Mord im Belvedere - Gabriela Bürgi - E-Book

Mord im Belvedere E-Book

Gabriela Bürgi

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Beschreibung

Das ehrwürdige Grandhotel Belvedere schließt für immer – doch bevor die Lichter ausgehen, stirbt ein Stammgast unter mysteriösen Umständen. Staatsanwältin Marina Morat wird gerufen und stößt auf ein gefährliches Geflecht aus Vergangenheit, verletztem Stolz und tödlichen Geheimnissen. Doch wie klärt man einen Mordfall auf, wenn fast alle Verdächtigen gute Lügen erzählen können? »Das Krimi-Debüt einer Schweizer Staatsanwältin: Authentisch, atmosphärisch, abgründig – und so real wie das wahre Leben.«

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gabriela Bürgi

Mord im

­Belvedere

Ein Fall für Staatsanwältin Marina Morat

1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

©️ copyright by

Riverfield Verlag GmbH

Vorderbergweg 1

4153 Reinach BL, Schweiz

[email protected]

www.riverfield-verlag.ch

GPSR verantwortliche Person in der EU

PROLIT Verlagsauslieferung GmbH

Siemensstraße 16, 35463 Fernwald

Lektorat, Layout & Satz: Buch&media GmbH, München

Umschlag: Riverfield Verlag (created with generative AI)

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck (D)

E-Book Programmierung:Dr. Bernd Floßmann. ihrtraumvombuch.de

ISBN Print 978-3-907459-31-7

ISBN E-Book 978-3-907459-32-4

Für Elena

1

31. Oktober, 18:55 Uhr. Der letzte Tag der Saison. Der letzte Tag überhaupt. Normalerweise würde der Duft von Zanderfilet, gedämpftem Blumenkohl und Pommes Rissolées in die Hotelhalle dringen. Und wenn man die Ohren spitzte, wäre das Klirren der Pfannen und des Geschirrs hörbar.

Doch jetzt ist alles still und leer. Lukas seufzt. Vor sechsunddreißig Jahren hat er das Grandhotel Belvedere zum ersten Mal betreten. Rina, die Besitzerin, damals jung und temperamentvoll, hatte ihn wie einen alten Freund begrüßt. Als wäre es gestern gewesen … Unzählige erwartungsvolle Gäste empfingen sie. Dutzende flinke Kellnerinnen, emsige Raumpfleger sowie Musikerinnen, deren Klänge die Abende verzauberten, sahen sie kommen und gehen. Ja, von festlichen 1.-August-Feiern über märchenhafte Hochzeiten bis hin zu rauschenden Junggesellinnenabschieden hatten sie alles erlebt.

War es wirklich vorbei? Würde sich Rina nicht doch noch umentscheiden und am 1. April die Türen wieder öffnen? Wie oft hatten sie am 31. März die letzten Schneemassen vom Eingang geschaufelt, während im Inneren des Hauses die Zimmermädchen die Räume durchlüfteten, Staub wischten und die Betten frisch bezogen! Und wie sehr er sich jeweils freute, wenn nach fünf dunklen Monaten wieder Leben ins Belvedere zurückkehrte.

Die Winter waren stets kalt und einsam. Er war nicht nur Manager, sondern auch Hauswart des Hotels. Alle drei bis vier Tage – je nach Wetter – fuhr er zum Belvedere hoch, um zu prüfen, ob die Heizung funktionierte und sonst alles in Ordnung war. Des Öfteren hatte er von seinem Vierradantrieb alles abverlangt, um die Schneemassen zu überwinden. Und unzählige Male hatte er Blut geschwitzt, wenn er auf der Rückfahrt immer schneller wurde, obwohl er, wie in der Fahrstunde gelernt, die Bremse stets leicht antippte. Manchmal kam er nicht umhin, mitten auf der Strecke die Schneeketten zu montieren. Seine Finger wurden dabei klamm, und seine Füße fühlten sich an wie Eisklumpen. Aber stets hatte er es nach Hause geschafft. Nie hatte er im Winter eine Nacht im Belvedere verbracht. Ein leeres Hotel auf einem einsamen, schneebedeckten Berg – nein, Lukas steht nicht auf Horrorfilme. Seine Anna zum Glück auch nicht. Viel lieber kuscheln sie sich sonntags aufs mittlerweile abgewetzte Sofa und leeren eine Flasche Rotwein zu einer italienischen Komödie. Annas Lachen wird dann allmählich zu einem Schnarchen, und so lachen schließlich beide, bis ihnen die Tränen kommen.

In zwei Monaten wird er einundsechzig. Zu jung, um pensioniert zu werden. Aber zu alt, um nach so langer Zeit etwas Neues zu beginnen. Immerhin wird er weiterhin als Hauswart zum Belvedere schauen, solange es nicht verkauft ist.

Drei Interessenten sind vorhanden. Sie alle wollen das Gebäude von Grund auf sanieren, Wände herausreißen und die Zimmer in Ferienwohnungen verwandeln. Wenn etwas bitter nötig ist, dann noch mehr Zweitwohnungen in den Bergen. »Zweitwohnungsbesitzer sind die Heuschrecken der Alpen«, hatte Rina stets gesagt. Welch Ironie. Über Jahre hatte sie versucht, eine Nachfolge für den Hotelbetrieb zu finden. Doch es fand sich niemand. Das Belvedere ist zu weit vom nächsten Skigebiet entfernt, und die Straße ist zu steil und eng. Nicht einmal der große See vor dem Hotel kann über die Schwächen hinwegtrösten – sein Wasser bleibt selbst im Hochsommer kühl und wird selten wärmer als sechzehn Grad. Auch die Zimmer hätten längst eine Auffrischung verdient. Doch allein mit einem Betrieb in den Sommermonaten ließen sich die Kosten kaum decken, darin sind sie alle einig. Und sie haben recht.

Mehrmals hatte er die Rechnung für sich selbst aufgestellt, mit der leisen Hoffnung, dass sich der Traum eines Tages doch erfüllen könnte. Es war stets sein sehnlichster Wunsch gewesen, das Belvedere zu übernehmen. Doch obwohl er inzwischen genug gespart hatte, um auch nach seiner Pensionierung gut zu leben, würde es nie reichen für das Belvedere und schon gar nicht für die notwendigen Sanierungen. Außerdem ist Anna strikt dagegen. »Damit du noch öfter Nächte da verbringst und ich im Winter jedes Mal, wenn du dahinfährst, tausend Tode sterbe?!« Ja, Anna ist eine Dramatikerin. Aber sie hat recht. Während der Saison schlief er tatsächlich selten zu Hause. Zu lang die Arbeitstage, zu steil und eng der Weg für eine nächtliche Heimfahrt. Darüber hinaus verbrachten Rina und er in den letzten Jahren immer mehr Zeit mit den Stammgästen, tranken ein Glas Wein und plauderten bis in die späten Abendstunden hinein.

Ob sie schon schläft, die gute alte Rina? Vor zwei Wochen wurde sie neunundsechzig, und die Gicht wird zusehends zur Last. Sie will nicht nur ihren Winter, sondern auch ihren Sommer im Süden, genauer gesagt auf Madeira, verbringen. Ist ihr nicht zu verübeln. Im Winter wäre Lukas auch gern an einem wärmeren Ort. Keine triefende Nase, keine klammen Finger … Anna hätte bestimmt ebenfalls nichts dagegen. Auch nach über vierzig Jahren hat sie sich noch nicht an den hiesigen Winter gewöhnt. Unter neun oder zehn Grad sei es in Palermo, ihrer Heimatstadt, nie geworden, sagt sie stets. Trotzdem möchte sie nicht zurück. »Alles, was ich dort finde, ist Müll – und die Mafia. Meine Familie ist hier in der Schweiz.« In der Tat leben ihre Mutter, die im nächsten Jahr neunzig wird, und ihre Schwester sowie ihre beiden Nichten im Nachbardorf. Sie sehen sich fast jeden Tag. Dafür nimmt Anna die kalten Winter gern in Kauf. Unter ihrem Daunenmantel trägt sie dann einen dicken Wollpullover, und mit der Mütze und dem Schal sieht sie aus wie ein Pinguin.

Die Standuhr schlägt sieben. Zwei Gäste würden noch einchecken. Herr und Frau von Arx. Lukas hatte Marco von Arx öfter im Belvedere gesehen, als ihm lieb war. Bisher war Marco jedoch nie mit seiner Frau, sondern stets mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Assistentin da gewesen. Er schätzte die Diskretion im Belvedere und zahlte meist im Voraus, immer in bar, sodass sie am folgenden Morgen in aller Herrgottsfrühe wieder verschwinden konnten. Beim Frühstück hatte er die beiden nie gesehen. Dafür bestellten sie öfters Champagner in ihre Präsidentensuite – eine Dienstleistung, die das Belvedere selbstverständlich anbietet. Oder besser gesagt anbot. Die Küche war seit heute Mittag geschlossen, doch leergeräumt würde sie erst morgen. Das Gleiche galt für den Weinkeller.

Eine Flasche Champagner würde er Herrn von Arx und der armen Gattin aber wohl noch verkaufen dürfen.

Die Glastür bewegt sich. Die Meyers sind zurück vom Abendessen. Sie waren bereits gestern angereist. Als Stammgäste und mittlerweile gute Freunde von Rina wollten sie bis zum bitteren Ende im Belvedere bleiben. Bis in die frühen Morgenstunden waren sie heute zusammengesessen, die Meyers und Rina, und hatten über vergangene Zeiten geplaudert. Leider musste Rina heute Mittag nach Hause fahren. Offiziell wegen eines Arztbesuchs. Inoffiziell fiel es ihr wohl zu schwer, mitanzusehen, wie sich die Türen des Belvedere für immer schließen.

»Willkommen zurück, Frau Meyer, Herr Meyer. Ich hoffe, Sie haben gut gespeist.«

»Lukas, wie lange kennen wir uns nun schon? Zwanzig Jahre?« – »Dreiundzwanzig Jahre, Liebling, erinnerst du dich nicht, wir feierten da doch unseren zehnten Hochzeitstag.« – »Oh ja, meine Teuerste, und ob ich mich erinnere. Als wäre es gestern gewesen … Aber wir sind vom Thema abgekommen, Lukas, bitte, für dich sind wir Robert und Charlotte. Oder, Teuerste?« – »In der Tat, Liebling. Also, Lukas, dürften wir Ihnen … oder, wenn das in Ordnung ist, dir … ein Glas Wein anbieten? Wein gibt es doch noch, auch wenn die Küche schon geschlossen ist, oder?«

»Selbstverständlich ist das in Ordnung. Der Weinkeller ist in der Tat noch nicht geleert. Zwei Gäste werden noch einchecken, aber das wird wohl zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Uhr werden. Ich gehe mal in den Keller. Sie … ihr mögt Rotwein, eher schwer, Syrah, Terre Noir, am liebsten aus der Cote du Rhone, oder?«

»Lukas, dein Gedächtnis werde ich vermissen! Liebend gern, sofern du so was findest. Andernfalls darf es auch mal eine andere Rebsorte oder Region sein. Und die zwei Gäste … redest du etwa von Herrn von Arx? Diesem Proleten? Verzeih meine Wortwahl.«

»Offiziell darf ich nichts sagen, aber ich dementiere deine Vermutung keineswegs.«

Langsam schreitet Lukas die steile Steintreppe hinunter. Nur nicht fallen. Die Treppe wäre ein perfekter Tatort für einen Krimi. Ein leichter Stoß, das Opfer stürzt, schlägt mit dem Kopf auf eine Stufe auf und kommt dann im Kellergeschoss zu liegen. Er erschaudert. Wenn Anna von seinen Gedanken wüsste … schelten würde sie ihn. Zu Recht. Das Leben ist nun mal kein Kriminalfilm.

Immer leiser werden die Stimmen der Meyers. Schließlich erreicht er die schwere Holztür und öffnet sie. Ein kühler Luftzug weht durch den Weinkeller. Lukas greift nach der letzten Flasche jenes Rotweins, den die Meyers zu ihrem Abendessen präferierten.

Als er die Mitte der Treppe erreicht hat, vernimmt er Stimmen. »Robert, du solltest dich selber hören!«

»Für Sie noch immer Herr Meyer!«

Oje, just in diesem Augenblick muss Marco von Arx eingetroffen sein. Lukas beschleunigt seine Schritte. Rauf ist weniger gefährlich.

»Herr von Arx, herzlich willkommen! Bitte entschuldigen Sie, ich bin heute alleine. Es ist ja, wie Sie wissen …«

»Der letzte Abend. Ich weiß. Ich will nicht weiter stören. Gib mir nur den Schlüssel. Und gibt’s noch Champagner? Bring mir in zwei Stunden eine Flasche Moët & Chandon … am liebsten von 2012, wenn ihr noch so was habt.«

»Versprechen kann ich Ihnen leider nichts, aber ich werde sehen, was sich machen lässt. Und dies ist Ihr Schlüssel, wie immer die Präsidentensuite.«

Marco von Arx greift nach dem Schlüssel und verschwindet im Seitengang, um zum Aufzug zu gelangen.

»Unhöflich wie immer. Nicht einmal ein Danke hält er für nötig. Hat ihn seine Liaison versetzt? Die kommen doch sonst immer zusammen.«

»Aber Liebling, woher weißt du das denn? Wir haben sie doch höchstens zwei- oder dreimal gesehen in den letzten fünf Jahren.«

»Du weißt doch, Teuerste, dass ich nachts manchmal nicht einschlafen kann. Dann drehe ich oft eine Runde ums Hotel. Ein kleiner Spaziergang schadet nie … und da habe ich die beiden mehrmals getroffen, meist auf dem Parkplatz oder an der Rezeption. Aber mehr als ›Guten Abend‹ oder ›Gute Nacht‹ umfasste unsere Konversation nie. Was ich keineswegs bedaure.«

»Ach ja, Liebster, ich pflege das zu vergessen. Meistens verschlafe ich deine nächtlichen Spaziergänge. Aber nun kommen Sie … komm, Lukas. Wir haben noch knapp zwei Stunden, bis der … Herr seinen Champagner will. Also Prost!«

Fast hat Lukas die Zeit vergessen. Es war bereits halb zehn und daher Zeit, Herrn von Arx den Champagner zu bringen. Die Rotweinflasche ist ohnehin leer, und die Meyers verabschieden sich von Lukas. Zum Glück hat er die Flasche Champagner, die er im Keller fand, schon vor eineinhalb Stunden in den großen Kühlschrank neben der Küche gestellt. Er befüllt einen Flaschenkühler mit Eis. Erdbeeren gibt es heute leider nicht dazu. Immerhin findet er zwei Schokoladenherzen – eine Spezialanfertigung, die das Belvedere vor einem halben Jahr exklusiv für seine Gäste herstellen ließ. Damals, als Rina noch daran glaubte, dass jemand das Hotel übernehmen würde. Lukas lädt alles auf einen Servicewagen und fährt im kleinen, altersschwachen Aufzug in den dritten Stock. Aus der Präsidentensuite sind Stimmen zu hören. Zuerst die von Marco von Arx, klar und laut, dann eine leise, irgendwie gedämpfte Frauenstimme. Also ist Frau von Arx angekommen. Gut möglich, dass Lukas sie nicht gesehen hat, als er mit den Meyers in der Lobby saß. Behutsam klopft er an die Tür. »Zimmerservice.« »Einen Moment, bitte!« Ein »bitte« aus Marco von Arx’ Mund? Erlitt er etwa einen Nervenzusammenbruch?

Schlurfende Schritte, dann steht Marco von Arx im Bademantel vor Lukas. »Pünktlich wie eine Kirchenuhr. Lass es hier stehen, ich schiebe es selber rein.«

»Sehr wohl, Herr von Arx. Der Champagner stammt aus dem Jahre 2013, ich hoffe, das stört Sie nicht. Zum Wohl und gute Nacht.«

»Passt schon. Tschüss.«

Wieder der übliche Ton von Marco von Arx. Lukas ist beruhigt. Er braucht sich somit keine Sorgen um dessen Gemütszustand zu machen.

Vom dritten Stock aus beginnt er seinen letzten abendlichen Rundgang in der Geschichte des Belvedere. Nur das leise Geräusch seiner Schritte auf dem roten Teppich begleitet ihn. Die Sessel und kleinen Glastische, die sich sonst in der Mitte jedes Flurs befinden, sind bereits sorgsam in Plastikfolie gehüllt. Rina wird versuchen, sie zu verkaufen. Vielleicht wird sich ein Antiquitätengeschäft dafür interessieren. Wie schade, dass er zu Hause keinen Platz dafür hat. Oder würde wenigstens ein Sessel in Annas und sein Schlafzimmer passen? Morgen würde er Rina fragen – und natürlich seine Anna. Lukas hat eine Schwäche für alte Möbel. Früher verwendete man noch erstklassiges Massivholz, hochwertiges Leder und handgewebte Stoffe. Mit Discount-Waren kann Lukas nichts anfangen. Lieber sucht er auf Flohmärkten nach besonderen Stücken oder zimmert etwas zusammen, auch wenn sich Anna hin und wieder über den Farbenmix des Mobiliars in ihrem Haus beschwert.

Ansonsten sind die Gänge leer. Keine Blumen, keine Servicewagen mit schmutzigem Geschirr vor den Türen, keine leeren Sektgläser, die er einsammeln muss. Vom dritten Stock führt auf beiden Seiten je eine kleinere Treppe in den zweiten Stock, ebenso vom zweiten in den ersten Stock. Vom ersten Stock ins Erdgeschoss gelangt man indessen über eine breite Treppe in der Mitte des Gebäudes. Eine Treppe wie für Königinnen und Könige. Wie viele Hochzeiten wohl im Belvedere gefeiert wurden? Es müssten über hundert gewesen sein während seiner Zeit als Manager. Meist wurden auf dieser Treppe Fotos vom Brautpaar geschossen. Der dunkelrote Teppich passt perfekt zu Schwarz und Weiß. Ja, das waren noch Zeiten.

Auf der linken Seite des Haupteingangs vernimmt er leise die Stimmen der Meyers. Kein Wunder, dass sie noch nicht schlafen, es ist ja erst zweiundzwanzig Uhr. Soll er an die Tür klopfen und fragen, ob er ihnen noch etwas bringen kann? Aber vielleicht liegen sie bereits im Bett. Dann wäre es unhöflich, sie zu stören. Lukas lässt es bleiben.

In der Lounge findet er schließlich die leere Weinflasche mit den Gläsern und freut sich, dass er wenigstens noch etwas abräumen kann. Behutsam stellt er die Gläser in die große Industriespülmaschine. Morgen werden neben den Champagnergläsern der von Arx’ noch einige Kaffeetassen dazukommen. Er wird die Maschine dann noch einmal laufen lassen. Lukas macht einen letzten Rundgang durch die Küche, den Speisesaal und die Garderobe für die Angestellten. Alles ist aufgeräumt und eingepackt. Als fiele das Belvedere in den Winterschlaf – fast so wie immer.

An der Rezeption sieht Lukas die letzten Abrechnungen durch. Robert und Charlotte Meyer haben im Voraus bezahlt. Marco von Arx wird seine Rechnung morgen früh begleichen. Lukas tippt die Positionen im Rechner ein: Fr. 1450.00 für die Übernachtung in der Suite, Fr. 110.00 für den Champagner. Oder Fr. 100.00. Von Arx gehört zu den Stammgästen, denen Rina regelmäßig einen kleinen Rabatt gewährt. Die Löhne der Angestellten wurden bereits vorgestern ausbezahlt. Es ist also alles erledigt.

Lukas’ Beine fühlen sich an wie Pudding. Endlich schlafen. Es ist zwar erst kurz vor Mitternacht, doch die Stille des Hotels und der schwere Rotwein fordern ihren Tribut – eine bleierne Müdigkeit legt sich über ihn. Hoffentlich schläft auch Robert Meyer gut, denn in solch einer rauen Herbstnacht wäre ein nächtlicher Spaziergang kaum angenehm. Lukas lächelt. Bald erscheinen vor seinen geschlossenen Augen Farben. Musik erklingt. Ein Orchester, das einen beschwingten Walzer spielt. Pompös gekleidete Paare schweben über das Parkett, Sektflaschen werden geöffnet, Gläser klirren. Dann steigt ein Duft in seine Nase. Fleisch, Kartoffeln, Karotten. Annas Eintopf. Er zieht Mütze, Handschuhe und Jacke aus und versucht mit seinen klammen Fingern, die Schnürsenkel zu öffnen. »Anna, ich bin zu Hause!« Stille. »Anna, wo bist du?« Schritte im Obergeschoss. »Anna, bist du‹s?« Ein dumpfes Poltern. »Anna, hörst du mich?« Lukas hastet nach oben, zwei Treppenstufen auf einmal nehmend. Was er dort sieht, lässt ihn vor Entsetzen erstarren. Blut verteilt sich auf dem Teppich, in der Mitte des Flurs liegt ein Körper. »Anna, nein!«

Schweißgebadet wacht er auf. Wo ist er? Ach ja, im Belvedere. War das alles nur ein Traum? Es wirkte so echt. Das Poltern, die Schritte … Oder waren diese echt? Doch wie ist das möglich? Das Zimmer der Meyers liegt im gleichen Stockwerk wie seines, jedoch im gegenüberliegenden Flügel. Und die Präsidentensuite befindet sich im dritten Stock. Viel zu weit weg. Er würde es nicht mal hören, wenn dort jemand erschossen würde. Ein kalter Schauer läuft ihm über den Rücken. Ob die Eingangstür geschlossen ist? Sie schließt zwar automatisch, aber vielleicht war Herr Meyer nochmals rausgegangen und die Tür danach nicht vollständig eingerastet. Sicher ist sicher. Er zieht seinen Bademantel über und nimmt seine Taschenlampe.

Seine Schritte hallen einsam durch den leeren Flur. Er tastet nach der Türfalle und zieht daran. Sie sitzt im Schloss. Ganz so, wie es sein sollte. Gerade will Lukas umdrehen und zurück auf sein Zimmer gehen, da fällt sein Blick auf ein Licht im ersten Stock. Hat sich Herr Meyer bei seinem nächtlichen Spaziergang etwa verlaufen? Langsam schreitet Lukas die breite Treppe nach oben. Gespenstisch wirken die Gemälde an der Wand. Blasse Gesichter, dunkle Kleidung – die früheren Besitzer des Belvedere, deren Blicke kalt und unergründlich scheinen. Die Treppe, von mehr als hundert Jahren Hotelgeschichte gezeichnet, knarrt unter seinen Schritten. Endlich erreicht er die obere Etage.

Auf der linken Seite ist nichts zu sehen. Rechts auch nichts … oder doch? Am Ende des Flurs, direkt neben dem Treppenaufgang, liegt etwas – reglos. Lukas’ Herz schlägt schneller, als er sich vorsichtig nähert. Ein Mensch? Es ist … Herr Meyer! Er muss gestürzt sein. Panik steigt in ihm auf.