Mord auf Irisch - Helmi Schausberger - E-Book

Mord auf Irisch E-Book

Helmi Schausberger

0,0

Beschreibung

Gerda braucht dringend Abstand von ihren Problemen und ihrem Alltag in Salzburg, also beschließt sie, ihre einfühlsame, ältere Chat-Freundin Karen im irischen Galway zu besuchen. Doch unter der angegebenen Adresse findet sie nicht Karen, sondern eine männliche Leiche. Die verunsicherte Gerda sucht Zuflucht im Bed & Breakfast der Irin Alex, und zwischen den beiden Frauen entsteht mehr als nur Freundschaft. Doch ausgerechnet Alex’ bester Freund Declan ist der zuständige Polizist. Und für den ist Gerda bald die Hauptverdächtige in einem immer mysteriöser werdenden Fall. Nach einer weiteren Leiche, die Gerda schließlich endgültig belastet, beginnt eine rasante Jagd nach den beiden Frauen durch die wunderschöne Landschaft Irlands.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze dieses Romans sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

Erste Auflage September 2017

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale

unter Verwendung eines Fotos von fotolia (© kevers).

ISBN 978-3-89656-640-9

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, D-10823 Berlin

www.querverlag.de

Für Marietta Sams zum 40. Geburtstag

und für Klaudia Novak zum 50. Geburtstag

1

Alexandra Conners war noch immer aufgewühlt, obwohl sie mit ihrem silberfarbenen Suzuki Jimny nun schon fast zwanzig Minuten auf der einsamen Straße unterwegs war. Den Pflichtbesuch in Killadoon hatte sie überstanden. Sie war nach dem Mittagessen wegen des Pokerspiels sogar vier Stunden geblieben, länger als jemals zuvor. Und doch hatten die anderen sich das Recht herausgenommen, weitere Erwartungen an sie zu stellen: „Bleib doch endlich mal über Nacht“, baten sie. „Es ist doch Weihnachten. Was ist denn schon dabei? Es würde uns so viel bedeuten! Darf ich dir noch eine letzte Tasse Tee einschenken? Vielleicht noch eine?“ Georges alte Mutter hatte sie zum Abschied sogar herzlich an sich gedrückt. Ihre eigene Mutter war im Vergleich dazu zurückhaltender gewesen.

Im Gegensatz zu sonst hatte Alex beim Pokern keine Schwierigkeiten, deren Gedanken zu lesen, so hatte sie auch die allerletzte Hand gegen ihre Mutter gewinnen können. Als die ihr zum Abschied liebevoll über die Wange gestrichen und sich bedankt hatte, dass sie vorbeigekommen war, schien das ehrlich gemeint gewesen zu sein. Als sie sie dann zaghaft umarmte, hatte Alex das Kokosshampoo riechen können, das sie von früher kannte. Schnell hatte sie sich aus ihrer Umarmung gelöst und war aus dem Haus geeilt. Das mochte die Familie ihrer Mutter sein, das bedeutete aber nicht, dass es auch ihre war. Und Erinnerungen an schöne Zeiten waren vor allem zu Weihnachten nicht hilfreich.

Nun freute sich Alex auf ihr leeres Haus, auf ein gemütliches Torffeuer im Kamin, auf die Gitarre, ein Bier und vielleicht noch eine Pizza. Früher hatte sie es gehasst, alleine zu sein, aber diese Zeiten waren vorbei. Sie hatte gelernt, die Stille zu genießen.

Wegen des dichten Nebels und des nun aufkommenden Regens war kaum etwas zu sehen; außerdem würde es bald dunkel werden. Alex passte ihr Tempo den Wetterverhältnissen an. Als sie vor sich plötzlich ein rotes Auto sah, das mitten auf der Fahrbahn stand, wäre sie trotzdem beinahe hineingefahren. Gerade noch rechtzeitig riss sie das Lenkrad herum und zwang ihren Wagen von der Straße, wo er einen kleinen Abhang hinunterschlitterte und in einer größeren zugefrorenen Pfütze zum Stehen kam. Nach der ersten Schrecksekunde, als Alex wieder zurück auf die Straße wollte, drehten die Räder durch und sie kam nicht mehr vom Fleck. Den Jimny hatte sie damals unter anderem deshalb so günstig bekommen, weil der Allradantrieb nicht mehr funktionierte, den sie jetzt gebraucht hätte.

Alex zog den Reißverschluss ihrer alten braunen Winterjacke hoch und legte sich den handgestrickten grünen Schal um den Hals, den sie heute von Georges Mutter bekommen hatte. Dann stieg sie aus und marschierte dem starken Wind trotzend auf den roten Wagen zu, der nun wegen des Nebels kaum zu sehen war. Wer auch immer sein Auto mitten auf der Fahrbahn angehalten hatte, würde ihr helfen müssen.

Der Motor lief und Alex sah jemanden über das Steuer gebeugt. Die Arme befanden sich auf dem Lenkrad, der Kopf auf den Armen.

Sie rannte um den Wagen herum zur Fahrerseite. Wie ging das noch mal? Schauen, ob die Person atmet, sonst abwechselnd dreißig Mal massieren und zweimal beatmen?

Sie riss die Fahrertür auf und der Kopf schnellte vom Lenkrad hoch, der dazugehörige Körper wich zurück und die weit aufgerissenen schwarzen Augen starrten sie entsetzt an. Die Fahrerin war jung, vielleicht in ihrem Alter, ihr halblanges Haar so dunkel wir ihre Augen.

„O Gott, entschuldige!“, begann Alex. „Ich dachte, du bräuchtest Hilfe. Entschuldige bitte!“ Die Frau zitterte, ihre Wangen waren feucht, die Augen standen unter Tränen. „Ist alles in Ordnung?“, wollte Alex wissen. „Hast du dich verfahren?“

Die Frau brauchte einen Moment, dann wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch. „Das war zu schnell, das habe ich nicht verstanden“, sagte sie. „Was wollen Sie?“

Freundlich klang das nicht. Aber vielleicht hätte sie sie nicht erschrecken dürfen, dachte Alex. „Ich wollte nur sehen, ob ich helfen kann“, erklärte sie bemüht langsam und fragte sich, welchen Akzent die Fremde hatte. „Ich bin froh, dass ich dich nicht aus deinem Auto zerren musste, um etwas zu tun, wovon ich keine Ahnung habe.“ Alex versuchte ein Lächeln, aber die Frau sah sie nur irritiert an. Noch etwas langsamer fuhr sie fort: „Bist du okay? Kann ich etwas für dich tun?“

Jetzt verstand die andere. Ihr Blick wurde milder. „Nein. Danke. Alles gut.“ Sie griff zur Tür. „Danke. Auf Wiedersehen. Frohe Weihnachten.“

„Warte!“ Alex ließ die Tür nicht los. „Ich musste deinem Wagen ausweichen und bin deswegen von der Straße abgekommen. Du wirst mich nicht rausziehen können, wenn niemand anschiebt. Es wäre deshalb nett, wenn du mich ein Stück mitnehmen könntest.“

Die Fremde folgte ihrem Blick und sah den Jimny in der Wiese stehen; zumindest den Teil davon, der gerade nicht in Nebel gehüllt war. Trotzdem schüttelte sie den Kopf: „Tut mir leid, aber das geht nicht.“

„Ich komme hier ohne deine Hilfe nicht weg. Wenn du dein Auto nicht mitten auf der Fahrbahn angehalten hättest, wäre ich schon daheim.“ Sie versuchte der Frau in die Augen zu sehen, die sich wieder mit Tränen füllten. Aber sie wich ihrem Blick aus und fuhr sich stattdessen verzagt mit den Händen über das Gesicht. Das Zittern wurde heftiger, sie hatte nur eine Bluse an. Seufzend nahm Alex die Hand von der Tür und steckte beide Hände in ihre Jackentaschen; es war nicht ihre Entscheidung. „Ich bin am Rande von Westport zu Hause“, fuhr sie langsam und deutlich sprechend fort. „Das ist nur die Straße entlang. Die Fahrt dauert keine Viertelstunde. Ich wäre dir wirklich dankbar.“ Keine Reaktion. „Ich bin nicht gefährlich, ich will nur heim. Ich weiß nicht, wie ich sonst nach Hause kommen soll.“

Nach einer Minute sah die Frau hoch. Ihr Blick war aufgewühlt und traurig zugleich, aber sie nickte schließlich und bedeutete ihr einzusteigen.

Erleichtert lief Alex um den Wagen herum und setzte sich neben sie. „Alexandra Conners“, stellte sie sich vor und hielt ihr die Hand hin. „Du kannst mich Alex nennen.“

„Noppinger. Gerda.“ Die Frau schüttelte ihre Hand. Ihre Finger waren eiskalt, ihr Versuch zu lächeln gelang nicht.

Alex drehte ungefragt die Heizung hoch. Dann blickte sie sich um und entdeckte eine Jacke auf dem Rücksitz, die sie einfach ergriff und der Fremden reichte. „Bist du Deutsche?“, wollte sie wissen.

„Österreicherin.“ Die Frau bedankte sich und zog sich die Jacke über.

„Und was machst du zu Weihnachten hier? Wohin bist du unterwegs?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Mayo vielleicht“, sagte sie und fuhr los.

Alex wollte nicht unhöflich sein oder sie noch mehr verunsichern, aber sie hatte keine Wahl: „Ich schwöre, ich versuche nicht, mir dein Fahrzeug anzueignen, aber was hältst du davon, wenn ich fahre? Du zitterst fürchterlich, siehst hundemüde aus, und es ist in Irland außerdem weniger gefährlich, wenn man links fährt.“ Sie warf ihr einen freundlichen, aber bestimmten Blick zu. „Ich würde gerne heil heimkommen, und ich bräuchte dir dann auch den Weg zu mir nach Hause nicht lange zu erklären.“

Die Frau entschuldigte sich peinlich berührt und fuhr augenblicklich rechts ran. Sie bedankte sich, als sie die Plätze getauscht hatten und Alex den Wagen auf die richtige Seite zurücklenkte. „Und ich habe keine Angst vor dir, ich habe nur nicht damit gerechnet, heute jemandem zu begegnen. Das mit deinem Auto tut mir leid.“

„Schon gut“, antwortete Alex. „Das hole ich mir morgen wieder. Du befindest dich übrigens bereits in Mayo. Du bist doch hoffentlich irgendwo einquartiert?“ Aber sie schüttelte den Kopf. „Du hast nirgends ein Zimmer reserviert?“, fragte Alex überrascht nach. „Es ist Weihnachten! Wenn es irgendwo noch ein Zimmer gibt, dann nur in einem der sauteuren Hotels.“

„Ich komme schon klar.“

„Das Zimmer, das ich vermiete, ist heute frei geworden“, erklärte Alex. „Du könntest die Nacht bei mir verbringen. Ich würde bei diesen Straßen- und Sichtverhältnissen nicht mehr lange herumfahren, wenn ich die Gegend nicht kennen würde, auf der falschen Seite fahren müsste und nur einen Scheinwerfer zur Verfügung hätte. In was bist du hineingekracht?“

„Ich möchte dir keine weiteren Unannehmlichkeiten machen.“

„Du wirst mir die Nacht natürlich bezahlen. Wenn du kein Geld hast, zahlst du nichts, weil Weihnachten ist, dafür schickst du mir aber mal Freunde vorbei. Einverstanden?“

Die Frau drehte sich ihr zu und schenkte ihr doch tatsächlich ein Lächeln. „Ich zwinge deinen Wagen von der Straße, zögere sogar, dich mitzunehmen, aber du bietest mir ein Zimmer an? Noch dazu gratis?“

„Ja, so sind wir hier: Willkommen in Irland! Also, was sagst du?“

Sie nickte müde. „Okay. Danke. Danke sehr, Alex.“

„Gut, dann wäre das geklärt. Also, in was bist du hin­eingekracht? Heute ist das sicher einigen passiert. Seit dem Schneefall gestern sind die Straßen streckenweise eisglatt.“

„Parkschaden.“ Mehr sagte sie nicht. Sie lehnte sich einfach zurück und blickte auf die Nebelwand vor ihnen und das bisschen Straße, das noch zu sehen war. Sie wirkte erschöpft, traurig und ziemlich planlos.

Da ertönte aus Alex’ Handy ein lautes Highway to Hell. Alex fischte es aus der Innenseite ihrer Jacke und lächelte breit, als sie den Anrufer erkannte. Jetzt war Weihnachten auch bei ihr angekommen.

„Frohe Weihnachten, Schatz“, sagte der wohl wichtigste Mensch in ihrem Leben. „Bist du noch bei deiner Mutter?“

„Ich bin bereits unterwegs nach Hause. Ich hätte mich morgen früh gemeldet, Declan, ich wollte euch heute nicht stören.“

„Du hättest nicht gestört. Die Kleine und ich haben den ganzen Tag Tischfußball gespielt. Den Chemiebaukasten schaut sie sich gerade mit Amanda näher an. Noch ist er ihr suspekt. Sie will immer wissen, woraus die Sachen in unserem Kühlschrank bestehen, und ist ganz fasziniert von Schimmel. Wie wir das herausgefunden haben, willst du nicht hören. Wie war es bei deiner Mutter?“

„War schon okay. Bist du vorbereitet?“

„Natürlich! Und Caitlin hat ihren Auftritt täglich mindestens eine Stunde vor dem Spiegel geübt“, sagte Declan gut gelaunt. „Sie wollte sogar Make-up! Wird sie aber nicht kriegen.“

„Dann ist es ja gut, dass ich ihr keinen Make-up-Koffer, sondern einen Agentinnenkoffer gekauft habe“, sagte Alex. „Glaubst du, sie freut sich darüber? Ist schon eine Weile her, dass sie den haben wollte.“

„Der war doch sicher sehr teuer!“

„Ich hatte fast eine ganze Woche lang zwei Übernachtungen, Dec. Und unsere Gigs morgen und zu Silvester bringen ja auch was ein.“

„Alles, was von dir kommt, freut sie, Alexandra. Ein Make-up-Koffer hätte uns allerdings überrascht.“

Alex lachte. Dann gingen sie noch einmal die Songs durch, für die sie sich entschieden hatten, und verabschiedeten sich anschließend mit einem „Ich lieb dich“, „Ich lieb dich auch“ voneinander, und Alex wandte sich wieder ihrer Beifahrerin zu.

„Das war mein bester Freund“, erklärte sie ihr. „Wir machen morgen Abend ein bisschen Musik im Mustang Sally’s, einem der wenigen Pubs, das über die Feiertage offen hat.“

Die Österreicherin drehte sich ihr zu. Sie wirkte nicht sonderlich interessiert. „Singst du?“, fragte sie aber. Sie wollte wohl höflich sein.

Alex nickte. „Und Dec sitzt am Keyboard. Singen kann er leider nicht, aber er ist ein ausgezeichneter Musiker. Ich spiele selbst ein paar Instrumente, aber er könnte für ein ganzes Orchester einspringen.“

„Und morgen habt ihr einen Auftritt?“

Alex lächelte und nickte. „Das Sally’s ist gleich bei mir um die Ecke. Wir sollen für Weihnachtsstimmung sorgen, bleibt uns leider nicht erspart. Vielleicht möchtest du vorbeischauen, wenn du noch in der Gegend bist. Touristen gefällt so etwas üblicherweise. Sehr viel Irisches werden wir an diesem Abend aber nicht bieten. Der fromme Declan Donnellan weigert sich nach wie vor, den einzigen Weihnachtssong zu spielen, den ich ausstehen kann: Fairy­tale of New York. Kennst du den?“

„Ich werde nicht mehr in der Gegend sein“, entgegnete ihre Beifahrerin, die wirkte, als würde sie gleich einschlafen.

„Wieso bist du eigentlich nicht zu Hause bei deiner Familie?“, wollte Alex wissen. „Es ist Weihnachten.“

„Nur, wenn man mitmacht.“

Gerne hätte Alex sich mit der Fremden eingehend unterhalten, aber sie bohrte lieber nicht weiter.

Kurz vor Westport wählte Alex die idyllische Küstenstraße nach Hause und ihre Beifahrerin schien plötzlich aufzuwachen. Fast hypnotisiert blickte sie auf die Bucht. Gewöhnlich war das ein netter Anblick, aber erstens war Ebbe und zweitens war auch wegen des Nebels und der hereinbrechenden Dunkelheit nicht viel zu sehen. Nachdem sie schließlich durch Westport gefahren waren, war auch schon Alex’ graues Haus mit den breiten weißen Fensterrahmen und der knallroten Tür in Sicht – und in der Einfahrt der blaue Ford, der da eigentlich nicht mehr stehen sollte.

Alex fluchte. Was machten diese nervigen Engländer noch hier? Sie waren einige Tage ihre Gäste gewesen und hatten von hier aus ihre Ausflüge gemacht. Heute Morgen hatten sie sich von ihr verabschiedet, um den Rest der Feiertage mit einer Verwandten zu verbringen. Was war ihnen dazwischengekommen?

„Ich kann dir leider nur das Sofa im Wohnzimmer anbieten, so wie es aussieht. Ist das okay? Das ist natürlich gratis.“

Die Österreicherin nickte nur müde. „Kein Problem.“

Im Haus war es dunkel. Die Engländer hatten sich schon in das Zimmer im ersten Stock zurückgezogen. Die Zeit mit ihnen am Frühstückstisch war anstrengend gewesen, denn die Durhams hatten sich in ihrem B&B schnell zu Hause gefühlt und auch bald so getan, als wären sie beste Freunde. Mit ihrem Aufenthalt hatten sie ihr in dieser Woche verhältnismäßig viel Geld eingebracht, weshalb Alex sich auch gezwungen hatte, sie auszuhalten.

Alex machte Licht in Vorraum und Küche, zog die Schuhe aus und öffnete die Tür zum Wohnzimmer, das sich gleich rechts neben der Eingangstür befand, der Küche schräg gegenüber. Als sie dort das Licht einschaltete, entdeckte sie eine schlafende Figur auf ihrem Sofa, eingerollt in die Überdecke, die eigentlich ins Gästezimmer gehörte. Und das war weder Brian Durham noch seine Frau Joanne. Ein großer, blauer Rucksack lag halb geöffnet vor dem kalten Kamin. Ein beeindruckend großes, rotes Fahrrad lehnte am Fernseher und eine braune Lederjacke hing über dem Computerbildschirm – nicht etwa über der Lehne des Schreibtischsessels davor. Alex fand keine Antworten auf die Fragen, die sich ihr aufdrängten, also ging sie vor dem Bündel auf dem Sofa in die Hocke und tippte ihm vorsichtig auf die Schulter.

Eine Frau Anfang fünfzig, das Haar in drei verschiedenen Rottönen gefärbt, je drei Ohrstecker in den Läppchen, tauchte unter der Decke hervor und blickte sie weggetreten an. „Kennen wir uns?“

„Ich bin Alex. Mir gehört das Sofa, auf dem du liegst. Und das Haus drumherum.“

„Oh!“ Die Frau setzte sich auf, lächelte ein breites Lächeln mit einem breiten Mund und streckte ihr die Hand entgegen. Die kurzen Fingernägel waren in grellem Orange lackiert, die beiden Daumen jeweils pink. „Nuala Brent“, stellte sie sich vor. Sie roch nach Bier. „Die Brits meinten, du hättest nichts dagegen, wenn ich heute bei dir übernachte.“

„Wieso sind die beiden noch hier?“

„Ihre Cousine Rosie hat angerufen und gesagt, dass sie in Paris wegen starken Schneefalls auf dem Flughafen festsitzt und noch nicht weiß, wann das nächste Flugzeug starten kann, geschweige denn, ob sie es überhaupt noch rechtzeitig schafft. Morgen ist der 26., ich gehe nicht davon aus, dass die noch gemeinsam Weihnachten feiern werden.“

Alex stand seufzend auf. Sie hatte sich so nach Ruhe gesehnt und jetzt hatte sie das Haus voll.

„Ich kann wieder gehen, ist kein Problem“, sagte die Frau. „Dann müsste ich allerdings das Sparschwein killen, das du in der Küche stehen hast. Da habe ich 40 Euro reingesteckt.“

„Das ist ein bisschen viel für eine Nacht auf dem Sofa, aber darüber reden wir morgen früh. Frühstück gibt es ab sieben Uhr dreißig. Hast du alles, was du brauchst? Möchtest du Bettwäsche oder einen Schlafsack?“ Sie schüttelte verschlafen den Kopf. „Ist dir warm genug?“ Sie nickte gähnend. „Okay, dann gute Nacht.“

Alex schaltete das Licht aus und machte die Tür zum Wohnzimmer wieder zu. „Ich möchte sie nicht fortschicken“, wandte sie sich an die Österreicherin, die im Vorraum stand und ziemlich deplatziert wirkte. „Dich aber auch nicht.“ Sie traf eine Entscheidung. „Tee oder Dusche?“

„Entschuldigung?“

„Was hättest du gerne zuerst?“, fragte sie langsamer. „Eine Tasse Tee oder eine heiße Dusche? Dir scheint noch immer eiskalt zu sein.“

„Ich möchte eigentlich nur schlafen, aber es gibt wohl kein Bett mehr.“

„Natürlich gibt es noch eines, du wirst es dir nur mit mir teilen müssen, Ge... wie heißt du noch mal? Gerda? Wie Garda? Tatsächlich?“

„Du kannst mich auch Gin nennen, wenn das einfacher für dich ist.“

„Wie Gin Tonic?“

Gin nickte müde. „Setzt sich aus den Anfangsbuchstaben meiner Namen zusammen. Wenn du ein Kissen und eine Decke für mich hättest, Alex, dann wäre mir schon geholfen. Ich schlafe einfach im Auto.“

Alex schüttelte den Kopf: „Dafür ist es zu kalt. Die B&B’s nehmen über die Feiertage keine Gäste auf. Wir brauchen gar nicht erst durchzurufen. Und sollte es irgendwo ein freies Hotelzimmer geben, wäre es viel zu teuer. Außerdem kannst du dich ja kaum mehr auf den Beinen halten.“ Sie blickte ihren Gast freundlich an. „Mein Bett ist groß, keine Angst. Und ich schnarche nicht.“ Alex ging hinüber in die Küche. „Ich würde uns ja gerne Hot Whiskeys machen, aber die Flasche hat Brian gestern leergetrunken. Der würde dir jetzt gut tun. Der Whiskey, nicht Brian. Definitiv nicht Brian. Möchtest du Rum oder Brandy in deinen Tee?“

Gin schüttelte den Kopf. Verloren stand sie im Türrahmen und schaute ihr dabei zu, wie sie Wasser aufsetzte.

Alex drückte ihr eine Minute später eine Tasse in die Hand, hängte einen Teebeutel in das heiße Wasser und lehnte sich an die Wand neben der Tür. Sie blickte Gin neugierig an. „Bist du in Ordnung?“, wollte sie von ihr wissen. Gin nickte. „Sicher?“ Gin nickte erneut und spielte gedankenverloren mit dem Teebeutel. „Was hast du da draußen nur gemacht, Gin? Mitten im Nirgendwo.“

„Pause. Vom Fahren.“ Gin blickte sie dabei jedoch nicht an.

Alex musterte sie nachdenklich und suchte vergeblich ihren Blick in den dunklen Augen. Unschlüssig, was sie davon halten sollte, ging sie schließlich die Treppe hoch, um Gins Bettseite vorzubereiten. Der Fernseher im Zimmer der Durhams war an, die beiden unterhielten sich, schienen nicht mitbekommen zu haben, dass sie zu Hause war. Alex kramte ein großes, blaues Badetuch aus dem Schrank im oberen Vorraum und drückte es Gin unten an der Treppe in die Hand. „Im Zimmer links sind die Durhams. Das Bad ist rechts hinten. Mein Schlafzimmer befindet sich daneben, die Tür ist angelehnt. Lass mir im Bett bitte die rechte Seite, die linke habe ich dir frisch bezogen, du hast natürlich eine eigene Decke. Es tut mir leid, dass ich dir nicht mehr Privatsphäre bieten kann, Gin. Du brauchst dich aber nicht unwohl zu fühlen, es sind nur ein paar Stunden. Und ich komme erst später hoch.“

Gin blickte Alex unentschlossen an. „Wieso macht dir das nichts aus, wenn eine fremde Person bei dir im Bett schläft?“

„Es sind ja nur ein paar Stunden“, wiederholte Alex.

Gin nickte nachdenklich und schenkte ihr wieder ein zaghaftes Lächeln. „Vielen Dank, Alex. Das ist wirklich sehr freundlich von dir. Ich weiß deine Großzügigkeit zu schätzen.“ Damit ging sie die Treppe hoch.

Alex fragte sich, was ihr Problem war. Gin wirkte so verloren. Von den Durhams erfuhr sie alles, was sie nicht wissen wollte, von Gin würde sie wohl nichts erfahren. Ihr Englisch war sehr gut, aber sie war so verschlossen wie jemand, der die Sprache nicht sprach und sich auch nicht die Mühe machen wollte, verstanden zu werden. Das machte Alex aber neugierig.

* * *

An beiden Seiten der Treppe entdeckte Gerda gerahmte Bleistiftzeichnungen mit Menschen in Alltagssituationen: lachende Kinder beim Spielen in einem Auto, ältere Männer beim nachbarschaftlichen Tratschen, ein verliebtes Pärchen bei einem Picknick, alte, aufgeregte Frauen bei einem Hunderennen, eine fünfköpfige Familie in einem Boot, das aussah wie ein riesiger Schwan. Die Zeichnungen wirkten lebendig. Alles schien in Bewegung zu sein, als hätte jemand beim Abspielen eines Videoclips auf Pause gedrückt. Das war durchaus beeindruckende Kunst.

Fotografien hingen dann oben im Vorraum verteilt. Die meisten zeigten Alex als Kind gemeinsam mit einer blonden Frau, die wohl ihre Mutter war oder eine ähnlich wichtige Bezugsperson. Kaum eines der Fotos war eine perfekte Momentaufnahme wie die Zeichnungen an der Treppe. Vermutlich würde man keines davon in ein Album kleben, weil sie nichtssagend wirkten, es waren nur Schnappschüsse. Aber ihrer irischen Gastgeberin schienen sie wichtig genug zu sein, um sie stilvoll zu rahmen und neben dem Gästezimmer an die Wand zu hängen.

Mit Unbehagen öffnete Gerda schließlich die Tür zu Alex’ kleinem Schlafzimmer, das erfreulich einladend wirkte. Das große Bett sah sauber und gemütlich aus. Die Nachttischlampe links davon war eingeschaltet und warf ein warmes Licht auf die in Apricot gestrichenen Wände. Hinter dem Bett hingen zwei U2-T-Shirts, ein verstaubter kleiner Dudelsack und ein Banjo. Mehrere Gitarren lehnten links vom Fenster, zwei Verstärker standen rechts davon, daneben ein kleines Keyboard und eine dieser irischen Bodhrán-Trommeln. Eine Blechflöte und zwei Mundharmonikas befanden sich in dem Glaskrug neben den Notenbüchern.

An der Innenseite der Tür entdeckte Gerda ein Poster, das eine Nahaufnahme nackter, ineinander verschlungener Körper zeigte: haarlose, geölte Haut, sanft geformte Muskeln. Wenn Alex einen Partner hatte, schien der jedenfalls nicht hier zu wohnen, war sich Gerda sicher: Auf dem linken Nachtkästchen befanden sich keinerlei Utensilien, die darauf schließen ließen, dass diese Seite jemandem gehörte. Auch im kleinen, sauberen Badezimmer konnte sie keine Anzeichen eines Partners feststellen. Die Einwegrasierer waren die gleichen, die auch sie verwendete, und es war kein zweiter Aufsatz für die elektrische Zahnbürste zu sehen.

Die heiße Dusche tat gut, aber Gerda beeilte sich, ins Bett zu kommen. Um nicht reden zu müssen, wollte sie schon schlafen, wenn ihre Gastgeberin hochkam. Es war unangenehm, dass sie sich nicht zurückziehen konnte und kein eigenes Bett hatte. Wäre noch alles wie früher, sie hätte Alex’ Angebot nie angenommen.

In Shorts und Leibchen legte Gerda sich auf die linke Seite des Doppelbettes und machte die Nachttischlampe aus. Die Straßenlaterne warf einen orangefarbenen Lichtstrahl ins Zimmer. Der Fernseher nebenan war leiser gedreht worden. Es war viel zu ruhig.

Gerda machte den Fehler, sich zu entspannen. Schon kam alles zurück: das viele Blut und die toten Augen, die ihr von Galway bis hierher nachgestarrt hatten. Die fürchterliche Erkenntnis, dass sie erneut einen großen Fehler begangen hatte. Der Vorwurf in dem anderen toten Blick, der ihr schon viel länger den Schlaf raubte. Der letzte Morgen mit Daniel, seine letzte Umarmung, das allerletzte Mal seine Hand an ihrem Gesicht. Und Carey, immer wieder Carey. Enttäuscht und verletzt. So viele Tränen, aber keine Worte, die erklären würden, die alles wiedergutmachen könnten. So unglaublich viele Fehler. Und kein Ausweg, keine Lösung.

Gerda war fast dankbar, als sie leise Schritte hochkommen hörte und danach Duschgeräusche vernahm. Kurz darauf wurde die Tür vorsichtig geöffnet. Vor dem Zimmer war Licht, so sah sie Alex in ein Badetuch gewickelt hereinkommen. Sie war sehr leise, als sie zum Schrank ging und etwas herausnahm. Umrisse eines Tattoos waren auf dem rechten Schulterblatt zu erkennen, und als sie schließlich ihr Badetuch ablegte, auch ein schlanker Rücken und ein straffer Po. Gerda blickte zur Decke. Zumindest dieses bisschen Privatsphäre sollte sie ihrer Gastgeberin lassen.

Alex schien sich etwas überzuziehen, schaltete das Licht im Flur aus und schon war es bis auf den Schein der Straßenlaterne dunkel. Fast geräuschlos legte sie sich neben Gerda ins Bett.

Ein paar Augenblicke lang war es still im Zimmer. Doch dann durchbrach Alex die Stille. „Du kannst nicht schlafen, oder?“

„Ich werde dich nicht stören“, erwiderte Gerda. Ihre eigene Stimme hörte sich zu laut an. Es war ihr unangenehm, dass Alex mit ihr sprach, das war viel zu intim, schließlich lagen sie im selben Bett. Außerdem wollte sie ihre Ruhe, sie wollte nicht reden und höflich bleiben müssen.

„Es haben schon mehrere mit mir das Bett geteilt, die später von schlaflosen Nächten berichtet haben, weißt du“, sagte Alex. Sie schien zu ihr herüberzusehen. Als sie auf ihren Scherz nicht reagierte, fuhr Alex einfach fort. „Du musst außerdem wissen, dass ich das nur für unseren guten Ruf tue. Wir vertrauen darauf, dass ihr später zu Hause erzählt, wie unglaublich gastfreundlich wir in Irland sind und dass wir bereit sind, zu drastischen Mitteln zu greifen, um unsere Wirtschaft anzukurbeln.“

„Was so weit geht, dass ihr sogar mit den Gästen ins Bett steigt?“

Alex lachte zufrieden. „Oder sie mit uns, genau. Also, was machst du hier in Irland, Gin?“ Sie ließ nicht locker. „Und wo willst du hin?“

Gerda seufzte lautlos. „Das ist nicht so einfach zu sagen.“

„Wann soll es wieder zurückgehen?“

„Keine Ahnung. Entschuldige, ich möchte nicht unhöflich sein, wirklich nicht, aber ich kann dir keine Antworten geben, Alex.“

„Schon gut, es geht mich ja auch nichts an.“

„Danke. Gute Nacht.“

* * *

„O mein Gott! Lesben!“

Gerda schlug die Augen auf. Um sie herum war es hell: Es musste Morgen sein. Sie lag in einem warmen, gemütlichen Bett, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte entfernt ein leises Klopfen gehört. Niemand hatte geantwortet, trotzdem stand ein kleiner Mann mit einem unverschämten Grinsen in der Tür und blickte sie lüstern an. Sie wusste nicht, wo sie sich befand oder wer dieser Kerl war.

„Und dann auch noch ein Busen! Ich muss im Himmel sein!“

Mit offenem Mund starrte er sie an. Gerda bemerkte, dass unter ihrem weit ausgeschnittenen ärmellosen Shirt der Ansatz ihrer blassen Brust hervorlugte. Aber bevor sie reagieren konnte, zog ihr schon jemand die Decke bis zum Hals. Sie nahm die junge Frau neben sich im Bett wahr, die sie betreten ansah: Alex, ihre Gastgeberin.

Der Kerl verlagerte seinen Blick sofort auf Gerdas nacktes Bein. Bedrängt schlüpfte sie vollständig zurück unter ihre Decke.

„Hinaus, Brian!“, sagte Alex verärgert.

„Ich wollte dir nur sagen, dass wir noch hier sind und dass wir bereits das Frühstück hergerichtet haben. Joanne meinte, wir hätten zuerst fragen sollen, aber ich dachte, du würdest dich freuen. Das ist ja doch immer viel Arbeit für dich.“ Eindringlich blickte er von einer zur anderen. „Ihr müsst euch aber nicht beeilen, lasst euch ruhig Zeit“, sagte er mit einem dreckigen Zwinkern, legte den Kopf zur Seite und sah Gerda prüfend an.

„Brian …“

„Kompliment, Alex! Die ist hübsch.“

„Raus mit dir, verdammt!“

Flink schloss er die Tür hinter sich. Gerda hörte ihn von der Treppe aus zu jemandem hinunterrufen: „Das wirst du nicht glauben, Jo: Sie hat eine Frau im Bett!“

Es war wieder ruhig im Zimmer. Gerda hielt die Decke eng an sich gepresst.

„Das tut mir wirklich leid, Gin“, sagte Alex und drehte sich seufzend zu ihr. Die rechts etwas längeren braunen Haare fielen ihr wie ein Vorhang vors Gesicht und sie strich sie sich hinters Ohr. „Das war der Engländer, der ist unmöglich. Alles okay?“

Gerda nickte und versuchte ruhig zu werden. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen.“ Alex lächelte sie an. Ihr winziges Nasenpiercing glitzerte. „Du kannst gerne weiterschlafen. Unten gibt es aber offenbar auch schon Frühstück.“

„Danke, dass du mich zugedeckt hast. Das war sehr aufmerksam.“

„Kein Problem. Hast du gut geschlafen? War es warm genug?“

Sie nickte. „Alles gut. Ist Kaffee im Übernachtungspreis inbegriffen?“ Eigentlich hatte sie sofort nach dem Wachwerden aufbrechen wollen, um Straßen entlangzufahren, die hoffentlich nie endeten. Es machte keinen Sinn, aber es gab auch keine Alternative. Außer vielleicht die Fahrt zurück zum Flughafen, wo man sie wohl verhaften würde. Aber ein derart schneller Aufbruch kam ihr jetzt Alex gegenüber nicht fair vor.

„Klar. Aber bezahlen wirst du unter diesen Umständen nichts.“

Das Pärchen aus Leicester war Mitte fünfzig. Er hatte wenige, dafür graue Haare auf Kopf und Kinn, sie blond gefärbte Locken und nette Lachfältchen um die Augen. Alex stellte sie einander vor. Und während Joanne damit begann, von Österreich zu schwärmen, wollte Brian mehr über die Fernbeziehung wissen, die es nicht gab, und ob es gleich mal zwischen ihr und Alex gefunkt hätte. Es war zu früh für diesen Mann und auch für sein schnelles, schlampiges Englisch, fand Gerda.

Alex hatte aber eigene Fragen an die Engländer, auch zu der Frau auf dem Sofa. Das Pärchen erzählte von der Cousine, die in Paris festsaß, und erklärte, dass sie im Pub diese Nuala kennengelernt hätten. Die würde mit ihrem Rad durchs Land fahren, um Weihnachten und ihrer Internetsucht zu entfliehen, käme jetzt aufgrund des Wetters aber nicht weiter und hätte keine günstige Unterkunft in der Gegend gefunden.

„Wir haben uns gedacht, dass sich das für dich finanziell auszahlen würde und du deshalb nichts dagegen hättest“, meinte Brian. „Nur warst du nicht da, als wir zurückkamen, um zu fragen.“ Er blickte Alex entschuldigend an. „Und da wir wussten, dass du deine Hintertür nicht absperren kannst, das hast du ja mal erwähnt, haben wir uns erlaubt, einfach einzutreten – in der Hoffnung, dass du uns dafür nicht einsperren lässt.“

„Alex, wir wollten dich fragen, ob wir bei dir Cousine Rosies Ankunft abwarten dürfen“, meinte seine Frau hoffnungsvoll. „Und Nuala ist wirklich eine sehr interessante Person“, fuhr Joanne fort, ohne Alex Gelegenheit zu geben, ihre Frage zu beantworten. „Sie ist aus Dublin. Hast du das Fahrrad gesehen, Alex? Das kostet mehr als unser Auto! Sie hat es bei einem Preisausschreiben gewonnen. Dabei mag sie es gar nicht, sie wollte nur die Reise in die Südsee gewinnen. Sie ist ein bisschen merkwürdig, nicht wahr, Brian?“

„Durchgeknallt trifft es eher.“

„Wie charmant!“, sagte plötzlich eine Stimme im Flur. Herein trat eine Frau in einem flauschigen rosa Jogging­anzug, der vermutlich aus den achtziger Jahren stammte und sich farblich absolut nicht mit ihren nach allen Seiten abstehenden rötlichen Haaren vertrug. Sie setzte sich neben Brian. „Guten Morgen allerseits.“ Sie nickte Alex und Gerda freundlich zu. „Danke für das Sofa, ich habe ausgezeichnet geschlafen. Kann ich mir ein Glas Wasser nehmen?“

„Du kannst auch ordentlich frühstücken.“

„Wunderbar! Das wollte ich nur hören.“

Gerda hätte nicht genau sagen können, inwieweit sich Nualas Englisch von Alex’ unterschied, aber sie war definitiv schwieriger zu verstehen. Wenn Alex sprach, wirkte das entspannter, weniger hektisch. Aber beide betonten das Th wie ein T und das R wie ein deutsches R. Das hörte sich unerwartet vertraut an. Es war vielleicht deshalb ein sympathischer Akzent, stellte Gerda fest.

Sie blickte auf die Uhr, es war kurz nach acht. Alex bemerkte das, bot ihr an, auch etwas zu essen, doch Gerda schüttelte den Kopf. Nuala erzählte dann unaufgefordert, dass sie alte Damen im Umgang mit dem Internet unterrichtete. Und die Engländer prahlten mit ihrer Gärtnerei.

„Und was machst du so, Gin?“, wollte Brian dann wissen. Auf einmal blickten sie alle an.

„Wie bitte?“

„Was machst du beruflich?“

Gerda atmete tief durch. „Nichts. Ich wurde entlassen.“

„Weshalb?“, fragte Alex.

„Zu langer Klinikaufenthalt.“ Es war doch egal, wenn sie es wussten. Das alles hier würde ohnehin gleich keine Bedeutung mehr haben.

„Wie lange warst du krank?“, fragte Nuala.

„Eine Weile“, sagte Gerda ausweichend und trank einen letzten Schluck vom Kaffee. Das würde reichen müssen, sie musste hier weg.

„Hattest du einen anstrengenden Job?“, wollte Alex wissen und blickte Gerda aufmerksam an.

Gerda beschloss, die Meute zum Schweigen zu bringen. „Allerdings! Deshalb ging im vergangenen Jahr die Beziehung in die Brüche, die dazu gedacht war, ewig zu halten. Damit verlor ich auch mein Kind. Und die anschließende Affäre mit einem verheirateten Mann kostete mich das letzte bisschen Selbstachtung. Vor allem aber kostete sie mich meine Oma. Und dreißig wurde ich auch.“

Wie erwartet, machte ihre Erklärung sie alle sprachlos. Gerda stand auf, leerte den restlichen Kaffee in den Ausguss, stellte die Tasse in die Spülmaschine und ging schließlich ohne ein weiteres Wort nach oben.

Als sie eiligst ihre Toilettenartikel einsammelte, tauchte Alex auf. „Das klingt nach einer harten Zeit, Gin.“

„Ausgerechnet an dem Tag, als mich zwei Teenager mit ihrem Vater im Bett erwischten und mich Schlampe Nummer vier nannten, stellte meine Oma fest, dass ihr Pillendöschen leer war. Oma starb, weil ich versprochen, aber wegen Richard vergessen hatte, ihr die Pillen aus der Apotheke zu besorgen, die sie für den Notfall gebraucht hätte. Der Notfall trat ein und es waren keine Pillen da. Und das nur, weil ich geglaubt habe, etwas suchen zu müssen, was ich längst verloren hatte.“

„Gott!“

„Oh, der war auch nicht da! Der ist nie da, wenn man ihn braucht. Ich war dann vorübergehend in einer Klinik. Ich hätte mir nichts angetan, aber man hatte Angst, ich könnte es, also haben sie mich sicherheitshalber weggesperrt. Und so habe ich schließlich auch noch den Job verloren, wegen dem die Tragödien dieses Jahres erst begonnen hatten.“

Alex lehnte sich gegen den Türrahmen, blickte sie nachdenklich an. „Und da hast du dir gedacht, Weihnachten halte ich zu Hause nicht aus, ich fliege ins Ausland und versuche, auf andere Gedanken zu kommen?“

Gerda spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. „So ungefähr, ja. Ich dachte, ich könnte vorübergehend so tun, als lebte ich ein anderes Leben. Als wäre ich frei von diesem Jahr. Als wäre alles nicht so schlimm.“

„Dann fahr doch nicht achtlos durch die Gegend, Gin! Genieße Irland! Es kann Wunden heilen, du wirst sehen.“

„So einfach ist es nicht, Alex. Dieses fürchterliche Jahr war nach meiner Ankunft hier noch nicht zu Ende.“

„Ich habe den kaputten Scheinwerfer gesehen. Hattest du einen Unfall? Wurde jemand verletzt? Hast du vielleicht nicht angehalten?“

Gerda schüttelte heftig den Kopf. Den Kampf mit den Tränen würde sie gleich verlieren. Sie schnappte sich ihr Gepäck und lief an Alex vorbei die Treppe hinunter.

Alex eilte ihr nach. „Warte, Gin! Vielleicht kann ich dir ja helfen.“

Gerda kümmerte sich nicht um die anderen Gäste, die neugierig aus der Küche traten, und nahm ihre Jacke an sich.

„Hat sie noch nicht bezahlt?“, wollte Nuala wissen.

„Muss sie denn etwas zahlen?“, fragte Brian verwundert.

Gerda riss die Tür auf und stürmte hinaus. Sie hüpfte in das Auto, brach in Tränen aus und fuhr davon.

2

Bei der Hungersnot-Gedenkstätte in Murrisk, am Fuße von Westports berühmtem Berg Croagh Patrick, hielt Gerda am Straßenrand hinter Touristenbussen an, die asiatische Urlauber absetzten. Sie musste zurück, wusste sie. Sie musste sich für ihr undankbares Verhalten entschuldigen. Es war falsch gewesen wegzufahren. Sie würde bei Alex anklopfen, sorry sagen, für die Übernachtung bezahlen … und dann was?

Gerda stieg seufzend aus dem Wagen, zwängte sich an aufgeregten Touristinnen vorbei und machte sich auf den Weg in Richtung Bucht. Weg von den Menschen, weg von verdammten Entscheidungen. Es war schön hier. Sie würde sich auf die Landschaft konzentrieren. Sie könnte sich auch die Gedenkstätte näher ansehen, und die Ruine des mittelalterlichen Klosters hinter ihr. Hätte sie die richtigen Schuhe mit, wäre sie den Croagh Patrick hochgegangen, um von oben die Clew Bay zu bewundern.

Sie blieb tatsächlich den ganzen Vormittag in Murrisk. Erst gegen Mittag ging Gerda dann wieder zu ihrem Wagen. Allerdings nicht, um endlich wieder nach Westport zurückzufahren, sondern um sich auf den Rücksitz zu setzen, vom Mozartlikör zu trinken, den sie für Karen gekauft hatte, und um so lange zu weinen, bis sie eingeschlafen war.

Als sie Stunden später aufwachte, war es schon dunkel. Heftiger Wind peitschte Regen gegen den Wagen, die Busse waren weg, die Straße leer. Gerda fror, aber dafür schien ihr Kopf endlich zu funktionieren. Das Weglaufen hatte hiermit ein Ende, entschied sie. Sie musste endlich wieder damit anfangen, das Richtige zu tun. Manchmal reicht eine erste richtige Entscheidung, pflegte ihre Oma zu sagen. Dann ergäben sich automatisch auch die nächsten richtigen Entscheidungen.

Sie fuhr zurück nach Westport.

Alex’ Haus fand Gerda zwar nicht mehr, aber nachdem sie im Ort geparkt hatte, zeigten ihr Einheimische den Weg zum Mustang Sally’s.

Als sie schließlich ankam, war sie nicht nur durchgefroren und nass bis auf die Haut, auch ihre Arme schmerzten, weil sie ihren Koffer hinter sich hergezogen hatte, den sie nicht im Auto lassen wollte. Gerda zögerte. Das Pub würde voller Menschen sein, sie würde sich nicht zurückziehen können. Ein Blick durch das mit allerlei Informationen voll geklebte Fenster bestätigte ihre Befürchtungen. Als die Tür aufging, neben der ein Plakat mit Alex’ Namen darauf die Silvester-Party ankündigte, war zu hören, dass die Stimmung im Pub ausgelassen war. Man hielt ihr freundlich lächelnd die Tür auf und tief durchatmend trat Gerda schließlich ein.

Das kitschig weihnachtlich dekorierte Lokal war voller gut gelaunter Gäste, aber die Stimmung war bemerkenswert unaufdringlich. An den Tischen saßen Familien mit Kindern und Großeltern, und Gruppen junger Leute. Pärchen und Einzelpersonen hatten es sich an der Bar gemütlich gemacht. Man lachte, erzählte sich Geschichten, flirtete oder genoss die Musik. Die war laut und kam von rechts hinten.

In einer Ecke, kaum getrennt von den Tischen, neben Verstärkern und zwei großen Lautsprechern, entdeckte Gerda tatsächlich eine singende Alex. Sie saß entspannt auf einem Hocker, eine Akustikgitarre in den Händen, ein Mikro vor sich, und wurde von einem breitschultrigen, großen blonden Mann Mitte dreißig am Keyboard begleitet. Er hatte ein rundes Gesicht und trug eine Brille. Zwischen den beiden stand ein kleines Mädchen mit einem großen Mikro in der Hand, das mit Alex einen Weihnachtssong von John Lennon sang, den Gerda nicht leiden konnte. Mit dem Selbstbewusstsein eines Profis saß Alex ihrem Publikum gegenüber, und ihre klare, natürlich wirkende Stimme passte sich der verhaltenen Lautstärke des Mädchens an, mit dem sie unterstützend Blickkontakt hielt. Gerda war beeindruckt: Alex konnte tatsächlich singen.

Mit dem Koffer im Schlepptau ging sie zur Toilette, um sich frisch zu machen. Danach würde sie sich bei Alex entschuldigen und sie für die Übernachtung und die Bergung des Autos bezahlen. Dann würde sie eine Kleinigkeit essen, denn auch damit musste sie endlich wieder anfangen, und schließlich würde sie sich ein Hotel suchen. Und morgen in der Früh würde sie all ihren Mut zusammennehmen, um die nächste richtige Entscheidung zu treffen. Was immer das auch für eine sein mochte.

Als sie die Tür zu den Toiletten öffnete, kam ihr Nuala entgegen. Den rosaroten Jogginganzug hatte sie gegen ein weiteres Relikt aus den Achtzigern getauscht, einen orange-grünen Overall. Die Haare mit den unterschiedlichen Rottönen wirkten wie frisch vom Friseur; die vielen Ohrstecker glitzerten weihnachtlich. Sie war attraktiv geschminkt.

Nuala war überrascht: „Ich dachte, du bist schon über alle Berge.“

„Da wollte ich auch hin.“

„Und wieso bist du zurückgekommen?“

„Weil es zum richtigen Zeitpunkt der richtige Schritt in die richtige Richtung ist.“

* * *

Mit Last Christmas wollten sie offiziell aufhören, aber Sallys Publikum ließ das natürlich nicht zu. Alex beobachtete ihren Freund dabei, wie er sein Keyboard für Mustang Sally einstellte, während er noch so tat, als wäre er überrascht, dass man zu Weihnachten diesen Song erwartete. Sie wusste genau, wie gerne Declan ihn spielte – und das Publikum wusste es auch. Es war quasi sein Song und einer der wenigen, den er auch alleine singen durfte, ohne dass die Leute ihn gut gelaunt, aber auch gnadenlos, auspfiffen. Natürlich würden sie Mustang Sally spielen, das war keine Frage, und das hatten sie auch von Anfang an gewusst. Alex bedeutete also der kleinen Caitlin, erneut zu ihr und ihrem Vater nach vorne zu kommen. Die hatte wieder ganz hinten neben ihrer Mutter und bei den Durhams und Nuala Platz genommen, und eben dort entdeckte Alex jetzt auch Gin, was sie überraschte. Alex nickte ihr zu, verhalten winkte Gin zurück. Unter dem Applaus des Publikums eilte Caitlin sofort aufgeregt zu Alex und nahm sich ganz professionell wieder ihr Mikro. Alex konzentrierte sich, lächelte Caitlin zu, tauschte die Akustik- mit der E-Gitarre, schob den Hocker zur Seite – diesen Song spielte man nicht im Sitzen – und drehte sich zu Sally um, die hinter dem Tresen ein Bier ausschenkte.

Sally, die über zweihundert Pfund schwere Inhaberin des Pubs, wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn und überließ Cheryl die Bar. Sie hängte sich ihr Saxofon um und stellte sich hinter Caitlin. Dann zog sie Alex’ Hocker heran und setzte sich erschöpft darauf.

„Bereit, wenn ihr es seid“, sagte Sally. „Aber danach will ich Ruhe, es ist immerhin Weihnachten! Cheryl, wo ist mein Mikro? Ich habe kein Mikro, bring mir ein verdammtes Mikro!“

Die neue Frau hinter der Bar – jung, wunderschön und meistens stumm wie ein Fisch, wenn sie nicht gerade einen Gast anschrie – zapfte in aller Ruhe ein Guinness zu Ende, als hätte sie Sally gar nicht gehört. Eine weitere Minute später, wenn nicht sogar zwei, brachte sie Sally das Mikro und ignorierte die vier Jungs aus Spanien, die in begeistertes Gejohle ausbrachen, wann immer Cheryl hinter der Bar hervorkam und deutlich zu sehen war, dass sie nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch einen attraktiven Körper hatte. Als die Jungs zur Ruhe gekommen waren, blickte Alex in die Runde. Es war Zeit für den allerletzten Song des Abends, für viele das Highlight. Sie sah zu Declan und genoss das Strahlen in seinem Gesicht, das er immer hatte, wenn er Mustang Sally singen durfte.

„Bereit für deinen Song, Sally?“

„Mein Gott, fang endlich an, Alex!“, schimpfte die dicke Wirtin mit dem Saxofon, aber dann lächelte sie. Es war immerhin eine Ode an ihr Pub. Und es war eine Ode an sie, die dieses Pub seit fast dreißig Jahren führte und zu einem beliebten Treffpunkt für ganz Westport gemacht hatte. Die wirklich glorreichen Zeiten des Sally’s waren allerdings längst vorbei. Sally war älter geworden in den letzten Monaten, sie wirkte müde. Umso mehr wussten die Leute zu schätzen, dass sie jedes Mal, wenn Alex und Declan auftraten, ihr Saxofon auspackte und damit vor sie trat.

Alex blickte zu Caitlin, die nur darauf gewartet hatte, dass sie ihr endlich zunickte. Augenblicklich zählte Caitlin sie wie üblich mit einem „Eins, zwei, drei, vier“ ein und Alex griff in die Saiten.

Während sonst Alex es war, die die Aufmerksamkeit des Publikums genoss, waren alle Augen nun automatisch bei Declan. Aus dem schüchtern wirkenden Hünen wurde von einer Minute auf die andere der leidenschaftliche Soulsänger, den sie so liebten und der sich zur Freude des Publikums und zur Belustigung seiner Tochter und Alex’ bald kaum mehr im Zaum halten konnte. Sowohl Caitlin und Alex als auch das Publikum unterstützten Declan mit dem Refrain „Ride, Sally, ride!“. Und je länger der Song dauerte, desto mehr schwitzte Declan, und Schweißtropfen stoben quer über den ersten Tisch im Publikum hinweg, als er schließlich aufstand, um im Stehen weiterzuspielen und dabei vor lauter Körpereinsatz fast das Keyboard umwarf. Das führte dazu, dass Publikum, Caitlin und Alex einen Lachanfall bekamen, was dieses Sally zum lustigsten ihrer Karriere machte.

Als der Song zu Ende war, brüllten und klatschten Sallys Gäste dankbar, wie sie es immer nach diesem Lied taten, zumal das auch stets Alex’ und Declans letzter Song war und der Applaus so auch ihrem ganzen Auftritt galt. Sally umarmte alle drei und bedankte sich, was sie vor Publikum noch nie gemacht hatte. Dann ging sie hinter ihren Tresen zurück, während Alex und Declan mit Caitlins Hilfe ihre Instrumente zusammenpackten und Cheryl die Anlage einschaltete, aus der wieder Weihnachtsmusik erklang.

„Tolle Slapstick-Einlage, Schatz“, sagte Mandy schließlich zu ihrem Ehemann und drückte Declan stolz einen Kuss auf den Mund. „Und du wirst immer besser, meine Kleine“, wandte sie sich an ihre Tochter und ließ Caitlin neben sich auf die Bank. „Bin gespannt, ob wir das Adrenalin heute noch aus dir herauskriegen oder ob du tatsächlich durchmachen musst. Großartiger Auftritt, Alex, wie üblich.“

„Danke, Mandy. Und danke auch dir, Caitlin. Du bist eine wichtige Unterstützung für deinen Vater und mich. Ohne dich würde der Songgar nicht mehr funktionieren, fürchte ich.“

Caitlin nickte eifrig. „Ich weiß das, das Publikum weiß das, du weißt das offenbar, Dad weiß es sicher auch, aber Gage kriege ich trotzdem keine. Gerecht ist das nicht.“

Der ganze Tisch lachte. Alex fischte einen Zwanzig­euroschein aus ihrer Hosentasche und reichte ihn der jungen Freundin. „Ist das angemessen, was denkst du? Oder wie viel verlangst du?“

Caitlin griff sofort zu. Sie wirkte mehr als zufrieden.

„Wahnsinn!“, sagte der Engländer begeistert. „Ich bin beeindruckt, Alex, wirklich. Übrigens: Schon gesehen, wer wieder da ist?“

Alex nickte und drehte sich Gin zu. „Hey“, grüßte sie und sah ihr erwartungsvoll in die dunklen Augen.

„Ich möchte mich entschuldigen, Alex“, erklärte Gin und hielt ihrem Blick stand. „Außerdem habe ich mich nicht bei dir bedankt. Und ich habe dir auch die Unkosten noch nicht erstattet.“

„Außerdem muss sie wohl wieder irgendwo schlafen“, ergänzte Brian grinsend, woraufhin Joanne ihm den Ellbogen in die Rippen stieß.

„Gin, das sind Mandy und Declan Donnellan und ihre Tochter Caitlin, die sehr wahrscheinlich mal den Eurovision Song Contest für Irland gewinnen wird. Das ist Gin, sie kommt aus Österreich. Sie verbringt die Feiertage in Irland und hat letzte Nacht bei mir übernachtet.“

Mandy meinte, sie hätten sich bereits kennengelernt, und Declan reichte Gin die Hand. „Freut mich. Den Song Contest werde allerdings ich bestreiten, nicht mein Kind.“ Alle lachten, auch Gin zwang sich dazu, aber Alex wusste, dass Declan das ernst meinte.

„Hat dir unser Auftritt gefallen?“, fragte er Gin.

„Ich bin gerade erst gekommen“, erwiderte die. „Aber was ich gesehen und gehört habe, war toll, ja. Ihr seid ein gutes Team.“

„Die haben noch immer keinen Bandnamen“, erklärte ihr Caitlin.

„Dann denk dir doch mal einen für uns aus“, sagte Alex zu ihr und bemerkte, dass Gin kein Getränk vor sich hatte.

„Wie gefällt es dir bei uns in Irland?“, fragte Declan Gin gut gelaunt, als Caitlin sich an ihn kuschelte und er seiner Tochter liebevoll den Arm um die Schultern legte und sie auf den Scheitel küsste.

„So viel habe ich noch nicht gesehen.“

„Hast du Familie hier besucht?“

„Ich habe hier keine Familie.“

„Ich habe Durst und du scheinst auch was zu brauchen“, sagte Alex zu Gin. „Begleitest du mich an die Bar?“

Sie stellten sich an das linke Ende des Tresens, hier hatten sie ausreichend Platz, und bestellten einen Hot Whiskey für Gin und ein Stella für Alex. Alex hatte schon viele Leute hinter Bars erlebt, aber nur wenige waren so flink und effizient wie Cheryl, die zwei Minuten später wieder bei ihnen war. „Zahlst du beides?“, wollte sie von ihr wissen. Alex nickte. Gin wollte mit dem Portemonnaie in der Hand protestieren, aber Cheryl meinte seufzend: „Gut, dann geht beides aufs Haus“ und war auch schon wieder weg.

„Solltest du noch keine Unterkunft gefunden haben“, begann Alex und schob sich ihr Bier zurecht, „kannst du selbstverständlich wieder bei mir übernachten. Nur kann ich dir dieses Mal lediglich den Fußboden anbieten. Brian und Joanne warten bei mir auf den Anruf ihrer Cousine, und mein Schlafzimmer kriegt Declan mit seiner Familie. Sie sind aus Galway und werden erst morgen zurückfahren. Nuala wagt sich mit dem Rad noch nicht auf die Straße, sie schläft wieder auf dem Sofa. Also werde ich am Boden vor dem Fernseher schlafen. Ich habe Decken und Kissen und hätte auch einen Schlafsack für dich. Wenn der Boden im Wohnzimmer in Ordnung ist, bist du willkommen.“

Gin wagte kaum sie anzusehen. „Du musst mich für ziemlich merkwürdig halten“, sagte sie leise.

„Ich halte dich für verzweifelt.“

Jetzt blickte sie ihr kurz in die Augen, konzentrierte sich aber gleich wieder auf ihren Whiskey, der ihr, dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, nicht besonders zu schmecken schien.

Auf einmal hatte Gin wieder Tränen in den Augen. Mit einem Lächeln entschuldigte sie sich dafür: „Das passiert mir immer, wenn ich den Song höre, der gerade gespielt wird. When a Child Is Born ist bei uns kein Weihnachtslied, sondern eine uralte Liebesschnulze mit dem Titel Tränen lügen nicht. Aus mir unerfindlichen Gründen muss ich immer heulen, wenn ich den höre. Das ist mir eigentlich ziemlich peinlich, entschuldige.“

„Na ja, Tränen lügen nun einmal nicht. Kein Grund, sich zu entschuldigen, Gin. Mir geht es mit den meisten Weihnachtsliedern so. Aber nur, weil ich sie nicht leiden kann.“

Gin lächelte ein trauriges Lächeln, fuhr sich mit ihren schlanken Fingern und den kurz gefeilten, pflaumenfarben lackierten Nägeln gedankenverloren durch ihr schulterlanges Haar und spielte dann mit dem Anhänger ihrer Halskette, einem silbernen Schwan. Um sie nicht ansehen zu müssen, richtete Gin ihren Blick auf den Whiskey vor sich. Sie hatte ein nettes Gesicht, stellte Alex fest und fragte sich, wie sie wohl aussehen mochte, wenn sie fröhlich war.

„Du musst den Hot Whiskey nicht trinken.“

„Er wärmt und entspannt, ist schon okay.“

„Hast du vor, dich zu betrinken?“

Gin schüttelte den Kopf. „Ich will nur genießen. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht. Vielleicht sollte ich auch euer Guinness probieren.“

„Doch, du willst dich betrinken.“

„Okay, ich will mich betrinken. Ich habe mir das ein ganzes Jahr lang nicht erlaubt, ich will es mir jetzt gestatten. Ich habe heute beschlossen, mich wieder in den Griff zu bekommen. Ich möchte jetzt nur genießen. Einen Abend lang. Ich sterbe mir sonst innerlich weg, wenn ich das nicht mehr schaffe.“ Gin wartete, bis Cheryl in der Nähe war, dann bestellte sie ein Pint Guinness für sich und ein zweites Bier für Alex, obwohl die erste Flasche noch halbvoll war.

„Na dann, sláinte, Gin.“

„Prost, Alex. Und entschuldige. Dass ich einfach so weggefahren bin, dass ich weder für die Übernachtung noch für das Auto etwas bezahlt habe, das war unhöflich. Ich bin sonst nicht so.“

„Dann entschuldige ich mich dafür, dass ich so neugierig war. Ich bin sonst aber auch so. Sind wir jetzt quitt?“

„Okay“, sagte Gin lächelnd und trank einen Schluck von ihrem Guiness. Angeekelt verzog sie das Gesicht. „Habt ihr auch richtiges Bier?“

Alex schob ihr schmunzelnd das frische Lager zu, mit dem Gin schließlich zufrieden war, und erbarmte sich des Guinness. „Du sprichst übrigens gut Englisch.“

„Danke. Mit Menschen kann ich offenbar nicht mehr so richtig, aber ich bin noch ganz gut mit Sprachen. Eure Aussprache macht es mir allerdings nicht leicht, um ehrlich zu sein. Es wird ein bisschen dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe.“

„Noch ein, zwei Stellas und du wirst keine Probleme mehr haben. Weder mit unserem Englisch noch mit den Menschen.“

Alex hätte noch einiges von Gin wissen wollen, aber erstens wollte sie sie nicht wieder bedrängen, zweitens wollte sie den Abend auch mit Declan und seiner Familie verbringen. Außerdem sollte sie auch ihre anderen Gäste nicht vernachlässigen. Als sie zurück an den Tisch kamen, zogen sich Declan und Mandy aber überraschenderweise die Mäntel über.

„Ich habe gerade einen Anruf gekriegt, Alexandra“, erklärte Declan. „Ich muss schleunigst zurück.“

„Ach, Dec!“

„Leichenfund“, sagte er leise, „tut mir leid.“

„Dass du so einen Job machen kannst, werde ich nie verstehen. Du hast all meinen Respekt dafür, aber mir ist das unbegreiflich.“ Alex blickte zu Mandy, die der Kleinen die Jacke reichte und versprach, den Abend nachzuholen. Sie verabschiedeten sich von Alex’ überraschten Gästen und waren schon draußen, bevor jemand Fragen stellen konnte.

Brian leerte sein Bier und lächelte in die Menge. „Dann sind wir also wieder ganz unter uns, so wie ich das sehe.“ Mit einem Grinsen wandte er sich an Alex und Gin. „Und ihr beide müsst nicht auf dem Boden schlafen. Ist das nicht schön?“

Alex lag bereits im Bett, als ihr Gast in Shorts und Shirt aus dem Badezimmer kam, ein großes Glas Wasser in der Hand. Gin hatte ziemlich lange Beine. „Magst du noch etwas essen, Gin?“ Sie schüttelte den Kopf. „Du hattest lediglich ein Sandwich, aber einen Hot Whiskey, zwei Stella und Mandys Strongbow. Du könntest was Festes im Magen vertragen.“

„Ich würde mich nur übergeben.“ Gin schwankte leicht, als sie um das Bett herumging. Am Fußende blieb sie kurz stehen und blickte Alex gedankenvoll an. „Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich wieder hier übernachte? Ich könnte doch tatsächlich im Wohnzimmer auf dem Boden schlafen. Eigentlich wollte ich ja in ein Hotel.“

Alex schlug einladend Gins Bettdecke zurück und schmunzelte. „Leg dich einfach hin!“

Gin nickte zufrieden, setzte sich dann auf das Bett und trank mit einem großen Schluck das Glas leer. Vorsichtig legte sie sich dann nieder. „Als ich das letzte Mal so betrunken war, ging ich noch zur Schule.“ Unvermittelt zeigte sie dann auf das Poster an der Tür. „Sag mal, das ist doch ein Pärchen, oder? Diese ineinander verschlungenen, eingeölten, wunderschönen Nackten. Oder sind das gar mehr als zwei Personen?“

„Gefällt es dir?“

„Sind das ein Mann und eine Frau?“

„Schwer zu sagen.“

Eine Minute lang sagte Gin gar nichts. „Hast du eigentlich einen Freund, Alex?“, wollte sie dann aber wissen.

Alex drehte sich ihr zu. „Single und glücklich.“

„Lief da mal was zwischen Declan und dir?“

„Gott, nein!“ Alex musste lachen.

„Ist das so abwegig?“ Gin sah sie neugierig an.

„Natürlich! Er ist mein bester Freund – und glücklich verheiratet. Declan hat aber eine große Schulter zum Ausweinen. Ich musste sie nur bis jetzt nicht in Anspruch nehmen. Wie lange warst du eigentlich mit deinem Partner zusammen? Also, nicht mit dem mit den drei anderen Schlampen vor dir, sondern der davor.“ Das ließ Gin auflachen. Es war das erste Mal, dass Alex sie lachen sah. Und da merkte sie, was sie gesagt hatte. „Verdammt, so habe ich das nicht sagen wollen, entschuldige bitte! Ich halte dich natürlich nicht für eine Schlampe, ich meine … gottverdammter Alkohol!“

„Schon gut, Alex.“ Von einer Sekunde auf die andere wurde Gin ernst. „Wir waren sechs Jahre zusammen. Die Liebe meines Lebens. Ein Verlust, der so wehtut, dass es eigentlich fast nicht zu fassen ist.“

„Das tut mir so leid, Gin. Möchtest du es mir erzählen?“

„Nein.“

„Natürlich nicht, entschuldige.“

Minutenlang schwiegen sie, dann stand Alex auf, schloss ab, schaltete das Licht aus und kletterte wieder ins Bett. „Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist“, sagte sie.

Gin grunzte zustimmend. Eine Minute später bestätigte ein tiefes Ein- und Ausatmen, dass sie eingeschlafen war.

* * *

Um Mitternacht traf Declan in Knocknaccara ein. Die kleine mollige Frau mit den kurzen Beinen und dem mächtigen Hintern trat aus dem Haus und kam ihm entgegen. Moira hatte ihre langen, stark ergrauten Haare wie üblich zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden. So ungeschminkt sah sie heute Abend älter aus als dreiundfünfzig. Sie begrüßten sich und sie teilte ihm gleich mit, dass Gerichtsmedizin und Spurensicherung noch da waren und auf ihn gewartet hatten. Es fühlte sich trotzdem schon wieder so an, als wäre er zu ihrem Fall dazu gebeten worden, obwohl es seiner war.

Moira Gallagher und Declan waren Kollegin und Kollege gewesen, bis Declan vor fast zwei Jahren zum Superintendent aufgestiegen war. Alle waren davon ausgegangen, dass Moira dem gemeinsamen Vorgesetzten, der in das Hauptquartier der Garda Síochána nach Dublin berufen wurde, nachfolgen würde. Sie hatte schon damit begonnen, ihren Schreibtisch auszuräumen. Überraschenderweise wurde aber Declan befördert, der damals gerade erst zweiunddreißig gewesen und bis heute davon überzeugt war, die Beförderung im Gegensatz zu Moira nicht verdient gehabt zu haben. Es war nicht das erste Mal, dass sie übergangen worden war. Und obwohl er nichts dafür konnte und sie ihn dafür auch nicht verantwortlich zu machen schien, hatte er ein schlechtes Gewissen, denn Moira war eine Freundin.

Als sie gemeinsam zum Tatort marschierten, begann sie ihn in den Fall einzuweihen. „Der Tote heißt Jonathan Rhodes, ist siebenundfünfzig Jahre alt und arbeitete als Bauarbeiter, wenn er Jobs bekommen hat. Zurzeit war er arbeitslos. Seine Frau – sie sitzt in der Küche – hatte Weihnachten bei ihren Eltern in Clare verbracht. Als sie heute zurückkam, fand sie ihren Mann im ersten Stock im Treppenhaus am Boden liegen, mit einer blutigen Wunde am Kopf.“

„Lebte er noch?“

Moira schüttelte den Kopf. „Vor vier Tagen, als Mrs Rhodes zu ihren Eltern fuhr, sei noch alles in Ordnung gewesen, sagt sie. Der Gerichtsmediziner meint, er sei seit ungefähr achtundvierzig Stunden tot. Näheres kann er uns aber erst nach der Obduktion sagen.“

Also gestorben am Heiligen Abend, Declan seufzte. Er folgte Moira ins Haus, die ihn, ohne ihn einen Abstecher zu der Hinterbliebenen in die Küche machen zu lassen, die Treppe in den ersten Stock hinaufführte. Im Haus brannten sämtliche Lichter und fast ein halbes Dutzend Personen von der Spurensicherung waren damit beschäftigt, Beweise zu sichern. Am Treppenende angekommen, begrüßte ihn ein junger Mann, der nicht so aussah, als wäre er schon lange aus der Schule. Hinter ihm lag die Leiche.

Moira stellte die Männer einander vor.

„Was können Sie schon sagen, Dr. Grain?“

„Der Tote ist vermutlich seit vorgestern tot. Er weist eine Kopfwunde auf. Ob ihm die zugefügt wurde oder ob er gestürzt ist, worauf die Blutspuren auf der Kante des Kastens hier im Treppenhaus hindeuten, kann ich erst nach der Obduktion sagen. Es scheint durchaus möglich, Superintendent, dass wir es hier mit einem Unfall zu tun haben.“

Declan nickte und nahm seinen Blick nicht von der Leiche. Der Verstorbene lag auf dem Boden, neben ihm befanden sich Scherben eines Bilderrahmens, der an der Wand daneben gehangen haben dürfte. Das Foto darunter zeigte das Opernhaus von Sydney mit zwei Personen davor. Der von Grain erwähnte Kasten mit den Blutspuren an der Kante stand unverrückt an der Wand daneben, der Teppich, auf dem der Tote lag, war stark verrutscht. Möglicherweise hatte hier ein Kampf stattgefunden. Vielleicht war er aber auch nur zur Toilette gelaufen und dabei ausgerutscht. Spuren von Kot oder Urin an der Hose gab es nicht.

Declan ging neben dem Toten in die Hocke. Die Leiche war festlich gekleidet: dunkler Anzug, helles Hemd, saubere schwarze Halbschuhe. Sein stark ergrautes Haar war kurz und modisch geschnitten. Der letzte Besuch beim Friseur dürfte nicht lange her gewesen sein. Rhodes schien zu der Sorte Personen gehört zu haben, die es sich zu Weihnachten nicht im Schlafanzug vor dem Fernseher gemütlich machen, sondern die am Heiligen Abend beeindrucken wollen. Zumindest hatte es den Anschein, und das war ungewöhnlich für einen arbeitslosen Bauarbeiter. Und was machte seine Ehefrau allein bei ihren Eltern? Hatten sie sich gestritten? Declan verlagerte sein Gewicht, sah sich das Gesicht des Mannes aus der Nähe an. Die Augen tot, der Mund halb geöffnet, das Gesicht grünlich. Er blickte auf Rhodes’ Hände, die nicht etwa manikürt waren, was dem ganzen Aufzug etwas an Seriosität nahm. Es waren die schwieligen Hände eines Arbeiters, die Fingernägel eines Mannes, der nach fast sechzig Jahren noch Schwierigkeiten hatte, mit einer Nagelfeile umzugehen.

Declan richtete sich auf und gab sein Okay für den Abtransport.

Der Tote lag im Flur und vor einem kleinen Zimmer, in dem zwei Personen damit befasst waren, Fingerabdrücke zu sichern und Fotos zu machen. Declan trat ein. Den rechten hinteren Teil des Zimmers dominierte ein gemütlicher Fernsehsessel, allerdings gab es keinen Fernseher im Raum. An den Wänden standen zu einem überwiegenden Teil Regale mit Büchern, Ordnern und Schallplatten. Gegenüber vom Fernsehsessel befand sich ein kleiner Schreibtisch mit einem dunklen schweren Bildschirm darauf. Darunter stand ein Rechner, der vertraut surrte.

„Darf ich hier schon was anfassen?“, wollte Declan von der Frau der Spurensicherung wissen, die gerade ihren Arbeitskoffer zuklappte.

Sie nickte. „Kein Problem, bin fertig. Der Computer war übrigens an.“

Declan bewegte die Maus. Sofort erwachte der Bildschirm zum Leben und Declan erkannte, dass der Computer mit dem Internet verbunden war. Die Seite mit den Ankunftszeiten der Flüge am Dubliner Flughafen war geöffnet, ebenso eine Onlinezeitung mit dem Wetterbericht. Chat-Fenster waren auf dem Desktop verteilt. Declan rief einen Computerexperten an. Er wollte rasch einen detaillierten Bericht über die letzten Aktivitäten auf diesem Computer. Da alles nach einem Unfall aussah, versprach Declan sich davon aber nicht allzu viel.

„Was denkst du?“, wollte er von Moira wissen, die im Flur stand und gerade etwas in ihr Handy tippte. Wem schickte sie denn um diese Zeit noch Nachrichten?

Moira tippte flink fertig, dann steckte sie das Handy in ihre Tasche und blickte gähnend zu ihm hoch. „Eiskalter Mord war das keiner.“

Declan nickte. „Das sehe ich auch so. Lass uns zu seiner Frau hinuntergehen. Mrs Rhodes?“

„Linda Rhodes, ja. Und keine Sorge, Declan, sie hat sich im Griff.“

Die Frau des Toten saß in der Küche bei einer Tasse Tee. Eine junge Streifenbeamtin saß neben ihr und wirkte betroffener als Rhodes selbst. Declan merkte schnell, dass er es bei Rhodes mit einer gefassten Frau zu tun hatte, nicht etwa mit einem Häufchen Elend, was ihn positiv überraschte. Linda Rhodes