Mord an Backbord - C.L. Miller - E-Book

Mord an Backbord E-Book

C.L. Miller

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Beschreibung

Je tiefer das Meer, desto böser die Absichten – turbulente Mörderjagd auf einem Luxusdampfer!

Ein Einbruch in einem Museum? Eine Leiche und ein verschwundenes Gemälde? Freya Lockwood kann es kaum erwarten, zusammen mit ihrer Tante Carole den ersten Fall ihrer neuen Detektei aufzuklären. Die Spuren führen sie auf einen Luxusdampfer voller exzentrischer Antiquitätenliebhaber. Dass hier nichts mit rechten Dingen zugeht, wird Freya spätestens klar, als sie die vielen gestohlenen Schätze an Bord entdeckt. Doch wie gefährlich ihre Lage wirklich ist, erkennt sie erst, als sie einen legendären Verbrecherkönig und seine Komplizen konfrontieren muss ...

Turbulent, cosy, perfekt für alle Krimifans, die den klassisch-britischen Whodunnit lieben!
Lesen Sie auch den SPIEGEL-Bestseller »Der falsche Vogel«, den ersten Fall für Freya und Tante Carole.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Ein Einbruch in einem Museum? Eine Leiche und ein verschwundenes Gemälde? Freya Lockwood kann es kaum erwarten, zusammen mit ihrer Tante Carole den ersten Fall ihrer neuen Detektei aufzuklären. Die Spuren führen sie auf einen Luxusdampfer voller exzentrischer Antiquitätenliebhaber. Dass hier nichts mit rechten Dingen zugeht, wird Freya spätestens klar, als sie die vielen gestohlenen Schätze an Bord entdeckt. Doch wie gefährlich ihre Lage wirklich ist, erkennt sie erst, als sie einen legendären Verbrecherkönig und seine Komplizen konfrontieren muss …

Autorin

C.L. Miller sammelte ihre ersten Erfahrungen in der Verlagsbranche an der Seite ihrer Mutter Judith Miller, die als ausgemachte Expertin für Antiquitäten und Inneneinrichtung galt und mehr als 120 Bücher zu diesen Themen verfasste. Nach einem kurzen Ausflug in die Gastronomie- und Eventbranche und der Gründung einer Familie beschloss C.L. Miller, endlich den lang gehegten Traum zu verwirklichen und sich aufs Schreiben zu konzentrieren. Zusammen mit ihrer Familie lebt C.L. Miller in einem mittelalterlichen Cottage in Suffolk.

Von C.L. Miller bereits erschienen

Der falsche Vogel

C.L. Miller

MORD AN BACKBORD

Kriminalroman

Deutsch von Leena Flegler

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »THEANTIQUEHUNTER’S DEATHONTHEREDSEA« bei Macmillan, London.

Die Zitate im Text stammen von Oscar Wilde und wurden folgenden Quellen entnommen:

Oscar Wilde, Bunbury oder Die Bedeutung des Ernstseins: Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute, übersetzt von Felix Paul Greve (Erstdruck in »Oscar Wildes sämtliche Werke in deutscher Sprache«, Band 10, Wien und Leipzig, 1906 – 1908, überarbeitet 1922) und Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, übersetzt von W. Fred, Deutsche Bibliothek Berlin, zit. nach Projekt Gutenberg, www.projekt-gutenberg.org/wilde/d-gray2/chap016.html.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor.Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright der Originalausgabe Copyright © 2025 BWL Management Ltd Copyright der deutschsprachigen Ausgabe

© 2025 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

BSt · Herstellung: CS

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-30978-7V002

www.blanvalet.de

Für alle, die den Mut haben, noch mal einen neuen Weg im Leben einzuschlagen

Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.

Oscar Wilde

Prolog

Phil

Themse-Ufer, London

Ein Jahr zuvor

Arthur Crockleford saß auf einer Bank an der Themse und ließ den Blick über die braune Brühe schweifen, die unter der Hungerford Bridge hindurchströmte und am Embankment ans Ufer schwappte. Schwere, dunkle Wolken hingen am Himmel, und der feuchte Wind fegte eine leere Schokoriegelverpackung über das Pflaster. Arthur hatte den Arm scheinbar entspannt über die Rückenlehne der Parkbank gelegt, biss allerdings die Zähne zusammen.

Phil hatte ihn schon eine Zeit lang aus sicherer Entfernung beobachtet und auf Hinweise gelauert, warum er aus heiterem Himmel um ein Treffen gebeten hatte. Arthur war für sein methodisches Vorgehen und seine Gewissenhaftigkeit bekannt. Bei ihm geschah nichts nur nach Lust und Laune.

»Alles in Ordnung?«, fragte Phil, als er auf ihn zutrat. Sein alter Freund hatte Ringe unter den Augen und war seit ihrer letzten Begegnung mager geworden.

Arthur nahm den Arm von der Lehne und zupfte nervös an seinem Ärmelsaum, als vor ihnen ein paar Touristen stehen blieben, um ein Foto vom Themse-Ufer zu machen. »Ich hab munkeln hören, es soll einen Nachfolger geben … Der Sammler setzt sich zur Ruhe, und ein Neuer wird gewählt.«

Der Sammler? Phil erstarrte.

Den Namen hatte er zuletzt fünf Monate zuvor während einer Besprechung mit Interpol gehört. Damals war aus einer Privatsammlung in New York eine Shakespeare-Gesamtausgabe aus dem Jahr 1623 entwendet worden – eine von mutmaßlich nur dreiundachtzig erhaltenen Erstausgaben. Eine der jüngeren Ermittlerinnen, Sloane, hatte berichtet, dass das Werk wohl noch am selben Tag ins Vereinigte Königreich geschmuggelt worden war. Der Diebstahl war sauber geplant gewesen, und ihre einzige Spur waren Überwachungsbilder eines weißen Transporters, der vom Tatort wegfuhr. Als er Tage später entdeckt wurde, war er ausgebrannt. Das Einzige, was sie – nur wenige Schritte von dem Fahrzeugwrack entfernt – sicherstellen konnten, war ein kaputter Schlüsselring mit einer Schlange, die sich in den Schwanz biss.

»Tut mir leid, ich …« Phil sackte neben Arthur auf die Bank. »Hab ich das gerade richtig verstanden? Du glaubst, dass es den Sammler wirklich gibt? Dass … einer allein für all diese millionenschweren Diebstähle über mehrere Jahrhunderte verantwortlich ist?« Kopfschüttelnd sah er Arthur ins Gesicht. »Die meisten glauben, er wäre eine Legende, eine Art mythische Figur des Schwarzmarkts …«

»Die meisten, ja. Aber ihr nicht.« Arthur sah Phil vielsagend an.

Phil hörte darüber hinweg. Er wollte jetzt nicht über seinen früheren Partner Ed, eine gewisse Akte ganz unten in Eds Schreibtisch oder Theorien reden, über die andere seit Jahrzehnten lachten. »Rede weiter.«

»Erinnerst du dich noch an die Ming-Vase, die 2001 aus einem Museum in Griechenland gestohlen wurde? Nach der ich damals fahnden sollte?«

Phil blinzelte langsam. Wie hätte er das je vergessen können?

»Die Spur hat nach Jordanien geführt. Ich war mir sicher, dass der Deal dort auf einem Schiff stattfinden würde. Die Vase war so selten und kostbar, dass ich mich bis heute frage, was dafür geboten wurde. Definitiv mehrere Millionen. Jedenfalls ist bei meinen Nachforschungen wiederholt der Name Sammler gefallen, bis ich irgendwann davon ausgehen musste, dass in den Geschichten über den sagenumwobenen Antiquitätendieb womöglich doch ein Körnchen Wahrheit steckte … Damals war mein Hauptkontakt ein gewisser Chris Prince. Ich hatte ihn immer als eine Art Söldner angesehen, der selbst gar kein echtes Interesse an Antiken und Antiquitäten hatte. Aber nach den Informationen zu urteilen, die er mir damals zugespielt hat, könnte er für den Sammler gearbeitet haben – oder für Leute, die mit dem Sammler in Verbindung standen. Besagter Prince sollte die Vase aufs Schiff bringen. Als das Schiff dann in Flammen aufging, glaubte ich natürlich, er wäre eins der vier Opfer gewesen.«

Phil rang die Hände – noch heute, Jahrzehnte später, hatte er den erstickenden Geruch von Schiffsdiesel und brennendem Holz in der Nase und fühlte die Panik von damals, als er das kleine Fischerboot näher an das Inferno steuerte, um im dichten Qualm nach Überlebenden zu suchen.

»Phil?« Arthur tätschelte ihm die Hand und holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. »Ich weiß, dass dein Kollege …«

Phil schüttelte den Kopf. Er würde jetzt nicht über Ed reden. »Also – Chris Prince.«

»Ja, natürlich. Ein paar Tage später stand ich Chris plötzlich wieder gegenüber. Wie durch ein Wunder tauchte er in meinem Hotel auf. Er war hochgradig nervös und leichenblass und presste sich eine Kiste vor die Brust, die ich für ihn verstecken sollte. Ich hab ihm sofort geglaubt, als er gesagt hat, wenn er damit erwischt wird, ist er ein toter Mann. Chris und die Vase waren an besagtem Morgen gar nicht mit an Bord, und er meinte, ich bin der Einzige, der das jetzt weiß.«

»Chris war am Leben und die Vase die ganze Zeit über in seinem Besitz?« Phil schluckte die Wut hinunter, die in ihm hochkochte. Trotzdem klang seine nächste Frage unüberhörbar bissig. »Warum hast du mir das nie gesagt? Ich hätte ihn aufspüren … und ein paar offene Fragen klären können.«

»Jetzt im Nachhinein weiß ich natürlich, dass ich das hätte tun müssen. Ich hätte die Vase sofort den Behörden übergeben sollen. Aber du musst auch verstehen, dass ich wegen eines Gegenstands kein Menschenleben in Gefahr bringen wollte.« Arthur seufzte schwer. »Du warst damals außer dir vor Trauer … und Zorn … und ich hab angenommen …«

»Dass ich losziehen und alles in Schutt und Asche legen würde, um …« Um Rache zu üben. Natürlich hätte Phil das getan – und würde es vermutlich heute noch tun, obwohl seither eine Menge Zeit vergangen war.

»Dass du eine Dummheit machen würdest.« Arthur nickte in Richtung von Phils geballten Fäusten – ein kleiner Riss in der beherrschten, professionellen Fassade. »Aber das war noch nicht alles, was Chris mir erzählt hat. Er wusste natürlich, wie sehr ich diesen Kunstraubzügen ein Ende setzen wollte. Er bot an, wir könnten die Vase benutzen, um den Sammler aus der Deckung zu locken. Er meinte, der Sammler sei auf nichts versessener als auf diese Vase – als wäre sie ihm irgendwie emotional wichtig. Wir haben eine Absprache getroffen, und dann tauchte Chris ab. Irgendwann glaubte ich schon, er hätte mir einen Haufen Lügen aufgetischt … oder dass es mit ihm ein schlimmes Ende genommen hat. Bis er aus heiterem Himmel im letzten Winter auf einer Party wieder vor mir stand und wissen wollte, wo ich die Vase versteckt hatte. Er war komplett verändert. Selbstsicher war er immer gewesen, aber jetzt war er … obsessiv. Seine Ausstrahlung war richtig düster geworden. Ich wollte unbedingt wissen, warum ihm die Vase nach Jahrzehnten urplötzlich so wichtig war. Also haben wir einen weiteren Deal ausgehandelt.«

Phil spreizte die Finger und fuhr sich durch die Haare. »Das FBI … Wir … Was du gleich sagst, wird mir nicht gefallen, stimmt’s?«

»Ich hab Chris gesagt, dass die Vase in einem Museum verwahrt wird und jemand, dem ich vertraue, sie dort rausholen könnte – nur dass der Hinweis, wo genau sie aufbewahrt wird, ausschließlich von der richtigen Person zu entschlüsseln wäre.«

»Diesmal bist du mit deiner Heimlichtuerei zu weit gegangen, alter Mann, das sage ich dir.«

»Und jetzt will ich es wiedergutmachen.«

»Sag mir, wo die Vase ist, und wir stellen ihm eine Falle. Sag mir, wie ich Chris finden kann.«

Als Arthur den Kopf schüttelte, war es mit Phils Beherrschung vorbei. Er packte Arthur am Arm.

»Du hast mich jahrzehntelang hingehalten!«

»Nicht jetzt …« Arthur wand sich aus Phils Griff und richtete seine Jacke. »Angeblich findet im kommenden Herbst eine sogenannte Antikenkreuzfahrt statt, bei der ein neuer Sammler aufrücken soll. In diesem Rahmen soll es genau eine Unterredung geben, bei der der scheidende und der neue Sammler aufeinandertreffen. Buche diese Kreuzfahrt, und dann entlarve sie, ein für alle Mal. Das ist die einzige Möglichkeit, sie zu stellen … und dem Morden, das mit ihren Coups einhergeht, ein Ende zu setzen.«

Eine Taube pickte zu ihren Füßen. Arthur rückte sich den Trilby auf seinem Kopf zurecht und stand auf.

»Ich weiß, wie sehr du das willst.« Stirnrunzelnd sah er Phil an. »Vor all diesen Jahren hab ich dir auf der Beerdigung versprochen, dass ich dir helfen würde, Ed Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das war ernst gemeint. Ich bitte dich nur noch um ein bisschen Geduld, weil ich erst sicherstellen muss, dass alles nach Plan läuft.« Er streckte die Hand aus und drückte Phils Schulter. »Du hast nur diese eine Chance, mein Freund.« Dann wandte er sich ab und machte sich auf den Weg.

»Und was ist mit dir?«, rief Phil ihm hinterher. »Du bist doch wohl auch dabei?«

Doch Arthur antwortete nicht.

DEDHAMVALENEWS

Toter Kunstdieb und millionenschwerer Kunstschatz entdeckt

Seit der Kunst- und Antiquitätendieb Giles Metcalf in Suffolk ermordet aufgefunden wurde, wird unter Hochdruck nach dem Täter gefahndet. Die Polizei geht davon aus, dass Metcalf unzählige gestohlene Kunstgegenstände angehäuft und im Gewölbe seines Familiensitzes, Copthorn Manor, verwahrt hatte.

Dass die unbezahlbare Ansammlung von Artefakten aus dem Nahen Osten sichergestellt werden konnte, ist der Abteilung für Kunst- und Antikenkriminalität bei Scotland Yard, dem Dezernat für Kunstverbrechen des FBI und der ortsansässigen Antiquitätenfahnderin Freya Lockwood zu verdanken.

Miss Lockwood, 47, will sich gegenüber Dedham Vale News bislang nicht äußern, allerdings hat sie zusammen mit ihrer Tante Carole Lockwood kürzlich Crockleford Antiques übernommen, einen Antiquitätenhandel in Little Meddington, den zuvor der jüngst verstorbene Arthur Crockleford geführt hatte.

Agatha Craven von den benachbarten Teapot Tearooms äußert sich folgendermaßen: »Ich kannte Arthur sehr, sehr gut. Er hat ebenfalls nach gestohlenen Kunstschätzen gefahndet und sie den Museen und so weiter zurückgebracht. Er war so ein netter Mensch! Einmal hat er dem Lowestoft Maritime Museum ein Gemälde gestiftet, nur weil sie dort Platz an der Wand hatten. Wie nett ist das bitte schön?«

Freya Lockwood gehört einer wachsenden Gruppierung innerhalb der Kunstbranche an, die sich der Rückgabe gestohlener Werke an ihre rechtmäßigen Besitzer und der Restitution von Kulturgütern an das jeweilige Ursprungsland verschrieben hat. Gleichzeitig sind in den vergangenen Jahrzehnten in Großbritannien zahlreiche Herrenhäuser von hoch spezialisierten Diebesbanden heimgesucht worden, die mutmaßlich von gewissenlosen Kunstsammlern beauftragt werden.

Der Schätzwert der weltweit auf dem Schwarzmarkt gehandelten Kunstschätze beläuft sich auf 50 Milliarden Dollar – und es ist ein Wachstumsmarkt. Von der Anhäufung von Kulturgütern durch das britische Empire über die Plünderung antiker Stätten in Konfliktgebieten im Nahen Osten bis hin zum Kunstraub in der vom Krieg erschütterten Ukraine: Der skrupellose Raub von Kulturschätzen hat Konjunktur …

1

Freya

Bei Crockleford Antiques war es gespenstisch still. Ich ließ mich an Arthurs altem Schreibtisch nieder und sah gerade aus dem Schaufenster, als draußen vier Schulkinder vorbeiliefen, sich tief unter einen gestreiften Regenschirm duckten und ihn mit vereinten Kräften festhielten, damit sie gegen den Wind eine Chance hatten. Einer der Jungs quiekte laut auf, als eine besonders heftige Böe die Hauptstraße entlangfegte und sie alle umzuwehen drohte. Für einen kurzen Moment übertönte ihr Gelächter Regen und Sturm.

Seufzend drehte ich mich vom Fenster weg. Der Laden wirkte noch düsterer als sonst. Ich knipste die Schreibtischlampe an und zog die erste von drei Snuff Bottles aus der Vitrine am Schaufenster zu mir her. Das kleine Schnupftabakgefäß lag geschmeidig in meiner poliertuchbedeckten Hand. Als ich es mir vors Gesicht hielt, entdeckte ich einen winzigen Flohbiss im Flaschenboden – nichts, was der Durchschnittskunde bemerkt hätte. Aber so wollte ich mein Geschäft nicht führen. Ich zupfte das Preisetikett über 550 Pfund ab. Immer noch ein schönes Stück – aus China, spätes neunzehntes Jahrhundert, Hinterglasmalerei. Ich hoffte, jemand würde seinen Charme erkennen und es trotz der Beschädigung kaufen wollen. Denn genau wie bei Menschen bedeutete so eine Macke nicht gleich, dass etwas wertlos war.

Die schmalen Schultern des Fläschchens und der rote Stopfen waren ein bisschen eingestaubt. Vorsichtig strich ich mit der Ecke des Poliertuchs darüber, und die chinesischen Schriftzeichen erwachten zu neuem Leben.

Nachdem meine Eltern bei einem Hausbrand ums Leben gekommen waren – da war ich gerade zwölf gewesen –, hatte ich meine Teenagerzeit hier im Laden bei Arthur verbracht und ihn später sogar bei seinen abenteuerlichen Antiquitätenermittlungen begleitet. Inzwischen saß er zwar nicht mehr auf seinem rechtmäßigen Platz an diesem Schreibtisch; trotzdem war seine Präsenz zu spüren, und noch immer hing ein süßlich-moschusartiger Politurgeruch in der Luft. Nachdem ich Arthur zwanzig Jahre lang aus dem Weg gegangen war, war ich schlussendlich dorthin zurückgekehrt, wo ich hingehörte.

Ich nahm das zweite Gefäß zur Hand: chinesisches Qianlong-Zinn samt graviertem Schlangendrachendekor und grünem Stopfen. Meine Fingerkuppen strichen über das kühle Metall, und dann zog ich den Stopfen ab, um mir den winzigen Löffel anzusehen, der im Innern hing und mit dem eine Prise Schnupftabak bemessen wurde.

Draußen prasselte der nächste Schauer ans Fenster. Der Wind pfiff durch die Ritzen in der verzogenen Tür und wehte das Plakat auf, das an der Innenseite klebte. Ich warf einen Blick auf die georgianische Standuhr links neben mir. Im selben Moment hatte der Zeiger die Drei erreicht, und die Uhr gongte leise.

Sky ist spät dran. Seltsam.

Sky Stevens hatte ich erst wenige Wochen zuvor eingestellt. Die Fünfundzwanzigjährige war clever, verlässlich und verantwortungsbewusst. Im Handumdrehen hatte sie sich unersetzlich gemacht, und sosehr ich meine Tante schätzte: Wir brauchten jemanden, der zuverlässig und pünktlich war. Sky hatte für den Laden bereits einen Internetauftritt gebastelt und die ersten Antiquitäten auf unserer Seite sowie auf speziellen Verkaufsportalen online gestellt. Sie war wirklich ein Computergenie. Seither waren unsere Umsätze merklich gestiegen.

Seufzend ließ ich den Blick durch den leeren Laden schweifen. Nicht zum ersten Mal ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass Antiquitäten eindeutig verlässlicher waren als Menschen. Menschen verflüchtigten sich mitunter aus jemandes Leben, zogen um oder wandten sich neuen Freunden zu – oder schlimmer: verschwanden ganz ohne Vorwarnung. Wenn ein Gegenstand verloren ging oder gestohlen wurde, bestand immer noch die Möglichkeit, dass man ihn wiederfand oder zurückbekam. Und genau das hatte ich in meinen Zwanzigern gemeinsam mit Arthur gemacht: Ich hatte weltweit gestohlene Kunstschätze aufgespürt und sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgebracht. Nichts auf der Welt war spannender gewesen als die Jagd – das sorgsame Kombinieren von Informationen, bis wir einen Kunstgegenstand lokalisiert hatten. Doch wenn ich in dieses Leben zurückkehren wollte, brauchte ich zuallererst einen Auftraggeber, der mich mit so einer Suche betraute. Diesbezüglich schien ich derzeit kein Glück zu haben.

Ich sah erneut auf die Uhr. War Sky die Nächste, die aus meinem Leben verschwand?

Die rosafarbene Snuff Bottle konnte warten. Ich stellte alle drei zurück in die Vitrine und wischte mir einen Staubstreifen vom Ellenbogen. In der Hoffnung, dass ich mit meiner Einschätzung falschläge, kehrte ich an den Schreibtisch zurück und zog mein Handy heraus, um Sky anzurufen.

Im selben Moment schlug die Eingangstür auf und krachte gegen die Wand. Ich sprang auf. Meine rüstige Tante Carole stand in der Tür, nasskalte Oktoberluft schlug mir entgegen – und dann Caroles Markenzeichen, Chanel No. 5. Dieser Oktobertag mochte bis zu ihrer Ankunft grau gewesen sein, aber sobald Carole auftauchte, ging gewissermaßen die Sonne auf.

»Ist Sky gar nicht da?«, fragte sie und versuchte, ihren breitkrempigen Hut und diverse Einkaufstaschen durch die Eingangstür zu manövrieren. Ich eilte ihr zu Hilfe.

Carole machte einen Ausfallschritt, und ihr riesiger, regenschlaffer Sonnenhut streifte den Türrahmen. Ein Sonnenhut?!

»Ich war in Bury, beim Sommerschlussverkauf«, erklärte sie. »Den lasse ich mir nicht entgehen, wie du weißt.« Ich nahm ihr mehrere Taschen ab. »Danke, Schätzchen. Dir hab ich auch ein paar Kleinigkeiten mitgebracht – aber nach all der Aufregung brauche ich erst mal einen Tee!«

Mit der freien Hand hängte ich ihren Regenmantel auf. »Ich setze gleich Wasser auf.« Als ich ihre Einkaufstaschen neben dem Schreibtisch abstellte, spitzte aus einer ein Badelaken hervor. »Du weißt aber schon, dass die Kreuzfahrtgesellschaft mich wieder ausgeladen hat? Oder hast du beschlossen, trotzdem in den Urlaub zu fahren? Ich habe wirklich kein Problem damit, allein hierzubleiben, wenn du verreisen willst, wie früher mit …«

Ich brachte den Satz nicht zu Ende. Ich wollte tatsächlich, dass Carole ihr Leben in vollen Zügen genoss, und hatte ihr in den vergangenen Wochen mehrmals damit in den Ohren gelegen, dass sie wieder auf Reisen gehen sollte. Ich würde mich ohne sie wirklich nicht einsam fühlen – immerhin war ich das Alleinsein lange gewohnt gewesen.

»Ich hole uns Kekse.« Ich duckte mich unter den dunklen mittelalterlichen Deckenbalken hindurch und ging in die Küche.

Einen Monat zuvor war ich als Sachverständige zu einer Jordanien-Kreuzfahrt für Antiquitätenfreunde eingeladen worden. Eine gute Möglichkeit, Kundenakquise zu betreiben und mich mit anderen aus der Branche auszutauschen. Ich war davon ausgegangen, dass sonst Arthur derlei Aufträge übernommen und man nun an seiner Stelle einfach mich gefragt hatte. Die Vorstellung, in seine Fußstapfen zu treten, hatte mich in Aufregung versetzt – und am Abend hatten Carole und ich im Crown auf die Einladung angestoßen.

Eine Woche später war dann die E-Mail eines Angestellten der Kreuzfahrtgesellschaft eingegangen: Meine Dienste würden nun doch nicht benötigt.

Als die erste Enttäuschung verflogen war, hatte ich sämtliche Kontakte aktiviert, die ich noch aus meinen Fahnderzeiten mit Arthur hatte. Die meisten waren schon länger nicht mehr als Ermittler für Kunst, Antiquitäten und Altertümer tätig, und diejenigen, die noch im Geschäft waren, klangen unverhohlen misstrauisch. Ein besonders taktloser Kollege hatte angemerkt, dass er die Gründung einer neuen Detektei in meinem »doch fortgeschrittenen Alter« eher »eigentümlich« fände, und konnte mich gar nicht schnell genug aus der Leitung werfen.

Ich hatte überdies jeden Papierschnipsel gesichtet, den Arthur im Laden hinterlassen hatte – unter anderem ein umfangreiches Verzeichnis sämtlicher Antiquitäten, die zum Verkauf standen, samt Provenienz. Allerdings war nirgends eine Liste mit Personen aufgetaucht, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Es war fast, als hätte Arthur solcherlei Informationen vernichtet, kurz bevor er gestorben war – oder als hätte jemand die Liste entwendet. Ich hatte also buchstäblich keinerlei Kontakte mehr in die Branche, mal abgesehen von Bella, jener Kunstdiebin, der ich einige Monate zuvor im Fall Copthorn Manor begegnet war. Nur konnte ich ja schlecht zusammen mit jemandem, der auf der falschen Seite des Gesetzes stand, eine Raubkunstdetektei gründen, und selbst wenn ich Bellas Hilfe gewollt hätte, hatte ich ihre Nummer nicht.

Als ich mit zwei Teebechern in der Hand in den Verkaufsraum zurückkehrte, hängte Carole gerade ihren triefenden neuen Hut über einen viktorianischen Perückenständer. Dann wühlte sie geschäftig in einer der Taschen, die wir neben dem Schreibtisch abgeworfen hatten. »Guck mal, was ich dir mitgebracht habe!« Dann musterte sie mich. Und machte ein langes Gesicht. »Du hast abgenommen. Dass du den Laden wieder auf Vordermann bringst und« – sie beugte sich verschwörerisch in meine Richtung – »dass du gleichzeitig deine supergeheime Raubkunstdetektei gründest, macht dir hoffentlich keinen Stress? Denn als die Kreuzfahrtgesellschaft geschrieben und dir abgesagt hat, hab ich beschlossen, uns beiden einen Urlaub zu buchen. Du weißt schon: Abenteuer! Neue Leute treffen!«

Ich biss die Zähne zusammen. »Und geht das wieder so aus wie dein Plan letzten Monat, als du im Dorfgemeinschaftshaus Tier-und-Mensch-Yoga unterrichten wolltest?«

Es hatte damit geendet, dass ein ziemlich geruchsintensives altes Schaf und drei Rentnerinnen zusammen Tee getrunken hatten. Was sogar halbwegs lustig gewesen war. Allerdings würde ich das niemals zugeben, sonst würde Carole nur weitere durchgeknallte Ideen ausprobieren.

»Alle haben Edna geliebt, und du hast drei neue Bekanntschaften gemacht.« Carole zog ein winziges Stück Stoff mit roten Punkten aus der Tasche und hielt es in die Luft.

Mir klappte die Kinnlade runter. »Das ist ein Bikini.«

Seit ich gut Jahre zuvor meine Tochter Jade zur Welt gebracht hatte, hatte ich keinen Bikini mehr getragen.

»Ganz genau. Und du bist doch nur sprachlos, weil er so toll aussieht! Und du liebst mich noch viel mehr, wenn ich dir jetzt erzähle, wie günstig er war.« Sie schwenkte den dünnen Stoff in meine Richtung. »Du hast dich so gefreut, als diese Einladung kam, und dann …«

Ich griff nach den schmalen Bikiniträgern. »Für so etwas bin ich zu alt.«

»Man ist nie zu alt für ein bisschen …«

Das Glöckchen über der Tür schlug an.

»Es tut mir so leid!« Sky stolperte in den Laden und wuchtete einen Rollkoffer vor sich her. Als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete, schimmerten Tränen in ihren braunen Augen. »Es tut mir so leid«, wiederholte sie und bugsierte den Koffer neben den Mahagonihutständer, »ich …«

Im selben Moment rollte ihr die erste Träne über die Wange.

Ich lief auf sie zu und nahm sie erst mal in die Arme. »Was ist denn los?«

Ich legte ihr die Hände auf die Schultern und versuchte, ihren Blick aufzufangen, doch Sky guckte nach unten und wischte sich Regentropfen von der knielangen pinkfarbenen Strickjacke, die sie anstelle eines Mantels trug.

»Setz dich erst mal hin«, forderte ich sie auf und schob sie auf einen der viktorianischen Esszimmerstühle mit Ballonlehne zu, die seitlich neben dem Schreibtisch standen. »Was können wir dir denn Gutes tun?«

»Ich hab mit Aaron Schluss gemacht, und jetzt …« Ihr Blick wanderte zu ihrem Koffer.

»Und jetzt brauchst du ein Dach über dem Kopf?«

Sie nickte.

»Du kannst natürlich hier wohnen.«

Inzwischen strömten ihr die Tränen nur so über das Gesicht. »Es tut mir so leid, aber ich hab …«

Carole drückte ihr ein Taschentuch in die Hand. »Ich stelle den Wasserkocher noch mal an.« Dann huschte sie in Richtung Küche. »Es gibt die guten Chocolate-Chip-Cookies, die ich für genau solche Notfälle parat habe.«

Als Sky sich schnäuzte, entdeckte ich an ihrem Handgelenk einen frischen Bluterguss. Sie sah, dass ich ihn bemerkt hatte, und zog den Ärmel darüber.

»Es war keine nette Trennung. Aaron … hat …«

»Ich hab’s gesehen. Wir müssen ihn anzeigen.«

Sie sah mich verängstigt an. »Nein, das kann ich nicht machen!«

»Lass uns das besprechen, wenn du dich halbwegs eingerichtet hast. Oben ist ein Zimmer, das kannst du fürs Erste haben.«

Mit einem Teebecher in der Hand tauchte Carole im Durchgang auf. Als Sky zu ihr aufblickte, stieg ihr die Schamesröte ins Gesicht.

»Als ich in der Zeitung gelesen hab, dass ihr diese gestohlenen Antiquitäten gefunden hattet, ich euch gegoogelt hab und über die Stellenanzeige gestolpert bin«, schniefte sie, »war ich so froh! Und jetzt sitze ich hier und mache mir mit diesem ganzen Durcheinander alles kaputt.«

Sie nahm den Becher Tee von Carole entgegen.

»He, wir sind ein Team – und was heißt hier überhaupt Durcheinander?« Ich warf Carole einen flüchtigen Blick zu, die beifällig nickte. »Du hast etwas Besseres verdient als diesen Aaron.«

»Ich liebe diesen Laden.« Sky wirkte schon wieder ein klein wenig zuversichtlicher. »Er hat einen höheren Zweck, und das gibt mir das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Ihr gebt mir das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.«

Darauf nahm sie erst mal einen großen Schluck Tee.

In den vergangenen Wochen hatte ich mir schon so meine Gedanken über ihren Freund gemacht, hatte aber nicht nachbohren wollen. Jetzt wünschte ich mir, ich hätte es getan. Ich wusste noch gut, wie sie mal erwähnt hatte, dass Aaron ihre Freunde nicht leiden konnte und sie sich deshalb nicht mehr mit ihnen traf und dass ihre Wohnung »sauber und ordentlich« sein und das »Abendessen auf dem Tisch« stehen musste, wenn er nach Hause kam – als wäre sie ein Hausmütterchen aus den Fünfzigern. Und dann die blauen Flecken …

Dass sie so sehr an unserem Laden hing, freute mich ungemein – mir ging es ja genauso, ich freute mich jeden Morgen, hierherkommen zu dürfen.

»Wir müssen nur einen einzigen Fall an Land ziehen, dann wird das Fahndungsbusiness ein Selbstläufer.«

Carole nickte nachdrücklich. »Und dich finden wir ganz großartig – deine Computerkenntnisse haben uns jetzt schon weitergeholfen! Du bist ein echter Gewinn für das Team. Ich bin mir ganz sicher, sobald wir den ersten Auftrag haben, verhilft uns dein schicker Abschluss in Informatik sogar zu ein paar Computerhacks!«

Ich sah sie finster an. »Äh … nein. Das gehört eindeutig nicht zu Skys Aufgaben. Wir stehen auf der richtigen Seite von Recht und Gesetz, schon vergessen?«

Carole eilte auf unsere Assistentin zu und nahm sie in die Arme. »Jedenfalls wird jetzt alles gut. Komm, ich beziehe dir dein Bett.«

Im selben Moment klingelte das Telefon. Wir drehten uns synchron danach um.

Das Festnetztelefon klingelt sonst nie.

2

Meine Tante griff zum Hörer des alten Wählscheibenapparats, den Arthur nie hatte ersetzen wollen.

Will sich da bloß jemand nach einer Antiquität erkundigen, oder wird das etwas Aufregenderes?

»Crockleford Antiques?«, meldete sich Carole.

Stille senkte sich auf den Laden herab, während Sky sich die Tränen aus dem Gesicht wischte und ich konzentriert die Ohren spitzte.

»Ja, das hier war mal Arthurs Antiquitätenladen. Leider ist Arthur nicht mehr unter uns.« Caroles Blick wurde wehmütig, während der Anrufer weiterzusprechen schien. »Ein Toter?« Das Blitzen in ihren Augen war wieder da. »Und ein gestohlenes Gemälde? Da haben Sie die richtige Nummer gewählt, meine Liebe!«

Ich versuchte, ihr den Hörer aus der Hand zu reißen, doch Carole fuchtelte mich von sich weg.

»Und war es eine natürliche Todesursache, oder ist er ermordet worden?«

Ich zog eine Augenbraue hoch und hauchte tonlos in ihre Richtung: Pietät!

Trotzdem wollte auch ich unbedingt die Antwort hören.

»Entschuldigen Sie bitte, aber natürlich, wie nachlässig von mir. Erst die Vorstellungsrunde.« Betont nüchtern fuhr sie fort: »Mein Name ist Carole Lockwood, und Arthur war mein bester Freund. Vor rund fünf Monaten haben meine Nichte Freya und ich das Geschäft übernommen. Also – wie können wir Ihnen mit diesem ermordeten Mann und dem Diebstahl behilflich sein?«

Ich quetschte mich neben sie und hielt das Ohr an den Hörer.

»Ich habe hinter dem Museum einen Toten entdeckt – und die Polizei sagt, er wurde erstochen«, erklärte die Anruferin mit zittriger Stimme. »Außerdem fehlt ein Gemälde – und niemand sagt mir, was hier los ist!«

Aufgeregt packte Carole mich am Arm. »Ein Museumsraub? Da sind wir genau die Richtigen!«

Erneut versuchte ich, ihr den Hörer zu entwinden. Ich musste einfach selbst mit der Anruferin sprechen.

»Wir sind schon unterwegs. In einer Stunde zwanzig Minuten sind wir bei Ihnen«, sagte Carole und warf den Hörer auf die Gabel. »Sky, schaffst du es ein paar Stündchen ohne uns?«

Sky nickte und streifte ihren Strickmantel ab. Darunter trug sie einen Bleistiftrock und ein gestreiftes Polohemd. »Bin arbeitsfähig.«

»Wenn es nicht so wäre, würdest du uns das aber sagen? Ich kann auch allein fahren«, wandte ich ein.

Carole sah mich empört an. »Wenn es dir zu viel wird, Sky, schließ den Laden einfach ab.« Eilig schlüpfte sie in ihren Regenmantel. »Betty Peters, die Anruferin, arbeitet ehrenamtlich im Lowestoft Maritime Museum. Betty regt sich darüber auf, dass die Polizei sich auf den Mord konzentriert und sich für das Gemälde nicht interessiert. Sie findet, eine spezialisierte Antiquitätenfahnderin würde am ehesten herausfinden, was mit dem Bild passiert ist.«

Mein Herz machte einen Hüpfer. Unser erster Fall!

Während ich schon nach meiner Tasche griff, zückte Sky ihr Handy.

»Vielleicht recherchieren wir noch kurz, bevor ihr losfahrt?« Nach ein paar schnellen Klicks und Scrolls hielt sie uns das Display hin. »Das Lowestoft Maritime Museum ist seit 1968 in einem umgebauten viktorianischen Haus im Sparrow’s Nest Park in Lowestoft untergebracht. Ein Anbau 1977, ein weiterer 2008.«

»Bestimmt wurde die Sammlung erweitert«, mutmaßte ich.

Noch ein Klick, und Sky fuhr fort: »Es gibt ein paar Meldungen von vor drei Tagen, denen zufolge ein bislang nicht identifizierter Mann – keine Übereinstimmung bei Fingerabdrücken oder Zahnstatus – hinter dem Museum neben der Recyclingtonne tot aufgefunden wurde. Der Polizei zufolge keinerlei Einbruchspuren am Gebäude selbst.« Sie sah erst Carole, dann mich an. »Wir interessieren uns nur für das Gemälde, stimmt’s? Oder fahnden wir auch nach Mördern?«

»Nein, nur nach gestohlenen Kunstwerken, Antiquitäten und Artefakten.« Obwohl ich ehrlicherweise nach fast allem gefahndet hätte, um die Detektei anzukurbeln und unseren ersten Fall zu lösen.

»Den laufenden Betrieb bestreiten wir ausschließlich mit Freiwilligen … Das Museum verfügt über eine umfassende Sammlung zur Geschichte der örtlichen Fischerei …«

Doch Carole und ich waren schon halb aus der Tür. Das Jagdfieber hatte uns gepackt.

»Wenn wir zurückkommen, haben wir unseren ersten Auftrag in der Tasche!«, rief Carole noch, während Sky meinen Platz am Schreibtisch einnahm.

Ich hakte meine Tante bei mir unter. »Wer braucht schon eine Kreuzfahrt, wenn wir einen Seefahrtmuseumsfall lösen können?«

*

Caroles – passenderweise marineblauer – Mercedes-Oldtimer parkte wie immer unverschlossen vor dem Antiquitätenladen. Sie setzte sich ans Steuer und begann, in ihrer Handtasche zu kramen, nach dem Schlüssel, vermutete ich. Doch dann zauberte sie ihr spezielles Autokopftuch hervor und legte es sich mit Blick in den Rückspiegel à la Grace Kelly über die langen blonden Haare, drapierte die Zipfel elegant übereinander und verknotete sie im Nacken.

»Offenes Verdeck?«, fragte sie hoffnungsvoll. Mit offenem Verdeck zu fahren, gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.

»Äh … Es ist Oktober, und es regnet.« Ich blieb auf dem Gehweg stehen, weil ich nicht wusste, ob Caroles Wagen eine gute Idee war. »Ist der Tank diesmal voll?«

»Natürlich!«

Ich schob den Kopf in den Innenraum und warf einen Blick auf die Tankanzeige. Halb voll.

Sie strahlte mich an. »Ich bin einfach tipptopp organisiert, Liebes! Benzin für den Wagen, Bikini für den Urlaub!«

»Vielleicht weißt du ja noch, dass wir gerade erst letzte Woche in Simons Traktor nach Hause gebracht werden mussten? Weil du nämlich dachtest, du hättest genug Sprit für Hadleigh und zurück …«

»Ach, war das nicht nett? Du warst ganz furchtbar still – bis ich uns die Traktorsafari organisiert hatte!« Carole ließ den Motor an. »Und wie schon gesagt: Du kannst nicht immer nur herumsitzen und warten, bis der Spaß bei dir anklopft. Du musst schon selbst losziehen und danach suchen.« Dann beugte sie sich zu mir her. »Aus der Antikenkreuzfahrt mit dir als Expertin ist zwar nichts geworden, aber wir können immer noch eigene Abenteuer erleben. Und jetzt komm, steig ein! Wir müssen nach Lowestoft.«

Carole hatte ja recht. Jetzt, da unser erster Auftrag winkte, würde alles gut werden.

»Das Museum macht ab Ende Oktober Winterpause, insofern haben wir Glück, dass jetzt dort eingebrochen wurde«, fand Carole, »im Winter hätte Betty den Diebstahl erst Tage oder Wochen später entdeckt.«

Guter Punkt. Warum brach jemand dort ein, während noch geöffnet war? Weshalb nicht einfach ein paar Wochen warten, bis es weit weniger wahrscheinlicher gewesen wäre, dass jemand den Diebstahl bemerkte? Wozu die Eile?

Während ich draußen die grünen Hügel von Suffolk an uns vorbeiziehen sah, glaubte ich noch, dass all das, was wir bislang gehört hatten, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gewesen wäre … und das war mein erster fataler Fehler.

3

Wir brauchten exakt eine Stunde und dreiundzwanzig Minuten von Little Meddington nach Lowestoft – mit Carole am Steuer eine haarsträubende Fahrt. Der Zahn der Zeit hatte das Küstennest schon recht abgenagt, trotzdem versuchte es, wieder auf die Beine zu kommen, und ich bewunderte es für seinen Kampfgeist. Vor ein paar edwardianischen Häusern fiel ein Schwarm Möwen über einen Müllsack her.

Binnen Minuten hatten wir den Strand erreicht. Die matte Nachmittagssonne beschien die dunkle Nordsee. Am liebsten wäre ich dort stehen geblieben und hätte die windzerzauste, verwaiste Schönheit genossen. Ich hatte so ein Gefühl, als stünde etwas bevor – womöglich war es die Stille vor dem Ansturm von Künstlern und Lebenskünstlern, die bald die hiesigen billigen Mieten, weite Strände und heilsame Meeresluft für sich entdecken würden.

Während ich sehnsüchtig aus dem Wagenfenster blickte, warf Carole mir einen langen Blick zu. »Wenn wir uns beeilen, können wir vielleicht ja noch Tee trinken und Pommes essen, bevor wir nach Hause zurückfahren.«

Ich strahlte sie an. »Das wäre wunderbar.«

Das Lowestoft Maritime Museum lag im nördlichen Teil des Städtchens in der Nähe eines Campingplatzes und war nur durch die Küstenstraße vom Meer getrennt. Es war in einem viktorianischen Häuschen mit Feuersteinfassade untergebracht. Davor stand ein überdimensionierter Schiffsmast samt Union Jack. Eine riesige briefkastenrote Seemine aus dem Zweiten Weltkrieg – hoffentlich entschärft – markierte den Zugang. Im Fenster neben der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift »Geöffnet«. Trotzdem schien niemand da zu sein.

»Hallo?«, rief Carole noch von der Schwelle aus.

Ich blieb stehen und sondierte die Lage. Auf den ersten Blick deutete nichts auf einen Einbruch hin: Nirgends ein zerbrochenes Fenster, und auch die Tür war unbeschädigt. Erst als ich mich über das Türschloss beugte, entdeckte ich eine haarfeine Schramme im angelaufenen Messing.

Das Schloss wurde geknackt.

Ein kleiner Museumsshop links hinter einer offenen Tür diente gleichzeitig als Ticketschalter. Eine große, schlanke Frau mit perfekt sitzenden weißen Löckchen und einem Seidentuch um den Hals stand auf, als wir eintraten.

»Betty?«, fragte Carole.

»Dann sind Sie Carole?« Sie eilte auf uns zu. »Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Ich bin Freya, Raubkunstdetektei Lockwood.« Stolz lächelnd streckte ich ihr die Hand entgegen.

Betty griff mit beiden Händen nach meiner Hand. »Ich bin so froh, dass Sie kurzfristig kommen konnten. Die Polizei konzentriert sich auf diesen armen Toten, der hinter der Mülltonne lag.« Sie nickte in Richtung der rückwärtigen Wand. »Ich hab ihnen ausführlich geschildert, was ich vermute, aber die wollen nicht mal eine Aussage von mir.«

»Es ist die Ungewissheit, die uns immer am meisten zusetzt, oder?« Carole drückte Bettys Schulter und griff dann ungebeten zu einem Übersichtsplan.

»Sie haben so recht.« Betty drehte sich um und gab auch Carole die Hand. »Ich kann ja nun nicht viel tun, um bei den Ermittlungen zu helfen. Aber als ich gesehen habe, dass das Gemälde fehlt, wusste ich, Arthur hätte mir zur Seite gestanden. Deshalb dachte ich, vielleicht würden Sie das ja ebenfalls tun.« Sie musterte Carole und mich von Kopf bis Fuß, als wollte sie sicherstellen, dass wir für ihren Auftrag geeignet wären.

»Ich habe eine Kratzspur an der Eingangstür entdeckt. Die Schramme in dem alten Messing sieht relativ frisch aus«, bemerkte ich. »Gibt es noch weitere Anzeichen für einen Einbruch?«

»Die Tür wurde aufgebrochen?« Erschrocken riss Betty die Augen auf. »Das hat die Polizei gar nicht erwähnt!«

»Wie wäre es, wenn wir ganz von vorn anfangen?«, schlug ich vor.

Sie zupfte ihren Rock gerade, schob ein Taschentuch in ihren Strickjackenärmel und nickte entschlossen. »Kommen Sie mit. Alles fing vor zwei Tagen an, als ich an der Kasse saß und plötzlich ein junger Mann auftauchte … Mitte dreißig, üppiger blonder Haarschopf. Kam in einem teuren Wagen – ich hatte ihn draußen parken sehen. Teurer Anzug, handgenähte Schuhe, Goldring mit einer Schlange mit grünen Augen – Sie kennen die Sorte Schnösel.«

Sie scheuchte uns durch eine Tür zur Rechten des Kassentresens und über einen Flur mit Bodendielen, die an Schiffsplanken erinnerten, in einen größeren Ausstellungsraum mit Schiffsmodellen in Glasvitrinen.

»Er kam direkt auf die Kasse zu und fragte, ob wir eine graue Vase für ihn hätten, er bräuchte Requisiten für einen Vortrag oder so … Ist Ihnen so etwas schon mal untergekommen?«

Carole und ich schüttelten den Kopf.

»Ich hab geantwortet, dass wir hier keine graue Vase haben und unsere Exponate auch nicht verleihen. Was für eine Frage!«

Betty suchte in meinem Gesicht nach Antworten, die ich noch nicht parat hatte.

»Jedenfalls ist er wieder gegangen, und ich hab am Abend wie sonst auch abgesperrt. Als ich tags darauf wiederkam, fehlte das Gemälde, das Arthur uns geschenkt hat.«

Arthur? Ich wollte schon fragen, welche Verbindung Arthur zu dem Museum hatte, als Betty schniefte und ihr Taschentuch zückte.

»Dann musste ich erst Ordnung machen, wie jeden Morgen, und wollte gerade den Müll rausbringen … Hab doch nicht damit gerechnet, dass ich dort eine Hand entdecken würde … eine Leiche … Da musste ich erst mal Clive vom Campingplatz rufen.« Sie wischte sich über die Nase. »Clive hat für mich die Polizei alarmiert, während ich an der Kasse gewartet habe. Dann haben sie das Museum abgesperrt.« Betty atmete tief durch. »So was passiert hier draußen doch nicht! Wir haben nicht mal funktionierende Kameras – das sind alles nur Attrappen!«

Ihre Stimme zitterte bedenklich. Ich trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf den Arm.

»Wir müssen das nicht in allen Einzelheiten durchgehen, wenn es Ihnen zu viel wird.« Mit sanfter Stimme versuchte ich, sie zu beruhigen. »Ich kann mir schon denken, dass es wirklich sehr schlimm für Sie war, auf eine Leiche zu stoßen … Aber vielleicht könnten Sie uns von dem Gemälde erzählen, das Arthur gestiftet hat? Hätten Sie vielleicht ein Foto?«

Carole und ich wechselten einen Blick.

Meine Neugier war entfacht, dabei waren wir gerade erst ein paar Minuten hier.

Betty schob das Taschentuch zurück in ihren Ärmel und straffte die Schultern. »Ich zeige Ihnen, wo es hing. Vielleicht finden Sie ja Hinweise darauf, was dort vorgefallen ist.«

An den riesigen Vitrinen mit Schiffsmodellen vorbei durchquerten wir den ersten Ausstellungsraum. Betty hatte auf Museumsführerinnenmodus geschaltet – eindeutig ihre Lieblingsrolle. Der Reihe nach zeigte sie auf die großen Modelle und benannte den jeweiligen Stifter.

Ein kurzer Flur – einem historischen Ruderhaus nachempfunden – führte zum nächsten Ausstellungsbereich. Betty strich am hölzernen Türrahmen auf und ab. »Das hier stammt aus einem echten Schiff.«

Carole und ich blieben vor einem alten Steuerrad stehen. Auf einem Monitor darüber wurde in Echtzeit die Position der Schiffe angezeigt, die derzeit vor der Küste von Lowestoft lagen.

Carole legte beide Hände ans Steuerrad. »Ach, das hier muss für Kinder doch …« Sie drehte das Steuerrad nach links und rechts und wieder zurück in die Ausgangsposition. »Hier können sie so tun, als würden sie ein echtes Schiff steuern!«

Meine Tochter Jade hätte so etwas als Kind geliebt …

Eilig schob ich den Gedanken beiseite. Jade, die inzwischen zwanzig war, war im Sommer in die USA gegangen, um dort zu studieren – immerhin eine Sache, die ihr wohlhabender Vater ihr ermöglichte. Dass sie dort glücklich war, freute mich natürlich, gleichzeitig sehnte ich mich nach unserer gemeinsamen Zeit zurück. 

Betty tippte Carole auf den Arm, doch als es nichts nutzte, hakte sie sie bei sich unter und zog sie regelrecht weiter. »Da entlang. Ich war um acht Uhr morgens hier und bin sämtliche Räume abgegangen, wie immer. Als ich genau hier angelangt war …«

Sie hatte uns annähernd einmal durchs ganze Museum geführt, als sie erneut stehen blieb und auf einen Nagel in der rückwärtigen Wand zeigte.

»… fehlte das Gemälde«, führte ich ihren Satz zu Ende.

»Ganz genau. Arthur meinte damals, es wäre eine Reproduktion und nicht allzu viel wert. Aber ich sage Ihnen, was ich mir dazu überlegt habe. Ich weiß schon, ich sehe aus, als ob ich kein Wässerchen trüben könnte – aber ich schaue mir im Fernsehen wahnsinnig gern True-Crime-Dokus an.«

Bei dem Blitzen in Bettys Augen ahnte ich bereits, dass ihr kein noch so winziges Indiz entging.

»Ich glaube, dass in der Nacht gleich zwei Männer hier waren: Mr. Schnösel kam zusammen mit einem Komplizen zurück. Dann gerieten sie« – Betty reckte den Zeigefinger – »in einen Streit, und er brachte seinen Komplizen um.«

»Aber war es nicht so, dass es gar keine Spuren gab? Oder hat die Polizei doch Hinweise auf eine Auseinandersetzung im Museum gefunden?« Bettys Hypothese klang für mich ziemlich abwegig. Denn warum sollte ein Dieb seinen Komplizen noch am Tatort umbringen? Andererseits hatte ich vor Jahren gelernt, dass man Zeugen am besten reden ließ, weil sie manchmal wichtige Infos erwähnten, derer sie sich selbst gar nicht bewusst waren.

»Hm.« Betty runzelte die Stirn. »Na ja, dann … haben sie den Streit vielleicht draußen gehabt? Eine Art Duell! Mr. Schnösel hat sich das Gemälde geschnappt und die Leiche des Komplizen hinter den Mülltonnen versteckt. Ich hab das auch schon der Polizei erzählt, aber die scheinen mich nicht ernst zu nehmen.«

»Aber der Arme ist erstochen worden«, wandte Carole ein. »Von Duell kann keine Rede sein.«

Noch ehe ich die nächste Frage stellen konnte, nahm Carole Bettys Hände.

»Wir klären die Tat auf. Ein Mörder und Kunstdieb ist genau das Richtige für uns. Freya hat ihr Leben lang nichts anderes gemacht.«

Ich wollte schon widersprechen, als Carole mir einen Klaps versetzte.

»Wir zwei sind eindeutig die Besten für diesen Job.«

Ich lächelte sie an – denn davon war auch ich tatsächlich überzeugt.

4

Es wurde kühl im Museum, als die Herbstsonne unterging und es draußen dämmrig wurde. Trotzdem schien mir die leere Stelle an der Wand regelrecht entgegenzuleuchten.

»Hätten Sie denn ein Foto des Gemäldes?«

»Könnte schon sein …« Betty runzelte die Stirn. »Da muss ich mal Steven, den Geschäftsführer, fragen.«

»Vielleicht können Sie es uns beschreiben?«, hakte ich nach.

»Ein großes Segelschiff mit Kanonen an der Seite und riesigen, windgeblähten Segeln. Ein Kapitän auf der Brücke … nur dass schon das halbe Schiff in Flammen steht und drauf und dran ist zu sinken. Schwarze, stürmische See, darüber Sturmwolken … Arthur meinte damals, es stamme aus dem neunzehnten Jahrhundert, sei die Reproduktion eines älteren Werkes … und habe rein dekorativen Wert.«

Das Gemälde eines brennenden Schiffes?

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Reglos starrte ich den Nagel in der Wand an. Gleichzeitig schwirrte mir der Kopf. Mir war soeben etwas eingefallen. Nach seinem Tod im Mai hatte ich in Arthurs Ladengeschäft sieben versteckte Bücher gefunden, die allesamt Listen von unschätzbar wertvollen gestohlenen oder verschollenen Kunstschätzen enthielten, die mutmaßlich auf dem Schwarzmarkt gelandet waren. Auch wenn er genötigt worden war, sich an den illegalen Machenschaften auf Copthorn Manor zu beteiligen, hatte Arthur geplant, irgendwann so viele dieser Kunstwerke und Antiquitäten wie nur möglich zu lokalisieren und sie den rechtmäßigen Besitzern auszuhändigen.

Sein Plan war zu Lebzeiten nicht mehr aufgegangen. Die Bücher indes hatte er dort versteckt, wo seine Erbinnen – Carole und ich – sie finden würden. Mithilfe eines der Dossiers hatten wir den Abtransport einer riesigen Sammlung von Kunstschätzen aus dem Nahen Osten aus Copthorn Manor vereiteln können, doch ein anderes hatte eine lange Liste nautischer Kunst und Sammlerstücke enthalten. Und ganz hinten hatte das Foto eines Gemäldes mit einem brennenden Schiff geklebt … An einen Kapitän konnte ich mich nicht erinnern, aber ich wusste noch, dass Arthur irgendetwas daruntergeschrieben hatte. Flammen bescherten mir immer ein mulmiges Gefühl, daher hatte ich das Foto nicht genauer betrachtet. Ich würde es mir noch mal vornehmen müssen.

»Es sieht so kahl aus«, seufzte Betty und riss mich aus meinen Gedanken.

»Wir versuchen, das Gemälde für Sie aufzuspüren. Ich habe nur noch ein paar letzte Fragen dazu … wenn das in Ordnung wäre? Wann genau wurde es gestiftet?«

»Am fünfzehnten Mai dieses Jahres«, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. Nur wenige Tage später war Arthur ermordet worden, obwohl es zunächst nach einem unglückseligen Sturz ausgesehen hatte. Aber offenbar hatte Arthur geahnt, dass er in Lebensgefahr schwebte, denn er hatte, was seine geheimen Geschäfte anging, noch diverse Vorkehrungen treffen können.

Als ich im Zuge der Ermittlungen auf Copthorn Manor seinen Hinweisen nachgegangen war, hatte sich mir das ganze Ausmaß des illegalen Kunst- und Antikenhandels durch organisierte Banden eröffnet: die Art und Weise, wie Kunstschätze regelrecht zu einer alternativen Währung wurden, indem sie weder Bankenchecks noch behördliche Kontrollverfahren durchlaufen mussten. Man brauchte bloß einen Sachverständigen, der den Wert eines Objekts schätzte – und genau das hatte Arthur für den weltweit operierenden Copthorn-Manor-Hehlertrupp leisten müssen, um zu verhindern, dass mir ein Mord in die Schuhe geschoben wurde. Zum Glück hatte er rechtzeitig das FBI eingeweiht.

Ein kleines Museum, das sich auf Seefahrt und regionale Fischereimemorabilien spezialisiert hatte, schien mir zwar ein eher ungewöhnlicher Tummelplatz für Kunstdiebe zu sein; aber nachdem das Einzige, was verschwunden war, ausgerechnet Arthurs Gemälde zu sein schien, hieß das doch wohl, dass es bedeutsamer war als gedacht.

Was hast du da wieder ausgeheckt, Arthur?

Carole hatte mittlerweile hinreichend an den Exponaten herumgespielt und betrat vor uns her eine Kombüse, während ich mich bei Betty erkundigte, ob Arthur mehr über das Gemälde erzählt hatte.

»Woher kannten Sie ihn überhaupt?«

»Ach, den kannte ich seit Jahren und Jahrzehnten! Meine Cousine Agatha führt die Teapot Tearooms in Little Meddington. Arthur war einfach nur hinreißend, finden Sie nicht? Immer so hilfsbereit! Er war hier, als die Königliche Prinzessin diesen Kombüsenanbau eröffnet hat.« Wir gingen ein Stück weiter, und Betty tippte auf den Flyer in meiner Hand. »Steht alles da drin.«

Ich faltete ihn erstmals auf, und siehe da – ein Foto von Arthur neben Prinzessin Anne. In der Hand hielt er eine winzige Tasse, als wollte er an einem Puppenkaffeekränzchen teilnehmen.

»Wann ist dieser Flyer gedruckt worden?«

»Der ist recht neu. Noch so eine Sache, die Arthur übernommen hat.«

Beim Anblick meines alten Mentors schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hätte ihn wahnsinnig gern gefragt, warum er sich derart für das Museum engagiert hatte.

»Und als Arthur den Flyer gestaltet hat … hat er da auch die Fotos ausgewählt, die abgedruckt werden sollten?«

»Na ja, schon … Er war ja immer überaus umsichtig. Auf dem Foto von ihm und der Prinzessin hat er gesehen, dass die Wand neben der Kombüsentür leer war, und ein paar Wochen später kam er und hängte das Gemälde dorthin – hatte sogar Hammer und Nagel dabei!«

Wirklich?

»Und wissen Sie auch, wie das Gemälde in Arthurs Besitz gekommen ist?«

»Nein, leider nicht. Er kam eines Nachmittags einfach hier reingeschneit. Meinte, er hätte es oben in Norfolk abgeholt und wäre auf direktem Wege hergefahren. Dann hängte er es wie gesagt auf, und ich hab noch zu ihm gesagt, wie großzügig das von ihm sei. Daraufhin meinte er nur: Nicht der Rede wert, es sei nicht teuer gewesen, ich solle es nicht an die große Glocke hängen.«

Irgendwas, was ich erst kürzlich gesehen hatte, regte sich in meiner Erinnerung. »Die Dedham Vale News hat erwähnt, dass Arthur ein Gemälde gestiftet hat …«

Betty klappte die Kinnlade runter. Dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. Das schlechte Gewissen war ihr deutlich anzusehen.

»Sie haben es herumerzählt, oder? Sie haben es Ihrer Cousine Agatha aus Little Meddington erzählt – und die hat es unserer Lokalzeitung gesteckt, als die über den Copthorn-Manor-Fall berichtet hat. Irgendwer könnte den Artikel gelesen haben und dann gezielt angereist sein, um das Gemälde zu stehlen.«

Betty klappte den Mund wieder zu. Tränen schimmerten in ihren Augen. »Dann hab ich vielleicht … Aber sie hat mir versprochen, es nicht weiterzuerzählen! Das war bloß … Agatha war zu Besuch, wir sind hier ein bisschen herumgeschlendert, ihr fiel das Gemälde auf, und sie hat sich danach erkundigt. Keiner der anderen Freiwilligen hat es je auch nur bemerkt. Sie ist aber auch ein Plappermaul!«

Ich berührte Betty sanft am Arm. »Es ist eine kleine Lokalzeitung, wahrscheinlich hat es nichts zu bedeuten.«

Schniefend sagte sie: »Ich glaube, das Opfer und das Gemälde hatten miteinander zu tun.« Sie fischte im Ärmel nach ihrem Taschentuch. »Arthur hat immer gesagt, ich soll meinem Bauchgefühl vertrauen.«

»Und Arthur hatte immer recht«, pflichtete Carole ihr bei.

Ich dachte kurz über Betty nach. Wusste sie mehr über Mr. Schnösel, als sie uns erzählt hatte?

»Hat der verdächtige Besucher Sie noch nach anderen Sachen gefragt? Überlegen Sie noch mal genau … Da war die graue Vase … das Gemälde … und …«

Im selben Moment, da ich die Vase erwähnte, fiel mir ein Fall ein, an dem Arthur und ich Jahrzehnte zuvor zusammengearbeitet hatten. Wir hatten nach einer Vase aus der Ming-Zeit gefahndet. Schon im nächsten Moment schob ich den Gedanken beiseite. Unmöglich, dass es sich um dieselbe Vase handelte. Die damalige war nie mehr aufgetaucht.

Betty richtete den Blick zur Decke und dachte nach. »Also, jetzt, wo Sie es sagen … Er hat sich nach einem Seeschwert erkundigt, und als er meinen Teebecher sah, erzählte er etwas von Teeservices aus Schiffswracks. Ist das zu fassen? Ich hab noch zu ihm gesagt, dass wir so was hier nie gehabt hätten.«

Nur dass Betty diesmal schiefgewickelt war: Denn Schiffswrackgeschirr gab es tatsächlich. »Schiffswrackkeramik ist ein großes Sammlerthema«, erklärte ich ihr. »Über ein gutes Jahrtausend wurde zwischen Asien und Europa unter anderem Geschirr gehandelt. Damals mussten die Handelsschiffe auf dem Seeweg durch schwierige Gewässer fahren, und einige sind mitsamt ihrer Fracht untergegangen.«

Die Vorstellung, dass über Hunderte von Jahren antike Objekte ungestört am Meeresgrund lagen und von Seepocken, Korallen und Muscheln bewachsen zu regelrechten Meeresskulpturen wurden, war gleichermaßen romantisch und faszinierend.

»Ach, wenn das mal nicht zauberhaft klingt«, warf Carole ein und machte ein paar Schritte den Flur entlang. »So etwas würde ich ja gern mit eigenen Augen sehen.«

Mir war klar, dass sie lieber die Ausstellung sehen als weiter herumstehen und reden wollte.