Mord heilt alle Wunden - Peter Wehle - E-Book
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Mord heilt alle Wunden E-Book

Peter Wehle

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Beschreibung

HOFRAT HALB IST ZURÜCK - EIN FALL MIT GRUSELFAKTOR UND ALTWIENER CHARME. Ein Museumswächter in Nöten: Andreas Kandler ist seit über zwanzig Jahren Nachtwächter im größten Wiener Kunstmuseum. Aber jetzt meint er durchzudrehen, denn: Ein Bild spricht zu ihm. Genauer gesagt spricht es bedrohliche Warnungen aus, die den völlig verstörten Wächter zur Polizei treiben. Hofrat Ludwig Halb, Spitzenkriminalist mit Altwiener Charme, hat für solche Schauermärchen eigentlich gerade keine Zeit - die Renovierung seines geerbten Wiener Zinshauses beansprucht ihn vollends. Bis der erste dubiose Todesfall im Umfeld des Museums passiert: Jetzt ist auch Halb alarmiert und startet schnellstens die Ermittlungen. Nach dem großen Erfolg des ersten Halb-Krimis Kommt Zeit, kommt Mord entführt Sie Peter Wehle wieder ins urtypische alte Wien: Hofratswitwen, Punschkrapferl, Kaffeehäuser und Kunstmuseen - und es geht gruselig zu! "Die beste Unterhaltung für Wienfans! Und für Menschen, die gemütliche Krimilektüre schätzen." "Hier taucht man so richtig ins urtypische alte Wien ein. Und der ermittelnde Hofrat und seine Truppe ist einem auf Anhieb sympathisch!"

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Peter Wehle

Mord heilt alle Wunden

Ein Wien-Krimi

Peter Wehle

Mord heilt alle Wunden

Vor Wochen …

Er klammerte sich an den Brief an.

Sein beruflicher Jackpot!

Zehn Millionen?

Fünfzehn Millionen?

Dollar oder Euro?

Egal!

Viel! Unheimlich viel!

Aber viel weniger, wenn er …

Nein!

Ohne sie.

Könnte er das überhaupt?

Wollte er das wirklich?

… er musste es eben tun.

Sonntag, 25. August 2013, 3 Uhr

»Na, was ist? Wünschen der Herr vielleicht eine Extra-Einladung?«

Andreas Kandler schüttelte nur den Kopf. Zu mehr fehlte ihm die Kraft. Früher hätte er seinen aufmüpfigen Kollegen mit einem einzigen Blick zum Schweigen gebracht.

Aber heute.

Wobei, dieses »Früher« war erst zwei Wochen her. Vor vierzehn Nächten hatte der Spuk begonnen.

Vor vierzehn Nächten hatte …

»Soll ich nicht doch deine Runde übernehmen? Das merkt doch niemand, wenn ausnahmsweise du die ganze Nacht vor den Monitoren sitzen bleibst und ich die beiden Kontrollgänge mache.«

»Danke, nein. Zumindest den einen … den muss ich …« Mühevoll stemmte sich Kandler aus seinem Lieblingssessel hoch und schleppte sich in Richtung all der Gemälde, Statuen und sonstigen Exponate, die er während der letzten achtundzwanzig Jahre sorgsam bewacht hatte. Er hatte sie über die Jahrzehnte schätzen, manche von ihnen sogar lieben gelernt. Und einige wenige waren tatsächlich zu einer Art Bezugsperson für ihn geworden. Vor vielen Jahren bereits hatte sich Kandler dabei ertappt, wie er ihnen seine Sorgen geklagt und von seinen Träumen vorgeschwärmt hatte. Bald darauf hatte er beschlossen, sich nicht mehr dafür zu schämen, sondern die Kulturschätze als eine seiner Ersatzfamilien zu akzeptieren. Und wie in jeder Beziehung hatte es engere und losere Zeiten gegeben.

Aber mit keinem seiner »verwandten« Kunstwerke hatte er je Probleme gehabt.

Bis vor vierzehn Nächten.

Da hatte sein Unglück begonnen.

»Warum hast du nicht auf uns gehört?«

Unwillkürlich begann Kandler zu zucken. Seine Muskeln versuchten offenbar, das Entsetzen, das sich in seinem ganzen Körper breitmachte – sein Hirn, seine Nerven, sein Herz, seinen Magen, einfach alles in ihm durchsetzte –, in einem Kraftakt aus ihm herauszuschütteln.

Aber es funktionierte nicht!

Konnte es auch gar nicht, weil dieser Kraftakt keiner mehr war, keiner mehr hätte sein können.

Er hatte keine Kraft mehr, er war am Ende.

Erschöpft lehnte sich Kandler an einen der Türrahmen zwischen den Sälen. Starr stierte er geradeaus. Es war ihm unmöglich geworden, auch nur einem Einzigen der Prunkstücke einen liebevollen Blick zu schenken. Obwohl sie alle unschuldig waren, hatte er jegliches Vertrauen in sie verloren. Er konnte sich einfach nicht mehr sicher sein, ob ihm nicht plötzlich auch ein anderes Bild drohen würde. Vielleicht würde auch eine der Heiligenstatuen lebendig werden und ihn erschlagen!

Oder ihn aufspießen … vielleicht der heilige Laurentius mit seinem Rost oder der heilige Sebastian mit seinen Pfeilen?

»Warum hast du nicht auf uns gehört?«

Hysterisch riss er seine Hände hoch und hielt sich die Ohren zu. Aber die unheimliche Stimme blieb in seinem Kopf.

Klar, denn er war im Saal sieben. Erst im nächsten Raum, da …

Kandler holte tief Luft, stieß sich vom Türrahmen ab und setzte sich in Bewegung. Er bemühte sich, an nichts zu denken, einfach nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Gehen klappte ganz gut, nur das mit dem Hirnvakuum gelang ihm nicht ganz. Aber der eine Gedanke, der sich mitten in der Kopfleere explosionsartig ausgebreitet hatte, war ihm gar nicht so unangenehm.

Er befand sich auf dem Weg zum Schafott.

Gleich würde alles vorbei sein.

Der Menge Johlen, das Knarren der Bohlen … und Gott befohlen!

Wo er diesen Satz gelesen hatte, wusste er nicht mehr. Egal – die Stille um ihn schien zu brüllen und der edle Parkettboden knirschte wie die Stufen zum Richtblock. Ein letztes Mal sah sich Andreas Kandler um, die Köpfe auf den Gemälden wurden zu vertrauten Gesichtern seines Lebens.

Jetzt war er an seinem Ende angekommen.

Saal acht.

Diesmal versuchte er erst gar nicht, sich der gegenüberliegenden Wand entlang durch den Raum zu stehlen. Vielleicht gar noch mit dem Rücken zu seinem Feind.

Nein!

Diesmal stellte er sich mit schweren, aber breiten Beinen vor das riesige Bild, das ihm die letzten zwei Wochen zur Hölle gemacht hatte.

»Die Flucht des Orest«.

Wie oft er sich all die Details des sechs mal drei Meter großen Ölgemäldes eingeprägt hatte, hätte er auch in einem anderen Zustand beim besten Willen nicht sagen können. Jetzt starrte er nur auf die Gesichter der drei Erinnyen, der griechischen Rachegöttinnen, die aus der Mitte des Bildes jeden Betrachter mit bösartigen Blicken anfunkelten. Die anderen, größeren und weniger schrecklichen Figuren nahm er in dieser Sekunde nicht wahr.

Nur die Erinnyen …

Er hatte sich genau überlegt, was er sagen würde. Er hatte zwei Tage lang den Tonfall geübt, in dem er den drei Schreckenswesen den Kampf ansagen würde.

Jetzt war der entscheidende Moment gekommen.

Kandler schluckte noch einmal, um ja nicht mit belegter Kehle den Befreiungsschlag führen zu …

»Warum hast du nicht auf uns gehört? Törichter Mann! Bald wird es zu spät …«

Das »sein« bekam Andreas Kandler nicht mehr mit. Er griff noch mit der rechten Hand in seine Jackentasche, um die rettenden Herztropfen herauszufischen, aber dann fiel er um wie ein Sack.

Sonntag, 25. August 2013, 11 Uhr

»Au! Das ist doch zu blöd, das muss doch …« – ein helles Kinderlachen drang durch seine Ohrenschützer und ließ Ludwig Halb sofort verstummen. Vorsichtig robbte er ein paar Zentimeter unter dem Waschbecken hervor, dann legte er die Bohrmaschine links neben sich und schob den Gehörschutz in den Nacken.

»Ja, Flitzi, ich hab dich gar nicht kommen gehört. Wo ist denn der Papa?«

Friedrich Korber kicherte vergnügt, sodass die Antwort nur für Kenner seiner kindlichen Sprechweise verständlich war. »Der Papi, der hat … das ist aber lustig, Onkel Luzi, wenn du so schimpfst, weil ich darf das ja nie hören und sagen darf ich so böse Pfui-Worte auch nicht, weil die Mami sagt dann immer, dass ich das nicht … aber auch der Papi findet das nicht lustig, und … der Papi ist nur kurz eine Eisige holen und weil du diese großen Deckel auf den Ohren gehabt hast und so laut Lärm gemacht hast, hat er gesagt, dass …«

»Flitzi, was für eine Eisige? Was meinst du denn?«

»Eisensäge, hier bitte. Flitzi, du stehst ein bissi im Weg.« Gilles Korber schob seinen Sohn zur Seite, um seinem zukünftigen Vorgesetzten und gegenwärtigen Vermieter das scharf gezahnte Werkzeug reichen zu können.

»Ich weiß zwar nicht, wieso die Eisensäge nicht in der Werkzeugkiste war« – unter dem strengen Seitenblick seines Vaters schien Klein-Friedrich um zehn Zentimeter zu schrumpfen – »aber ich habe sie dann in der Küche gefunden.«

»In der Küche?«, verwunderte sich Halb.

»Ich hab doch nur … weil der Onkel Luzi so viel arbeitet … ein ganz dickes Wurstbrot hab ich ihm schneiden …«

»Flitzi, das haben wir dir doch schon oft erklärt. Du darfst kein Werkzeug in die Hand nehmen!«

»Aber … Papi, aber du sagst doch immer: Messer, Gabel, Schere, Licht sind für’n kleinen Flitzi nicht! Und die Eisige da, die ist doch kein Messer oder Gabel oder Schere oder Li-hi…« – der Rest seiner Rechtfertigung ging in einem Strom von Tränen unter.

Bei einem seiner zahllosen Verhöre hätte der Leiter des Referats für Gewaltkriminalität im österreichischen Bundeskriminalamt, Hofrat Magister Ludwig Halb, jetzt wohl widerwillig gegrinst. Als Onkel Luzi aber seufzte er tief ob dieser schlüssigen Argumentation und flüchtete unter das »Sanitär-Ensemble zur problemlosen Selbstmontage«, wie es der Baumarkt-Prospekt verheißen hatte. Obwohl er in den letzten Wochen durchaus Gefallen an seiner neuen Rolle als Reserve-Großvater gefunden hatte, fühlte er sich noch nicht reif genug für die Hardcore-Momente des Wahlopa-Daseins.

In der Höhle unter dem Waschbecken war es zwar auch ohne »Ohrdeckel« noch heiß, dafür drangen Flitzis Schluchzlaute nur gedämpft durch. »Dein Waschbecken-Unterschrank, eine Allegorie des Lebens – er zeigt uns deutlich, dass kein Nachteil ohne Vorteil ist«, brummte Halb in seinen Zweitagesbart, als er sich nun nicht mehr den Bohrlöchern, sondern dem renitenten Siphon-Anschluss widmete.

Nein, das hätte er sich vor dreieinhalb Monaten nicht träumen lassen, dass er sein eigenes Zinshaus Wohnung für Wohnung, Raum für Raum renovieren würde. Und das hatte er doch tatsächlich Onkel Alois zu verdanken – am Anfang seines neuen Lebens war das seltsame Erbe von seinem zwielichtigen Onkel gestanden. Aufgrund eines wüsten Zufalls hatte ihn dieser erfreulicherweise nur weitschichtig Verwandte vor Jahrzehnten für einen Zuhälter gehalten. Und dann hatte sich der liebe Onkel Alois ganz plötzlich gezwungen gesehen, Österreich in Richtung eines südamerikanischen Steuerparadieses zu verlassen, weshalb er nie mehr erfahren hatte, dass sein junger Neffe x-ten Grades nicht nur kein Verbrecher, sondern ein Polizist war. Schlimmer noch, Ludwig Halb war zu einem glühenden Kriminalisten geworden, der sich bis zum heutigen Tag voller Überzeugung der Illusion hingab, ein klein wenig die Welt zu verbessern. Aber das hatte Onkel Alois eben nicht gewusst, weshalb er seinem scheinbar »wohlgeratenen Zuhälter-Neffen« ein Zinshaus vererbt hatte.

… und zwar ein vermeintlich ganz besonderes, denn es befand sich inmitten von »Etablissements des Erwachsenen-Entertainments«.

… und außerdem stand es leer, weshalb der liebe Erbonkel in einem Brief gemeint hatte, dass sein fleißiger Neffe dieses Prachtstück zimmerweise an die »selbstständigen Damen und deren Beschützer« vermieten könnte.

Trotz der stickigen Hitze unter dem Waschbecken fror Halb noch heute bei dem Gedanken, dass er, der jahrzehntelang das Elend des ältesten Gewerbes der Welt bekämpft hatte, plötzlich die Seiten hätte wechseln sollen. Nein, das war nicht in Frage gekommen!

»Bitte um die Wasserpumpenzange« – da das Weinen fast verklungen war, streckte Halb die rechte Hand aus seinem Verschlag heraus.

»Da, da« – es war offenbar ein Friedensangebot seines Vaters, dass Flitzi die große Zange angreifen und unter vergnügtem Quietschen Onkel Luzi in die schwielige Hand legen durfte.

»Oh, danke, lieber Flitzi!« – obwohl nicht einmal dieses Mordsinstrument die kleinere der beiden Gewindemuffen dazu bewegen konnte, sich endlich aufdrehen zu lassen, bereute Halb nicht, dass er das Haus trotz aller Widrigkeiten behalten und zu einem qualitativ hochwertigen, aber nicht zu teuren Wohnort für sympathische Mitmenschen wie Familie Korber umgestaltet hatte.

… umzugestalten begonnen hatte.

… umgestalten zu wollen begonnen hatte.

»Himmelherrgottnocheinmal« – um das ungeschriebene Gesetz »Kein Fluch vor Flitzis Ohren!« auch diesmal nicht allzu dramatisch zu brechen, versuchte Halb, zumindest das nun aus ihm herausbrechende »Kruzitürken Dreck verdammter« zu einem unverständlichen Gemurmel herunterzumodulieren.

»Kruzitrrrrvadammm« – er genoss die letzten Sekunden der explosiven Entspannung in vollen Zügen. Gleich würde er sich reumütig rechtfertigen müssen, dass er die Wut nicht mehr zurückhalten hatte können, weil ihn doch diese bösartige Rohrverbindung zur Verzweiflung trieb und er …

»Armer Onkel Luzi« – Halb hatte mit vielem gerechnet, aber dass seine emotionale Explosion mit einem kindlichen Bedauern belohnt würde, hätte er nicht erwartet.

»Ja, also … das ist aber sehr lieb von dir, Flitzi« – noch einmal manövrierte Halb seinen massigen Oberkörper vorsichtig zwischen dem »Unterschrank breit mit Wäschekippe« und der »Waschkommode normal mit zwei abschließbaren Schubladen« hindurch, um sich bei seinem jugendlichen Seelentröster zu bedanken.

Obwohl er das Gefühl hatte, jeden Quadratmillimeter seiner Bandscheiben einzeln zu spüren, zelebrierte er seine schlängelnden Bewegungen voller Lust. Denn ziemlich genau vor einem Jahr hatten ihm die Ärzte – durchaus positiv gestimmt – eröffnet, dass er möglicherweise eines fernen Tages wieder alleine auf die Toilette würde gehen können. Wobei, »gehen« dürfe er nicht so wörtlich nehmen, aber mit dem Rollstuhl könne er schon … also, auf jeden Fall wären sie guter Dinge, dass er doch nicht für alle Zeit von der Halswirbelsäule abwärts gelähmt bleiben würde. Aber natürlich müssten erst die kommenden Wochen zeigen, wie seine Verletzungen verheilen würden. Einen schönen Tag noch!

An diesem Vormittag im Hochsommer 2012 hätte Halb trotz seiner hohen moralischen Ansprüche den Mann, dem er seine totale Hilflosigkeit zu verdanken hatte, mit größter Wonne zu Tode geprügelt.

… wenn er es gekonnt hätte. Aber dank der drei Kugeln, die ihm Uros Mogvan, ein völlig abgedrehter Dealer, in seine Wirbelsäule gejagt hatte, hatte sich Halb schlimmer als tot gefühlt.

Und heute? Heute krabbelte er rücklings über die Böden seines eigenen Zinshauses und schraubte an Siphons herum.

Doch … es geschahen noch Zeichen und Wunder!

Selbst in seinem Leben.

»… sehr lieb von dir, Flitzi. Und es tut mir auch leid, dass ich so hässliche Worte gesagt habe, die dich vielleicht erschreckt …« – ebenso langsam, wie Halb unter seinem Waschbecken und aus seinen Vergangenheitsbewältigungsgedanken aufgetaucht war, begriff er, dass er irgendetwas verpasst haben musste. Denn Klein-Friedrichs Ausdruck wechselte von klagend-vorwurfsvoll zu strahlend-hoffnungsfroh.

»Ich hab doch nur gehört, dass du schimpfst, aber nix Genaues, weil mir der Papi ganz schnell die Ohren zugehalten hat. Und jetzt musst du mir die hässlichen Worte noch einmal sagen, damit ich weiß, ob ich auch wirklich erschrecktet bin.«

»Erschrocken, Flitzi, nicht erschrecktet. Und nein, der Herr Hofrat wird die Pfui-Worte nicht wiederholen, weil … mit vollem Mund spricht man nicht.«

Offenbar hatte die »Siphonische Symphonie« aus Arbeitslärm, deftigen Wortschöpfungen und Kinderstimme Frau Korbers Schritte vollkommen überdeckt.

»Mami!« – Flitzi sauste zu seiner Mutter und versuchte, einen Blick in eine der zwei futuristischen Taschen zu erhaschen, die seine Mutter vorsichtig durch die Tür manövriert hatte.

»Wart, ich helf dir!« – Gilles Korber nahm seiner Frau behutsam die andere kapselartige Konstruktion ab und lächelte in ihr Inneres hinein.

»Grüß Gott, Frau Korber … liebes Füchslein« – ein Außenstehender hätte beide kofferähnlichen Gebilde für Hightech-Kühltaschen halten können, Halb aber wusste um den existenziellen Unterschied zwischen dem vielfarbigen Faltkorb und der rot-blau marmorierten Plastikschale.

… der sich auch prompt lautstark bemerkbar machte.

»Ja, was hast du denn? Du brauchst doch nicht zu weinen … mein Füchslein, mein Herzi-Hasi, mein …« – wie fast jeder Erwachsene verfiel auch Gilles Korber in einen ganz eigenen Tonfall, als er seinen drei Wochen alten Zweitgeborenen aus dem Baby-Bag hob. Klein-Antoine quittierte diese Zärtlichkeit lediglich mit einem lauteren Quäken, worauf Maria Korber ihrem Mann das weinende Bündel mit einem ungeduldigen »Gib ihn mir, du machst das falsch!« entzog. Daraufhin begann der dreieinhalbjährige »große Bruder« mitten in seiner Inspektion der mitgebrachten Köstlichkeiten zu schluchzen, weil er einerseits das Glas mit den Salzgurken nicht öffnen und andererseits nicht ertragen konnte, wenn nur der – seiner Meinung nach – kleine Störenfried geherzt wurde. Diese Mischung aus Salz- und Liebesmangel ließ Klein-Friedrichs leises Weinen jäh in einen Wutanfall kippen, worauf sich Halb genötigt sah, wieder einmal Deus ex machina zu spielen. Noch vor dessen Vater war er bei Flitzi, dem er betont männlich-erwachsen die Hand auf die vor Zorn bebende schmale Schulter legte. »Das Gurkenglas kann man mit einem Werkzeug aufmachen. Wenn du mir die Zange von da drüben bringst« – einem Mini-Kugelblitz gleich schoss Friedrich unter das Waschbecken und trug die Wasserpumpenzange wie eine kostbare Trophäe zu seinem Onkel Luzi und dem Gurkenglas zurück – »dann können wir uns gleich eine köstliche, dicke, grüne, salzige …«

»Jetzt mag ich aber lieber die Schokolade. Und die Wurst. Und den Käs. Und die Wurst da auch. Und die Limonade da. Und das Fleisch da – nein, das mag ich nicht.« Sanft hinderte Halb seinen Wahlenkel daran, alle Köstlichkeiten aus dem Korb zu räumen. Um nicht die nächste Zornattacke heraufzubeschwören, drückte er ihm eine bunte Schachtel in die Hand und sah ihm verschwörerisch in die Augen. »Flitzi, jetzt würden wir alle deine Hilfe brauchen. Könntest du diese Käseschachtel und die … die Senftube hier ins Nebenzimmer zum Tisch tragen? Weil ich schaff das nicht allein. Und wir haben doch jetzt schon großen Hunger. Und der Papi, der muss … ah ja, der muss den Baby-Bag tragen. Und die Mami natürlich das Füchslein. Und wir beide, wir tragen dann das Wichtigste, das Essen. Einverstanden?«

Friedrich Korber richtete sich zu seiner ganzen Größe von hundertunddrei Zentimetern auf. Dann nahm er Käseschachtel und Senftube ehrfürchtig in seine Hände … und legte sie gleich wieder auf den Boden. Mit einem gejauchzten »Du bist mein Lieblings-Luzi-Onkel!« fiel er dem neben ihm Knienden um den Hals.

»Ich komm euch gleich nach.« Mühsam rappelte Halb sich auf. Doch, ja – bei allem Ächzen und Ärgern über die Do-it-yourself-Sanierung war es doch die richtige Entscheidung gewesen, als erste Mieter diese Familie anzuwerben. Auch wenn sie nur wenig Miete zahlte, und obwohl der junge Justizwachebeamte Gilles Korber ein viel schlechterer Handwerker war, als er von sich behauptet hatte … es war gut so!

Zufrieden sah Halb sich um … und blieb mit seinem Blick am immer noch funktionslosen Waschbecken hängen. Aber noch bevor in ihm wieder der Groll auf Muffen, Siphons, Wasserpumpenzangen und Bohrmaschinen hochstieg, machte sich ein anderes, weit wohligeres Gefühl breit. Er war nicht mehr, wie so lange in seinem Leben, darauf angewiesen, jeden Euro zweimal umzudrehen. Auch wenn er es immer noch nicht verinnerlicht hatte – er war wohlhabend. Er konnte sich was leisten! Vielleicht sogar … – es bedurfte nur eines kleinen inneren Rucks, um am »Nebenzimmer-Picknick« teilzunehmen. Jawohl, er würde schon morgen die Firma »Wondracek und Söhne« anrufen. Immerhin hatte er den Urenkel dieser alteingesessenen Installateursdynastie vor einigen Jahren von einem – verständlicherweise höchst unangenehmen – Mordverdacht entlasten können.

Die würden ihm doch wohl einen guten Preis machen … für den an und für sich lächerlich-einfachen Anschluss eines einzigen Waschbeckens. Und vielleicht würde er dann auch die abgrundtief hässlichen Armaturen in den anderen Badezimmern auswechseln lassen. Weil ein hauchdünn blattvergoldeter wasserspeiender Schwan mochte ja vielleicht in einem Bordell heimisch sein, aber in das komfortable Bad eines ehrwürdigen Zinshauses gehört so ein seltsames Tier nicht. Und die Küchen, die könnte er dann vielleicht auch gleich …

Mit einem entsetzten Stöhnen verließ Halb die Stätte seines handwerklichen Versagens.

Der Gedanke, dass er sein Zinshaus wegen horrender Renovierungsschulden eines Tages doch noch einem der Zuhälterbosse verkaufen müsste, die es ihm schon längst liebend gerne abgeluchst hätten, trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn. Lediglich die Aussicht auf ein hervorragendes und sogar kostenloses Mittagessen im Kreise seiner einstweiligen Lieblingsmieter ließ ihn mit freundlichem Gesicht das Nebenzimmer betreten.

Oder auch nicht … das Klingeln seines ungeliebten Smartphones riss Halb aus seiner Vorfreude, aber ein Blick auf das Display ließ seinen grimmigen Blick sofort weicher werden. »Delia, du bist schon wieder in Wien? Ihr habt euch einen Tagungstag geschenkt? Heute Abend? Ja wunderbar, ich freu mich … das heißt, nein, leider nicht. Weil ich … aber nein, ich bin nicht gekränkt wegen letzter Woche. Ich bin aber heute Abend bei Verenas Großvater eingeladen. Was heißt, ‚welche Verena‘? Du kennst doch meine Mitarbeiterin Magistra Verena Planner. Na die, die vor drei Monaten ganz wesentlich zu meiner Lebensrettung beigetragen … also, die einen wesentlichen Beitrag zu meiner … Himmelherrgottnocheinmal, ich kann das im Moment nicht so formulieren, dass es nicht furchtbar pathetisch klingt. Jedenfalls war sie damals mit von der Partie, die mich gerettet hat. Und eben jene Verena hat mich vor ein paar Tagen gebeten, heute Abend ihren Opa zu besuchen. Der müsste mir irgendeine ganz komische, sogar gespenstische Geschichte erzählen. Und sie bräuchten meinen Rat. Da hab ich natürlich nicht nein sagen können. Und deshalb … es tut mir wirklich sehr, sehr leid. Aber vielleicht sehen wir uns morgen? Nein? Seminar. Aha. Und übermor… auch nicht. Wie bitte? Erst am Freitag? Willst du mich bestrafen? Nein? Fein! Aber weshalb dann der temporäre Delia-Entzug? Aus Überfluss an Zeitmangel? Toll, ich beginne gerade, mich für eine Karrierefrau zu begeistern! … und ich bin ein Macho? Von mir aus, aber du sollst wissen, dass ich ein sehr einsamer Macho bin. … und ein sehr lieber? Oh, danke! Na ja, dann – auf ganz bald wieder-telefonieren! Nein, ich werde mich beim Heimwerken nicht verletzen, ja, ich pass auf mich auf. Versprochen! Ja, dir auch … bussi, bis bald!«

Vorsichtig schob Halb das nagelneue, in seinen Augen ohnehin unnötige Nobelhandy in die edle Lederhülle, die ihm Delia vor vier Wochen geschenkt hatte. Natürlich hatte er schon etliche Male miterlebt, dass die Hormone Menschen zu den merkwürdigsten, manchmal auch fürchterlichsten Taten zwangen. Aber dass so ein Zustand selbst einem abgebrühten Zyniker in reifen Jahren drohen konnte, das war dem Vernunftmenschen Halb ein Rätsel. … ein Rätsel, das er aber genoss. Allerdings unter Ausschluss jeglicher Öffentlichkeit. Nicht auszudenken, wenn jemand erführe, dass er …

»Onkel Luzi, das ist aber sehr lustig, wenn du so rot wirst. Fast so lustig wie Kiki, der Kinder-Clown. Kannst du das für mich noch einmal werden? Weil dann sagt die Mami, dass ich dich holen essen soll.«

»Die Mami hat sicher gesagt, dass du mich zum Essen holen sollst. Geh nur vor, jetzt komm ich wirklich gleich. Und ich bin doch nicht so rot wie der Kiki, nein, wirklich nicht! Oder?«

Die letzten Worte hatte Flitzi nicht mehr gehört, nicht mehr hören können. Zum einen war er mit schlenkernden Beinchen wieder ins Nebenzimmer gehoppelt, zum andern hatte Halb sein abschließendes Entsetzen kaum hörbar vor sich hingemurmelt.

Bevor er endgültig den Raum verließ, warf er noch einen Blick in den Spiegel oberhalb des Waschbecken-Ensembles. Nein, kein Rotton mehr, er war erfreulicherweise wieder so bleich wie immer.

Aber Flitzi hatte recht – er musste unbedingt daran arbeiten, nicht zu erröten. Schließlich hatte er es bei seinen Verhören über all die Jahre geschafft, kaum Regungen zu zeigen. Da sollte es ihm doch möglich sein, auch bei Delia …

Sollte! Aber wollte er das überhaupt?

Egal! Darüber konnte er später nachdenken, jetzt umfing ihn ein Potpourri wunderbarer Düfte. Er konnte frisches Baguette identifizieren, Roastbeef, Räucherkäse, Lachs … und Salzgurken. Aber die würde er zur Gänze Flitzi überlassen. Vielleicht würde der dann darauf vergessen, seinen Onkel Luzi auf dessen lustige Röte anzusprechen.

Sonntag, 25. August 2013, 19 Uhr

»Noch ein Bier, Herr Hofrat?«

»Nein danke, Herr Horak. Ich möchte ja noch bei Sinnen sein, wenn Sie mir von diesem Schauermärchen erzählen. Die Verena hat nur Andeutungen gemacht.«

»Ja, ich hab sie darum gebeten, Ihnen noch keine Details zu sagen. Weil, im Büro, vor den Kollegen, die hätten sie vielleicht sogar ausgelacht.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Ihre Enkelin hat ihnen doch sicher erzählt, dass wirklich jeder in unserer Ermittlergruppe ein reizender und hilfsbereiter …«

»Aber gegen ein Stück Sachertorte haben Sie doch sicher nix einzuwenden? Ich find, das schließt den Magen viel besser als Käse. Und dazu natürlich eine frische Tasse Ostfriesenmischung, mit einer Spur Obers? Ich bring’s gleich aus der Küche.«

Normalerweise wäre Halb spätestens jetzt explodiert, er hasste es, wenn sein Gegenüber sich offensichtlich auf ständiger Gedankenflucht befand. Aber normalerweise hatte er auch nicht gerade vor einer halben Stunde eines der besten Gulaschs seines Lebens gegessen. Und normalerweise hatte er auch nicht zwei – wenn auch nur kleine – Biere intus, bevor er sich mit einem geheimnisvollen potenziellen Fall beschäftigte.

Und normalerweise säße er an einem Sonntagabend entweder zu Hause inmitten seiner geliebten Bücher oder eben mit Delia … ja, wo eigentlich? Der Seufzer, den Halb gerade noch unterdrücken konnte, schien sich aber auf seinem Gesicht zu verselbstständigen – zumindest deutete das Verenas Lächeln an.

»Ich weiß schon, Chef, du wärst jetzt natürlich viel lieber mit … also ganz woanders. Umso mehr danke ich dir noch einmal ganz herzlich, dass du dir die Zeit …«

»Bitte keine Ansprachen, Verena! Ich bin schon gespannt, was mir dein Großvater …«

»Bitte sehr, die Torte und der Tee. Mit Kandiszucker, wie sich das gehört. Reni, machst du uns bitte zwei kleine Schwarze, also, zwei Espressi, wie das die jungen Leut heut halt so sagen. Herr Hofrat, stört Sie eh nicht der Duft von den frisch gemahlenen Kaffeebohnen? Ich meine, bei Ihrem Teegenuss.«

»Nein, nein, Herr Horak« – genüsslich sog Halb den malzig-würzigen Geruch aus Assam- und Sumatra-Tees ein. Andächtig goss er das Obers ringförmig auf die Oberfläche, beim Anblick der kleinen Wolke glitt er endgültig in einen Zustand großer Zufriedenheit und …

»Und, ist er richtig temperiert? Meine Enkelin hat mir ja von ihrer Vorliebe für eine perfekte Tasse Tee erzählt, selbstverständlich nicht nur das, über ihre brillante Kombinationsfähigkeit hat sie mir natürlich ausführlich …«

»Herr Horak, jetzt sind S’ doch nicht so nervös! Alles – Gulasch, Bier, Gebäck, Torte, Tee – war und ist perfekt. Jetzt beruhigen Sie sich und erzählen mir die unglaubliche Geschichte von Anfang an.«

»Also, die Sache ist folgende: Aber bitte, wenn Sie gleich der Meinung sind, dass das nur ein ausgemachter Blödsinn sein kann und unter Ihrer Würde ist, dann bitte unterbrechen Sie mich einfach, weil ich möchte nicht vor dem Chef meiner Enkelin wie ein Idiot dastehen, erst recht nicht, wenn er ein so berühmter Kriminalist ist … der Chef, also Sie, nicht der Idiot. Wie gesagt, es ist wirklich kein Schwachsinn, weil ich schwöre Ihnen, dass der Andreas, ich meine, der Herr Kandler, weder Alkoholiker noch sonst irgendwie ein wirrer Kopf ist. Es ist halt ein großes Rätsel, noch dazu ein mysteriöses, aber das sind ja Rätsel meistens …«

Verzweifelt überlegte Halb, wie er den wirren Redefluss stoppen könnte, ohne allzu grob zu werden. Ob vielleicht ein Zeichen mit der Hand …

»Opa! Offenbar nimmt dich der Herr Hofrat ernst, weil sonst wäre er gar nicht erst gekommen. Also – schön langsam und von Anfang an« – dankbar lächelte Halb seine Mitarbeiterin an.

Einen Moment schien es, als ob Verenas Großvater doch noch einen Rückzieher machen würde, aber dann brachen die »verbalen Dämme« ein zweites Mal.

»Am Anfang war … der ‚Sparverein‘. Nicht, dass Sie sich jetzt was Falsches vorstellen, Herr Hofrat – unser Sparverein war nie eine juristische Gründung so wie eine Genossenschaft. Mehr noch, unser Sparverein hat nie etwas mit Sparen zu tun gehabt. Wir hätten uns auch ‚Verein der Freunde der gepflegten Unterhaltung‘ nennen können. Oder ‚Verein zur Förderung regelmäßiger Versammlungen zwecks Stärkung alt-wienerischer Freundschaftsrituale‘. Wir haben damals mehrere solcher seltsamer Namen überlegt. Aber die waren uns alle zu lang. Und da hat sich dann eben die herrlich altmodische Bezeichnung ‚Sparverein‘ angeboten. In Wirklichkeit haben wir nie etwas gespart, im Gegenteil, unser Sparverein war immer dazu da, dass seine Mitglieder Geld ausgeben. Und zwar im ‚Gasthaus Jungbrunnen‘. Also, damals, bei der Gründung, da hat das noch ‚Wirtshaus zur kleinen Frohnatur‘ geheißen. Aber dann ist der alte Wirt gestorben, und sein Nachfolger war der Herbert, Herbert Jung. Deshalb ‚Gasthaus Jungbrunnen‘. Der Name war auch wirklich Programm, denn der Herr Jung hat dann das Bierangebot enorm vergrößert. Vorher hat’s nur zwei Biermarken und davon je drei Sorten gegeben, aber dann …«

»Opa, bitte komm zur Sache! Wir wollen alle vor fünf Uhr früh in unseren Betten sein.«

»Lass nur, Verena, dein Großvater erzählt durchaus amüsant.«

»Nein, nein, Herr Hofrat, die Verena hat schon recht. Also, ich komm zur Sache. Wobei, ‚zur Sache‘, das klingt hässlich, weil ‚die Sache‘ sind ja die Mitglieder. Von Anfang an dabei ist der … nein, falsch, war der Sven. Sven Sulzer, ein herrlicher Mensch. Er war stets lustig, aber niemals lästig. Verstehen Sie, er war zwar fast immer gut gelaunt, aber er war nie einer von denen, die einem mit ihrem Dauer-‚Ha-Ha-ich-bin-so-witzig‘ unheimlich auf die Nerven gehen.«

»War?«

»Ja, war, er ist vor einem Jahr bei einem Unfall ums Leben gekommen.«

»Das tut mir leid. Und spielt er in der Gruselgeschichte noch eine Rolle?«

»So blöd das klingt – ich weiß es nicht.«

»Schade, er war mir schon sympathisch. Und was ist mit den anderen Stammmitgliedern?«

»Die anderen … also, Gründungsmitglied war – und ist – der Markus. Markus Märzner. Ein origineller Mensch. Und zwar einer von der Sorte, die als Tausendsassa unterwegs ist, aber bei keiner ihrer Aktivitäten so wirklich, also so echt wirklich … wie soll ich das sagen? Er kann unheimlich viel, und das noch dazu in sehr unterschiedlichen Bereichen, aber er bringt nichts zu einem erfolgreichen Ende.«

»Sie mögen ihn wohl nicht sehr?«

»Mögen? Doch, schon. Er ist eindeutig der Kreativkopf unserer Gruppe. Zum Beispiel, die Idee mit dem skurril-unpassenden Namen ‚Sparverein‘ – die ist von ihm. Oder auch unser Logo … ja, allen Ernstes, wir haben ein eigenes Logo. Das hat der Markus gestaltet. Gut, wir anderen haben natürlich unseren Senf dazugegeben. Wie auch dann bei der Vereinshymne. Wobei, wenn ich mich recht erinnere, die hat der Karl komponiert. Also, musikalisch zusammengestoppelt halt. Aber sie klingt erstaunlich gut. Vor allem der Refrain, der geht wirklich ins Ohr. Wissen Sie, die Melodie fängt folgendermaßen an …«

»Opa!«

»Schweif ich schon wieder ab? Na gut … bei wem war ich? Ah ja, der Karl, Karl Worcinka, der ist der Ungewöhnlichste von uns Sparvereinlern. Luca Managile – der Meister der Taschendiebe. So hat er sich genannt, der Karl. Der hat früher eine sensationelle Karriere gemacht – bis nach Las Vegas war der engagiert. Da hat er Unsummen verdient … also, ich meine, auf legale Weise. Und dann hat ihn die Reisebranche entdeckt und er ist auf allen großen Kreuzfahrtschiffen dieser Welt aufgetreten. Vor allem bei den Mitternachtsshows war er eine Berühmtheit. Ich nehme an, dass da die meisten Gäste schon etwas … wie soll ich sagen? … also nicht mehr allzu aufmerksam waren, sodass sie der Karl mühelos hat ‚ausräumen‘ können, auch noch, als er schon etwas langsamere Hände gehabt hat. Vor drei Jahren hat er sich dann zur Ruhe gesetzt. Jetzt arbeitet er nur mehr zum Vergnügen … wobei, Sie könnten ihn kennen. Er hilft nämlich manchmal der Polizei – bei solchen Shows im Kriminalberatungs-Dauer-Dingsda … wie heißt denn das?«

»Meinen Sie den kriminalpolizeilichen Beratungsdienst?«

»Ja, genau. Und die organisieren ab und zu so Themenshows, zum Beispiel ‚Achtung, Taschendiebe!‘, und dort tritt der Karl auf und räumt dann zum Gaudium des Publikums einem Freiwilligen die Taschen leer, ohne dass der das in dem Moment merkt. Am lustigsten ist es, wenn er so lange charmant-lästig ist, bis sich ein Kriminalbeamter bereit erklärt, auf die Bühne zu kommen. Ich sag’s Ihnen, da jubeln dann die Leute, das ist …«

»Also, Sven Sulzer, Markus Märzner, Karl Worcinka alias Luca Managile und Sie – hat Ihr Sparverein noch andere Stammmitglieder? Außer dem geheimnisvollen Herrn namens Andreas Kandler?«

»Ja, also da wär noch der Ante. Ante Morinkovic. Der war auch von Anfang an mit dabei. Bis vor einem Jahr.«

»Was war da?«

»Er ist dann einfach nicht mehr aufgetaucht. Das war schon sehr seltsam. Wir haben uns alle bemüht, ihn zu erreichen, aber da ist nur mehr ein dürrer Brief gekommen … er sei endgültig nach Serbien zurückgekehrt. Er würde uns für die vielen wunderbaren Jahre und Vereinssitzungen danken. Er würde uns für unsere … warten Sie, wie hat er das geschrieben, für unsere ‚Zukünfter‘ alles Gute wünschen.«

»Zukünfter?«

»Der Ante hat sich vom ganz einfachen Gastarbeiter zu einem Reisebürobesitzer hinaufgearbeitet. Er beherrschte natürlich seine Muttersprache perfekt, aber er hat auch fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch gesprochen. Und in den letzten Jahren hat er dann noch Russisch gelernt. Aber Deutsch konnte er nie so richtig. Am Anfang hat er sich darüber grün und blau geärgert, aber dann hat er begonnen, sich über sich selber lustig zu machen. Er hat mit den wüstesten Wortkombinationen und Satzgebilden um sich geworfen. Vor allem hat er das Wort ‚tun‘ geliebt. Wenn er zum Beispiel fragen wollte, ob ein anderer eine Aufgabe übernimmt, hat er gesagt: ‚Das tust du tun?‘ Und noch dazu hat er leidenschaftlich gern Fisch gegessen. Wir haben ihn dann nur mehr den ‚Tun-Fisch‘ genannt.«

»Das klingt so, als ob der Herr …«

»Morinkovic.«

»… der Herr Morinkovic eine Art Klassenclown gewesen wäre.«

»Nein, nein, für den Klassenkasperl war er viel zu gescheit. Und das haben wir auch gewusst und geachtet. Nein, mit seinen Sprachspielereien wollte er uns nur unterhalten. Und das ist ihm auch wirklich gelungen. Und dann – ein dürrer Brief, sonst nichts.«

»Aber wenigstens mit ein paar letzten originellen Verballhornungen … von wegen ‚Zukünfter‘. Und sonst, kein Lebenszeichen mehr?«

»Nein. Der Markus hat dann noch versucht, mehr zu erfahren, aber irgendwie sind seine Bemühungen im Sand verlaufen.«

»So, Herr Horak, jetzt aber kommt endlich der große Auftritt des von Geistern gejagten Herrn Kandler! Oder ist er der Geisterjäger?«

»Gleich. Nur noch ganz kurz zum Wastl, also Sebastian Waltenberg. Ein sehr lieber, aber fürchterlich stiller Mensch. Ich weiß von dem nur, dass er Lehrer war, für Deutsch und noch etwas … glaub ich zumindest. Ah ja, noch etwas – mit dem Sven, dem Unfallopfer, mit dem war er eng befreundet. Aber sonst? Komisch, von dem weiß ich fast nichts. Der redet ganz selten von sich aus.«

Beinahe wäre Halb ein »Nein, wie überraschend!« herausgerutscht, aber er schluckte die Ironie gerade noch hinunter.

»Na ja, das wären in etwa die Gründungsmitglieder unseres Sparvereins. Ja, und dann eben noch der Andreas, Andreas Kandler. Ja, der Andreas, der …« – es war, als ob eine geheimnisvolle Kraft bei Horak plötzlich den Ausschaltknopf gedrückt hätte. Nachdem er die vergangenen vierzig Minuten unentwegt geredet und sich hektisch bewegt hatte, saß der alte Herr nun regungslos da und stierte vor sich hin. Halb kannte solche plötzlichen Erstarrungsanfälle nur allzu gut, vor allem bei Gesprächen mit Opfern von Gewaltverbrechen hatte er damit umzugehen gelernt. Eins, zwei, drei, vier … üblicherweise ließ er dreißig Sekunden verstreichen, bevor er …

»Ich schwör’s Ihnen noch einmal, Herr Hofrat, der Andreas ist weder ein besoffener Trottel, noch ist er irgendwie anders blöd. Der ist so normal wie Sie und ich. Und wenn er sagt, dass ihn plötzlich eines der Bilder in seinem Museum jede Nacht anspricht und ihm sogar droht, dann … wie gesagt, ich glaube ihm. Vor vier Tagen, am Mittwoch in der Nacht, da haben wir ihn im Museum besucht. Er hat uns bei einem Seiteneingang hereingelassen und ist mit uns seine Runde gegangen. Es war, wie wenn man zum Zahnarzt geht, also fast so. Weil zuerst …«

»Herr Horak, ich verstehe kein Wort! Also bitte der Reihe nach. Ihr Freund Andreas Kandler ist offenbar Nachtwächter in einem Museum?«

»Ja, genau. Im ‚Mu-Ku-Were-Wi‘, also im Museum für Kunstgeschichte der Weltreligionen Wien. Das ist da bei der …«

»Ich weiß, wo das ist. Immerhin ist es eines der berühmtesten Wiener Museen. Und eines der Bilder dort … wie haben Sie das formuliert? Es droht ihm?«

»Genau das ist ja das Verrückte! Vor zwei Wochen hat eines der Gemälde begonnen, mit ihm zu reden.«

»Wie bitte?«

»Ja, es war so, wie ich es sag. Wann immer der Andreas auf seinen nächtlichen Kontrollgängen an dem Bild vorbeikommt, spricht es zu ihm.«

»Und es ist immer dasselbe Bild?«

»Ja. Das ist so ein riesiger Ölschinken, so … na ja, ich bin schlecht im Schätzen, aber das wird drei Meter hoch und sechs Meter breit sein.«

»Und was zeigt es?«

»Ich will ja nix Schlechtes sagen, außerdem bin ich natürlich ein Kunstbanause. Also, mir gefällt der Schinken gar nicht. Es ist eigentlich ein hässliches Bild … also, es ist selbstverständlich großartig gemalt, aber die Gesichter, die sind so was von pfui Teufel.«

»Wessen Gesichter?«

»Das Ganze zeigt eine Szene aus der griechischen Mythologie. Da kenn ich mich nicht aus, höchstens, dass ich mir den Odysseus gemerkt habe. Der stammt doch aus diesen Sagen, oder?«

»Jaja, stimmt schon. Und das Gemälde zeigt eine Szene mit Odysseus?«

»Nein, nein, da ist ein anderer Held drauf. Wie gesagt, mit den Namen von denen hab ich’s nicht so. Das Bild heißt so ähnlich wie ‚Die Flucht des Asbest‘ … oder so.«

»Vielleicht ‚Die Flucht des Orest‘? Das ist sogar recht bekannt.«

»Ja, genau, so heißt das. Ah so, Sie kennen das?«

»Na ja, kennen ist vielleicht übertrieben, aber … ja, ich weiß in etwa, wie es aussieht. Und dieses Riesengemälde spricht mit Herrn Kandler? Und was sagt es da?«

»Immer dasselbe. ‚Warum hast du nicht auf uns gehört?‘ Immer denselben Satz. Also, bis vor vier Tagen. Als wir dort waren, hat es dann noch weitergesprochen.«

»Und das haben Sie alle gehört?«

Ganz langsam schüttelte Horak den Kopf. In diesem Moment erinnerte er an eine dieser alten Spielzeugfiguren, die man mit einem Schlüssel aufziehen konnte. Am Anfang ratterten sie auf Hochtouren, am Ende der Federspannung kämpften sie um jeden Bewegungsmillimeter, bis sie vollkommen erstarrten.

Der Gedanke, dass vor vier Tagen offenbar keiner von ihnen – außer Kandler – diese Stimme gehört hatte, und die Schlussfolgerung, dass sein lieber Freund Andreas vielleicht doch schlicht und einfach verrückt geworden sein könnte, schienen aus Horaks innerer Feder jegliche Energie herausgewunden zu haben. Vorsichtig streichelte Verena ihren Großvater am Oberarm – Halb hatte den Eindruck, als ob sie eine kleine Öffnung suchen würde, in die sie den Aufziehschlüssel stecken und durch kräftiges Drehen …

»Nein, keiner von uns. Da war’s ruhig. Vollkommen ruhig. Bis der Andreas aufgebrüllt hat. Und, Herr Hofrat, wissen Sie, was das Schlimmste war – selbst in dem Moment, in dem der Andreas geschrien und dann nur mehr gewimmert hat, war trotzdem eine bleierne Stille. Todesstille!«

Noch einmal schüttelte Horak den Kopf, allerdings schien er nun die Erinnerung an diese Sekunden von sich schleudern zu wollen.

»Herr Horak, auf wen bezieht sich denn dieses ‚uns‘? ‚Warum hast du nicht auf uns gehört?‘ Das wird ja kaum der Orest allein zu Herrn Kandler gesagt haben. Oder spricht der im Majestätsplural?«

»Nein, das waren …« – mühsam quälte sich der alte Mann zurück in die Gegenwart – »das waren diese bösen Hexen, die den Orest in den Wahnsinn treiben wollen. Die sind auch auf dem Gemälde, links vom Orest … also, wenn man davor steht, links. Die blicken direkt aus dem Bild, und von dort aus haben die den Andreas angesprochen. Bedroht! Verflucht haben sie ihn! Diese grässlichen Gestalten haben einen Namen, der klingt wie ‚die Inneren‘. Oder nein, eher wie ‚erinnern‘. ‚Die Inneren‘, ‚erinnern‘ … so irgendwie.«

»Meinen Sie die Erinnyen, die Rachegöttinnen der griechischen Mythologie?«

»Schon möglich. Es sind auf jeden Fall böse, böse …«

»Und wie haben Sie das vorhin gemeint, ‚es war wie beim Zahnarzt‘? Wie Sie alle am Mittwoch im Museum waren und der Herr Kandler Sie auf seine Runde mitgenommen hat, da war das wie beim Zahnarzt. Hatten Sie irgendeinen bohrenden Schmerz? Oder der Herr Kandler?«

»Eben nicht … und dann schon! Was ich meine – gerade wenn man beim Zahnarzt sitzt, hat man oft kein Zahnweh mehr. Und so war das dort auch. Zehn Tage lang hat diese Stimme den Andreas terrorisiert. Dann will er sie uns zeigen … und prompt war nix zu hören. Also, wie wir in diesen vermaledeiten Saal hineingekommen sind. Nichts! Dann sind wir dort stehen geblieben. Nichts! Keine Stimme, auch der Andreas hat nichts gehört. Aber kaum, dass wir aus dem Raum hinausgehen, bleibt er wie angewurzelt stehen, stutzt eine Sekunde … und dann der Schrei, und zuletzt sein Zusammenbruch. Er ist vor unseren Füßen zusammengebrochen. Wir haben sofort sein Herzmedikament aus der Jackentasche geholt und ihm dreißig Tropfen …«

»Der Herr Kandler hat Herzprobleme?«

»Ja, leider, das macht die Angelegenheit ja noch schlimmer.«

»Könnte es nicht vielleicht so sein, dass Ihr Freund Kandler durch seine Herzmedikamente …«

»Nein, Herr Hofrat! Nein, nein und nochmals nein! Glauben Sie mir, ich bin der Erste, der sich freut, wenn der Andreas psychisch krank wäre. Weil dann könnte man ihm helfen, dann könnten wir ihm helfen, und dann müssten wir nicht mehr gegen Geister und andere Blödheiten ankämpfen.«

»Herr Horak, ich bin zwar weder Arzt noch Psychologe, aber ich kann Ihnen aus meiner beruflichen Erfahrung versichern, dass Menschen, die an Wahnvorstellungen leiden, gerade gegenüber ihrer vertrauten Umgebung oft sehr lange den Eindruck von Normalität aufrechterhalten, ja geradezu vortäuschen kön…« – der Versuch, Horak mit einer Belehrungstirade zu beruhigen, scheiterte kläglich. Schlimmer noch, jetzt flackerten nicht nur die Lider des alten Mannes, auch Verena sah ihren Chef aus großen, verstörten Augen an.

»Das wissen wir, Herr Hofrat, das wissen wir nur allzu gut. Was aber Sie nicht wissen können, ist, woher wir das wissen. Und zwar … aus persönlicher Erfahrung. Zuerst – das war vor vier Jahren – ist meine Tochter, also Verenas Mutter, ganz allmählich etwas … ja, etwas eigen geworden. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Dann wurde sie immer merkwürdiger. ‚Mein Gott, sie ist halt urlaubsreif‘, haben wir geglaubt. Und dann ist sie zusammengebrochen. Hirntumor lautete die Diagnose. Im fortgeschrittenen Stadium. Knapp vor ihrem Tod hat sie uns noch erzählt, dass sie sich schon ein Jahr lang irgendwie seltsam gefühlt hatte. Aber sie wollte uns auf keinen Fall erschrecken, also hat sie nichts gesagt. Und als sie immer mehr Ausfälle hatte – vor allem die Hände haben kaum mehr etwas halten können, aber es sind ihr auch immer öfter ganze Sätze nicht mehr eingefallen –, da hat sie allerlei Tricks erfunden, um ja nicht zugeben zu müssen, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war. Ein Jahr später hatte dann meine Frau plötzlich massive Erinnerungslücken, aber auch sie hat es grandios überspielt. Dabei wären wir ja extrem sensibilisiert gewesen und sofort mit ihr zu einem Neurologen gegangen. Aber nein, auch sie hat es geschafft, dass die Verena und ich erst etwas bemerkt haben, als gegen die Krankheit nichts mehr auszurichten war. Eine vaskuläre Demenz – die meisten nennen das fälschlicherweise Alzheimer. Und dann … noch ein halbes Jahr. Verstehen Sie jetzt, Herr Hofrat, warum wir so etwas wie Experten für psychisch Kranke sind?«

Halb hatte im Lauf der Jahre mühsam gelernt, dass er in so einer Situation auf keinen Fall spontan handeln durfte. Jetzt zum Beispiel hätte er Franz Horak am liebsten eine tröstende Hand auf die Schulter gelegt, aber dafür hätte sich der nun lautlos Weinende spätestens in fünf Minuten fürchterlich geniert. Also tat Halb das einzig Richtige … nichts. Er saß stumm da und wartete darauf, dass ihn Verena und ihr Großvater wieder ansehen und sein pures Mitleid erkennen könnten. Was er allerdings dann machen würde, wusste er in diesen elend langen Sekunden nicht. Aber interessanterweise war ihm das egal – er begriff vielleicht zum ersten Mal, dass Leiden auch eine befreiende Funktion haben konnte.

»Chef, es ist mir sehr peinlich, dass wir dich anheulen!« – noch bevor Halb irgendeine »Verena, ich bitte dich!«-Phrase dreschen musste, wurden sie von einem Wunder erlöst. Das altmodisch-schrille Läuten des Telefons klang wie ein Zauberspruch, der einen Fluch in tausend Stücke zerspringen ließ.

Als Franz Horak von seinem Telefonat im Nebenzimmer zurückkehrte, wirkte er entsetzlich müde, aber die lähmende Trauer war verflogen.