Ich bleibe Ich - anna wittig - E-Book

Ich bleibe Ich E-Book

anna wittig

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Beschreibung

1949 geboren, ein Nachkriegskind, das noch in den Ruinen spielte und die Notzeit kennenlernte. Das das Glück hatte mit weisen Frauen aufzuwachsen. Das lernte, dass Mama und Prügel das gleiche bedeuten. Das sich seine Freiheit erkämpfte, die Schule an den Nagel hängte, eine Ausbildung absolvierte, und sich entgegen aller Weisungen seine Freunde, Berühmte und nicht Berühmte, selbst aussuchte. Das Hippies liebte, in Berlin aktiv an den Studentenrevolten teilnahm. Eine junge Frau, die ihre große Liebe traf, sie an den Tod verlor, in der gleichen Nacht durch Gewalteinwirkung eine Fehlgeburt erlitt, nie mehr Kinder bekommen konnte. Ein Freund brachte sie schwer krank und suizidgefährdet nach Australien zu seinen Verwandten, weit weg vom Ort des Geschehens. Eine Aborigine-Heilerin und ein Rockstar verhalfen ihr zurück ins Leben. Viele Menschen weinten bisher mit ihr, weil sie nachvollziehen konnten, dass manche Wunden niemals völlig heilen.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2017

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anna wittig

Ich bleibe Ich

Eine Autobiografie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Prolog

2 Über mich

3 Großmütter

4 Morgenmeditation 2016

5 Harte Lehrjahre bei Mama

6 Jutta und ihr Jugendwahn 2016

7 Beste Freunde

8 Baummeditation 2016

9 Begegnung mit einem Hippie

10 Hippie-Freunde

11 Der Donnerstagskreis 2016

12 Berlin

14 Günter Grass

15 Mika

16 Doris und die Engelfrage 2016

17 Studenten-WG

18 Vietnamkongress und Demonstration

19 Rudi Dutschke

20 Leo

21 Gründonnerstag 1968 - Attentat auf Dutschke

22 Ostern 1968 – Straßenkrieg

23 Ostersonntag – Landfriedensbruch?

24 Veränderung

25 Jimi Hendrix

26 Abschied von Berlin

27 Das Leben ist wundervoll. Es gibt Augenblicke, da möchte man sterben. Aber dann geschieht etwas Neues, und man glaubt, man sei im Himmel. (Edith Piaf)

28 England

29 Free Stones Concert im Hyde Park 5. Juli 1969

30 Amesbury und Avebury

31 Salisbury

32 Stonehenge

33 Einfach nur Leben

34 Afrika

35 Gast bei den Sérèrn

36 Gast bei den Bassari

37 Biyil, Syaboutyara und merkwürdige Bräuche

38 Opferung

39 Mali, Iréne und die Bambara

40 Ein Besuch im Dorf

41 Sight-Seeing-Touren

42 Die Bambara - das Volk

43 Fest im Bambara-Dorf

44 Beinbruch

45 Gast bei den Dogon

46 Besuch beim Hogon

47 Die „Vogelnest“-Dörfer und ein Flirt mit einem Totemtier

48 Abschied

49 Guinea

50 Bei den Kissi – Gewitter im Regenwald

51 Abstecher – Waldguinea

52 Die letzte Etappe

53 Barra – Zu Gast bei Fionn und Mary

54 Letzter Reisetag – Die Steinkreise von Wassu und Kerr Batch

55 Überwiegend glückliche Zeiten

56 Feindschaft

57 Schottland

58 Urquhart Castle – Loch Ness - Corrimony Cairn – Feld von Culloden

59 Highland-Wanderung mit John und Jochen

60 Letzter Urlaubstag – Highlandwanderung mit John

61 Johns Opfer bei Vollmond 2016

62 Überraschung

63 Nichts ist gefährlicher, als vollkommen sicher zu sein. (Lisz Hirn)

64 Schwarz

65 Rückkehr ins Leben

66 Rettung

67 Auf dem Weg zur Heilung

68 Heilungsritual - Genesung

69 Zeitspanne 1949 bis 1975

70 Danke

Impressum neobooks

1 Prolog

„Schreib ein Buch, Anna.“ Ich schaue Nataraj an. Meinen indischen Freund aus alten Hippietagen. Meinen persönlichen Supervisor. Ich schaue ihn an, als hätte er den Verstand verloren, wäre von einem auf den anderen Augenblick zum dementen Schatten seiner selbst mutiert. „Ein Buch?“, frage ich irritiert, „worüber denn?“

Nataraj lacht sein meckerndes Altmännerlachen. Er ist alt geworden, achtundachtzig schätze ich, und lebt seit langem sehr zurückgezogen. Ich betrachte es als Privileg, ihm weiterhin auf die Nerven gehen zu dürfen. Wobei ich oft bezweifle, dass er so etwas Profanes wie Nerven in seinem Körper beherbergt. Er ist mittlerweile so dünn wie ein Suppenspargel und so faltig wie ein Plisseerock. Ich setze mich ihm gegenüber auf ein Kissen. Im Schneidersitz. Er bevorzugt nach wie vor den originalen Lotossitz. Anscheinend hat er auch keine Gelenke. Zumindest keine, die bei einer solchen Verrenkung schmerzen. Ich spiele mit dem Peacezeichen, das an einer Kette um meinen Hals hängt. Nataraj bemerkt es und nickt. „Sieht so aus, als könnte die Welt das wieder brauchen.“

„Sieht so aus“, antworte ich, „als hätten wir es nie in der Schublade versenken dürfen.“

Ich habe meinen Freund aus einem bestimmten Grund aufgesucht: An mich ist eine Frage herangetragen worden, auf die ich keine Antwort weiß. Wie wird man eine „spirituelle Lebensberaterin“? Es fiel mir auf, dass ich mir darüber nie Gedanken gemacht habe. Für mich ist diese Arbeit eine Bestimmung. Die logische Fortsetzung meiner unorthodoxen Lebensgeschichte.

„Die Frage dieser Frau ist berechtigt“, belehrt mich Nataraj. „Wie wird man zu dem, was man ist? Geh deinen Lebensweg Schritt für Schritt zurück. Nimm ihn noch einmal genau unter die Lupe. Du wirst erkennen, dass er vorgezeichnet war. Die Spiritualität ist ein Teil von dir. Dazu trug vielerlei bei. Die Erziehung durch deine Großmütter, Menschen, denen du begegnetest, Gutes und Schlechtes, das dir widerfuhr. Hinzu kam dein Interesse an alten Religionen und Gesellschaftsstrukturen. Du hast Philosophie studiert und nach Antworten gesucht. Betrachte alles aus heutiger Sicht. Das wird dich zur Lösung führen.“

Ich grüble über seinen Worten. „Wenn ich ein solches Buch schreiben würde“, frage ich, „womit sollte ich, deiner Meinung nach, beginnen?“ Und würde im selben Moment diesen Satz gerne wieder dorthin zurückstopfen, wo er herkam.

Schon zieht Nataraj die dichten, weißen Brauen hoch. Die Runzeln um seine Augen vertiefen sich zu kleinen Gräben. „Eine solche Frage aus deinem Mund, Kind? Womit fängt man wohl an? Mit dem Anfang natürlich, mit deiner Geburt. Beschreite nochmals alle Wege, die du gegangen bist. Auch, wenn es dich manches Mal schmerzen wird.“

Er hebt segnend die Hände. Meine Audienz ist für dieses Mal beendet. »Ich denke darüber nach«, verspreche ich, verneige mich respektvoll vor ihm und ziehe leise die Tür hinter mir ins Schloss.

Ich soll fremden Menschen tiefe Einblicke in mein Leben gewähren? Oh, Nataraj. Das kann nicht dein Ernst sein. Ich führe von Anfang an ein Krisenleben, das wie ein Tornado über mich hinwegfegt. Mich an der einen Stelle aufsaugt und an einer anderen ausspuckt. Es kribbelt mich, wenn ich nur daran denke.

Ich brauche über ein Jahr und mehrere Sitzungen mit Nataraj, um mich mit diesem Gedanken anzufreunden.

2 Über mich

Ich arbeite als psychologische Beraterin und »spirituelle« Lehrerin. „Spirituell“ heißt für mich eine persönliche, durch Erfahrung geprägte Weltsicht, eine mir eigene Philosophie, keinesfalls ein Abtauchen in religiösen oder pseudoreligiösen Nebel.

Im Gegenteil, ich bin sehr weltlich orientiert, hinterfrage kritisch, glaube, denke, sage und tue, was ich will. Nicht das, was andere von mir erwarten. Das habe ich mir längst abgewöhnt. „Meine Mädels“ kommen mit Problemen zu mir, bei denen ich mit beiden Beinen fest in der Erde verankert sein muss. Die keinen Raum für Spielereien lassen.

Ich arbeite auch mit einer Frauengruppe, die es liebt, mit mir „herumzuspinnen“. Beispielsweise über eine lebbarere Welt zu diskutieren. Wir verlieren uns dann in anarchistischen Utopien. Das klingt für Euch nach „Chaos“? Im Gegenteil, es geht um eine andere „Ordnung“. Wir reden über menschliche Bedürfnisse, Lebensnotwendigkeiten und Freiheit, nur um festzustellen, dass „Mensch“ zu kurz kommt. Reden über unsere Erde, über deren Bedürfnisse und stellen fest, dass „Erde“ zu kurz kommt. Wir gelangen immer wieder zu dem gleichen Schluss: Etwas läuft falsch. Denn: Wir möchten in einer friedlichen Welt leben, in der die Natur respektiert wird. In der Liebe und Miteinander zum Alltag gehören. In der wir nicht an Einkommen, gesellschaftlichem Status, Herkunft oder Glauben gemessen werden.

Das bedeutet nicht „Gleichmacherei“, wie mancher vermuten mag. Die gibt es nicht. Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig. In „unserer Welt“ darf und soll er das auch sein. In erster Linie Mensch! Kein Schäfchen für eine Religion, kein Stimmvieh für eine Politik, kein Soldat für einen Krieg, kein Sklave einer menschenverachtenden Wirtschaft.

Utopie? Was ist nicht schon alles aus „Utopien“ hervorgegangen? Leider hat man immer nur das weiterentwickelt, was der Erde und dem Menschen letztendlich schadete. Wir haben nur diesen einen Lebensraum. Wir sollten deshalb akzeptieren, dass unsere Welt keine Grenzen, keine Nationen, keine Rassen und keine Religionen kennt. „Das Land gehört nicht uns, wir gehören dem Land“, lehrten die Kelten. Und außer ihnen auch andere Völker, an die wir uns nicht einmal mehr erinnerten, würden wir nicht nach ihren Hinterlassenschaften buddeln und ihre Gräber schänden.

Die Natur hat uns nicht geschaffen, dass wir sie zerstören, sondern damit wir sie bewahren, zum Wohle allen Lebens auf diesem Planeten. Wie also können wir Bücher verehren, in denen geschrieben steht, dass wir uns die Erde untertan machen sollen und somit alles, was darauf existiert?

Wie können wir Religionen zustimmen, die darauf beharren, dass das Weibliche dem Männlichen untertan ist? Ohne die Fähigkeit des Weiblichen die Frucht gedeihen zu lassen und sie ans Licht zu bringen, wären wir nicht vorhanden. Wie kommen die Vertreter dieser Religionen dazu, über Wert und Unwert fremder Kulturen zu urteilen? Jene auszumerzen, die lange vor ihrer Zeit diese Erde schon bevölkerten?

Ich schreibe über mein Leben nicht, weil ich es so außergewöhnlich interessant finde, dass jeder daran teilhaben muss. Würde ich das denken, hätte ich längst eine eigene Doku-Soap bei RTL2. Ich schreibe darüber, weil mir außergewöhnliche Menschen begegneten, manche bekannt, manche so unbekannt wie ich. Menschen, von denen mich die einen nur eine Stunde, die anderen eine Wegstrecke lang begleiteten. Alle beeindruckten mich oder formten mich auf ihre Art.

So ist es auch mit Orten, die ich besuchte oder Ereignissen, denen ich beiwohnte. Ich lernte Arme und Reiche unterschiedlichster Rassen, Nationen und Religionen kennen. Ich geriet nie in Versuchung, mich besser oder schlechter zu fühlen, als sie es waren. Ich habe gute und katastrophale Zeiten durchlebt. Habe gelacht, geliebt, geweint und gelitten, genau wie andere Menschen auch. Mein Motto ist stets das gleiche geblieben: ich war ich, ich bleibe ich, wollte und will nichts anderes sein. Auch wenn das oft bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen und sich blaue Flecken zu holen.

3 Großmütter

Ich wuchs in der Familie meiner Mutter auf. Anders als zu dieser Zeit üblich, lebten bei uns Mann und Frau in einer gleichberechtigten Partnerschaft. Sie kommunizierten nicht nur auf Augenhöhe miteinander: Die Frauen waren mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, die oft die der Männer überstiegen. Wohl gemerkt nur in meiner Mutterlinie. Von meiner Vaterlinie weiß ich nicht viel, vermute aber, dass diese Oma ihre Familie ganz ordentlich unter ihrer Fuchtel hatte.

Hätte jemand meinen Großmüttern gesagt, dass sie eigentlich in einem »Matriarchat« lebten, hätten sie ihn ausgelacht. Sie bestanden darauf, dass sie nur den ihnen zustehenden Platz in Familie und Gesellschaft einnahmen und über Generationen hinweg gesammeltes „Frauenwissen“ hüteten.

Meine Eltern ließen sich kurz nach meiner Geburt scheiden. Sie zeigten beide kein sonderliches Interesse an mir, da sie vorwiegend mit sich selbst und ihren neuen Partnern beschäftigt waren. Mein Großvater ersetzte mir liebevoll den Vater, verstarb aber viel zu früh, kurz vor meinem vierten Geburtstag. Ich blieb mit vier Frauen zurück: Urgroßmutter, Großmutter, zwei Großtanten. Sobald ich verständig genug war, klärten sie mich über die minderwertige Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft und die Missstände in Politik und Kirche auf.

Damals führte kein Weg an der christlichen Religion vorbei. Aus dem Grund waren wir alle getauft und konfirmiert. Meine Erziehung gestaltete sich jedoch völlig anders. Bevor Gott, Maria, das Jesuskindlein, die Engelchen und der Teufel sich in meinem kindlichen Verstand einnisten konnten, war er längst von keltischen und germanischen Gottheiten infiltriert. Unsere Ahnen behüteten mich, wenn ich mit den Geschöpfen der Göttin spielte, den Elfen, Zwergen und Feen. Klar wagte sich manchmal auch ein Troll in meine Nähe, aber den vertrieben die Frauen recht rasch mit Gehstöcken und Regenschirmen.

Meinen Großmüttern waren die monotheistischen Religionen allesamt suspekt. Von Paradies, Hölle und Sünde wollten sie gleich gar nichts wissen. Das Einzige, was zählte war der Glaube. Eine rein persönliche Angelegenheit. Sie verehrten die Göttin in ihrer Dreifaltigkeit: die Jungfrau im Frühling, die Mutter im Sommer, die alte Weise im Herbst und Winter. Sie offenbarte sich in der Natur. Die Frauen lehrten mich, dass der Mensch nicht ohne die Natur, die Natur aber sehr wohl ohne den Menschen auskommen kann.

Ich wuchs schon Mitte der 50er Jahre mit Ritualen auf, die sich erst in den 70ern und 80ern langsam wieder etablierten. Zu jener Zeit suchten die Menschen nach Alternativen zu den Staatsreligionen, strandeten aber meistens in einer esoterischen Nebelsuppe.

So weit ich mich in der Familiengeschichte zurücktasten kann, besuchten unsere Frauen und Männer immer die Schule und erlernten einen Beruf. Die „Hausfrau“ als solche gab es nicht. Das konnte man sich finanziell nicht leisten und strebte es auch nicht an. Die Worte „Bücher“ und „Weiterbildung“ wurden großgeschrieben, egal, welche Ausbildung man durchlief. Bei uns war alles vertreten, von Putzfrauen bis zu ProfessorInnen. Alle saßen bei Familienfeten am in bunter Reihe am gleichen Tisch, weil es keine hierarchischen Unterscheidungen gab.

Ich habe einige Bücher zum Thema »Emanzipation« gelesen. Ich würde es manchen Autorinnen gönnen, sich mit meinen Großmütter auseinandersetzen zu müssen. Denen, die glauben darüber urteilen zu können, welche Frauen der »Unterschicht« oder der »Gruppe der Unterprivilegierten« zuzurechnen sind. Zu Letzteren zählen sie auch Altenpflegerinnen, Kindergärtnerinnen und Frisörinnen. Diesen Damen hätten meine Großmütter nachdrücklich davon abgeraten, weitere „Pamphlete“ zu verbreiten. Wenn Akademikerinnen und andere »Eliteweibchen« sich erdreisten, Frauen in »Schichten« einzuteilen, wird die Frauenbewegung ad absurdum geführt. Es steht uns nicht zu, unsere Mitfrauen herabzuwürdigen. Sonst erweist sich die »Emanzipation« als »Nullnummer«.

Meine vier weisen Alten trichterten mir den Respekt vor der Natur in all ihren Erscheinungsformen ein. Ebenso den Abscheu vor Leuten, die aus reiner Macht- und Besitzgier Mensch und Natur ausbeuten. Ich lernte bereits in diesen jungen Jahren, dass es Dinge gab, die unverzichtbar waren: Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf (und natürlich Bücher, ein Gläschen Rotwein und Tabak). Alles andere war „Luxus“, den man sich ab und an gönnen konnte, schließlich wurde auch er uns vom Göttlichen geschenkt. Aber: „Luxus“ durfte genutzt jedoch nicht zum „Götzen“ erhoben werden. Wahrscheinlich bin ich wegen dieser Erziehung niemals wohlhabend oder gar reich geworden, trotz bester Ausbildung.

Sie weihten mich in die „heiligen Mysterien der Frauen“ ein, Geburt, Tod und Wiedergeburt. Mit ziemlicher Sicherheit würden sie sich im Grabe umdrehen, wenn sie von Männern hörten, die in Schwangerschaftskursen mithecheln. Undenkbar für sie Väter, die im Kreißsaal Videos von der Geburt der Sprösslinge drehen. „Geburt“ war ausschließlich ein „Frauending“.

Ich wuchs, unter Anleitung der Großmütter, zu einem charakterstarken Mädchen heran, das sich durch ein recht turbulentes Leben kämpfte. Das aber niemals aufgab oder seinen Prinzipien zuwiderhandelte. „Göttinnen, Götter und Ahnen“ passten ein Leben lang darauf auf, dass mir nichts Schlimmeres passierte als das Leben selbst. Kam ich doch einmal in eine Situation, die ich alleine nicht bewältigen konnte, schickten sie mir Menschen, keine Engel, die mir im entscheidenden Augenblick zur Seite standen.

Ich liebte meine „Großmütter“ und meinen Großvater abgöttisch und weiß, dass ihre Seelen über mich wachen, sofern sie nicht schon wiedergeboren sind.

4 Morgenmeditation 2016

Dämmerung. Noch blinken vereinzelte Sterne am grauen Himmel. Die Sichel der zunehmenden Mondin verblasst bereits. Vier Frauen begleiten mich heute zur Morgenmeditation. Wir haben das Auto auf dem nahen Parkplatz abgestellt und nehmen den Fußweg, der uns zum Weiher führt. Es ist still. Wir treffen weder auf die Hundebesitzer noch auf die Reiter, die sonst ihre Tiere hier ausführen.

Ein leichter Wind kräuselt das dunkle, stille Gewässer. Er streicht sacht durch die Gräser am Ufer. Die Krone eines umgestürzten Baumstammes ruht im Wasser, das mächtige Wurzelwerk auf dem Pfad. Tief in seinem Inneren leben die Feen. Wir haben ihnen Haferplätzchen und ein Schälchen Milch mitgebracht, die wir am Fuß ihrer Behausung hinterlassen. In dieser Umgebung an Feen und Elfen zu glauben fällt nicht schwer, auf jeden Fall leichter als der Glaube an Engelein und Teufelchen.

Während wir den Weiher umrunden, begrüßen wir die Bäume, Eichen und Birken, alte Freunde. Ein Wispern dringt aus ihren Zweigen. Nur der Wind oder doch ihr freundlicher Willkommensgruß? Wir lassen uns an unserem Stammplatz nieder. Irgendwo stimmt ein Vogel sein verschlafenes Lied an.

Wir richten unsere Augen nach Osten, wo uns die schwache Morgenröte verrät, dass die Ankunft des Sonnenkönigs naht. Als die ersten Strahlen uns erreichen, schließen wir die Augen und begrüßen den neuen Tag. Vor allem freuen wir uns auf die Wärme, denn hier am Wasser unter den Bäumen ist es kühl.

Wir nehmen Helligkeit und Wärme in uns auf, die sich an unserem Scheitelpunkt sammeln. Von dort gleiten sie durch unsere Körper, bis sie durch die Zehenspitzen in die Erde dringen. Wir spenden der Erdmutter die männliche, helle Energie, die für Kreativität und Inspiration steht. Wir leeren unsere Lungen, ziehen mit dem erneuten Einatmen die Kraft der weiblichen, dunklen Energie ein, die uns Sanftheit, Ruhe und Entspannung bringt. Noch ein paar genussvolle Atemzüge, dann öffnen wir unsere Augen wieder. Wir haben einen Bogen zwischen Himmel und Erde gespannt und uns mit ihm verbunden. Jemand, der das noch nie erlebt hat, wird das vielleicht für esoterisches Geschwafel halten. Ich meditiere seit vierzig Jahren, nenne es „Wellness für die Seele“, und meine Mädels stimmen mir zu.

Inzwischen ist es ganz hell auf unserer Lichtung. Das Wäldchen ist zum Leben erwacht. Vögel singen, Hunde bellen, das Hufgetrappel eines Pferdes ist zu hören und über uns turnt ein Eichhörnchen durchs Geäst.

Ich schaue in die Runde und sehe lächelnde, zufriedene Gesichter. Die Frauen recken und strecken sich. Laura packt unser Frühstück aus, eine Thermoskanne mit Kaffee und belegte Brötchen. Den ersten Schluck aus meinem Becher bekommt die Erde, und als wir uns verabschieden, lassen wir einen Apfel zurück, als Dank an Mutter Natur.

5 Harte Lehrjahre bei Mama

Nach einer unbeschwerten Zeit bei den Großmüttern erinnerte sich meine Mutter daran, dass sie neben den beiden Kindern aus zweiter Ehe, zusätzlich eine Tochter aus erster Ehe hatte. Es hagelte von Seiten der Großmütter lautstarke Proteste, als sie mich zu sich holen wollte. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, gliederte sie mich in ihre Familie ein, mit dem Ziel mich, das „verzogene“ Gör, „auf Kurs zu bringen“. Obendrein winkte da noch die nicht unerhebliche monatliche Unterhaltsleistung meines Vaters. Ein lohnender Anreiz für die „Zwangsintegration“.

Mama nahm die Emanzipation vorweg und „patriarchalisierte“ sich. Das heißt, sie beherrschte mit Jähzorn und Aggression Mann, Kinder, Schüler und Lehrerkollegen. Ich sah mich mit einem Schlag mit Dingen konfrontiert, die ich vorher nur vom Hörensagen kannte: Kindergottesdienst, Prügel, Hausarbeit und Babygeschrei. Kaum Zeit für Hausaufgaben, kein eigener Platz mehr für mich. Und vor allem: Keine Liebe, keine Geborgenheit.

Meine Mutter war ein Produkt ihrer Zeit: Bund deutscher Mädchen und einen Kopf voller brauner Suppe, Schutz und Schulbildung bis zum Abitur in einem katholischen Klosterinternat über die Kriegsjahre hinweg. Eine Mischung aus der nichts Vernünftiges entstehen konnte. Sie verinnerlichte die Erziehungsmethoden von Johanna Harrer, einer Ärztin und glühenden Hitler-Verehrerin, unter denen nicht nur Harrers eigene Kinder litten. Man schurigelte uns nach diesen Methoden bis in die späten 60er Jahre hinein. Wären meine Großmütter dieser Teufelin habhaft geworden, sie hätten sie mit dem Teppichklopfer außer Landes gejagt.

Obwohl ich mit Hausarbeiten und Kinderbetreuung alle Hände voll zu tun hatte, hielt ich in der Schule meinen Notendurchschnitt von 1,5 aufrecht. Der Grund, weshalb ich mich nach Beendigung der vierten Klasse in einem „Lyzeum für höhere Töchter“ wiederfand. Mein biologischer Erzeuger wurde tüchtig zur Kasse gebeten. Zusätzlich zum Unterhalt fielen jetzt die Zahlung des monatlichen Schulgeldes und teurer Schulbücher an. Andere überflüssige Nebensächlichkeiten kamen hinzu. Mama verstand sich in diesem Fall aufs Schröpfen.

Ich war das Opfer der gehässigen Spielchen, die zwischen „Mama und Papa“ abliefen. Da ich mit dem Lebensstil meiner Mitschülerinnen nicht mithalten konnte, wurde ich von Beginn an zur Außenseiterin, trotz „Akademiker-Eltern“. Ich lebte im Haushalt meines Stiefvaters, einem gewöhnlichen Arbeiter. In der bescheidenen Wohnung gab es keinen Platz für ein zweites Kinderzimmer. Ich konnte niemanden zu mir einladen und daher auch keine Einladungen annehmen. Ich bekam kein Taschengeld wie die anderen Mädchen, ging nicht zum Tennis oder Reiten und verfügte auch sonst über keinen Wohlstandsschnickschnack.

LehrerInnen und Mitschülerinnen ließen mich die nächsten sechs Jahre spüren, dass ich „unterprivilegiert“ war. Ungeachtet der Tatsache, dass ich keinen Wert auf das Prädikat „privilegiert“ legte. Die Mädchen verachteten mich, weil ich nichts hatte, um mich „aufzupupsen“. Ich verachtete umgekehrt sie ob ihrer Angeberei und Oberflächlichkeit.

Die Religionslehrerin nannte mich „respektlos und gotteslästerlich“, da ich sie mit intelligenten Fragen zu Bibelinhalten in Verlegenheit brachte. In allen anderen Fächern purzelten meine Noten ebenfalls kellerwärts. Selbst im Deutschunterricht, den ich normalerweise heiß und innig liebte, ließen meine Leistungen nach. Für Oberstudienrätin Dr. Wacker schrieb ich zu „kreative und phantasievolle“ Aufsätze. Des Weiteren weigerte ich mich Gedichte wie „Die Meise“ von Werner Bergengruen auswendig zu lernen, da ich es für langweilige Zeitverschwendung hielt.

Mit fünfzehn bestand ich die Mittlere-Reife-Prüfung. Mit einem, zugegebenermaßen, miserablen Zeugnis. Es war mir egal, da ich nicht die Absicht hatte, je wieder einen Fuß in diese Schule zu setzen. Meine Mutter empfand das als „renitent“ und verprügelte mich, ohne Erfolg, mit Stiefpapas Ledergürtel. Eine Unterredung mit meinem Vater nützte ihr ebenfalls nichts. Vielmehr unterstützte er meinen Drang nach Befreiung von den schulischen Fesseln. Nicht mir, sondern seinem Konto zuliebe. Ich entschloss mich zu einer Ausbildung in der Hotellerie, weil diese die einzige Möglichkeit bot, der familiären Knechtschaft frühzeitig zu entkommen.

Ich fühle mich meinen Großmüttern gegenüber noch heute zu Dank verpflichtet. Ohne ihre weise Einführung ins Leben hätten mir Mutter, Schule und Kirchensklaven das Rückgrat, wenn nicht gänzlich gebrochen, so doch zumindest stark verbogen.

6 Jutta und ihr Jugendwahn 2016

Jutta sprengt mir die Frauengruppe. Mitten in einer Diskussion über Doris Wolfs Buch „Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens“. Das Buch ist lesenswert, Jutta mal wieder unausstehlich desinteressiert. In ihrem Kopf toben sich andere Hirnfürzchen aus. Plötzlich sind alle in das Thema „die Schönheit ägyptischer Frauen, Kleopatra und ein Bad in Eselsmilch“ verstrickt. Es entwickelt rasch eine Eigendynamik.

Jutta und ihr Schönheitstick. Es ist jedes Mal das Gleiche. Ich lasse das Ganze eine Weile laufen, bis ich genug habe von jeglichem „Brigitte“-Schwachsinnn. Ich lade sie für den nächsten Tag auf einen Kaffee und ein Gespräch von »Frau zu Frau« ein. Vorausgesetzt, sie hält für den Rest des Abends ihren Schnabel.

Jutta ist pünktlich, der Espresso dampft in den Tässchen. Ich nehme mir vor, heute herauszufinden, wo Jutta der Schuh wirklich drückt. Eher lasse ich sie nicht gehen. Ich bin ehrlich, nenne ihr den Grund meiner Einladung, bin jedoch nicht auf die Tränenflut gefasst, die ich damit auslöse. Ich nehme sie in den Arm und warte, bis nur noch ab und zu ein herzergreifender Schluchzer ihrer Kehle entrinnt.

Im Anschluss erfahre ich die übliche Geschichte: Alter Narr vögelt junge Kollegin. Kann ja mal vorkommen. Für Jutta stellt das allerdings ein Drama dar. Sie schleppt einen drei Tonnen schweren „Ich-bin-alt-und-hässlich“-Komplex mit sich herum und kriegt den Blues. Sie findet sich fett, unattraktiv und reizlos. Was kompletter Blödsinn ist, da sie mit ihren sechsundfünfzig Jahren eine passable Figur, schönes Haar und ein interessantes Gesicht hat. Nur der trotzige Blick in den Augen und der verkniffene Zug um den Mund stören den Gesamteindruck.

Ab vierzig sind wir eben alle keine Barbies mehr, haben aber eine Reihe anderer Vorzüge. Dafür kann ich mich verbürgen. Männer bleiben auch nicht ihr Leben lang »Ken«. Sie bilden sich das zwar gerne ein, sind aber meistens nur beliebte „Brieftaschen“. „Sugardaddys“ eben.

Ich bin weder eine Expertin für Schönheit noch an dem Thema interessiert. Das Älterwerden verursacht mir keine Probleme, obwohl ich die Sechzig weit überschritten habe. Ich habe gute Gene und somit wenig Falten, obwohl ich ein Kosmetikmuffel bin. Wenn ich mich vor dem Spiegel „aufhübsche“, mache ich das ausschließlich für mich. Das habe ich immer so gehalten, damit mussten meine Männer sich abfinden, und alle übrigen auch. Im Gegensatz zu früher wiege ich fünfzehn Kilo mehr, wem es nicht gefällt, der braucht mich nicht anzuschauen.

Jutta ist da anders gepolt. Sie hat ein echtes Problem mit sich selbst. Ich würde ihr gerne sagen: Lass den Alten laufen. Oder: Nimm dir einen Toyboy. Doch ich schlucke die Worte rechtzeitig hinunter. So, wie sie drauf ist, helfen sie ihr nicht. Sie faselt ohne Punkt und Komma von Gesichts-OPs, Fettabsaugungen und Bruststraffung. Ich denke derweil darüber nach, wie ich ihre Augen zum Blitzen bringen und den garstigen Zug um ihren Mund entkrampfen kann.

Nach und nach erschöpft sich ihr Verschönerungsrepertoire in ermüdenden Wiederholungen. Zeit, ihr meinen Gegenvorschlag zu unterbreiten: Selbstbewusstseinstraining, Meditation, Energiearbeit, Spaziergänge und Körperübungen. Sofort kommen gesunde Ernährung und das Wort »vegan« ins Spiel. Letzteres kommt nicht in Frage. Die Bemerkung „Ich züchte keine Veganer“ kann ich mir nicht verkneifen. Ich verspreche ihr, einen ausgewogenen Ernährungsplan zusammenzustellen, bei dem sie weder Vitamine noch Mineralstoffe substituieren muss. Bestimmt wird jemand aus der Gruppe an dem Programm teilnehmen. Ob es ihr hilft? Das weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen damit ihre Einstellung zu sich selbst zu ändern. Vier Wochen, dann schauen wir weiter.

Zu meiner Überraschung lässt sie sich auf das Experiment ein. Ich weise sie daraufhin, dass alles davon abhängt, dass sie am Ball bleibt. Ich betreue sie in der ersten Woche jeden Tag, danach nur noch einmal wöchentlich. Meinen Nerven zuliebe.

Sie fragt mich, was ich mir davon verspreche. Ich erkläre ihr, wie unsere Ausstrahlung auf andere wirkt. Ein entspanntes Lächeln, das die Augen erreicht, unverkrampfte Gesichtszüge und ein Gang, der unsere innere Energie zum Ausdruck bringt. Dafür braucht man keine Modelfigur, keinen aufgepumpten Busen, keine aufgespritzten Lippen. Man muss nicht wie dreißig aussehen. Ich mache ihr klar, dass ich das Tor zwar für sie öffnen kann, sie aber selbst hindurchgehen muss. Da führt kein Weg dran vorbei.

Sie betrachtet nachdenklich meine Gothic-Kleidung und meine langen Haare mit den kunterbunten Strähnen. Ich muss lachen. „Vergiss es, das ist nichts für dich.“ Wirklich nicht: Ich bin verrückt, sie ist elegant.

Um niemanden auf die Folter zu spannen: Die ganze Gruppe hat sich an ihrer Verwandlung beteiligt. Wir sind stolz auf unsere Arbeit, denn wir haben eine neue Jutta erschaffen. Ihr Mann ist völlig aus dem Häuschen. Das „junge Gemüse“ ist vergessen. Aber wie heißt es doch so schön im Märchen? „Ach wie gut, dass niemand weiß .....!“ Möge er lange unwissend bleiben.

7 Beste Freunde

Ich lernte Claus zu Beginn meiner Ausbildung kennen. Er hatte ursprünglich in Berlin Chemie studiert, sattelte jedoch um, weil er in einigen Jahren das Hotel seines Onkels übernehmen sollte.

Ich fand in ihm den großen Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte. Stattdessen drückte man mir nur ein nerviges Brüderchen aufs Auge. Gemeinsam mit Jeannine, seiner Verlobten, löste er mich Schritt für Schritt aus meinem familiären Umfeld heraus. Er verhalf mir zu einem Personalzimmer in unserem Ausbildungsbetrieb und fälschte geschickt meine Dienstpläne. Meine Mutter verlor bald den Überblick. Anfängliche Wut- und Gewaltausbrüche liefen mehr und mehr ins Leere. Ich lieferte gute Arbeit ab, daher standen auch meine Vorgesetzten hinter mir. Was immer sie unternahm, es fruchtete nicht. Ich hatte zum ersten Mal wieder Ruhe vor ihr.

Die Großmütter freuten sich von Herzen, als ich in den beiden jungen Menschen Freunde und Unterstützer fand. Sie selber kamen langsam in ein Alter, in dem ihnen die „neue Jugendkultur“ über den Kopf wuchs. Obwohl sie allem höchst aufgeschlossen gegenüberstanden. Jeannine betrachtete mit Abscheu die altbackenen Klamotten, in denen meine Mutter mich auf die Straße schickte. Sie plünderte ihren Kleiderschrank für mich und den ihrer Schwester gleich mit. Jeans und Superminikleidchen, die zu der Zeit dazugehörten, zu Hause aber auf dem Index standen. Ich brach in Jubel aus, als mir der Spiegel einen flotten Teenager der 60er/70er Jahre präsentierte.

Da Jeannine im Elsass arbeitete, hatte Claus oft Zeit für mich. Er zog mit mir um die Häuser, nahm mich mit ins Kino, zu Konzerten oder zum Tanzen. Die Mannheimer Ringstuben, ein provinzielles Pendant zum Hamburger Starclub, standen damals hoch im Kurs. Viele der Bands, die live dort auftraten, kannte er privat. Die Rainbows, die Rattles, die Lords ... Leute, die er in Berlin getroffen hatte. Man kann heute kaum mehr glauben, dass wir zu „My Baby, Baby balla, balla..“ wie irre herumhopsten und uns total cool vorkamen.

Claus legte die Bedingungen für unsere Ausflüge fest: Keine Drogen, keine unzüchtigen Handlungen in dunklen Ecken. Alkohol, Rauchen und Knutschen, alles in Maßen versteht sich, war erlaubt. Er, die erwachsene Begleitperson, konnte in Teufels Küche geraten, wenn ich über die Stränge schlug. Ich hielt die Regeln ein, weil ich das nicht wollte. Im Gegensatz zur heutigen Jugend waren die meisten von uns harmlose, einsichtige Kinder.

Im Heidelberger „Cave 54“, einem angesagten Studenten-Jazzkeller, der noch heute existiert, lernte ich Blues und Jazz kennen und lieben. Claus stellte mich seinen Szene-Freunden vor, die bald auch zu meinen wurden. Darunter Joy Fleming, Fritz Münzer, Saxophonist und Rhein-Neckar-Oberjazzer, seine Frau, die Sängerin Peggy Drake nebst den Musikern Joe Haider und Hartwig Bartz. Hartwig galt in jenen Tagen als bester deutscher Jazzschlagzeuger.

Sie nahmen mich anstandslos in ihrem Kreis auf, obwohl ich altersmäßig nicht dazupasste. Der Umgang mit ihnen, Claus und Jeannine trieb meine persönliche Entwicklung voran und stärkte mein Selbstbewusstsein. Die Großmütter, selbst sehr freiheitsliebend, unterstützten meinen Abnabelungsprozess.

8 Baummeditation 2016

Wecken am Sonntag um sechs Uhr. Brr... Welcher Morgenmuffel, außer mir, lässt sich auf solch einen Blödsinn ein? Ich schaue aus dem Fenster. Es regnet. Trotzdem dröhnt um sieben Uhr die Haustürglocke. Mein Lebensgefährte schreckt kurz auf, kuschelt sich gemütlich zurück in die warmen Kissen und pennt weiter. Der Beelzebub soll ihn in den Allerwertesten beißen.

Meine Mädels, acht an der Zahl, pünktlich und wetterfest, warten unten schon auf mich. Wir fahren zur Wolfsburgstraße, stellen die Autos ab und steigen den Burgweg hinauf. Es ist klamm, klitschig und zwischen den Bäumen noch düster. Der Regen verwandelt sich nach und nach in ein leichtes Nieseln, damit kann man zurechtkommen. Außer Atem gelangen wir oben an. Wir können unser Glück kaum fassen: die Wolkendecke reißt auf. Ein schüchterner Sonnenkönig schickt uns probeweise einen Lichtstrahl herunter. Geli jubelt ihm zu.

Die »Wolfsburg« ist die Ruine einer Höhenburg mit teilrestaurierten Umfassungsmauern. Sie gehört zu meinen Lieblingskraftplätzen. Wir biegen in den Wald ein, suchen uns jede einen Baum aus, der heute unser „Freund“ werden soll. Nicht zu weit auseinander stehend, dass ich ohne Megaphon auskomme, wenn ich meine Anweisungen gebe. Ich nehme Anleihe bei einem Text von Osho, der zum heutigen Thema passt: Schließe Freundschaft mit einem Baum. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Meine Mädels sitzen bequem auf Decken bei ihren Bäumen. Ich spreche deutlich, dass sie jeden Schritt nachvollziehen können:

„Rede mit deinem Baum. Berühre ihn, umarme ihn, fühle ihn. Sitze neben dem Baum. Lasse ihn fühlen, dass du ein guter Mensch bist. Dass du ihm nichts Böses antun willst. Du wirst dich langsam mit ihm anfreunden. Bald spürst du, dass der Baum sich wandelt, wenn du dich ihm näherst. Wenn du die Rinde berührst, fühlst Du, dass eine ungeheuere Energie durch den Baum fließt. Wenn du den Baum anfasst, ist er glücklich wie ein Kind. Sitzt du bei ihm, wirst du vieles empfinden. Bist du etwa bekümmert, wirst du bald spüren, dass deine Traurigkeit in seiner Nähe schwindet. Jetzt wirst du verstehen lernen, dass die Beziehung gegenseitig ist. Du kannst den Baum glücklich machen. Der Baum kann dich glücklich machen. So hängt alles Leben miteinander zusammen.“ Den Zusammenhang nennt Osho göttlich. Ich stimme ihm zu. Biggi ulkt ein respektloses „Amen“ hinterher.

Wir widmen uns eine Weile unseren Freunden, bevor wir mit der Meditation beginnen. Ich fange mit einer Atemübung an, bevor ich die Frauen „in Bäume verwandle“. Wir stellen uns mit leicht gespreizten Beinen und geschlossenen Augen vor unseren Bäumen auf. Es ist eine kraftvolle Übung, die ich gerne auch für mich alleine durchführe. Man nimmt sowohl die Kraft des Baumes als auch die Energie der Erde in sich auf. Von den Füßen an, die zu Wurzeln werden, die sich im Erdreich verankern, über Beine und Körper, die den Stamm formen. Die Arme bilden die Äste aus. Der Kopf wird zur mächtigen Krone mit Zweigen, die saftige Blätter tragen. In solcher Vollkommenheit verweilen wir, bis ich das Kommando zur Rückwandlung gebe. Langsam werden wir wieder zum Menschen, angefangen beim Kopf bis hinunter zu den Füßen. Wir atmen mehrmals tief ein und aus, bevor wir die Augen öffnen. Obwohl wir uns etwas benommen fühlen, ist unsere Wahrnehmung geschärft. Wir hören kleines Getier im Gebüsch rascheln, nehmen um uns das Summen von Bienen und anderen Insekten wahr. Über uns in den Bäumen singen Vögel. Wir merken erst jetzt, dass von den Blättern Wasser tropft, das uns peu à peu durchnässt.

Nach dem üblichen Dehnen und Strecken kommt Bewegung in die Gruppe. Die Mädels raffen die Decken zusammen. Der in der Nähe abgestellte Picknickkorb wird aufgehoben. Es gibt ein Küsschen für den Baumfreund, danach geht es ab in den Sonnenschein. Wir laufen rauf zur Ruine, vor deren Außenmauer sich ein Grünstreifen für unser Frühstück anbietet. Da wir früh genug dran sind, haben wir die Burganlage noch für uns alleine. Die Burgschänke öffnet erst um zehn, dann wird es laut, weil die Wanderer inzwischen aus ihren Betten gefallen sind. Wie stets gebührt Mutter Erde der erste Schluck Kaffee, bevor wir mit knurrenden Mägen über das Essen herfallen.

Satt und zufrieden diskutieren wir später darüber, wie es wäre, die Burg wieder aufzubauen. Ist illusorisch, da der Denkmalschutz das nicht erlaubt. Ein bissel rumspinnen ist jedoch nicht verboten. Wir stellen uns vor, hier ein generationenübergreifendes Lebensmodell zu verwirklichen. Das beflügelt unsere Einbildungskräfte. Christa und Lotte sehen sich schon wie kleine Robin Hoods durch die Wälder streifen, um mit Pfeil und Bogen Wildschweine zu jagen. Schließlich gälte es viele hungrige Mäuler zu stopfen.

Laute Rufe nach Leberwurstbroten, Schmalzstullen und Pfälzer Schorle stören unsere Überlegungen. Wir haben die Zeit vergessen, über all den Phantastereien. Die Wanderer sind erwacht und vertreiben uns aus Utopia. Wir packen eilends unsere Sachen und machen uns auf den Heimweg, nicht ohne den obligatorischen Apfel am Rastplatz zurückzulassen.

9 Begegnung mit einem Hippie

Leo war der erste Hippie, den ich traf. Ein Pflastermaler. Der fremdartigste, hübscheste Junge, den ich je gesehen hatte. Hellbraune lange Locken, von einem bunten Indianerband aus der Stirn gehalten, eine braune Wildlederweste mit Fransen auf der nackten, gebräunten Brust. Er hielt ein Buch in der Hand, aus dem er Da Vincis Abendmahl abmalte. Ich stand da, glotzte ihn an und bin heute noch froh, dass er nicht einmal den Kopf hob. Es wäre mir im Nachhinein noch peinlich. Er schien derart in seine Malerei vertieft zu sein, dass er die schäbigen Kommentare der umstehenden Erwachsenen nicht mitbekam. »Die gehören allesamt ins Arbeitslager«, »Bei Adolf hätte es solche wie die nicht gegeben«, »Ab ins KZ mit den faulen Schweinen«. »Dreckiger Gammler« war noch das Netteste, das sie über ihn sagten. Ich schäme mich, dass ich damals Reißaus vor diesen Giftspritzen nahm. Heute würde mir das nicht mehr passieren.

Mir spukte der langhaarige Bursche die ganze Nacht im Kopf herum. Am nächsten Tag kratzte ich all meinen Mut zusammen. Ich lief zum Paradeplatz, atmete auf, als ich ihn sah, und sprach ihn an. Bald hockten wir nebeneinander auf dem Pflaster, in ein ernsthaftes Gespräch über Kunst und Künstler vertieft. Es dauerte nur Minuten, bis ich ebenfalls zur Zielscheibe der Gehässigkeiten wurde. Die braven Bürgersleute schimpften mich »eine eklige kleine Hure, die es mit dreckigen Gammlern treibt«. Leo ignorierte sie. Er führte mich einfach weg von dieser hasserfüllten Meute. Wir spazierten Hand in Hand zum Rhein hinunter und setzten uns am Ufer ins Gras.

Leo erzählte mir von dem Leben, das die Hippies führten. Er war schon über ein Jahr on the road, teils allein, teils mit Gleichgesinnten, die er unterwegs aufgabelte. Er erklärte mir, was für ihn und seine Freunde „Freiheit“ bedeutete. Sie brachen aus einer Gesellschaft aus, in der sie

sich nicht heimisch fühlten. Sie nächtigten unter freiem Himmel, bettelten bisweilen um Geld oder Essen, wenn Malerei und Gitarrespiel nicht genug einbrachten. Niemand mochte sie. Keiner interessierte sich für die Gründe, die sie bewegten, eine solche Lebensweise zu wählen. Leo trampte nach Spanien, wo er die nächsten Monate bleiben wollte. Das Wort kannte ich nicht. Er „verdeutschte“ es mir. „Tramper“ nannte man Leute, die Autos anhielten und die Fahrer baten, sie ein Stück mitzunehmen. Das machte man so lange, bis man sein Ziel erreicht hatte. Ich staunte. So einfach war das. Daumen hoch und weg. Frei wie ein Vogel.

Ich fragte ihn, ob ich mitkommen könne. Er lehnte ab. Ich sei zu jung. Wenn sie uns erwischten, schickten sie mich nach Hause, zurück zu meiner Mutter, und er landete im Knast. Ich hielt ihm zugute, dass er zumindest eine Sekunde darüber nachgedacht hatte. Es dunkelte bereits, als er mich zur Straßenbahn brachte. Unterwegs küsste er mich. Wozu, wenn er mich doch nicht mitnehmen wollte?

In der Nacht wälzte ich mich schlaflos von einer Seite auf die andere. Ich hatte mich zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Darum würde ich mit Leo nach Spanien trampen, komme, was da wolle. Und: Ich erkannte endgültig, dass Freiheit das bedeutendste Gut darstellte, das es zu erringen galt. Traurigerweise durchkreuzte Leo meine Pläne. Er war weg, als ich am nächsten Tag zum Paradeplatz kam. Unter dem fertigen Bild hatte er mir eine Nachricht hinterlassen: „Für Anna, in Liebe. Lass dich nicht unterkriegen Kleines.“

Weltuntergang. Ich heulte Rotz und Wasser. Zu jener Zeit konnte ich nicht vorausahnen, dass ich Leo noch zwei Mal in meinem Leben begegnen würde. Das erste Mal bemühte ich mich, die Welt zu retten. Das zweite Mal? Nun ja, wie viele Chancen bekommt man, um sich für etwas oder jemanden zu entscheiden?

10 Hippie-Freunde

Leo und die Freiheit ließen mich nicht los, wenngleich die Enttäuschung allmählich verebbte. Nachdem ich erfolgreich die überholten Erziehungsmethoden meiner Mutter unterlaufen hatte, verfügte ich über wesentlich mehr freie Zeit. Ich verbrachte sie immer öfter am Rhein, wo sich auf den Wiesen des Stadtparks eine Hippiekolonie angesiedelt hatte. Die Leute hießen mich in ihrer Mitte willkommen, ohne Fragen zu stellen. Äußerlich unterschied ich mich nicht nennenswert von ihnen, bis auf den Umstand, dass meine Klamotten und ich bürgerlich rein geschrubbt waren.

Sie kamen aus verschiedenen Städten und Ländern. Im Unterschied zu denen, die sie beschimpften, waren sie friedlich, herzlich, intelligent und kreativ. Ich bewunderte, dass sie, um nach ihrer eigenen Philosophie leben zu können, sogar Entbehrungen und Anfeindungen in Kauf nahmen. Die häuslebauende, konsumgierige, „Bildzeitung“-verschlingende Elterngeneration lehnten sie ab. Das „arbeitsscheue Gesindel, das ins KZ gehörte“ hatte mehr Grips im kleinen Finger als manch angepasster Zeitgenosse im Kopf.

Ich fühlte mich in ihrer Gemeinschaft zuhause. Besonders, wenn sie abends ihre Gitarren und Mundharmonikas hervorholten, anfingen zu spielen und zu singen. Während die Sonne hinter den Baumwipfeln unterging, hallten die Lieder von Donovan, Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan und Barry McGuirre durch den friedlichen Park. Sie versuchten dem Leben einen Sinn abzutrotzen, den die Erwachsenen komplett aus den Augen verloren hatten: Liebe, Freiheit und Frieden.

Sie bekämpften auf ihre Weise einen anormalen Kapitalismus und die Entmenschlichung einer macht- und besitzgierigen Gesellschaft. Wir diskutierten an solchen Abenden über den Vietnamkrieg. Über die jungen Amerikaner, die von skrupellosen Politikern in einen Krieg gezwungen wurden, der sie nichts anging. In dem man sie tötete oder zu Krüppeln schoss. Aus dem junge Männer als nervliche und körperliche Wracks in eine Heimat zurückkehrten, in der sie nie wieder Fuß fassen konnten.

Ich stamme aus Ludwigshafen, einer Arbeiterstadt. Wie viele meiner Jugendfreunde gehörte ich den „Falken“ an, einem „roten“ Jugendverein, hervorgegangen aus der Arbeiterbewegung. Obwohl er von Anfang an stark mit der SPD verbandelt war, distanzierten wir uns nach und nach von der Partei. Sie ließ, seinerzeit wie heute, die klassischen sozialdemokratischen Werte mehr und mehr vermissen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns den Überzeugungen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) zuwandten.

Wir waren eine kritische, politisch interessierte und aktive Jugend. Das heißt, wir gaben uns nicht nur so, weil es als „chic“ oder „in“ galt. Viele von uns kamen in der Kriegszeit zur Welt oder gehörten, wie ich, der Nachkriegsgeneration an. Wir waren gezwungen, uns mit der Hinterlassenschaft des Krieges und der Elterngeneration auseinanderzusetzen. Die Notzeit, die in den 50ern bei weitem nicht ausgestanden war, ging auch an uns nicht spurlos vorüber. Der Gedanke, dass man Nazis entnazifizieren konnte, stellte sich als frommer Traum der Amerikaner dar. Überhaupt die Amerikaner, mit ihren Care-Paketen, Rosinenbombern und Wiederaufbauhilfen. Wehe, man wagte es, ein Wort gegen diese Gutmenschen zu sagen. Die sich so rührend um uns bemühten, dass sie durch die Hintertür Deutschland aufkaufen konnten. Die neue Jugendkultur entstammte zwar dem englischsprachigen Raum, doch wir waren nicht blind. Die Deals, die unsere Zukunft mitbestimmten, blieben uns nicht verborgen. Auf jeden Fall denen nicht, die intelligent genug waren, die Sache zu durchblicken. Wie war es möglich, dass die Deutschen, nach allem, was sie erlebt hatten, sich an ein Land verhökern ließen, in dem „sozial“ ein Fremdwort war? In dem Rassendiskriminierung auf der Tagesordnung stand. Das in Vietnam einen menschenverachtenden Krieg führte?

Wir Jungen setzten uns ernsthaft mit politischen Themen auseinander. Der Gefahr eines dritten Weltkrieges, der Stationierung von Atomwaffen, dem Schahbesuch in Berlin, dem Tod des Studenten Ohnesorg, dem Boxer Muhammad Ali, der den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte, den Rassenunruhen in den USA.