Monster 2.0 - Sabine Brandl - E-Book
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Monster 2.0 E-Book

Sabine Brandl

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Beschreibung

Seit jeher faszinieren uns Monster – als Spiegel unserer Ängste und Sehnsüchte. In diesem Buch begegnen sich ikonische Kreaturen wie Frankensteins Ungeheuer, Graf Dracula oder der Wolfsmensch, deren Schatten aus alten Mythen in unsere Gegenwart reichen. Dreißig Autor:innen verwandeln klassische Monster in überraschende, moderne Figuren: Was geschieht, wenn ein Golem zum Internetstar wird oder Dracula im Handyladen steht? Wie fühlt es sich an, im Schlaf zu sterben und als Zombie wieder zum Leben zu erwachen? Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann – und welches ist das schrecklichste Monster von allen? Mit Witz, Tiefe und erzählerischer Kraft erkunden diese Geschichten das Unheimliche neu – mal schaurig, mal absurd, aber immer originell. Willkommen in der Welt der Monster 2.0!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Table of Contents

Impressum

Vorwort

Das Monster, das wir fürchten (werden) (Franziska Ammer)

Mystica 3110 (Christine Fritz)

Das zweite Leben (Marco Lombardi)

Kaltgewaltzter Stahl (David M. Henne)

Therapiesitzung (Monika Grasl)

Gegen das Vergessen (Katharina Stenzel)

Die Dinge werden sich ändern, mein Schatz (Sabine Brandl)

Briefe eines Unsichtbaren (Anne Fuchs)

Die Stimme der Unterwelt (Volker Liebelt)

Das Ding der Stadt (Fabian Henry)

Frankensteins Monster und der Zug der lebenden Toten (Marius Kuhle)

Schlaf! (Anne-Kathrin Meyer)

Nofretete (Alexander Klymchuk)

Carmilla kommt auf leisen Sohlen (Ema Kessell)

Spiel mit dem Tod (Annika Schafhauser)

Garzifer (Monika Schillinger)

Zwillingsseelen (Isabell Pscheider)

Bis sie kommt (Michael Leuchtenberger)

Die Bildhauerin (Johannes Moser)

Ein unerwarteter Gast (Luana Marou Faes)

Besuch des Golems (Edie Calie)

La Faim Éternelle (Katrin Holzapfel)

Das Herzstück (Viktor Hoffmann)

Die Frau aus dem Moor (Nicola Hölderle)

Die Weiße Frau sieht rot (Johanna Brenne)

Berliner Blut (Tom Schwericke)

Letzte Grüße aus der Schwarzen Lagune (Roman Maze)

Der Ruf von Innsmouth (Selina Meier)

Der tote Vater (Lilian Dexter)

Hoffnung (Jakob Klein)

Die Autor:innen und das Herausgeber-Team

Werbung: Werke von Sabine Brandl (Auswahl)

Werbung: Werke von Alexander Klymchuk (Auswahl)

Der Verlag und sein Programm

An die Leser*innen

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter

http://dnb.ddb.de abrufbar.

MONSTER 2.0

1. Auflage, Oktober 2025

Copyright 2025: muc Verlag GbR, München

Alle Rechte an den Texten verbleiben

bei den Autor:innen.

Das Werk in allen seinen Teilen ist urheberrechtlich

geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen

Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Autor:innen unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmung, Einspeicherung und

Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Satz: Gisela Weinhändler

Covermotiv und Umschlag: Detlef Klewer

www.kritzelkunst.de

Lektorat: muc Verlag

Sabine Brandl, Alexander Klymchuk,

Gisela Weinhändler

muc Verlag GbR, München

www.muc-verlag.de

ISBN 978-3-9820886-6-2 (Print)

Impressum:

muc Verlag c/o Gisela Weinhändler, Gerhart-Hauptmann-Ring 11, 81737 München

VORWORT

Die Faszination für das Unheimliche begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. Schon in frühen Kulturen erzählten sich Menschen Geschichten von Geistern, Monstern und unerklärlichen Phänomenen – als Sagen, Legenden oder religiöse Überlieferungen. In der Antike begegnen uns diese Motive bei Euripides, Vergil oder Plutarch; im Mittelalter durchdringen sie Märchen und Mythen, und selbst Shakespeare ließ in seinen Dramen wie »Macbeth« oder »Hamlet« das Übernatürliche auf die Bühne treten.

Als eigenständiges literarisches Genre formte sich die Horrorliteratur im 18. Jahrhundert, als die Gothic Novel mit Spukschlössern, Labyrinthen und Geistern die Leser:innen in ihren Bann zog. Werke wie Horace Walpoles »The Castle of Otranto«, »Vathek« von William Beckford und Matthew Gregory Lewis´ »The Monk« legten den Grundstein für eine Tradition, die bis heute fortwirkt.

Einen besonderen Wendepunkt markierte das Jahr 1816 – das »Jahr ohne Sommer«. Nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora verdunkelten Aschewolken den Himmel Europas, Ernten fielen aus, Angst und Unsicherheit verbreiteten sich. In dieser düsteren Atmosphäre trafen sich Mary Godwin (später Shelley), Percy Shelley, Lord Byron und John Polidori am Genfersee zu einem literarischen Wettstreit. Aus dieser Begegnung entstanden mit »Frankenstein« und »The Vampyre« zwei der ikonischsten Monsterfiguren der Weltliteratur – Archetypen, die bis heute das Bild des Grauens prägen und immer wieder neu interpretiert werden.

In dieser Anthologie greifen wir den Geist jener Zeit auf: Über 200 Autor:innen folgten unserem Aufruf, klassische Monster mit neuen Perspektiven, Sehnsüchten und Absurditäten zu konfrontieren und/oder in ganz ungewohnten Konstellationen aufeinandertreffen zu lassen. Die Auswahl fiel uns nicht leicht – doch am Ende stehen 30 Geschichten, die das Genre mit Respekt, Originalität und erzählerischer Kraft bereichern.

Was geschieht, wenn Frankensteins Monster im Zug auf Vampire und Werwölfe trifft? Wenn Dracula sich im Handyladen zu den neuesten Modellen beraten lässt? Wenn eine Gorgone im Urlaub auf Beutezug geht oder ein Golem ungewollt zum Internetstar wird? Wie sähe es aus, wenn eine Therapiesitzung mit Dr. Jekyll und dem Unsichtbaren ausartet und das Ding in Menschengestalt durch eine moderne Großstadt spaziert, mit seinem uralten Drang, zu morden und zu zerstören? Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Stimmen dieser Anthologie.

Unsere Monster sind keine Karikaturen, sondern Figuren voller Tragik, Drama und Sehnsucht. Sie kämpfen mit ihrer Herkunft, stolpern durch die Moderne, überraschen mit Humor und Tiefe – und begegnen uns auf Augenhöhe. Die Geschichten nehmen ihre literarischen Vorbilder ernst, würdigen ihre Vielschichtigkeit und laden dazu ein, das Unheimliche neu zu entdecken.

Tauchen Sie ein in diese moderne Monsterwelt. Lassen Sie sich gruseln und begeistern. Wir wünschen Ihnen spannende Lesemomente, wohlige Schauer und unheimlich schöne Überraschungen!

Die Herausgeber:innen

Sabine Brandl & Alexander Klymchuk

Die Verlegerin

Gisela Weinhändler

Franziska Ammer

Das Monster, das wir fürchten (werden)

Du sitzt in einer der vorderen Reihen, relativ mittig, und fühlst dich in deiner Haut unwohl. Ein Blick nach rechts zeigt viele Geister im Publikum, deren Gestalt unscharf ist. Sie schweben oberhalb ihrer Stühle, und wenn sie dir das Gesicht zudrehen, läuft es dir eiskalt den Rücken herunter. Denn statt Augen haben sie tief liegende Höhlen in ihrem verzerrten Antlitz. Alles liegt etwas im Dunkeln, doch sie sind dir allemal lieber als die Werwölfe auf deiner linken Seite. Aus dem Maul stinken sie nach verwesendem Fleisch, und Speichel tropft von den langen, messerscharfen Zähnen herab, die kaum hinter den Lefzen verschwinden. Ihre unnatürlich langen Arme und Beine, die einen halb aufrechten Gang ermöglichen, wirken grotesk, aber ein Lachen kommt dir nicht über die Lippen. Gott bewahre!

Auch das restliche Publikum besteht aus Monstern, die Albträume bevölkern und Kinder und Erwachsene gleichermaßen in Angst und Schrecken versetzen – dich eingeschlossen.

Halb zerfallene Mumien, aus deren Mündern Käfer krabbeln. Zombies mit leerem Blick und herausfallendem Gedärm. Entartete Mutanten mit verstümmelten Gliedmaßen, Dämonen, die nach Schwefel stinken, und Sirenen, deren grauenhaftes Äußeres einen krassen Kontrast zu ihren wunderschönen Stimmen bildet. Und das sind nur die Monster, welche du sehen und erkennen kannst.

Der Schweiß steht dir auf der Stirn, deine Hände klammern sich an die Stuhllehnen und du bist einigermaßen erleichtert, als ein Gong ertönt, das Licht gedimmt wird und der Moderator die Bühne betritt.

Er begrüßt das monströse Publikum und beginnt anschließend mit gesenkter Stimme, das Ziel des Wettbewerbs zu erläutern: »Wir alle kennen die Größen unserer Zeit, die Garanten guten Horrors und die Lieblinge aller Albträume: Graf Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Frankensteins Monster und natürlich das Phantom der Oper. Generationen fürchten sich vor diesen Horrorgestalten und ihrer unheimlichen Macht. Jedoch wissen wir auch, dass sich das Grauen wandelt, ja, transformiert.« Mit einer ausholenden Geste umschreibt er den gesamten Saal, und du sinkst noch tiefer in deinen Stuhl, während einige Werwölfe knurren und ein Geist tatsächlich zu flackern beginnt.

»Es sind Digitalisierung, Globalisierung und das Licht der Aufklärung, die unsere Schatten zurückdrängen. Umso wichtiger ist es, auch diesen und allen kommenden Generationen das Fürchten zu lehren!« Applaus brandet auf und ein schmieriges Lächeln entblößt die Fangzähne des Moderators. Ein Vampir natürlich – das hättest du dir denken können.

»Und um dies sicherzustellen, suchen wir heute die Monster 2.0. Das Grauen der nächsten Generation!« Dieses Mal ist der Applaus noch lauter, nahezu ohrenbetäubend. Die Werwölfe stimmen ein unheimliches Geheul an und du hoffst, dass sie weiterhin von dir keine Notiz nehmen. Du betest, dass deine Gegenwart weder von den blutdurstigen Vampiren noch von den Golems, welche zum Teil aus Müll statt Lehm bestehen, wahrgenommen wird. Wie du hier landen konntest, bleibt ein unheimliches, lebensbedrohliches Rätsel.

Der Vampir genießt die Zustimmung, bringt das Publikum dann jedoch mit einer kleinen Geste zum Schweigen. »Um sicherzustellen, dass wir ein würdiges Monster für diese glorreiche Aufgabe auswählen, haben wir eine Jury zusammengestellt, der alle Teilnehmenden gegenübertreten müssen.« Du hörst einige Zustimmungsrufe, während der blutrünstige Moderator zur Seite tritt und die Jury vorstellt. Das Publikum applaudiert. Die Jury begibt sich an ihren der Bühne zugewandten Tisch vor den Publikumsrängen.

Als Erstes betritt eine verhüllte Gestalt die Bühne. »Unsere erste Jurorin arbeitete für die großen Horror-Verlage unserer Zeit! Von Tor Books über Titan Books bis zu Dark Regions Press. Aktuell tätig für niemand Geringeren als den muc Verlag. Zu ihrem eigenen Schutz bleibt sie anonym. Begrüßt sie unter ihrem Pseudonym: Mrs. Book!« Etwas verhaltener Applaus. Du kennst diese Verlage vom Hörensagen. Du weißt, dass sie unter anderem Gothic-Horror, Fantasy, Dark Fantasy und klassischen Horror verlegen. In der Szene sind sie bekannt.

Den zweiten Juror stellt der Vampir als Mr. Movie vor – du hältst die Pseudonyme für sehr klischeehaft, kannst den Wunsch nach Anonymität aber sehr gut nachvollziehen. Der ebenfalls verhüllte Mr. Movie ist ein großer Filmagent aus Hollywood und hat sich ebenfalls der Szene verschrieben. Er hat zahllose Horrorfilme mitproduziert und kennt sich mit Grusel aus. Schließlich wird der letzte Juror begrüßt und hier hält es kein Monster mehr auf seinem Platz, denn Dr. Frankenstein persönlich gibt sich die Ehre und besetzt den letzten Stuhl vor der Bühne.

Als der Applaus endlich abebbt, ergreift der Moderator wieder das Wort. »Denkt bitte alle daran, dass das Urteil der Jury ebenso gewichtig ist wie euer Votum! Unser Applausbarometer wird euren Jubel in Punkte umrechnen, sodass der Gewinner unbestreitbar ist!« Nun wird eine Apparatur heruntergelassen, welche bisher zwischen den Scheinwerfern hing. Der Moderator beginnt, einige Details zu erklären, während sich die Juroren einrichten und die Teilnehmer des Wettbewerbs an den Bühnenrand treten. Du kannst nur einige Schemen erkennen, da sie sich im Schatten halten, aber du hast genug Castingshows gesehen, um zu wissen, was als Nächstes kommt.

»… Punkte vergibt die Jury im Laufe des Wettbewerbs für Charakterdesign, Gruselfaktor, Originalität und Kultpotenzial. Wenn ihr applaudiert, stellt euch also auch immer die Frage: Wie ikonisch ist das Monster? Und hat es einen einzigartigen Stil, um Generationen von Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen?« Du nickst, denn auch dieses Vorgehen ist dir nicht neu.

Doch nun ist endlich der Moment gekommen, denn die Beleuchtung verändert sich, der Moderator bezieht einen weniger prominenten Platz am Bühnenrand und beginnt dann, die verschiedenen Teilnehmer vorzustellen.

Zuerst schwebt ein Rachegeist auf die Bühne, welcher sich laut Beschreibung unsichtbar machen und die Kontrolle über Träume übernehmen kann. Du nimmst ihn nur als schwarzen Schimmer wahr, aber bei dem Gedanken wird dir ganz flau im Magen. Als Nächstes wird ein Werwolfkrieger vorgestellt, welcher ausschließlich mit Silber verletzt werden kann. Die anderen Werwölfe im Publikum beginnen zu jaulen, doch du hörst auch Stimmen, die von »langweilig« und gar »ausgelutscht« sprechen. Du kannst nur hoffen, dass die anderen Wölfe dies überhören, denn eine Auseinandersetzung zwischen den Horrorgestalten um dich herum erscheint alles andere als verlockend.

Es folgt ein Cybermonster, welches den Blick auf Dr. Frankenstein geheftet hält und angeblich Technik kontrollieren kann. Angst, Herzklopfen und Schweiß begleiten dich durch die Vorstellungsrunde. Dann beobachtest du einen Vampir-Lord, welcher sich noch vor Ort in eine Fledermaus verwandelt. Schließlich erscheint eine Sumpfbestie, deren durchdringender Gestank alles andere verdrängt und welche eine schleimige Spur auf der Bühne hinterlässt. Der Moderator sieht angeekelt aus, aber er erklärt dennoch, dass es der Bestie perfekt gelingt, sich in einem giftigen Nebel zu tarnen. Jubelrufe von einigen Meeresungeheuern hinter dir lassen dich zusammenschrecken.

Du wunderst dich, als Helfer einen riesigen Spiegel hereinschieben, welcher aus Gold gefertigt zu sein scheint. »Das Spiegelmonster«, ruft der Moderator, und das Publikum applaudiert, als ein Schemen hinter dem Glas erscheint. »Es mag nicht unheimlich aussehen, jedoch ist es in der Lage, seine Opfer in die Spiegelwelt zu zerren und kann durch jede Reflexion angreifen!«. Es folgt wieder Applaus und du musst schlucken. Zwar kennst du die klassischen Monster und auch einige Ungeheuer, doch so eine allgegenwärtige Gestalt ist eine neue Form der Angst.

Es folgen ein Insektenschwarm mit kollektivem Bewusstsein und ein Fleischschmied, dessen Form sich ständig wandelt und der aus den Körpern seiner Opfer besteht, die er beliebig formen kann.

Als der Applaus abebbt, wird es gespenstisch still. Auch das Licht verändert sich auf eine unheilvolle Art und Weise, als der Vampir in das Mikrofon flüstert: »Sie haben alle Teilnehmer gesehen. Besser sollte ich sagen: fast alle!« Ein Raunen geht durch die Menge und Selkies, Meerjungfrauen, Vampire und Werwölfe schauen sich gleichermaßen verdutzt an. »Es gibt noch ein Monster, welches unbedingt antreten muss. Ein Monster, dessen Erfolgsbilanz alle anderen in den Schatten stellt. Ein Monster, das für mehr Tod und Zerstörung verantwortlich ist als jeder Vampirclan und jedes Seeungeheuer.« Totenstille. Dein Herz schlägt bis zum Hals.

»Ich bitte den letzten Anwärter auf den Titel Monster 2.0 nach vorn: den Menschen!«

Licht auf dich.

Als der Scheinwerfer dich voll erfasst, geht ein Keuchen durch die Menge. Die Werwölfe in deiner Nähe knurren, du siehst, dass noch mehr Geister zu flackern beginnen, und alle, die um dich herumsitzen, zurückweichen. Selbst die Sirenen verbergen instinktiv ihre Gesichter und der Moderator schluckt hörbar. Du hörst ein Knurren und spürst die Woge, welche das Publikum erfasst. Für einen Moment droht die Menge zu explodieren, aber niemand wagt den ersten Schritt.

Denn plötzlich bist du nicht mehr nur Zuschauer – du bist das Monster.

Christine Fritz

Mystica 3110

07. Dezember, 19:45 Uhr

Mein Spiegelbild war seit meinem Ableben eine einzige Qual für mich. Es war faktisch nicht vorhanden. Abermals scheiterte ich beim Versuch, es in der beleuchteten Schaufensterscheibe ausfindig zu machen. Ich leckte mir über die Reißzähne und stieß ein leises Knurren aus.

Mit einem tiefen Atemzug füllte sich meine Lunge mit kalter Abendluft. Der Geruch meines Vertrauten stieg mir in die Nase, kräftiger als noch vor einiger Entfernung. Seit Tagen wurde er vermisst – zu meinem Leidwesen. Nun musste ich selbst, ein Graf, seine niederen Dienste verrichten. Eine weitere Qual, der ich mich unterziehen musste. Die Organisation eines dieser speziellen Mobilfunkgeräte zählte zu seinen letzten Aufgaben. Eines in roter Verkleidung stach mir aus der Auslage direkt ins Auge. Der Geruch meines Vertrauten führte mich in das Elektronikfachgeschäft, in dem dieser neumodische Schnickschnack vertrieben wurde. Es sollte das Leben der Menschen vereinfachen und ließ sie gleichzeitig verdummen.

Ich strich meinen Designermantel von Oham glatt und fuhr mir durch das frisierte Haar. Ein gepflegtes Äußeres eröffnete im Reich der Menschen viele Möglichkeiten. Ich drückte die Türklinke nach unten. Ein scheußlicher Gestank überdeckte die Spur meines Vertrauten. Meine Nasenflügel erzitterten. Ich hielt die Luft an – mir war das Privileg vergönnt, nicht atmen zu müssen. Immerhin war ich bereits tot. Anno 1477.

»Guten Tag!« Ein Herr in einem dunkelblauen Hemd sah von dem Verkaufstresen auf. Mit seinen Fingern fuhr er über eine dieser elektronischen Tafeln. Die Schweißflecken unter seinen Achseln verrieten mir, dass er bereits seit den Morgenstunden hier ausharren musste. Auf seinem Namensschild las ich den Namen Jan Müller.

Ich zwang mich zum Atmen. Der Geruch meines Vertrauten war da – hauchzart unter der Schweißmasse meines Gegenübers. Ich sah mich um. Das Geschäft beherbergte elektronische Tafeln in allen Größen. Das Modell Mystica 3110 hatte ich bereits in der Auslage des Schaufensters in Augenschein genommen. Ich nahm das Vorzeigemodell. Die rote Farbe in meiner Hand aktivierte meine monströsen Urinstinkte.

»Kann ich Ihnen weiterhelfen?«, fragte der Verkäufer. Er war nähergekommen, mit seiner Tafel in der Hand. Eine gewisse Nervosität stieg in mir auf. Sein Puls drang in mein Ohr.

»Vielen Dank!« Ich setzte ein freundliches Lächeln auf, ohne meine Zähne zu zeigen. Erfreulicherweise wusste ich, meine Emotionen stets zu zügeln. »Könnten Sie mir bitte mehr über dieses Modell erzählen?«

»Eine ausgezeichnete Wahl!«, sagte Jan Müller wie eine belanglose Floskel. Ich war mir sicher, dass er alle Geräte in seinem Geschäft als ausgezeichnet betiteln würde.

»Sechsfach-Kamerasystem. Achtundvierzig MP Ultraweitwinkel. Bis zu fünfunddreißig Stunden Videowiedergabe. Unbegrenztes Datenvolumen. KI-Assistent. Wir sind das einzige Geschäft, das dieses Modell überhaupt anbietet«, fuhr er fort.

Mein Atem stockte. »Sagten Sie Videowiedergabe?«

Der Kaufmann nickte. »Unglaublich, oder? Es ist gerade im Angebot für 499 Euro.« Sicher witterte er kurz vor Ladenschluss ein gutes Geschäft.

»Geld spielt keine Rolle!«, erwiderte ich mit aufgesetztem Lächeln. Ich sah ihm direkt in die grauen, bedeutungslosen Augen. »Zeig mir den vorinstallierten Filter!« Ich wusste um die enorme Wirkung meiner hypnotischen Kräfte. Sie waren einzigartig in Vampirkreisen. »Die Seelenfilter-App!«

»Wie Sie wünschen!« Zittrig fuhren Müllers Fingerspitzen über die elektronische Tafel. Sein Herzschlag erhöhte sich. Sein Schweißduft verstärkte meinen Hunger. Ruhig!, mahnte ich mich selbst. Melina musste in diesem Augenblick die Blutspende abgeschlossen haben. Ihr unberührtes, reines Jungfrauenblut würde eine Belohnung für meinen heutigen Erfolg sein. Im Gegenzug würde ich sie erneut in das Edelrestaurant Luigis einladen. Gute Ernährung wusste ich bei ihr zu schätzen. Für ihre Spendenfreudigkeit wurde sie in aller Regelmäßigkeit entlohnt, in unterschiedlicher Art und Weise.

»Bitte personalisieren!« Der Händler hielt mir das Mobilfunkgerät hin. Ich legte meine Lederhandschuhe von Maraci auf der Ladentheke ab. Meine spitz zulaufenden Fingernägel zeigten unter der Hypnose wie erwartet keine Reaktion bei ihm. Ich legte meinen Zeigefinger auf die flache Tafel. Es klickte.

Einige Handgriffe später überreichte er mir das Vorzeigemodell.

Jede Faser meines Körpers regte sich.

Ich leckte mir mit der Zunge über die Reißzähne. Der Gedanke an mein Spiegelbild berauschte mich. Mir fiel es schwer, meine Hand ruhig zu halten. Dieser Augenblick gehörte mir, nur mir.

Ich nahm einen tiefen Atemzug. Die flache Tafel zog mich sofort in ihren Bann. Die Haut war um einiges blasser als vor meinem Tod, dafür ohne jedwede Unebenheit. Auch meine blauen Augen hatten an Kraft, aber nichts von ihrer Schönheit eingebüßt. Mein volles Haar hatte ich verhältnismäßig gut frisiert bekommen.

Mein Blick richtete sich auf die vollen Lippen, denen einige Frauenzimmer erlegen waren. Meine Mundwinkel wandten sich nach oben. Für einen Augenblick erstarrte ich, als ich die Lippen öffnete. Ich hatte sie noch nie gesehen. Sie fügten sich perfekt in den Rest meines Kiefers ein. Meine Reißzähne liefen gefährlich spitz nach unten. Eine tödliche Waffe, wenn ich es denn wollte. Mein Gebiss war, wie der Rest meines Körpers, ohne Makel. Ein Vorteil, wenn man ein Monster war. Ich verlor mich in meinem Spiegelbild, dachte an die Beute, die ich damit gerissen hatte.

»Hab ich dich, Vampir!«, flüsterte Jan Müller mir ins Ohr. Im Augenwinkel sah ich den Pflock auf mich herabsausen. Im letzten Moment änderte ich meine Gestalt. Das Holz verfehlte meinen Fledermausflügel um Millimeter. Mystica 3110 fiel zu Boden. Panik überschwemmte meinen Leib. Meine Innereien zogen sich zusammen. Ich flatterte zum Ausgang. Mein Gegner tippte auf seiner elektronischen Tafel. Die Fensterscheiben verdunkelten sich augenblicklich. Es surrte. Die Tür leuchtete rot auf. Ich preschte dagegen.

»Elektronische Schließanlage!«, frönte der Verkäufer.

Ich stieß einen kurzen Fluch aus, rappelte mich auf und flog mit höchster Geschwindigkeit auf ihn zu. Gleißender Regen stach in meinen Leib. Der Schmerz drang in jede Faser, raubte mir die Luft. Ich glitt zu Boden.

»Weihwasser!«, sagte mein Gegner. Sein Gesicht hatte sich in eine hämische Fratze verwandelt.

»Du müsstest unter meinem Bann stehen!«, ächzte meine Stimme.

»Kontaktlinsen mit Antihypnose-Funktion! Du bist nicht der erste Nachtschwärmer, der mir in die Falle geht.« Müllers Gesicht verzog sich weiter. Es sah grotesk aus.

»Verfluchter Vampirjäger!« Es war das Letzte, was ich hervorbringen konnte. Jede Bewegung schien unmöglich. Mein Leib brannte. Der Schmerz durchbohrte mich. Meine Haut dampfte; Löcher bohrten sich in meine Flügel. Meine Haut zersetzte sich. Ich stöhnte.

Mit festen Schritten kam mein Verfolger auf mich zu. Der Pflock in seiner Hand versetzte mich in Panik. Er riss sein Hemd auf. Das Kruzifix auf seiner Haut stach mir ins Gesicht – ließ mich fast erblinden. Ich presste meine Lider aufeinander. Ich versuchte, einen Laut aus meiner erbärmlichen Kehle zu entsenden. Das Unterfangen schlug fehl. Mein Leib verweigerte mir den Dienst. Ich wagte es kaum, zu atmen. Der Schmerz raubte mir beinahe den Verstand.

Ich öffnete die Augen, suchte nach einer Möglichkeit, meinem grausamen Schicksal doch noch zu entgehen. Mein Blick richtete sich auf das Mobilfunkgerät.

Mystica 3110.

Das Gerät vibrierte. Das elektromagnetische Signal sprang in mein Haupt. Meine hypnotischen Fähigkeiten waren gefragt. Mein Fingerabdruck verband uns. Zu meinem Glück.

Ich zögerte keine Sekunde und nahm Kontakt auf.

»Mein Name ist Sara.«, sagte das Mobilfunkgerät. »Was kann ich für dich tun?«

»Scheiß KI-Assistent!« Der Kaufmann wandte seinen Kopf zu Mystica 3110.

»Sprinkleranlage ausschalten!«, diktierte ich. Jan Müllers Blick wechselte zu mir. Vermutlich begriff er erst in diesem Augenblick, was vor sich ging.

»Verbindung wird hergestellt.« Die elektronische Tafel in seinen Händen begann zu leuchten.

»Nein!«, stöhnte er. Wild tippte er darauf herum. Zu spät. Ich war drin. WLAN. World Wide Web. Bluetooth. Mein adeliges Haupt wurde von so vielen neuen Möglichkeiten überschwemmt.

Das Wasser versiegte. Eine Wohltat für meinen Körper. Dem Vampirjäger flutschte der nasse Pflock aus den Händen. Es brachte seinen Puls zum Rasen. Die dicke Ader an seinem Hals pulsierte verführerisch. Das nasse Hemd bedeckte zur Gänze das eingravierte Kruzifix auf seiner Haut. Ich fletschte meine Reißzähne. Die Wut in meinem Leib schärfte meine Sinne. Der wilde Herzschlag in seiner Brust ließ meine Jagdinstinkte erwachen. Das erste Mal seit einhundert Jahren.

Ich sammelte die letzten Kraftreserven. Meine Flügel setzten sich in Bewegung. Schneller als je zuvor. Meine Beute im Visier. Noch im Flug nahm ich meine menschliche Gestalt an. Jan Müller hechtete zum Pflock, der bis zur Schaufensterscheibe gerollt war. Ich kam ihm zuvor.

Fest drückte ich ihn gegen die Scheibe, rammte meine weißen Reißzähne in seine Halsschlagader und saugte, bis sein Blut meine Lippen benetzte. Müller wandte sich. Ich rammte meine spitzen Nägel in seine Brust. Die Haut war butterweich. Das Fleisch war warm und leistete geringen Widerstand. Es wurde nass. Die Flüssigkeit vermischte sich mit der warmen Masse. Ich begab mich in Ekstase, führte meine Finger tiefer in das noch warme Fleisch hinein und schob sie hin und her. Dann liebkoste ich jeden einzelnen Knochen des Brustkorbs. Der Puls verlangsamte sich. Rote Flüssigkeit lief aus dem Kruzifix, das nun keines mehr war. Ich saugte fester. Jan Müller stöhnte. Sein Lebenssaft rann meine Kehle herunter. Innen und außen. Es besudelte sein Hemd und meinen Mantel. Der Anblick der roten Farbe war ein einziges Lustspiel. Auch ich stöhnte.

Das Untier in mir hatte gesiegt, von Wut angetrieben. Meine Eitelkeit hatte mich jede Vorsicht vergessen lassen. Warum war ich nicht misstrauisch geworden? In dem Augenblick, als mein Vertrauter verschwunden war?

Mein Vertrauter. Ich hielt inne. Mein Gegner war ohne Bewusstsein. Im Verhältnis zu Melina schmeckte sein Blut scheußlich. Nach Angst und Verzweiflung. In einem Anfall von Wahnsinn hätte ich mich beinahe selbst verloren. Ich war kein Untier! Nicht mehr. Im Gegenteil. Stets legte ich Wert auf Etikette.

Ich nahm einen letzten Schluck von ihm und wischte mir mit dem Seidentuch aus meiner Tasche den Mund ab. Die Reinigung meines Mantels würde nur wenig Zeit in Anspruch nehmen. Der Designer Oham war ein Meister seines Handwerks. Und selbst ein Vampir. Der Stoff war auf besondere Weise imprägniert. Für blutige Vorfälle wie diesen.

Mein Opfer sackte zu Boden. Er war mehr tot als lebendig.

Ich zog meinen Ärmel nach oben. Mit einem Fingernagel öffnete ich eine meiner Arterien und ergoss die dunkle Flüssigkeit in seinen Mund. Es würde einige Momente dauern, bis er zu Sinnen kam. Ab sofort unterstand er meiner Verantwortung, und das erste Blut war entscheidend für einen Neugeborenen. Ein Seufzer glitt mir von den Lippen. Ich würde einen Teil von Melinas Periodenblut entbehren müssen. Es lag aufbereitet in der Kühlung.

In meinem Anwesen würde ich ihm zusätzlich Etikette lehren und ihn einkleiden. Das dunkelblaue Hemd sollte zuerst von seiner Existenz erlöst werden.

Das Poltern hinter dem Tresen riss mich endgültig aus meinen Gedanken. »Wer ist da?«

»Vlad?«, hörte ich die Stimme meines Vertrauten.

»Für dich immer noch Graf Dracula, Kevin!« Ich begab mich hinter die Ladentheke, konnte ihn aber nicht ausfindig machen.

»Entschuldigt, Euer Erlaucht.«, drang es unter meinen Füßen hervor. Ich sah die quadratische Luke, in die gerade so ein mickriger Mensch hineinpasste.

»Besser!«, lobte ich Kevin.

»Die Tür ist elektronisch gesichert«, antwortete er. »Der Typ hat mich in eine Falle gelockt, als er gemerkt hat, dass ich an Mystica 3110 interessiert bin.«

Ich ging zur Verkaufsfläche und hob das Mobilfunkgerät vom Boden auf. »Sara?«

»Was kann ich für dich tun?«, erwiderte es.

»Alle Türen entriegeln!«, sagte ich.

»Ich verbinde mich mit dem Sicherheitssystem.« Es surrte.

»Der Bastard hat mir Beruhigungsmittel verabreicht, als er gecheckt hat, dass ich kein Vampir bin. Immer wieder hat er das Zeug in mich reingepumpt. Ich bin eben erst aufgewacht.« Kevins Kopf kam hinter der Ladentheke zum Vorschein. Seine Haare standen in jede Himmelsrichtung von seinem Haupt ab. Der schwarze Lack auf seinen Nägeln war zu Teilen abgeblättert. Eine Qual für mein Auge. Er sah beinahe erbärmlicher aus, als ich ihn vor einigen Jahren halb tot aus einer dunklen Gasse befreit hatte. Sein Blut war mit giftigen Essenzen übersät gewesen. In der Hypnose hatte ich seine unerschütterliche Loyalität gespürt. Ergo habe ich sein erbärmliches Leben gerettet. Mich wunderte es nicht, dass er in diesem Augenblick dermaßen aus der Haut fuhr. Das Beruhigungsmittel musste unschöne Erinnerungen in ihm ausgelöst haben.

»Fuck!«, schrie er. Er erblickte Jan Müller und zuckte zusammen.

»Still!«, ermahnte ich ihn. »Und ich bitte um eine angemessene Ausdrucksweise!« Ich musste mir ins Gedächtnis rufen, dass er noch nie einen Toten zu Gesicht bekommen hatte.

»Ist er tot?«, fragte Kevin.

»Ja und nein«, erwiderte ich ruhiger. »Er wird schon bald erwachen. Wir müssen ihn in mein Anwesen überführen. Sobald er zu Sinnen kommt, wird er Beute reißen wollen. Sein unstillbarer Hunger wird ihn dazu treiben.«

»Beute?«, fragte Kevin.

»Ich brauche eine verschlusssichere Box!«, sagte ich. Der Angestellte stöhnte. Gleich würde er zu neuem Bewusstsein finden.

»Beeil dich!«, forderte ich meinen Vertrauten auf. Kevin setzte seine Gliedmaßen in Bewegung und verschwand erneut im Kellerloch. Er war magerer als noch vor einigen Tagen. Ein Besuch bei Luigis würde auch ihm zugutekommen. In jüngster Zeit habe ich seine Loyalität zunehmend schätzen gelernt.

Ich verstaute das Mobilfunkgerät in meiner Manteltasche. Dann griff ich zum Pflock und setzte ihn an die zerfetzte Brust. Mit dem ersten Augenaufschlag war sie verheilt. Das Kruzifix auf seiner Haut war unter einem Meer aus hellen Flecken begraben. Selbstheilende Kräfte. Ein Kruzifix hatte dort nichts verloren. Seine Haut glänzte blass.

Jan Müller riss die Augen auf. »Was hast du getan?«, stöhnte er mit trockener Stimme. Ich wusste nur zu gut, wie sich der Durst langsam in sein Gedächtnis schlich. Seine Reißzähne hatten sich durch sein Zahnfleisch gebohrt. Er roch sein eigenes Blut auf dem Boden und spürte den Herzschlag meines Vertrauten. Er fletschte die Zähne. »Ruhig! Oder dich ereilt umgehend erneut der Tod!«

Meine Hand umschloss mit aller Kraft sein Genick. »Du nimmst jetzt deine zweite Gestalt an!« Der Verkäufer zitterte, gehorchte aber. Die Fledermaus in meinen Händen war eine mickrige Kreatur. Erbärmlich!

»Mein Auto steht eine Straße weiter.« Kevin stellte eine Schaumstoffbox auf die Ladentheke. Ich warf das Vieh hinein. Kevin presste den Deckel hinauf und verschloss das Behältnis mit einer Rolle Paketklebeband. »Er braucht keine Luftlöcher, oder?«

»Korrekt!«, sagte ich. Immerhin war er bereits tot. Genau wie ich. Seit über fünfhundert Jahren. Aber das Leben ging weiter. Stets weiter. Für mich mit meiner neuesten Errungenschaft, dem Mobilfunkgerät Mystica 3110. Meinem eigenen Spiegelbild. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Melinas Blutspende hatte ich mir wahrlich verdient.

Marco Lombardi

Das zweite Leben

Zuerst war es nur ein kleiner Riss, filigran wie ein Haar. Er wuchs, verbreitete sich von Jahr zu Jahr, ließ das Eis knirschen, die jahrtausendealten Verbindungen brechen. Auf der Oberfläche sammelten sich Tröpfchen aus Wasser. In der Nacht gefroren sie, doch tagsüber, mit der zunehmenden Kraft der Sonne, erwachten sie wieder aus ihrer Starre, suchten einander wie Liebende, verbündeten sich zu Pfützen, bildeten kleine Rinnsale und ließen ihren Mutterboden langsam, aber stetig tauen und weniger werden. Das Eis hatte nicht mehr Bestand, war bereit, zu offenbaren, was besser in der Ewigkeit des Frostes verpackt geblieben wäre. Mit einem letzten, lauten Knall löste sich ein kolossaler Eisberg ab, schaukelte wild auf und ab, bis er sich schließlich einpendelte und seine gemächliche Fahrt Richtung Süden aufnahm.

Er würde schmelzen, die wärmer werdenden Ozeane trugen das ihre dazu bei. Was für das Eis der Pole den Tod bedeutete, war für eine andere Kreatur, die niemals das Licht der Erde hätte erblicken dürfen, der Startschuss für ein zweites Leben.

Noch ahnte die Kreatur nichts von ihrer Wiedergeburt. Kein Herzschlag regte sich, weder Gedanken noch Träume tummelten sich in ihrem Gehirn. Sie war nur ein Passagier auf der Reise nach Süden. Einst wurde sie von kalten Stürmen und dichten Schneefällen gefangen, ganz so, wie sie sich das gewünscht hatte. Der erbarmungslose Frost hatte geschafft, wozu sie selbst nicht imstande war. Der ersehnte Tod kam damals langsam unter den dicken Schichten der Kälte.

Doch dieses Eis hatte keinen Bestand mehr, vermengte sich mit dem salzigen Wasser, steuerte einen marginalen Beitrag zum Ansteigen des Meeresspiegels bei. Ein Floß aus Treibholz und alten Baumstämmen, notdürftig zusammengebunden, wurde letztendlich freigesetzt. Darauf lag das offensichtlich menschliche Wesen, gehüllt in alte Lumpen, die all die Narben verbargen, die Zeugen dessen Erschaffung waren. Das Paket schaukelte weiter, bis es in einer stürmischen Nacht seine Odyssee beendete und an einem Strand zu liegen kam. Der Regen peitschte durch die Dunkelheit, Blitze zuckten am Himmel und betteten die Szene der Anlandung in ein gespenstisches Licht. Eine letzte hohe Welle schleuderte das Geschöpf vom Floß und warf es an das Ufer. Regungslos blieb es liegen, die aufgetauten Gliedmaßen waren nichts als schlaffe Tentakel, ohne Leben.

Der Sturm zog weiter, kümmerte sich nicht um die Belange der Menschen, folgte den Gesetzen der Natur, warf mit Blitzen und Donnergrollen um sich. Eine letzte Entladung schlug unmittelbar neben der leblosen Gestalt am Strand ein, spendete mit seiner Energie neues Leben. Alles, was blieb, war ein kleiner Krater im Kies, übersät mit ein paar Brandflecken.

Der freigesetzte elektrische Impuls durchströmte den Körper. Das Herz begann zu schlagen. Zuerst nur zögerlich, unschlüssige Kontraktionen, die nur wenig Blut durch die Adern pressten. Es stolperte vor sich hin, erinnerte an einen alten Traktor, der mit Müh und Not zum Laufen gebracht werden konnte. Doch irgendwann wurden die Schläge regelmäßiger, versorgten die Organe und Gliedmaßen mit dem nötigen Lebenssaft. Es zeigte sich zuerst nur in einem leichten Zucken der Finger. Sie wühlten ein wenig im Kies, unfähig, etwas zu fassen. Die Atmung setzte langsam ein, sog nur einen dünnen Hauch Luft in den Leib. Aber der Körper wollte leben, erinnerte sich wieder an seine Funktionen. Die Lungen sehnten sich nach Arbeit. Letztendlich blähten sie sich auf wie ein Ballon, gierten nach Sauerstoff, wandelten ihn um, pumpten ihn durch die Blutgefäße.

Mit einem unmenschlich lauten Schrei erwachte die Kreatur zu ihrem zweiten Leben. Sie setzte sich auf, die Brust wölbte und senkte sich. Abermals entwich dem Hals ein Brüllen, das jeden Sturm übertönt hätte. Die Augen waren geöffnet, sie starrten über den schmalen Streifen Kies auf das aufgewühlte Meer. Erinnerungen brachen hervor. Sie sahen ein Schiff, einen Kapitän. Sie sahen das ewige Eis, das nun nicht mehr war. Und die Gedanken formten einen Namen.

»Frankenstein«, formten die Lippen. Ein Wort, geflüstert, dann nochmals lauter. »Frankenstein.«

Die Hände des Wesens schlugen sich selbst ins Gesicht, rauften das nasse Haar, klammerten sich in ihrer Verzweiflung an die Strähnen und rissen daran.

»Nein!«

Das Wort, voller Qualen, laut ausgestoßen aus einer schmerzerfüllten Fratze, hallte von den niederen Klippen, die sich hinter dem Monster auftürmten, wider.

»Nein! Nein! Nein!«

Es durfte nicht sein. Er war nicht tot. Nicht mal das Eis wollte ihn haben. Es hatte ihn ausgespien wie eine vergiftete Mahlzeit, hatte ihn verstoßen, so wie ihn damals die Menschen verstoßen hatten.

Erneut wollte er Rache nehmen an seinem Schöpfer, an Victor Frankenstein, der ihn in diesen monströsen Körper gesteckt und ihn aus dem puren Nichts heraus zum Leben erweckt hatte. Ein Schöpfer, ein verantwortungsloser Egoist, der ihn verbannt, ihn ausgestoßen hatte. Doch Frankenstein war tot, so hatte es ihm der Kapitän damals gesagt. Eine Rache war nicht mehr möglich.

Er war, so dachte er sich, verdammt dazu, ewig zu leben. All sein Bedauern über seine Taten, seine Reue, hatte keinen Wert mehr. Er wollte nicht leben, sein Antlitz von der Erdoberfläche tilgen. Es war ihm nicht vergönnt. Die Morde, die er verübt hatte, geboren aus seiner Einsamkeit und der Ablehnung der Gesellschaft, taten ihm leid. Er sah ein, dass er nicht unter den Menschen verweilen sollte. Nun saß er hier, an einem Strand, erneut am Leben, wessen Schuld es auch immer war.

Er legte sich wieder hin, einsame Tränen quollen aus seinen Augen. Er wollte einschlafen, für immer. Sterben. Die Klippen in seinem Rücken waren zu niedrig, um sich todbringend hinunterstürzen zu können. Also musste er die Berge suchen. Berge. Er erinnerte sich an jene Orte in der Nachbarschaft seines Schöpfers. Dort waren Berge. Sie waren hoch. Dort könnte er seinen Körper an den Felsen zerschmettern lassen.

Oder konnte er sich ertränken? Er stand auf, wankte zunächst unsicher herum und ging dann zum Wasser. Nach wie vor schlugen hohe Wellen an das Ufer. Er setzte einen Schritt nach dem anderen ins Meer. Wanderte langsam hinein, in der Hoffnung, ein nasses Grab zu finden. Er bemerkte nicht den Mann, der sich von hinten näherte.

»Halt«, rief dieser. »Halt! Kommen Sie aus dem Wasser! Sie werden ertrinken!«

Er hielt kurz inne, schüttelte nur knapp seinen Kopf und ging weiter in die Fluten. Die Wellen der sturmgebeutelten See schlugen an seine Beine, schüttelten ihn durch, ließen ihn wanken.

»Halt!«, vernahm er die Stimme erneut hinter sich.

Sie kam näher, stand jetzt selbst am Ufersaum.

»Herrgott noch mal! Hören Sie! Raus aus dem Wasser! Ich habe keine Lust, Ihnen hinterher zu schwimmen.«

Er blieb stehen, das Wasser reichte ihm bis zur Brust. Wut stieg empor. Er ahnte, was der Mann ihm sagen wollte, aber er verstand die Worte der fremden Sprache nicht. Langsam drehte er sich um, starrte den Mann an.

Dieser erschrak. Der flehende Blick wich dem Entsetzen, in ein narbenübersätes, von Frost zerfressenes Gesicht zu schauen. Instinktiv machte er einen Schritt zurück, bar jeder Worte. Frankensteins Kreatur drehte sich wieder um, machte einen weiteren Schritt ins Wasser, als ihr der Mann erneut zurief. Er hatte sich wieder gefasst. Seine menschliche Pflicht, ein Unheil zu vermeiden, war stärker als das Grauen.

Abermals wandte er sich um und sah, wie der Unbekannte seine rechte Hand ausstreckte, um sie ihm helfend zu reichen. Er sah auch, dass sich mittlerweile mehrere Menschen am Strand eingefunden hatten und auf ihn zueilten. Sein Freitod war ihm hier nicht vergönnt. Mit einem lauten Schrei eilte er aus dem Wasser, lief auf seinen Retter zu und schubste ihn mit einem kräftigen Stoß auf die Brust zur Seite. Er hörte das Knacken von Rippen. Durch die Wucht wurde der Mann nach hinten geschleudert. Er schlug mit dem Kopf auf einen Stein, der sich sofort rot färbte.

Hals über Kopf hastete er weg vom Strand, beachtete nicht das Geschrei der Menschen hinter ihm und preschte die niederen Klippen hoch.

Er lief über ein grünes Feld, sprang über Hecken, beachtete kaum seine Umgebung, hetzte weiter, bis er an eine Straße kam. Ein Blick zurück vergewisserte ihn, entkommen zu sein. Doch vor dem seltsam anmutenden grauen Band zu seinen Füßen hielt er inne. Glatte Baumstämme ohne Äste säumten sich entlang, alle miteinander mit dunklen Seilen verbunden. Vorsichtig setzte er einen Fuß auf den Asphalt, nicht wissend, worum es sich dabei handelte. Der Untergrund trug ihn, er überquerte den Weg und lief weiter. Bald kam er erneut an eine Straße. In der näheren Umgebung machte er Häuser aus, deren Aussehen ihm fremd erschien. Er fühlte sich ausgesetzt wie ein Tier. Die Landschaft breitete sich vor ihm aus wie der offene Himmel über ihm.

Seine Flucht führte ihn fort von der Bucht, in der er gnadenlos an Land gespien worden war. Straßen wechselten sich mit Wiesen ab. Das Netz dieser glatten Wege erschien ihm unermesslich, aber er fand sich damit ab, in einem fremden Land zu sein, mit fremder Architektur, fremden Sitten. Er lief weiter. Als er das nächste Mal auf Asphalt traf, beschloss er, diesem grauen Band zu folgen, denn es lief sich darauf wesentlich besser als auf den vom Regen aufgeweichten Wiesen.

Ein Geräusch hinter ihm wurde lauter. Es war ein seltsames Dröhnen, gepaart mit einem Rauschen, das heraneilte und ihn mit atemberaubender Geschwindigkeit überholte. Es war eine Art Käfig auf Rädern, einer Kutsche nicht unähnlich, nur ohne Pferde davor, Lärm und Gestank hinterlassend. Die Kreatur erschrak und machte einen Satz in den Straßengraben. Es dauerte nicht lange, da wiederholte sich das Schauspiel aus der entgegengesetzten Richtung. Diesmal waren es mehrere Käfige, die ein lautes, auf- und abschwellendes Geräusch von sich gaben. Die blau blinkenden Lichter auf den Dächern sahen unheimlich aus. Verwirrt spähte er aus dem Graben diesen Ungetümen nach. Er setzte seine Reise wieder querfeldein fort. Irgendwo würde es Berge geben.

Und etwas zu essen. Aber die Felder, die er durcheilte, boten ihm außer einer endlosen Weite nichts an. Nirgendwo waren Wälder zu erspähen. Er würde sich gezwungenermaßen in die Nähe der verhassten Menschen begeben müssen, um ein Versteck für die Nacht zu bekommen. Vielleicht konnte er auch irgendwo ein paar Bissen stehlen.

Ein weiteres Geräusch dröhnte ihm auf dem offenen Feld entgegen. Unweigerlich blickte er nach oben und sah schon die Quelle des Lärms über seinen Kopf hinwegfliegen, die in die Richtung steuerte, aus der er gekommen war. Instinktiv warf er sich zu Boden, schützte seinen Kopf mit den Armen. Er schrie vor Angst, nicht wissend, in welcher schrecklichen Welt er gefangen war. Danach wimmerte er, weinte, schluchzte und wünschte sich nichts sehnlicher, als tot zu sein. Er blieb liegen, als sich ihm wieder ein Himmelsmonster mit laut knatterndem Geräusch näherte. Doch diesmal war es langsamer, schwebte über die Felder, als würde es etwas suchen. Ihn. Das Ding durfte ihn nicht finden, er benötigte dringend ein Versteck. Er sprang empor, sprintete davon und erreichte bald ein Gehöft. Die Scheunentür stand einen Spalt weit offen, schnell schlüpfte er hindurch. Der Lärm am Himmel wurde gedämpft, war mal näher, mal weiter weg.

Er blickte sich um und entdeckte zu großen Knäueln gewickeltes Heu. Er zwängte sich durch, verbarg sich dahinter und grub sich so gut es ging hinein. Es fühlte sich warm an, wohlig.

Er kam wieder zu Atem. Sein Verstand quälte ihn auf das Unermesslichste. Er war gestrandet in einer unbekannten Welt voller Lärm und verpesteter Luft. Er hatte in seiner Verzweiflung wieder jemanden getötet. Er war wieder auf der Flucht. Er wollte sich nicht stellen, denn er hatte zu viel Angst vor den Menschen. Sie würden ihn wieder nicht verstehen.

Der Krach am Himmel kam näher, vermehrte sich. Bald war ihm klar, dass es ein zweites fliegendes Ungetüm sein musste. Schließlich drangen auch die Geräusche von zahlreichen fahrenden Käfigen an sein Ohr. Kurz darauf verstummte der Lärm. Dann kamen die Schritte. Sie näherten sich unweigerlich, drangen ein. Es wurde hell in der Scheune. Ein Licht, wie von Zauberhand entflammt, strahlte vom Gebälk herunter, und der gebündelte Schein von Laternen huschte durch die düsteren Ecken. Es war eine Frage von Sekunden, bis sie ihn entdecken würden.

Aber er schien Glück zu haben, denn die Schritte entfernten sich wieder, trippelten nach draußen. Das helle Licht blieb jedoch. Die Menschen vor der Scheune sprachen miteinander, leise, gedämpft. Sie hätten auch schreien können, es wäre einerlei gewesen, denn er verstand die Sprache nicht. Dann wurde es ruhig. Die Suche war entweder abgebrochen worden oder verlagerte sich zu einem anderen Bereich des Anwesens. Er getraute sich dennoch nicht, sich zu bewegen oder gar aus seinem Unterschlupf zu spähen. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war nicht gebannt. Irgendwann hörte er erneut das Annähern einer dieser sonderbaren Kutschen. Türen wurden geschlagen, das Stimmengewirr nahm zu. Schließlich wurde die Scheunentür wieder geöffnet. Er hörte die Schritte der Männer, begleitet von schnüffelnden Geräuschen. Und dann begann das Bellen.

Es war aus. Die ersten Heuknäuel wurden mühsam beiseitegeschafft. Sie hatten gefunden, wonach sie suchten. Wölfe, dachte sich die Kreatur, die nun nicht mehr Herr der eigenen Panik war. Sie schoss aus dem Versteck hervor, stürmte mit einem lauten, unmenschlichen Schrei auf die Männer zu. Erschrocken blieben diese stehen, zogen ihre Hunde zur Seite. Frankensteins Wesen erspähte an einem Balken lehnend eine Heugabel. Mit einem riesigen Satz war es dort, schnappte sich die Gabel und rannte damit laut schreiend aus der Scheune. Im Freien erwarteten es die anderen Männer, auf die es mit vorgestreckter Heugabel losrannte. Einer konnte gerade noch zur Seite springen, doch den nächsten spießte das Monster mit den Zinken auf. Mit einem entschlossenen Ruck zog es seine Waffe aus dem erschlaffenden Leib und suchte in wilder Wut sein nächstes Opfer. Ein ohrenbetäubender Knall erklang, und dann noch einer. Und noch einer. Jedes Mal zuckte sein Körper, bäumte sich kurz auf, rannte weiter, wollte zustechen, töten.

Es kam nicht mehr dazu. Es begann, den Schmerz zu fühlen. Die Beine versagten den Dienst. Es stürzte zu Boden. Die Dunkelheit wölbte sich über die geschundene Kreatur wie ein Tuch. Sie begriff, dass die Engel des Todes endlich den lang ersehnten Kuss gewährten.

Mit einem Lächeln auf den Lippen hauchte sie ihr zweites Leben aus.

David M. Henne

Kaltgewalzter Stahl

»Liebling, sie kommen.« Rubys Gesicht war knallrot.

»Lass sie kommen«, erwiderte Charles, der am Küchentisch das letzte Stück Brot in die Bratensoße tunkte.

»Was redest du denn da?«, fragte Ruby, deren hektischer Blick immer wieder zwischen dem Fenster und ihrem Ehemann hin- und herwechselte.

»Es war klar, dass sie kommen würden.«

»Aber nicht zu uns.«

»Nein, sie wollen nicht zu uns«, korrigierte Charles. »Sie wollen zu mir.«

»Aber … aber …«

»Beruhige dich, meine Gräfin.« Er schob sich das Brot in den Mund.

Ruby war alles andere als beruhigt. »Wenn sie kommen, dann kann das nur eines bedeuten.«

Charles nahm die Serviette zur Hand und wischte sich den Mund ab. Dann stand er auf.

»Das Essen war köstlich, Ruby.«

Tränen standen ihr in den Augen.

»Das war natürlich keine Überraschung«, setzte Charles hinzu. »Du warst schon immer eine fabelhafte Köchin.«

»Mach das nicht.«

»Was habe ich schon für eine Wahl?« Er zuckte die Achseln. »Ich kann mich nicht gegen die Staatsgewalt stellen.«

»Du warst es nicht.«

»Nein.« Er schenkte ihr ein trauriges Lächeln. »Nein, ich war es nicht.«

Ruby sah aus dem Fenster. Nun sah sie, wie zwei Polizeiwagen vor ihrem Haus parkten. Sechs Polizisten stiegen aus.

»Sie haben keinen Grund herzukommen, wenn du es nicht warst.«

»Ist Harper dabei?«, fragte Charles.

»Liebling, sie dürfen dich mir nicht wegnehmen wegen eines … wegen einer haltlosen Anschuldigung!«

»Meine Gräfin.« Charles machte mehrere Schritte auf sie zu und nahm ihre Hand in die seine. »Ist Harper dabei?«

Ruby sah ihm mit tränennassen Augen ins Gesicht, dann wandte sie sich ab und blickte aus dem Fenster. »Ja. Ja, Constable Harper ist dabei.«

»Gut.«

»Warum sollte das gut sein? Harper hasst dich.«

»Das mag so aussehen, aber Harper ist ein gerechter Mann. Schlussendlich wird er erkennen, dass ich es nicht war.«

»Du denkst zu gut von diesem Mann.«

Charles drückte ihren Fingerspitzen einen Kuss auf. Dann küsste er sie auf die Wange. Und auf den Mund.

Rubys Tränen flossen ihre Wangen herab. »Ich will nicht, dass sie dich mir wegnehmen.«

»Du weißt doch. Ich war es nicht.« Er küsste sie auf die Stirn, als er die schweren Schritte der Polizisten hörte, die nur noch wenige Meter von der Haustür entfernt waren. »Schon bald werde ich wieder bei dir sein.«

Sie stieß ein kehliges Lachen aus, da klopfte es an der Tür.

»Das will ich dir auch geraten haben, Mister!«, sagte sie mit einem drohenden Zeigefinger. »Ich kann darauf verzichten, Witwe zu werden.«

Wieder klopfte es. »Polizei.«

Charles nickte, denn das war unverkennbar die Stimme von Constable Harper.

»Ich schätze, wir sollten die Tür öffnen«, sagte er zu seiner Gattin.

»Dann werden sie dich abführen, Liebling.«

Charles lachte. »Wenn sie mich dann wieder zurückbringen, nehme ich das gerne in Kauf.«

Sie nickte und küsste ihn.

»Polizei!« Klopfen. »Öffnen Sie auf der Stelle die Tür!«

---ENDE DER LESEPROBE---