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Ein Hauch Lavendel. Ein Glas Rosé. Ein Ermittler, der nicht loslässt - willkommen in der Provence. Die abendliche Idylle von Aix-en-Provence wird jäh gestört, als ein Journalist vor den Augen des Krimiautors Maxim Marchal überfahren wird. Während die Polizei von einem Unfall mit Fahrerflucht ausgeht, verdichten sich für Maxim schnell die Hinweise auf einen Mord. Seine Suche nach der Wahrheit führt ihn tief in ein Netz aus Lügen und Verrat, das bis in sein eigenes Umfeld reicht. Seite an Seite mit einer ehrgeizigen Journalistin und einer charmanten Insiderin des Tourismusbüros entdeckt er hinter der Fassade spätsommerlicher Lavendelfelder ein Geheimnis, das für manche gefährlicher ist als die Hitze der Provence.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Robert de Paca lebt seit rund 30 Jahren in Südfrankreich:
Zunächst 15 Jahre an der Côte d’Azur und seitdem in der Provence.
Berufsalltag, Freundeskreis, Ehe und Familienleben schufen Basis und Fundgrube für authentischen Lokalkolorit.
In seine Bücher lässt er lokale Geschichte und Geschichten, französische Sitten und Gebräuche mit einfließen.
Von Robert de Paca erschienen bisher:
»In den Straßen von Nizza«
»Das Nizza-Netz«
(beide Emons-Verlag)
»Die Mirabeau-Morde«
(Bastei Lübbe – beTHRILLED)
Dieses Buch widme ich wieder meinen beiden Kindern.
Sie sind mittlerweile so gut wie aus dem Haus,
beginnen peu à peu ihr eigenes Leben
und das heißt für mich:
mehr Zeit und Muße zu schreiben,
für eine baldige Fortsetzung dieses Buchs.
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NACHWORT
Dieser Provence-Krimi spielt nicht nur in Aix-en-Provence, sondern auch in der Region des Luberon. Manchmal sieht man aber auch die Schreibweise mit Akzent: Lubéron (in historischen Schriften auch Variationen wie Luberoun). Die unterschiedlichen Schreibweisen gehen eigentlich immer auf die Aussprache des Provenzalischen zurück und für jede gibt es eine durchaus stimmige Erklärung.
Meine bevorzugte phonetische Version ist Lu-beu-ron,
Lu (gesprochen: Lü) – beu (gespr.: bö) – ron (leicht gerolltes r, und dann das on wie in Chanson)
Denn dank des eu – also ö – in der Mitte assoziiert man es hierzulande gerne mit heureux (gesprochen: ö-rö), zu gut Deutsch: glücklich!
Mich macht das Leben im Luberon definitiv glücklich und wenn es diesem Buch gelingt, Sie mit auf die Reise in diese wunderschöne Ecke der Provence zu nehmen, würde es mich wirklich freuen, wenn auch Sie – zumindest für die Lektüre dieses Buchs und vielleicht in Ihrem nächsten Urlaub – dieses kleine Glück genauso genießen.
Bienvenue en Provence
On y va – Los geht’s
Aix-en-Provence, Altstadt, Mitte Juli
Tagsüber strahlten die Häuserfassaden in den verschiedensten Schattierungen von sonnigem Gelb über Orange bis hin zu einem hellen Pfirsichrosa. Als die sinkende Abendsonne nicht mehr in die verwinkelten schmalen Gassen vordrang, sondern nur noch die Dächer streifte, verschmolzen die sonst so leuchtenden Farben zu warmen Ockertönen. Eine Handvoll Kinder genoss das sorglose Leben der zwei Monate langen Sommerferien. Ausgelassen sausten sie im Zickzack durch die Grüppchen von Touristen. Ein Hund – vermutlich ebenfalls ein Einheimischer, denn für einen herrenlosen Streuner sah sein Fell zu gepflegt aus – beobachtete stoisch ein paar Katzen und kam wohl zu dem Schluss, dass es für eine Hetzjagd noch zu warm war. Vielleicht sagte ihm seine Erfahrung aber auch, dass er sowieso keine Chance hätte.
Alles in allem, ein typischer Abend in Aix-en-Provence …
Je beschaulicher die Idylle, desto weniger braucht es, sie zu stören. Irreversibel – vor allem für den Menschen, dessen Leben hier in ein paar Minuten enden wird.
Maxim Marchal betrachtete satt und zufrieden den blitzblanken Teller vor sich. Er hatte auch noch den letzten Rest Sauce fein säuberlich mit Baguette aufgewischt. Für diese ländlich-hemdsärmelige Tischsitte hatte man im Französischen das Verb saucer erdacht – vermutlich allerdings nur, um es in den Benimmregeln gleich wieder als verboten zu brandmarken. In einem Sternerestaurant hätte das Auftunken vielleicht auch Missbilligung beim Maître d’hôtel verursacht. Hier im Bistro wurde es aber – so wie es ja auch gemeint war – als Kompliment für den Koch aufgefasst.
Wie so oft hatte sich Maxim für das Tagesgericht entschieden. Heute versprach die an der Hausmauer angebrachte Schiefertafel ein Trio vom Meer: In der Schale gebratene Crevetten, in Weinsud gekochte Venusmuscheln und auf der Haut gebratene Rotbarben-filets. Die Filets waren im Kern bereits lauwarm aber noch leicht glasig – perfekt! Das Ganze angerichtet auf einem sonnengelb glänzenden, saftigen Safran-Risotto. Maxim war sich sicher, dass alle Zutaten vom wohl bekanntesten Markt der Altstadt stammten. Der fand jeden Vormittag direkt um die Ecke, auf der Place Richelme statt.
Maxim kaufte dort selbst gern ein, denn einige Händler waren zugleich Erzeuger und so bekam man die frischeste Ware. Die Augen kamen dabei auch nicht zu kurz: Tomaten in allen möglichen Formen und Größen, von Gelb über Knallrot bis schwarz-grün gestreift, lange Reihen gestapelter gelber und grüner Zucchini, violett-schwarz glänzender Auberginen neben Paprika, farbmäßig sortiert wie eine Verkehrsampel, leuchteten unter der Sonne der Provence gleich doppelt so bunt und appetitlich. Auf den geeisten Theken der Fischhändler, voll mit allem, was das Mittelmeer hergab, glitzerten die Schuppenkleider, als würde der Schwarm noch immer durchs Wasser gleiten. Glatte, pfeilförmige Jagdfische neben dickbäuchig anmutenden Kollegen, Tintenfische mit saugnapfbehafteten Armen, Seeigel, Muscheln, gepanzerte Krustentiere von nicht einmal finger-großen Krabben bis hin zum unterarmlangen Hummer – die Auswahl inspirierte zu leichten Gerichten, für die die mediterrane Küche gerade in den warmen Sommermonaten so geschätzt wurde.
Die hervorragende Bistroküche war jedoch nicht der einzige Grund für Maxims häufige Besuche in dem Lokal. Hinzu kam die in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliche Lage. Während die engen Gassen der Altstadt den Kneipen und Restaurants als Außenbereich, wenn überhaupt, meist nur das Aufstellen von drei oder vier winzigen Tischen ermöglichten, liefen hier mehrere Sträßchen zusammen und bildeten einen für hiesige Verhältnisse recht großen dreieckigen Platz, an dessen Ecken jeweils eine Ulme thronte. Nicht, dass Maxim ein ausgewiesener Baumspezialist gewesen wäre, er nahm einfach nur an, dass es sich um Ulmen handelte – schließlich hieß der Platz Place des Trois Ormeaux – Platz der drei Ulmen.
Die Tische des Restaurants gruppierten sich um einen achteckigen Brunnen aus Granitstein, aus dessen vier Wasserauslässen das kühle Quellwasser in große, durchsichtige Weinkühler plätscherte, in denen jeweils mehrere Flaschen eines lokalen Rosés lagen. Maxim konnte sich allerdings nicht daran erinnern, dass jemals eine dieser Flaschen auch tatsächlich einem Gast serviert worden war – dazu war das Brunnenwasser dann doch nicht kalt genug – doch es war eine schöne Hommage an Aix, die Stadt der tausend Brunnen, als auch an den berühmten provenzalischen Roséwein.
Dass Maxim in dem Bistro heute ausnahmsweise einmal nicht mittags im Anschluss an einen Marktbesuch aß, sondern extra abends hierherkam, war beruflich bedingt. Er hatte bei der Reservierung um einen Tisch am westlichen Eck der Terrasse gebeten. Die quadratischen Bistrotische waren jeweils mit zwei Stühlen bestückt und wurden je nach Reservierung gruppiert – so war es kein Problem, ihm wie gewünscht einen einzelnen Tisch am äußeren Rand der Terrasse einzudecken. Für Maxim war dieser spezielle Sitzplatz deshalb von Interesse, weil es der einzige Platz war, von dem aus er die Rue de Montigny nach beiden Seiten hin überblicken konnte. In südlicher Richtung sah man bis zur Place des Prêcheurs mit der gerade frisch renovierten Magdalenen-Kirche, in der vor fast zweihundert Jahren Paul Cézanne getauft worden war. Von dort sowie dem benachbarten Justizpalast strömten unablässig Touristen in die Straße. Während sie in ihrer aufgeräumten Urlaubslaune interessiert jedes Schaufenster inspizierten und die ausgestellten Waren unbewusst auf ihre Tauglichkeit als Souvenir prüften, gaben sie Maxim mit ihrem ahnungslosen Vor-sich-hin-Schlendern hinreichend Zeit, sie unauffällig zu studieren. Da gab es die Kalkfüßer, mit einer Haut, so weiß, dass es fast blendete. Offensichtlich noch am Anfang ihres Urlaubs, freuten sie sich, endlich mehr Zeit mit ihren Familien zu verbringen. Die Gebräunten hingegen befanden sich bereits mindestens in der zweiten Urlaubswoche. Sie mussten manchmal feststellen, dass permanentes Zusammensein, sieben Tage die Woche, durchaus anstrengend sein konnte. So fragte sich vermutlich manch ein Familienoberhaupt, warum man ein kleines Vermögen für einen Urlaub ausgab, in dem die Kinder ohnehin nur mürrisch hinterhertrotteten und nichts mitbekamen, weil sie auf ihren Handys Spiele daddelten oder gerade im TikTok-End-losmodus gefangen waren. Zum Glück gab es aber auch Besucher, die sich vom provenzalischen Flair der Stadt einfangen ließen und das gemeinsame Dahintreiben im Savoir-vivre des Midi sichtlich zu genießen schienen.
Schon so mancher dieser Touristen hatte es – natürlich ohne davon zu wissen – als Figur in Maxims Krimis geschafft. Ständig auf der Suche nach authentischen Hintergrunddetails oder nach Inspiration für eine neue Geschichte, beobachtete Maxim seine Umwelt mit Argusaugen. Er konnte nicht nachvollziehen, dass es Autoren gab, die sich in Cafés oder Bistros setzten, um dort zu schreiben. Gerade dort gab es so viele bunte Charaktere zu erleben, deren Gesten, Marotten und Verhaltensmuster eine unerschöpfliche Inspiration für Komparsenrollen und sogar Hauptfiguren boten. Sich an so einem Ort in seine Schreibblase zu verkriechen und das echte Leben auszublenden, grenzte an Eigensabotage.
Während Maxim auch heute wieder das Treiben der Passanten in sich aufsog, nahm er aus dem Augenwinkel heraus eine hastige Bewegung wahr, die nicht in das ruhige Dahinplätschern dieses friedlichen Sommerabends passte. Als er neugierig den Kopf drehte, hörte er aus der wenig frequentierten Seitenstraße rechts von ihm den dumpfen Knall eines Aufpralls. Gleichzeitig erfasste sein Blick etwas, das sich um die eigene Achse drehte und unsanft auf der Straße aufschlug, während ein Auto durch eine kleine Nebengasse davonraste. Einen Wimpernschlag später war alles schon wieder vorbei, so als wäre es nur eine makabere Halluzination gewesen. Aber am Boden lag definitiv ein Körper. Obwohl die einzige Laterne in dieser Seitenstraße mit ihrem spärlichen, mattgelben Licht eher eine dekorative Funktion erfüllte und die Schaufensterbeleuchtung zweier Geschäfte den Asphalt lediglich in ein fahles Licht tauchte, erkannte er ein Knäuel, das jetzt regungslos auf der Straße lag. An der Maxim zugewandten Seite ragte eindeutig ein Bein heraus. Daneben lag ein vom Fuß losgelöster Sneaker. Maxim sprang auf, wodurch sein Stuhl polternd nach hinten umfiel, und hastete hinüber zum Unglücksort.
Drei Passanten hatten den Aufprall ebenfalls mitbekommen und liefen los. Maxim hoffte inständig, dass einer von ihnen wusste, was zu tun sei. Sein letzter und auch einziger Erste-Hilfe-Kurs hatte irgendwann im letzten Jahrhundert, kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag, während der Fahrschulzeit stattgefunden. Trotzdem lief auch er hinüber, denn vielleicht waren das Opfer oder die hilfswilligen Passanten Touristen, die kein Französisch sprachen. Er zerrte sein Handy aus der Hosentasche, um den Notarzt zu rufen, aber im selben Moment nahm auch schon einer der Helfer, der jetzt direkt neben dem Opfer kniete, sein eigenes Telefon ans Ohr.
Offenbar befand sich ein Streifenwagen direkt um die Ecke, denn keine Minute später kam ein kleiner Peugeot der Police Nationale mit stotternden Bremsen auf dem Kopfsteinpflaster zum Stehen.
Der Notarzt traf kurz darauf ein. Er konnte aber nur noch bestätigen, was die Polizisten bereits festgestellt hatten: Der Mann war tot. Der Arzt stellte den vorläufigen Totenschein aus und als die Ambulanz kam, überließ er ihnen das Unfallopfer und fuhr zurück in die Zentrale. Die Ambulanzfahrer konnten vorerst nur abwarten, denn sie durften Leichen nur transportieren, wenn in absehbarer Zeit kein Leichenwagen verfügbar war. Der Ambulanzfahrer deckte den Toten notdürftig mit einer Rettungsdecke zu, um ihn bis zum Eintreffen des Leichenwagens zumindest vor den neugierigen Blicken der Passanten zu schützen. Einer der Polizisten postierte sich an der Straßenmündung, um Gaffer fernzuhalten. Sein Kollege begann, die Zeugen zum Unfallhergang zu befragen. Er machte auf Maxim einen eifrigen, aber eher unbedarften Eindruck. Ein fast jugendliches Gesicht, die Haare militärisch kurz geschoren, der Nacken penibel rasiert. Das knitterfreie, marineblaue Poloshirt mit dem Aufdruck Police Nationale, daneben die stilisierte französische Flagge und darunter das mit Klettband angeheftete Rangabzeichen … Maxim konnte die Polizei-schule förmlich noch riechen. Dementsprechend wirkten die Fragen des jungen Polizisten wie auswendig gelernt. Doch vielleicht ließ er sich ja in ein Gespräch verwickeln.
»Ich habe von dem Unfall erst etwas mitbekommen, als ich einen dumpfen Knall gehört habe. Der Wagen überfuhr den Mann, raste dann noch ein paar Meter die Rue Jaubert hier herunter und ist dann links in der kleinen Seitenstraße verschwunden«, Maxim blickte kurz zu der unauffälligen Gasse und ihrem Straßenschild hinüber, »Rue Loubon, die ist mir bisher nie aufgefallen, so klein ist die. Dass man da überhaupt mit einem Auto durchkommt«, wunderte er sich. »Jedenfalls habe ihn wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde gesehen. Straßenlampen sind in diesen Nebenstraßen ja leider Mangelware. Vielleicht hat einer der anderen Zeugen die Automarke erkannt?« Er formulierte es bewusst als Frage, in der Hoffnung, dass ihm der Polizist nun von den anderen Zeugenaussagen erzählte. Doch der zuckte nur mit den Achseln.
»Denen ging es wie Ihnen. Offenbar war es ein Elektroauto: lautlos – und die gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Hauptsache windschnittig«, meinte er ratlos und zog in seinem Notizblock einen abschließenden Strich unter seine Notizen.
Maxim ließ das Thema keine Ruhe. »Mein Vater hat zeitlebens ein und dieselbe Automarke gefahren. Wenn er nach Hause kam, habe ich ihn schon am Klang des Motors erkannt. Da brauchte ich den Wagen gar nicht mal sehen. Bei Elektroautos hingegen … «, bestätigte er mehr für sich selbst als für den Polizisten. Die Lautlosigkeit war eine nicht zu unterschätzende Gefahr dieser Autos. Wenn aber zutraf, was Maxim hier vermutete, steckte dahinter wahrscheinlich sogar Kalkül. Er blickte hinüber zu dem abgedeckten Körper. Trotz der Folie konnte man erkennen, dass die Beine unnatürlich verdreht waren. Es war ein heftiger Aufprall gewesen.
»Die anderen Zeugen waren ja schon vor mir bei ihm. Hat er ihnen noch etwas sagen können?«, erkundigte sich Maxim jetzt direkt.
»Laut erster Einschätzung des Notarztes kam das Unfallopfer kopfüber auf dem Boden auf, brach sich das Genick und war sofort tot«, antwortete der junge Uniformierte etwas hölzern, aber mit einem betroffenen Unterton. Vielleicht war es der erste Tote in seiner noch jungen Karriere.
»Kommen Unfälle mit Elektroautos und Fußgängern denn häufiger vor?«, fragte Maxim.
»Von solchen mit tödlichem Ausgang habe ich hier in Aix zumindest noch nichts gehört«, meinte der Polizist abwesend und überflog dabei nochmals seine Notizen. In Gedanken rief er sich vermutlich bereits den vorgeschriebenen Ablauf für einen tödlichen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht ins Gedächtnis: Bearbeitungsnummer vergeben, Zeugenaussagen in den Computer übertragen, Obduktionsergebnis abwarten, um eventuelle Hinweise auf Fremdspuren zu vermerken – in diesem Fall, mit etwas Glück Lackspuren des flüchtigen Fahrzeugs – und, wenn der Abgleich mit dem Zulassungsregister nichts ergeben sollte, darauf hoffen, dass in den nächsten Tagen einem Kollegen zufällig ein Auto mit passenden Unfallspuren auffiel.
»Wenn wir noch Fragen haben«, entließ der Polizist Maxim, »dann melden wir uns. Und wenn Ihnen etwas einfällt, können Sie sich an das Hôtel de Police drüben am Busbahnhof wenden. Da verbindet man Sie dann mit dem zuständigen Kollegen.« Aber Maxim war in Gedanken bereits wieder mit seiner Theorie beschäftigt. Was, wenn es sich hier tatsächlich um einen Tatort und nicht um einen Unfallort handelte?
Ein Elektroauto als Tatwaffe! Das musste er sich nachher auf jeden Fall notieren.
Als sich Maxim von der Unfallstelle entfernte, stolperte er im Halbdunkel filmreif über die kleine Eingangsstufe vor einer nur spärlich beleuchteten Kunstgalerie. Der Polizist, der sich gerade erneut einem der anderen Zeugen zugewandt hatte, rief besorgt herüber: »Alles in Ordnung, Monsieur?«
Maxim winkte ab. »Neue Schuhe mit glatten Sohlen. Bin nur auf dem staubigen Kopfsteinpflaster ausgerutscht. Halb so schlimm.« Er rieb sich demonstrativ das Schienbein, wobei er unauffällig ein Mobiltelefon vom Boden aufhob und es im Aufrichten beiläufig in seine Hosentasche gleiten ließ. Er war sich sicher, dass es dem Opfer beim Aufprall aus der Hand geschleudert worden und im hohen Bogen durch die Luft geflogen war. Er hatte es im Schatten der Treppenstufe zwischen achtlos weggeworfenem Papier entdeckt, als im Vorbeigehen das Scheinwerferlicht der Ambulanz kurz vom Display reflektiert wurde.
Ein Smartphone erzählte meist mehr vom Leben seines Besitzers, als Freunde oder Verwandte über ihn aussagen könnten. Das wollte Maxim sich erst einmal in Ruhe ansehen. Der Polizei würde er es dann morgen Vormittag übergeben, mit der Erklärung, er sei bei Tageslicht noch einmal an der Unfallstelle vorbeigegangen und habe es dabei zufällig abseits im Rinnstein gefunden. Da er ohnehin vorhatte, morgen erneut die Umgebung zu begutachten, war das alles in allem verhältnismäßig nah an der Wahrheit.
Als Maxim aus der schwül-stickigen Luft der kleinen Seitenstraße herauskam, spürte er sofort den lauen, aber beständigen Luftzug. Er liebte Wind in jeder Form. Selbst das wütende Toben des Mistrals, von dem andere sagten, er mache die Menschen verrückt. Unbewusst reckte er seinen Kopf in die Höhe, um von der willkommenen Erfrischung zu profitieren.
Er rief sich den Straßenplan der Altstadt ins Gedächtnis. Die Rue de Montigny und ihre Fortsetzung, die Rue Matheron, waren etwas breiter als die sonst üblichen kleinen Gassen. Wenn er sich richtig erinnerte, liefen sie in fast gerader Linie von der weitläufigen Place des Prêcheurs bis hinauf zu dem dreispurigen Boulevard, der die Altstadt umrundete. So konnte die Luft wie in einem Kanal durchziehen. In den schmalen, verwinkelten Gassen hingegen – so wie drüben am Unfallort – waren die Fenster der Wohnungen jetzt noch alle fest verrammelt, um die dort aufgestaute Wärme auszusperren. Verschlossene Fenster in verwaisten Straßen verringerten auch das Risiko, dass gelangweilte Rentner von ihrer Fensterbank aus zufällige Zeugen eines Unfalls wurden. Noch ein Puzzleteil für Maxims Theorie, dass es sich um einen bewusst ausgesuchten Tatort handeln könnte.
Wieder auf der Bistroterrasse angekommen, fand er den Tisch, an dem er vor nicht einmal einer halben Stunde sein Abendessen in dem Moment beendet hatte, als der Unfall passierte, nahezu unverändert vor. Vermutlich hatte der Kellner gesehen, wie Maxim zur Unfallstelle geeilt war und deshalb den Stuhl wieder aufgestellt und lediglich den leeren Teller abgeräumt. Weinkühler und Weinglas sowie das obligatorische Brotkörbchen standen nach wie vor auf der marmornen Tischplatte und signalisierten, dass der Tisch immer noch belegt war.
Maxim sah nochmal zur Rue Jaubert hinüber. Die anderen Zeugen waren mittlerweile auch entlassen worden. Einer der Polizisten machte abschließend einige Fotos von der Umgebung der Unglücksstelle. Die Ambulanz war beim Eintreffen des Leichenwagens abgefahren, und als dieser nach getaner Arbeit ebenfalls den Unfallort räumte, deutete nur noch die Präsenz der Polizisten darauf hin, dass dort etwas passiert war. Der Restaurantbetrieb lief weiter wie üblich. Vorbeiflanierende Touristen warfen lediglich einen kurzen Blick auf das Polizeiauto mit dem stumm rotierenden Blaulicht, konnten aber nicht mehr erkennen, was passiert war, und setzten ihren Spaziergang unbekümmert fort. Maxim saß an seinem Tisch, wie bei jedem x-beliebigen Abendessen auch, das Leben in Aix lief unbeirrt weiter – aber dort drüben hatte heute Abend jemand sein Leben verloren. Jemand der Freunde hatte, mit denen er sich nie mehr auf ein Glas Wein treffen würde, vielleicht Familie, die vergeblich darauf wartete, dass sich die Tür öffnete und er nach Hause käme.
Um die trüben Gedanken zu verdrängen, versuchte Maxim sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Er goss sich den letzten Rest Wein nach und leerte das Glas in einem einzigen, beherzten Zug, als könne er damit auch den Unfall fortspülen. Er gab dem Kellner mit der kreisenden Geste eines imaginären Cognacschwenkers zu verstehen, dass er einen Digestif wünschte. Der Kellner nickte und gab die Bestellung an den Tresen weiter. Schließlich kannte er seinen Stammgast und dessen Gewohnheiten bestens. Eine Gewohnheit, die Maxim in Zukunft allerdings unterlassen oder zumindest stark einschränken wollte. Das war ihm klargeworden, als er die magische Fünfzig überschritten hatte und sich die Pfunde immer leichter an den verschiedensten Stellen festsetzten. Sie von dort wieder loszueisen, erwies sich jedoch als bedeutend schwieriger. Essen war für ihn stets mehr als schlichte Nahrungsaufnahme gewesen, und sich dabei einzuschränken, erschien ihm geradezu grotesk. Gutes Essen und Trinken waren nahezu spurlos an seinem Äußeren vorbeigegangen. Wie gesagt: Früher. Mit dem Stoffwechsel eines Zwanzig-, Dreißig- oder sogar noch eines Vierzigjährigen. Doch vor allem Alkohol enthielt Unmengen an leeren Kalorien und führte zum Ansetzen von Fett. Das hatte ihm sein Arzt erklärt, als er neulich auf dessen Waage stand. Der Mann war Ende dreißig und somit bei Gesundheitsfragen vermutlich auf einem aktuellen Stand. Er behandelte souverän und erklärte kompetent – ein angenehmer Kontrast zu der alten Generation der Halbgötter in Weiß. Belehrungen über den Lebenswandel der Patienten verkniff er sich. Fragte man jedoch nach, gab er bereitwillig Auskunft über Auswirkungen auf den Organismus, stellte mögliche Gegenmaßnahmen in den Raum, überließ die Umsetzung jedoch dem Patienten. Gerade wegen dieser unaufdringlichen Art schätzte Maxim den Rat seines Arztes besonders. In Summe hatte Maxim sich ganz passabel gehalten: Das Grau seiner Haare wurde von Jahr zu Jahr heller, was ihm sogar besser gefiel als das langweilige Braun seiner Originalhaarfarbe. Die ganzjährige Provence-Sonne sorgte für eine dezente Bräune, sodass er fit und gesund aussah. Da er absolut nichts davon hielt, sich bei jeder Gelegenheit in die pralle Sonne zu legen, wie ein Kotelett auf dem Grillrost, war seine Haut noch weitgehend faltenfrei – im Gegensatz zu so manchen bereits verrunzelten Gleichaltrigen der Sonnenanbeterfraktion.
Im Großen und Ganzen konnte er zufrieden mit seiner Erscheinung sein. Und so filterte er aus den Ratschlägen des Arztes für sich einen ersten Ansatz heraus: Mit ein wenig Verzicht – vor allem bei Hochprozentigem – könnte er einiges bewirken, ohne zeitlich in Sport investieren zu müssen. Maxim fand das durchaus motivierend, denn allein der Gedanke an Sport vermieste ihm bereits die Stimmung. Natürlich verlängerte Sport das Leben – vermutlich jedoch nur um die Zeit, die man im Laufe seines Lebens mit Sporttreiben vergeudet hatte. Für ihn hörte sich das nicht nach einer Königslösung an. Deshalb hatte er sich angewöhnt, sein Auto nicht mehr in unmittelbarer Umgebung des Restaurants zu parken, sondern in einem Parkhaus einen guten Kilometer entfernt.
Der damit einhergehende Spaziergang führte zufälligerweise durch die lebhafte Rue d’Italie, mit einer bunten Mischung aus Maxims Lieblingsboutiquen, Restaurants, Bäckern, Optikern, Wein-, Obst-, aber auch klassischen Lebensmittelhändlern. Unter anderem auch Guillaume, Maxims Teehändler, der ihm eines Tages erzählt hatte, dass man grünen Tee auch kalt ansetzen konnte. Seitdem stand im Sommer immer eine Kanne davon in Maxims Kühlschrank bereit. Direkt neben seinem Teehändler gab es ein Geschäft für hochwertige Herrensportmode, wo Jean Christophe, der heutige Chef, der schon als Kleinkind zwischen Stoffballen und Nähmaschinen gespielt hatte, mit sicherer Hand die Garderobe für Politiker, Künstler und Schauspieler zusammenstellte. Als eines Tages John Malkovich die Boutique betrat und Jean Christophes Nichte mit ihm spielen wollte, rutschte der Weltstar bereitwillig auf allen vieren durch den Laden, die begeisterte Kleine auf seinem Rücken galoppierend. Maxim liebte solche traditionsreichen Familienbetriebe und deren skurrile Geschichten. Natürlich gab es in der Rue d’Italie auch einige Feinkosthändler: Deren Gaumenfreuden konnte er sich ja jetzt dank der zusätzlichen Bewegung auch leisten – so seine für ihn schlüssige Legitimierung. Der Spaziergang nach dem Essen, wieder zurück zum Parkhaus, eliminierte seinerseits bereits einige der gerade im Restaurant zugeführten Kalorien. Maxim gefiel sein Konzept und die nächste Etappe – den Alkohol einzuschränken – war bereits beschlossene Sache. Vielleicht würde er schon morgen damit anfangen … aller-spätestens übermorgen.
Während er auf seinen Digestif wartete, grübelte Maxim weiter über sein Bauchgefühl nach. Vielleicht steckte ja hinter dem Ganzen doch mehr, als die Polizei annahm. Dass es nur als Unfall inszeniert war, in Wahrheit jedoch einen Mordanschlag kaschierte. Er hatte tatsächlich weder die Automarke, geschweige denn ein Kennzeichen erkennen können. Somit hatte er der Polizei keine ermittlungsrelevanten Daten vorenthalten. Aber er meinte, dass in der Rue Jaubert noch kurz zuvor ein dunkler Wagen neben dem Gerüst für eine Fassadenrenovierung gestanden hatte. Jetzt sah man dort nur noch die staksigen Gerüststreben auf dem Kopfsteinpflaster. Hundertprozentig sicher war er sich dessen jedoch nicht. Vielleicht spielte ihm sein Unterbewusstsein auch nur einen Streich. Wenn er mit den Vorarbeiten zu einem neuen Buch begann, sah er in allem und jedem einen verborgenen kriminalistischen Hintergrund – der sich leider hinterher oftmals als banale Alltagssituation entpuppte. Nachdenklich starrte er zu der Unfallstelle hinüber, als könne er damit die Szene des Unfalls noch einmal heraufbeschwören. Das seltsame Gefühl, dass hier mehr dahintersteckte als eine Fahrerflucht, blieb hartnäckig bestehen.
Eine der herausragenden Eigenschaften von Elektroautos war, dass sie bei beherztem Durchdrücken des Gaspedals aus dem Stand heraus unglaublichen Schub entwickelten. Somit war es möglich, nach nur wenigen Sekunden bereits eine für Fußgänger tödliche Geschwindigkeit zu erreichen. Zuerst verfolgte man sein Opfer nahezu geräuschlos oder passte es, wenn man seine Gewohnheiten schon kannte, an geeigneter Stelle ab. Sobald einem das Opfer vor die Haube gelangte, gab man einfach Vollgas … besser gesagt –strom. Im Gegensatz zu einem plötzlich aufheulenden PS-starken Motor ging das diskrete Sirren eines Elektrotriebwerks in der Geräuschkulisse einer Stadt vollkommen unter. Man zog weder die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich, noch warnte man sein Opfer – vor allem, wenn dessen Aufmerksamkeit, wie heutzutage üblich, selbst beim Überqueren einer Straße vom Display des Smartphones beansprucht wurde. Nomophobie nannte man das – abgekürzt aus No-mobile-phone-Phobie –, die Angst etwas zu verpassen, wenn man für mehr als ein paar Minuten von seinem Smartphone getrennt wurde. Als Maxim diese Definition kürzlich in einer Zeitung gelesen hatte, schüttelte er zunächst ungläubig den Kopf darüber, dass es für dieses Phänomen mittlerweile ein eigenes Wort gab. Heute Abend hatte er den Beweis miterlebt, dass diese schlechte Angewohnheit sogar tödlich enden konnte.
Maxims Gedanken kehrten wieder zu der Zeugenbefragung zurück: Wer sich bisher noch nicht intensiv mit Elektroautos beschäftigt hatte, erkannte ohnehin nur wenige der mittlerweile existierenden Modelle. Und wie der Polizist ganz richtig bemerkt hatte, ähnelten sich die meisten wie ein Ei dem anderen. Gäbe es bei einem derartigen Unfall also trotz allem Zeugen, so würden deren Aussagen höchst vage ausfallen – was hier gerade eindrücklich bestätigt worden war.
Endlich fand er die Zeit, sich die wichtigsten Stichpunkte in seinem Trésor zu notieren. Früher war das ein abgegriffenes Notizbüchlein, das er ständig bei sich trug, um spontane Ideen, Zitate und Plots festzuhalten. Seitdem er seine Manuskripte in einer Cloud sicherte, damit sie auch nach einem ComputerCrash noch verfügbar waren, lag dort nun auch sein digitaler Trésor und somit hatte er sowohl am heimischen PC als auch unterwegs per Handy Zugriff darauf. Den Namen Trésor hatte er wegen der Doppeldeutigkeit gewählt: Im Deutschen war der Tresor ein gepanzertes Behältnis, in dem man Wichtiges sicher aufbewahren konnte. Im Französischen bedeutete trésor Schatz, sowohl im Sinne eines wertvollen Schatzes, aber auch als Kosewort.
Rasch tippte er alle Stichpunkte rund um E-Autos in sein Handy. Das Mordwerkzeug Elektroauto würde er auf alle Fälle in seinem nächsten Krimi verwenden.
Maxim war erleichtert, dass das gefundene Smartphone bereits durch das Zeichnen eines einfachen geometrischen Musters entsichert werden konnte. Offenbar hatte der Handybesitzer das Gerät kurz vor seinem Unfall benutzt, denn man konnte die Schlieren, die seine Finger beim Zeichnen auf dem Display hinterlassen hatten, noch gut erkennen. Keine sonderlich effektive Absicherung, dachte Maxim, doch es entsperrte das Gerät in einem Sekundenbruchteil und wenn man es zigmal pro Tag nutzte, war Schnelligkeit vermutlich wichtiger.
Jetzt wischten Maxims Finger in rascher Folge über das Display, um sich einen groben Überblick über die Dateien zu verschaffen. Da das Restaurant nur einen Katzensprung vom Tatort entfernt lag, würde bei einer Überprüfung des Handy-Bewegungsprofils noch immer derselbe Funkmast angezeigt werden – wenn die Polizei überhaupt jemals einen Grund sehen sollte, das Handy des Opfers unter diesem Gesichtspunkt zu überprüfen. Doch man wusste nie und er würde in arge Erklärungsnot, wenn nicht sogar unter Tatverdacht geraten, wenn das Handy Stunden, bevor Maxim es angeblich gefunden hatte, im Areal direkt neben seinem Zuhause eingeloggt gewesen wäre. Deshalb schob er nun die Speicherkarte des Handys in sein eigenes und kopierte die Fotos, Textnachrichten und Kontakte.
Anschließend wollte er das Handy des Opfers noch vor dem Verlassen des Lokals endgültig ausschalten. Da aber die Akkuanzeige ohnehin nur noch fünf Prozent Restkapazität anzeigte, aktivierte er Bluetooth, die Taschenlampe und ein paar andere energiezehrende Applikationen. In ein paar Minuten würde sich das Handy somit wegen Strommangels von ganz allein abschalten. Der leere Akku würde selbst einem misstrauischen Polizisten eine logische Erklärung liefern, weshalb das Gerät noch rund eine Stunde lang über den Unfall hinaus aktiv geblieben war.
Maxim schwenkte das birnenförmige Glas vor der Nase und sog genussvoll das Aroma des Marc de Provence ein. Er war kein Freund harter, scharfer Alkoholika, aber dieser Tresterbrand – in diesem Fall noch dazu von der ältesten provenzalischen Destillerie hergestellt – hatte ein rundes, weiches Aroma. Auf Reisen verkostete er gerne das lokale Pendant zum Marc de Provence: An der Côte d’Azur den Branda und ein paar Kilometer weiter östlich, in Italien, den Grappa. Sie alle unterschieden sich deutlich durch die Verwendung der lokalen Rebsorte, wie zum Beispiel auch der Marc d’Alsace mit den im Elsass so beliebten Reben des Rieslings oder des Gewürztraminers.
Er riss sich von der olfaktorischen Verführung los und begann damit, die nun auf sein eigenes Smartphone kopierte Kontaktliste durchzugehen. Maison oder ähnliche Einträge, die auf ein Zuhause schließen ließen, gab es keine. Somit war es naheliegend, dass das Opfer allein lebte, denn niemand rief von unterwegs seine leer-stehende Wohnung an – also speicherte man die Nummer des eigenen Festnetzanschlusses gar nicht erst ab. Ebenso wenig Nachrichten an eine Chérie oder welche, die mit einem zärtlichen Bisou endeten. Also schien er wohl nicht nur alleinlebend, sondern auch Single gewesen zu sein. Neben ein paar lapidaren Vornamen – vielleicht private Kontakte – sagten ihm diejenigen mit komplettem Vor- und Zunamen erst einmal nichts. Bei den versendeten Nachrichten, sowohl SMS als auch WhatsApp, handelte es sich um Banalitäten, eher organisatorischer Natur: ›Bin auf dem Weg‹, ›Komme ein paar Minuten später‹ und Ähnliches. Dieses Handy war offenbar ein reines Kommunikationswerkzeug gewesen. Über das Privatleben seines Besitzers gab es hier wohl keine Hinweise zu erwarten, vielleicht hatte er ja auch gar kein nennenswertes Privatleben gehabt.
Wenn es sich bei den Rufnummern um geschäftliche Kontakte handelte, würde er sie mit einer Rückwärtssuche per Internet größtenteils den betreffenden Arbeitgebern zuordnen können und hätte damit durchaus wertvolle Anhaltspunkte. Bei zweien waren sogar Position und Abteilung abgespeichert. Da beide etwas mit Redaktionen zu tun hatten, vermutete Maxim sofort, dass das Opfer aus demselben beruflichen Umfeld kommen könnte. Vielleicht war er freier Journalist gewesen. Maxims sprudelnde Schriftstellerfantasie ließ ihn spontan an einen Enthüllungsjournalisten denken, der gerade mundtot gemacht worden war. Neugierig suchte er in den Textnachrichten, ob sie nicht doch vage Hinweise enthielten – aber sie machten der ursprünglichen Bezeichnung SMS – Short Message Service, Kurznachrichtendienst – alle Ehre. Kein Cdlt, das französische Pendant zum deutschen MfG oder sonstige Höflich-keitsfloskeln. Die meisten waren kurz und knapp mit J. oder Julien unterzeichnet.
›Dein Tod, Julien, wird nicht als simpler Verkehrsunfall in irgendeiner Statistik untergehen‹, versprach Maxim stumm, während er noch mal zur Rue Jaubert hinübersah, die nun wieder, von den Touristen unbeachtet, verlassen im fahlen Licht der einsamen Laterne lag.
Dass sein Bett leer geblieben und auch die Couch im Wohnzimmer unbenutzt war, damit hatte Odile schon gerechnet, als ihr Mann gestern am späten Nachmittag wortlos wegfuhr. Es war ja nicht das erste Mal und manchmal fragte sie sich, ob das nach all den Ehejahren vielleicht normal war. Noch dazu, wenn man auch zusammen arbeitete – an allen sieben Tagen der Woche vierundzwanzig Stunden aufeinandersaß.
Ihre Hochzeit lag schon lange zurück und war ohnehin keine romantische Liebesheirat gewesen. Was sie selbst betraf, hatte es sich eher um eine Notlösung gehandelt. Bereits als Teenager hatte sie es gar nicht erwarten können, die langweilige Schule mit ihren nervigen Lehrern endlich hinter sich zu lassen. Als sie damals beschloss, nach der derbe verkorksten Zwischenprüfung an der Mittelschule gar nicht erst auf eine weiterführende Schule zu gehen, war niemand sonderlich überrascht. Genauso wenig überraschend wurde dann auch ihr beruflicher Werdegang: Gelegenheitsjobs reihten sich jahrelang planlos aneinander und bei diesem Leben von der Hand in den Mund blieb am Monatsende für Fixkosten wie Miete oder Strom meist nicht genug übrig. Als sie dann mit Anfang dreißig den jungen selbstbewussten Bauern kennenlernte, zog sie Hals über Kopf zu ihm – auch weil sie wegen der aufgelaufenen Mietschulden kurz vor einer Räumungsklage stand. Mit vollem Körpereinsatz hatte sie ihn bei der Hofarbeit unterstützt.
Sie wollte ihm beweisen, dass sie eine verlässliche Partnerin und für den Hof wertvoll war. Doch die jahrelange Knochenarbeit hatte ihre Spuren hinterlassen und ihr ehemals straffer, muskulöser Körper glich mittlerweile eher einem fahl-beigen Sack, dessen faltige Hülle scheinbar nur noch mühsam ein dürres Knochengestell zusammenhielt. Selbst sie musste zugeben, dass sie damit bei einem Mann wohl kaum noch spontanes Begehren oder gar Liebe entfachen würde.
Odile hatte keinen Hunger. Die ernüchternde Situation bereits am frühen Morgen ließ ein flaues Gefühl in der Magengegend zurück und so setzte sie sich statt mit Frühstück lediglich mit einer großen Tasse Milchkaffee auf den Hocker, der das ganze Jahr über im Hof neben der Eingangstür stand. Eigentlich diente der Hocker nur als Sitzgelegenheit, um schmutzige Gummistiefel auszuziehen, bevor man das Haus betrat. Für Odile war es jedoch ein Sitzplatz, der Ausblick auf den schmucklosen Hof bot, und sie führte sich diesen Anblick in letzter Zeit mit geradezu masochistischer Besessenheit immer häufiger vor Augen. In einer funktionierenden Ehe – was für sie meist bedeutete, mit einem anderen Mann – hätte sie Haus und Hof in liebevoller Kleinarbeit in ein hübsches Anwesen verwandelt, in das man gerne heimkehrte, ein Heim, in dem man sich wohl-fühlte. In ihrer jetzigen Situation fehlte ihr dazu aber der Antrieb.
Ihren Tag zu planen, verdrängte die düstere Stimmung. Sie überlegte, was aktuell als Nächstes anstand. Jetzt, im Hochsommer, lag das ganze Augenmerk auf der Ernte. In manchen Gegenden hatte sie gerade begonnen, aber auf den Feldern in ihrer unmittelbaren Umgebung waren die Pflanzen offenbar noch nicht reif genug. Es konnte jedoch jeden Tag losgehen. Die Erntemaschine wurde vorsichtshalber schon frühzeitig auf Vordermann gebracht und stand jetzt einsatzbereit im Hangar. Von dieser Seite her betrachtet, war die Abwesenheit des Monsieur le Patron zugegebenermaßen kein Problem. Natürlich gab es auf einem Hof immer etwas zu tun. Doch diese kleinen Routinearbeiten waren meist Odiles Job, und selbst wenn etwas mal ein paar Tage liegenblieb, hatte das auf die Ernte keinen Einfluss. Sollten die Blüten schließlich erntereif werden, würde er es wahrscheinlich schon vor ihr wissen und ohnehin zurückkommen. Ansonsten bräuchte sie ihn nur über sein Handy anzurufen und er würde im Handumdrehen zurückkommen und die Ernte einfahren. Ihn aber ohne triftigen Grund anzurufen, diesen Fehler hatte sie nur einmal gemacht. Seiner Ansicht nach war es in seiner Rolle als Chef des Hauses selbstverständlich, dass er tat, was er wollte, ohne dafür Rechenschaft abzulegen. Er hatte sie damals fast vom Hof gejagt, weil er Besseres zu tun habe, als sich mit einer eifersüchtigen Zicke herumzuschlagen. Und so schluckte Odile auch dieses Mal ihren Frust hinunter und flüchtete sich in Tagträume, während sie obligatorische Routinearbeiten verrichtete, wie eine x-beliebige Magd – zumindest in den Augen Außen-stehender. In Odile allerdings keimte bereits eine Idee, der sie sich noch gar nicht richtig bewusst war, der sie aber schon bald Nahrung geben sollte.
Maxims Tatortbesuch bei Tageslicht brachte keine weiteren Erkenntnisse, was er allerdings schon vorher vermutet hatte. Hätte das Fahrzeug gestern Abend Reifenspuren hinterlassen, als es scharf beschleunigte oder in einem waghalsigen Manöver in die Seitengasse abbog, wären sie auch den Polizisten aufgefallen. Überwachungskameras über den Schaufenstern und Eingängen der paar Ladengeschäfte rund um den Tatort, die die Szene zufällig hätten aufzeichnen können, entdeckte er auch keine.
Nachdenklich schaute er in Rue Loubon, die dem E-Auto als Fluchtweg gedient hatte. Auf den ersten Blick schien sie nach nicht einmal fünfzig Metern an einem hübschen, efeubewachsenen Haus zu enden. Natürlich wuchs der Efeu von unten nach oben. Aus einem kleinen Loch im Asphalt strebten zwei armdicke Sprossachsen in die Höhe, verästelten sich zunehmend über die gesamte Breite der Fassade, bis sie sich oben unter der Regenrinne und dem Dachüberhang stauten. So sah es aus, als würde sich die Pflanze wie ein Wasserfall aus der überbordenden Regenrinne nach unten ergießen.
Ein verblasstes Schild bot die Räumlichkeiten eines ehemaligen Restaurants im Erdgeschoss zur Vermietung an. An den Fenstern der beiden darüberliegenden Etagen befanden sich strahlend weiße Klappläden. Einige Fenster waren geöffnet und auf den Simsen standen Blumentöpfe. Die Wohnungen über dem Restaurant waren also offenbar bewohnt. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass die Gasse dort vielleicht doch nicht endete, sondern scharf nach links abbog. Auch geradeaus ging es wohl nach einem kleinen Rechts-Links-Knick weiter. Neugierig folgte Maxim der Gasse. Tatsächlich – die Gasse machte am Restaurant
