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Erben auf Schottisch – Auftakt zu einer sommerlichen Cosy-Crime-Reihe an der Ostküste Schottlands Am selben Tag, als Melody Moss ihren Job als Journalistin in London verliert, erfährt sie, dass sie das Bed & Breakfast ›Coastal Inn‹ von ihrer Tante an der Ostküste Schottlands geerbt hat. Die gute Tante Mabel sei tragisch die Steilklippe vor dem B&B hinuntergestürzt. Doch vor Ort muss Melody feststellen: Im malerischen Örtchen Seagull Bay trauert keiner um Mabel. Vielmehr hatte die Tante es faustdick hinter den Ohren. Melodys kriminalistisches Gespür sagt ihr: Mabels Tod war niemals ein Unfall! Mithilfe des attraktiven Gärtners Dean und der anhänglichen Bulldogge Cheddar beginnt die frischgebackene B&B-Besitzerin auf eigene Faust zu ermitteln. Vor traumhafter Küstenkulisse kommt sie dabei nicht nur einem dunklen Geheimnis auf die Spur ... Ein Wohlfühl-Dorf-Destination-Krimi mit viel Schottlandatmosphäre und liebenswert-skurrilen Dorfbewohnern: Richard Osman meets Julie Caplin. Mit Haggis, Shortbread und einem Glas Whisky: sommerlicher Krimispaß aus Schottland.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2026
Am selben Tag, als Melody Moss ihren Job als Reporterin beim West London Telegraph verliert, erfährt sie, dass sie das Bed & Breakfast Coastal Inn von ihrer Tante an der Ostküste Schottlands geerbt hat. Die gute Tante Mabel ist angeblich beim Blumengießen auf tragische Weise von der Klippe gestürzt, auf der das B&B steht. Vor Ort muss Melody verwundert feststellen: Niemand in dem malerischen Örtchen Seagull Bay trauert um Mabel. Die Tante war offenbar alles andere als beliebt gewesen bei den Dorfbewohnern. Melodys kriminalistisches Gespür sagt ihr, dass Mabels Tod niemals ein Unfall gewesen sein kann. Mithilfe des attraktiven Gärtners Dean und der anhänglichen Bulldogge Cheddar beginnt die frischgebackene B&B-Besitzerin, auf eigene Faust zu ermitteln. Vor traumhafter schottischer Küstenkulisse kommt sie dabei gleich mehreren dunklen Geheimnissen auf die Spur …
Anne Gordon
Ein Fall für Melody Moss
Melody Moss – gefeuerte Londoner Journalistin, die das Nachforschen nicht lassen kann
Cheddar – kompakte und extrem anhängliche Bulldogge
Mabel Moss – Bed & Breakfast-Besitzerin in Seagull Bay mit gewissen Neigungen
DS Johnson – schottischer Polizeisergeant und leidenschaftlicher Esser
Arwen Millcraft – schillernde, aufdringliche Nachbarin
Dean Gribble – Gärtner im Coastal Inn, der Melody aus ganz unterschiedlichen Gründen aufregt
Angus Macleod – schottischer Rechtsanwalt
Colonel Adams – Stammgast im Coastal Inn
Joe Fraser – Barmann im Crown & Anchor
Lucy Michaels – Besitzerin des Blumenladens Heather & Bloom in Seagull Bay
Pete Swanton – angehender Bürgermeister von Seagull Bay, der Möwen hasst
Duncan Singh – Snob und Besitzer der Highlander Lodge in Seagull Bay
Josie – Zimmermädchen im Coastal Inn
Flora – beste Köchin Schottlands
Mabel Moss blickte auf das schäumende Meer, das in der untergehenden Sonne noch einmal sein herrlichstes Funkeln zeigte. Auch wenn sie nun schon seit über fünfundsiebzig Jahren auf dieser Erde lebte – es gab keinen schöneren Platz als diesen Küstenstreifen Schottlands mit seinen Klippen und Felsen, den versteckten Sandstränden und den romantischen Burgruinen im Hintergrund. Besonders die Sommer mit den langen hellen Abenden waren traumhaft, gerade weil sie so kurz und damit so kostbar waren.
Voller Stolz ließ Mabel ihren Blick über die neue Terrasse des Coastal Inn schweifen. Die Terrasse war beeindruckend schön geworden – fast zehn Meter lang und sechs Meter breit, mit Solarlichtern und einem hübschen weißen Geländer. Üppige Blumenkörbe waren daran befestigt, die Dean, ihr Gärtner, zusammengestellt hatte. Die Blüten verbreiteten einen herrlichen Duft und lockten unzählige Bienen und Hummeln an. Manchmal war Mabel richtig neidisch, wenn jemand, der es über den steinigen Anmarsch zum Strand geschafft hatte, ihr Bed & Breakfast mit den bunten Blumenkörben von unten sehen konnte. Pebble Beach, etwas einfallslos nach den Kieselsteinen benannt, erstreckte sich genau unterhalb der Klippen, auf denen das Coastal Inn nun schon seit über hundert Jahren stand.
Mabels Großvater Hamish Mackenzie stammte ursprünglich von den Highlands und hatte das Haus seinerzeit gekauft und als Inn geführt. Ihre Eltern hatten es dann modernisiert und als Bed & Breakfast an Mabel und ihre Schwester Annie vererbt. Annie hatte allerdings nicht das geringste Interesse am Coastal Inn gezeigt. Sie hatte es immer nur in die Großstadt gezogen, nach London, zu den Punks und Hippies und wie sie sonst noch hießen. Und was hatte es ihr gebracht? Sie war blutjung mit sechzig bei einem Fahrradunfall gestorben. Fünf Jahre war das jetzt her. Garantiert zugedröhnt mit Gott weiß was und unaufmerksam wie immer. Das war zumindest Mabels Theorie, genau wusste sie es nicht, die Schwestern hatten den Kontakt schon vor Jahren abgebrochen, weil … Egal, das war Geschichte.
Mabels und Annies gemeinsamer Bruder Timothy war bereits als Kind verstorben und Mabel selbst war kinderlos geblieben. Daher würde sie das Coastal Inn eines Tages an Annies Tochter Melody weitergeben. Das Mädchen besaß hoffentlich noch immer den scharfen Verstand, den sie im Gegensatz zu ihrer Mutter schon als Kind an den Tag gelegt hatte, und würde das Coastal Inn nicht ruinieren. Mabel hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen und machte sich in Gedanken eine Notiz, ihre Nichte demnächst einmal einzuladen, um ihr auf den Zahn zu fühlen. Hoffentlich war Melody nicht so ein Internet-Junkie geworden, der nur vor dem Bildschirm hockte, wie so viele junge Leute heutzutage. Sie konnte nur hoffen, dass Melody sich als würdig genug für das Coastal Inn erweisen würde. Solche Dinge mussten einfach in der Familie bleiben. Das Bed & Breakfast an Fremde zu verkaufen, kam nicht infrage.
Die Sache mit Mabels anderen Immobilien hatte sich leider als großes Desaster erwiesen und allein bei dem Gedanken daran zog sich ihr Herz zusammen, selbst nach all den Jahren. Zum Glück würde sich die Sache demnächst von selbst regeln. Aber so dumm würde sie nicht noch einmal sein.
Nun, bis ihre Nichte hier übernehmen würde, war es ja noch eine ganze Weile hin. Mabel hatte schließlich vor, mindestens fünfundneunzig zu werden. Die herrlich salzige Seeluft und der über Torf geräucherte Lachs aus der Gegend würden sicher das ihrige dazu beitragen. Genau wie die Tatsache, dass sie ein Händchen fürs Geschäftemachen hatte.
Kichernd trat sie einen Schritt zurück und setzte sich wieder auf einen der gemütlichen Korbsessel, die sie auf der Terrasse zu kleinen Sitzgruppen zusammengestellt hatte. Hier würden die Gäste im Sommer mit Blick aufs Meer frühstücken und nachmittags ihren Afternoon Tea mit Scones, Törtchen und kleinen Sandwiches einnehmen. An kühlen und windigen Tagen konnten sie sich in die warmen Decken aus der Highland-Tweed-Weberei kuscheln, ein Glas Wein oder Whisky trinken und all die wagemutigen Surfer in ihren Neoprenanzügen draußen auf dem Meer beobachten. Es war definitiv die beste Aussicht von Seagull Bay. Ach was, der ganzen Küste! Da war der neue Zimmerpreis von neunzig Pfund pro Nacht geradezu ein Schnäppchen.
Mabel schenkte sich noch etwas Wein aus einer kleinen Karaffe ein und nahm sich eines der herrlich knusprigen Käseteilchen, die Flora, ihre Köchin, zubereitet hatte. Die Frau war ein Genie, sie wusste einfach zu zaubern …
Mabel wandte den Kopf. Sie hatte ein Knacken wahrgenommen, ihr Gehör war schließlich noch ausgezeichnet. Dann leise Schritte. War das der Hund? Der sollte doch im Haus bleiben, damit er nicht wieder auf die Terrasse pinkelte. Oder kam etwa jemand den halb verwilderten Pfad vom Strand herauf? Mabel hatte keine Lust, sich die herrliche Abendstimmung von irgendeiner nervenden Plaudertasche vermiesen zu lassen. Die Terrasse würde noch früh genug für die Gäste geöffnet werden. Heute Abend wollte Mabel sie ein letztes Mal ganz allein genießen und hatte deshalb extra die Türen abgeschlossen. Aus den Augenwinkeln nahm sie jetzt eine Bewegung am Vogelhäuschen wahr.
»Hallo, Mabel«, sagte kurz darauf eine Stimme hinter ihr.
Eine Woche später
Melody Moss hockte vor ihrem Bildschirm und las zum gefühlt zehnten Mal, was sie geschrieben hatte:
Hammersmith. Alte Liebe rostet nicht! Am vergangenen Samstag gaben sich Harry P. (84) und Dolores P. (82) nach vierzig Jahren Scheidung wieder das Jawort. Zur Überraschung ihrer gesamten Familie, denn das Paar hatte seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander gesprochen. »Wir verstehen es nicht so recht«, gab Tochter Anne zu. »Jahrelang hat meine Mutter meinen Vater nur als Hornochsen bezeichnet und er hat ihr im Gegenzug mal Mäuse im Haus ausgesetzt. Aber jetzt sind sie wieder ein Herz und eine Seele! Na, uns soll es recht sein, das macht die Erbschaftsangelegenheiten einfacher.«
Unschlüssig trommelte Melody mit den Fingern auf den Schreibtisch. Sollte sie erwähnen, dass die beiden jetzt einfach nur dement waren und schlicht vergessen hatten, dass sie sich eigentlich gar nicht leiden konnten? Nein, lieber nicht, das würde die romantische Vorstellung zerstören, die sie den Leuten verkaufen sollte.
Haben Sie auch eine herzerwärmende Story zu erzählen? Schreiben Sie uns! [email protected]
Sie seufzte.Immer nur herzerwärmend … Wie wäre es mal mit eiskalt? Mit bahnbrechenden Storys von eiskalten Verbrechen? Mit der Aufdeckung politischer Skandale, Intrigen und Machtspiele auf der internationalen Bühne? Schließlich gab es so viel Spannenderes für eine fähige Journalistin wie sie, als über verwirrte Verliebte zu schreiben.
Sie vergewisserte sich, ob ihr Chef Jonathan noch immer hinter der Glastür telefonierte. Ja, er stand mitten im Raum und gestikulierte, dann lachte er sein sympathisches Lachen. Sie freute sich schon auf das heutige Gespräch mit ihm, denn sie war gespannt, was er zu ihrer brandheißen Story sagen würde. Darin ging es um Korruption im Stadtrat von Hammersmith, sie hatte sie ihm gestern Abend noch gemailt. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass er sie heute Morgen als Erstes in sein Büro rufen würde, um sie zu loben und hoffentlich anschließend zu befördern, aber bisher war nichts dergleichen geschehen. Ihre Story war der Knaller. Ihr Ticket in die Liga der seriösen Journalisten und der wirklich wichtigen Nachrichten. Und dann – bye bye, lokale Klatschgeschichten beim West London Telegraph.
Jonathans Tür ging auf, und ihr Chef kam aus seinem Büro.
»Ähm, Jonathan?«, machte sie sich bemerkbar. »Hast du meine Story ge…«
Er eilte bereits geschmeidig die Treppen hinunter, hatte sie nicht mal eines Blickes gewürdigt. Merkwürdig. Sonst hatte er doch immer ein Lächeln für sie übrig. Und sie auch für ihn, wenn sie ehrlich war. Jonathan war ein Mann, der ihr gefallen könnte. Charismatisch, intelligent, humorvoll … Melodys Ex-Freund Nate war mit dem Humor einer Büroklammer gesegnet gewesen, und mittlerweile sehnte sie sich nach einer neuen Beziehung mit Pepp. Sie seufzte. Wahrscheinlich war Jonathan so in Gedanken versunken gewesen, dass er sie gar nicht bemerkt hatte. Na gut, dann konnte sie jetzt auch zum Lunch verduften. Sie suchte nach ihrer Handtasche und fand sie nicht. Offenbar lag sie noch im Auto. So ein Mist. Jetzt hatte sie kein Geld für ein Sandwich bei sich. Aber zu dem zwanzig Minuten entfernten Parkhaus zu trotten, dazu hatte sie auch keine Lust.
»Patrick?«, wandte sie sich an ihren Kollegen, der wie hypnotisiert auf seinen Bildschirm starrte.
»Hm.«
»Ich leihe mir mal Geld aus der Kaffeekasse hier, okay? Ich gebe es morgen zurück.«
»Hm.«
»Hab meine Handtasche nämlich vergessen.«
»Hm.«
Melody schnappte sich ein paar Geldscheine aus dem Einweckglas neben der Kaffeemaschine und begab sich zum Aufzug. Im Spiegel überprüfte sie kurz ihr Make-up. Alles perfekt, wie es sich für eine aufstrebende Starjournalistin gehörte. Eine junge Frau Anfang dreißig mit dunklen halblangen Locken und einer geraden Nase. Ein mediterraner Typ – ganz offensichtlich das genetische Geschenk ihres Dads, von dem Mum nur immer gemurmelt hatte, er sei ein One-Night-Stand gewesen. Von ihr hatte Melody nur die grünen Augen und die Grübchen geerbt. Und eine brennende Neugier. Schade, dass ihre Mutter nicht mehr erleben konnte, wie ihre Tochter endlich Karriere machte, sie hätte sich so gefreut. Melody wappnete sich gegen die Julihitze und trat aus der klimatisierten Kühle des Büros hinaus in den Londoner Straßenlärm.
»Melody? Kommst du bitte mal?« Jonathan stand in seiner Tür und sah ihr entgegen, kaum dass sie von ihrer deprimierenden Lunchpause zurückgekommen war. (Ein lasches Käsesandwich in Dreiecksform, eine Dose Eistee, ein verschrumpelter Apfel, eine halbe Stunde auf einer Bank neben den Mülltonnen im überfüllten Ravenscourt Park, umgeben von Kettenrauchern, Tauben und quäkenden Kleinkindern.)
»Ja, klar.« Eifrig lief sie auf ihn zu, obwohl sie seinen Gesichtsausdruck nicht so richtig deuten konnte. Wo waren sein Enthusiasmus und seine Vorfreude auf das bevorstehende Gespräch? Seltsam. Und warum kam Rebecca, die blutjunge Kollegin, aus seinem Büro und vermied es, Melody anzusehen? War etwas vorgefallen? Melody hoffte, dass Jonathan die junge Frau nicht gefeuert hatte. Rebecca stellte sich manchmal an wie der erste Mensch und hatte allein in der letzten Woche aus Versehen einen wichtigen Artikel gelöscht und abgestandenes Blumenwasser über ihren Laptop gegossen, aber es fing schließlich jeder mal klein an.
»Sag an.« Melody schenkte Jonathan ein strahlendes Lächeln und ließ sich auf einem der bequemen Ledersessel in seinem Büro nieder. »Was hältst du von meinem Artikel?« Gespannt beugte sie sich vor.
Zu ihrer Überraschung blieb Jonathan stehen. »Ich mache es kurz. Melody, es tut mir sehr leid, aber wir müssen dich gehen lassen.«
»Gehen lassen«, wiederholte Melody und nickte automatisch. Wohin?
»Du kannst gleich deine Sachen packen. Der Laptop bleibt aber hier, der gehört der Zeitung.«
»Sachen packen«, kam es wie von selbst aus Melodys Mund. Wovon redete er? Was war mit ihrem Artikel? Dann dämmerte es ihr. Er veralberte sie – sie sollte ihre Sachen packen, weil sie gleich in die Chefetage befördert wurde, das war der Grund! Er hatte echt einen schrägen Humor. Sie grinste. »Mein Artikel …«
»Es geht nicht um deinen Artikel«, unterbrach er sie. »Du hast der Firma Geld gestohlen. Das ist ein triftiger Grund für eine fristlose Kündigung. Ehrlich gesagt kannst du froh sein, dass ich nicht die Polizei benachrichtige. Ich gebe dir einfach die Chance, dich halbwegs anständig zu verhalten und sofort zu gehen.«
»Ich habe Geld gestohlen?« Melody merkte selbst, wie defensiv sie klang, indem sie dauernd nur wiederholte, was er sagte, aber was zum Teufel meinte er? »Spinnst du?«, gelang es ihr schließlich zu fragen.
»Du. Hast. Geld. Gestohlen.« Jonathan betonte jede Silbe. Er deutete auf das leere Glas neben der Kaffeemaschine. »Ich habe es auf den Videoaufzeichnungen gesehen.«
»Du überwachst unser Büro mit einer Kamera? Und das ist erlaubt?« Langsam wich ihre Verblüffung der Wut. Hatte sie ihn eben noch für charismatisch gehalten? Für humorvoll?
»Natürlich dürfen wir Sicherheitskameras in der Firma einsetzen.«
»Aber ich habe das Geld doch nur geliehen, Jonathan. Das ist absurd! Es waren lächerliche zehn Pfund, für ein Sandwich! Ich habe meine Handtasche …«
»Melody«, fiel er ihr ins Wort. »Es waren fünfzig Pfund und es wurde aufgezeichnet. Ich muss dich entlassen. Bitte mach jetzt keine Szene. Geh einfach. Den Resturlaub können wir dir leider nicht auszahlen, das ist Firmenpolitik.«
»Nein, du lügst, es waren nur zehn Pfund«, stammelte Melody. Vor Scham schoss ihr das Blut ins Gesicht, dabei hatte sie doch überhaupt nichts gemacht! Es war komplett lachhaft, wie er sich benahm. Warum half ihr niemand? Was war mit Patrick, dieser Schlaftablette? Sie sah sich um. Die anderen starrten alle nur herüber. Als sie Melodys Hilfe suchenden Blick bemerkten, wandten sie sich sofort wieder ihren Bildschirmen zu. Nur Rebecca packte ebenfalls ihre Sachen zusammen. Als letztes Glied in der Kette arbeitete sie an einem provisorischen Schreibtisch, nämlich dem großen Fensterbrett in der Ecke, vor das sie einfach einen Stuhl gestellt hatten. Jetzt schleppte sie alle ihre Sachen zu Melodys Schreibtisch und breitete sich dort aus.
Melody verstand. Man hatte sie bereits entsorgt wie einen ollen Radiergummi. »Echt jetzt?«, wandte sie sich wieder an Jonathan. »Du kannst mich nicht einfach so feuern. Mitarbeiter müssen die Möglichkeit haben, auf Anschuldigungen zu reagieren.« Das hatte sie erst neulich in einem Zeitungsartikel der Konkurrenz gelesen.
»Dann eben die Polizei.« Er griff zum Telefon. »Wie du willst.«
Aus den Augenwinkeln heraus sah Melody, wie die anderen interessiert die Köpfe hoben. Patrick brachte sogleich sein Handy in Stellung, um ihre Verhaftung zu filmen. Dieser Schleimer.
»Du bist wirklich das Letzte«, gelang es ihr noch zu sagen. Dann stand sie auf. »Und du weißt, dass du lügst!«
Er wich ihrem Blick aus.
Melody rauschte mit hoch erhobenem Kopf an ihm vorbei. Na warte, Jonathan. Das würde ein Nachspiel haben. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Und sie würde es herausfinden, sie war schließlich die einzig gute Journalistin unter diesen ganzen Pappnasen.
Obwohl es früher Nachmittag mitten in der Woche war, blieb Melody auf dem Nachhauseweg im Stau stecken. Als sie endlich verschwitzt in der Poplar Lane in Hounslow vor dem winzigen Reihenhaus hielt, in dessen Erdgeschoss sie mit ihrer Mitbewohnerin Emma zur Miete wohnte, sehnte Melody sich nach nichts mehr als nach einer kalten Dusche. Für ihren Körper, aber hauptsächlich für ihren Kopf, in dem die Wut schäumte und brodelte. Was zum Geier war da vorhin eigentlich passiert? Es ergab einfach keinen Sinn. Jonathan war normalerweise ein netter, umgänglicher Typ, den solche Kinkerlitzchen wie ein paar Geldscheine aus der Kaffeekasse nicht im Geringsten interessierten. Heute hatte er wie ausgetauscht gewirkt. Wie von Außerirdischen gekidnappt und durch einen KI-Doppelgänger ersetzt.
Die Dusche brachte leider nicht die erhoffte Wirkung und Melody hatte auch keine Lust, sich in den handtuchgroßen Garten zu setzen, der zur Wohnung gehörte und vom Vermieter vollmundig als »Oase in der Großstadt« angepriesen worden war. Wahrscheinlich bezog er sich damit auf zwei welke Palmen, die in ihren Holzkübeln vor sich hin starben. Weder Emma noch sie selbst hatten einen grünen Daumen.
Melody beschloss, lieber in das kleine Café an der Ecke zu gehen.
Bei einem Cappuccino kamen ihr plötzlich die Tränen, obwohl sie sich sehr bemühte, diese zu unterdrücken. Was sollte sie nur tun? Damit aufhören, interessante Storys aufzudecken? Dann konnte sie genauso gut aufhören zu atmen, das Nachforschen lag ihr einfach im Blut. Schon als Kind hatte sie nicht eher Ruhe gegeben, als bis sie alles bis ins Detail erforscht hatte. Sie könnte sich natürlich als Journalistin selbstständig machen. Doch ein kurzer Blick auf ihren Kontostand ließ sie diesen Gedanken sofort wieder verwerfen. Vielleicht, wenn sie jeden Tag nur Toast und dicke Bohnen aß und am Wochenende von Leitungswasser lebte. Sollte sie Nate anrufen? Ihr Ex arbeitete als Steueranwalt in der City, in einer Kanzlei mit einer echten italienischen Espressomaschine und mit Blick auf die Themse. Nate war immer noch an ihr interessiert und würde ihr sicher bei der Suche nach einem neuen Job helfen, er verkehrte in den richtigen Kreisen. Sie verdrängte die Erinnerung an seine näselnde Stimme, seine versnobten Freunde und seinen glasigen Blick, wenn sie ihm ihre Witze erklären musste. Damit könnte sie sich auseinandersetzen, wenn sie einen neuen Job hatte. Wenn ihre Karriere in London wirklich endlich richtig abging.
Hey, Nate, alles ok bei dir? Könnte etwas Hilfe bei der Jobsuche gebrauchen. Wenn du jemanden kennst, der eine erstklassige Journalistin sucht – hier ist sie!!
Nach kurzem Überlegen fügte sie noch einen Smiley mit Herzchenaugen hinzu. Hoffentlich verstand er das jetzt nicht falsch.
Die Antwort kam prompt.
Aber klar, Mel, ich helfe dir gerne! Wollen wir uns treffen? Heute noch?
Drei Smileys mit Herzchenaugen. Er hatte sie falsch verstanden.
Melody seufzte. Ob ihre Freundin Kate ihr vielleicht helfen konnte? Die besaß eine Galerie für abstrakte Kunst in Kensington. Melody könnte sich ja einen asymmetrischen Haarschnitt zulegen und in einem schwarzen Minikleid dort betuchte Kunden beraten, die ein Jahresgehalt für Bilder hinlegten, die auch Zweijährige hätten malen können.
»Kate?« Melody hatte die Nummer gewählt, bevor sie es sich anders überlegen konnte. »Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen.« Schnell berichtete sie der Freundin von ihrer seltsamen Kündigung.
»Was für ein Fiesling«, empörte sich Kate. »Und wieso haben die da überhaupt noch eine Kaffeekasse, das ist ja so was von letztem Jahrhundert! In den meisten Firmen haben sie heutzutage Coffee Bars für die Mitarbeiter, und zwar kostenlos!«
»Keine Ahnung. Also kann ich dir irgendwie aushelfen? Ich brauche dringend Geld.«
Kate verstummte kurz. Das war kein gutes Zeichen. »Tut mir leid, Darling. Ich habe gerade erst jemanden eingestellt. Die kann ich ja nicht wieder feuern. Und, ehrlich gesagt, ist sie auch ziemlich gut. Aber bei meiner Oma im Altersheim suchen sie Reinigungskräfte. Soll ich da mal nachfragen?«
Melody schloss kurz die Augen. Na klasse. Ein Summen erklang aus ihrem Handy, jemand versuchte, sie anzurufen. Garantiert Nate. Oder vielleicht sogar Jonathan? War ihm inzwischen klar geworden, dass er einen Totalausfall gehabt hatte und sich entschuldigen musste? »Warte mal, Kate, es klopft ein Anruf an. Bestimmt Jonathan. Ich melde mich wieder.«
»Viel Glück!«, rief Kate. Sie klang erleichtert.
Das Handy klingelte jetzt laut, und voller Kampfeslust nahm Melody den Anruf entgegen. Vorhin war sie noch viel zu durcheinander gewesen, aber jetzt würde sie Jonathan die Meinung geigen. Es war allerdings weder seine noch Nates, sondern eine unbekannte Nummer.
»Ja«, blaffte sie.
»Spreche ich mit Melody Moss?«, fragte ein Mann. Er klang alt und hatte einen schottischen Dialekt. Jetzt mussten sich schon die Rentner in Schottland ein Zubrot mit Telefonmarketing verdienen. Zustände wie im alten Rom! Melody schaltete den Anruf einfach weg. Sie hatte jetzt keine Lust auf ein zähes Gespräch darüber, welchen Handy-Anbieter sie nutzte und warum. Sorry, schottischer Opa.
Apropos Handy. Sollte sie einfach selbst Jonathan anrufen und ihm die Meinung geigen? Die Meinung ins Ohr brüllen? Es klingelte erneut. Wieder der alte Schotte. Wahrscheinlich saß er frierend in seiner Holzhütte am Loch Ness und hoffte auf einen Verkaufserfolg, um sich Feuerholz für den Kamin leisten zu können. Seufzend ging sie dran. »Hören Sie«, kam sie dem Mann zuvor. »Was immer Sie verkaufen oder anbieten, ich habe kein Interesse daran. Ich …«
»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, unterbrach er sie. »Mein Name ist Angus Macleod und ich bin Rechtsanwalt in Seagull Bay. Ich spreche doch mit Melody Moss, oder?«
Seagull Bay. Das kam ihr irgendwie bekannt vor. Was wollte der Typ? »Am Apparat«, hörte sie sich sagen und ihre Stimme klang etwas gnädiger.
Der Mann machte eine kleine Pause und räusperte sich dann. Erneut erwog Melody, das Gespräch einfach zu beenden. Sie hatte keine Zeit und keinen Nerv für schottische Langsamkeit.
»Was gibt’s?«, drängte sie ihn.
Wieder das Räuspern. »Es gibt etwas zu besprechen. Etwas Juristisches.«
Einen Strafzettel aus Schottland? »Kann nicht sein«, erklärte sie sofort. »Ich war seit hundert Jahren nicht mehr in Schottland und schon gar nicht mit dem Auto. Da hat jemand meine Daten geklaut oder …«
»Nein, nein, keine Sorge.« Es klang fast, als ob der alte Mann schmunzelte. »Es geht um etwas anderes. Sind Sie möglicherweise mit einer gewissen Mabel Moss verwandt?«
Melody stutzte. Tante Mabel? Natürlich, die Schwester von Melodys verstorbener Mum wohnte doch in Seagull Bay in Schottland. Sofort hatte sie das Bild ihrer resoluten Tante Mabel vor Augen – aufrechte Haltung, stets sorgfältig geschminkt und frisiert und mit einer Perlenkette um den Hals. Immer leicht reserviert, definitiv keine Tante zum Herumtollen und Lachen. Melody konnte sich nicht erinnern, wann sie Mabel das letzte Mal gesehen hatte. Es musste viele Jahre her sein, sie hatten sich nicht viel zu sagen. »Ja, das ist meine Tante. Darf ich fragen, warum Sie das wissen wollen?«
»Nun, die Sache ist die … es haben sich entscheidende, unglückliche … nun, wie soll ich sagen?« Er machte erneut eine Pause.
Herrgott, musste man dem Mann denn alles aus der Nase ziehen? »Unglücklich?« Das war kein Wort, das Melody mit Tante Mabel in Verbindung bringen würde. »Nun spucken Sie es schon aus.«
»Eine solche Nachricht kann man leider nicht einfach ausspucken.«
Ein Wichtigtuer. Großartig. Melody wartete und schielte auf die Wanduhr im Café.
»Es ist nämlich so, dass Mabel Moss Sie als Alleinerbin eingesetzt hat.«
Es dauerte eine Sekunde, bis Melody begriff. »Oh. Sie ist …«
»… vor einer Woche gestorben. Ich muss mich entschuldigen, es hat eine Weile gedauert, bis ich Sie als nächste Angehörige ausfindig gemacht habe. Mein herzliches Beileid.«
»Ist nicht so schlimm«, murmelte sie. Nicht gerade eine passende Antwort. »Danke«, schob sie nach. Aber Tatsache war, dass Tante Mabels Tod bei Melody keine großen Gefühlsausbrüche hervorrief. Dennoch saß sie da wie betäubt. Ein wenig schämte sie sich jetzt für ihre Drängelei. Tante Mabel war gestorben, na so was.
»Jedenfalls wäre es gut, wenn Sie nach Seagull Bay kommen könnten. Sie wollen ja sicher auch die Immobilie in Augenschein nehmen, damit Sie entscheiden können, ob Sie das Erbe annehmen wollen.«
Immobilie? Nicht, dass Melody gleich Pfundzeichen in den Augen gehabt hätte, aber das Wort hatte doch einen angenehmen Klang, das konnte sie nicht leugnen, vor allem in ihrer jetzigen Situation. Morgen sollte es noch heißer in London werden. In ihrer Wohnung würde die Luft zum Ersticken sein und der Kühlschrank wahrscheinlich auch noch den Geist aufgeben. Seagull Bay hingegen lag in der Nähe von Edinburgh an der Küste. Am Meer war es immer etwas frischer und ein Ortswechsel würde Melody guttun. Emma würde begeistert sein, die Wohnung für sich zu haben. Melody würde sich diese mysteriöse Immobilie ansehen, den Anwalt mit dem Verkauf beauftragen und dann zurück nach London düsen und auf das Geld warten. Während sie ihre neue Karriere in der City plante. Genial!
»Kein Problem«, hörte sie sich sagen. »Ich mache mich gleich morgen früh auf den Weg.« Und dann notierte sie sich die Adresse des Tartan Teapot in Seagull Bay, wo Mr Macleod auf sie warten wollte.
Eigentlich wäre Melody am nächsten Morgen am liebsten im Bett geblieben. Sie hatte kaum geschlafen und war gegen drei Uhr nachts aus einem wirren Traum aufgewacht, in dem ein hinterhältig lachender Jonathan sie mit Pfundnoten bewarf und »Die Immobilie gehört der Firma!« rief. Und als sie endlich eingeschlafen war, klingelte auch schon wieder der Wecker, denn sie wollte ja so zeitig wie möglich aufbrechen. Todmüde putzte sie sich die Zähne und rief sich die ganzen seltsamen Ereignisse des Vortages ins Gedächtnis zurück. Hoffentlich fand sie bald einen neuen Job. Hoffentlich dauerte die Sache in Schottland nicht so lange. Hoffentlich sprang genug Geld dabei heraus.
Und dieser Gedanke elektrisierte Melody dann so sehr, dass sie Punkt halb sieben aufbrach und sich durch das morgendliche Verkehrschaos und das nervige Stop and Go im Großraum London schob. Danach blieb sie stur auf der M1 Richtung Norden, verplemperte eine halbe Stunde wegen Bauarbeiten in der Nähe von Sheffield und machte dann an einer Raststätte kurz vor Newcastle upon Tyne eine längere Pause, wo ihr ein gelangweilter Teenager einen Latte macchiato im Pappbecher servierte. Melody war ein totaler Espresso-Junkie und mit dem Kaffee im Blut schien es ab diesem Zeitpunkt spürbar aufwärtszugehen. Die Autobahn war jetzt nicht mehr voll, der Verkehr floss und je friedlicher die Landschaft wurde, umso mehr entspannte Melody sich, während sie sich in Gedanken mit der »Immobilie« beschäftigte. Ein Wort, das in Melodys bisherigem Leben vor allem durch völlige Abwesenheit geglänzt hatte.
Und natürlich kam ihr auch Tante Mabel immer wieder in den Sinn. Es war traurig, dass sie nicht mehr da war, auch wenn Melody, ehrlich gesagt, kaum etwas über ihre Tante wusste. Melodys verstorbene Mutter Annie hatte immer schon ein unterkühltes Verhältnis zu ihrer Schwester gehabt. Als Kind war Melody ein paarmal mit ihrer Mum in den Sommerferien zu ihrer Tante gefahren und erinnerte sich vage an ein Hotel oder so, in dem die Tante gewohnt und gearbeitet hatte. An das eiskalte Meer, den Wind, den Duft der Haferkekse, die es dort nachmittags immer gab, und an einen Jungen aus der Nachbarschaft, mit dem Melody oft gespielt hatte. Schlaksig und dunkelhaarig, mit einer Harry-Potter-Brille. Dean, so hieß der, jetzt fiel es ihr wieder ein.
Doch irgendwann war der Kontakt zwischen den Schwestern bis auf die alljährlichen steifen Weihnachtskarten mehr oder weniger abgebrochen, warum, wusste Melody nicht. Irgendetwas musste ihre Mutter in Bezug auf Mabel schockiert oder verärgert haben, aber sie hatte es für sich behalten. Jedenfalls hatte Melodys Mutter ihre Schwester bis zu ihrem plötzlichem Tod einfach nicht mehr erwähnt. Nun, auch wenn die beiden Schwestern sich nicht grün gewesen waren, so hatte Melody offenbar doch einen Stein im Brett bei ihrer Tante gehabt, denn sonst wäre sie ja nicht in deren Testament bedacht worden.
»Immobilie.« Melody ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen. Ein schönes Wort.
Völlig in Gedanken versunken und von ihrer Playlist eingelullt, hatte Melody gar nicht bemerkt, dass sie den Großteil der Strecke bereits bewältigt hatte. Mit einem Mal gab es ständig Hinweise auf historische Burgen in der Nähe, die sie ablenkten. Ab und zu blitzte in der Ferne kurz das Meer auf und sie öffnete das Fenster und ließ sommerliche Wärme ins Auto strömen. Ein Hauch von salziger Meeresbrise lag bereits in der Luft und am Straßenrand wuchsen jede Menge Wildblumen. Etwas beschämt dachte sie an die kümmerlichen Palmenskelette in den Kübeln ihres Londoner »Gartens«. In ihrer Abwesenheit würden die armen Dinger wohl endgültig das Zeitliche segnen, denn Emma nahm Pflanzen nicht mal wahr, solange man sie nicht rauchen konnte.
Als sie an einer Ampel anhielt, wehte von irgendwoher der Duft nach frisch gebackenem Brot herein. Ihr Magen knurrte wie auf Befehl. Seit dem laschen Croissant an der Raststätte am Morgen hatte sie nichts mehr gegessen und jetzt musste es schon früher Nachmittag sein. Tatsächlich, so langsam näherte sie sich ihrem Ziel. Die Straße wurde kurviger, war von hohen Hecken gesäumt und von alten Steinmauern, hinter denen gelegentlich große Farmhäuser auftauchten. Die dunkelgrauen Schieferdächer waren typisch für die Gegend. Die Namen der Ortschaften fingen mit Inn und Dun an – ein untrügliches Zeichen, in Schottland zu sein.
Abrupt wurde Melody aus ihren Gedanken gerissen, als sie fast auf einen Jeep auffuhr, der plötzlich vor ihr zum Stehen kam. In letzter Sekunde drückte sie den Fuß auf die Bremse. Der Mann am Steuer – er sah aus wie der Tierarzt aus Der Doktor und das liebe Vieh – winkte ihr jedoch nur gutmütig zu. Sie schenkte ihm im Gegenzug ein entschuldigendes Lächeln. Ja, sie war eindeutig nicht mehr in London. Dort hätte man ihr jetzt mit Sicherheit den Mittelfinger gezeigt und eine Schimpfkanonade auf sie abgefeuert.
Sie fuhr an einem Pub namens The Bonnie Prince vorbei, vor dem Gäste bei einem gemütlichen Ale auf Holzbänken saßen und wahrscheinlich dieses gruslige Zeug namens Haggis verspeisten. Weitere Häuser säumten die Straße, alle aus Sandstein, um dem rauen Klima in den Wintermonaten zu trotzen, und in den verschiedensten Pastellfarben gestrichen – hellblau, gelb, rosa, weiß und hellgrün. DasSchild am Ortseingang von Seagull Bay tauchte auf und dann, nach einer Kurve, breitete sich plötzlich das Meer vor Melody aus. Verlockend blaugrau und endlos weit, mit schäumenden Wellen und einem überraschend weißen Strand. In der Ferne entdeckte sie eine Insel, eigentlich nur ein riesiger Felsen, auf dem ein weißer Leuchtturm thronte.
»Wow!«, entfuhr es ihr. Dass es so etwas in Schottland gab! Als wäre sie gerade in ein Postkartenfoto getaumelt. Prima, das machte die Immobilie für potenzielle Käufer sicher noch attraktiver. Einen Parkplatz zu finden, war auch kein Problem, und da sie bis zu ihrem Treffen noch etwas Zeit hatte, schlenderte sie durch die kleinen Gassen von Seagull Bay, vorbei an Cafés, Galerien und schmucken Läden hinunter zum Hafen, eigentlich mehr ein Kai. Dort war das Wasser ruhiger, vor dem Wind der offenen See geschützt.
Nett hier, in der Provinz. Allerdings konnte sie nirgendwo eine vernünftige Coffee Bar entdecken. Wie überlebten die Leute hier? Eine Weile lang sah sie den Fischern zu, die am Wasser in aller Seelenruhe die Reusen für den Krebsfang aussortierten und dabei miteinander scherzten. Sie schienen alle Zeit der Welt zu haben. Im Gegensatz zu Melody, die in Gedanken ein Bewerbungsschreiben an die Times, den Independent und den Guardian formulierte. Warum nicht nach den Sternen greifen? Vielleicht konnte sie das heute noch per Mail abschicken, wenn die Sache mit der Immobilie geklärt war?
The Tartan Teapot befand sich direkt am windgeschützten Kai und entpuppte sich als gemütliches kleines Café. Helle Korbstühle davor luden zum Verweilen ein, auf einer Tafel hatte jemand mit bunter Kreide und viel künstlerischer Hingabe die Empfehlungen des Tages aufgelistet:
Biskuitkuchen mit frischen Erdbeeren
Apfel-Crumble mit Vanillesauce
Scones mit Clotted Cream
Shortbread
Früchtekuchen
Sandwiches mit Kresse, Lachs und Gurken
Empire-Kekse
Haferkekse mit Käse
Cranachan mit Himbeeren und Whisky
Melody war so hungrig, dass sie am liebsten alles bestellt hätte. Suchend sah sie sich um. Wo blieb dieser Anwalt? Er selbst hatte am Ende des Telefonats doch diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Hatte sie in all der Aufregung das falsche Café aufgeschrieben? War es vielleicht The Tartan Kilt? Oder The Bonnie Teapot? Sie kramte in der Tasche nach ihrem Handy.
»Melody Moss?«, sprach jemand sie in diesem Moment an. »Ich bin Angus Macleod.«
Eigentlich hatte Melody ihn sich als einen hageren, ernsten Mann im dunklen Anzug vorgestellt, aber Angus Macleod wirkte in seinem hellblauen Poloshirt und der luftigen Leinenhose eher wie ein fröhlicher Hobbit. Er schüttelte ihr kräftig die Hand, sprach ihr noch einmal sein Beileid aus, für das sie sich verlegen murmelnd bedankte, und führte sie dann nach draußen zu einem besonders schönen Tisch mit Blick auf den Hafen.
»Die Kuchen hier sind sehr zu empfehlen«, erklärte er. »Aber wenn Sie lieber etwas Herzhafteres mögen – da drüben im Anchor & Crown gibt es Black Pudding oder frittierte Haggis-Bällchen. Letztere sind eine lokale Spezialität.«
»Eher nicht«, murmelte Melody, der sich allein beim Gedanken an die Blutwurstmasse, wohlwollend Black Pudding genannt, die Fußnägel hochrollten. »Sonst werde ich selbst noch zum Bällchen«, fügte sie höflich hinzu, aber Macleod winkte ab.
»Man darf sich keine Genüsse versagen«, erklärte er. »Das Leben ist kurz, es kann jeden Tag unerwartet vorbei sein. Das sehen Sie ja an Ihrer Tante. In meinem Alter kommen die Einschläge sowieso immer näher, da sollte man keinen Tag mit albernen Diäten vergeuden.« Er zog einen Stapel Papiere aus seiner Aktentasche.
Die Kellnerin kam und Melody bestellte sich eine Auswahl an Törtchen und Kuchenstückchen und dazu einen Latte macchiato.
»Die Espressomaschine ist gerade kaputtgegangen«, informierte sie die Kellnerin fröhlich.
»Oh, okay. Kein Problem. Ich kann warten.«
»Worauf?«
»Na, auf den Latte macchiato.«
»Oh, wir wissen nicht, wann sie repariert wird.« Die Kellnerin lachte herzlich. »Vielleicht nächste Woche.«
Wie konnte man denn so ein Café führen? »Also in London …«
»Nehmen Sie einen Earl Grey wie ich«, mischte sich Angus Macleod ein. »Der ist wunderbar und passt besser zum Kuchen.«
»Na gut.« Sie lächelten sich verschwörerisch an.
»Der Tod Ihrer Tante war hoffentlich kein allzu großer Schock für Sie?«, erkundigte er sich, als sie beide vor ihrem Tee saßen.
»Wir standen uns nicht sehr nahe. Eigentlich überhaupt nicht. Es gab da ein Zerwürfnis zwischen meiner Mutter und Tante Mabel, glaube ich. Jedenfalls kam es sehr überraschend für mich, dass sie mich als Erbin eingesetzt hat.«
»Ich verstehe.« Angus Macleod nickte.
»Woran ist sie denn gestorben?«, erkundigte Melody sich, mehr der Form halber. Sicherlich Herzinfarkt oder etwas Ähnliches, immerhin war die Tante schon Mitte siebzig gewesen.
Angus Macleod antwortete nicht sofort. Dann räusperte er sich. »Sie ist leider von den Klippen gestürzt.«
Fast wäre Melody der kleine Silberlöffel aus der Hand gefallen. »Was? O Gott! Wie konnte denn das passieren?«
»Sie muss sich beim Blumengießen zu weit nach vorn gebeugt und irgendwie das Gleichgewicht verloren haben. Das Geländer auf der Terrasse war neu und sehr niedrig.«
»Wie schrecklich«, murmelte Melody.
Sie schwiegen beide eine Weile. Am Nachbartisch hatte jemand ein halbes Sandwich liegen lassen und sofort kam eine vorwitzige Möwe angesegelt, um sich darüber herzumachen.
»Sch! Hau ab!« Die Kellnerin verscheuchte den Vogel und räumte den Teller weg.
»Nun, wie dem auch sei«, nahm Angus Macleod das Gespräch wieder auf. »Ihre Tante hat Sie als Erbin eingesetzt. Sie hatte ja keine Kinder, der nächste Verwandte – abgesehen von Ihrer Mutter – war ihr jüngerer Bruder, aber der ist schon als Kind gestorben.«
»Ich weiß.« Eine Sekunde lang flackerte eine Erinnerung in Melodys Gedächtnis auf, irgendwas war mit dem kleinen Bruder, also ihrem Onkel, gewesen, aber so schnell der Gedanke aufgeblitzt war, so schnell war er auch schon wieder verschwunden. Melody konnte sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern. Der Junge war gestorben, als ihre Mum erst zwei Jahre alt gewesen war. Irgendwas mit T? Tom? Toni? Sie wollte Mr Macleod nicht fragen, es war ihr peinlich.
»Sie haben also eine Woche lang Zeit, um sich zu entscheiden, ob Sie das Erbe antreten wollen«, fuhr er fort. »Das ist so festgelegt. Es gibt wohl noch eine Verwandte dritten Grades in Neuseeland, die ansonsten infrage kommen würde, allerdings ist diese auch schon fast achtzig und es ist eher unwahrscheinlich, dass sie umziehen möchte. Wenn niemand das Erbe annimmt, geht der Erlös an die Bulldog Society of Scotland.«
»Tante Mabel mochte Bulldoggen?«, fragte Melody verblüfft. Das war ihr neu. Aber andererseits wusste sie so gut wie nichts über ihre Tante. »Also, ich sehe da kein Problem, so ein Häuschen ist ja was Hübsches, vor allem so ein buntes, wie ich sie auf der Fahrt hierher gesehen habe.«
»Es handelt sich um das Coastal Inn«, korrigierte Mr Macleod. »Das Erbe umfasst im Übrigen auch eine nicht geringe Geldsumme, allerdings nur in Verbindung mit dem Bed & Breakfast. Sie können also nicht das eine annehmen und das andere ablehnen. Wenn Sie das Bed & Breakfast nicht weiterführen, gibt es auch kein Geld. Das ist die Bedingung.«
Ein Bed & Breakfast? War das ein Scherz? Sollte Melody für den Rest ihres Lebens in einer Schürze Betten beziehen und gebratenen Black Pudding zum Frühstück servieren?
»Aber ich habe einen Job in London«, wandte sie ein. Halt, das stimmte ja gar nicht mehr. Herzlichen Dank, Jonathan!
»Sehen Sie es sich doch erst mal in Ruhe an.« Mr Macleod trank den letzten Schluck Tee. »Das Coastal Inn ist ein kleines Juwel und befindet sich in einer ausgezeichneten Lage.« Er reichte ihr einen Zettel mit der Adresse. »Das Personal weiß Bescheid, dass Sie kommen.«
Personal? Etwa ein buckliger Butler? Fast hätte Melody gelacht.
»Dann sehen wir uns morgen bei der Beerdigung.« Angus Macleod erhob sich und Melody sank das Herz in die Hose. Auf die Beerdigung hätte sie wahrlich verzichten können. Sie fühlte sich jetzt schon fehl am Platz zwischen den weinenden Freunden und Bekannten von Tante Mabel. Vielleicht konnte sie irgendwo im Hintergrund herumlungern und alte Grabinschriften studieren, ohne dass es auffiel?
»Ja, bis morgen. Hoffentlich finde ich Sie unter all den Leuten.« Sie kramte nach ihrer Geldbörse.
»Da machen Sie sich mal keine Sorge.« Angus Macleod lachte kurz auf, was Melody etwas seltsam fand. Er zückte seine Kreditkarte. »Und Sie sind eingeladen.« Er winkte der Kellnerin, die er Lassie nannte, als sie herbeieilte, und hinterließ ihr ein Trinkgeld und ein freundliches Lächeln.
Lassie, das war Schottisch und bedeutete liebevoll junges Mädchen. So viel wusste Melody. Jemand hatte sie vor ewiger Zeit auch mal so genannt, sie kam nur nicht mehr darauf, wer.
Wenig später fand Melody sich auf einer Straße wieder, die direkt zu den Klippen führte. Möwen kreisten in der Luft, als wollten sie ihr den Weg weisen. Eine scharfe Kurve, noch ein Hügel und dann sah sie es. Das Coastal Inn, aus hellgrauem Sandstein gebaut, erhob sich majestätischvor der atemberaubenden Kulisse der wilden Nordsee. Sie haben Ihr Ziel erreicht, verkündete die Stimme aus dem Navi.
Melody fuhr auf einen kleinen Parkplatz in der Nähe, auf dem bereits vier Autos standen, und nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum, um die letzten Meter zu Fuß zu gehen. Ja, das war das Haus, in dem sie als Kind einige Ferien verbracht hatte. Sie blieb stehen und betrachtete das beeindruckende Gebäude mit seinen kleinen Türmchen und Erkern und einem von Säulen getragenen Eingangsportal. Märchenschloss, hatte Melody den Ort als Kind genannt, jetzt fiel es ihr wieder ein, obwohl Tante Mabel kaum etwas von einer Prinzessin gehabt hatte. Duftender Blauregen bedeckte die Vorderfront des Hauses, die Seiten waren mit Efeu bewachsen, der sich auch um einen kleinen Balkon rankte. Um das Gebäude herum erstreckten sich Hecken, Blumen und blühende Sträucher, wirklich ein schöner Garten.
