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"Charlotte atmete tief durch und merkte, wie ihr Herzschlag etwas langsamer wurde. Auch ihre Übelkeit war schwächer geworden, und sie versuchte vorsichtig, sich aufzusetzen. Plötzlich hielt sie mitten in der Bewegung inne. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich etwas bei der Leiche bewegte." Eigentlich wollte die Journalistin Charlotte Bienert an diesem Abend das Laienschauspiel Mord im Museum besuchen, um einen Artikel darüber zu schreiben. Doch plötzlich gibt es tatsächlich eine Leiche – und Charlotte sieht mehr, als sie zunächst erkennt. Auf Geheiß ihres Chefs beginnt sie, zu recherchieren. Dumm nur, dass das Kriminalkommissar Paul Jankovich gar nicht passt.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Christine Zilinski
Mord im Museum
Charlotte Bienert ermittelt
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Erklärung
Impressum neobooks
‚Herzlich Willkommen bei Mord im Museum!‘ Dicke Lettern standen auf dem Banner, das im lauen Maiwind über dem Eingangsbereich des Landesmuseums Stuttgart flatterte. In der untergehenden Sonne erschien die steinerne Mauer in einem warmen, rötlich-braunen Licht. In dekorativen Windlichtern brannten weiße Stumpenkerzen entlang des gepflasterten Innenhofes. Als Charlotte Bienert durch das Eingangstor trat und die leichte Steigung zum Besuchereingang hinauflief, hielt sie kurz inne. Nicht, um zu verschnaufen, sondern, um sich innerlich zu rüsten: „Also schön“, sagte sie halblaut und setzte sich wieder in Bewegung.
Das Museum hatte bereits vor zwei Stunden für den regulären Besucherbetrieb geschlossen. Jetzt warteten die Besucher der Veranstaltung ‚Mord im Museum‘ im kerzenbeschienenen Vorhof. Sie sprachen Bier oder Sekt zu, rauchten und unterhielten sich angeregt. Ihnen war die Vorfreude auf das Krimi-Event deutlich anzumerken. Anders als Charlotte. ‚Oh Mann, ich hab echt gar keine Lust‘, dachte sie, während sie reflexartig eine Rauchschwade vor ihrer Nase weg wedelte. Sie war nicht zum Privatvergnügen hier. Eine Arbeit, die sie bequem und kontaktlos von ihrem Bildschirm aus hätte erledigen können, wäre ihr 100mal lieber gewesen.
Aber: Ihr Chefredakteur hatte sie hergeschickt. Andreas Richling war für die Wochenzeitung Weinstadt Woche verantwortlich und hatte Charlotte nach ihrem Volontariat beim Blatt als Redakteurin angestellt. Hauptsächlich betreute sie seitdem die Kunst&Kultur-Rubrik. Dies zwang die introvertierte junge Frau in regelmäßigen Abständen dazu, aus ihrer Komfortzone zu treten und zu neuen Veranstaltungen – und damit unter fremde Menschen – zu gehen. Als sie sich damals entschieden hatte, im Zeitungswesen zu arbeiten, hatte sie vor allem das Schreiben im Fokus gehabt, weniger das Vor-Ort-Sein. Aber Charlotte hatte die Rechnung ohne ihren Chef gemacht. Der hatte sich für die kommende Wochenendausgabe eben jene Veranstaltung ‚Mord im Museum‘ ausgesucht, von der Charlotte berichten sollte. Ihr einziges Trostpflaster bis vor kurzem war, dass sie eine Kollegin aus der Lokalredaktion hätte begleiten sollen.
Doch Gabi lag seit gestern mit einer Erkältung flach. Vor wenigen Stunden hatte sie sich bei Charlotte abgemeldet. Und das ziemlich detailreich: ‚Nase komplett zu, Schleim durchsichtig. Durchfall von Gelomyrtol-Tabletten. Kann leider nicht kommen.‘ Mit zusammengezogenen Augenbrauen hatte Charlotte zähneknirschend ein knappes ‚Gute Besserung‘ zurückgetippt.
Als Charlotte nun über den gepflasterten Vorhof auf die gläserne Eingangstür des Museums zulief, fiel ihr sofort der Plakat-Aufsteller neben der Tür auf: Auf dem Papier prangte eine schwarze Hand, die ein ebenso schwarzes Messer umklammert hielt, von dessen Klinge knallrotes Blut troff. Darüber stand in weißen Lettern: ‚Mord im Museum‘. Ebenfalls vor der Tür war ein Tresen aufgebaut, an dem zwei Museumsmitarbeiterinnen standen. Mit freundlichen Gesichtern begrüßten sie die Neuankömmlinge.
Charlotte zeigte ihre Eintrittskarte vor und erhielt von einer der Frauen einen roten Klebepunkt. Sie heftete sich den Sticker mit leicht zitternden Fingern an ihren Blazer, bedankte sich und trat auf das Gebäude zu. Sie drückte die schweren Glastüren auf und betrat einen großen, hallenartigen Raum. Auch hier hatten sich bereits viele Besucher mit Getränken versorgt und knabberten an Grissini oder Käsespießen. Charlotte reckte den Kopf, um sich einen Überblick zu verschaffen, und entdeckte am Kopfende des Raumes eine kleine, erhöhte Bühne. Auf Stehtischen verteilt standen große Pappschilder mit den unterschiedlichen Farbpunkten für die Gruppen.
Charlotte steuerte auf den Tisch mit dem roten Punkt zu und stellte ihre orangene Schultertasche zwischen ihren Füßen ab. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Dankbar griff sie nach einer der Wasserflaschen, die zusammen mit Gläsern auf dem Tisch bereitgestellt waren. Während sie sich eingoss, angelte sie mit der freien Hand eines der ebenfalls bereitliegenden Infoblättchen. Darin stand die Story von ‚Mord im Museum‘. Charlotte setzte die Flasche ab und las: ‚Der Kelch von Gustav dem Großen ist weg! Eben noch haben der Archäologe Dr. Himmelreiter und sein Assistent Rochert ihren Ausgrabungsfund stolz bei der Eröffnungsfeier der neuen Ausstellung präsentiert – da ist der Kelch auch schon verschwunden! Die Museumsangestellten machen sich sofort auf die Suche nach dem antiken Stück. Doch was ist das? Ein Mann liegt plötzlich tot neben dem leeren Ausstellungskasten. Warum wurde er ermordet? Und wo ist der Kelch? Helfen Sie mit bei der spannenden Mördersuche!‘
‚Alles klar‘, dachte Charlotte, als sie im Geiste bereits an ihrer Kolumne schrieb. Als sie den Blick wieder hob, fiel er auf eine Frau in den Vierzigern, die schief grinsend auf sie zukam. Wie als Zeichen des Wiedererkennens deutete sie auf die Tafel mit dem roten Punkt und sagte: „Ah, hier ist die rote Gruppe. Hallo! Ich bin die Tatjana, und wer bist du?“ „Charlotte“, erwiderte Gleichnamige und lächelte ebenfalls freundlich. Als ein paar Sekunden peinlichen Schweigens verstrichen waren, fuhr die Frau fort: „Na, dann bin ich mal gespannt, wie der Abend so wird. Hast du bei sowas schon mal mitgemacht?“ „Nein, ist mein erstes Mal“, sagte Charlotte und hoffte, dass bald weitere Mitglieder am Tisch auftauchten, damit sie nicht mehr die einzige Ansprechpartnerin war. Small-Talk mit Fremden war nicht gerade ihre Stärke.
Mit der Zeit wurde es im Raum immer voller. Charlottes stille Gebete wurden erhört, und ein paar weitere Veranstaltungsbesucher gesellten sich zu ihrem Tisch. Alle begrüßten sich gegenseitig und fielen schnell in eine ausgelassene Small-Talk-Runde. Auch an den anderen Tischen teilten die Besucher ihre Vorfreude in aufgekratzter Stimmung.
Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet Charlotte, dass es in 10 Minuten losgehen würde. Aus ihrer Gruppe griff eine Enddreißigerin mit roter Kurzhaarfrisur und schwarz gerahmter Brille nach einer Infobroschüre auf dem Tisch und sagte: „Oh, ich sehe wir brauchen noch einen Gruppennamen.“ Sie sah die anderen Teilnehmer an. „Wie wäre es mit ‚The Benedicts‘? Ihr wisst schon, wegen Benedict Cumberbatch“, fuhr die Frau daraufhin euphorisch fort.
Charlotte rief sich den Hauptdarsteller der Sherlock-Fernseh-Serie in Erinnerung. ‚Ach der‘, dachte sie wenig begeistert. Nach kurzer Diskussion einigte sich ihre Gruppe dann tatsächlich auf ‚The Benedicts‘. Die Ideengeberin freute sich und kicherte, weil „Benedict Cumberbatch ja so ein heißer Typ ist.“ Noch während sie ihre Gruppe mit klirrenden Wassergläsern tauften, begannen sich einige Personen im Raum auffällig zur Bühne vorzuarbeiten.
Sie rempelten absichtlich einige der Besucher an, um sich anschließend zu entschuldigen. ‚Das müssen die Schauspieler des heutigen Abends sein‘, dachte Charlotte und hoffte, dass keiner sie touchierte. Jetzt fiel ihr auch auf, dass diese Personen verkleidet wirkten. Die Klamotten waren etwas zu over-the-top. Und tatsächlich: Vorne angekommen betraten die Schauspieler die Bühne und stellten sich als Museumsmitarbeiter vor.
Eine junge blonde Frau stellte sich als Direktorin vor. Sie trug ein etwas zu groß geratenes Kostüm und machte beim Sprechen übertrieben ausschweifende Gesten. Insgesamt vermittelte sie den Eindruck, dass sie etwas durchgedreht war. Aus ihrer Erzählung ging hervor, dass sie seit Jahren nur für das Museum zu leben schien. Dann stellte sich ein etwa 50-jähriger, gepflegt wirkender Mann mit graumelierten Schläfen vor. Er spielte den dandyhaften Archäologen Dr. Himmelreiter, der einen eleganten Dreiteiler trug.
Es folgte ein schüchtern und kriecherisch wirkender Mittdreißiger mit mausgrauem Haar. Dieser Schauspieler verkörperte den Assistenten des Archäologen, Rochert. Er trug ein verwaschenes Sakko mit Flicken an den Ellenbogen. Anschließend kam ein Mann mit kantigen Gesichtszügen und funkelnden Augen zu Wort. Er war ebenfalls um die dreißig und zweifellos attraktiv, wie Charlotte zugeben musste. Der Mann stellte sich als Buchhalter Rudolf Steiner vor. Dank farblich aufeinander abgestimmten Hals- und Einstecktüchern sowie polierter Lederschuhe machte er einen sehr gepflegten Eindruck. Als Vorletzte stellten sich zwei Wärter in Uniform vor.
‚Einer der Männer spielt ja nicht mehr lange mit‘, überlegte Charlotte. Sie war schon gespannt darauf, welcher der Schauspieler die Leiche sein würde. Abschließend trat eine junge, aber dank aufgemalter Augenringe müde wirkende Putzfrau in einem geblümten Kittel auf. Sie trug – ganz Klischee – einen Staubwischer in der Hand. Nachdem sich alle vorgestellt hatten, trat die Museumsdirektorin aus dem Hintergrund wieder nach vorne. Dabei gestikulierte sie übertrieben wild mit einem Handy in der Hand. Ganz so, als hätte sie soeben etwas unglaublich Wichtiges erfahren. „Wenn ich um Ruhe bitten dürfte, wir haben hier ein Problem!“ Ihre Stimme bebte: „Der Kelch von Gustav dem Großen ist verschwunden und wir müssen ihn unbedingt wiederfinden!“
“Oh mein Gott, ja“, begehrte der Archäologe Dr. Himmelreiter auf und mimte den Erschütterten. „Unbedingt! Wie konnte das nur passieren?!“ Es folgte eine kurze Erklärung, wie der Kelch erst tags zuvor unter großem Applaus der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Doch nun war das Prunkstück also am helllichten Tag mitten aus dem Schaukasten entwendet worden.
„Bitte, liebe Anwesende“, übernahm die Direktorin wieder, „helfen Sie uns bei der Suche. Am besten, wir teilen uns auf, nicht wahr.“ Sie blickte fragend zu den betroffen dreinschauenden Wärtern. Diese erwiderten ihren Blick mit einem stummen Nicken. „Bitte folgen Sie mir nach draußen, wo wir Sie in einzelne Suchtrupps einteilen werden“, sagte die Direktorin wieder ans Publikum gewandt. Dann lief sie hektisch mit den Armen rudernd von der Bühne und signalisierte allen Teilnehmern an den Tischen, ihr nach draußen zu folgen. Die anderen Schauspieler blieben zunächst auf der Bühne zurück. ‚Vermutlich gehen die jetzt auf ihre Posten‘, dachte Charlotte beim Hinauslaufen.
Draußen auf dem Vorhof standen echte Museumsangestellte. Sie waren eindeutig keine Schauspieler, wie an ihrer dezenten Kleidung und den Klemmbrettern erkennbar war. Die Angestellten hoben ihre Bretter hoch, auf deren Rückseite die jeweils passenden Farbpunkte der Gruppen aufgeklebt waren. Die knapp 70 Besucher des Schauspiels teilten sich im Hof auf und scharten sich um ihren Gruppen-Guide.
Der Guide von Charlotte und ihren ‚The Benedicts‘-Mitstreitern war eine junge brünette Frau. Sie trug eine Stoppuhr um den Hals und begrüßte sie freundlich: „Hallo, ich bin Sofia. Wir beginnen im Uhren-Salon. Bitte folgen Sie mir gesammelt, ich führe Sie von einer Location zur nächsten. Ich gebe Ihnen den jeweiligen Zeitrahmen vor, in dem Sie Hinweise finden müssen“, sagte sie und wackelte demonstrativ mit der Stoppuhr. Nach einem Blick auf ihr Klemmbrett sagte sie: „Einen Tipp habe ich noch vorneweg: Denken Sie nicht zu kompliziert.“ Sie lächelte gönnerhaft, und alle in der Gruppe lächelten höflich zurück.
Dann setzten sie sich in Bewegung und Charlotte gesellte sich neben Tatjana, um ihrem Guide zu folgen. Die übrigen ‚Benedicts‘ schlossen sich der Zweier-Formierung an und tuschelten aufgeregt miteinander. Es ging vom Hof herunter über eine steinerne Wendeltreppe abwärts in eine Art Kellergewölbe. Dort wurde es merklich kühler, wie Charlotte fröstelnd feststellte. Sie zog ihren Blazer enger um sich. Am Ende der Wendeltreppe schloss ihr Guide ein hölzernes Tor auf, hielt die Tür geöffnet und wartete, bis alle Teilnehmer hindurchgetreten waren. Sie befanden sich nun in den offiziellen Besucherräumen, in einem Bereich, in dem antike Teppiche ausgestellt waren.
Das Licht im Raum war gedimmt. Es herrschte eine unheimliche Atmosphäre, da außer ihnen niemand sonst im Ausstellungsraum war. Zügig führte ihr Guide Sofia die Gruppe weiter, bis sie an ihrer ersten Station angekommen waren: Riesige Standuhren, filigrane Taschenuhren und edle Armbanduhren aus verschiedenen Epochen waren hier in beleuchteten Kästen untergebracht. Sofia bedeutete der Gruppe, an einer Stelle zwischen den Schaukästen anzuhalten.
Nachdem sich alle dort verteilt hatten, begann die Szene: Der Archäologe Dr. Himmelreiter kam wutbrausend in den Uhren-Salon und blieb etwa zwei Meter vor der Besuchergruppe stehen. Ihm folgte sein Assistent Rochert, der die Hände zu einer bettelnden Geste ineinander verschränkt hatte. „Bitte Chef, das können Sie mir nicht antun“, flehte er Himmelreiter an. Dieser drehte sich abrupt zu ihm um. Er war einen Kopf größer als Rochert und sah auf ihn herab. Himmelreiter erwiderte gedehnt: „Mein lieber Rochert“ ‒ dabei griff er ihm ans Revers und zog ihn ein wenig zu sich heran – „und wie ich das kann. Du bist für den Diebstahl verantwortlich und du musst die Konsequenzen dafür tragen!“ Rochert versuchte sich loszuwinden. „Nein, nein, aber das stimmt doch gar nicht!“, beteuerte er. Himmelreiter ließ ihn höhnisch lächelnd los.
„Ich weiß, dass du Spielschulden hast. Wie oft hast du dir von mir schon Geld geliehen, hm? Aber jetzt bist du zu weit gegangen! Du hast meine Entdeckung“, dabei reckte er den Zeigefinger empor, „verramscht, um wieder Geld für deine verdammten Pferdewetten locker zu machen!“ Rochert spielte den zu unrecht Beschuldigten: „Aber nein, Chef, nein, das habe ich nicht, ich schwöre!“ Der Archäologe verschränkte die Arme vor seinem stattlichen Bauch. „Aber natürlich hast du. Und das werde ich unserer lieben Direktorin auch sagen. Genauso wie deine Spielsucht, davon erfährt sie jetzt auch. Damit fliegst du achtkantig raus!“ Dr. Himmelreiter zeigte sichtlich kein Erbarmen.
Nach fünf Minuten heftigem Diskurs verschwanden Himmelreiter und Rochert wieder aus dem Salon. Sofia ließ die Stille nach dem Abgang der Schauspieler kurz wirken und wandte sich dann zur Gruppe: „So, hier gibt es jetzt noch keine Hinweise zum Suchen, bitte folgen Sie mir zur nächsten Station. Wir gehen jetzt zum Büro der Direktorin.“ Gehorsam folgten ihr ‚The Benedicts‘ durch die Räume hindurch die Wendeltreppe wieder nach oben.
Gemeinsam liefen sie leise murmelnd über den gepflasterten Innenhof zurück zur Eingangstür des Museums. Nacheinander betraten sie den Hauptteil des Gebäudes. Auch hier war das Licht gedimmt, so dass die riesige Eingangshalle beinahe im Dunkeln vor ihnen lag. Ihr Guide deutete auf eine Galerie am Ende der Halle, die über eine stählerne Treppe zu erreichen war. „Dort ist das Büro.“ Die Hobbydetektive steuerten enthusiastisch darauf zu, bis sie plötzlich mitten in der Bewegung innehielten, als hätte jemand auf einen Stopp-Knopf gedrückt. Ein durchdringender, gellender Schrei hallte durchs Museum und stellte den Besuchern unisono die Nackenhaare auf.
Charlotte riss reflexartig ihren Kopf in die Richtung, aus welcher der Schrei gekommen war. ‚Das klang aber verdammt echt‘, dachte sie nervös und spürte, wie ihr Puls beschleunigte. Auch die anderen Gruppenmitglieder sahen sich unsicher an und begannen aufs Neue, miteinander zu tuscheln. „Ist das jetzt der Mord?“ „Das klang ja krass!“ „Die geben sich ja richtig Mühe!“ Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht drehte sich Charlotte zu ihrem Guide. ‚Sie wird ja wissen, ob das zum Spiel gehört‘, dachte sie. Doch als Sofia ebenfalls regungslos in Richtung des Schreis starrte, begann Charlottes Herz heftig gegen den Brustkorb zu pochen.
Plötzlich drang das unverkennbare Geräusch quietschender Turnschuhe auf Linoleum zu ihnen durch. Jemand rannte aus der entgegengesetzten Richtung zu ihnen. Kurz darauf erschien ein Sicherheitsbeamter im Sichtfeld der ‚Benedicts‘: Er lief jedoch schnurstracks an ihnen vorbei und den Rundgang zur linken Seite hinauf, in Richtung des Schreis. Nun kam auch Bewegung in Charlottes Gruppen-Guide. Die junge Brünette stammelte: „Ähm... bleiben Sie bitte kurz hier.“ Dann folgte sie dem Mann eilig in den Rundgang. Ihrer Bitte folgend blieben die Mitglieder der ‚Benedicts‘ unsicher dort stehen, wo sie waren und fingen an, lautstark zu spekulieren. Handys wurden gezückt. „Meinst du, das gehört noch zum Spiel?“, fragte Tatjana Charlotte. Auch ihre Stimme klang angespannt. „Ich fürchte nicht“, erwiderte diese. „Der Wachmann eben war definitiv echt.“ Nun drangen auch mehrere, hysterisch klingende Stimmfetzen zu der Gruppe durch. Dort, von wo der Schrei erklungen war, waren offenbar noch mehr Menschen. Charlottes Gedanken rasten. ‚Was zur Hölle kann da nur passiert sein?‘, überlegte sie fieberhaft.
Sie spürte ihren Puls inzwischen rasen. Der übermächtige Wunsch wegzulaufen überkam sie. Die kindische Hoffnung, dass das alles nur ein blöder Scherz sein möge. Oder dass alles doch irgendwie zum Schauspiel gehörte. Doch ihr Bauchgefühl sagte ihr etwas anderes. Und darauf hatte sie sich in ihrem Leben bislang immer verlassen können.
Widerwillig kam Charlotte ein ganz anderer Gedanke: ‚Wenn da wirklich was passiert ist, muss ich es mir ansehen‘, dachte sie. Vor ihrem geistigen Auge erschien ihr Chefredakteur mit verschränkten Armen, der sie über seinen Brillenrand hinweg streng anfunkelte. Wenn Richling erfuhr, dass sie bei einer wie auch immer gearteten, saftigen Skandalgeschichte anwesend war – und nichts unternommen hatte – würde er sie ohne mit der Wimper zu zucken ins Sport-Ressort verbannen. Dort könnte sie dann bis zum Sankt Nimmerleinstag bei Regenwetter Drittligistenspiele beobachten. Oder Schlimmeres.
Kurzentschlossen wandte sich Charlotte von der Gruppe ab. „Wo willst du denn hin?“, fragte Tatjana sie schrill. „Ich... geh nur mal kurz... also einer sollte doch mal kurz nachsehen...“, rief Charlotte halbherzig über die Schulter zurück. Mit hochrotem Kopf und rasendem Puls lief sie in Richtung Rundgang. Sie hörte das „Bleib lieber hier“-Zischen von Tatjana nur noch mit halbem Ohr.
Als sie um die gewölbte Wand des Rundgangs lief, erblickte Charlotte einen ansteigenden Steg. Sie ging ihn eilig hoch und konnte die klarer werdenden Stimmen jetzt verstehen: „Rufen Sie doch endlich die 110 an!“, „Oh Gott, wie schrecklich!“ und „Das kann doch nicht wahr sein!“. In Charlottes Sichtfeld traten einige der Schauspieler und Mördersucher aus einer anderen Gruppe. Sie standen aufgeregt im Halbkreis neben einem leeren Ausstellungskasten. Doch es war nicht der Kasten, den sie anstarrten, sondern etwas, das auf dem Boden lag. Der turnbeschuhte Sicherheitsbeamte stand von der Gruppe abgewandt und sprach mit angespannter Stimme in sein Handy: „Ja, Vollmer mein Name. Ich bin Wächter im Landesmuseum Stuttgart und möchte einen Toten melden.“ Pause. „Ja, einen Toten, sieht aus als...“, er schluckte hörbar, „...wäre er ermordet worden.“
Charlotte rutschte das Herz in die Knie. ‚Mord? Ein echter Mord?‘, dachte sie entsetzt. Spätestens jetzt wäre sie am liebsten weggerannt. Doch sie verharrte mehrere Sekunden lang wie gelähmt auf der Stelle. Dann traf sie eine Entscheidung. Langsam, als würde eine fremde Kraft sie steuern, näherte sich Charlotte wie in Trance der Menschenmenge. Nachdem klar war, dass die Polizei kommen würde, waren alle wie auf Knopfdruck verstummt. Als wäre ihre Panik nun nicht mehr von Nöten. Oder als versuchten sie, das Telefonat des Sicherheitsbeamten zu belauschen. Charlotte schob sich neben ihren Guide Sofia, die zitternd ihre Hände vor den Mund gepresst hatte. Sie wimmerte und ihr liefen ungehemmt Tränen über die Wangen. Auch ihr Blick haftete wie gebannt auf der Stelle am Boden, um die der menschliche Halbkreis stand. Charlottes Blick streifte den leeren Ausstellungskasten. ‚Wie im Skript‘, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Denn noch bevor sie ihren Blick dorthin lenkte, wohin alle starrten, wusste sie, was sie dort erwarten würde:
Erst sah sie nur braune, säuberlich polierte Lederschuhe. Dann wanderte ihr Blick langsam höher, über zwei ausgestreckte Hosenbeine. Ihr Herz raste schlimmer als je zuvor. Doch ein nahezu unanständiger Sog ließ ihren Blick weiter über den Körper gleiten. Charlotte hatte noch nie in ihrem Leben einen Toten gesehen. Doch irgendwie wusste sie, dass das hier ein echter Toter war. Nicht bloß ein Schauspieler, der sich totstellte. Der Mann, der am Boden lag, war der gutaussehende Schauspieler, der sich als Buchhalter Steiner vorgestellt hatte. Er lag reglos auf dem Rücken. Sein Gesicht war merkwürdig entspannt, seine Arme lagen schlaff neben dem Körper. Auf dem Hemd, das er trug, war ein großer, dunkelroter Fleck in der Herzgegend zu erkennen. Charlotte stieg der eisenhaltige Geruch von frischem Blut in die Nase.
‚Oh Gott, ich glaub ich muss mich übergeben‘. Sie drehte sich abrupt ab und lief ein paar Schritte von der Leiche weg. Keiner beachtete sie. Mit einem Ohr hörte Charlotte, wie der Sicherheitsbeamte das Gespräch mit der Polizei beendete. Dann wählte er offenbar eine neue Nummer, denn diesmal bat er seinen neuen Gesprächspartner ungeduldig um „Irgendetwas, um hier abzusperren.“ Gegen die Übelkeit ankämpfend sah Charlotte sich panisch um. ‚Du kannst dich doch nicht ernsthaft vor 20 Leuten übergeben‘, dachte sie fieberhaft. Schließlich erblickte sie zwei weitere Ausstellungskästen in der Nähe.
Hastig flüchtete sie hinter die Kästen. ‚Wenn ich schon kotzen muss, dann sieht es hier wenigstens nicht jeder‘, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie hoffte trotzdem inständig, dass es nicht soweit kam. Mit schwachen Beinen legte sie sich kurzerhand auf den kühlen Steinboden hinter einen der Kästen. Dabei stieß sie sich unsanft den Kopf am harten Boden. Hastig schob sich Charlotte ihre Schultertasche unter den Kopf und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie spürte, wie ihre Übelkeit schwand. Doch im nächsten Moment baute sich das Bild des Toten vor ihren geschlossenen Augen auf. ‚Oh Gott, das gibt es doch nicht, eine Leiche‘, wimmerte sie lautlos und spürte sofort einen dicken Kloß im Hals. Sie versuchte, das Bild zu verdrängen, indem sie zählend ein- und ausatmete: ‚Einatmen 3,4, Ausatmen, 7,8.‘ Während sie damit beschäftigt war, nahm sie eher nebenbei wahr, wie der Kollege des Sicherheitsbeamten mit dem Absperrseil auftauchte und alle anderen dazu aufforderte, den Bereich zu verlassen.
Es dauerte einige Zeit, bis Charlotte realisierte, dass außer ihr keiner mehr da war. Sie war vollkommen alleine, um sie herum war gespenstische Stille. Niemand in der Nähe... außer einer Leiche. Ruckartig richtete sie sich auf. Das brachte ihren Kreislauf so durcheinander, dass sie sich am Ausstellungskasten vor sich festhalten musste. Wieder atmete sie ein paar Mal tief durch, bis sich der schwarze Nebel auflöste. Blinzelnd erkannte sie die abgedunkelte Museumshalle vor sich. Charlotte wollte sich vollständig aufrappeln und schnellstens verschwinden, als sie plötzlich mitten in der Bewegung innehielt. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich etwas bei der Leiche bewegte.
Sie glitt geräuschlos zurück in die Hocke. Dabei achtete sie instinktiv darauf, vom massiven Fußteil des Kastens verdeckt zu bleiben. Vorsichtig blickte sie über den gläsernen Kastenrand. Vor lauter Aufregung hatte sie das Gefühl, ihre Sicht würde verschwimmen.
Doch sie erkannte deutlich genug, wie sich eine Gestalt über die Leiche beugte.
Charlottes Herz raste und sie hörte ihr Blut in den Ohren rauschen. Dennoch glaubte sie, ein leises Wimmern zu hören. ‚Kommt das von der Gestalt?‘, schoss es ihr durch den Kopf. Wie aus dem Nichts gellten auf einmal laute Polizeisirenen ins Museum. Charlotte schrak zusammen. Die Gestalt erschrak ebenfalls, denn sie ließ ruckartig vom Toten ab und richtete sich auf. Für einen entsetzlichen Augenblick dachte Charlotte, die Person sehe sie direkt durch den Glaskasten hindurch an. Doch dann drehte sich der Schatten ab und rannte auf lautlosen Sohlen davon. Unfähig, sich zu bewegen, blieb Charlotte wie versteinert hinter dem Kasten hocken. Dabei sah sie wie gebannt der Gestalt hinterher, um sicherzugehen, dass sie sich nicht doch noch einmal zu ihr umdrehte. Plötzlich stach sich ein silbriges Funkeln in ihr Sichtfeld. ‚Was ist das?‘, dachte sie irritiert, als sie hastig den Blick schweifen ließ, um den Ursprung des Funkelns auszumachen.
Zu spät kam ihr dadurch die Erkenntnis, dass sie sich längst hätte verkrümeln sollen. Denn im nächsten Augenblick hörte sie, wie mehrere Stimmen aus Richtung des Rundgangs näherkamen. Schnell und unerbittlich. Charlotte harrte nach wie vor hinter dem Schaukasten aus und linste über den Rand der Glasscheibe in Richtung der sich ihr nähernden Stimmen. Jetzt tauchten die dazugehörigen Personen auch schon in ihrem Sichtfeld auf: Ein blonder Mann Mitte dreißig in Lederjacke und Jeans kam in Begleitung eines Streifenpolizisten näher. Der dritte im Bunde war der Sicherheitsbeamte des Museums, der den anderen den Weg wies. Gemeinsam steuerten sie auf die Leiche am Boden zu. Knapp fünf Schritte von ihr entfernt blieben sie stehen. Der Lederjackenträger sagte so deutlich, dass Charlotte es mühelos verstehen konnte: „Wir warten, bis die Kriminaltechnik und der Rechtsmediziner da sind.“
In Charlottes Kopf begannen sich die Gedanken zu überschlagen. ‚Was mache ich jetzt? Ich komme sofort hinter dem Kasten hervor! Oder doch nicht? Wie sieht das denn aus, dann hält der mich ja gleich für die Mörderin! Oh man, oh man...‘, Charlotte entfuhr ein verzweifelter Laut, ohne dass sie es verhindern konnte. Sofort schlug sie sich die Hand vor den Mund. Sie versuchte, sich noch kleiner hinter dem Kasten zusammen zu kauern und betete, dass niemand sie gehört hatte. Aber trotz des Rauschens in ihren Ohren konnte sie hören, wie sich ihr langsame Schritte näherten. Sie kniff die Augen zusammen und wartete, bis das Unausweichliche eintrat: „Kommen Sie da raus, heben Sie die Hände nach vorn, damit ich sie sehen kann!“
Blinzelnd öffnete Charlotte die Augen und sah im Halbdunkeln zu dem Lederjackenträger hinauf, der ihr mit gezogener Waffe gegenüberstand. Falls überhaupt möglich, sank ihr Herz noch tiefer. „Ich... ich... tut mir leid... mir war einfach so schlecht, da hab ich mich kurz hierhergelegt...“, stammelte sie. „Hände nach vorne“, wiederholte der Mann, diesmal eine Spur gereizter. „Ok ok, ich... oh Gott, ich wollte doch wirklich nur... kurz... weil mir doch so schlecht war.“ Weiter kam sie nicht, denn noch während sie sich aufrichtete, packte der Mann sie grob an einem Arm und zerrte sie mit der freien Hand nach vorne, wo mehr Licht war.
Mit bohrendem Blick sah er ihr ins Gesicht und Charlotte merkte, wie sie vor lauter Panik erneut kurz davor war, zu heulen. „Was machen Sie hier?“, fragte er sie langsam und bedrohlich, während er ihren Arm immer noch im Schraubstock festhielt. „Ich... also mir wurde etwas schlecht, nachdem ich... das B..B..Blut gerochen habe.“ Charlotte schluckte trocken. Das war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie vor Nervosität ins Stottern geriet. „Und weil ich nicht... auf... ihn drauf... also, da dachte ich, leg ich mich m..m..mal kurz hin.“ ‚Verdammt‘, dachte sie, ‚reiß dich zusammen! Du hast den Typ schließlich nicht umgebracht.‘ Offenbar machte sie einen ausreichend elenden Eindruck, denn der Mann in der Lederjacke lockerte seinen Griff ein wenig, ließ die Waffe sinken und sagte nun etwas freundlicher: „Gehen Sie bitte wieder zu den anderen zurück und warten sie dort. Meine Kollegen und ich müssen mit Ihnen allen sprechen.“ Wortlos aber erleichtert nickte Charlotte.
Der Kommissar, wie sie vermutete, ließ ihren Arm nun endgültig los und deutete mit der freien Hand in Richtung des Rundgangs, wohin sie verschwinden sollte. Mit unsicheren Schritten lief Charlotte dorthin zurück.
Blass und verschämt steuerte Charlotte auf ihre Gruppe zu. Mittlerweile hatten sich auch alle anderen Mörderspiel-Gruppen in der großen Halle des Museums versammelt. Einige Streifenpolizisten waren in der Halle verteilt, die nach den Personalien der Anwesenden fragten. Tatjana gab gerade bei einer Polizistin an, dass sie außer dem Schrei nichts weiter mitbekommen habe. Nachdem die Beamtin alle wichtigen Angaben von Tatjanas Ausweis abgeschrieben hatte, kehrte diese zu den ‚Benedicts‘ zurück. Als sie Charlotte erblickte, steuerte sie direkt auf sie zu und fragte aufgeregt: „Was ist denn hier los? Ist was passiert? Hast du was gesehen?“ Aber Charlotte schüttelte nur den Kopf und ging zur Polizistin hinüber, um Tatjanas Fragen auszuweichen.
Die Beamtin sah Charlotte erwartungsvoll an und schlug eine neue Seite in ihrem Notizblock auf. „Haben Sie Ihren Ausweis dabei?“ „Ja, Moment“, Charlotte griff nach ihrer Umhängetasche. Doch als sie ins Leere fasste, fiel ihr ein, dass ihre Tasche immer noch hinter dem Ausstellungskasten liegen musste. ‚Verdammt.’ Augenblicklich schoss ihr die Röte in die Wangen. „Also eigentlich... nein.“ Die Beamtin zog eine Augenbraue nach oben und fragte nun: „Name?“ „Charlotte Bienert“ „Geburtsdatum?“ „15. Mai 1987“ „Was ist Ihr Beruf?“, hakte die Frau nach. „Ich bin angestellte Redakteurin bei der Weinstadt Woche“, kam es wie automatisch von Charlotte. „Wo wohnen Sie?“ Charlotte seufzte und antwortete: „Ich lebe mit meiner Schwester Sanne ‒ also eigentlich Susanne – in einer WG in Fellbach. Hallstätter Straße 32.“ Endlich schien die Beamtin alle Personalien zu haben, die sie benötigte, und fragte: „Haben Sie etwas beobachtet, was mit dem heutigen Vorfall in Verbindung stehen könnte?“
Charlotte stockte. „Ähm... naja... schon möglich, aber irgendwie auch wieder nicht.“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen fragte die Polizistin: „Ja oder nein?“ Charlotte lächelte nervös. „Ja... ich meine... ja ich glaube, ich hab was gesehen. Aber ich bin mir nicht sicher. Vielleicht waren es nur die Nerven.“ Die Frau musterte sie einen Augenblick. „Ich mache mal einen Vermerk, dass Sie vielleicht etwas gesehen haben. Bitte gehen Sie zu Ihrer Gruppe zurück und warten dort, bis Sie von Kommissar Jankovich aufgerufen werden.“
Der Lederjackenträger hieß also Jankovich. Stumm nickte Charlotte und wandte sich ab. Am liebsten würde sie jetzt sofort Sanne anrufen. Aber ihre Tasche mitsamt Smartphone war weg, und so konnte sie ihrer Schwester nicht Bescheid geben, dass es länger dauern würde. Sie lief zu Tatjana und fragte, ob sie kurz mit ihrem Handy telefonieren dürfte. „Ja klar. Aber was ist denn hier los, sag mal?“, die Neugier blitzte unleugbar aus Tatjanas Augen. „Ich erklär es dir gleich, versprochen, ich muss nur schnell telefonieren.“ Charlotte wandte sich ab und klingelte bei sich zuhause durch.
Nach dem dritten Klingeln nahm ihre Schwester ab. „Ja, hallo?“, schallte es gutgelaunt in den Hörer. „Ich bin’s“, sagte Charlotte gedämpft. „Was ist denn los, bist du nicht im Museum?“, fragte Sanne verwundert. „Doch, ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass es etwas länger dauern könnte“, druckste Charlotte. „Wieso? Hast du jemanden kennen gelernt?“, fragte Sanne schelmisch. Doch als Charlotte schwieg, wechselte Sannes Tonlage. „Ist was passiert?“ Charlotte zögerte. „Ja... kann man so sagen. Aber ich erzähl es dir erst, wenn ich Zuhause bin, ok?“ Jetzt nahm die Stimme ihrer Schwester einen alarmierten Ton an: „Was ist passiert?“ Charlotte seufzte. „Wie gesagt, ich erzähle es dir später. Mir geht es gut, keine Sorge. Ich wollte dir nur kurz sagen, dass ich später komme.“
„Was heißt später? Willst du spät nachts noch mit der S-Bahn fahren? Ich hol dich ab!“ Charlotte war dankbar für dieses Angebot. „Ja ok, das wäre gut. Ich geb dir Bescheid, sobald ich hier fertig bin. Kann aber echt später werden, ok?“ „Ja, schlafen kann ich jetzt sowieso nicht mehr“, entgegnete Sanne und klang dabei angespannt. „Ok, dann bis später. Wie gesagt, mach dir keine Sorgen, ich melde mich wieder.“ Sanne seufzte. „Gut, bis später.“ Beide legten auf.
Dankend gab Charlotte das Telefon Tatjana zurück. Fragend blickte diese sie an. „Und, was ist jetzt?“ Die Zeit, ihr Versprechen einzulösen, war schon gekommen. „Also, es ist so...“, hob Charlotte an und erklärte widerwillig, dass der Schauspieler, der den Buchhalter Steiner gespielt hatte, tot aufgefunden worden war. Dabei versuchte sie, so wenig Details wie möglich preiszugeben. Über das, was sie bei der Leiche beobachtet hatte, behielt sie Stillschweigen.
Die Beamten baten all diejenigen Besucher zu bleiben, welche die Leiche gesehen oder etwas Auffälliges beobachtet hatten. Alle anderen durften gehen. Und so blieben etwa 20 Personen in der Halle zurück. Nach und nach wurden sie aufgerufen und gebeten, die Treppe zur Galerie hochzulaufen. Die Zeit zog sich, während sich die Halle langsam leerte. Charlotte übermannte inzwischen bleierne Müdigkeit und sie hatte nicht einmal ihr Handy bei sich, um sich etwas abzulenken. Sie sehnte sich nach ihrem Bett. Auch wenn ihr die Bilder des heutigen Abends sicher für den Rest ihres Lebens durch den Kopf spuken würden, sobald sie die Augen schloss: Nichts wollte sie so sehr, als sich endlich hinzulegen und in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu sinken.
Hin und wieder wechselte sie einige unmotivierte Sätze mit den anderen Wartenden, die ebenfalls frustriert und übermüdet wirkten. Sobald ein Streifenbeamter oben am Treppenabsatz erschien und einen der Wartenden aufrief, reckte sie den Kopf. Doch erst gegen 2 Uhr nachts kam Charlotte an die Reihe. Mit steifen Knien lief sie die Treppe zur Galerie hinauf und betrat den Raum, zu dem der Beamte sie winkte. In der Zimmermitte stand ein Tisch. Dort saß der Mann, der Charlotte aus ihrem Versteck gezerrt hatte.
