla-Berlezova, Olga Axyutina und Cat_arch_angel / Shutterstock.com

ISBN eBook 978-3-8458-3815-1

ISBN Printausgabe 978-3-8458-3299-9

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Jorin

Zwei Dinge sollen Kinder

von ihren Eltern bekommen:

Wurzeln und Flügel.

Johann Wolfgang von Goethe

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung / Zitat

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Über die Autorin

Kapitel eins

Lisann drückte den Knopf an der Autotür, damit das Fenster sich öffnete. Ein warmer Wind wehte ihr ins Gesicht. Es roch nach Sommer und einem Gemisch aus frisch gemähtem Gras und Blüten. Tief atmete sie ein. Da lag ein weiterer Duft in der Luft. Etwas, das für Lisann sogar noch besser roch als jede Blume: Pferde!

»Sieh mal, Lisi«, sagte ihre Mutter vom Beifahrersitz aus. »Wir sind gleich da.«

Lisann blickte über die schnell vorbeiziehenden Felder hinweg. In der Ferne erkannte sie die vier weißen strohgedeckten Ferienhäuser, die sie im Internet gesehen hatte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. »Welches von denen ist unseres?«

Ihre Mutter holte einen Zettel aus dem Handschuhfach. Sie überflog den Text darauf. »Das vorletzte.«

Da war es wieder, dachte Lisann. Dieses Kribbeln im Bauch, als wären da viele kleine Käfer drin. Seit gestern konnte sie vor Aufregung kaum mehr etwas essen. Voller Vorfreude streckte sie den Arm hinaus und ließ ihn in Wellenbewegungen durch die Luft fahren. Die nächsten zwei Wochen würden ganz sicher die schönsten ihres Lebens werden. Zu ihrem zwölften Geburtstag war nämlich ihr größter Traum in Erfüllung gegangen: Sie durfte die Pferdeführerschein-Prüfung ablegen – gemeinsam mit ihrer besten Freundin Mira. Na gut, es war der zweitgrößte Traum. Auf Platz eins der Wunschliste stand seit Jahren ein eigenes Pferd. Aber davon war sie mindestens so weit weg wie vom Mond. Schließlich glich es schon einem Wunder, dass sie es geschafft hatte, ihre übervorsichtigen Eltern zu der Fahrt zum Falbenhof zu überreden. Für ganze vierzehn Tage. Eine fremde Umgebung. Fremde Pferde. Fremdes Gelände. Keine Kontrolle. Lisi wusste, das alles klang für ihre Mutter wie purer Wahnsinn!

Nur wenig später lenkte Lisanns Vater das vollgepackte Auto auf die Allee mit den uralten Eichen, die zum Falbenhof führte. Schatten und Licht fielen abwechselnd auf Lisanns Gesicht und ließen sie blinzeln. Dann kam der uralte Audi endlich mit einem Quietschen vor ihrem Ferienhaus zum Stehen.

»Da sind wir«, sagte ihr Vater und zog die knarrende Handbremse an.

Sofort löste Lisann ihren Sicherheitsgurt und reckte den Kopf aus dem Fenster. Sie wusste nicht, wohin sie als Erstes gucken sollte. Vor ihren Augen erhob sich ein mächtiges Bauernhaus mit hölzernen Fensterläden. Die rote Backsteinfassade war mit wildem Wein bewachsen. In der Sonne lag eine dicke Katze und wärmte sich das Fell. Hühner saßen auf dem Rand eines steinernen Brunnens, wo eine kleine Wasserfontäne plätscherte. Keines der Tiere ließ sich davon stören, dass gerade zwei weiße Pferde an ihnen vorbeigeführt wurden. Lisi nahm den geliebten Takt der Hufe in sich auf, als wäre er Luft zum Atmen. Er klang für sie wie Musik. Der Falbenhof war noch viel schöner, als sie ihn sich vorgestellt hatte, und ganz anders als der winzige Rapshof, wo sie seit ihrem siebten Geburtstag einmal die Woche Reitunterricht nahm.

Plötzlich fiel ihr Blick auf einen roten Bulli mit unzähligen Aufklebern drauf. Sie kannte ihn genau. Kein Auto der Welt sah so aus, außer …

»Mira ist schon da!«, rief sie etwas zu laut.

Ihre Mutter hielt sich die Ohren zu und verzog das Gesicht hinter der Sonnenbrille. »Kein Grund, so zu schreien, Schatz«, ermahnte sie in jenem Ton einer liebevollen Grundschullehrerin, den sie auch in den Ferien nie ablegen konnte.

»Entschuldigung.« Kaum hatte Lisi das ausgesprochen, sprang sie auch schon aus dem Auto. Voller Vorfreude rannte sie in das Ferienhaus mit der offenen Tür. »Mira?«

Im Wohnzimmer schien die Sonne hell herein. Fast alle Möbel hier waren weiß. Der hölzerne Boden knarrte unter ihren Füßen. Lisann fühlte sich jetzt schon wohl.

»Miiiira!«, rief sie erneut und eilte die Treppe hinauf. Aus einem der Zimmer kam ihre Freundin.

»Lisi! Endlich!« Mira hüpfte vor Freude und die dunklen Locken hüpften mit. »Wieso hat das so lange gedauert? Wir sind schon seit dem frühen Morgen hier.«

Überglücklich fielen sich beide in die Arme.

»Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir direkt gestern nach der Schule losfahren können. Oder noch früher. Wie hast du dir die Zeit vertrieben? Warst du schon bei den Pferden?«

Mira hob ihre Hände und zeigte zehn perfekt lackierte rosa Nägel. »Ich habe mich entschieden, das hier zu tun.«

»Du mal wieder!« Lisann winkte ungläubig ab. »Mich hätte hier nichts im Haus gehalten.«

Statt einer Erwiderung griff Mira nach ihrer Hand und zog Lisi hinter sich her, bis sie in einem gemütlichen Raum mit zwei Dachschrägen standen. »Sieh mal, das ist unser Reich.«

»Wir schlafen zusammen in einem Zimmer?«

»Ja. War die Idee von Alice und Lenny.«

»Sie sind einfach die Besten.« Schon lange wunderte Lisi sich nicht mehr darüber, dass Mira ihre Hippie-Eltern mit Vornamen ansprach. »Wir werden sehr, sehr wenig schlafen.«

»Erst recht weil die Schlafzimmer unserer Eltern im Erdgeschoss sind«, ergänzte Mira grinsend.

»Seal clap!«, rief Lisann freudestrahlend und klatschte wie ein Seehund in die Hände. Mira lachte und tat es ihr gleich. Das war ihr gemeinsames Ritual – immer dann, wenn etwas ganz besonders toll war.

»Welches Bett willst du?«, fragte Mira. »Das rechte oder das linke? Du hast freie Wahl.«

»Hmm.« Lisann sah sich um. Eigentlich waren beide Schlafplätze gleich. Rot karierte Bettwäsche, ein Nachttisch mit einer Lampe darauf. Jede Seite hatte ein Fenster. Doch nur rechts sah man den Hof und eine hügelige Weide. »Ich nehme dieses hier. Dann kann ich vorm Einschlafen die Pferde beobachten.«

Mira lachte. »Habe ich es mir doch gedacht. Als ob es nicht reichen würde, dass wir den ganzen Tag im Stall sein werden. Aber du warst schon immer viel pferdeverrückter als ich. Von mir aus hätten wir auch Urlaub am Strand machen können. Aber Frau Maiwald«, neckte Mira sie freundschaftlich, »will ja unbedingt einen Pferdeführerschein machen.«

»Urlaub am Strand. Klingt furchtbar langweilig«, gab Lisann zurück. »Ich verspreche dir, diese Ferien kommst du so richtig auf den Reiter-Geschmack.«

»Mal sehen«, antwortete Mira wenig überzeugt. »Ich mag Pferde ja. Wenn sie doch nur nicht so schmutzig wären und nicht so stinken würden. Dann hätte ich sie noch lieber.«

Lisann versetzte ihr einen scherzhaften Schubs. »Du spinnst doch. Sie riechen wundervoll.«

»Für dich vielleicht. Ich finde, dass mein Vanille-Lipgloss wundervoll riecht.«

»Den wirst du hier wohl kaum brauchen. Genauso wenig wie deine rosa Nägel.«

»Leider«, seufzte Mira. »Dich kann man mit so was ja nicht beeindrucken. Und coole Jungs, die reiten, gibt es auch nicht.«

»Vergiss die Jungs. Hilf mir lieber, meinen Koffer aus dem Auto zu holen, damit wir schnell zu den Weiden gehen können. Das Treffen der Feriengäste auf der Tribüne ist erst nachmittags und ich will mir schon mal alles ansehen. Vielleicht …«

Mira unterbrach Lisanns Redefluss, indem sie ihre zehn Finger hob. »Sorry, aber meine Nägel brauchen dringend noch eine zweite Schicht Rosa – ansonsten hält die Farbe keinen einzigen Tag.«

»Dein Ernst jetzt?« Lisi zog eine Augenbraue hoch.

»Bitte!«, flehte Mira. »Mach deine erste Stallrunde allein und erzähle mir dann meinetwegen von jedem noch so schönen Pferdpopo, den du gesehen hast. Ich hole danach auch eigenhändig deinen Koffer hoch.« Mira zwinkerte.

»Na schön, du Beautyqueen. Bis später.« Lisann versuchte gar nicht erst, Mira zu überreden, die ihr noch einen Luftkuss zuwarf, bevor sie ihren Nagellack aus der Jeanstasche fingerte. Wenn es um ihr Aussehen ging, konnte nichts und niemand Mira aufhalten. Mindestens einmal die Woche kam es sogar vor, dass sie sich die Nägel im Unterricht lackierte – heimlich unterm Tisch und meist im Chemieraum, wo es sowieso oft seltsam roch.

Lisann lief die Treppe runter. Dabei hörte sie Stimmengewirr. Ihre und Miras Eltern bezogen offenbar gerade ihre Schlafzimmer. Das Quietschen von Schranktüren und Klirren von Kleiderbügeln verriet ihr Tun. Der Flur stand bereits voller Taschen, Körbe und Koffer aus dem Auto. Lisann nutzte den unbeobachteten Moment und lief auf Zehenspitzen hinaus, bevor man sie noch zum Helfen verdonnerte. Keine Sekunde länger wollte sie mehr warten, um endlich den Pferden nahe zu sein!

Geschwind überquerte sie den sonnenbeschienen Hof und kam an einer großen Eiche vorbei, an deren Ästen zwei Holzschaukeln hingen. Um den Stamm schmiegte sich eine runde Baumbank. Dahinter ragten die Reithalle und die Stallungen in den Himmel. Später würde sie jeden Winkel dort erkunden. Zuerst musste sie zu den Pferden auf die Weide, über warmes Sommerfell streicheln und den gräulichen Staub an ihren Händen kleben fühlen, den sie so liebte.

Sie war den Weiden bereits nahe, da stach ihr plötzlich ein fürchterlicher Gestank in die Nase. Lisi hielt sich die Hand vors Gesicht. Ihr Blick glitt zur Seite. Im Schatten einer offenen Scheune stand ein zerbeultes, rostiges Auto mit einem ebenso verkommenen Pferdehänger dahinter. Rotbrauner Rost hatte sich durch den Lack gefressen, sodass die ursprüngliche Farbe kaum mehr zu erkennen war. Das Innere des Anhängers war verschimmelt. Wäre die Klappe nicht offen und mit frischen Pferdeäpfeln bedeckt, hätte Lisi schwören können, er sei unbenutzbar. »Puh, wer transportiert bitte in so einem Fahrzeug ein Pferd?«

Schnell lief Lisi weiter und schlug einen Feldweg ein. Grashüpfer sprangen vor ihren Füßen davon und der Duft der Sommerwiesen stieg ihr in die Nase. Vor ihr erstreckten sich die weitläufigen Koppeln, die sie von ihrem Zimmerfenster aus gesehen hatte. Blumen in allen Farben wuchsen darauf, als hätte hier jemand Konfetti verstreut. Am Horizont stand eine Herde brauner und schwarzer Pferde – ihr Ziel.

Lisanns Herz schlug schneller. Noch immer konnte sie nicht glauben, dass sie nicht wie sonst in den Ferien nach Dänemark oder an die Ostsee gefahren waren. Zwar war es dort auch schön, aber niemals so aufregend wie auf einem Reiterhof! Mit Pferden passierten schließlich ständig unvorhergesehene Dinge.

»Komm schon, Dad.« Eine energische Stimme riss Lisi aus ihren Gedanken. »Du hast gesagt, ab meinem sechzehnten Geburtstag habe ich freie Hand, was meine Arbeit auf dem Hof betrifft. Jetzt gib dir einen Ruck.«

Lisi hatte sich einem kleinen Weidestück genähert, das hinter Büschen und Bäumen verborgen lag. Vor einem Stall mit nur einer einzelnen Pferdebox standen drei Gestalten und diskutierten. Die zweiteilige Tür stand oben offen. Einer der Männer trug eine Schiebermütze. Offenbar war er der Vater des Jungen. Der zweite Mann hatte seine langen strähnigen Haare zu einem dünnen Zopf zusammengebunden.

Instinktiv hatte Lisann das Gefühl, es wäre besser, unbemerkt zu bleiben. Sie versteckte sich hinter einem Busch und lauschte.

Der Vater wandte sich dem Langhaarigen zu. »Woher kommt das Pferd?«, wollte er wissen.

»Von einer alten Dame«, antwortete dieser. »Die hat es geerbt und wusste nichts damit anzufangen. Deshalb hat sie mich als Händler beauftragt, es zu verkaufen.«

Der Angesprochene blickte ihn mit gerunzelter Stirn an. »Wo ist der Equidenpass? Ich möchte einen Blick hineinwerfen.«

»Ich fürchte, es muss ein neuer beantragt werden. Die alte Dame wusste gar nicht, was das ist. Wahrscheinlich ist er verloren gegangen.«

»Das klingt alles höchst seltsam.« Der Mann rieb sich das Kinn. »Warum ist der Wallach so günstig?«

Der langhaarige Händler lachte. »Also, darüber, dass man bei mir zu wenig Geld bezahlen muss, hat sich wirklich noch nie jemand beschwert. Aber gut, Sie sind ja auch ein Mann mit Pferdeverstand. Ich denke, Sie wissen, was es für Händler bedeutet, wenn ein Pferd zu lange nicht verkauft wird. Es kostet Geld. Ich will ihn loswerden. Wollen Sie das Pferd jetzt oder nicht?«

»Dad«, versuchte es der Junge erneut bei seinem Vater. »Bitte unterschreib den Vertrag. Ich will dieses Pferd unbedingt haben. Seit ich ihn bei meinem Tagesritt in die Wälder auf der Weide habe laufen sehen, geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Seine Bewegungen sind unglaublich. Meinem Ruf als Bereiter würde es sicher zugutekommen, wenn ich ihn noch etwas schleife und dann verkaufe.«

Sein Vater rückte sich die Mütze zurecht und sah in die offene Box hinein. Offensichtlich stand dort das Pferd, um das es ging.

Lisann versuchte, etwas zu erkennen, doch das Innere des Stalls lag im Schatten und die Sonne blendete sie.

»Ich kann echt nicht glauben, dass dies das Wundertier ist, von dem du so geschwärmt hast. Auf mich wirkt es wie ein müder alter Klepper.« Er wandte sich wieder an den Händler. »Was kann der Wallach denn? Wie weit wurde er geritten?«

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen«, gab der Händler zurück. »Bedauerlicherweise hatte ich kürzlich einen Bandscheibenvorfall und darf seither nicht mehr reiten. Aber man versicherte mir, er sei ein exzellentes Freizeitpferd.«

»Sagte das etwa die alte Dame …?«, fragte er sarkastisch.

»Ich bitte Sie. Man braucht sich das prachtvolle Tier doch nur mal anzusehen. Sein Exterieur verrät doch schon …«

Der Vater unterbrach den Händler kopfschüttelnd. »Wie gesagt, ich sehe vor allem, dass er die Nase hängen lässt. Nicht sehr beeindruckend.«

»Na ja, ich habe ihm für die Hängerfahrt selbstverständlich eine leichte Betäubung gegeben, damit er nicht allzu großem Stress ausgesetzt ist. Wissen Sie, der Schutz meiner Tiere liegt mir besonders am Herzen.« Der Mann mit dem Zopf legte eine Hand auf die linke Brust. Mit der anderen Hand streckte er seinem Gegenüber zeitgleich ein Blatt Papier entgegen.

Was für ein unangenehmer Typ, dachte Lisann.

»Nun gut, ich werde den Vertrag unterzeichnen«, sagte der Mann mit der Schiebermütze zögerlich.

»Danke, Dad!« Der Jüngste lächelte.

»Sie werden es nicht bereuen«, schob der Händler hinterher.

Der Vater hob die Hand. »Moment! Ich unterschreibe nur unter einer Bedingung.«

Das Lächeln des Pferdehändlers erstarb. »So? Und die wäre?«

»In zwei Wochen findet auf dem Nachbarhof Caspari eine Auktion statt. Wir treffen uns dort. Wenn wir mit dem Pferd nicht zufrieden sind, nehmen Sie es zurück. Für mindestens dasselbe Geld – je nachdem, wie die Auktion verläuft!«

Der Verkäufer verzog unzufrieden das Gesicht. Dennoch nickte er. »In Ordnung.«

Der Vater zückte einen Stift, unterschrieb das Papier und gab dem Langhaarigen einige Scheine. Dann gaben sich die Männer die Hand und der Händler stapfte von dannen.

Lisanns Herz klopfte wild, ohne dass sie wusste, warum. Ein Pferdekauf war schließlich nichts Verbotenes. Dennoch schlich sie dem Händler heimlich bis zum Hof hinterher. Sie versteckte sich hinter einem Baumstamm und beobachtete, wie er zu dem schäbigen Anhänger ging und die hintere Klappe schloss. Sein Handy klingelte.

»Ja?«, fragte er unwirsch. »Nein, alles hat geklappt. Ich bin den Gaul endlich los. Leider nicht bedingungslos. Der Typ war misstrauisch, er hat gesagt, dass ich das Vieh in zwei Wochen zurückkaufen muss, wenn sie nicht mit ihm klarkommen. Aber dann werde ich den Klepper gleich zum Schlachter bringen.« Er machte eine Pause und hörte zu. Dabei griff er ins Handschuhfach, holte etwas heraus, das knisterte wie eine Plastiktüte, und warf es mit einer schnellen Bewegung ins Unterholz.

Lisann versuchte vergeblich zu erkennen, was das gewesen war und wohin er es geworfen hatte.

»Nein, habe ich eben weggeworfen. Sein kleines Geheimnis bleibt für immer gewahrt. Ich muss los.« Der Mann legte auf und brauste mit seinem Auto davon, wobei er eine schwarze Rauchwolke hinter sich herzog.

Kaum war er davongefahren, hörte Lisann erneut Stimmen. Sie kauerte sich dicht hinter einen Baumstamm. Vater und Sohn kamen den Weg entlang.

»Bring dem Pferd Wasser und Heu, sobald die Sedierung nachgelassen hat. Und dann kümmerst du dich um die wirklich vielversprechenden Jungpferde wie Ravenna. Verstanden?«

Der Junge rückte sein Cap zurecht. »Klar, wird gemacht«, sagte er strahlend. »Und jetzt guck nicht so grimmig, Dad. Du musst schließlich gleich die neuen Reitschülerinnen begrüßen.«

»Was du nicht sagst, Elias. Ausgerechnet in dieser Woche musst du hier ein neues Pferd anschleppen. Das passt mir alles gar nicht. Du sollst mir schließlich auf dem Hof helfen und mir nicht die Arbeit erschweren. Wenn dieser Wallach ein faules Ei ist, höre ich nie wieder auf dich.«

»Und wenn er genauso toll ist, wie ich es denke, dann darf ich ihn behalten«, ergänzte der Junge frech und grinste.

Der Vater wollte ihm einen offensichtlich nicht ernst gemeinten Klaps auf den Hinterkopf geben, doch sein Sohn wich ihm lachend aus. »Du bist zu langsam, alter Mann.«

»Hau schon ab«, rief der Vater ihm lächelnd hinterher und verschwand im Haupthaus.

Lisann wartete kurz ab, ehe sie sich aus ihrem Versteck herauswagte. Sie durchsuchte das Unterholz neben der alten Scheune nach dem rätselhaften Gegenstand, den der Händler weggeworfen hatte. Doch er war nirgends zu finden. Nach einer Weile fragte sie sich, ob ihre Augen ihr nicht vielleicht einen Streich gespielt hatten.

Sie entschied, zurück zum Ferienhaus zu laufen. Dabei steigerte sich das aufgeregte Kribbeln in ihrem Bauch. Ein neues Pferd mit einem Geheimnis! Diese Ferien versprachen wirklich interessant zu werden. Sie war so was von bereit für ein Abenteuer.

Aber jetzt würde sie erst einmal Mira erzählen, was diese wegen ihrer doofen Fingernägel verpasst hatte.

Kapitel zwei

»Das ist ja eine unglaubliche Geschichte«, staunte Mira.

Sie und Lisi saßen mit baumelnden Beinen auf der Holzbank vor dem Ferienhaus und warteten, dass die Zeit bis zum ersten Treffen der Reitschüler endlich verging. Das Summen der Bienen in einem Strauch mit lila Blüten erfüllte die Luft, die mit jeder Minute wärmer zu werden schien. Das Wassereis in ihren Händen schmolz schnell. Zum Glück spendete eine der großen Eichen auf dem Hof ihnen Schatten.

»Da lasse ich dich ein einziges Mal alleine, und ausgerechnet dann erlebst du gleich so etwas Spannendes.«

»Tja«, ließ Lisann stichelnd verlauten. »Dann hoffe ich, du weichst ab jetzt nicht mehr von meiner Seite.«

»Auf keinen Fall«, versicherte Mira und lutschte geräuschvoll ihren Holzstiel ab. »Noch mal lasse ich mir so was nicht entgehen.«

»Na ja, spätestens morgen kriegen wir das neue Pferd sicher zu Gesicht.«

Mira zog die Augenbrauen zusammen. »Du weißt schon, dass ich von dem Jungen rede, oder?«

Lisann blickte Mira entsetzt an. Eine Sekunde später prusteten beide laut los. Es waren diese Momente mit Mira, die Lisi besonders liebte. Wenn ihnen vor Lachen die Bäuche schmerzten.

Die Zeit verging nur langsam. Mira lehnte mit dem Rücken an der Wand des Ferienhauses und fächerte sich mit der Hand Luft zu. »Ich hole mir noch ein Eis aus der Kühltruhe. Es ist einfach so warm. Willst du auch?«

»Klar. Aber diesmal ein grünes.«

In diesem Moment raste ein schwarzer Mercedes über die Allee heran. Er wirbelte den sommertrockenen Boden zu einer Staubwolke auf und zog sie hinter sich her. Auf der Auffahrt hielt die Limousine so abrupt, dass der Kies nur so flog und knirschte.

Mira und Lisi mussten von dem Staub husten.

Ein Mann in Anzug stieg aus, danach ein Mädchen in ihrem Alter. Sie trug eine rosa-weiß karierte Reithose und auffällig glänzende Stiefel. In ihren Händen hielt sie eine rosa Kappe und eine rosa Gerte.

Der Mann wuchtete drei Taschen aus dem Kofferraum. Zwei davon waren offenbar sehr schwer. »Victoria, kannst du die leichte Tasche tragen?«

»Wie soll ich das denn machen, Papa?«, fragte sie patzig. »Ich habe meine Kappe und meine Gerte in der Hand.« Sie rollte die Augen.

»Ich merke schon, deine Laune ist noch immer nicht besser.«

»Wie auch? Schlimm genug, dass du mich auf so einem Wald- und Wiesenreithof angemeldet hast«, spie sie aus und sah sich missmutig um. »Und jetzt soll ich auch noch den Packesel spielen.«

Ihr Vater rang die Hände. »Ich sagte doch schon, im Turnierstall Vierbirken war kein Platz mehr frei.«

»Weil du vor lauter Arbeit zu spät angerufen hast. Wie immer!« Sie drehte sich und marschierte mit vorgerecktem Kinn zum Haupthaus.

Der Mann schüttelte wortlos den Kopf und trug die Taschen alle selbst.

Mira stieß Lisann an. »Was war das denn für eine Zicke?«

»Ich befürchte, die macht auch Reiterferien hier.«

»Puh. So ein Herzchen. Mit Lady Pink werden wir bestimmt noch Spaß haben.«

»Pink?« Lisann sah Mira verständnislos an.

»Rosa auf Englisch?«, erklärte Mira mit einem Grinsen.

Lisann hätte es wissen müssen. Mira vergab oft und gerne Spitznamen, am liebsten auf Englisch.

»Mädels? Wo seid ihr?«

Es war Miras Mutter Alice, die jetzt aus der Haustür lugte. Lisann sah zuerst den Turm aus blonden Rastazöpfen, dann ihr sommerbraunes Gesicht, den goldenen Nasenring und das lässige Batikkleid. Wie immer folgte ihr der unverwechselbare Duft von Räucherstäbchen, die sie ständig und überall entzündete.

»Ah, hier versteckt ihr euch. Seid ihr so weit? Anja und ich bringen euch zum Treffpunkt.«

Hinter Alice trat Lisis Mutter nach draußen – in beiger Stoffhose und weißer Bluse. Sie hielt ihre Brille ein Stück von ihren Augen weg und studierte aufmerksam eine E-Mail auf ihrem Handy. »Kommen Sie am ersten Tag um vierzehn Uhr zum Treffpunkt auf der Tribüne …«, las sie vor.

Wieder einmal wurde Lisi bewusst, dass von außen wirklich nichts darauf hindeutete, dass die beiden die besten Freundinnen waren. Dabei verhielt es sich genau wie bei ihr und Mira. Auch sie waren ein Herz und eine Seele – und genauso unterschiedlich.

Die vier überquerten den Hof und betraten die Tribüne der Reithalle. Angenehm kühle Luft schlug ihnen hier entgegen – ebenso wie das fröhliche Geplapper von fünf Mädchen, die auf einer langen Bank saßen und in die Reithalle blickten.