Mord im Burgund - Jules Besson - E-Book
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Jules Besson

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Beschreibung

In seinem neuen Fall verschlägt es den pensionierten Hauptkommissar Konrad Keller ins wunderschöne Burgund. Mit seinem Hausboot passiert er gerade eine der Schleusen des Canal de Bourgogne bei Dijon, als ihm eine junge Tramperin ihre Hilfe anbietet, wenn er sie im Gegenzug eine Etappe mitreisen lässt. Kommissar Keller hat nichts dagegen einzuwenden, doch am nächsten Morgen kehrt die junge Frau nicht vom Baguettekauf zurück. Als kurz darauf ihre Leiche gefunden wird, gerät Keller in Bedrängnis, war er doch der Letzte, der sie lebendig gesehen hat. Brisant wird der Fall dadurch, dass die Frau die Erbin der letzten großen Senfdynastie aus Dijon war. Kommissar Keller muss wieder ermitteln!

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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© Piper Verlag GmbH, München 2021Redaktion: Uta RupprechtAbbildungen Kapitelanfänge: © freepik.comCovergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCoverabbildung: Shutterstock.com; Getty Images/AL Photography/500px

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Inhalt

Cover & Impressum

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Zwei Tage später

Bon appétit

Insidertipps für Dijon-Besucher

Kleiner Sprachführer für Freizeitkapitäne

Merci

1

So ließ es sich aushalten. Leben wie Gott in Frankreich! Konrad Keller wusste sehr wohl, wie gut es ihm ging. Und er beabsichtigte, diesen Zustand absoluter Zufriedenheit so lange wie möglich auszukosten. Denn er hatte bereits erfahren müssen, wie flüchtig das Glück sein konnte. Wie schnell man alles verlor und sich auf der Schattenseite des Lebens wiederfand – für ihn der wahre Grund, das Ende des Urlaubs noch hinauszuzögern und das Land weiterhin mit all seinen Facetten zu erkunden.

Nun also das Burgund. Man sagte ja, die Region Bourgogne-Franche-Comté sei das wahre Frankreich, hier sei das Land am authentischsten. Hier liege die Wiege seiner Kultur, befinde sich die Seele der Nation. Und wirklich: Von dichten Wäldern und zerklüfteten Felsen über friedliche Weidelandschaften, unzählige Flüsse und Kanäle, sonnige Weinberge bis hin zu uralten Klöstern und Schlössern hatte dieser Landstrich im Herzen Frankreichs so ziemlich alles zu bieten, was Keller sich erhoffte. Er fuhr durch eine Bilderbuchlandschaft.

Das für seine ausgezeichneten Tropfen bekannte Gebiet um die Provinzhauptstadt Dijon wirkte gemütlich provinziell. Die Leute, denen er begegnete – manche vielleicht etwas kauzig, aber dennoch sehr freundlich –, nahmen sich Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, das war die oberste Maxime. Es gab viele Menschen, Männer wie Frauen, die aussahen wie in alten französischen Filmen: runde rote, wohlwollende Gesichter. Oft und gern sprachen sie von der Liebe zu ihrer Heimat und deren Produkten. Die Region war stark geprägt von der Landwirtschaft und natürlich dem Wein, und man hatte den Eindruck, dass die Zeit hier langsamer verging.

Der leibliche Genuss kam dabei nicht zu kurz, davon hatte Keller sich schon zu Beginn seiner Tour überzeugen können, bei einem Restaurantbesuch im lieblichen Saint-Jean-de-Losne im Département Côte-d’Or, wo man ihm Bœuf bourguignon, ein in Rotwein mariniertes Rindergulasch mit Champignons, Karotten und knusprigem Speck und einen dazu passenden schweren, barriquegereiften Rotwein serviert hatte.

Die kleine Ortschaft mit gerade mal tausend Einwohnern lag strategisch bedeutsam auf dem rechten Ufer der Saône, am Schnittpunkt dreier Wasserstraßen: der Saône, des Burgund-Kanals und des Rhein-Rhône-Kanals. Mit anderen Worten: Sie bildete den idealen Ausgangspunkt für Kellers nächste Hausbootfahrt.

Wo heute Freizeitkapitäne wie er entlangschipperten, hatte man in der Antike Salz aus den Minen der Franche-Comté auf dem Fluss transportiert. Saint-Jean-de-Losne war auch Schauplatz wichtiger historischer Ereignisse gewesen: So hatten die Bewohner während des Dreißigjährigen Krieges erfolgreich Widerstand geleistet gegen die Belagerung durch feindliche kaiserliche Truppen. 1814 hatte der kleine Ort erneut vierzig Tage lang der österreichischen Armee widerstanden und war dafür von Napoleon ausgezeichnet worden.

Von hier aus wollte Konrad Keller seine ausgedehnte Sommerreise fortsetzen, die er vor der Hauptsaison im Languedoc-Roussillon begonnen hatte, um sich nun bis weit in den Herbst hinein ins Landesinnere treiben zu lassen. Das Wort »Treiben« traf es recht gut, fand Keller und schmunzelte über sein eigenes Gedankenspiel. Denn nichts tat er lieber, als an Bord eines gemieteten Hausbootes in behaglicher Ruhe über Kanäle und Flüsse zu schippern und dort haltzumachen, wo es ihm gerade gefiel. Nach einigen Wochen Unterbrechung, die er in Deutschland verbracht hatte, war die Entscheidung auf ein etwas größeres Leihboot gefallen. Darin hatte er nicht nur reichlich Platz, sondern auch mehr Komfort.

Das gemächliche Gleiten über das grünblaue Wasser war Balsam für die Seele und entschädigte Keller für die Strapazen und Aufregungen während seiner letzten Etappe nahe Carcassonne. Durch Zufall war er dort in einen Mordfall verwickelt worden, und noch heute, fast zwei Monate danach, schauderte es ihn bei dem Gedanken, dass er diese böse Geschichte um ein Haar nicht überlebt hätte.

Dabei wollte er leben, und zwar noch möglichst lange! Wollte seine Rentnerjahre genießen, bis es nicht mehr ging. Das hatte er sich fest vorgenommen, wusste er doch, dass sich das auch Helga so sehr gewünscht hatte.

Helga. Als er an sie dachte, legte sich eine melancholische Stimmung über den sonnendurchglühten Tag. Seine Frau, mit der er die Idee zu den Hausbootfahrten durch Frankreich gehabt und mit der er alles dafür vorbereitet hatte, war kurz nach seiner frühzeitigen Pensionierung einem zu spät diagnostizierten Krebsleiden erlegen. Ein Schock für Keller, eine scharfe Zäsur und ein unüberwindbarer Verlust. Seitdem war er auf sich allein gestellt. Doch in gewisser Weise begleitete Helga ihn trotzdem. In seinen Träumen oder in Momenten wie diesem, wenn er sich ihrer unbeschwert liebevollen Art und ihres herzlichen Wesens besann, fühlte er sich ihr nach wie vor eng verbunden.

Eine Schleuse, eine von vielen auf dem Canal de Bourgogne, kam in Sichtweite und rief ihn zurück ins Hier und Jetzt. Keller hatte sich vor der Tour schlaugemacht: Als sogenannter Wasserscheidenkanal musste die von Menschenhand geschaffene Wasserstraße einen Höhenunterschied von knapp dreihundert Metern überwinden, wofür insgesamt zweiundsiebzig Schleusen nötig waren. Ein typischer Vertreter seiner Art, dessen Bau um 1780 begonnen hatte und der Mitte des 19. Jahrhunderts in Betrieb genommen worden war.

Seitdem trotzten die keilförmig angeordneten Schleusentore dem Druck des Wassers auf bewährte Weise. Etliche der ursprünglich hölzernen Wehre hatte man zwar durch solche aus Metall ersetzt, die Technik, die dahintersteckte, blieb jedoch die alte. Was zur Folge hatte, dass jede Schleusung ihre Zeit brauchte und so selbst den größten Hektiker zur Geduld zwang.

Bei diesem Musterbeispiel einer historischen Schleuse schien es nicht anders zu sein, dachte Keller, legte seine Hand auf den Gashebel und stellte ihn auf neutrale Position. So würde sein Boot über die noch verbleibenden Meter an Fahrt verlieren und schließlich zum Stillstand kommen, bis die Tore sich öffneten und er einfahren konnte.

Keller war jetzt ganz bei der Sache. Zwar kam er gut allein zurecht, er beherrschte das Manövrieren mittlerweile wie ein Profikapitän und traute sich auch in stark frequentierte Häfen größerer Städte. Für das Schleusen aber war er auf Hilfe angewiesen. Während andere Bootsmannschaften – Familien meistens oder Freundesgruppen – die anstehenden Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen konnten, musste Keller alles selbst erledigen. Das funktionierte jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt, denn man konnte ein Tau nun einmal nicht werfen und gleichzeitig auffangen. Dies aber war nötig, um ein Schiff in der Schleusenkammer zu sichern: Es musste an Leinen gehalten und dadurch stabilisiert werden.

Meistens fanden sich helfende Hände von Besatzungen anderer Boote, die sich mit ihm schleusen ließen, hin und wieder fasste auch mal ein Schleusenwärter mit an. Diesmal allerdings sah Keller niemanden. Wie es aussah, würde er die Kammer allein befahren. Auf dem Kanal hinter ihm dümpelte nicht ein einziger Kahn.

Das Rattern der Mechanik setzte die beiden stählernen Tore in Bewegung. Während das Wasser gischtartig aus allen Ritzen und Rillen drang und Kellers Boot leicht zum Schaukeln brachte, setzte er das Gefährt langsam wieder in Bewegung und steuerte das rechte Ufer an, um ein ausfahrendes Schiff passieren zu lassen. Eine in die Jahre gekommene Barkasse, auf der es sich eine Rentner-Gang gut gehen ließ. Mit erhobenen Weinkelchen prosteten sie Keller im Vorbeifahren zu.

Keller nickte freundlich zurück und ließ den Schiffsdiesel röhren. Trotz Vollgas machte sein Boot nicht besonders viel Fahrt, sodass er die Schleuse gerade mal mit der Geschwindigkeit eines gemütlichen Radfahrers ansteuerte. Links und rechts von ihm glitten die haushohen Seitenwände des Beckens vorbei und warfen lange Schatten aufs Deck. Über das gemauerte Becken zogen sich grüngraue Algenstränge, die eigentümlich nach Brackwasser und Schwefel rochen.

Keller drosselte das Tempo, indem er den Rückwärtsgang einlegte. Dann bemühte er sich, das Boot im Zentrum der Schleuse zu halten. Seine Blicke huschten währenddessen nach oben. Doch nach wie vor erblickte er niemanden, dem er seine Taue zuwerfen konnte.

Die Tore begannen sich bereits wieder zu schließen, in wenigen Momenten würde Wasser aus der nächsthöheren Kanalstufe ins Becken strömen und das Boot anheben. Da zeigte sich, genau zur rechten Zeit, doch noch ein Helfer – beziehungsweise eine Helferin. Keller sah zunächst nur ihren Kopf, der von einer riesigen verspiegelten Sonnenbrille und einer ungebändigten nussbraunen Lockenmähne dominiert wurde. Mit jedem Zentimeter, den das Schiff nach oben stieg, gab die Unbekannte mehr von sich preis. Keller registrierte eine blassblaue Bluse, eine lange Kette mit pastellfarbenen Kugeln und allerlei Armbänder. Dann wurde ein geflochtener Gürtel sichtbar, der eine verwaschene Jeansshorts zusammenhielt, aus der ein Paar schlanke Beine ragten, ebenso sonnengebräunt wie die Arme.

»Könnten Sie die Leinen fangen, bitte?«, rief Keller der jungen Frau zu, die er auf Anfang bis Mitte zwanzig schätzte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er den Steuerstand und eilte zum Bug, um eines der Taue aufzuheben.

Die Frau, deren Gesicht fast vollständig von der riesigen Brille verdeckt wurde, streckte auffordernd die Arme aus. Keller brauchte nur einen Versuch, schon hielt sie die Leine in den Händen und befestigte sie mit gekonnten Schlingungen an einem Poller. Währenddessen ging Keller zum Heck, um ein weiteres Tau an Land zu werfen. Wieder klappte es sofort, woraus Keller schloss, dass seine Helferin das nicht zum ersten Mal machte.

Die aufgewirbelte Wasseroberfläche beruhigte sich, sobald das Niveau des nächsten Kanalabschnitts erreicht war. Das eben noch heftig schaukelnde Hausboot fand zu seiner ausgeglichenen Balance zurück, sodass die Leinen wieder gelöst werden konnten. Ohne dass weitere Anweisungen nötig gewesen wären, tat die Frau, was getan werden musste: Zielgenau warf sie die Taue zurück an Bord, sodass Keller weiterfahren konnte, sobald sich die vorderen Schleusentore öffneten.

»Merci bien!«, rief er ihr zu.

»Gern geschehen!« Sie lüpfte ihre Brille und sah ihn aus meerblauen Augen an. »Wo soll die Reise denn hingehen?«

Keller legte seine Hand aufs Steuer und wartete, dass sich die Tore in Bewegung setzten. »Nach Châteauneuf.«

»Also nicht auf die Saône? Schade, da verpassen Sie was. Sie ist leicht schiffbar. Ein breiter, langsamer Fluss. Anlegen dürfen Sie allerdings nur an Pontons oder in Häfen.«

Die junge Dame kannte sich wirklich aus, stellte Keller fest und zog unweigerlich Vergleiche zu seiner Tochter Sophie. Sein Nesthäkchen war zwar ein paar Jahre älter, doch das unkonventionelle Auftreten und die selbstsichere Art hatten beide gemeinsam. Keller hegte auf Anhieb eine Sympathie für seine Helferin und winkte ihr zum Dank noch einmal zu.

»Nein, ich bleibe lieber auf dem Kanal. Damit kenne ich mich aus und komme zurecht.« Da die Tore nun gemächlich aufgingen, war es an der Zeit, sich zu verabschieden: »Adieu!«

Während sich sein Schiff im Schritttempo in Bewegung setzte, begleitete ihn die Frau zu Fuß bis zum Beckenrand. »Ist Ihnen klar, dass Sie sich mit der Strecke nach Châteauneuf einen Kanalabschnitt mit sehr vielen Schleusen ausgesucht haben?«, rief sie ihm zu. »Jemand, der Ihnen dabei zur Hand geht, würde doch sicher nicht schaden. Wie wäre es mit einer Matrosin?«

»Eine Matrosin?« Keller wandte sich ihr mit einem Lächeln zu. Er glaubte an einen Scherz.

»Ja. Das wäre bestimmt nicht schlecht. Wenn Sie wollen, kann ich auch mal das Steuer übernehmen.«

Wohl doch kein Scherz, folgerte Keller und schlug das Ruder ein, sodass das Boot aufs Ufer zuhielt. »Wenn ich Sie mitnehme, wie kommen Sie dann zurück?«, wollte er wissen.

Der Lockenkopf schulterte einen Rucksack und stellte sich an die Böschung, bereit, um an Deck zu springen. »Ich will gar nicht zurück«, antwortete sie fröhlich. »Ich bin als Tramperin unterwegs.«

Keller musste lachen. »Eine Bootstramperin? Mal was Neues.« Er war drauf und dran, auf ihre nette Offerte einzugehen und sie mitzunehmen. Ein wenig Gesellschaft würde ihm guttun, immer nur allein unterwegs zu sein konnte auf Dauer langweilig sein. Da er die junge Frau nett fand und er sich gut vorstellen konnte, wie seine Tochter auf ähnliche Weise durchs Land reisen würde, gab er sich einen Ruck und sagte zu: »Also schön, kommen Sie an Bord!«

Mühelos überwand die junge Frau die kurze Distanz zwischen Ufer und Schiffsrumpf und schwang sich über die Reling. Sie warf ihren Rucksack auf die Planken und stellte sich neben Keller an den Steuerstand. Wie er feststellen musste, überragte ihn die schlanke Erscheinung um einige Zentimeter. Was keine Kunst war, denn Keller war weder besonders groß noch breit, sondern eher ein wenig schmächtig, ein Eindruck, den sein kahler Kopf noch verstärkte.

»Odile«, nannte die junge Frau ihren Namen und schob sich die Brille ins Haar.

»Konrad«, stellte auch Keller sich vor. »Dauerurlauber aus Deutschland.«

»Deutschland? Oha, das hört man Ihnen nicht an. Sie sprechen ein ausgezeichnetes Französisch«, lobte Odile.

Keller erklärte ihr, dass er und seine verstorbene Frau Helga französische Freunde hatten und er selbst in jungen Jahren längere Zeit in Frankreich verbracht habe. Anschließend erkundigte er sich nach Odiles Reiseplänen.

»Die gibt es nicht«, antwortete sie entspannt. »Wenn mich jemand mitnimmt, fahre ich einfach mit und lasse mich überraschen, wo ich ankomme.« Weil Keller sie fragend ansah, führte sie aus: »Nach meinem baccalauréat habe ich lange studiert, viele Jahre immer nur lernen, lernen, lernen. Bevor nun der Ernst des Lebens auf mich zukommt, wollte ich einfach noch mal raus und in den Tag hineinleben.«

»Andere junge Leute zieht es dafür doch eher ins Ausland«, merkte Keller an.

Doch davon schien Odile nicht viel zu halten: »Ehe ich in Australien Kängurus fotografiere oder zum Whale Watching nach Kanada fliege, möchte ich wissen, was in Bourgogne-Franche-Comté los ist. Ich bin hier geboren, kenne mich aber in meiner eigenen Heimat kaum aus.«

»Netter Ansatz«, fand Keller. »Wenn Sie mögen, können Sie eine Weile an Bord bleiben. Ich habe eine Kabine frei. Zumindest noch für ein paar Tage, bis meine Tochter eintrifft. Sie besucht mich und fährt eine Zeit lang mit.«

»Erzählen Sie mir von ihr!«, bat Odile.

Das tat Keller. Er berichtete von Sophies unkonventioneller Art und ihrer ebenso abwechslungsreichen wie auch unsicheren Tätigkeit als Schauspielerin ohne festes Engagement. Dabei erwähnte er auch ihre beiden Brüder: Burkhard, den Tierarzt und Gourmet, verheiratet und Vater von Kellers zwei Enkeln, und den Journalisten Jochen, die »Diva« der Familie. Stets um gutes Aussehen bedacht, brachte Kellers Erstgeborener durch sein turbulentes Liebesleben seinen Vater immer wieder in Wallung. Denn Keller konnte es nicht gutheißen, wenn sein Ältester ein ums andere Mal einer weiteren Frau das Herz brach.

»Und was macht Ihre Familie?«, erkundigte er sich im Gegenzug bei seiner Passagierin.

»Von der erhole ich mich gerade«, antwortete Odile lachend und schaute sich um. »Schönes Boot. Sieht von außen nicht besonders groß aus, bietet aber echt viel Platz.«

Keller stieß die Kajütentür auf. »Die Decken sind so hoch, dass man im Salon- und Küchenbereich gut stehen kann, ohne irgendwo anzuecken. Die Panoramafenster machen alles schön hell. Es gibt eine Sitzecke mit Platz für vier. Am liebsten ist mir aber das Sonnendeck, auf dem ich abends gern mit einem Schoppen Wein sitze.«

Odile nickte anerkennend. »Ich helfe Ihnen, es in Schuss zu halten«, bot sie an. »Geld habe ich nicht viel dabei, aber wenn ich darf, arbeite ich meine Passage auf Ihrem Boot ab. Ich bin handwerklich ziemlich begabt. Wenn es also irgendetwas zu richten gibt, sagen Sie es mir, Konrad. Ach ja: Und ich koche auch ganz passabel.«

»Darauf komme ich gern zurück«, sagte Keller und legte den Gashebel nach vorn.

Während er steuerte, entschied sich Odile, zunächst das Sonnendeck auszuprobieren. Später löste sie Keller am Steuerstand ab, bevor sie gemeinsam die nächste Schleuse meisterten.

Es ging auf den Abend zu, als sie an einem von hoch aufragenden Bäumen gesäumten Abschnitt des Kanals haltmachten. Inmitten von Feldern und Wiesen zeichnete sich in einiger Entfernung die Spitze eines Kirchturms ab. Odile schlug vor, sich in dem Dorf mit frischen Vorräten einzudecken, aus denen sie später ein traditionelles regionales Abendessen zubereiten wollte. Keller freute sich über diese Idee und reichte ihr ein paar Geldscheine, im Vertrauen darauf, dass die Tramperin schon nicht damit durchbrennen würde. Und da sie keinerlei Anstalten machte, ihre Sachen mitzunehmen, schob er den leichten Anflug von Misstrauen beiseite.

Eine gute halbe Stunde später kehrte Odile mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen zurück. Zu Kellers Freude hatte sie nicht nur ans Essen gedacht, sondern auch zwei Flaschen Wein besorgt. Die einfach gehaltenen Etiketten verrieten, dass es sich um einen Roten aus heimischem Anbau handelte.

Als Nächstes machte sich Odile mit der Bordküche vertraut. Keller erklärte ihr die Funktionsweise der eingebauten Gasgrillplatten und räumte das Spülbecken leer, damit Odile den grünen Salat putzen konnte.

»Was gibt es denn Feines?«, wollte er wissen und sah Odile zu, wie sie eine Rührschüssel und ein Schneidbrett bereitstellte.

»Quiche rustique«, gab sie preis und machte sich daran, einen Mürbeteig vorzubereiten. Während der Teig ruhte, schälte und würfelte sie eine Sellerieknolle und mehrere Karotten. Danach wusch sie eine Stange Lauch und schnitt ihn in dünne Streifen, während sie Keller die Aufgabe zuwies, eine Zwiebel und eine Knoblauchzehe in kleine Würfel zu hacken.

Sie gab einen Esslöffel Öl in eine Pfanne und dünstete die Zwiebeln und den Knoblauch an. Es folgten dreihundert Gramm Hackfleisch, das sie krümelig briet und mit Pfeffer und Salz sowie einer Prise Oregano würzte. Sie rührte noch zwei Esslöffel Tomatenmark unter und wendete die Hackfleischmischung.

»Jetzt kommt der besondere Kick«, kündigte sie an und zauberte ein Glas Senf hervor. Sie gab einen üppigen Löffel des cremig gelben Scharfmachers ans Essen und erklärte: »Ohne Senf geht in dieser Gegend gar nichts. Und es gibt weltweit keinen besseren als den aus Dijon.«

Nun nahm sie das Gehackte aus der Pfanne und goss neues Öl nach. Darin briet sie das vorbereitete Gemüse unter Rühren mehrere Minuten lang an, pfefferte und salzte es und füllte knapp hundert Milliliter Gemüsebrühe auf.

»Wir lassen das jetzt zehn oder fünfzehn Minuten köcheln. Die Flüssigkeit sollte möglichst vollständig verdampft sein«, sagte sie und drückte Keller eine der beiden Weinflaschen in die Hand. »Wenn Sie den Wein schon mal für uns öffnen, können wir das erste Glas als Aperitif trinken.«

Sie prosteten sich zu, bevor Odile sich daranmachte, einen Bund Petersilie zu waschen, trocken zu schütteln und mit den Stielen fein zu hacken. Sie rührte die Petersilie unter das Gemüse und nahm die Pfanne vom Herd.

Keller hatte den bordeigenen kleinen Ofen mittlerweile auf zweihundertzwanzig Grad vorgeheizt, und Odile gab den Mürbeteig in eine Quicheform, die sie bis an die Ränder damit ausgekleidete. Sie vermengte das Hackfleisch mit dem Gemüse und füllte es auf den Teig. Danach verrührte sie hundert Milliliter Milch, zwei Eier und zweihundert Gramm Crème fraîche und goss die Flüssigkeit über die Fleischmischung.

»Voilà!«, rief sie aus und schob den deftigen Kuchen in den Ofen. »In einer halben Stunde können wir essen.«

Mit der zweiten Flasche Wein machten sie es sich nach dem Essen auf dem Sonnendeck bequem, über dem sich funkelnd der Sternenhimmel spannte.

»Wunderbar«, sagte Odile wohlig und lehnte sich zurück. »Es ist herrlich, mal so ganz ohne Verpflichtungen und Termine zu leben.«

Diese Bemerkung rief bei Keller ein Schmunzeln hervor. Was hatten Studenten denn schon für Pflichten? Zugegeben: Der Prüfungsdruck konnte einem zusetzen, aber sonst?

»Wo wollen Sie nach Ihrem Trip denn anfangen zu arbeiten, Odile?«, erkundigte sich Keller. »Schon etwas Konkretes in Aussicht?«

Odile zuckte die Achseln. »Ich kann es mir nicht aussuchen. Leider.«

Keller verstand nicht. »Wie meinen Sie das? Drängen Ihre Eltern Sie in eine bestimmte Berufsrichtung?«, fragte er und erinnerte sich nur zu gut an die Gespräche, die er immer wieder mit Sophie geführt hatte, um sie davon abzubringen, sich bei der Schauspielschule einzuschreiben. Er hatte versucht, sie zu überreden, stattdessen einen vernünftigen Beruf zu ergreifen – zumindest einen, den Keller für vernünftig hielt.

»Nein, nein«, wehrte Odile ab, »das ist es nicht. Wenn ich wollte, könnte ich auch etwas anderes tun.«

Keller merkte, wie Odile bei diesem Thema auswich, und wollte nicht weiter nachbohren, auch wenn er immer noch nicht schlauer war. Stattdessen fragte er nach etwas anderem, was ihn genauso interessierte: »Weshalb sind Sie eigentlich allein unterwegs und nicht mit einer Freundin oder einem Freund?«

Wieder wirkte Odile ein wenig unschlüssig. »Vielleicht aus demselben Grund wie Sie, Konrad. Ich möchte eine Weile allein sein, um zu mir selbst zu finden.«

»Bei mir sieht die Sache anders aus, wie Sie mittlerweile wissen. Ich habe mir das Alleinsein nicht ausgesucht.«

»Entschuldigen Sie, Konrad, ich wollte Sie nicht verletzten.«

»Schon gut.«

Odile wechselte das Thema. »Was haben Sie eigentlich gemacht, bevor Sie mit dem Hausboot durch die Gegend gefahren sind?«

»Sie meinen beruflich?«

Sie nickte.

»Nun, ich war …« Keller zögerte, denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass die Erwähnung seiner früheren Tätigkeit viele Menschen verunsicherte. Er verriet es Odile trotzdem: »Ich war Polizist.«

»Ein flic?«, fragte Odile überrascht. »Sieht man Ihnen gar nicht an.«

»Ach ja? Wie sollte ein Polizeibeamter Ihrer Meinung nach denn aussehen?«

»Zumindest eine Uniform sollte er anhaben. Und eine Kappe auf dem Kopf.«

»Da muss ich Sie enttäuschen, die habe ich auch nicht getragen, als ich noch im Dienst war. Ich war bei der Kriminalpolizei, da ist Zivilkleidung üblich.«

»Trotzdem«, beharrte Odile. »Für einen flic wirken Sie irgendwie zu …«

»Zu was?«

»Zu freundlich.«

Die zweite Flasche war nur zu Hälfte geleert, doch als Odile herzhaft gähnte, fand auch Keller, dass es an der Zeit war, schlafen zu gehen. Er erhob sich vom Polster und streckte sich.

»Schön war es mit Ihnen«, sagte er. »Ich freue mich über Ihre Gesellschaft.«

»Ja«, bestätigte Odile und stand ebenfalls auf. »Ich glaube, wir beide werden für ein paar Tage gut miteinander auskommen.«

Sie verließen das Oberdeck über die schmale Stiege. Keller wollte gerade die Tür zur Koje öffnen, als es in einem Gebüsch am Ufer raschelte. Er dachte sich nicht viel dabei, die Geräusche von nachtaktiven Kleintieren wie Mäusen, Iltissen oder streunenden Katzen war er gewöhnt. Doch Odile wandte blitzartig den Kopf, stieß einen spitzen Schrei aus und drückte sich eng an Kellers Seite. Es machte fast den Eindruck, als wollte sie sich in seine Arme flüchten wie ein verängstigtes Kind.

Keller spürte ihre Anspannung und hörte ihr hektisches Atmen. »Ganz ruhig«, sagte er. »Das ist bloß ein Tier.«

Odile schien seine Worte nicht zu hören. Unverwandt starrte sie auf den Busch, aus dem das Rascheln gekommen war.

Keller konnte sich die Schreckhaftigkeit der jungen Frau nicht recht erklären. Um zu zeigen, dass es keinen Grund zur Sorge gab, holte er sein Smartphone aus der Hosentasche und stellte die Taschenlampenfunktion ein. Er richtete den Lichtkegel auf das Gebüsch, und tatsächlich glitzerten da zwei eng zusammenstehende rote Augen, die den Strahl reflektierten. Kurz darauf raschelte es erneut, und das Tier huschte davon.

Keller fühlte sich bestätigt. »Sehen Sie«, sagte er, »da war bloß jemand neugierig.«

Odile löste sich langsam aus ihrer Erstarrung, doch als sie Keller eine gute Nacht wünschte und sich in ihre Kabine zurückzog, spürte er, dass sie ihre Unbeschwertheit verloren hatte. Offensichtlich steckte ihr die kurze Panik noch in den Knochen. Für einen Moment beschlich ihn der Eindruck, als würde die junge Frau nicht nur Urlaub machen, wie sie behauptete, sondern vor etwas oder jemandem davonlaufen.

2

Zwei Tage später reiste Sophie mit leichtem Gepäck an: Sie hüpfte aus einem Taxi, zupfte ihr zitronengelbes Sommerkleid zurecht und ließ sich vom Fahrer eine kleine Reisetasche reichen. Dann drückte sie ihm das Fahrgeld in die Hand und wandte sich ihrem Vater zu, der ihr auf die Reling gelehnt entgegenblickte.

Sophie hatte ihr langes blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der munter hüpfte. Mit federnden Schritten ging sie auf das Boot zu. Doch ihr düsterer Gesichtsausdruck wollte so gar nicht zu diesem ersten Eindruck und dem wunderschönen sommerlichen Tag passen.

»Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«, erkundigte sich Keller und reichte ihr die Hand, um ihr an Deck zu helfen.

Er hatte sich auf den Besuch seiner Tochter gefreut und rechnete es ihr hoch an, dass sie den Rest der Theaterferien dafür verwendete, ihn auf seiner Bootsfahrt zu begleiten. Schon bald ging die Saison wieder los, und sie würde bei einer Tourneebühne anheuern, wie er wusste. Seine Freude über das Wiedersehen war auch jetzt noch groß – trotz der verbitterten Miene seiner Jüngsten.

»Keine Laus, sondern mein Vater«, antwortete Sophie schnippisch und ließ die Reisetasche auf den Schiffsboden fallen. Sie stemmte die Arme in die Hüften. »Waren wir nicht in Dijon verabredet, wo du mich am Flughafen abholen wolltest? Stattdessen musste ich mir ein Taxi nehmen und mich hierherkutschieren lassen. Mitten in die Pampa. Den Namen des Ortes, den du mir per WhatsApp geschickt hast, konnte ich kaum aussprechen. Ein Wunder, dass der Chauffeur dich überhaupt gefunden hat.«

Keller bemühte sich darum, die Wogen zu glätten, und führte Sophie zum Vordeck, wo auf einem Tisch eine Karaffe Wasser mit Eiswürfeln und zwei Gläser standen. Die Gläser waren jeweils einen Fingerbreit mit frisch gepresstem Zitronensaft gefüllt, den man je nach Geschmack mit Wasser verdünnen konnte. Citron pressé erfrischte wie kein anderes Getränk, fand Keller und bot seiner Tochter einen Platz an.

»Ich bin leider nicht dazu gekommen, mir einen Mietwagen zu nehmen, tut mir leid. Wie war denn der Flug?«, fragte er, verärgerte Sophie damit aber nur noch mehr.

»Eng und laut«, motzte sie. »Es war einer von diesen kleinen Regionaljets.« Sie goss sich ein und leerte das Glas in wenigen Zügen. »Ich hätte auf meine Brüder hören sollen.«

»So?« Keller hob die Brauen. »Was haben Burkhard und Jochen dir denn geraten?«

»Auf alles gefasst zu sein«, antwortete sie und füllte ihr Glas auf. »Sie haben mir mit auf den Weg gegeben, mich ja nicht auf ein paar geruhsame Tage auf dem Hausboot einzustellen. Denn du würdest mit Sicherheit schon wieder in irgendwelchen Schwierigkeiten stecken, weil du dich irgendwo eingemischt hast.«

»Dann kennen mich deine Brüder aber schlecht«, entgegnete Keller etwas beleidigt. Nichts täte er lieber, als in Frieden seinen Ruhestand zu genießen.

»Du hast dich also nirgends eingemischt?«, vergewisserte sich Sophie.

»Nein, das habe ich nicht«, beteuerte Keller.

»Und du steckst nicht in Schwierigkeiten?«

»Nun …« Diesmal zögerte er. »Nicht direkt.«

»Wusste ich es doch!« Sophie stieß einen tiefen Seufzer aus. »Verrätst du mir jetzt, was das soll, Paps? Weshalb bist du nicht zum Airport gekommen, wie es ausgemacht war? Dein Boot sollte inzwischen im Hafen von Dijon liegen und nicht hier in der Walachei.«

»Ja, ich weiß, das tut mir wirklich leid, aber ich wurde aufgehalten.«

Daraufhin schaute sich Sophie um, betrachtete die Natur, die den Kanal umgab, und richtete ihren Blick auf den Steuerstand. »Ist etwas mit der Maschine nicht in Ordnung? Hast du eine Panne?«

Keller machte eine abwehrende Geste. Dann berichtete er seiner Tochter, dass er zwei Tage zuvor eine Anhalterin aufgenommen habe, die ihn bis hierher begleitet habe. »Odile heißt sie. Ein bisschen jünger als du.«

Sophie neigte den Kopf. »Eine Anhalterin auf einem Boot?«, wunderte sie sich.

»Ja, sie stand plötzlich da, half mir beim Schleusen und fragte, ob ich sie ein paar Etappen mitnehmen würde. Da sie den Anspruch hat, ohne Geld auszukommen, geht sie Leuten wie mir zur Hand und bekommt dafür Kost und Logis. Sie hat gerade ihr Studium beendet und fängt bald an zu arbeiten. Vielleicht ist sie aber auch einfach eine Streunerin, allerdings eine sehr nette.«

Er berichtete, wie sie gemeinsam den Kanal befahren und vorgestern Abend hier angelegt hatten. Wie Odile die Einkäufe erledigt und anschließend für sie gekocht hatte. Und wie sie am gestrigen Morgen erneut aufgebrochen war, um Baguette und Croissants zu holen.

Keller zeigte auf den Kirchturm in der Ferne. »In dem kleinen Ort dort drüben wollte sie fürs Frühstück einkaufen.« Nach einer Pause sagte er: »Aber sie ist nicht mehr zurückgekommen.«

Sophie kräuselte die Stirn. »Das war gestern früh, sagst du?«

»Ja«, bestätigte Keller.

»Weshalb bist du dann noch immer hier? Das Mädel wird ganz einfach weitergezogen sein. Das kann dir doch egal sein, du trägst ja keine Verantwortung für sie.«

Statt einer Antwort nickte er in Richtung der Kabine, woraufhin Sophie das Glas beiseitestellte und hineinging. Keller führte sie bis zu einer schmalen Tür. »Odiles Koje«, erklärte er und legte die Hand auf die Klinke.

Sophie betrat gemeinsam mit ihrem Vater die kleine Kammer, die trotz der beengten Verhältnisse Platz genug für ein Bett und Stauraum bot. Durch ein Fensterband fiel ausreichend Tageslicht.

»Sie hat ihr Zeug nicht mitgenommen«, stellte Sophie mit Blick auf einen Rucksack fest, der mitten auf dem Bett lag.

»Im Bad hat sie sich auch ausgebreitet, sie hat alle möglichen Tuben und Fläschchen an Bord zurückgelassen. Verstehst du jetzt, warum ich nicht weitergefahren bin? Ich hoffe immer noch, dass sie wohlbehalten wieder auftaucht und ihr Hab und Gut einsammelt.«

»Wirklich seltsam«, meinte nun auch Sophie und wandte sich einer Tür zu, hinter der sie zu Recht den Waschraum vermutete. Sie sah sich darin um und griff nachdenklich nach einer Cremedose. Dann stellte sie sie wieder zurück auf die Ablage und fragte: »Warst du schon beim Bäcker im Dorf und hast dich nach ihr erkundigt?«

»Aber ja!«, antwortete Keller. »Ich habe auch in dem kleinen Supermarkt nachgefragt. Niemand will sie an dem Morgen gesehen haben, genauso wenig wie in dem einzigen Bistro des Örtchens.«

»Hm.« Sophie ließ ihren Zeigefinger über Lippen und Kinn gleiten und ging zurück in die Kammer, wo sie sich über Odiles Rucksack beugte. »Hast du ihre Sachen durchsucht?«

»Nun …«, wich Keller aus.

»Also ja. Etwas gefunden?«

»Jedenfalls keine Dokumente, wenn du das meinst«, räumte er ein. »Deswegen konnte ich mich mit niemandem in Verbindung setzen, weil ich ja nicht mal ihren vollen Namen kenne. Aber schau selbst nach!«

Sophie ließ sich nicht lange bitten, durchwühlte den kleinen Rucksack und förderte Wäsche, ein Taschenbuch sowie weitere Schminkutensilien und Hygieneartikel hervor. »Das mit der mittellosen Tramperin kann übrigens nicht stimmen«, sagte sie beiläufig.

»Warum?«

»Dieser Parfümflakon, die Markenwäsche. So etwas kann ich mir nicht leisten. Die Kleine hat Kohle. Aber trotzdem lässt man solche teuren Sachen nicht einfach liegen.«

Keller ließ sich den Flakon reichen, drehte den Verschluss auf und schnupperte daran. »Ich bin kein Experte in solchen Dingen, aber wenn es stimmt, was du sagst, wirft das einige Fragen auf.«

»Es stimmt, Paps. Verlass dich drauf: Deine Anhalterin mag einen auf armes Mädchen gemacht haben, kann sich in Wahrheit aber einiges erlauben.«

»Es sei denn, es handelt sich um Diebesgut«, hielt Keller ihr entgegen. Doch dann dachte er zurück an die Gespräche mit Odile und daran, wie wenig sie über ihren familiären Hintergrund verraten hatte. Auch fiel ihm Odiles seltsame Reaktion auf das Tier im Busch wieder ein. »Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ihr möglicherweise etwas zugestoßen ist«, sagte er.

Sophie sah ihn nachdenklich an. »Das muss ja nicht sein. Vielleicht gibt es eine ganz harmlose Erklärung: Sie hat im Dorf einen Typen kennengelernt, der ihr gefiel, und sich ihm spontan angeschlossen. Da Geld für sie keine Rolle spielt, sind ihr die Sachen egal, und sie hat sie zurückgelassen. Kein Problem für sie, denn sie kann sich ja alles neu kaufen.«

»Gerade eben hast du noch behauptet, man würde so hochwertige Kosmetika nicht einfach liegen lassen. Du glaubst also nicht wirklich, dass es so gewesen sein könnte, oder?«, fragte Keller mit hochgezogenen Brauen.

»Nein«, antwortete seine Tochter ohne jedes Zögern. »Du hast richtig gehandelt, indem du hiergeblieben bist. An der Sache ist etwas faul.«

Ja, dachte Keller und war erleichtert, dass Sophie dieselben Schlüsse zog wie er. Denn seit Odiles plötzlichem Verschwinden hatte er schon geglaubt, Gespenster zu sehen.

»Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«

Sophie grinste ihn an. »Dass du mir mal so eine Frage stellst, hätte ich nie geglaubt. Wer von uns zweien ist denn der Kommissar?«

»Ex-Kommissar«, korrigierte Keller. »Ich bin etwas aus der Übung – und ich muss zugeben, dass mich das nicht so kaltlässt, wie man es von einem Profi erwarten sollte.«

Sophie ergriff die Gelegenheit beim Schopf: »Also gut, dann beschließe ich, was wir tun. Die Polizei zu verständigen ergibt meiner Meinung nach wenig Sinn, da wir so gut wie nichts über Odile wissen. Das würde also wahrscheinlich erst einmal nur für Ratlosigkeit sorgen und wahrscheinlich bloß zusätzliche Scherereien bringen.«

»Was sonst?«, fragte Keller.

»Wir sollten es noch einmal im Dorf versuchen!«, schlug Sophie vor. »Vielleicht treffen wir doch jemanden, der sich an sie erinnert oder irgendetwas beobachtet hat.«

Keller war einverstanden.

3

 

»Warum eigentlich Burgund?«, fragte Sophie, während sie neben Keller hertrottete und dabei den Pferdeschwanz hüpfen ließ, wie sie es schon als kleines Kind getan hatte. »Hat es dir in Südfrankreich nicht mehr gefallen?«

»Erstens brauchte ich Abstand nach all dem, was mir dort widerfahren ist. Zweitens ist es mir in der Hochsaison zu voll geworden. Und drittens hat dieser Landstrich hier unheimlich viel zu bieten.«

»Was denn zum Beispiel?«