Morbidias Spiegel - anna wittig - E-Book

Morbidias Spiegel E-Book

anna wittig

0,0

Beschreibung

Morbidia Monday, vampirisch-menschliches Mischwesen, ist die Chronistin der Menschenwelt und ihrer Parallelwelt Balgari. Sie gewährt uns Einblick in die Chronik der Vergangenheit, beobachtet und erzählt über die Geschehnisse der Gegenwart. Ihr wichtigstes Hilfsmittel dabei: die magischen Spiegel der Balgaren, unserer Beschützer. Die fünf Freundinnen Bea, Lotta, Gelica, Lea und Christel erhalten eine Einladung zu einer kurzen Führung durch die den Menschen fremde Welt. Sie sollen sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass unterschiedlichste Völker und Rassen in Frieden miteinander leben können, wenn Gier und Neid, die Triebfedern für Hass, ausgemerzt sind. Drei der Frauen bitten die Balgaren um Asyl. Bea und Lotta entscheiden sich zurück in die Menschenwelt zu gehen, die durch eine gierige Elite mit Armut und sozialen Auseinandersetzungen zu kämpfen hat. Das Geschwisterpaar Emma und Paolo muss sich in dieser Zeit behaupten, nur unterstützt durch ihre Großmutter, Nonna Sofia, die selbst nach ihrem Tod anscheinend noch über die Kinder wacht. Ein Krieg ungeheuren Ausmaßes zwingt die Balgaren dazu, die Tore zur Parallelwelt geschlossen zu halten. Die Überlebenden der Menschenwelt, darunter auch Bea und Lotta, flüchten unter die Erde, wo sie für lange Zeit ausharren müssen. Sie sind auf sich alleine gestellt. Ebenfalls unterirdisch überleben Jugendliche in den Tunneln und Kanälen, schon vor dem Krieg von allen vergessen. Das Böse nimmt sich ihrer an und lässt sie dämonische Kinder gebären, die zur Gefahr für jedwedes menschliche Leben werden. Auch die Geschwister machen Bekanntschaft mit ihnen und werden in letzter Sekunde von Morbidias Halbbruder gerettet. Beide werden nach Balgari gebracht, wo Emma sich daran gewöhnen muss, dass es außer Menschen auch Elfen, Feen und Vampire gibt. Das Schicksal Paolos ist noch unsicher, aber die Pagoraner versuchen auf ihre Weise ihn am Leben zu halten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


anna wittig

Morbidias Spiegel

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Namensliste

Vorgeschichte

2025 - Einladung in eine fremde Welt / Tour durch Balgari

Vampora –Stadt der Pagoraner

Drachenfelsen und Zwergenhöhlen

Der Wendelsteiner Wald – Hexenheim

Mittelalterliches Wendelstein – Burgfest und Markttag

Elfien – Heimat der Elfen und Feen

Die Balgarenburg und der Abschied von Balgari

Vorwort aus Morbidias Chronik

Morbidia Monday - 1. Auszug aus der Chronik

Emma Belucci - 2047 Zerfall

Morbidia Monday - 2. Auszug aus der Chronik

Emma Belucci - Die Katastrophe naht

Morbidia Monday - Vor der Katastrophe

Morbidia Monday - 3. Auszug aus der Chronik

Emma Belucci - Der Übergang

Morbidia Monday - Untergang

Morbidia Monday - Inferno

Emma Belucci - Seltsame Begegnung

Morbidia Monday - Die Tage danach

Die Überlebenden Nummer eins

Die Überlebenden Nummer zwei

Morbidia Monday - Langeweile in Vampora

Drei Jahre später - Emma Belucci - Freiheit

Die Überlebenden Nummer eins

Die Überlebenden Nummer zwei

Die Überlebenden Nummer 3

Morbidia Monday - Lebenszeichen

Die Überlebenden Nummer eins

Die Überlebenden Nummer zwei

Emma Belucci - Rettung in letzter Sekunde

Morbidia Monday – Aufregung wegen Stella

Die Überlebenden Nummer Eins

Die Überlebenden Nummer Zwei

Die Überlebenden Nummer Drei

Emma Belucci - Neues Leben

Morbidia Monday - Mutters Pläne

Die Überlebenden Nummer Eins

Paolos Belucci - Gerettet?

Morbidia Monday - Paolos Vorbereitung

Die Überlebenden Nummer Eins - Bea und Lotta

Morbidia Monday - Paolos Wandlung

Emma Belucci - Erster Tag in Balgari

Die Überlebenden Nummer Eins

Morbidia Monday - Paolos Wandlung

Emma Belucci - Fremd

Die Überlebenden Nummer Eins

Emma Belucci - Eingewöhnung

Morbidia Monday - Lemiras

Balgari Fantasy - Band 2 - In Vorbereitung

Dankeschön

Impressum neobooks

Namensliste

Balgaren (Balgarenburg)

Darjal Lord Darjal, oberster Balgare

Rooner Balgare, Wächter

Jaryl Balgare, Verwalter der Balgarenburg

Marla Balgarin, die Frau unter den Balgaren

Dunar Balgare, Wächter und Stallmeister

Mordair Lord Mordair, oberster Balgare der benachbarten Parallelwelt

Hexen (Wendelsteiner Wald, Hexengilde)

Darvina Hexenmeisterin, Priesterin, Ratsmitglied

Serena Hexe, Heilerin, Priesterin

Martes Hexenmeister, Giftspezialist, „Pferdeflüsterer“

Gelica Hexe, Übersiedlerin aus der Menschenwelt mit Familie

Priesterinnen (Tal der Priesterinnen)

Magona Hohepriesterin im Tal der Göttin

Elfen (Elfien)

Calmuel Elf, König, Ratsmitglied

Eyrin Elfe, Königin

Lemiras Elf, Prinz, Krieger

Arela Elfe, Prinzessin, Bogenschützin

Sovran Elf, Krieger, Freund von Lemiras

Nanora Elfe, Schamanin, Priesterin, weise Frau

Feen (Elfien)

Petronella Fee, Schamanin, Ratsmitglied

Tammy Fee, Mitglied des Stiefmütterchen-Clans

Treidel Fee, Krieger, Kundschafter

Rosenmund Fee, Kriegerin, Kundschafterin

Zwerge

Kraag König, Ratsmitglied

Nelda Königin, Frau von Kraag

Pagoraner/ Vampire (Vampora mit Wüste)

Muriel Fürstin, Ratsmitglied

Morbidia Halbblut Mensch/Vampir, Prinzessin, Chronistin

Daniel Sohn von Muriel, Halbbruder von Morbidia

Kolven Sohn von Muriel, Halbbruder von Morbidia, Agent, Schlagersänger

Bodo Sohn von Muriel, Halbbruder von Morbidia, Agent, Hardrocker

Henry Vater von Muriel, Agent, Schriftsteller

Chloe Cousine von Morbidia, Tochter von Annouk, Kriegerin

Kai Blutsohn von Muriel

Tongren Junior Krieger, Schwertkämpfer

Menschen (Wendelstein, Burg und Dorf)

Wendel Graf von Wendelstein, Burg, Land und Wald

Sabine Tochter von Wendel

Linda Köchin auf Wendelstein

Drossel Haushofmeister auf Wendelstein, Vater von Morbidia

Michikriss Waisenkind aus der Menschenwelt, will bei den Hexen in die Lehre

Lea siedelt von der Menschwelt nach Balgari über

Christel siedelt von der Menschenwelt nach Balgari über

Menschenwelt

Nonna Sofia Großmutter von Emma und Paolo, Hexe, Priesterin

Vera Sofias Schwiegertochter

Marco Sofias Sohn

Emma Sofias Enkelin

Paolo Sofias Enkel

Zia Angie Sofias Tochter, Tante von Emma und Paolo

Überlebende 1

Rita und Kurt Ehepaar

Claus mit C bei Einkaufszentrum angestellt, homosex.

Lotta Sozialpädagogin, mit einem grünen Daumen

Bea Künstlerin, liebt Prinz Lemiras

Summy hohe Vodoo-Priesterin

Nomo Summys Ehemann und Assistent

Reiner Rollstuhlfahrer, Bruder von Drago

Drago weiß nicht, dass er ein Halbvampir ist

Mick Handwerkeras ohne Ausbildung, repariert alles

Petrate Gartenmeisterin

Überlebende 2 (Ratten-Clan)

Tim Anführer der Tunnel-Banden

Mecki Tims Braut

Kasap Neuer Hauptmann nach Tims Tod

Überlebende 3

Tyr Mischwesen Vampir/Dämon, Halbbruder von Fürstin Muriel,

Annouk Vampir, Bruder von Fürstin Muriel und Halbbruder von Tyr

Balgari-Planet

Feline Außerirdische vom Heimatstern Balgari

Drachen (Balgari)

Xenus blauer Drache, Chef der Drachenfamilien

Kudell grüner Flugdrache aus Vampora

Dämonen

Stella gestaltwandelnder Dämon, Geliebte von Vampir Henry

Götter

Nox Nachtgöttin der Vampire

Moradin Zwergengott

Dämonenbrut

Balbi

Vorgeschichte

Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.

(Salvador Dali)

2025 - Einladung in eine fremde Welt / Tour durch Balgari

Die meisten Menschen sahen zu, wie unsere Welt in die Knie ging. Sie lasen Zeitungen, hörten Nachrichten und diskutierten seitenlang über Fake News in den sozialen Medien. Sie jammerten, schimpften, drohten, ließen außer ihrer Meinung keine andere gelten, und sie kapierten nichts. Der moderne Mensch mutierte zum geistigen Analphabeten, obwohl ihm mehr Informationsquellen zur Verfügung standen als je zuvor.

Der Slogan, der wieder und wieder in unsere Hirne gehämmert wurde, hieß „uns geht es gut“. Nur die, die am System längst gescheitert waren, senkten die Köpfe, duckten sich vor der Willkür der Mächtigen und fragten hinter vorgehaltener Hand „wem geht es gut?“ Sie murmelten es leise vor sich hin, aus Angst vor Repressalien, während sie drei Jobs auf einmal bewältigten und ihre Augen bereits mit weggeworfenen Pfandflaschen und Essensresten in Müllcontainern liebäugelten. Andere stotterten Leasingraten für teure Autos und Kredite für klotzige Eigenheime oder kostspielige Fernreisen ab. Protz war Trumpf und nur wer trumpfte, gehörte „dazu“. „Du darfst niemals zugeben, dass du arm bist, sonst gerätst du schnell an den Rand oder noch schlimmer, darüber hinaus.“

In unserer Stadt wagte es einzig eine Gruppe von Frauen, wenn auch nur im Geheimen, Sinn und Unsinn dieser degenerierten Gesellschaft zu erörtern. Sie blickten einer Wahrheit ins Auge, die den Untergang prophezeite und wünschten sich eine Welt herbei, die den Entrechteten zur Gerechtigkeit, den Sklaven zur Freiheit, den Verzagten zu Mut, den Herrschenden zur Einsicht verhalf. Sie beteten um einen Glauben ohne die Irrwege der Religionen, um Frieden statt Kriege, um ein Leben ohne Neid und Hass. Um den Sturz derer, die all dies mit ihrer Macht- und Besitzgier verhinderten.

Zu diesen Frauen gehörten wir, meine Freundinnen und ich. Gemeinsam gelang es uns, das Ohr der schlafenden Göttin zu öffnen. Sie schenkte uns die Begegnung mit einem Wesen, das zu Besuch in unserer Welt weilte. Wir trafen die Pagoranerin in einer Kneipe, in der noch Bier vom Fass und Bockwürstchen mit Senf und Brot serviert wurden. Keine von uns ahnte, dass die junge Frau, die da einsam am Tresen saß, über solch feine Sinne verfügte, dass sie nicht nur unsere Worte hören, sondern auch unseren Gedanken lauschen konnte. Bevor sie das Lokal verließ, kam sie an unseren Tisch und drückte mir einen Zettel in die Hand. Darauf standen ein Name und eine Mobilnummer, sonst nichts. Sie ließ mir keine Möglichkeit zu reagieren. Ein Augenzwinkern und weg war sie. Die anderen sahen mich fragend an, ich zuckte die Schultern und steckte den Wisch achtlos in meine Jackentasche. Erst zu Hause dachte ich wieder daran. Ich drehte ihn ratlos zwischen meinen Fingern hin und her, ehe ich ihn kurzerhand im Papierkorb entsorgte.

Oft ist es so, dass das, was du gerade weggeworfen hast, deinen Kopf vom Schlafen abhält. Es erscheint dir plötzlich als das Wichtigste, das sich je in deinem Besitz befand. Gegen Morgen gewann meine Neugierde die Oberhand. Ich quälte mich müde aus den Federn und fischte das zerknautschte Ding aus dem Dreck. Morbidia, las ich. Ein eigenartiger Name. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, wählte ich die Nummer. Sie meldete sich nach dem ersten Klingelton mit einem fröhlichen „Ich habe gewusst, dass du anrufst.“ Woher wusste sie, dass die Anruferin war? Sehr befremdlich.

Was sie mir dann mit heiterer Stimme erzählte, ließ mich an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln und kurz darauf auch an meiner eigenen. Denn je länger sie sprach, desto aufmerksamer hörte ich zu – und glaubte ihr. Auf meine Frage, ob sie irgendeiner obskuren Sekte angehöre, lachte sie „Sehe ich wie ein Sektenmitglied aus?“ Mitnichten. Eher wie das Mitglied einer Rockergang. Ich sah mich vor zwei Möglichkeiten gestellt. Erstens, ich sagte ihr, sie solle sich verpissen und legte sofort auf, zweitens, ich glaubte ihr und nahm eine Einladung in ihre Heimat an, die sich auch auf meine Freundinnen erstreckte. Wieder einmal übernahm das Erbe meiner Blutlinie die Führung, auch wenn sie mittlerweile stark verwässert war. Ich sagte zu.

Vampora –Stadt der Pagoraner

Zwei Tage später standen wir uns am vereinbarten Treffpunkt die Beine in den Bauch. In einem verwilderten Garten zwischen Brennnesseln und Brombeergestrüpp. Vier meiner Freundinnen begleiteten mich, Christel, Lea, Lotta und Gelica. Der Rest zog den Kopf ein. Erklärte mich gar für „total übergeschnappt“. Nun, wir würden sehen.

Ich schaute auf die Uhr. Unsere Gastgeberin war eine halbe Stunde überfällig. Gerade als ich beschloss nicht länger zu warten, öffnete sich vor uns ein verrostetes Tor in einer verwitterten Mauer. Ich schwöre, dass Sekunden zuvor an dieser Stelle nur ein knorriger Apfelbaum sein kümmerliches Dasein fristete.

Morbidia, die sich als Chronistin sowohl unserer Heimat als auch einer mir fremden Parallelwelt vorgestellt hatte, lehnte am Torpfosten. Gekleidet in schwarze, enge Lederhosen, Motorradstiefel und ein gemustertes Westchen, das mehr Haut frei ließ, als es verbarg. Sie sah jung und hübsch aus, obwohl sie etwa zweihundert Jahre zählte. So zumindest behauptete sie.

Sie winkte uns einzutreten. Das Tor schepperte laut hinter uns ins Schloss und löste sich danach in Luft auf. Uns fielen die Kinnladen herunter, nicht alleine wegen der Zauberpforte. Wir hatten nur einen einzigen Schritt getan und befanden uns trotzdem in einem fremden Land inmitten einer Wüste. Hinter uns waberte noch kurz der Garten wie ein schlechtes Fernsehbild, dann verblasste auch er. Um uns herum gab es nur Sand, Sanddünen, zur Rechten Felsen und am Horizont? Unmöglich es zu erkennen, weil die Sonne uns blendete. Erlaubte man sich einen üblen Scherz mit uns oder gar Schlimmeres? Morbidia schob sich eine riesige Sonnenbrille auf die Nase. „Willkommen in Balgari“. Und als sie unsere fassungslosen Gesichter sah „Oh, entschuldigt. Das siebte Tor gehört zu Vampora, der Wüstenstadt der Pagoraner. Das vergaß ich zu erwähnen.“

Sie lief leichtfüßig voran. Wir stapften schwerfällig und schwitzend hinter ihr drein und lauschten ihren Erklärungen. „Als die Balgaren die Parallelwelten schufen, die sich rings um euren Planeten ziehen, wünschten sie sich von jeder Landschaft ein Abbild, Berge, Wälder, Wiesen, Seen, einen großen Fluss und eben auch eine Wüste. Für ein Meer reichte leider der Platz nicht mehr. Zumindest nicht in Balgari, das Eurem Landstrich am nächsten liegt.“

Zum Glück dauerte es weniger als eine Stunde, diese Ödnis zu durchqueren. Wir gelangten zu einer Mauer aus schwarzem, glänzendem Gestein, in der sich lautlos ein breiter Zugang auftat. Vorsichtig wagten wir uns heran. Dieses Mal erwartete uns ein erfreulicher, wenn auch abenteuerlicher Anblick. Wir starrten auf eine Kreuzung aus Manhattan, Las Vegas und New Orleans. Vampora, eine Mischung aus unterschiedlichen Stilrichtungen, ein riesiger Vergnügungspark, von antik bis hypermodern. Straßencafés, Restaurants, teure Geschäfte, Juweliere, Sportclubs, Spielkasinos und Discos reihten sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur. Im Gewirr der Gassen versteckten sich Kunstgalerien, Antiquariate und geheimnisvolle Lädchen, in denen Kräuter, Kerzen und allerlei esoterisches Zubehör angeboten wurden. Großartige Villen aus längst vergangenen Tagen wechselten sich ab mit Bürogebäuden aus Glas und Stahl.

Auf den Prachtstraßen gondelten Fortbewegungsmittel aller Art an uns vorüber, von Pferdekutschen über Oldtimer, rassige Sportwagen, elegante Limousinen bis zu Motorrädern jedweder Klasse. Selbst Fahrräder und, noch erstaunlicher: Laufräder, sah man hie und da. Genauso verhielt es sich mit der Kleidung der Pagoraner. Es gab keinen Modestil der letzten vierhundert Jahre, der hier nicht vertreten war. Neben Kostümen, wie man sie am Hofe Ludwigs des XIV. trug, tummelten sich bunt gewandete Hippies, Rocker in Lederkluft und Punks, deren Haar zum Hahnenkamm gestylt und kunterbunt gefärbt war.

Morbidia führte uns durch die Stadt, durch breite Alleen und enge Gassen zum Schloss der pagoranischen Fürstin, deren Gäste wir sein sollten. Auf einer künstlich errichteten Anhöhe thronte ein herrschaftliches Palais mit hohen Rundbogenfenstern, Goldverzierungen, zierlichen französischen Balkonen, und einer breiten Freitreppe, die von steinernen Löwen bewacht wurde. In der Mitte des Hofes spie ein goldener Reiher Wasser in ein rundes Marmorbassin.

Aller Glanz jedoch verblasste vorm Anblick der Frau, die uns erwartete. Die junge Claudia Cardinale, eine Schauspielerin aus vergangenen Zeiten, und Schneewittchen in einer Person war das Empfinden, das mich überkam. Es genügte ein Wort, sie zu beschreiben: Atemberaubend.

Morbidia führte uns die Stufen nach oben. Sie drückte ihre rechte Faust auf die Stelle über ihrem Herzen und verneigte sich. „Fürstin, Eure Gäste.“ Um gleich darauf hinzuzufügen „Hey Mom, cooles Outfit.“ Mom? Wir schauten uns an, wagten jedoch nicht zu fragen. Indes, sie hatte recht. Das schwarze, enganliegende Kleid mit dem hohen Stehkragen aus Spitze, die glänzenden, schwarzen Seidenstrümpfe und die schwarzen High Heels, die Fürstin sah aus, wie das Covermodel eines Modejournals. Wir nahmen uns dagegen aus wie Schmuddelkinder.

Ich griff zur Kamera, aber Morbidia zischte sofort „Keine Fotos von Balgari“. Beschämt steckte ich sie wieder weg. Vielleicht hatte ich ja ein anderes Mal mehr Glück, und sie schaute gerade in die entgegengesetzte Richtung. Wir verbeugten uns vor der Fürstin, wie wir es bei Morbidia gesehen hatten, aber sie reichte uns ungezwungen ihre kühle Hand und dirigierte uns in die Halle. Bevor wir die prunkvollen Wandbehänge, wertvollen Teppiche, Sitzmöbel, Marmorstatuen und kostbaren Kronleuchter näher in Augenschein nehmen konnten, kamen zwei kichernde, dralle Menschenmädchen herbeigeeilt. Sie schnappten sich unsere Rucksäcke und geleiteten uns zu unseren Zimmern oder besser: zu unseren Suiten, in denen uns purer Luxus erwartete. Samt und Brokat, Gold und Marmor, Himmelbetten mit Baldachinen aus Seide, Fernseher im XXL-Format, Bäder mit Wannen auf Löwenfüßen und goldenen Wasserhähnen.

Nachdem wir uns den Wüstenstaub abgewaschen und uns umgezogen hatten, holte uns ein Diener ab und eskortierte uns zum Abendessen in ein elegantes Speisezimmer, das ganz im venezianischen Stil eingerichtet war. Die fürstliche Tafel bog sich unter Schüsseln und Platten voller kulinarischer Köstlichkeiten. Durch die offenen Flügeltüren bot sich uns ein spektakulärer Ausblick auf den farbig illuminierten Schlossgarten. Außer der Fürstin, die uns bat sie Muriel zu nennen, nahmen auch Morbidia und ihr Halbbruder Daniel teil. Als er den Raum betrat, begannen meine Freundinnen zu sabbern. Ich selbst kam auch nicht umhin, mir die Frage zu stellen „gleich als Vorspeise oder lieber zum Dessert?“. Wir hatten schon in der Stadt gesehen, dass die Pagoraner ein gutaussehendes Volk waren. Dieses Exemplar entpuppte sich außerdem noch als sexy und überaus charmant. Ich rief mich innerlich zur Ordnung „nicht mit den Fingern gucken“. Mir fiel ein, dass Morbidia unsere Gedanken gelesen hatte. Wenn das alle Pagoraner konnten …? Peinlich. Ich bemühte mich, an das kleine Einmaleins zu denken. Daniel grinste mich an und widmete sich dann dem Wein. Er schenkte ein. Außer mir bemerkte keine von uns, dass er dazu zwei unterschiedliche Karaffen benutzte.

Meine Begleiterinnen wussten bis jetzt nicht, dass die Pagoraner einer außergewöhnlichen Vampirrasse angehörten. Die zwar die gleichen Speisen genossen wie wir, der rote Balgarenwein in ihren Kristallgläsern sich jedoch wesentlich von unserem unterschied. Nach dem Essen wurden uns Digestif und Mocca in der Bibliothek kredenzt. An den Wänden hingen Bilder berühmter Maler zwischen hohen Regalen voller ledergebundener Bücher. Wir saßen bei Kerzenschein in plüschigen Sesseln vorm offenen Kamin in dem ein gemütliches Feuer flackerte und lauschten Muriels Geschichten aus dem früheren und heutigen Leben ihrer Spezies. Jetzt, nachdem die Fürstin ungezwungen über die Affinität ihres Volkes zu frischem Blut berichtete, über Verfolgung, Grausamkeiten und Mord, wurde auch der Letzten klar, in welch andersgearteter Gesellschaft wir uns befanden. Die Gesichter rundum nahmen eine kränkliche Färbung an.

Fürstin Muriel lächelte beruhigend „Wir sind für Euch nicht mehr gefährlich seit wir in Balgari leben. Meine Rasse unterhielt Jahrtausende freundschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen zu den Menschen. Erst die Religionen entzweiten uns. Sie pflanzten Angst und Hass in Eure Herzen, machten Euch zu Jägern und uns zu gefährlichen Blutsaugern. Dank der Balgaren steht uns heute eine andere Sorte Blut zur Verfügung.“ Sie nippte an ihrem Glas. „Seither ist es uns möglich wieder unter und mit den Menschen zu leben.“

Als Glockenschläge die zweite Morgenstunde verkündeten, durften wir uns zurückziehen. „Ihr braucht den Schlaf, im Gegensatz zu uns. Wir müssen nur wenige Stunden ruhen.“ Da musste ich der Fürstin zustimmen. Ich schlief tief und traumlos zwischen seidenbezogenen, weichen Daunenkissen.

Am Morgen, nach einem opulenten Frühmahl, verabschiedeten wir uns. Es war schade, dass man uns nur so wenig Zeit zur Verfügung stellte diese fremde Welt zu erkunden. Eine Sight-Seeing-Tour durch Balgari war einfach zu kurz. Das stellten wir schon nach diesem ersten Tag fest. Morbidia hatte uns erklärt, dass Menschen seit Langem die Spiegeltore nicht mehr passieren duften. Nur auf ihr Bestreben hin, ließen die Balgaren eine Ausnahme zu.

Ich hätte gerne mehr von den pagoranischen Vampiren erfahren, aber Morbidia wartete bereits im Schlosshof. Sie freute sich diebisch über unsere entsetzten Mienen. Wir hatten geglaubt, dass wir unsere Wanderung zu Fuß fortsetzen würden. Stattdessen sahen wir uns großen, grünen Echsen gegenüber, die von kleinen bärtigen Männern gelenkt wurden. Drachen. Wir betrachteten unsere Beförderungsmittel mit gemischten Gefühlen aus sicherer Entfernung. Der Kleinste war so groß wie ein Mammut mit Flügeln, die Reiter bärbeißig, muskelbepackt und zunehmend ungeduldig.

Als Leiterin unserer Truppe ging ich mit gutem Beispiel voran. Auch wenn ich spürte, dass sich bereits der „ich-mach-mir-gleich-ins-Höschen“- Modus einschaltete. Der schöne Daniel kam hinzu, packte mich am Hintern und lupfte mich in die Höhe. Seine Hände fühlten sich gut an. Er schnallte mich mit langen Riemen an einem Geschirr fest und zwinkerte mir zu. Zu dumm, dass wir bereits zeitlich in Verzug waren. Ein kleiner Flirt am Morgen? Nicht zu verachten. Je zwei von uns wurden gemeinsam auf die Flugechsen verfrachtet. Hinter mir stieg eine unverschämt grinsende Morbidia auf. Wahrscheinlich hatte sie meine Gedanken gelesen, dieses kleine Miststück.

Drachenfelsen und Zwergenhöhlen

Der Start vom flachen Boden gestaltete sich für die Drachen schwierig, da sie gewöhnlich eine Abflugrampe brauchten. Sie trudelten dahin wie eine Horde betrunkener Albatrosse, bevor sie endlich normale Flughöhe erreichten. Wir überflogen die Wüste und nahmen Kurs auf ein Gebirge, das unseren Alpen glich. Nur, dass auf seinen Gipfeln keine Touristen für Selfies posierten. Stattdessen lagen dort Drachen und sonnten sich. Es gelang mir, einen Blick nach unten zu werfen und trotzdem meinen Mageninhalt bei mir zu behalten. Dichter Wald begann sich zu unseren Füßen auszubreiten. „Der gehört zu Wendelstein“, schrie mir Morbidia ins Ohr, „unsere übernächste Station.“ Sofern wir den heutigen Tag heil überstehen, dachte ich und sandte einen Hilferuf an die Göttin.

Im Sturzflug ging es den Felsen entgegen. Wir landeten überraschend sanft zwischen dem unheimlichen Getier, das sich hier zur Begrüßungsrunde eingefunden hatte. Unser Drache streckte galant einen Flügel zur Seite, dass ich bequem darauf hinuntergleiten konnte. Ein blauschillerndes Monster mit stark behaarten Füßen stapfte auf uns zu. Sein Haupt glich dem eines T-Rex. Maul und Zähne leider auch. Wir hörten seine Stimme in unseren Köpfen in Menschensprache mit uns reden. Wie war das möglich?

„Ich bin Xenus.“ Freundlich hieß er uns willkommen, bat aber darum, nicht zu lange zu bleiben, da in der Kolonie Nachwuchs heranreifte, welcher noch ungesittet auf Fremde reagierte.

Es blieb jedoch genug Zeit, uns davon zu überzeugen wie geduldig und tolerant Drachen waren. Die Kleinen benutzten die glänzenden Flügel der Erwachsenen als Turn- und Spielgeräte. Diese zeigten sich davon keineswegs genervt, ganz im Gegenteil. Sie ließen die Knirpse klettern, rutschen, schaukeln, was immer ihnen in den Sinn kam. Wenn sie vom Spielen müde waren, liebkosten die Alten sie bis sie einschliefen. „Nur so können sich Kinder richtig entwickeln“, belehrte uns Xenus. „Natürliches Spiel und viel Liebe. Ihr Menschen habt das leider vergessen.“

Erst als sich ein vorwitziger lila Racker in unsere Richtung bewegte, ersuchte er uns zu gehen. „Sie sind wirklich nicht so weit, dass sie Kontakt mit Euch aufnehmen können“, entschuldigte er sich noch einmal. „Drachenpipi hinterlässt Blasen auf Eurer Haut und mit Verlaub, seine Würze stört den empfindlichen, menschlichen Geruchsinn. Dennoch war es schön Eure Bekanntschaft zu machen. Kommt bald mal wieder und grüßt Kraag von mir.“

Wir zogen uns ein wenig enttäuscht zurück, ob des kurzen Aufenthaltes, winkten zum Abschied und bereiteten uns auf eine Kletterpartie in die Tiefe der Berge vor. Die Zwerge standen schon am Eingang einer Felsenhöhle und trippelten von einem Fuß auf den anderen. Morbidia trieb uns zur Eile an „König Kraag wartet nicht gerne“.

Ich stellte mir Zwerge bis dato immer vor, wie die zipfelbemützten, knollennasigen Gipsfiguren in den Gärten. Weit gefehlt. Sie waren zwar klein von Wuchs, unterschieden sich sonst aber kaum von uns. Die Männer schmückten sich mit kunstvoll frisierten Bärten und allerlei wunderlichen Kopfbedeckungen von Basecapes bis zu Kriegshelmen. Die Frauen trugen lange, geflochtene Zöpfe. Mit der Dichte und Länge ihres Haares und ihren beachtlichen Oberweiten konnte sich keine von uns messen. Männlein wie Weiblein waren wohlgenährt, gut bemuskelt, äußerst trinkfest, sangesfreudig und sehr gastfreundlich.

Allen voran König Kraag, der uns zu Ehren ein Fest veranstaltete, wie wir noch keines erlebt hatten. Die Zwerge unterhielten uns mit Liedern, Legenden und Kriegsgeschichten. Wir waren erstaunt, wie kämpferisch dieses kleine Volk sein konnte, selbst die Frauen. Diese führten uns einen Kriegstanz vor zu Ehren ihres Gottes Moradin. Sie waren bewaffnet mit Kampfhämmern, Speeren und Schwertern. Die Männer hämmerten mit ihren Bierhumpen dazu einen wilden Rhythmus auf die dicke Eichentischplatte. Zum Glück waren wir keine Feinde sondern willkommene Gäste, sonst hätten wir Reißaus genommen. Sogar Morbidia zog den Kopf ein und ließ ein leises, drohendes Zischen vernehmen.

Das selbstgebraute Bier, mit dem sie immer aufs Neue unsere Becher füllten, war das Beste, das wir je getrunken hatten. Das bestätigte mir auch mein Kopf, der am nächsten Tag gerne freigenommen hätte. Was nicht in Frage kam, da dieses Volk außergewöhnlich fleißig und sehr stolz auf seine Arbeit war. Deshalb wurden wir stundenlang durch unterirdische Gänge und Stollen geschleust, bergauf, bergab, wo uns nicht nur der Abbau von Edelmetallen und Edelsteinen vorgeführt wurde, sondern auch die Gewinnung von Balgur, einem magischen, schwarzen Gestein. Natürlich verriet uns keiner, welcher Zauber ihm innewohnte. Eines jedoch fanden wir selber heraus: der mächtige Balgur leuchtete im Dunkeln.

Als es ans Abschiednehmen ging, erwies uns der König eine unerwartete Ehrbezeugung. Er ließ es sich nicht nehmen, uns persönlich ein Stück des Weges zu begleiten. Kraag führte uns einen sehr steilen Weg zur Oberfläche, dass uns schon nach der Hälfte der Strecke die Puste ausging. Keuchend und prustend gelangten wir an ihrem Ende schließlich durch eine einfache Holztür in einen Stall. Dort warteten hellbraune, robuste Pferdchen mit blonden, langen Mähnen, gleichfarbigen Schweifen und Puscheln an den Fesseln auf uns, gesattelt und marschbereit. Wir ritten im Gänsemarsch über einen engen Gebirgspfad, dicht am Abgrund, hinunter in ein Tal. Am Rande eines ausgedehnten Sumpfgebietes verließ uns König Kraag. Nicht ohne jeder Einzelnen kräftig die Hand zu schütteln und uns Grüße an Darvina aufzutragen. Wer immer das auch sein mochte.

Über schmale Brücken und Holzstege gelangten wir wieder auf trockenen, sicheren Boden. Wir seufzten erleichtert auf. Sümpfe kannten wir nur aus dem Fernsehen, in Verbindung mit Schlangen, Krokodilen und Indiana-Jones. In einiger Entfernung ragte dichter, dunkler Wald empor, so wenig einladend wie das Sumpfgebiet. „Das sich mir keine dort alleine hineinwagt!“ Er war unser nächstes Ziel, klärte uns Morbidia auf, die Heimat der Hexen und Hexenmeister. Jetzt erfuhren wir auch, wer Darvina war. Obermeisterin der Hexengilde und eine Priesterin der Göttin.

Wir beschlossen den Rest des Tages hier zu verbringen, auf einem Stück Grasland zwischen Sumpf und Wendelsteiner Wald, im Schatten einer uralten Linde. Die Zwerginnen hatten uns die Satteltaschen vollgepackt mit frischgebackenem Brot, Wildschweinwürsten, Hirschschinken und allerlei anderen Leckerbissen für ein deftiges Picknick. Morbidia zauberte dazu ein Fässchen Zwergenbier hervor und ein Krüglein Selbstgebrannten. Am Abend saßen wir rund um ein Lagerfeuer, eingemummt in Decken und kommentierten die neuen Eindrücke, die in den beiden Tagen auf uns eingestürmt waren.

Der Wendelsteiner Wald – Hexenheim

Müde und gähnend erhoben wir uns am Morgen von unseren Lagern. Wir hatten einmal mehr in der Nacht zu lange „getagt“. Morbidia überprüfte unsere Sättel, bevor wir uns auf den Weg machten. Sie sang dabei aufreizend munter vor sich hin, wofür sie einige entsprechend böse Blicke erntete. Schweigend ritten wir hinter ihr her, fühlten uns von allen Seiten belauert, schraken bei jedem Geräusch zusammen und hingen finsteren Gedanken nach. Wir bildeten uns ein, dass der Wald und die Hexen nach uns gierten. Bilder böser Märchenhexen standen uns vor Augen. Was etwas albern war, da zwei meiner Freundinnen sich in unserer Welt selbst Hexen nannten, und auch ich einem alten Geschlecht weiser Frauen angehörte.

Einzelne Häuschen, aus groben Holzbalken gezimmert, wurden zwischen den Bäumen sichtbar. Sie waren mit Schindeln gedeckt, mit Schornsteinen bestückt, manche gar mit einem Türmchen versehen. Efeu und uns fremde Rankpflanzen kletterten an den Hauswänden empor. Wir sahen Männer und Frauen, die in ihren Gärtchen werkelten, andere trafen wir beim Sammeln von Nüssen, Wurzeln, Pilzen und Beeren. Sie winkten uns freundlich zu. Nirgends fanden wir hässliche Weiblein mit Buckeln und Warzennasen vor, die ihren Knotenstock schüttelten und uns verfluchten.

Der Wald war eine Wunderwelt für sich. Während er außen von gewöhnlichen Nadelbäumen eingefasst war, wuchsen in seinem Inneren neben Eichen, Akazien, Linden, Eiben und Ulmen auch mächtige Mammutbäume, niedrige Palmenarten mit fleischigen, essbaren Blättern und Früchten, baumhohe Farne, Stauden mit irisierenden Blüten, Haselsträucher, Dornbüsche mit kastanienähnlichen Fruchtknollen, Pilze in Manneshöhe in allen Formen und Farben des Regenbogens.

Morbidia hatte uns am Tag zuvor verboten den Wald alleine zu betreten. Jetzt grinste sie. „Das solltet ihr nur nicht, weil man sich schnell verlaufen kann, wenn man sich nicht auskennt. Unsere Hexen und Hexenmeister sind friedliche Leute, die hier ihrer Arbeit nachgehen, ihr altes Wissen bewahren und neues erschaffen. Sie tun euch nichts zuleide.“

Wir erreichten den Waldrand und staunten, als wir eine große Lichtung erreichten, in deren Mitte ein Cottage stand, wie wir es aus Britannien kannten. Hohe Ginsterbüsche bildeten eine dichte Hecke von den Seiten bis zur Rückwand. Kletterrosen, wilder Wein und Blaureben umrankten Fenster und Haustür. Angenehmer Duft nach Blumen und Kräutern streichelte unsere Sinne. Eine braun-weiß gefiederte Eule erhob sich vom Dachfirst und landete auf Morbidias Schulter. Sie fixierte uns aus klugen Augen und fand was sie sah wohl wenig interessant. Daher kümmerte sie sich nicht weiter um uns. Sie begann stattdessen gleichmütig ihre Federn zu glätten.

Vor der Haustür erwartete uns eine hochgewachsene, kräftige Frau mit langen, weißen Zöpfen. Sie war mit einer hellblauen Mönchskutte bekleidet. An einer silbernen Schnur um ihre Mitte trug sie einen Dolch und eine kleine Sichel. Auf ihrer Stirn prangte eine ungewöhnliche Tätowierung, ein silberner Vollmond eingebettet in die Höhlung eines blauen Halbmondes.

„Im Namen der Göttin, seid willkommen“, rief sie uns zu und bedeutete uns abzusteigen. Morbidia sprang vom Pferd. „Danke Darvina.“ Sie umarmte die Frau. Das also war Darvina, eine Hexe. Ich kam mir entsetzlich kindisch vor, wenn ich an die letzten angstvollen Stunden dachte.

„So, so, ihr hattet Angst vor uns“, lachte Darvina laut und herzlich. „Ausgerechnet. Wo wir doch allen Grund haben, uns seit Jahrhunderten vor euch Christenmenschen zu verstecken. Den edlen christlichen Glaubensbrüdern und –schwestern, zu denen gehört ihr doch, oder?“ „Nur halb und halb“. Morbidia blinzelte mir zu. Darvina jedoch schmunzelte, als sie Lotta dabei erwischte, wie diese schnell ein silbernes Kreuz im Halsausschnitt ihres Sweatshirts verschwinden ließ.

Darvina lud uns in ihr Häuschen ein. Ich wurde ein wenig neidisch, als ich das Innere sah. Eine solch anheimelnde Wohnküche hatte ich mir immer gewünscht. Der alte Emailherd mit dem Gestänge darüber, an dem Töpfe, Pfannen, Schöpfkellen und andere Küchengeräte an Fleischerhaken baumelten. Der massive Eichentisch, den ein Krug mit Wiesenblumen zierte. Der Boden aus dunklen Holzbalken, frisch gebohnert, nach Bienenwachs duftend. Kräuterbündel, die einen betörenden Geruch verströmten. Auf Regalen standen Töpfchen, Tiegelchen und Fläschchen, ihr Inhalt so fremdartig wie diese Welt.

Darvina hatte den Tisch für uns gedeckt: ein riesiger, noch warmer Apfelkuchen, eine Schüssel Schlagsahne und eine große Porzellankanne frisch gebrühten Bohnenkaffees. Es kam uns vor, als würde in dieser Welt immerzu gegessen. Vielleicht waren wir aber auch nur diese Fülle nicht mehr gewöhnt.

Wir saßen auf grob gezimmerten Holzbänken und Hockern und ließen es uns schmecken. Darvina lächelte. „Der Apfel. Die Lieblingsfrucht der Göttin. So wisset: die Schlange ist eine Erscheinungsform der Mutter. Sie WOLLTE, dass die Menschen Wissen und Erkenntnis erlangen. Und was habt ihr daraus gemacht? Eine Schlange, die die Frau zur Sünde verführte. Eva hatte kapiert, worum es ging. Adam war zu dämlich. Er dachte mit dem Schwanz, deshalb das Feigenblatt.“

Dann begann sie zu erzählen. „Ich war die Tochter einer Kräuterfrau und Hebamme, erblickte 1644 das Licht der Welt. Meine Mutter brachte mir das alte Wissen bei über die Tiere, die Insekten und Pflanzen der Wiesen, Felder und Wälder und vieles mehr. So bald ich alt genug dazu war, lernte ich, einen neuen Menschen in die Welt zu holen, einem alten das Heimgehen zu erleichtern und einen kranken zu heilen oder von seinem Leiden zu erlösen. Wir verehrten die Göttin, die uns dieses Wissen geschenkt hatte und feierten die althergebrachten Feste ihr zu Ehren.

Als ich vierzehn Jahre alt war, holten uns die Pfaffen und sperrten uns in den Kerker. Wir seien mit ihrem Teufel im Bunde, trieben Unzucht mit ihm, warfen sie uns vor. In unserem Glauben gibt und gab es keinen Teufel und keine Unzucht. Deshalb wehrten wir uns gegen diese Beschuldigungen. Sie quälten und folterten uns so lange, bis wir Dinge gestanden, die nicht der Wahrheit entsprachen. Viele Hexen und Hexenmeister starben auf den Scheiterhaufen dieser Christenbrut. Selbst Menschen, die nicht zur Hexengilde gehörten, die Verleumdungen zum Opfer fielen, aus Hass und Neid geboren. Meine Mutter, ich und einige andere wurden von den Balgaren gerettet. In buchstäblich letzter Sekunde. Nur wenige waren durch die abscheulichen Foltermethoden noch in der Lage Kinder zu zeugen oder zu gebären. Lord Darjal schenkte uns deshalb ein langes Leben, dass wir das alte Wissen bewahren und neues hinzufügen können.“

Bedrücktes Schweigen folgte ihren Worten. Ich bemerkte, wie Lottas Silberkreuz in der Tiefe ihrer Hosentasche versank.

Wir hätten gerne das Tal der Göttin besucht, in dem die Priesterinnen lebten. Leider blieb uns der Zugang verwehrt. Darvina führte uns trotzdem über die Wiesen hinter ihrem Haus zu dem Hügel mit dem magischen Baum und der heiligen Quelle. Zwei Wege standen zur Wahl. Einer, der steil nach oben führte und einer, der sich in sanften Windungen hinaufschlängelte. Wir entschieden uns für den Serpentinenweg. Zum Kraxeln hatte keiner Lust, es war zu warm. Wir genossen den Ausblick auf Berge, Wiesen, Wald und dahinter auf eine mittelalterliche Burg. Wendelstein, unser nächstes Ziel. Am Waldrand faulenzte ein kleines Rudel Rotwild im Schatten hoher Tannen. Auf den Wiesen futterten Kaninchen sich das Ränzlein voll. Mit Giersch und Schafgarbe, erklärte uns Darvina. Vogelgezwitscher und Bienengesumm begleiteten uns den Hügel hinauf. Wir erlebten eine Idylle, die wir von zuhause aus nicht mehr kannten.

Die Göttin liebt die Bienen, lernten wir, und die Priesterinnen achten sie, weil sie den Honig aus den zarten Blüten saugen ohne diese zu zerstören. Honig war heilig und in den frühen Zeiten eine Opfergabe für Götter und Ahnen. Honigkuchen galten als segensreiche Speise und durften nur in den Weihenächten des Mittwinters verzehrt werden.