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Die lebenslustige Britin Penny liebt ihr neues Leben in der Provence. Die Abende riechen nach Lavendel, mittags trifft sie sich mit ihren neuen Freunden zum Essen, und gelegentlich besucht sie exklusive Events in Begleitung des attraktiven Bürgermeisters von St. Merlot wie die Eröffnung einer Galerie in Avignon. Aber unter dem glamourösen Anstrich braut sich ein Skandal zusammen. Und als der umstrittene Maler Roland Doncaster an einer Olive erstickt, fragt Penny sich: War es ein tragischer Unfall oder doch heimtückischer Mord?
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die lebenslustige Britin Penny liebt ihr neues Leben in der Provence. Die Abende riechen nach Lavendel, mittags trifft sie sich mit ihren neuen Freunden zum Essen, und gelegentlich besucht sie exklusive Events in Begleitung des attraktiven Bürgermeisters von St. Merlot wie die Eröffnung einer Galerie in Avignon. Aber unter dem glamourösen Anstrich braut sich ein Skandal zusammen. Und als der umstrittene Maler Roland Doncaster an einer Olive erstickt, fragt Penny sich: War es ein tragischer Unfall oder doch heimtückischer Mord?
Serena Kent ist das Pseudonym des Autorenehepaars Deborah Lawrenson und Robert Rees. Deborah wuchs in Kuwait, China, Belgien, Luxemburg und Singapur auf. Sie studierte am Trinity College in Cambridge und arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitungen, u. a. für The Daily Mail, Mail on Sunday und Woman’s Journal. Sie hat bereits acht Romane veröffentlicht, die in zwölf Sprachen übersetzt wurden. Robert studierte erst am Eton College, anschließend ebenfalls am Trinity College in Cambridge. Nach einer Karriere als Banker entschloss er sich, sich seiner Leidenschaft, der Musik, zu widmen. Heute komponiert und dirigiert er Musik für Theaterstücke. Das Ehepaar lebt gemeinsam mit der Tochter Madeleine in Kent. Seit etwa zehn Jahren besitzen sie zudem einen alten Hof an den Hängen des Luberons in der Provence, den sie selbst renoviert haben.
SERENA KENT
MORD AUF PROVENZALISCH
Ein Provence-Krimi
Aus dem Englischen vonDiana Menschig
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2020 by Deborah Lawrenson and Robert Rees
Titel der englischen Originalausgabe: »Death in Avignon«
Originalverlag: HarperCollins Publishers, New York
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Frank Weinreich, Bochum
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Billeunter Verwendung einer Illustration von © ER_09/shutterstock
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0356-7
luebbe.de
lesejury.de
Es war ein herrlicher Morgen Ende Oktober. Unter dem saphirblauen Himmel erstreckte sich der wellige Bergrücken des Luberon bis ins Tal, wo sich die Wärme des Sommers noch hielt. Eine ungeheure Stille, einer Kathedrale gleich, lag über den fernen Hügeln.
Auf der Terrasse von Le Chant d’Eau atmete Penelope Kite tief ein und strich dann mit dem Bogen über die Saiten ihres Cellos. Der erste Ton war ein Grollen, gefolgt von einem tiefen Brummen. Dann wurde sie mutiger, und der Ton gewann an Klarheit.
Wie immer beruhigte sie die Musik. Dabei war ihre innere Unruhe heute gar nicht so schlimm, verglichen mit den ersten Wochen in St Merlot, als sie sich vorgekommen war wie ein Vulkan, der in der Augusthitze ausbrach. Es war erstaunlich, wie schnell sie sich in der kurzen Zeit eingelebt hatte. Der heruntergekommene alte Bauernhof war neu verputzt und frisch getüncht, die elektrischen Leitungen erneuert worden. Vor Kurzem war dann noch ein großer Holzofen geliefert worden, und bald würde sie über zwei neue Badezimmer verfügen.
Und was noch schöner war: Sie hatte Freundschaften geschlossen. Sie konnte es kaum noch erwarten, heute Abend den Bürgermeister von St Merlot zum Essen treffen. Diesen charmanten Laurent Millais, der noch dazu so gut aussah, dass einem die Knie weich wurden. Das dritte Mal bringt Glück, hoffte sie. Bedauerlicherweise war bisher immer etwas dazwischengekommen.
Dieses Mal schien es gut zu gehen. Er hatte angerufen und die Verabredung bestätigt. Zuerst wollten sie die Eröffnung einer Kunstausstellung in Avignon besuchen, und danach im La Coquillade in Gargas zu Abend essen. Das La Coquillade war ein sehr feines Restaurant und Boutique-Hotel, das inmitten von Olivenbäumen, Teichen und Weingärten lag und für seine romantische Atmosphäre bekannt war. Penelope wurde ganz aufgeregt, dann rief sie sich selbst zur Ordnung. Laurent hielt einfach nur ein Versprechen, das er ihr gegeben hatte, um die Aufklärung der beiden Morde zu feiern, die sich kurz nach ihrer Ankunft im Luberon-Tal ereignet hatten. Kein Grund, sich so zum Narren zu machen.
Sie sollte sich auf die Musik konzentrieren.
Sie kämpfte gerade mit einer besonders teuflischen Passage, als das vertraute Geräusch von Autoreifen auf Schotter unerwarteten Besuch ankündigte. Kies spritzte zu allen Seiten, während das Auto über die Zufahrt rumpelte und dann mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam, ein Geräusch, das weit jenseits der Schmerzgrenze lag.
Penelope wusste sofort, wer das war, und spielte weiter, bis sie das unverkennbare Klackern von Stilettos auf Steinfliesen hörte.
»Coucou, Penny!«
»Bonjour, Clémence.«
Clémence Valencourt erschien auf der Terrasse. Sie trug eine wundervolle kurzgeschnittene schwarze Jeans mit einem weißen Seidentop, unter dem sich nicht einmal die Ahnung eines Bauches abzeichnete, wie das in reiferem Alter eigentlich üblich war. Ein Anblick, von dem Penelope nur träumen konnte. Schleifen aus vergoldeten Kostümperlen wurden von einer Jacke gekrönt, die aussah wie von Chanel – und es vermutlich auch wirklich war. Die kleine Pariserin lächelte und zeigte dabei perfekte weiße Zähne. »Das war sehr gut, Penny. Das kenne ich – Rachmaninow? Bitte spiel weiter!«
»Also gut, wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern diese Passage zu Ende üben. Sie ist ein bisschen anspruchsvoll, aber ich habe es fast hinbekommen.«
»Impecable. Du spielst zu Ende, und ich werde zuhören und uns einen Kaffee kochen.«
Penelope spielte die schwierige Passage noch einige Male, bis der Kaffeeduft zu verführerisch wurde, als dass sie ihn weiter ignorieren konnte.
Clémence brachte zwei Becher nach draußen, und sie setzten sich einträchtig an den weißen Kaffeetisch, der neben einem Olivenbaum in einem verzinkten Pflanzkübel stand. Die reine Freude, dachte Penelope, während sie ihr Gesicht der Sonne zuwandte. Es war so großartig, die Luft war immer noch warm genug, dass man mitten im Herbst draußen sitzen konnte.
»Penny, ich wusste gar nicht, wie gut du spielst. Du hältst noch einige Überraschungen für uns parat, n’est-ce pas?«
Penelope nahm das Kompliment gern an – erst recht von dieser schicken, kultivierten Frau, die eine so unerwartete Verbündete geworden war. »Na ja, ich war früher sogar viel besser, aber das wird schon wieder. Es braucht seine Zeit. Und genau diese Zeit habe ich jetzt. Ich habe mich so lange nach dieser Möglichkeit gesehnt, meine Interessen wieder aufzunehmen. Musik. Gartenarbeit. Vielleicht sogar ein wenig Malerei. Wobei ich nicht mehr gemalt habe, seitdem ich geheiratet habe.«
»Ja, Penny, wir sind alle besser dran, sans Ehemann.«
Penelope reizte es, sie nach Monsieur Valencourt auszufragen, der so oft unterwegs zu sein schien, aber Clémence fuhr fort, ohne auch nur Luft zu holen. »Eine Malerin bist du auch noch? Mon dieu, was für ein Multitalent ist hier nach St Merlot gekommen!«
Penelope war sich nie sicher, wann die Französin sich über sie lustig machte. »Ich würde nicht behaupten, dass ich eine Malerin bin. Aber ich wollte es immer vernünftig lernen, und dies scheint der perfekte Ort dafür zu sein.«
»Ja, Penny, es ist das Licht. Seit Jahrhunderten kommen Malerinnen und Maler deswegen in die Provence.«
Penelope zögerte, obwohl sie wusste, dass es besser wäre, sie sagte es jetzt, als dass Clémence es auf anderen Wegen herausfand. »Laurent nimmt mich heute Abend mit auf eine Ausstellung.«
Clémence versteifte sich ein wenig. Sie blickte Penelope mit großen Augen hinter einer perfekt frisierten blonden Haarmähne an. »Heute Abend … in Avignon?«
Als Immobilienmaklerin im gehobeneren Preissegment unterhielt Clémence ein weitgespanntes Netzwerk.
»Ich glaube schon. Er will einen Freund unterstützen – die Presse wird auch da sein. Er liebt es, wenn La Provence ihn erwähnt, oder nicht?«
»Er legt es in letzter Zeit sehr darauf an, in der Öffentlichkeit zu stehen, das stimmt. Er wird die neue Ausstellung in der Galerie Gilles de Bourdan eröffnen. Ich habe gehört, dass Nicolas Versanne dort ein paar neue Bilder zeigen wird. Erinnerst du dich an Nicolas und Claudine Versanne? Du hast sie auf Laurents Dinnerparty getroffen. Claudine ist Direktorin im Museum für Ockerfarben in Roussillon. Was für eine hübsche Idee, dich auch mitzunehmen.«
»Auch?« Penelope wurde misstrauisch. »Kommst du etwa auch?«
»Könnte sein, dass ich vorbeischaue.«
Penelope sah schon, wie das vertrauliche Tête-à-Tête mit dem gut aussehenden Bürgermeister wieder in weite Ferne rückte. Sie war sich stets unsicher über den aktuellen Status dieser komplizierten Beziehung zwischen Clémence und ihm. Anfang des Jahres hatten sie eine Affäre gehabt, und vielleicht war es nicht die einzige, doch das schien vorbei zu sein. Penelope hatte in dieser Hinsicht selbst sehr gemischte Gefühle, um es vorsichtig auszudrücken.
»Es ist nur die Einladung, die er mir vor Wochen versprochen hat. Du weißt schon, nach all diesen … Unannehmlichkeiten hier im Dorf. Eigentlich wollten wir letzte Woche bereits ausgehen, aber dann hatte einer seiner Freunde ein Problem, sodass er abgesagt hat. Es ist wirklich nett, dass er sein Wort hält.«
»Ich sollte dich Freunden vorstellen, die auch Musik mögen.« Clémence schien noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt zu sein, wenn es darum ging, Penelopes Bekanntenkreis zu erweitern. »Sie machen gemeinsam Musik und sind ständig auf der Suche nach neuen Leuten. Sie treten ab und zu im Luberon auf. Hättest du nicht Lust, mitzumachen?«
Penelope hatte solche Auftritte immer schon geliebt. Sie stand gern im Rampenlicht und war süchtig nach dem aufregenden Gefühl, das sie auf einer Bühne überkam. Es war eines der Dinge, die sie am meisten während ihres spießbürgerlichen Lebens in England vermisst hatte. Die Vorstellung, mit einer Gruppe in Frankreich aufzutreten, begeisterte sie sofort.
»Das wäre großartig. Ich würde sie gern kennenlernen und hören, wie sie spielen.«
»Du hast Glück, Penny, sie geben in ein paar Wochen ein Konzert in Viens. Warum kommst du nicht mit dorthin?«
Viens lag etwa fünfzehn Kilometer weit entfernt. Dort lebten die Valencourts in einem prunkvollen palastartigen Haus mit Marmortreppen, mittelalterlichen Steinverzierungen und Wänden voller Wappen alter Adelsfamilien. Bisher hatte Penelope Monsieur Valencourt noch nicht getroffen, und jetzt fiel ihr auf, dass sie nicht einmal seinen Vornamen kannte. Vielleicht würde er da sein. Penelope war fürchterlich neugierig, aber Clémence hatte die Angewohnheit, alle direkten Fragen zu ignorieren.
»Das ist wirklich freundlich. Das würde ich gern tun«, sagte Penelope deshalb nur. Manchmal konnte sie sich selbst nicht erklären, warum sie so misstrauisch war, wenn Clémence sich so spröde verhielt. Sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Es waren nur ein paar Morde nötig gewesen, um das herauszufinden – eine Möglichkeit, die zugegebenermaßen nicht jeder hatte.
»Ach, übrigens«, Clémence runzelte die Stirn, »was wirst du anziehen?«
Penelope betrachtete ihr altes Kleid von Laura Ashley und die Strickjacke, die bequemen Segeltuchschuhe und die nackten stacheligen Beine, die sie später noch rasieren wollte. »Ich hatte keinen Besuch erwartet.«
Ihre ehemalige Immobilienmaklerin verzog das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse, die nichts anderes hieß, als dass jede Französin, die etwas auf sich hielt, zu allen Zeiten Besuch erwartete und entsprechend aussah.
Penelope hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Zu Beginn hatte der Unterschied zwischen der Engländerin und der Französin, beide nicht mehr ganz jung, ihr freundschaftliches Verhältnis zueinander bestimmt. Es ging ganz selbstverständlich damit weiter, dass die Engländerin in Bezug auf Mode hoffnungslos unterlegen war und ihren Platz kannte. Doch im Laufe der Zeit hatte sie dazugelernt. Und inzwischen war es einige Wochen her, seit sie das letzte Croissant zum Frühstück gegessen hatte, geschweige denn zwei.
Nun hörte sie brav zu, als Clémence ihr erklärte, dass ein gut geschnittenes, schwarzes Kleid immer angemessen war, um sich in der Kunstszene zu bewegen. Im Gegenzug gab Penelope ihr Ratschläge, als es darum ging, wie man Werbung für Immobilien in der britischen Presse platzieren könnte. Schließlich notierte sie das Datum des Konzerts in Viens in ihrem Terminkalender.
Nachdem Clémence gegangen war, versuchte Penelope, sich wieder auf Rachmaninow zu konzentrieren, doch der Funke sprang nicht über. Auch ihre widerstreitenden Gefühle ließen sich nicht beruhigen. So sehr sie Clémence auch mochte, fühlte sie sich in ihrer Gegenwart doch immer minderwertig. Nicht nur an dem alten, zerfallenen Bauernhaus, auch an ihrer eigenen Person gab es noch großes Verbesserungspotenzial.
Letztes Jahr um die gleiche Zeit hatte sie noch als eine gelangweilte, geschiedene Frau mittleren Alters in Esher gelebt, deren Existenz von der Familie als selbstverständlich hingenommen wurde. Eine Frau, die ihre Arbeit vermisste, nachdem sie gekündigt hatte, weil ihr Chef sich in den Ruhestand verabschiedete. Zugegeben, ihr Leben in der Provence begann wie ein Alptraum, weil eine Leiche in ihrem Swimmingpool schwamm. Doch auf diese Weise hatte sie Dinge über St Merlots Vergangenheit herausgefunden, von denen sie sonst niemals erfahren hätte. Es war vielleicht nicht gerade der beste Weg gewesen, um sich als Femme fatale zu etablieren, doch sie hatte einige interessante Freundschaften geschlossen, nicht zuletzt mit dem Bürgermeister.
Bei dem Gedanken an ihn lief sie die Treppen hinauf, um in ihrem Kleiderschrank nach einem gut geschnittenen, schwarzen Kleid zu suchen.
Der Stapel mit Kleidung, die nicht infrage kam, wurde immer größer.
Nachdem sie ein letztes Mal vergeblich herumgewühlt hatte, ließ sie sich auf das Bett fallen und nahm ihr iPad. Sie überflog die Überschriften von erwartbar deprimierenden Meldungen beim Daily Telegraph online und konnte nicht widerstehen, irgendeinen Unsinn darüber zu lesen, was ein runder Geburtstag für den Kleiderschrank bedeuten sollte. Penelope mochte schon dieses »sollte« nicht.
Das war einer dieser Gründe, warum sie glücklich darüber war, Surrey verlassen zu haben. All diese Forderungen der englischen Mittelklasse. Tu dies. Tu das. Geh in dieses Restaurant. Iss Grünkohl. Lies dieses Buch. Und jetzt noch: Trag diese Kleidung.
Für diejenigen, die fünfzig geworden waren, blieb nur, sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen. Stilikone Inès de la Fressange riet dazu, sich eher sinnlich als sexy zu geben, weil dies »stärker« sei. Begleitet wurde die kryptische Aussage von der Liste der Dinge, die es zu vermeiden galt: glitzernde Blousons, bestickte Röhrenjeans und hohe Stilettos. Nichts davon hätte Penelope jemals in Betracht gezogen, für sich zu kaufen.
Zurück im Erdgeschoss goss sie sich erst einmal eine starke Tasse britischen Tees auf. Dabei wunderte sie sich, dass sie sich benahm wie ein Teenager, der versuchte, sich vor dem ersten Date zu beruhigen. Vor allem, da doch alle Hoffnung sinnlos war. Sie spielte nicht einmal annähernd in Laurent Millais’ Liga.
Schlag sechs fuhr Laurent in seinem blauen Mercedes vor. Der Farbton passte perfekt zu seinen Augen. Penelope hegte den starken Verdacht, dass es sich hierbei nicht um einen glücklichen Zufall handelte.
»Du siehst sehr elegant aus«, begrüßte er sie.
Letzten Endes hatte sie sich für eine schlichte (und figurschmeichelnde) Kombination entschieden: ein lockeres schwarzes Seidentop zu einer kurzgeschnittenen schwarzen Jeans und Schuhen mit hohen Absätzen. »Danke sehr. Du ebenfalls.«
In seinem lässigen schwarzen Leinenanzug und einem hellblauen T-Shirt sah Laurent einfach umwerfend aus. Der lange provenzalische Sommer hatte sonnengebleichte Strähnen im glatten, honigfarbenen Haar hinterlassen. Für einen Engländer in seinem Alter wäre es zu lang, doch für Monsieur Millais war es perfekt, denn es betonte seine wundervollen Wangenknochen, die klassische Form der Nase und seinen glatten gebräunten Teint.
Er beugte sich zu ihr, um sie dreimal auf die Wangen zu küssen, links-rechts-links. Penelope hoffte, dass sie sich nicht blamierte, indem sie rot anlief, weil eine heiße Woge sie durchströmte, als seine Lippen ihre Haut streiften. Sie roch den herben Zitronenduft seines Rasierwassers.
»Ich werde wie ein englischer Gentleman fahren, nicht zu schnell.« Er öffnete ihr die Beifahrertür. »Ich weiß, dass du es nicht magst, wie wir alle so um die Kurven rasen.«
»Das wäre äußerst zuvorkommend.«
Wie versprochen fuhren sie erfreulich gemächlich die Hauptstraße entlang durch das Tal, ohne dass ein nervöses Umklammern des Türgriffs oder der Versuch, eine imaginäre Bremse zu treten, nötig geworden wäre, wie das bei einer Fahrt mit Clémence üblich war.
Während sie die nahezu leere Straße entlangfuhren, vorbei an Aprikosenbaumplantagen mit leuchtend roten Blättern und verträumten Lavendelfeldern in Samtgrau, plauderte Laurent über die dörflichen Angelegenheiten von St Merlot. Dabei ging es vor allem um die schwerwiegenderen Probleme, wie die enttäuschende Qualität der Wildschweinpastete in der Épicerie-Fruiterie oder die Frage, ob die Boulekugeln der lokalen Pétanque-Mannschaft von der Gemeinde bezahlt werden sollten.
»Natürlich ist das eher eine symbolische Unterstützung. Ich bezweifle, dass Geld, das wir den Spielern zukommen lassen, es weiter als bis in die Bar schafft. Keiner von denen hat die Absicht, Boulekugeln zu ersetzen, mit denen sie seit Jahrzehnten spielen.«
»Wie steht es um die Planungen mit dem Priorat?«, fragte Penelope.
Laurent war Mitglied eines Konsortiums, das ein verlassenes mittelalterliches Nonnenkloster, Le Prieuré des Gentilles Merlotiennes, in ein Luxushotel umbauen wollte. Ein Grundgedanke war, so viele natürlich angebaute regionale Kräuter wie möglich in den Anwendungen und Produkten zu verwenden. Penelope war sogar gefragt worden, ob sie sich vorstellen könne, auf einem Teil ihres Grundstücks Lavendel anzubauen und beizusteuern. Sie freute sich schon jetzt auf ihre erste Aromatherapie-Sitzung.
»Es bewegt sich alles in die richtige Richtung. Sämtliche Genehmigungen liegen vor, die Verträge mit der Baufirma sind unterschrieben. Die Architekten hoffen, bald mit der Arbeit zu beginnen, solange das Wetter noch mitspielt.«
An diesem Oktoberabend stand die Sonne immer noch hoch über dem klaren provenzalischen Himmel. Sie fuhren mitten in sein rosafarbenes Herz.
»Du meinst, wenn ein paar Wolken diesen endlos blauen Himmel trüben.« Penelope amüsierte sich immer noch sehr darüber, wenn die Franzosen hier im Süden verwirrt in den Himmel schauten, sobald ein paar Wolken aufzogen und die Temperatur sank, und dabei düster brummten: »C’est pas normal.«
»Warte nur. Du hast den Winter im Luberon noch nicht erlebt, oder?«
»Nein, aber das kann unmöglich so schlimm sein wie der nasskalte graue englische Winter. Der ist so endlos und feucht, dass auf unseren Mänteln das Moos wächst.«
»Moos? Wirklich?«
»Oh ja.« Penelope blieb ganz ernst. »Britische Mäntel werden auf eine ganz besondere Weise imprägniert.« Sie wartete, bis sein Schaudern nachließ, und lächelte dann. »Nein, natürlich nicht! Aber es fühlt sich so an. Als würde diese Feuchtigkeit wie ein Gewicht auf dir liegen. Und immerhin scheint hier stets die Sonne, auch wenn es kalt ist.«
»Das stimmt. Aber warte, bis der Mistral kommt. Der Wind heult Tag und Nacht, fegt die Rhône hinunter nach Süden. Das kann Leute verrückt machen.«
Zügig bogen sie in die Auffahrt einer zweispurigen Straße ein. Olivenhaine und große Zypressen hoben sich still vor der spektakulären Bergkulisse ab, während sie das Tal nach Westen in Richtung der großartigen mittelalterlichen Kulisse von Avignon durchquerten.
»Das wäre für mich kein großer Unterschied. Ihr denkt doch sowieso alle schon, dass ich verrückt bin.«
»Nicht verrückt, nur anders.«
Penelope hoffte, dass sie die Gelegenheit bekam, mehr darüber herauszufinden, was Laurent über sie dachte, doch der hatte bereits das Thema gewechselt und sprach über Avignon. »Außerhalb der Saison ist es hinreißend, Penny, du wirst es lieben. Im Sommer ist es schrecklich. Überfüllt mit Touristen, heiß, Studenten an jeder Ecke, die sich für Bob Dylan halten. Oder für Marcel Marceau, wie er pantomimisch einen Baum darstellt.«
»Aber nur während des Festivals, nehme ich an.« Penelope war erst nach dem berühmten Avignon-Festival in die Provence gekommen und stellte es sich wie Edinburgh vor, nur ohne die bedrückenden schottischen Gemäuer und den Regen.
»Du wirst dich wundern. Alle wollen dem künstlerischen Ruf der Stadt gerecht werden.«
»Ich kann’s kaum erwarten.«
Die Galerie Gilles de Bourdan lag auf der Rue des Teinturiers, eine von Bäumen gesäumte pittoreske Kopfsteinpflasterstraße innerhalb der gewaltigen Stadtmauern. Ein kleiner Kanal floss am Rand entlang. Einige Wassermühlen zeugten vom industriellen Erbe der Färber, die einst in dieser Gegend arbeiteten. Penelope freute sich diebisch, als sie mit Laurent die Galerie betrat und die neidischen Blicke der anderen Frauen bemerkte. Aber der Moment ging schnell vorüber. Sofort wurde der Mann von so vielen Leuten belagert, dass er in der Menge regelrecht verschwand und Penelope wie ein Rugbyball Stück für Stück weitergegeben wurde, bis sie am Rand stand. Während ein junger Kellner mit Brille und einem langen geflochtenen Bart ihr ein Glas Rosé reichte, schaute sie sich nach den Canapés um.
Die Ausstellung war im hinteren Bereich der Galerie, in einem modernen, zweckmäßigen Anbau gelegen. Der helle luftige Bereich war in vier Räume unterteilt, die je einem der sehr unterschiedlichen Maler gewidmet waren, darunter Nicolas Versanne. Dem Katalog zufolge reichten die ausgestellten Werke »vom Konzeptuellen bis zum Figürlichen und liefern eine Erzählung differierendender Interpretationen, von Schwarz bis Weiß, von Verzweiflung bis Hochgefühl«. Penelope unterdrückte ein amüsiertes Lachen. Warum mussten die Franzosen immer alles so prätentiös ausdrücken?
Sie schaute sich nach Nicolas und seiner Frau Claudine um. Sie hatte die beiden von Laurents Dinnerparty noch in guter Erinnerung. Die Ausstellung war bereits gut besucht, das Publikum eine Mischung aus gut gekleideten Leuten mittleren Alters, Jüngeren ganz in Schwarz sowie einer beachtlichen Anzahl an selbstbewussten Künstlerinnen und Künstlern in exzentrischer Kleidung. Eine Frau trug einen Catsuit mit Leopardenmuster unter einem knallpinken Mantel. Was gut ausgesehen hätte, wenn sie auf der anderen Seite der Siebzig gestanden hätte. Eine andere ältere Blondine in einem weißen Minikleid drückte einen Mops an ihre Brust. Für einen Moment fragte Penelope sich, ob sie hier Brigitte Bardot vor sich sah.
Es gab viel zu sehen, während sie so allein umherbummelte. Sie würde später beim Abendessen mit Laurent einiges zu erzählen haben und freute sich schon darauf.
Sie betrat Raum eins und fand sich vor einer Reihe an Seilen hängenden grüner Flaschen wieder, aus denen rote Farbe zu Boden tropfte. Gegenüber befand sich eine große Tuba, aus deren Trichter es qualmte. Ziemlich verwirrt las Penelope den Titel: Der Preis des Krieges. Der Preis dieser rätselhaften Kunstinstallation von Nina Chiroubles betrug dreißigtausend Euro. Fassungslos betrachtete Penelope einen Haufen gebrauchter Konserven (Der Westen, fünfundzwanzigtausend Euro) und ging weiter zu einem dreidimensionalen Ausstellungsstück, das mittels einer Halterung an der Wand befestigt war. Bei näherer Betrachtung entpuppte es sich als der zur Galerie gehörende Defibrillator.
Eine Frau (nicht sehr viel jünger als Penelope) in violetten Leggings und Minikleid mit türkisfarbenem Haar, dessen Schnitt an einen Nymphensittich erinnerte, hatte einen kleinen, ängstlich dreinblickenden Mann in eine Ecke gedrängt. Sie stach mit einem schwarzlackierten Fingernagel nach ihm. Die Worte »Kampf« und »fortschrittlich« flogen dem Armen um die Ohren.
Diese moderne Kunst ist doch ein einziger großer Betrug, dachte Penelope. Sie ging durch die nächste Tür und hoffte wider besseres Wissen dahinter auf ein Kunstwerk, das sich wenigstens einen kleinen Bezug zur Realität bewahrt hatte.
Dieser Raum war voller großer, meist einfach nur schwarzer Leinwände, die in fluoreszierendem Gelb mit Scarpio signiert waren. Sie wiesen unterschiedliche Größen auf, die von einem kleinen Quadrat in einem verzierten Goldrahmen bis zu einer riesigen rahmenlosen Leinwand reichten, die über ihrem Kopf drohte. Penelope schielte auf den Titel, Studie in Schwarz VI. Kostenpunkt: günstige zehntausend Euro.
Während sie die Menge betrachtete, die sich kaum für diesen Raum zu interessieren schien, fiel ihr Blick auf einen ausgemergelten Mann mit unmöglich langem und strähnigem Haar, zerklüftetem Gesicht und dunkler Sonnenbrille. Er trug Jeans, T-Shirt und Jackett, alles in Schwarz. Entweder ist das der Künstler persönlich, oder Keith Richards hat sich gerade die Ehre gegeben, dachte Penelope, als sie den Raum rasch nahe einer mittelgroßen Leinwand verließ, die in einem erfrischenden Schiefergrau gehalten war. Der nächste Raum war um einiges voller.
Kaum hatte sie ihn betreten, empfing sie die unverwechselbar affektierte Stimme eines Briten, die auf Englisch über die Menge hinwegdröhnte. »Die Leute wollen immer wissen, woher ich meine Inspiration nehme! Was soll das? Ich habe mich mein Leben lang stets für alles rechtfertigen müssen. Dabei ist das Einzige, was zählt, meine Malerei!«
Instinktiv wandte Penelope sich ab. In den vergangenen Monaten hatte sie jeglichen Kontakt mit hier lebenden Landsleuten so gut wie möglich vermieden, da sie sich ganz und gar auf das örtliche Leben einlassen wollte. Dieser Engländer erschien erschreckend vertraut, mit seinem dichten blonden Haar, das an manchen Stellen ergraute, einem glatten gebräunten Gesicht und breitem Körperbau, der einst sehr sportlich gewesen sein mochte. Er stand selbstbewusst vor einigen gackernden Frauen.
»Nun, was denken Sie?«, sprach er sie an. Seine Gefolgschaft fiel in Schweigen und schaute sich suchend um. Es waren ausnahmslos gut gekleidete Frauen mit unnatürlich vollen Lippen und glatter Stirn. Wenn sie ihre Augenbrauen hätten heben können, hätten sie es bestimmt getan.
Penelope lächelte unsicher und fragte sich, ob die Chance bestand, so zu tun, als habe sie nichts verstanden.
»Nicht so schüchtern! Ich find’s klasse, dass Sie zu meiner Präsentation kommen!«
Der schneidige Künstler überfiel sie wie ein Bulldozer in voller Fahrt. Er trug einen ausgebeulten, cremefarbenen Anzug, ein rosa Hemd und eine mit Oldtimer-Rennwagen gemusterte Krawatte. Im nächsten Augenblick fühlte Penelope einen festen und energischen Händedruck.
»Erfreut, Sie kennenzulernen, Mr … Mr …«
»Roland Galbraith Doncaster. Nennen Sie mich Don, alle nennen mich so. Korrigieren Sie mich, aber Sie müssen Penelope Kite sein!«
Er gab ihr keine Gelegenheit, das abzustreiten.
»Ich habe von Ihnen und Ihrer Feuertaufe gehört. Sie haben ja eine ganz schöne Welle gemacht. Wobei ›Welle‹ vermutlich etwas unangemessen ist!« Er kicherte über seinen eigenen Witz. »Sie müssen eines Tages vorbeikommen und mir alles erzählen. Sie sind das Gesprächsthema in der britischen Gemeinschaft. Wir haben uns alle schon gefragt, wann wir Sie treffen würden – und hier sind Sie!«
»Woher um alles in der Welt wissen Sie, wer ich …?«
Er zog ein Stofftaschentuch hervor und tupfte sich über die Stirn. »Claudine hat mir erzählt, dass Sie Kunst mögen und vielleicht hier vorbeischauen. Ich hatte schon befürchtet, dass Sie es nicht tun werden, umso mehr freue ich mich, dass Sie nun da sind. Schließlich ist das hier wahre Kunst – Kunst, zu der Mut gehört. Nicht diese Alte-Damen-Wasserfarben-Pinselei. Nichts für ungut!«
Don Doncaster schenkte ihr ein warmes Lächeln. Penelope konnte durchaus nachvollziehen, warum er von dieser albernen Fan-Gemeinde umgeben war. Er hatte eine gewisse Ausstrahlung, wobei das aber auch einfach übersteigertes Selbstbewusstsein sein konnte. Die Art Mann, die Penelope im Laufe der Zeit allzu gut kennengelernt und gründlich satt hatte.
Sie riss sich zusammen, um etwas Small Talk zu beginnen. »Das ist also Ihr Raum?«
Jetzt erst konzentrierte sie sich auf seine Kunstwerke. Während sie die Gemälde betrachtete, konnte sie die gnadenlose Wahrheit nicht verleugnen. Sie waren grauenhaft. Tatsächlich fand Penelope, dass jeglicher Mut einzig und allein darin bestanden hatte, sie anzufertigen. Die Farben waren so dick aufgekleistert, dass die Blumen und Obstteller wie unordentliche Reliefs hervorstanden. Sonnenblumen starrten bösartig. Lavendel wie violette Speerspitzen. Eine ausgeweidete Melone. Es war alles ziemlich grässlich.
»Meine schlichte Pinselei.« Er kniff die Augen zusammen, um ihre Reaktion abzuschätzen. Ein Anflug von offensichtlich falscher Bescheidenheit lag in seinem Lächeln. »Es läuft heute Abend ziemlich gut, wenn ich das so sagen darf. Ich habe die meisten schon verkauft. Daher fürchte ich, dass für Sie nicht mehr viel übrig ist.«
Von seiner Fangemeinde ertönte ein selbstgefälliges Lachen.
»Ach, wie schade«, sagte Penelope. »Also …«
Er war ganz in seinem Element. Nonchalant lehnte er sich an den Tisch und nahm grüne Oliven aus einer Schüssel neben sich, während er seine Aufmerksamkeit von einer Bewunderin zur nächsten lenkte. Eine Frau in den Vierzigern machte ein Selfie mit ihm vor einem grellen Bild mit Mohnblumen, aus dem das Gipsrelief eines lebensgroßen Hundekopfs hervorstach. Wie gebannt verfolgte Penelope das Spektakel und versuchte, sich so viel wie möglich zu merken, damit sie es später in allen Einzelheiten ihrer Freundin Frankie erzählen konnte. Die würde sich großartig amüsieren.
»Schätzchen, nehmen Sie eine, die sind einfach himmlisch.«
Penelope bemerkte, dass er ihr die Schüssel hinhielt.
»Die reinste provenzalische Köstlichkeit. Mit Mandeln gefüllte Oliven. Die muss ich haben! Ich werde noch eine richtige Diva. Ich werde sogar schon nachgeahmt, wussten Sie das? Hört, hört!«
Penelope lehnte höflich ab. »Ich möchte mir noch den letzten Raum ansehen, da war ich noch nicht.«
»Oh, ich bin sicher, den werden Sie mögen. Für meinen Geschmack etwas zu abstrakt, aber unbestreitbar gut. Der mischt sich die Pigmente selbst – kann ich nicht verstehen!« Er steckte sich eine Olive in den Mund. »Hmm, delicioso. Los, nehmen Sie eine!«
»Nein, wirklich, ich …«
»Meine Liebe, wenn Sie hier in dieser Gegend leben wollen, müssen Sie diese kleinen Wunder probieren! Ich bestehe darauf, das ist nicht verhandelbar!« Er drängte ihr die Schüssel auf und schenkte ihr ein weiteres unwiderstehliches Lächeln.
Obwohl Penelope grüne Oliven wirklich nicht mochte, hatte sie keine Chance abzulehnen. Sobald er sich seinen Bewunderinnen zuwandte, ließ sie die Olive in ihre Handtasche fallen. Sie wollte den Raum gerade verlassen, als die Qualmwolke einer teuren Zigarre sie einhüllte und Dons Hand auf ihrem Unterarm landete. Gegen ihren Willen wurde sie zu seinen Bildern gezogen. Aus der Nähe waren sie noch scheußlicher. Penelope war gezwungen, eine grauenhafte violette Kirche inmitten einer Wiese zu betrachten, vor der zwei Lämmer mit panisch aufgerissenen Augen herumtollten.
»Also Mr … Don. Sie malen sehr figürlich.«
»Scheint das zu sein, was die Leute wollen. Wir müssen den Leuten immer geben, was sie wollen, finden Sie nicht auch? Wenn das Publikum ein gesellschaftliches Statement haben will, muss es Ninas Arbeit nehmen. Wenn es aber die Provence will, so gebe ich ihm Sonnenblumen und Lavendel.«
Penelope befreite sich aus seinem Griff und wandte sich der Tür zu. »Entschuldigung. Ich habe gerade eine Freundin entdeckt. Ich komme gleich wieder.«
Sie ging sofort zu Laurent.
»Da bist du ja, Penny! Tut mir leid, dass wir uns verloren haben.«
»Ich kann verstehen, warum du dort nicht hineingegangen bist. Was für eine Farbverschwendung.«
»Komm, lass uns den Raum mit Nicolas’ Arbeiten suchen. Ich verspreche dir, dass er dich dafür entschädigen wird.«
Nicolas Versanne stand in einer Ecke seines Raumes und führte eine konzentrierte Unterhaltung mit einem Paar in den Sechzigern. Mit seiner Designerbrille und dem ordentlichen dunklen, von silbernen Strähnen durchzogenen Haar konnte der Künstler auch als Architekt oder Geschäftsmann durchgehen. Wie Laurent besaß er eine ruhige, selbstbewusste Ausstrahlung.
Der Raum war zweifelsohne das Herz der Ausstellung. Nicolas’ Bilder waren abstrakt: kräftige, leuchtende Farben, die sorgfältig arrangiert und dann von tiefblauem Indigo, sattem Violett und Schwarz überlagert wurden, sodass der Eindruck entstand, dass ein Motiv zugleich enthüllt und verborgen wurde. Penelope ertappte sich dabei, Figuren und Landschaften zu sehen, die auf den zweiten Blick überhaupt nicht da waren. Es war die reinste Magie. Während sie die Bilder betrachtete, verband ihr Geist von ganz allein Punkte und arrangierte sie neu. Die Farben, so aufeinander abgestimmt, dass sich der Kontrast noch verstärkte, sandten ihr einen Schauder über den Rücken.
Penelope betrachtete ein kleines Gemälde, das eine Straßenecke in der Dämmerung sein konnte: angedeutete Schatten in Mitternachtsblau, Grau und Mauve. Sie war mit ihrer Bewunderung nicht allein. Der kleine Mann in dem dunklen Anzug, den Nina Chiroubles in dem Raum mit ihren Installationen belästigt hatte, stand neben ihr. Auf seinem fuchsartigen Gesicht mit dem Spitzbart lag ein entrücktes Lächeln, während er in ein eselsohriges Notizheft kritzelte.
Sie hörte, wie Nicolas und Laurent einander innig begrüßten, und drehte sich um.
»Du erinnerst du dich an Penny – Penelope Kite. Sie war auf meiner Dinnerparty.« Laurent winkte in ihre Richtung.
»Selbstverständlich. Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Danke, dass Sie gekommen sind!«
Sie küssten einander dreimal auf die Wange, und wie auf Befehl erschien Claudine, die französische Antwort auf Audrey Hepburn in einem exquisiten kleinen Schwarzen. Auch sie begrüßte Penelope herzlich.
»Alle Achtung, Nicolas. Ihre Arbeiten sind einfach überwältigend gut«, sagte Penelope.
Aus Richtung des kleinen Mannes ertönte ein Seufzen, dann weiteres Kritzeln. Nicolas blickte ihn kurz verwirrt an, dann winkte er die Gruppe ein Stück weiter weg.
»Wer ist das?«, flüsterte Penelope.
»Emile Sablon.«
Sie beobachteten, wie die schmächtige schwarzgekleidete Gestalt einen Schritt von der Leinwand zurücktrat, sich dann wie ein Fragezeichen verbog und über sein Notizbuch beugte.
»Der Kunstkritiker von La Provence. Er hat für Le Monde gearbeitet und hält ziemlich viel von sich. Typischer Pariser.«
Penelope folgte dem Mann mit den Augen, als er den Raum Richtung des Bereichs von Don Doncaster verließ. Er hielt an der Tür inne, stieß ein lautes theatralisches Seufzen aus und betrat den Raum.
»Er wird Dons Werke lieben«, murmelte Penelope bei sich, bevor sie sich sie wieder Nicolas zuwandte. »Ich finde Ihre Bilder fantastisch.«
»Sie gefallen Ihnen?«
»Und wie.« Sie konnte sich gerade noch davon abhalten, zu erklären, dass sie gegenüber den anderen Kunstwerken nicht unfair sein wollte, aber dennoch froh war, endlich echte Kunst zu sehen. »Besonders die kleineren Bilder faszinieren mich. Darin liegt so eine Tiefe. Ich liebe diese raffinierte Farbsprache.«
Claudine strahlte über das ganze Gesicht. Penelope hatte offensichtlich die richtigen Worte gefunden.
»Ich habe Nicolas bei seinen Experimenten geholfen, antike Farben aus dem Museum nachzuahmen. Sie sind alle aus natürlichen Rohstoffen hergestellt, von Pflanzen bis zu Steinen, die zu Pulver zermahlen werden. Dadurch entstehen Farben von ganz besonderer Qualität. Die Art und Weise, wie sie das Licht einfangen, ist ganz anders als bei Massenware, egal ob Öl- oder Acrylfarbe. Mein liebstes Bild ist jenes da drüben. Es sieht immer anders aus, je nachdem, von welchem Winkel aus Sie sich ihm nähern. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«
Penelope wurde zu einem bestimmten Punkt geführt. Dabei fragte sie sich, ob Claudine von ihrem Essen am späteren Abend mit Laurent wusste und falls ja, ob das der Grund dafür war, dass sie in dieser gut befreundeten Gruppe so schnell akzeptiert worden war.
Ein lautes Krachen kam aus einem der anderen Räume und ließ alle Anwesenden zusammenfahren.
Penelopes erster Gedanke war, dass eine der Installationen von der Wand gefallen und auf dem Steinboden zerscheppert war. Rufe wurden laut, gefolgt von einigen Schreien.
Sie und Claudine liefen wie alle anderen zur Tür, um zu erfahren, was passiert war. Im Raum von Doncaster herrschte ein heilloses Durcheinander. Ein großer Mann im schwarzen Anzug rannte an ihnen vorbei, zerstreute die Menge und verlangte von den Leuten, zurückzutreten. »Machen Sie Platz!«
Die befehlsgewohnte Stimme ließ die Menge leiser werden. Als sich die Gäste zurückzogen, wurde die Ursache des Aufruhrs sichtbar. Auf dem Boden lag die reglose Gestalt von Don Doncaster. Sein Kopf war in den Schoß einer aufgeregten Frau mittleren Alters gebettet, die ihn mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung versorgte und den Vorgang mehr genoss, als der Situation angemessen war. Sie wurde soeben von einer weiteren Frau zur Seite geschubst, die dazu ansetzte, ihn hochzuziehen, um das Heimlich-Manöver anzuwenden. Die wurde ebenfalls weggestoßen, als ein schlanker Mann hereinrauschte. Er trug einen Tweedanzug, für den er Generationen zu jung war, und brachte den Defibrillator mit, den Penelope zuvor gesehen hatte.
Don wurde die Krawatte ausgezogen, dann das Hemd, was einigen Bewunderinnen einzelne Seufzer entlockte. Die Pads wurden angelegt, und die Maschine lud auf, bis es laut klickte. Der Künstler verkrampfte sich unter dem elektrischen Schock.
Es sah schlecht aus. Seine Brust hob sich auch nach dem dritten Stoß nicht. Dann krümmte Don plötzlich den Rücken. Sein Helfer legte das Ohr auf sein Brustbein und bat mit einem Wink um Ruhe.
»Ich höre einen Herzschlag. Er ist da, wenn auch schwach.«
Er befahl der gaffenden Menge, den Raum zu verlassen. An der Tür hielt Penelope für einen letzten Blick inne. Dons gut polierte braune Schuhe standen in schrecklichem Kontrast zu seiner fahlgrauen Haut und dem zerzausten Haar.
Am Eingang der Galerie und draußen auf dem Kopfsteinpflaster hatte sich eine nervöse Menschenmenge versammelt. Der Kunstkritiker trieb sich in der Nähe der Tür herum, als überlegte er, wie er aus der Sache das Beste für eine schlechte Sensationsnachricht herausholen könnte. Einige Frauen lagen einander in den Armen und weinten. Die Installationskünstlerin Nina Chiroubles drängte sich Richtung Ausgang. Penelope entdeckte Claudine, die in einer abgelegenen Ecke stand und eindringlich in ihr Telefon flüsterte. Nicolas unterhielt sich besorgt mit dem jungen Mann im Tweedanzug.
Unterhaltungsfetzen flogen durch die Luft.
»Es heißt, er hätte plötzlich gewürgt. Dann ist er rot angelaufen und vornüber gefallen. Dass so etwas passieren muss!«
»Der Arme.«
»Was, wenn er stirbt? Glaubt ihr, dass die Preise für seine Werke dann steigen? Das ist doch üblich, oder?«
Eine laut Englisch sprechende Stimme mit starkem spanischen Akzent unterbrach sie.
»Natürlich gibt es einige Künstler, die eine Lücke in unsere kulturelle Landschaft reißen. Deren Kunstwerke werden mit der Zeit im Wert steigen. Aber ich würde Herrn Doncaster nicht dazu zählen. Er hat einfach nur einen Bedarf befriedigt, mehr nicht.«
Penelope wandte sich nach dem Sprecher um, um zu sehen, um wen es sich handelte. Einige Schritte entfernt stand Keith Richards’ Doppelgänger, der Genius hinter der Serie schwarzer Bilder. Penelope fand es nicht angemessen, dass er hier und jetzt auf diese Weise über seinen Kollegen sprach, und schoss ihm einen mörderischen Blick zu, den er mühelos verstehen können sollte.
Sie entfernte sich etwas und hielt nach Laurent Ausschau.
Wie aus dem Nichts stand Clémence neben ihr. »Was ist passiert? Ich bin gerade erst angekommen.«
Penelope setzte zu einer Erklärung an, wurde jedoch von sich rasch näherndem Sirenengeheul unterbrochen. Sekunden später hielt ein Krankenwagen vor der Galerie, und Notärzte rannten hinein.
Von ihrer Position nahe des Eingangs konnte Penelope den großen Mann sehen, der die Initiative ergriffen hatte. Kaum hatte er den Raum mit Doncasters Werken verlassen, wurde er von Neugierigen belagert. »Ist das Monsieur de Bourdan?«, fragte Penelope Clémence im Flüsterton. Es schien logisch, dass er der Inhaber und Namensgeber der Galerie war.
»Ja.«
»Was für eine Schande – seine schöne Party. Hoffen wir, dass Don wieder auf die Füße kommt und unbeschadet bleibt.«
Laurent sprach gerade mit dem Galeriebesitzer, als der bewusstlose Künstler auf einer Liege zum Krankenwagen getragen wurde. Das Sirenengeheul durchbrach die Abendluft, und Don Doncaster wurde davongefahren.
Penelope sah, wie Laurent sein Telefon herauszog und ein kurzes, aber intensives Gespräch führte. Schließlich kam er mit ernster Miene zu Penelope. Als einziger Anwesender mit einem offiziellen Amt sah er sich verpflichtet, dem zusammengebrochenen Mann im Krankenhaus von Avignon Beistand zu leisten.
»Natürlich musst du das tun«, sagte Penelope ganz sachlich.
Und da ging es wieder einmal dahin, ihr Abendessen à deux.
»Er stolzierte herum wie ein Gockel mit geschwollenem Kamm, und im nächsten Moment lag er platt auf dem Boden«, grübelte Penelope laut am nächsten Morgen.
Monsieur Charpet zog seine Baskenmütze ab und kratzte sich am Kopf. Der Gärtner hatte es nicht einmal bis zu den Pflaumenbäumen geschafft, die er beschneiden und von toten Ästen befreien wollte, als er auch schon die Neuigkeiten erfuhr. Sein Walrossschnurrbart hing schlaff herunter, und seine braunen Augen wirkten angemessen betroffen. »Mais, c’est terrible, Madame …«
»Das war es, Monsieur Charpet. Auch ziemlich unwirklich, inmitten all dieser erschreckend lächerlichen Bilder. Und ich weiß nicht, warum, aber ich hatte den schrecklichen Gedanken, dass das alles eine Art Marketing-Gag sein könnte.«
»Marketing-Gag?« Der alte Mann rollte mit seinen weitsichtigen Augen. »Sie mochten diesen Mann also nicht?«
Penelope setzte an, das abzustreiten – immerhin kannte sie Don Doncaster so gut wie gar nicht. Doch sie musste zugeben, dass Henry Charpet die Wahrheit erraten hatte. »Es war nur mein erster Eindruck, daher würde ich nicht direkt sagen, dass ich ihn nicht mochte. Nein, es war eher die Tatsache, dass ich fand, er wäre einer von diesen typischen Leuten, die im Ausland leben und eine übertrieben hohe Meinung von sich selbst haben. Eigentlich gab er sich sogar sehr charmant. Es war nur …«
Der Gärtner nickte wissend und wartete geduldig, dass sie mit ihrer Erklärung fortfuhr. Er verzog sein Gesicht, das durchfurcht war wie eine Walnuss und zündete sich eine seiner starken Zigaretten an. Es war Penelope ein völliges Rätsel, wie er den ganzen Tag in einem Tempo im Garten arbeiten konnte, das sein Alter Lügen strafte, und das nie ohne eine halb gerauchte Gitanes zwischen den Lippen. Nachdem er nun seit mehreren Monaten für sie tätig war, behandelte er sie teils wie einen verehrten Gast, teils wie eine leicht dämliche Tochter. Es war eine beunruhigende Kombination.
»Es kann schon sehr gut sein, dass ich einige Vorurteile habe, wenn es um Landsleute geht, denen ich im Ausland begegne«, gab Penelope zu. »Sie können so … peinlich sein. Ich will nicht, dass die Menschen hier denken, dass wir alle so sind.«
»Wie zum Beispiel?«
»Arrogant. Davon überzeugt, dass alle Welt sie liebt.«
»Sprechen wir immer noch über diesen Don – oder denken Sie gerade an jemand anderen?«, fragte er vielsagend. »Sie sagten, dass Sie mit Laurent Millais unterwegs waren …«
Penelope hielt inne. Hatte sie an Laurent gedacht? Möglicherweise. »Monsieur Charpet, ich glaube, es ist Zeit, dass Sie diese Pflaumenbäume zurechtstutzen.«
Jetzt fühlte sie sich schuldig, weil sie so schlecht über ihren kranken Landsmann gedacht hatte, sodass sie ins Haus ging und Clémence anrief.
»Ich wollte nur hören, ob du etwas darüber gehört hast, wie es Don Doncaster geht.«
»Ich weiß nur, dass sein Zustand kritisch ist. Er ist nicht bei Bewusstsein und liegt auf der Intensivstation.«
»Hat er denn wirklich etwas verschluckt, oder war es etwas Ernstes wie ein Herzanfall?«
»Rufst du in Wahrheit wegen Laurent an?«
»Wie bitte? Nein!« Wieso nahmen alle an, dass sie die ganze Zeit an Laurent Millais dachte? »Warum fragst du das?«
Pause. »Übrigens habe ich mit Claudine gesprochen«, erklärte die Immobilienmaklerin. »Sie bedauert, dass eure Unterhaltung gestern Abend so abrupt unterbrochen wurde. Sie meinte, dass wir uns nächste Woche auf einen Kaffee im Museum in Roussillon treffen könnten, wenn du magst.«
»Aber liebend gern«, antwortete Penelope.
Wieder etwas versöhnt mit sich kehrte sie nach draußen zu ihrem geschätzten Gärtner zurück, der gerade die Säge mit einer Energie schwang, die jeden Jüngeren vor Neid erblassen lassen würde. Das einfache Landleben mit gutem Essen und viel Wein hatte offensichtlich eine gute Wirkung, obwohl Penelope sich völlig bewusst war, dass Charpet ein Mann war, von denen es nicht viele gab. Noch heute erinnerte sich ganz St Merlot seiner Tapferkeit und Entschlossenheit, mit der er als Bote während des Zweiten Weltkriegs Nachrichten zwischen verschiedenen Gruppen der Résistance überbracht hatte. Es war das Erste, was man ihr über ihn erzählt hatte. Nicht, dass er es selbst jemals erwähnt hätte.
Penelope machte sich an seiner Seite an die Arbeit und genoss es, einige größere Äste für ihn festzuhalten oder mit der Gartenschere Triebe zu schneiden. Sie sammelte die abgeschnittenen Äste und bekam dringend benötigte Bewegung, indem sie mit der Schubkarre zwischen dem Garten und dem neu angelegten Holzlager in einem trockenen Nebengebäude hin- und herlief. Viele Scheite waren perfekt für ihren nagelneuen Holzofen geeignet.
Das Schwimmbecken in dem ummauerten Garten war inzwischen mit einer dicken Plane abgedeckt. Die Wildblumen im Gras waren verblüht, und doch schien die Sonne an den meisten Tagen immer noch kraftvoll vom Himmel. Das ist der Grund, warum ich hier bin, dachte sie. Sie kam nicht umhin, das freundliche Licht und die Weite mit dem nasskalten, nebligen Herbst in Südengland zu vergleichen, wo schon am Nachmittag zur Teezeit die Dunkelheit drohte.
Obwohl sie zugeben musste, dass der Wind, wenn er hier wehte, eine eisige Schärfe entwickelte. Während sie arbeiteten, war die Brise aufgefrischt und die Böen merklich kühler geworden.
Monsieur Charpet richtete sich auf und blickte in das Tal hinunter. Wolken rasten über den blauen Himmel. »Le Mistral«, verkündete er. »Morgen wird er kommen.«
»Wird es schlimm werden?«
»Zwei oder drei Tage lang.«
Penelope konnte nicht einschätzen, ob diese Vorhersage nun bedeutete, dass es schlimm werden würde oder nicht. Sie hatte den berühmten provenzalischen Wind, der über das Rhônetal ständig an Stärke und Geschwindigkeit gewann, noch nicht miterlebt.
»Er kommt aus Westen, drückt sich in die Lücke zwischen die Hügel bei Avignon«, fuhr Charpet fort. »Er kann so heftig sein, dass Leute verrückt werden. Aber dann hört er mit einem Schlag auf, und der Himmel ist so klar wie am ersten Tag.« Seine Augen leuchteten schelmisch, während er ihre Reaktion beobachtete.
»Ich kann es kaum erwarten.« Penelope gab sich tapfer.
Während Monsieur Charpet zurück ins Dorf fuhr, wo seine Schwester Valentine ihm in seinem Heim ein Drei- oder Vier-Gänge-Menü zubereitete, wärmte sich Penelope etwas Suppe auf und setzte sich an den Küchentisch. Kaum hatte der kalte Wind angefangen zu blasen, bemerkte sie, wie schlecht die meisten Türen schlossen. Aus allen Richtungen pfiff die Luft durch die Ritzen und senkte die Temperatur innerhalb von Sekunden. Hin und wieder schlug eine Tür irgendwo im Inneren des Hauses zu. Sie würde sich darum kümmern müssen, bevor es richtig Winter wurde.
Penelope stellte fest, dass sie sich in Bezug auf ihr Haus immer wieder sehr leicht ablenken ließ. Da hatte sie mit all diesen hochfliegenden Plänen begonnen, und sich dann viel zu schnell an das Leben in diesem eigenwilligen und reparaturbedürftigen Haus gewöhnt. Es lag etwas Tröstliches in dieser Unvollkommenheit. Es waren nämlich eher die neu verputzten Wände, die sie beunruhigten, weil sie jeden Tag glaubte, einen der alten Risse wiederzuentdecken.
Charpet hatte belustigt reagiert, als sie das einmal erwähnte.
»Diese Häuser bewegen sich. Die ganze Zeit. Sie haben kein Fundament, sehen Sie? Wenn die Erde sich bewegt, bewegen sich die alten Steine mit.«
Das war nicht wirklich beruhigend.
Gedankenverloren löffelte Penelope ihre Suppe zu Ende und schob die Schüssel zur Seite. Nach all den Jahren, die sie Hausfrau und Mutter gewesen war, fühlte es sich immer noch unangemessen an, einfach zu essen, was sie wollte und wann sie wollte; ohne Rücksicht darauf, es allen recht zu machen, sie zu überreden oder zu enttäuschen. Ihre Kinder Lena und Justin – ihre Stiefkinder, um genau zu sein, auch wenn sie es nie so empfunden hatte – waren so pingelige Esser gewesen, als sie klein waren. Mit der Zeit hatte sich ihr Leben wieder verändert. Sie war in ihren Beruf zurückgekehrt, und wenn sie hin und wieder zu einem Mittagessen mit den Kollegen in den Pub gegangen war, hatte es sich wie Urlaub angefühlt. Dann folgten die Jahre, in denen sie in London als persönliche Assistentin von Professor Camrose Fletcher arbeitete; einem herausragenden, aber ziemlich eigenwilligen forensischen Rechtsmediziner. Unwillkürlich lächelte sie bei der Vorstellung, wie er in seinem mit Büchern vollgestopften Büro stand, nachdem er den gesamten Morgen Beweise für einen Fall zusammengetragen hatte. Wie er dann seine Brille abnahm und ihr ein unwiderstehliches Grinsen schenkte, das bedeutete, dass sie sich ein Mittagessen in seinem italienischen Lieblingsrestaurant verdient hätten.
Das brachte sie zurück zu Don Doncaster. Sie war von ihm und seinem Verhalten verärgert und fasziniert zugleich. Wenn sie ehrlich war, hatte sie vor allem darauf reagiert, dass er in ihr die unangenehmen Gefühle von früher geweckt hatte. Er hatte sie ein bisschen zu sehr an ihren Ex-Ehemann David erinnert. Nicht im Aussehen, aber im Verhalten. Nachdem er in der städtischen Anwaltskanzlei Partner geworden war, hatte David begonnen, in Gesellschaft anderer eine gehörige Portion zu dick aufzutragen. Penelope hatte das überhaupt nicht gemocht. Das war zwar nicht der Grund für ihre Scheidung gewesen, doch im Nachhinein betrachtet war das der Zeitpunkt, an dem sie begonnen hatten, sich auseinanderzuleben.
Wer war Don Doncaster, abgesehen von all dieser Angeberei? Wo kam er her, und was hatte ihn nach Frankreich geführt? Wenn es nach seinen Werken in der Ausstellung ging, war es ziemlich unwahrscheinlich, dass er ein ausgebildeter Maler war, schon gar keiner, der auf einer Kunstakademie gewesen war. Was also hatte er zuvor gemacht? War es nicht üblich, dass Maler in ihren Werken etwas über ihre Weltsicht ausdrücken wollten? Es sah nicht danach aus, als könnten Dons Schmierereien mehr als die schreckliche Wahrheit ausdrücken, dass er über absolut kein Talent verfügte. Malte er also rein zum Vergnügen, machte er sich auf Kosten der Gutgläubigen einen Spaß, so wie in dem Märchen Des Kaisers neue Kleider?
Penelope nahm ihren Laptop und tippte »Roland Galbraith Doncaster« bei Google ein. Sie erhielt Tausende Treffer, darunter viele aus der französischen Presse: Magazine und Zeitungsartikel sowie Kunstblogs. Sie durchstöberte sie irritiert und fasziniert zugleich. Fotos zeigten ihn ganz in seinem Element, immer ein Glas Wein in der Hand. Die Kulissen waren teuer ausgestattete Innenräume oder weite Aussichten auf das Luberon-Tal. Fotos von seiner Kunst gab es so gut wie gar nicht zu sehen.
Erst als sie die Ergebnisse nach Sprache filterte und englische Seiten aufrief, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Jetzt ergaben auch die polierten Schuhe in Kombination mit diesem überzeugten Auftreten und der lauten Stimme Sinn: Don Doncaster war Anwalt in London gewesen. War das der Grund dafür, dass sie dieses vage Gefühl von Vertrautheit empfunden hatte? Gerichtsverfahren waren ein großer Teil ihrer Arbeit mit Camrose Fletcher gewesen.
Sie las einen zehn Jahre alten Artikel im Telegraph, in dem es um eine Auseinandersetzung in Buckinghamshire ging. Dabei hatte er als Wortführer einer erfolgreichen Kampagne agiert, die ein Planungsverfahren zum Bau von viertausend Häusern in einem Naturschutzgebiet nahe eines Dorfes mit historischem Ortskern torpedierte. Die Bilder zeigten ihn mit einer Flasche Moet & Chandon, die er wie ein siegreicher Rennfahrer versprühte. In einem anderen Artikel wurde über eine große Spende berichtet, die er nach einer gesponserten Fahrradtour von Land’s End nach Gravesend an ein Kinderkrankenhaus geleistet hatte. Penelope fragte sich zunächst, ob sie hier über den richtigen Mann las, aber der Kerl auf den Fotos war definitiv derselbe Roland Doncaster, den sie getroffen hatte, wenn auch etwas jünger und schlanker. Darüber hinaus wurde er in einer kurzen Zusammenfassung eines Gerichtsverfahrens und einer Verurteilung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses von Fenella Doncaster während einer Studentendemonstration vor zehn Jahren erwähnt. Eine Tochter, eine Nichte, eine Schwester? Das muss für einen Anwalt peinlich gewesen sein, dachte Penelope. Sein künstlerisches Schaffen wurde dagegen mit keiner Silbe thematisiert. Es gab auch keinen Hinweis darauf, für welche Kammern er gearbeitet hatte.
Insgesamt war der Mann also doch beeindruckender, als sie erwartet hatte. Im Geiste sandte sie Genesungswünsche in Richtung Krankenhaus.
Am Nachmittag wurde der Wind immer stärker. Bäume bogen sich unter den Böen wie Segel. Fenster und Läden klapperten. Trockenes Laub wehte über die steinerne Terrasse, und der Garten wurde gründlich durchgepustet. Sogar in der Küche, die trotz ihrer Größe bisher immer ein warmer, kuscheliger Platz gewesen war, wurde es kühler. Penelope ging nach oben und zog sich einen dicken Pullover an.
Nach wie vor heulte der Wind garstig, als Penelope einige Tage später zum Ocker-Museum in Roussillon aufbrach. Die gesamte Straße entlang der Hügel hinunter von St Merlot nach Apt tanzten die Bäume und bogen sich, als führe sie durch ein aufgewühltes grünes Meer.
Die Hauptstraße durch das Tal Richtung Roussillon führte nach Westen mitten in den Mistral, und obwohl der Range Rover schwer auf der Straße lag, hatte sie das Gefühl, dass er Mühe hatte, vorwärtszukommen. Nichtsdestotrotz erhob sich schon bald die rostrote Klippe, auf der das Dorf thronte, majestätisch vor ihr.
Die Straße stieg an, und die von Wind und Wetter geformten roten Erdwälle leuchteten inmitten der grünen Kiefern auf, als würde eine Schauspielerin aus den Fünfzigerjahren ihre nackten Schultern unter einem Pelz enthüllen. Bald kam das Dorf in Sicht. Da sie nicht wusste, wo genau sich das Museum befand, fuhr Penelope langsam durch die Hauptstraße und hielt Ausschau nach Schildern. Als sie das letzte Mal im Hochsommer hier gewesen war, war alles von Touristenscharen verstopft, jetzt hing nur der Geruch von Holzfeuer in der Luft.
Ganz am anderen Ende des Dorfes wies ein Schild Besucher einen Weg die Klippe hinunter. Auf halbem Weg fand sie hinter einer Kurve die Einfahrt zum Parkplatz und das Museum. Schon bald darauf wanderte sie einen Pfad unter Kiefern entlang zum Eingang eines niedrigen langgestreckten Gebäudes, das in verschiedenen Rottönen gestrichen war. Der Wind zerzauste Penelopes sorgfältig frisiertes Haar in alle Richtungen. Ein sanfter, aber stetiger Regen hatte eingesetzt.
»Ah, Penny, wie schön Sie wiederzusehen! An jenem Abend hatten wir kaum die Gelegenheit, miteinander zu sprechen.« Im Empfangsbereich empfing Claudine Versanne sie mit einem warmen Lächeln. Dieses Mal trug sie schwarze Jeans, Stiefel mit hohen Absätzen und einen lockeren Pullover, der sich wie Kaschmir anfühlte, als sie sich einander zuwandten, um Küsse auszutauschen. Ein lässiger Look, der sicherlich erheblichen Aufwand erfordert hatte, um so perfekt zu wirken, vor allem die tadellos passenden Jeans, die ihre schlanken, schmalen Oberschenkel betonten.
»Clémence hat angerufen und Bescheid gegeben, dass sie später kommt«, sagte Claudine. »Aber wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen eine kleine Führung durchs Museum. Allerdings ist unser neuestes Projekt leider draußen – ein großes Mühlrad, das wir gerade erst restauriert haben. Wir stehen kurz davor, es wieder in Betrieb zu nehmen.«
»Da könnte der Regen helfen.«
