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Begleiten Sie die Jungjournalistin Destiny-Grace Nahodil von ihrer großstädtischen Heimat in die ferne Welt des Berglandes. In ein Tal, in dem Raffgier, Täuschung und sogar Mord an der Tagesordnung stehen. Was mit einem Artikel über das Rinder-Abtriebsfest beginnt, führt sie immer tiefer in die verworrene Günstlingswirtschaft der bergigen Provinz, in welcher ein eigenes Gefühl für Ehrbarkeit und Gesetz zu herrschen scheint.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2022
Stephan Anderson
Mord im Alpenpanorama
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Der ehemals Weiße Riese
2 Animalische Prozession
3 Immer diese Festivitäten
4 Journalistische Meisterleistung
5 Woo-Girl
6 Blinde Hühner und Körner
7 Seelenhavarie
8 Des Zuckerbäckers Farbe
9 Des Rechnungsrevidents Stadtpalais
10 Das alte Spiel von Jemandem und Niemandem
11 Der, die, das Joghurt
12 Die ekpathische Hellebarde
13 Das exotische Amuse-Gueule
14 Gaudeamus Igitur
15 Freiberuflicher Reichtum
16 Even Free
17 Der gestiefelte Kater
18 Hüttengaudi
19 476 PS
20 C´est la vie
Impressum neobooks
Es war genau dieses krasse Gegenteil vom tristen, smogbefeuerten Nebel ihres herbstlichen Abfahrtsortes zum strahlenden, immergrünen Passepartout jener Zielregion, welche der langgestreckte Schnellzug soeben ansteuerte, das sie so sehr in aufgeregte Faszination versetzte.
Noch nie hatte Destiny Grace Nahodil die gewohnten Gefilde ihrer Heimat verlassen, um einen, für sie, so exotischen Ort zu besuchen. Vom kahlen, blattlosen Betongrau des großstädtischen Altweibersommers, zum pittoresken Tannen- und Fichtengürtel der oft dunklen Täler, welche sich gen Westen durch das Bergmassiv des kleinen Binnenstaates fraßen. Die schneelose, in künstliches Licht gewandete, meteorologische Singularität der Hauptstadt, durfte die Jungjournalisten nun mit dem unbeschreiblichen Panorama, welches durch die Wolkengrenze gegen die Sonne zu drücken schien, tauschen. So kannte die Mittzwanzigerin die westlichen Provinzen zumindest von Fotos und Werbebannern, von Schulbüchern und allen anderen stereotypischen Bildern, die nur auf eines abzielte, nämlich Touristen und Devisen anzulocken.
Eine fremde Welt für das Gemeindebaukind aus einfachen Verhältnissen. Saftige, grüne und blumenbedeckte Wiesen, auf deren schiefen Weiden fröhliche Kühe, Schafe und Ziegen von fröhlichen Wanderern begrüßt wurden. Murmeltiere, die auf ihren Hinterbeinen stehend, die auf Böschungen herumspringenden Gämsen auspfiffen. Und für wen diese Motive noch immer nicht ausreichten sofort ins nächste Reisebüro zu stürmen und sein Urlaubsgeld in dieser Region auszugeben, dem suggerierte die Skiindustrie das gleiche Paradies von Unberührtheit und Freiheit in Weiß.
Zappelnd, aufgebracht und frohlockend, ihre dauerhaft-klickende Mobiltelefonkamera gegen die Großraumfenster des Zugabteils gepresst, hatte die Neoreisende bereits mehr als zweihundert Kilometer auf Schienen hinter sich gebracht. Stunden vorher hatte das langgezogene Waggonkonglomerat die Vorstädte der zentralistischen Kapitale durchschnitten, für einige Zeit die kleinen Stelzenhäuser an den Ufern des mächtigen Stromes begleitet, der die Fahrgäste gut eine halbe Stunde mit seinen Wassermassen begeisterte und dann von den Bahngleisen weg, in den Norden abbog, um die zurückgebliebene, weite Landschaft in eine eintönige Einsamkeit zu verwandeln.
Für jeden der scharenweisen Passagiere, die sich die fade Reise nach Westen mit schweifenden Blicken aus den großzügigen Scheiben vertreiben wollten, blieb nur monotone Melancholie, das einschläfernde Metronom der rollenden Stahlräder auf den Gleisen und die weiß überzuckerte, braune Ackerlandschaft, welche sporadisch von Hainen durchzogen und von Stromüberlandleitungen überspannt wurde. Irgendwo ganz hinten, in der unscharf werdenden Ferne, verschmolz der wolkige Himmel mit den Camouflage-bemusterten Geländewallungen.
Es war, als hätte Destiny Grace Nahodil, die von jeher und jedem eigentlich nur `Daisy´ genannt wurde, die verquere Hektik des umtriebigen Zentralbahnhofes der Millionenmetropole gegen eine Fahrt ins stille Nichts getauscht. Aber selbst diese sinneseinnehmende Öde, die den ganzen Organismus zu lähmen vermochte, verhalf ihrem naiv-jugendlichen Gemüt zu fortdauernder Überwältigung.
„Haben Sie das kleine Dorf dort hinten gesehen?“ – „Wahnsinn, ein Traktor! Wussten Sie, dass es so große Traktoren gibt?“ – „Rehe, dort am Acker stehen Rehe!“
Ihrem genervten Sitznachbarn trieben die ständigen Begeisterungsstürme verwunderte Falten über die gerunzelte Stirn. Keinem anderen Fahrgast regten diese Banalitäten derart an. Nur fahle und livide Gesichter, die sich vollends der schläfrigen Stille und dem hypnotisierenden Dadam-Dadam des Fahrgestells hingaben. Lediglich die helltönige Stimme von Daisy, welche unaufhörlich eine, an den großen Zugfenstern vorbeischießende, private Sensation nach der anderen anpries, störte die andächtige Eintracht. Destiny Grace Nahodil war ein Mensch der bei der Frage zur Aufhebung der Zeitumstellung stets für die dauerhafte Einführung der Sommerzeit plädierte und dabei nur ewigen Sommer in Assoziation brachte. Sie gehörte zum aufkeimenden Bilderproletariat, dessen Cyborg-artige Verlängerung des Arms ein Smartphone darstellte und jedes, noch so banale Ereignis ihres Lebens, fotografieren und über diverseste Distributionskanäle der weltweiten Öffentlichkeit preisgeben musste.
Nahe vom Balkan und weit aus der Taiga reisten Scharen von Saisonarbeitern ins Fremdenverkehr-geprägte Bergland, um dort für die nächsten fünf bis sechs Monate gutes Geld zu verdienen und in die Heimat zu senden. Kellner, Köche, Tellerwäscher, Masseure, Zimmermädchen und Hilfsarbeiter aller Begabungsstufen. Slawisch-sprachige Menschen aus allen Ländern östlich und südlich der Hauptstadt des Binnenstaates, ohne deren Eifer, Freundlich- und Gastlichkeit ein Winterurlaub in den westlichen Provinzen nicht so verlaufen würde, wie er überall im Norden des Kontinents beworben wurde.
Für viele war dieser Anblick keine Neuigkeit und weder ein hochaufragender Getreidesilo inmitten der, in Senken aus der weiten Landschaft hervorblitzenden Dörfer, noch die turmhohen Stöße von borkenkäfergeschädigten Holzstämme, konnten deren Gemüter aus der geistesabwesenden Starre vom Abteilinterieur oder dem mitgebrachten Lesestoffen abwenden.
Nun aber, nach zweieinhalb Stunden Fahrtzeit durch die Tristesse, ragte in unmittelbarer Sichtweite eine, bis zu zweitausendsechshundert Meter hohe Wand aus Kalk und Granit vor den vollbesetzten Waggons auf. Links und rechts des langgestreckten Zuges wichen die seichten Schwünge der mäßig weiß, viel grün und noch viel mehr braun gescheckten Felder sowie Wälder, und abrupt fand sich die erstaunte Daisy in einem weißen Hügelland wieder.
Die Camouflage der Spätoktoberackerlandschaft bleichte nun aus. Dort, wo der Nachtfrost sich bislang in den Furchen festsetzte und den gefrorenen Tau über den Tag hinweg konservierte, erkannte man nun nur noch eine dünne weiße Decke, welche jeder noch so zarte Sonnenstrahl zum Schmelzen brachte. An jenem Ort, wo eine aus Norden kommende Schnellstraße die Bahngleise mittels Brücke überschnitt, um die hoch aufragenden Gebirgsketten weiter gen Süden zu tangieren, um dann im Sommer die Massen an Touristen in den mediterranen Süden umzulenken, begann die Luft klarer und schneidend kalt zu werden, um an den heranbrausenden Ausläufern des Bergmassivs augenscheinlich zu kristallisieren und Daisys Heimatgedanken an die in weiter Ferne zurückliegende, verrußte Großstadtatmosphäre in eine surreale Parallelwelt zu verbannen.
So monoton konnten das Dadam-Dadam des Fahrgestells und die temperamentlose Einfallslosigkeit des Panoramas gar nicht sein, um die Aufgeregtheit und Begeisterung aus dem ratternden Gehirn der Mittzwanzigerin weg zu fadisieren.
„Berge, dort sind endlich die Berge“, träumte sie mitteilungsbedürftig vor sich hin und genoss jeden Hormonschub an Aufgeregtheit und Vorfreude über die neue Welt in die sie bald eintauchen durfte.
Elendslang quälte sich der Fernzug durch die weißen Hügel der weiten Peripherie und endlich, nach Stunden der ständigen Bergauffahrt gegen den Rand der Welt, die erste größere Stadt, welche am östlichen, schluchtartig und steil hochragenden Fuße eines fast zweitausend Meter hohen Gipfels, der im Volksmund ´großa Weißa´ genannt wurde, aber sich aufgrund des fortschreitenden Klimawandels die meiste Zeit des Jahres als grau entpuppte, verortet war. Die Schulbücher wiesen den spektakulären Schnittpunkt zwischen Flach- und Bergland als Weißen Riesen und alles was dahinter lag war nicht mit der sozialdemokratischen Wärme und der kosmopolitischen Egalität der Gemeindebauten in der Hauptstadt zu vergleichen.
Nach Stunden der gleisig-vorgegebenen Raserei hielt der eiserne Tross zum ersten Mal und gut die Hälfte der Fahrgäste stieg aus. Koffer und Taschen stürzten von den Gepäcksträgern über die Sitze auf den Teppichboden und die schläfrige Stumpfheit des Abteils entwickelte sich zu einem unruhigen Gewühl. Das rege Treiben rund um die passionierte Großstädterin war für sie nichts Neues. Sie wollte einfach nur ihren sagenumwobenen Bestimmungsort erreichen und nachdem außerhalb der großzügigen Scheibe nur der Bahnsteig mit den Aus- und Einstiegenden zu sehen war, presste sie ihre dralle Wange samt überhängender Dreadlocks gegen das getönte Glas, nur um im schmalen Sichtspalt zwischen Bahnsteigüberdachung und der oberen schwarzen Fensterrahmendichtung zumindest wieder Nuancen des Weißen Riesen zu erspähen, der wie ein zu steingewordener Patriarch über der Kleinstadt thronte und zugleich als Barriere wie auch Einfallstor zur dahinterliegenden Gebirgswelt fungierte.
Schnappschuss um Schnappschuss, Selfie um Selfie und nach kurzen, beobachtenden Pausen aus dem Fenster, gleich wieder das Überprüfen der bespielten Social-Media-Plattformen. Eine immerwährende Selbsthetze interferierend aus Glück und Enttäuschung, aus Niedergeschlagenheit und Selbstvertrauen sowie mentaler Autogamie und psychopathologischem Selbsthass. Ein fortwährendes Stimmungsbarometer aus digitalen, hochgestreckten Daumen und situationselastischen Emojis. Die ständige Jagd nach kleinen Kreisen mit Zahlen darin, die rechts unterhalb jedes App-Icons auf dem Smartphonedisplay aufpoppten, wenn es Reaktionen auf virale Beiträge gab. Endlich konnte die Neoreisende auch Fotos außerhalb der Hauptstadtkulisse posten und endlich rollte das eiserne Massenbeförderungsmittel weiter.
Trutzig und unbekümmert tauchten die kantigen Türme der barocken Stadtkirche hinter dem Bahnhof der Kleinstadt auf. Prächtige Brunnen und immergrüne Bäumchen, verspielte Schnörkel und Erker an hübschen Bürgervillen. Dem Durchfahrenden stach aber immer nur das pompöse Gebäude des Salzkontrollamtes ins Auge, welches direkt an das Gleissystem angeschlossen war.
Hier, am Knotenpunkt zwischen Flach- und Bergland, inmitten des Zusammenpralls von fetter Ackererde, der Höchstverdichtung an Fichtenhainen und zerklüfteten Alpinhängen führte ein mehrspuriger Tunnel durch das wolkenschleierbehangene Bergmassiv, der wie ein schwarzes Loch alles in sich verschlang, was auch immer ab hier seinen Weg in die Untertagesfinsternis fortsetzte. Ein dunkler Hangdurchbruch für Straßen- und ein separater für Gleisfahrzeuge.
Und so tat auch der Fernreisezug, der am Bahnhof der voralpinen Kleinstadt gut die Hälfte seiner Waggons zurückließ und vollbeladen mit den sitzengebliebenen, sowie neu eingestiegenen Reisenden seinen steten Aufstieg ins Bergland fortsetzte, wie ihm die Gleise vorgaben.
Weder die Dunkelheit noch Einsamkeit des Tunnels ließen in Daisy ein Gefühl der Angst aufkeimen. So weit weg von einem Zuhause und dermaßen fremd fühlte sie sich erst einmal in ihrem noch kurzen Leben. Allgemein war sie weder eine zaghafte, noch beklommene Person. Die Mittzwanzigerin strotzte nur, als nunmehrige Jungjournalistin, so vor Tatendrang und seit ihrem hochgefeierten Abschluss als Bachelor of Arts in Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der staatlichen Hauptuniversität, schwebte die erste Maturantin und Akademikerin ihrer Familie ohnehin auf Wolke Sieben der Selbstzufriedenheit. Der Traum Journalistin zu werden verfestigte sich erst in den letzten Semestern ihres Studiums, doch eine neue Fachrichtung anzufangen, dafür hätten weder ihre Eltern, noch deren Brieftaschen, Verständnis gehabt. Ihre untersetzte und kompakte Gestalt machte sie fortwährend mit einem zügellosen Mundwerk wett, welches allerdings erst einem Impetus der Aufstachelung von außen bedurfte und ihr offenherziges, oft naiv anmutendes Wesen, war weniger dem Bedürfnis der öffentlichen Anbiederung zugrunde liegend, als vielmehr dem inneren Drang nach Zugehörigkeit geschuldet.
Denn so freudestrahlend, hilfsbereit und unbekümmert Destiny Grace Nahodil auch wirkte, ihre innere Verfasstheit war von sinisteren Kräften umschlungen, welche die dauerhaft nach oben ragenden Mundwinkel ihrer voluminösen Lippen am liebsten nach unten ziehen und in einem immerwährenden, selbstverachtenden Konjunkturtiefes ihres Selbst, arretieren wollten.
„Jeden Tag nur eine Pille und sowohl deine Albträume, als auch deine Depressionen sind wie verflogen“, hatten ihr sowohl der Arzt, wie auch ihre Mutter versprochen.
Und die musste es ja wissen. Eine Frau, welche ihre ganzen letzten sechzig Lebensjahre vor jedem Titel in die Knie ging und jedwedem Sakko- und Krawattenträger die Tür öffnete, während sie die Treppenhausböden der hauptstädtischen Gemeindebauten aufwischte. War es noch so ein Pseudotitel wie Amts-, Regierungs- oder Geheimrat, diesen honorigen Personen war laut ihr das Wissen des Lebens zuteil geworden und diese unterwürfige Haltung bläute sie auch ihrer Tochter ein.
Die letztjährige Diplomübergabezeremonie an der Hauptuniversität brachte bei der Neoakademikerin mehr Fremdfreude für ihre stolze Mutter mit sich, die ihre Tochter mit einem gerollten Blatt Pergamentpapier in der Hand und zwei Buchstaben hinter ihrem Nachnamen im Personalausweis stehend, nun ebenfalls zu beknien schien.
Die Tränen in den Augenwinkeln ihrer Eltern und die Gewissheit nun in einen mutmaßlich elitären Kreis von Bürgern aufgenommen worden zu sein, deren Worte und Meinungen in der einfachen Gesellschaft mehr Gewichtung hatten, als jene ihres linienbusfahrenden Vaters, ließen in dem vorlauten aber unsicheren und lustigen aber gramerfüllten Gemeindebaukind den Wunsch aufkeimen, nun ebenfalls gehört zu werden.
Und nirgendwo konnte man seine Meinung so einfach unter das millionenfache, multikulturelle Hauptstadtvolk bringen, wie in einer der drei Gratiszeitungen, die in Sammelboxen bei jeder Straßenbahnhaltestelle und in Schütten auf jedem U-Bahnsteig zur freien Entnahme bereitstanden, um mit vereinfachter Sprache, nur mittels Über- und Unterschriften sowie überwiegend manipuliertem Bildmaterial schnell zu unterhalten. Konziliant wie diese Printkonvolute gegenüber ihren unprätentiös ´Lesern´ waren, bildete das Wort ´Paukenschlag´ das Gros der fettgedruckten Überschriften.
Aber das war der Jungjournalistin egal.
„Wer hat denn nicht bei einem Revolverblatt angefangen?“ verteidigte sie ihren Karrieresockel vor ihren lästernden, ehemaligen Studienkolleginnen immerwährend.
Auch wenn sie nur die Bilder und Fotomontagen graphisch, nach Vorgabe, aufbereitete und setzte, immerhin bestanden diese Zeitungen zum Großteil aus derlei Bildern und damit trug sie mehr zum Inhalt bei, als die von ihr bewunderten Kolumnisten. Egal welche Weggabelung ihrer beginnenden Berufslaufbahn vielleicht besser gewesen wäre, der Umstand, dass eine schreibende Kollegin ausfiel und die Chefredakteurin ihr die Chance gab hierher zu kommen, war es wert.
Weiter als je ein Nahodil gekommen war, saß sie jetzt im einst langen, nun halbabgehängten Schnellzug gen Westen und betrachtete ihre erweiterten Pupillen inmitten der dunklen Iris im großen Waggonfenster, welches nun innerhalb des finsteren Tunnels als Spiegel des ausgeleuchteten Zuginneren fungierte.
Hastig kramte sie in ihrem grasgrünen Doughnut-Rucksack nach der letzten Flasche dick konsistenten Smoothies, damit auch die heutige, ärztlich verschriebene Kapseldröhnung wie geschmiert den Weg ihren kurzen Hals hinunter fand. Schon wenige Minuten nach dem Schluckreflex, setzte der gewünschte gemütszustandspushende Effekt ein und ein entkrampftes sowie gleichmütiges Lächeln zierte wieder ihr breites Gesicht.
Pathetisch und zappelig wippten ihre, an den Knien aufgeschlitzten Jeans auf und ab und nichts schien es in diesem elendslangen Tunnel zum Entdecken zu geben, als die zu Hauf geschossenen Fotos von öden Flachlandäckern und verschlafenen Dörfern auf ihrem Mobiltelefondisplay. Kein Empfang, um die, alle dreißig Sekunden wiederkehrenden, Überprüfungsintervalle der geposteten Selfies zu checken.
Ihre ausgelatschten, dunkelblauen Converse-Sneaker schaukelten über den leicht vibrierenden Teppichboden des Zugabteils und bei jedem alternierenden Auf- und Absetzen ihrer Fersen und Fußballen wurde die Unruhe und das Murmeln in ihrer Umgebung lauter.
Die ersten Mitreisenden erhoben sich von ihren Plätzen, fassten ihre Koffer und Taschen von den Gepäckablagen über den Sitzen aus und bald darauf bildete sich am Mittelgang eine Schlange. Vereinzelt setzte Husten ein und andernorts wurden die ersten Ausgangsanrufe getätigt, um die baldige Ankunft nochmals anzukündigen.
Der konzentrierte Blick der Wartenden richtete sich ausschließlich in Fahrtrichtung und vereinzelt konnte Daisy die Fetzen osteuropäischer Sprachen vernehmen. Nur eine Gruppe Jugendlicher, vier Reihen hinter ihrer Sitzbank, tuschelte lauthals in seltsamen Deutsch und verbreitete einen Hauch verbaler einheimischer Unverständlichkeit, indem jedes gesprochene ´K´ in ein fauchendes ´Ch´ und das ´S´ in ein faules ´Sch´ abglitt. Lautverhärtungen, die in den ungeübten Flachlandohren so seltsam klangen, dass sich die medikamentös Katalysierte kaum ein infantil anmutendes Lachen verkneifen konnte.
Dann plötzlich zuckte ihr geschocktes Sehorgan zusammen und verspürten eine blendende Pein, die nur die Beschattung ihrer Handflächen zu lindern vermochte. Ohne verbale oder optische Vorankündigung schoss der Schnellzug aus der verlorenen Tunnelfinsternis in ein helles, sonnendurchflutetes Tal, in dem jede Oberfläche das einfallende Licht zusätzlich verstärkt reflektierte. Die wolkenbehangene Tristesse auf der Vorderseite des Berges verwandelte sich auf seiner Rückseite in einen blauen, grellen Himmel, der jedes, aus der Dunkelheit herausstechende Auge, in blinde Schockstarre versetzte. Mit all seiner äquivalenten Macht sequenzierte der Weiße Riese die arktische Kälte und trüben Kontinentalwolken an seinen Osthängen und verschonte den westlich gelegenen Talkessel sowohl von Frost, als auch von schwermütigen Wolkenbänken.
Erst nach gut einer halben Minuten traute sich die malträtierte Mittzwanzigerin ihre Hände von den Augen zu nehmen und mit zugekniffenen Lidern das widernatürlich zum Vorschein gekommene Panorama zu mustern. Der Zug drosselte seine Geschwindigkeit fast um die Hälfte und drückte sich von nun an auf einer Schienentrasse nebst einer steilen Schlucht entlang.
Vor den Reisenden lag ein großer Schmelzwassersee, dessen wellenlose Ruhe das Sonnenlicht spiegelte und jeden Blickversuch auf dessen glasklare Oberfläche mit einer Hornhautverbrennung abstrafte.
Wiederum kramte Daisy hastig in ihrem grasgrünen Doughnut-Rucksack und zog eine großglasige Sonnenbrille aus einem Etui, welche sie gegen ihre Gleitsichtbrille tauschte. Erst als diese auf ihren breiten Nasenflügeln saß, traute sie sich ein ernsthaftes Urteil über die neu herangebrauste Umgebung zu.
Rechts von ihr ragten steile Felsenhänge hoch und links, nach dem Mittelgang, konnte sie hinter der wartenden Schlange an Ausstiegswilligen einen schimmernden See ausmachen. Vom Fuße eines Bergkamms öffnete sich die sagenhafte Aussicht in einen paradiesisch anmutenden Talkessel, dessen Steilhänge an manchen Stellen schroff abbrachen und zerklüftete Felsüberhänge direkt aus dem Wasser ragten. An anderen zivilisations-nachgewiesenen Lokalisationen mündeten die Zungen der Seeufer in sanfte, grüne Flanken und Wiesen.
„Wasser?“ fuhr es der sonst so mutigen Neoakademikerin durchs eingeschüchterte Gemüt.
Nichts war für sie so gefährlich, reißerisch und tödlich wie Wasser. Es war ihr persönliches Kryptonit, das sie weder zu sehen, zu hören noch zu fühlen im Stande war. Ihr wohlstandsgeformter Bauch krampfte sich alleine bei dem Gedanken zusammen, dass es wahrhaftig außerhalb dieses, statistisch sichersten aller Verkehrsmittel, in unzähligen Massen vorhanden war. Weiterführendes Missbehagen, dass die klappernden Schienen lediglich auf einer brückenartigen Trasse direkt am Ufer, entlang der Steilwände führten, lösten in ihr einen Rezidiv der unterdrückten und kaschierten Befindlichkeitsstörung aus, welches auch hunderte ihrer Spezialpillen nicht verschönern hätten können. Eine in den steinernen Abhang geschlagene und seitlich im Gestein fest verdübelte Zugtrasse über den letalen Wassermassen.
Gebetsmühlenartig kauerte die passionierte Blasphemikerin und Atheistin immer wieder die gleiche Litanei vor sich hin: „Oh mein Gott, oh mein Gott!“
Der zuvor genossene, dickflüssige Smoothie drang ihre Speiseröhre nach oben und die gesamte, weiche Haut stellte auf Volltranspiration um. Selbst in ihren Handflächen blühten kleine Schweißperlen auf und liefen in den fleischfarbenen Fingerfalten zusammen, wo sie jeden Fusel und Staubpartikel ihres bunten Lama-Ponchos banden. Wiederum begrub sie ihre tiefsitzenden Augenhöhlen unter dem zittrigen, blassen und dunstigen Handtellern.
„Ist Ihnen nicht wohl, mein Kind?“ erkundigte sich eine ältere Dame in perfektem Deutsch und leichtem altjugoslawischem Akzent.
„Nein!“ schrie die halbkollabierende Neoreisende unverhohlen und senkte ihren Kopf zu den freiliegenden Knien. Die Sonnenbrille glitt vom verschwitzten Gesicht und prallte genauso auf den gestreiften Teppichboden wie die einst medikamentös herbeigeführte Konvivialität.
Die Hirnwindungen ihrer Gedankenfabrik ratterten auf Hochtouren und versuchten zeitgleich alle Szenarien abzuarbeiten, wie sie so schnell als möglich wieder aus dieser unangenehmen Situation entfliehen könnte. Eine ähnliche Beklemmung hatte die freiberufliche Aktivistin erst vor einem Jahr erlebt, als sie sich von einer Bekannten aus dem Umfeld kommunistischer Jugendorganisationen dazu überreden ließ, an einer Demonstration zur Umbenennung eines Springbrunnens im Zentrum der Hauptstadt teilzunehmen und sie bei einem Handgemenge mit Gegendemonstranten in das Becken fiel. Weder half das damalige Schreien und wilde Um-sich-Schlagen, noch wurde das altehrwürdige Fontänenspiel nach Rosa Luxemburg benannt und trug bis heute den Namen eines nationalsozialistischen Kollaborateurs.
Keine fiktive Handlung führte zu einer Konstellation, als in ihrem gepolsterten Zugssessel solange kauernd zu verharren, bis die einladende Stimme aus dem Durchsagelautsprechern ihren Zielort ankündigen würde. Beinahe fünfzehn Minuten presste sie jegliche Kurzatmigkeit und das immer wiederkehrende Magensäureaufstoßen in ihre verschwitzten und bleichen Handflächen. Diese Viertelstunde kam der ansonsten sich so robust gebenden Mittzwanzigerin wie eine Ewigkeit vor. So, wie sie einst gar nicht wusste, wie der Springbrunnen eigentlich hieß und was hinter der Begrifflichkeit des Namenspatrons stand, so wusste sie auch jetzt nicht genau, für was sie hierhergekommen war und was es mit der abzulichtenden und dokumentierenden, bergländischen Gepflogenheit auf sich hatte. Gegendemonstranten, Gier und empathische Unwilligkeit bis zum Äußersten sollten auch in dieser Provinz allgegenwärtig sein.
Selbst als der Zug für einen Zwischenstopp hielt, traute sie sich keine Neubewertung ihrer Umgebung zu. Noch ein Anblick dieser monströsen Wasseransammlung und die furchtlose Mittzwanzigerin würde unweigerlich in Embryonalstellung unter dem großzügigen Polstersitz, am gestreiften Teppichboden des Abteils, neben ihrer Sonnenbrille, liegen und kollabieren.
So oft schon hatte sich Daisy auf das Bitumen-abgedichtete Flachdach ihres Gemeindebaus geschlichen, um in luftigen Höhen das abendliche Lichtermeer ihrer heimischen Großstadt zu bewundern. So schön das künstliche Licht die Nacht ausleuchtete, so sehr erhellte es das Sternenfirmament und sorgte für eine orange Lichterkuppel über der Metropole. Sah sie zuhause aus ihrem Zimmerfenster, offenbarten sich ihr nur Beton und Ahornbäume, die das ganze Jahr über entweder braun oder kahl waren. Auf diesem Dach, an der Attika lehnend, den verkehrslärmbegleiteten Wind zu spüren und auch mal den säuerlichen Regen auf der weichen Haut zu fühlen, waren die disponibelsten und unbeschwertesten Momente die sie sich nur vorstellen konnte.
Aber diese vergebene Chance, welche sich hier bot, diese Bahntrasse, entlang des Schmelzwassersees, in den felsigen Südhang des fast zweitausenddreihundert Meter hohen Hofstätterkogels verankert und mit malerischem Ausblick auf die näherkommenden Gipfel der Weißhauptgruppe, deren höchste Erhebung die circa zweitausendsechshundert Meter hohe Weißhauptkappe bildete, suchte an Schönheit Seinesgleichen. So viele Menschen reisten so weit, um dieses Naturjuwel zu betrachten und Destiny Grace Nahodil hielt sich die Hände vor den gesenkten Kopf.
Die ersten zerklüfteten Lehnen über der Baumgrenze fanden sich bereits in ein weißes Kleid gewandet und alles darunter sollte in den nächsten Wochen folgen. Wenn nicht, gab es immer noch den künstlichen Plan B: das Wasserreservoir des Sees und die unzähligen Schneekanonen und Beschneiungslanzen entlang der, über den Sommer kräuterbedeckten Almwiesen, welche das überdurchschnittliche Einkommen der bergigen Provinz durch einen touristischen Winter weiterhin garantierten.
Diese steinerne Kette fädelte sich rund um den, in seiner Schön- und Erhabenheit, in seiner Ruhe und besinnlichen Erdung alles einnehmenden Kalvariensees auf, der den Talkessel mit Leben versorgte. Je weiter sich die Gleisführung vom Tunnel entfernte, desto mehr auslaufendes Ufer stellte das tiefe, stille Nass, als Überbleibsel der letzten Eiszeit, den ansässigen Bewohnern zur Verfügung. Jeder Quadratzentimeter der ein Dutzend Halbinseln war verbaut. Entweder mit Privatvillen samt eigenem Seezugang mittels Stegen und Badewiesen oder modernen, wie altgedienten und nunmehr renovierten Hotels. Selbst die hölzernen, ehemaligen Fischer- und Bootshütten waren inzwischen zu einfachen Touristenquartieren adaptiert worden.
Nur an jener Stelle, wo der Schnellzug aus der Hauptstadt, nach gut vier Stunden Fahrtzeit, den See bereits zu drei Viertel umrundete, dockte ein Tal an den Seenkessel an und durchbrach das majestätische Bergmassiv in südlicher Richtung zum Gebirgshauptkamm, der Aorta der bergländischen Provinz. Bis dorthin führte die andockende, langgestreckte Talsohle, eine begünstigte Geländesenke, in welcher der Haupt- und Zielort von Daisys Reise lag. Langsam aber doch umrundete der Zug den See, von Osten rechts aus dem Tunnel kommend, zu drei Viertel, per Auto kam man linker Hand schneller in jenes Tal.
Unter dem türkis oxydierten, an den Falzen moosbedeckten eines kupfernen Zwiebeldaches, reihten sich rund um den zentralen Kirchenturm enge Gassen mit zwei, maximal dreistöckigen Gebäuden. Drei Brücken verbanden die beiden Ortsteile welche durch einen, in den Bergen entsprungenen Bach, der sein Ende im Schmelzwassersee fand, voneinander getrennt wurden und deren weiterführende Sträßchen in drei kleinen Marktplätzen mündeten.
´Krügerl am Kalvariensee´ stand in weißen Lettern am dunkelblauen Schild, unter der Bahnsteigüberdachung hängend und wer es sich einfach, aber doch protokollarisch machen wollte sagte einfach Krügerl am See.
Hier, am unmittelbar am Seekai gelegenen Bahnhof, fand die aufwühlende Fahrt der reiseunerprobten Destiny Grace Nahodil letztlich ihr Ende und sowie die Lautsprecherdurchsage die heiß ersehnte Haltestelle zur allgemeinen Information preisgab, sprang sie aus ihrer zittrigen Vogelstraußhaltung auf und wühlte sich panisch-schnaufend durch die ausstiegswillige Warteschlange am Mittelgang, bis zur gerade öffnenden Waggonschiebetür.
Eisige, trockene Gebirgsluft schnitt in das Zugsinnere und durch ihren pinken Channel im rechten Ohrläppchen. Sofort klatschte ein unbehaglicher Gefrierbrand auf die vorwinterunerprobte Großstädterhaut. Ihre schlotternden Knie zitternden nun nicht mehr wegen der schockierenden Konfrontation mit nassem Kryptonit, sondern in Anbetracht ihrer unangebrachten Ausstaffierung. Durch die modisch aufgeschlitzte Jeans wehte der raue Wind bis unter den Hanfflechtgürtel um ihre Taille und auch der farbenfrohe Poncho aus nachhaltiger Lamawolle vermochte den bibbernden Körper nicht zu erwärmen. So schnell es der Mittzwanzigerin möglich war, tappte sie mit ihren abgelatschten Converse-Sneaker im Laufschritt über die menschenvolle Plattform ins angrenzende Bahnhofsgebäude. Eines war dann doch wie zuhause, der schnippische Geruch von zu oft erhitztem Fritteusenfett und verbrannten Bratwürsten begleitete jede Windböe, welche vermutlich von den hohen, erschlagenden Berggipfeln heruntergetrieben wurden und setzte sich ungut in den Stirnhöhlen fest.
In dieser ruralen Gegend gab es so gut wie keinen Herbst. Auf jeden heißen und gewitterreichen Sommer folgte eine kurze Übergangszeit und sowie die Weidetiere von den fetten Almwiesen ins Tal getrieben wurden, stellte sich gefühlt, auch schon der Winter ein. Die Vorboten waren Nächte nahe dem Gefrierpunkt und Graupelschauer, die an den hohen Bergen im Talkessel hängen blieben, sich mit kalter Alpinluft mischten und bereits im späten Oktober immer wieder für weiß gezuckerte Nadelbaumkronen und Dachschindeln sorgten.
Kurz schüttelte Daisy die Kälte von sich ab und genoss sodann die zurückkehrende Wärme der kleinen Bahnhofshalle. Ein vakuumiertes Odeur aus Chlorreiniger und Toilettenstein-Zitronenduft löste jenen des Bratenfetts ab. So einen sauberen und gepflegten Bahnhof hatte die Großstädterin noch nie gesehen. Keine Graffitimarkierungen irgendwelcher Gangs an den Wänden, keine weißen Taubenkotklekse an den Oberflächen und selbst zwischen den Fugen der Pflastersteine rang kein Unkraut um seine Existenz. An der rechten Wand, zwischen den Eingangsschiebetüren und den Damen- und Herrentoiletten hing eine große Landkarte ihres Ankunftsortes.
Es war die Kartographie des Krügelertals. Eine ehemalige bischöfliche Residenzstadt, deren dreitausend Einwohner nur von zwei Dingen genährt wurden: Tourismus und Salz. Ähnlich dem Schmelzwasser, welches aus den Bergen, durch die Talsohle in den See floss, musste auch die kontinuierliche Fließgleichgewicht von Devisen sowohl im Sommer, wie auch im Winter, die Stadtkassen füllen. Nichts schien hier nicht touristisch erschlossen zu sein. Selbst der ehemalige Bischofssitz, das heutige Stift, welches seit vier Jahrhunderten an den Anhöhen der Weißhauptkappe thronte und wachsam über die moralische Ausrichtung der Bürger im Tal wachte. Nunmehr fungierte es großräumig als Kloster und christliches Gymnasium mit Internat, beherbergte aber auch ein kleines Hotel mit kulinarisch hochgestelltem Restaurant. Ein durchgehend bespieltes Theater, getarnt als Museum mit Mönchen und Internatsschülern als Dekoration für die schaulustige Besucherschaft, die in den alten Gemäuern Bewegung und Leben beobachten wollte. Und sogar das seit fast dreihundert Jahren in Betrieb befindliche Salzbergwerk war für zahlende Besucher zugänglich. Weit hinten im Krügelertal gelegen, war es außer den urlaubsgeschmackanregenden Werbefotos in weiten Teilen des Kontinents der einzige Exportwirtschaftsfaktor.
In einer Provinz, in der mehr Gemeinde-Bürgermeister den Vornamen Josef trugen als es überhaupt weibliche Amtsträgerinnen dergleichen gab, wurde Brauchtum gepflegt, altes, unrentables Handwerk am Leben erhalten und Almwiesen klimaschädigend zwangsbeschneit, nur um der touristischen Folklore Genüge zu tun. Im Flachland erzählte an sich, wer Geld brachte, der bekam die volle Dröhnung bergiger Gastfreundlichkeit. Wer als Auswärtiger über genügend monetäre Mittel verfügte, durfte ein Seegrundstück erwerben, aber nur die Krügeler Idiome bergländischer Originale, die den kantigen Dialekt mit den harten Auslautverhärtungen perfekt über die Lippen brachten, denen war vergönnt am fetten Prügelkrapfen des ganzjährigen Reiseverkehrswesens kräftig mit zu naschen und ihre Portmonees ausreichend zu laben.
Egal ob man nun rare Parkplätze um unangemessen hohe Gebühren vermietete oder Gästebetten in allen Kategorien anbot, böse Zungen behaupteten, dass Knickerei und Kapitalvermehrung die Triebfedern jedes erwerbstätigen Handelns waren.
So kalt, dass Daisys großglasige Brille in der gutgeheizten Bahnhofshalle anlief, war es noch nicht, aber wie sie vor der großzügigen Landkarte stand und den Standort ihrer gebuchten Bleibe auskundschaftete, nahm sie die Sehhilfe ab und polierte diese mithilfe ihres fuselnden Ponchos. Aus dem unübersichtlichen und verschnörkelten Wegeverzeichnis durch die Krügeler Altstadt wurde die Neoakademikerin sowieso nicht schlau und schön langsam begann es draußen dämmrig zu werden. Eigentlich gehörte sie auch eher einer papierlosen Generation Z an, die kein Informationsbedürfnis an solchen physischen Aushängen mehr hatte. Schnell die Adresse ihrer Herberge in einen digitalen Routenplaner ihrer multimedialen Hand und Geistesverlängerung eingetippt und schon stolzierte die stolze Neoreisende hinter den blauen Pfeilen und norddeutschen Richtungsansprachen ihres Smartphones quer durch die ehemalige bischöfliche Residenzstadt.
Links und rechts des glattgetretenen Kopfsteinpflasters leuchteten bereits die Lichter der Handwerks- sowie Souvenirläden, Edelboutiquen, Cafés und Restaurants in den fahlen bergländischen Vorabend. Im Sommer konnte man zwischen Schanigärten flanieren, sich an kühlem Weizenbier und in Eissalons abkühlen. Im Winter lud der langgestreckte Christkindlmarkt mit Punsch- und Lebkuchenständen zu einem schlendernden Rundgang entlang der Fußgängerzone ein, an welcher sich die engen Gassen auffädelten und dann ineinander verwoben. Passend zu den gewerblichen Untermietern im Erdgeschoss waren die alten Bürgerhäuser in den schmalen Fachwerkbaukorridoren eine Melange aus Traditionsbauweise und Futurismus.
Die Bebauungsstruktur der Krügeler Altstadt wurde durch eine Vielzahl von Gebäudetypen mit rigoros wechselnden Bauhöhen bestimmt. Bei den zweigeschossigen Traufhäusern aus dem achtzehnten Jahrhundert wurde häufig die Mittelachse in der schlichten Putz-Fassade betont. Die bunten Fassaden waren Großteils mit Putzbändern und Stuckelementen als Fenstereinfassung gegliedert oder als Glattputzfassaden mit tieferliegenden Fensterfaschen ausgebildet. Solange es die Temperaturen zuließen stand auf jeder Fensterbank eine bunte Blumenkiste.
Kaum einen Blick war dieses prächtige Sammelsurium an opulenter Architektur bürgerlicher und klerikaler Prägung für die orientierungssuchende Neoreisende wert. Sie war eine Ausblühung der Generation Z, ein wandelnder Zwiespalt, eine dahinschreitende Abkapslung zwischen Geist und Körper. Ein, in Fortbewegung befindlicher, nur auf das Display seines Handys glotzender Smombie.
Zwar wäre die passionierte Hauptstädterin prachtvolle Bauten, sogar kaiserlichem Auftragsursprungs und in deutlich größerem Ausmaß gewohnt gewesen, aber die Gewissheit, dass es auch fernab der zentralistischen Metropole, Gebäude in Prunk und Gloria existierten, kam ihr nicht in den ignoranten Sinn.
Dennoch, eigentlich regte sie Neues an. Neues verdrehte ihr den Dreadlock-behangenen Kopf und Neues zog sie in den Bann. So gerne wollte sie die ganze Welt bereisen und entdecken. Selfies mit dem Eiffelturm, dem Hollywood-Schriftzug oder dem Taj Mahal im Hintergrund, nichts mehr als diese bildlichen Manifestierungen, es aus dem Gemeindebau dorthin geschafft zu haben, wo man hin musste, wenn man laut Medien etwas gelten wollte und nun begann der erste Schritt dorthin.
Irgendwann zeigte der Pfeil des Routenplaners nur noch geradeaus und der Smombie konnte sich mehr Blicke nach links und rechts leisten. Bald darauf blieb sie dann einfach glotzend stehen und ließ sich von den neuen Eindrücken fesseln. Sofort musste die Wanderung unterbrochen werden und ihr digitaler Kompass für Selbstaufnahmen herhalten, die folgend an Ort und Stelle auf ihren sozialen Netzwerken geteilt wurden. Endlich hatte auch sie küssende Posen mit berühmten Hintergründen aufzubieten, so wie ihre digitalen Freunde im World-Wide-Web, welche sich wie selbstverständlich vor Eiffeltürmen, Strände auf Bali und Zuckerhüten ablichteten und diese Momente mit der ganzen Onlinewelt teilten.
Die Krügeler-Fassaden mit den vielen prestigeträchtigen Schönheiten der Welt keinen Vergleich scheuen. Die Vielzahl dekorativer Elemente wie Stuckdekor, Reliefs, Gesimse, Erker, Balkone, Loggien, Eckbekrönungen und dekorative Zwerchgiebel, Dachaufbauten oder Frontispize überforderte so manches touristisches Auge und wer das erste Mal hier war, der vermochte seinem Sehsinn nicht zu trauen, welchen Reichtum die Bergbewohner aus dieser kargen Gegen zu schürfen im Stande waren. Alles mit passiver und aktiver Scheinwerfer-Beleuchtung in warmem Licht in Szene gesetzt.
Touristen waren auch in diesem Oktober zur Genüge gekommen und drängten sich mit ihren prallgefüllten Brieftaschen durch den Ort. Aber Menschenmassen war Daisy aus der Großstadt gewohnt und ebenso wenig bereitete ihr die große Palette an Fremdsprachen Unbehagen. Eher empfand sie Amüsement über das gezeigte Schauspiel: Chinesen, die sich in Lederhosen zwängten, Araber, die in diese traditionelle Welt vollends eintauchen wollten und daher obsessiv alkoholfreies Bier runterwürgten sowie übergewichtige Amerikanerinnen in kitschigen Übergrößendirndln, die keinen ihrer Schritte über das abgetretene Kopfsteinpflaster taten, ohne ein weiteres Selbstporträt von sich online viral gehen zu lassen.
Destiny Grace Nahodil fiel hier als bunter Vogel nicht auf. Mehr noch, sie fühlte sich bei ihrem fünfundvierzigminütigen Spaziergang durch das Stadtzentrum mehr wie auf einem aberwitzigen Musikfestival, als in einem alpinen Touristenhotspot. Dennoch, für einen Spaziergang war es schlichtweg zu kalt und die spätsommerliche Adjustierung war, entgegen den Bedingungen ihres Abfahrtsortes, nicht für bergländische Postuntergangszeiten geeignet.
So umtriebig die Szenerie im Zentrum, rund um das Zwiebeldach der Kirche auch war, so abrupt endete der Tumult, als die Fassaden schlichter und die Straßen breiter wurden sowie die ersten Richtungsanzeiger zu den, in Sichtweite liegenden, noch nicht im Betrieb befindlichen Skiliften, aus dem Asphalt schossen.
„Endlich“, freute sich Daisy, als ihr Handywegweiser ´Sie haben Ihr Ziel erreicht, es befindet sich auf der rechten Straßenseite´ von sich gab und den navigierenden Dienst quittierte.
Ein unscheinbares Haus auf der Hauptstraße, die das Tal entlang zum Salzbergwerk und weiter in den darauffolgenden Hauptkamm führte. Weiße Putzfassade mit Fachwerkelementen, farmgrünen Fensterläden und ab dem ersten Stock Holzverkleidung mit rundumführenden Balkonen in beiden Obergeschossen, natürlich auch mit reichlich Blumenkisten an den Geländern montiert. Schon gleich hinter dem Haus bohrte sich der nächste felsige Hang, aus dessen Kratern und Risse sich kleinwüchsige Bäume und Moos heraussprengten, in die Höhe.
Keine Rezeption, kein Empfang, nur ein Schlüsselsafe mit einem, bei der Onlinebuchung zugesandten, fünfstelligen Code, brachte sie wieder ins Warme. Lediglich ein Snack- und ein Getränkeautomat im Foyer, links neben den Treppen, waren als Angestellte dieses spartanischen Fremdenverkehrsbetriebes auszumachen. Schilder an der Decke wiesen ihr den Weg. Rechts führte eine Treppe in den Keller, wo im Winter Ski und Skischuhe gelagert werden konnten, am Pfeil nach links stand in großen Lettern ´privat´ und geradeaus gelangte man die Treppen hinauf zu den Zimmern.
Die Schlichtheit blieb sich auch im ersten Stockwerk treu. Einzig die Intarsien-verzierten Reliefs an den jeweiligen Enden der Gänge deuteten einen Hauch von dekorativem Kunstverstand des Betreibers an.
„Wie im Knast“, dachte sich Daisy enttäuscht, als sie ihre Unterkunft betrat und die quietschende, dünnwandige Sperrholztür mit aufgebügelter Furnierbeschichtung in Fichtenholzoptik zu ihrem Zimmer öffnete.
Fichtenholz wohin man blickte. An jeder Wand, an der Decke, jedes Möbelstück. Das Singlebett, der eine Stuhl am kleinen Tisch nebst des einzigen Fensters und selbst das Grätenmuster des Bodens waren aus Fichte. Einzig die Discounterduschkabine im Eck des nur fünf mal sechs Meter kleinen Raumes war aus weißem, spröden Plastik.
Für mehr hatten scheinbar die Werbeeinschaltungen des hiesigen Tourismusverbandes im Anzeigenteil ihres Arbeitgebers nicht gereicht und mehr Luxus für eine Übernachtung wollte ihre Chefredakteurin auch nicht investieren.
Hastig packte die Jungjournalisten ihr weniges mitgebrachtes Hab und Gut auf dem weißen, mit Kräutermotiven bestickten, Tischtuch mit Rüschenkanten, am kleinen Fichtenholztisch aus: Spiegelreflexkamera, Minilaptop, Trockenshampoo, Toilettentasche, Akku-Ladegeräte, Wechselwäsche für den morgigen Tag, ein kleiner tragbarer Mixer, eine große Packung Nussvariation und ein Schwamm.
Schnell war der grasgrüne Doughnut-Rucksack geleert und bevor sie in die müden Gefilde des, mit beigen Überzügen bespannten und wohlriechenden Bettes glitt, begab sie sich zur kryptonitlosen Reinigung. Schnell die neumodisch-alternative Kleidung abgestreift und schon befeuchtete sie, unter niedrigster Öffnung des Wasserhahns neben der Duschkabine, den mitgebrachten Schwamm, um ihre seidene, glatte Haut anzufeuchten, einzuseifen und wieder mit dem angefeuchteten Schwamm abzuwaschen. Die reinweißen Zähne wurden ohne Zutun des kristallklaren Nasses geputzt.
Von den vielen neuen Eindrücken überwältigt, sank sie in die sparsam abgemessene Schlafstätte und bereits wenige Minuten döste sie weg. Seit sie denken konnte, war es ihre erste Nacht, die das Gemeindebaukind nicht zuhause verbrachte.
Ob es die provinzielle Stille war, die sie sofort wegnicken ließ? Noch nie nächtigte sie in so einer völligen Dunkelheit. Immerhin führte das einzige Fenster ihrer bescheidenen Schlafresidenz zum Hinterteil der Pension hinaus und dort sah man weder das helle Sternenfirmament am Bergpanorama, die malerische, perfekt inszenierte Beleuchtung der Altstadt, noch den kleinen mäandernden Bach, der von den Gletschern, unter den drei Brücken, in den Kalvariensee floss. Nein, dort außerhalb des einzigen Fensters war nur grauer Felsen, grünes Moos und unförmige Bäumen die sich aus dem Gestein quetschten und ihr abfallendes Blattwerk am Schotterweg vor dem Pensionseingang verloren, zu bewundern.
Noch nie hörte die passionierte Großstädterin, außer dem pfeifenden Gebirgswind, der die Holzbalkone, zu denen sie keinen Zugang hatte, zum Knacken brachte, so wenig. Kein Autohupen, keine Flugzeuggeräusche im Landeanflug, kein unaufhörliches Murmeln und Plärren im elterlichen Gemeindebau-Treppenhaus und keine Straßenbahn, die vor ihren zugezogenen Schlafzimmerfensterjalousien rund um die Uhr, alle fünf bis zehn Minuten, bimmelte.
„Heil dir Farbenbruder Bärli!“
„Heil dir Cicero! Grüß Gott!“
„Kann ich dich schon so früh am Morgen telefonisch stören?“
„Gerne lieber Farbenbruder. Geht es um…?“
„Ja, es geht um die Angelegenheit in der ich dich gebeten habe nicht nur an unsere couleurstudentische Brüderlichkeit, sondern auch im Sinne der Landespartei zu intervenieren.“
„Wohl war Cicero, ich habe gestern Abend tatsächlich den Bescheid der Landesstaatsanwaltschaft bekommen.“
„Und, was steht da?“
„Keine Anklage.“
„Was für ein Glück, ich danke dir!“
„Gerne lieber Farbenbruder! Aber eines darf ich dir und deinem kleinen Tale noch mit auf dem Weg geben. Im Landtag sieht man es nicht gerne und schon gar nicht in diesem Zusammenhang, weil es nicht nur dem Tourismus und damit den Steuereinnahmen, sondern auch allen Kooperationen schadet, dass so etwas passiert!“
„Freilich Bärli, freilich.“
„Viele fragen sich, wie so etwas passieren konnte? Ich meine dieses Mädchen wurde sexuell missbraucht und ist an einer Überdosis gestorben. Wenn deine drei Aktiven auch Opfer sind, dann läuft bei euch noch ein mörderischer Triebtäter herum. Ein Mann oder eine Frau. Mittlerweile gab es so etwas auch in der Hauptstadt, nämlich, dass ein anderes Weib solche Spuren hinterlässt.“
„Nein, nein! Unsere Krügeler Weiber sind brave Geschöpfe. Keine würde sowas machen. Sie halten ihren Männern den Rücken frei und ich lege meine Hand ins Feuer, dass kein Krügeler Mann zu solch einer Tat fähig ist!“
„Lieber Cicero! Räum auf und halte dein Tal rein. In einem Jahr sind Wahlen und ich lese nur von Mord und Totschlag, von Drogen und Vergewaltigung in Krügerl am See! Das wird sich auch in den Nächtigungszahlen widerspiegeln!“
„Freilich lieber Bärli, freilich! Heil dir, vielen Dank nochmals! Auf Wiederhören.“
Eskalierend klopften die leptosomen Fingerknöchel des unnachgiebigen Schlafunterbrechers unaufhörlich gegen die dünnwandige Sperrholztür mit aufgebügelter Furnierbeschichtung in Fichtenholzoptik. Erst einmal, dann zweimal und bei jedem eskalierenden Einschlag wurde Daisy immer mehr aus ihrem Tiefschlaf gerissen. Endlich fand die Neoreisende etwas Ruhe, da wurde sie auch schon wieder in die Realität zurückgeholt. Es war eine Nacht mit schnellem Wegdämmern und einem gemütsraubenden Turnus an Albträumen und schweißgebadetem Aufschrecken. Gleich drei ihrer heilsbringenden Pillen hatte sie über die finstere Tageszeit verteilt eingeworfen und selbst als draußen bereits die Hähne zu krähen begannen und die versteckte, aber dennoch aufgehende Sonne allmählich über den Gipfeln der Weißhauptgruppe das Tal erwachen ließ, fand sie einigermaßen Ruhe.
Daisy war zwangsweise ein Nachtmensch. Sie scheute den Schlaf, weil er ihr nur Kummer und Angst brachte. Wenn alle anderen einnickten, hatte sie ihre produktivste Hochphase und mit höchstem Bedacht und penibelster Vorkehr versuchte sie für den heutigen Tag mit vollen Akkus den Grundstein für eine erfolgreiche Journalistinnenkarriere zu legen.
Aber außer den rotunterlaufenen Augen und dem medikamentös-lapidarem Schwindelgefühl nahm sie nichts aus der ersten extern verbrachten Nacht ihres jungen Lebens mit. Völlig losgelöst von Tageszeitgefühl und Orientierungssinn presste sie ihr verschwitztes Gesicht in die Matratze des Gästebettes und den beigen, bauschigen Polster auf die Dreadlocks ihres Hinterkopfes.
„Hallo? Jemand da?“ erkundigte sich eine ungut in den Ohren liegende, krächzende Männerstimme in einem Dialekt, welcher bei Flachländern nur Unverständnis hervorbrachte.
Zuerst dachte die schlappe Mittzwanzigerin es wäre wieder eine unfreiwillige Séance, wie es womöglich Jean-Philippe Roy genannt hätte, mit ihrem Schreckgespenst Albtraum, dann aber gingen plötzlich die geschmacklosen aber erschwinglichen LED-Paneel an der Fichtenholz vertäfelten Decke an und die Ruhestörung entpuppte sich als Silhouette eines schlaksigen Mannes, der Körperhaltung nach Mitte-Ende zwanzig, mit einem Bodenwischerstiel in der Hand.
„Die Zeit ist abgelaufen! Das was Sie machen ist unsozial und unvernünftig“ teilte die unbequem anmutende Stimme mit und brach dabei beim letzten Wort.
„Guten Morgen?“ quälte sich die Neoreisende nun doch aus ihrem hybriden, zwischenweltlichen Dämmerzustand auf und versteckte sich, sowohl ob der Charme im Nachtgewand überrumpelt worden zu sein, als auch um das Photoneneinprasseln des Lichtes abzuwehren, vollends unter der Decke.
Ohne weiteres Zögern, fuhr der Mann mit seiner Prozedur fort und soweit das Knarren des federnden Untergrunds es zuließ, hörte es sich an, als würde er fortwährend an einem Dauerlutscher schlecken. Routiniert zog er sich, unter zur Hilfenahme des jeweiligen anderen Fußes, seine Pantoffeln aus und stampfte inventarerschütternd über den schnarrenden Rautenmuster-Holzboden. Rücksichtlos riss er die weißen Rüschenvorhänge des einzigen Fensters zur Seite und öffnete dieses bis zum Anschlag. Sofort bahnte sich die kalte Bergluft den Weg durch das übermäßig beheizte Zimmer, welches sich nach dieser Aufrissaktion nur wenig mehr erhellte. Dem nicht ausreichend stellte sich der Eindringling, noch immer mit dem Wisch-Mopp in der Hand, unverhohlen vor das Gästebett und versuchte einen Eindruck des, sich unter der Decke versteckenden Gastes, zu erhaschen.
„Hast gestern gesoffen, Mädel? Aprés-Ski kommt erst mit der Skisaison. Jetzt aber raus, oder du zahlst nochmals das volle Nächtigungsgeld!“ schimpfte der hagere Tagwächter in kryptischem Berglanddialekt.
Mit dieser aggressiv vorgetragenen Sprachvariation gestand sich Daisy ein, sie war dem Traumland endgültig entschwunden.
„Wer sind Sie nochmals?“ fragte sie in aufhellend-dämmrigem Zustand nach und zog den behelfsmäßigen Paravent in Form einer beigen Bettwäsche unter ihr putziges Kinn.
„Ich?“, ätzte die brüchige Stimme so schroff nach, wie der moosige Felsenhang außerhalb des sperrangelweit geöffneten Fensters, „ich bin Kasimir Steininger. Und, weißt du was Osmose ist?“
Umso lauter und kantiger die Satzenden wurden, desto mehr zog Daisy die Decke vor die Dreadlocks. Eigentlich ließ sie sich so einen Umgang mit ihr nicht gefallen und schlug für gewöhnlich wortgewaltig zurück, aber vor dem schmalen, welschen Singlebett in einer fremden Stadt und einer Ausnahmelage, welche Schlaflosigkeit, Aufgeregtheit und eine kräftige Melange an Malaise implementierte, war ihre Standardreaktion gewissermaßen schaumgebremst. Der übermäßige Pillenmix in ihrer nervösen Nervatur schwankte von beschwipst aufgeregt bis schlaftrunken.
„Was? Osmose? Ähm …“, zog die Neoakademikerin die besprochene Denkzeitaufschiebung in die Länge, „das ist doch dieser Konzentrationsaustausch bei den Pflanzen. Eben wie Pflanzen essen.“
„Halbwegs vernünftig. Bitte checke dann im Foyer aus“, nickte der Friedenstörer beifallend, schlüpfte, ohne weiteres Wort, aber heftig scheitelrichtend, in seine grünen Krokodil-Kunststoff-Pantoffeln und schloss die dünnwandige Sperrholztür mit aufgebügelter Furnierbeschichtung in Fichtenholzoptik mit jener Zärtlichkeit, welche er beim Eintritt missen ließ, hinter sich.
Perplex aber durch diesen unorthodoxen Überfall aufgerüttelt, sprang Daisy auf und kleidete sich in Rekordtempo an. War das in Hotels und Pensionen Standard? Die Neoreisende wusste es nicht. Verdutzt und zugleich erbost stopfte sie all ihre Habseligkeiten in den Rucksack, hing sich die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellte Spiegelreflexkamera um den kurzen Hals und für gewöhnlich stand nun, wie an jedem Morgen, ein prüfender Blick auf ihre Social-Media-Accounts auf dem Programm. Dafür war heute keine Zeit.
„Was nach zehn Uhr schon?“ stockte der Jungjournalistin der kalte Atem im überbelüfteten Zimmer.
Da bekam sie die große Chance eine ausgefallene Kolumnistin zu ersetzen und nun verschlief und vertrödelte sie die Gelegenheit auf die Story ihres bisherigen kurzen Berufslebens. Ihre Handgriffe wurden mit jedem Griff panischen und unkoordinierter. Destiny Grace Nahodil gehörte zu jenem Taxon Personen, die ihren Tag perfekt planten, diesen terminlichen Pfad aber bei der geringsten Imponderbilität über Bord warf und wenn unter indirekter Anwendung von Emotionen nicht ganz genau ersichtlich war, was ihr Gegenüber nun fühlte, dann war sie aufgeschmissen. Auf nichts anderes war ihr Gehirn getrimmt, als das Kategorisieren und die Rekognoszierung anhand von Emojis und nach oben zeigende Daumen. Selbst über ihre eigene vakuumierte Gefühlslage schwelgte oft eine Käseglocke der reflektieren Unbedarftheit.
Nachdem die medikamentöse Gemütsaufputschung massenhaft aus dem untersetzten Körper transpiriert wurde, legte sich allmählich die synthetisch herbeigeführte Freuden- und Nihilismus-Wirkung des zwiespältigen Gemüts und es näherte sich wieder dem melancholischen Standardmodus an. Sich diese Behandlung gefallen lassen? Lauthals dagegen demonstrieren? Dafür hatte die wasserscheue Daisy keine Zeit und Nerven. Ungewaschen und hektisch stürmte sie die knarrenden Holztreppen hinunter, wo der ruhestörende Kasimir Steininger schon auf seinen Aus-Check-überziehenden Gast wartete. Als wäre er mit dem Wisch-Mopp verwachsen, so fest hielt er diesen noch immer in seinen dürren Händen. Zwar konnte man in der Pension ´Gamsige Geiß´ auch ohne Zutun von Personal die Abreiseformalitäten erledigen, es reichte ein Einwurf des Schlüssels in den versperrten Sammelbehälter, aber niemand hatte hier die zustehende und bezahlte Ruhezeit zu stören oder zu überziehen.
Eine frische Böe an ungebändigter Hochgebirgsluft mit einem Hauch muffigen Moosaromas blies durch die offenstehende Eingangstüre ins Foyer. Auch von dort drang nur wenig Tageslicht in das Gebäudeinnere ein, aber die wenigen LED-Spots an der Holzbalkendecke gaben die Wesenszüge der darunter befindlichen Personen ausreichend wieder.
Kasimirs zusammengezogenes Zitronengesicht mit den zugeknöpften Pflaumenaugen gab eine ständige, monotone Missmut an sein Umfeld ab. Umso mehr versank sein ständig, mit den abgebissenen Fingernägeln, zurechtgerückter Mittelscheitel und die unter Dauerschlecken stehende Oberlippe in ein perplexes Gesichtsrunzeln, als der Besucher aus der fernen Hauptstadt ins Licht trat. Diese untersetze Person, mit dem runden Gesicht, in dessen Mitte eine viel zu großglasige Brille saß, der unkonventionellen Frisur, dem farbenfrohen Poncho und der gelben Baggiehose über das gebärfreudige Becken gezogen, ließen bei dem hageren Hotelier die Mundwinkel nach oben wandern. Aus Freude mit einer Brise Charme oder aus Häme, es war ihr nicht möglich das Schmunzeln zu deuten.
„Ich schau bei Mädels immer zuerst auf die Oberschenkel. Fester ist besser“, presste sich der infame Chauvinismus mit puerilem Beigeschmack, unverfroren zwischen seinen Hasenzähen hervor, „manche auf die Töpfe, aber sowas mache ich nicht!“
Die peinlich berührte Mittzwanzigerin wusste nicht, wie ihr geschah. Eigentlich gab sie in so einer Situation nun ordentlich argumentativen Gegenstoff, aber gegen einen Disput mit diesem undefinierbaren Bergländer, in Flanellhemd und Schlabberhose, sprach die Zeit. Neben der kaum verständlichen Sprachvariation ihres Gegenübers war nur das schnöde Surren der Snackautomaten im Foyer zu hören. Aber die aufreibende, antreibende und vollends innervierende Stimulation der inneren Hast klang von außerhalb des alten Holzhauses, vorne von der Hauptstraße.
„Ich brauche bitte eine Rechnung und muss dann auch gleich weg“, übertünchte die Freizeitaktivistin jeglichen Anfall von feministischem Revanchismus.
„Eigentlich muss ich zwei Tage verrechnen. Um zehn Uhr muss man aus dem Zimmer sein“, pochte der hagere Hotelier mit dem Wisch-Mopp-Stiel gegen den Boden, um seine Forderung zu untermalen.
„Na hören Sie mal …!“ echauffierte sich Daisy und konnte einfach nicht aus ihrer gerechtigkeitseinfordernden und konfrontierenden Art ausbrechen.
„Passt schon. Du musst eh nur eine zahlen. Für dich mache ich eine Ausnahme. Du Mädel“, lachte der beschwipst wirkende Bergländer hemmungslos, während er sich seinen Rechtsscheitel in ständig gleicher Abfolge über seine kurze Stirn strich und die Zunge immerwährend über die Oberlippe gleiten ließ.
Soweit war dieses repetierende Prozedere schon gediegen, dass sich ein Epidermis-aufreißender, rötlicher Rand über seiner Oberlippe etablierte und seinen Amorbogen optisch vollends in sein schmales, aber indiskretes Mundwerk integrierte. Die Aufklärung, warum dieser provinzielle Bettvermieter überhaupt mit ihr per Du war oder auf was hinaus wie er sich heraus nehmen konnte sexuelle Anspielung ihr gegenüber zu machen, musste sie selbstbeherrschend zur Seite schieben. Alles was zählte war nun jene Angelegenheit, zu deren Protokollierung sie hierher geschickt wurde.
„Gut. Bitte die Rechnung“, gab sich die Jungjournalistin für einmal in ihrem Leben einsichtig einer verbalen Konfrontation aus dem Weg zu gehen. In ihrem wirr zusammengestopften Doughnut-Rucksack kramte sie nach einer Visitenkarte ihres Arbeitgebers, konnte aber keine finden.
„Wie lange ist heute jemand hier, der eine Rechnung ausstellen kann?“ fragte sie nach, als die Möglichkeiten eines positiven Suchergebnisses sanken und gleichsam Aufregung und Resignation stiegen.
„Ich bin immer hier“, zeigte sich Kasimir amüsiert und deutete mit dem Stiel seines Wisch-Mopps auf die Tür links des Eingangs mit der Aufschrift ´privat´.
Die für die hauptstädtischen Ohren fast unverständlichen Artikulationsfetzen mit den entfremdenden Mutationen der Buchstaben ´K´ und ´S´ hörten sich für das Gemeindebaukind so befremdlich an, dass all ihre Konzentration in Anspruch genommen wurde. Für die Neoakademikerin brachte dieser Dialekt jeden Sprecher und Hörer, als Spracherben Goethes und Schillers, gleichermaßen in moralischen Misskredit.
„Danke“, quälte sich Daisy ein krummes Lächeln ab und trabte mit dem Rucksack am Rücken und der Spiegelreflexkamera am Brustbein ins Freie. Beide Anhängsel klopften gegen ihren nervösen Körper und trieben ihr Fortkommen in der feuchtkalten Gebirgswetterlage genauso voran, wie eine oszillierende Panik, welche sich vom Genick aus, über ihre ganze hetzende und untersetzte Statur ins Grassieren brachte.
Einmal um das halbe Haus herumgelaufen, fand sie sich in den Ausläufern einer in Auflösung befindlichen Menschentraube, an den Rändern der abgesperrten Hauptstraße.
„Wo sind die Kühe?“ schnaufte sie erschöpft einen der Passanten an.
„Na, in welchen Farbtopf bist denn du gefallen?“ spottete der breitgebaute Mann und umgriff beide Träger seiner Lederhose, sichtlich um die herausgestreckte Wampe noch besser zur Geltung kommen zu lassen.
Daisy senkte ihren Blick und musterte ihre gewohnt farbenfrohe Adjustierung, um dann wiederum den ihren frechen Diskutanten zu beaugapfeln. Die braune, verschlissene Dreiviertellederhose und der grüne Loden-Janker mit Hirschgeweihknöpfen spiegelten nicht gerade ihren Modegeschmack wieder. Noch bevor die Freizeitaktivistin zu einem gewohnt verbalen Gegenschlag ausholen konnte, beantworteten die gesuchten gehörnten Objekte der Begierde mit einem lauten Muhen, alle weiterführenden Fragen. Im wieder aufgenommenen Laufschritt setzte die hetzende Jungjournalistin ihr außernatürliches Joggingprogramm stadteinwärts fort. Die Zuschauergruppen hinter den beidseitigen Straßenabsperrungen und die Bebauungsdichte der Gebäude wurden immer gedrängter. Rinderfladen säumten die gesperrte Hauptstraße und rangen der sehnenverkürzten Großstädterin zusätzlichen noch einen Hürdenlauf ab. Von Weiten waren Kuhglocken und eine laut aufspielende Blasmusikkapelle zu hören. Endlich, als der Asphalt einem Kopfsteinpflaster wich und die lichte Häuseranordnung an der Hauptstraße in prächtige, geschlossen bebaute Häuserfronten überging, sah sie von hinten jene Prozession, für welche sie hierher kommen durfte.
Inmitten der Barriere-Gitter, auf einem flankierten Korridor aus Dungbatzen und Blütenresten, der normalerweise nur den Hauptdarstellerinnen und deren liebsten Menschen als Ehre zu Teil wurde, brauste Daisy mit der schlackernden Kamera vorm Oberkörper, wie bei einem Marathonzieleinlauf ihrer Story entgegen. Für wedelnde Kuhschwänze mitsamt pendelnden Hinterteilen von Rindern wurde sie von ihrer Chefredakteurin nicht entsandt. Irgendwie musste sie an den Tieren vorbeikommen. Durch die Herde an die Front? Nein, das traute sich die tatkräftige aber tierfremde Daisy dann doch nicht. In der heimischen Großstadt waren die einzigen Wildtiere alles verdreckende Tauben. Dazu gab es noch eine geringe Anzahl von Gassi geführten Hunden und freiraumverbannten Wohnungskatzen. Weder hatte sie je solch ein Tier berührt, noch hatte sie es vor.
Links und rechts hätte sie erst über die brusthohen Absperrungen klettern und sich durch die Schaulustigen drängen müssen, um ganz nach vorne, zum Herdenanfang zu gelangen. In diesem begrenzten Korridor versperrten ihr die hintersten Tiere den Durchgang. Verzweiflung machte sich in ihr breit, aber als sie ihr Tempo verminderte und knapp vor dem Aufschluss an die Herde war, stellte sich ein Koloss von Menschen zwischen sie und ihr Ziel.
„Halt!“ schrie der übergewichtige Mann, die sich an ihren Knien abstützende und schnaufende Mittzwanzigerin, an.
Diese Sportpause kam ihr an sich nicht unrecht, allerdings trabten ihre Fotomodelle wieder weiter weg.
„Bist du deppert? Go biheind se bärrier!“ schimpfte der aufgeplusterte Uniformierte mit raucherhustenbegleitender Stimme.
Wüst packte er Daisy unterm Arm und zog sie durch eine Öffnung zwischen den verzinkten Zaun-Absperrelementen, in die raunende und via Smartphone-Kameras alles festhaltende Menge.
„Nicht, ich bin Journalistin“, schrie sie hysterisch und schlug widerspenstig um sich.
„Aha, sprichst eh unsere Sprache. Schön für dich. Tschüss und Gott zum Gruß!“
Kein Entrinnen aus den kräftigen und barsten Händen des beleibten Gendarmen, der sie genau an jenen Exekutivbeamten memorierte, der sie einst bei einer ausartenden Demonstration für die Liberalisierung von Adoptionsrechten für gleichgeschlechtliche Paare aus der skandierenden Menge zog und die damals halbstarke Minderjährige bei ihren Eltern ablieferte. Ebenso legten sich seine Ausdünstungen aus einem Bouquet von Schweiß, Spritzwein und Zigarettenqualm in Daisys breite Nasenflügel und füllten ihr aufbrausendes Gemüt in der bergländischen Ferne, mit heimatlichen Gefühlen und Erinnerungen an ihren liebevollen Vater.
Die grundfröhliche und heitere Stimmung ihrer Umgebung konnte sie nicht teilen. So nahe und doch so fern war sie ihrem Ziel gekommen. Was würde sie ihrer Chefin nun senden, außer Fotos vom falschen Ende der Veranstaltung? Welchen Artikel sollte sie ihr verfassen? Die gesamte Veranstaltung ging an ihr vorüber und nur, weil sie medikamentös unterstützt, nicht aus ihrem Gästebett aufkam und den Handywecker nicht hörte. Eigentlich hätte sie dem idiosynkratrischen Kasimir Steininger noch danken müssen, dass er sie, spät aber doch, so sehr aufwiegelte. Sprichwörtlich sah sie nun ihre Felle davonschwimmen. Aber mit Wasser wollte Daisy ja nichts zu tun haben, daher wäre die Determination davonwaten passender gewesen.
Die Rinderprozession trabte stringent hinfort und das Quetschen durch die Zuschauer ging nicht schnell genug voran, um vor die Herde zu gelangen. Die Lage war einfach aussichtslos. Aber es wäre nicht Destiny Grace Nahodil gewesen, würde sie nicht genau in solchen Situationen ihr Kämpferherz in Gebrauch bringen. Sie tauchte sich im Besucherstrom stadteinwärts voran, obwohl alles was mit Wassersport oder einer Betätigung in diesem Aggregatszustand zutun hatte nicht ihrem Wortschatz entsprang. Während Touristen, Einheimische und anderen Besucher genüsslich zum Hauptplatz und damit zum Ende des Spektakels schlenderten, machte die ambitionierte Jungjournalistin so viele rempelnde und unpopuläre Meter wie nur möglich.
Ellbogen, die Spitzen ihrer Converse-Sneaker, ihre Handflächen, alles benutzte sie, immerwährend mit einer Entschuldigung auf den Lippen, um sich vorzudrängen, bis das Bad in der Menschenmasse ein Ende fand. Wobei man baden in Daisys Fall nicht als passende Paraphrase verwenden sollte.
Am kleinen, mit Pflastersteinen ausgelegten Hauptplatz, mit der Pestsäule in dessen Mitte und umrahmt von prachtvollen Bürgerhäusern in gotischem und barockem Gepräge umrandet, verstummten die drängelnden Abbitten. Unter dem, zur christlichen Moral mahnenden Zwiebeldach der St. Josephuskirche, reihten sich die bunt geschmückten Kühe sowie ihre Senner auf und wurden vom Bürgermeister von Krügel am See und dem Abt des Stiftes, vor dem Rathaus, in Empfang genommen.
Zwischen Salzamt und Kirche stand das prachtvolle Bürgerrathaus mit seinem oxidierten, türkisen Kupferblechdach und der bunten Schaufassade aus reichem plastischem Bildschmuck mit allegorischen Figuren, Wappenfriesen und Bischofsfiguren. Auch an diesem säkularisierten Gebäude der ehemaligen bischöflichen Residenzstadt durfte das klerikale Einwirken auf jede Sphäre des bergländischen Lebens nicht fehlen. Hier endete die einzige, nicht-christliche Prozession des Jahres und der, für einen Großteil der Flachländer, eigenwillige Menschenschlag der Bergländer kam zusammen und gab sich der alljährlichen Völlerei hin. Nicht wenige Zeitgenossen gab es, die behaupteten, das man hier offenherzig und weltoffen war, wenn es um Geldvermehrung ging, allerdings stur und unbeugsam agierte, wenn es die föderale Freiheit und die alteingesessenen Traditionen betraf. Christlich, fromm und nächstenliebend zu jedem, wenn er zu ihrem Vorteil gereichte. Denn mit Tradition ließ sich Geld machen. Einst Salz, heute Schnee und immerwährend Lederhosen sowie Milchprodukte. Zusätzlich wurde jedes, noch so sehr konfessionelle Märchen, kommerziell ausgeschlachtet. Jeden Monat ein touristisches Highlight und was im Dezember der weitbekannte Christkindlmarkt war, stand in jenem Oktober als Almabtrieb im Fremdenverkehrsführer.
Nur wenn alle Tiere einer Alm vollzählig und gesund aus dem Almsommer wieder kamen, wurden sie für ihre Rückkehr ins Tal geschmückt. Kränze aus Tannengrün, bunten Bändern, Glocken um den Hals, Spiegeln und Alpenblumen zierten dann die buntgefleckten und eintönigen Kühe. Je nach Anzahl der Paarhufer, die von einem Senner den Sommer über betreut wurden, dauerte das liebevolle Verschönern bis zu fünf Stunden.
Alles für die Tradition in Krügerl am See und alles für den kitschigen Kommerz. Der Almabtrieb in der ehemaligen, bischöflichen Residenzstadt zählte zu den prächtigsten in der ganzen Region. Bis zu vierhundert Kühe und Jungtiere kehrten von den zahllosen Almwiesen zurück in die Winterquartiere nahe dem Kalvariensee, begleitet von zünftiger Musik und den bewundernden Blicken der Einheimischen und Gäste.
Beim Abschlussfest am Hauptplatz konnten die Besucher dann selbst die Sense dengeln und den künstlich aufgelegten, langhalmigen Rollrasen damit mähen, Rechenzähne schlagen oder sich beim Basteln von ´Almboschen´, also den bunten Kopfschmuck für die Kühe, versuchen. Dazu lieferte ein ´Musikantenhoagascht´ zünftige Stimmung mit echter Volksmusik und Marktstände priesen die überteuerten Produkte der Region an und saugten wie Staubsauger die Devisen der ausländischen Gäste in ihre Kassen. Milchspezialitäten, Produkte aus Salz, Seifen, Kerzen, Holzschnitzereien und alles, was noch in den Stereotyp des Gebirgsparadieses passte.
Lange hatte die Jungjournalistin keine Zeit in diese fremdartige und so berauschende Welt abzutauchen und selbst ihre touristischen Gelüste auszuleben, denn immerhin hatte sie noch immer keinen brauchbaren Schnappschuss vor die Linse der ausgefassten Spiegelreflexkamera ihres Arbeitgebers bekommen, geschweige denn Informationen für einen kleinen Begleitartikel eingeholt.
Bereits die vollentfaltete Mittagssonne stand am wolkenlosen Himmel über dem Kalvariensee und warf ihren erhellenden Schein, vom Hauptkamm aus, in das langgestreckte Tal. Das Gedränge rund um die Pestsäule wurde immer zänkischer. Die Veranstalter hatten schnelles Mitleid mit den geschmückten Tieren und führten die nervös werdenden Wiederkäuer vom Trubel weg, in ihre endgültigen Winterquartiere unten am See. Ihre fremdenverkehrstechnische Aufgabe hatten sie für heuer erfüllt.
Man konnte Daisy keinerlei Unwillen nachsagen, sie versuchte es von allen Blickwinkeln und Stellungen aus, aber kaum eine blitzunterstützte Momentaufnahme wollte etwas werden. Entweder die Sonne stand nicht gut oder der Körperteil eines Passanten war im Weg. Schlussendlich aber verschwanden die abgetriebenen Tiere wieder hinter einer weiteren, provisorisch aufgezogenen Barriere und nur noch das Muhen und das Glockenläuten verschwand in den schmalen Gassen der Innenstadt. Wenn man bei dem kapitalistischen Vermehrungsprozess hinter der traditionellen Schaupackung noch eines anmerken musste, dann, dass jeder Beteiligte nichts über das Wohl von Tieren stellte. Nutztiere. Man hatte, aus welcher Motivation auch immer, ein Herz für Nutztiere und so wurde den aufgetakelten Paarhufern keine Sekunde länger zugemutet diesem Jahrmarktstreiben beiwohnen zu müssen.
Die gärende Großstädterin war verzweifelt: „Bitte, bitte!“ wimmerte sie jene Sicherheitskraft an, welche die Absperrgitter hinter der letzter Kuh schloss, „ich bin Journalistin. Ich brauche noch Fotos.“
„Haben Sie einen VIP-Pass?“ antwortete der Leiharbeiter im Bodyguard-Outfit.
„Nein. Ich brauche doch nur Fotos. Sind hier alle so schwere Persönlichkeiten wie Sie?“ begann das Gemüt der bis dato zurückhaltenden Mittzwanzigerin zu brodeln, ehe es regelrecht explodierte, „seit ich hier angekommen bin sind alle unfreundlich und abwertend. Was ist mit euch Schluchtenscheißer denn los?“
Dieser hochnäsige, nach der Sprache ausgedeutschte und oberlehrerhafte Ton aus ihrem spitzzüngigen Mundwerk lag dem neuprofessionellen Bauwerks- und Zonenschützer in seiner Formulierung und Betonung derart befremdlichen in den sonnenbrillenstützenden Ohren, dass er seine abwehrenden Gesten umso heftiger intensivierte. Ein verzweifelter Gefühlsausbruch stieg der Neoreisenden ins grimmige Gesicht und sogar als die eine oder andere Träne ihre glatten Backen hinunterliefen deutete er sie solle wieder zurück zur Veranstaltung gehen und ihn nicht weiter belästigen.
Die salzigen Tropfen liefen von Daisys dunklen Augen, über die ausgeprägten Wangen, bis hin in die Winkel ihrer voluminösen Lippen. Niedergeschlagen und von sich selbst enttäuscht, sank sie in einer engen Seitengasse auf einer Hauseingangstreppe zusammen und überlegte, was sie jetzt unternehmen sollte, um den Kollateralschaden an ihrer, bis jetzt kurzen Karriere, auszumerzen. Das wirrende Raunen und das unaufhörliche Aufspielen der heiteren Blasmusikkapelle am Hauptplatz, nur einen Häuserblock weiter, standen in der zugigen Gebirgsatmosphäre stark im Kontrast zur sorgenvollen Befindlichkeit in des Gemeindebaukindes Seele.
Foto für Foto klickte sie auf dem kleinen Display der Spiegelreflexkamera durch, aber ein passendes war einfach nicht auszumachen. Die überfrauenden Emotionen schlierten zu einem Strom an Nasensekret in ihren Mund hinab, wo er sich mit dem bitteren Augennass vermengte. Insgeheim hatte sie sich doch schon so sehr auf den Stolz ihrer Eltern und die positiven Bekundungen im Internet, über ihren ersten Beitrag im Ramschblatt ihres Arbeitsgebers gefreut und nun Endstation? Was blieb war, Desillusion und ein leerer Magen. Daisy beschloss, bis sie einen Plan B ausgetüftelt hatte, die Spiegelreflexkamera ihres Arbeitgebers wieder im Rucksack zu verstauen und erstmals zu speisen.
