Mord im Museum – Miss Molly Spencer ermittelt - Katharina Schendel - E-Book

Mord im Museum – Miss Molly Spencer ermittelt E-Book

Katharina Schendel

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Beschreibung

Drei Leichen, eine mysteriöse Wachsfigur und ein Amateur-Detektivclub Als die junge Visagistin Molly Spencer das Miss-Marple-Museum in Cornwall erbt, ahnt sie nicht, welche mörderischen Abenteuer sie dort erwarten: Kaum ist sie vor Ort, wird das zentrale Ausstellungsstück, eine lebensgroße Miss-Marple-Wachsfigur, beschädigt. Molly sucht fieberhaft nach dem Täter, dem einzigen Besucher an diesem Tag – und stolpert nur zu bald über dessen Leiche. Sie ahnt, dass die Wachsfigur mit einem gut gehüteten Geheimnis behaftet ist. Auch ihre Großtanten scheinen nicht wie vermutet bei einem Unfall zu Tode gekommen zu sein … Gemeinsam mit der jungen Briefträgerin Charlotte, dem charismatischen Bestatter Dexter und dem frechen Beagle Flambeau beginnt Molly zu ermitteln.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Mord im Museum – Miss Molly Spencer ermittelt

KATHARINA SCHENDEL wurde in einem winzigen Dorf an der Küste geboren und wuchs im grünen Herzen Deutschlands auf. Nach ihrer Schulzeit verbrachte sie mehrere Jahre in Metropolen wie Tokio und London. Sie liebt Ausflüge nach Devon und Cornwall sowie lange Spaziergänge mit ihrem Beagle.

Drei Leichen, eine mysteriöse Wachsfigur und ein Amateur-Detektivclub

Als die junge Visagistin Molly Spencer das Miss-Marple-Museum in Cornwall erbt, ahnt sie nicht, welche mörderischen Abenteuer sie dort erwarten: Kaum ist sie vor Ort, wird das zentrale Ausstellungsstück, eine lebensgroße Miss-Marple-Wachsfigur, beschädigt. Molly sucht fieberhaft nach dem Täter, dem einzigen Besucher an diesem Tag – und stolpert nur zu bald über dessen Leiche. Sie ahnt, dass die Wachsfigur mit einem gut gehüteten Geheimnis behaftet ist. Auch ihre Großtanten scheinen nicht wie vermutet bei einem Unfall zu Tode gekommen zu sein … Gemeinsam mit der jungen Briefträgerin Charlotte, dem charismatischen Bestatter Dexter und dem frechen Beagle Flambeau beginnt Molly zu ermitteln.

Katharina Schendel

Mord im Museum – Miss Molly Spencer ermittelt

Ein Cornwall-Krimi

Ullstein

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Januar 2026© 2026 Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 BerlinWir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor. Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected] Umschlagmotive: © maradaisy, © Art Studio VN, © Alex Rockheart, © Yorrico (alle © shutterstock)Vignetten im Innenteil: © MdNahid/AdobeStockE-Book powered by pepyrusISBN: 978-3-8437-3718-0

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

Die Figuren

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Epilog

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Die Figuren

Die Figuren

Molly Spencer

, Visagistin, Erbin und Amateurdetektivin

Daphne und Penelope Rafferty

, die verstorbenen Vorbesitzerinnen von »The Sixteen Corners«und Mollys Großtanten sechzehnten Grades

Harry Burton

, Notar

Charlotte »Charles« Parker

, Postbotin und Fremdenführerin

Dexter Jenkins

, Bestatter und Bäcker

Flambeau

, Beagle und Kleptomane

Shiva Rahim

, Pubbesitzer und Medium

Calvin Edwards

, Polizist

Lucky Mathews

, Dorf-Casanova

Honoria Wychford

, Vorsitzende der Jam and Pickle Society

Daisy und Arthur Bloomfield

, Besitzer des Gartencenters

Peter Perrygreen

, Handwerker

Bella Barkin

, Hundecoiffeurin

Miranda Fletcher

, Rentnerin

Briony Goodfellow

, Mitglied der Jam and Pickle Society

Edda Abernathy

, Mitglied der Jam and Pickle Society

Lorna Plum

, Mitglied der Jam-and Pickle Society

Miss-Marple-Wachsfigur

, Herzstück der Ausstellung

Den Beagle, die Wachsfigur und das sechzehneckige Haus gibt es wirklich. Alles andere ist frei erfunden.

Kapitel 1

Vielleicht ist er ja ermordet worden.

Molly Spencer biss sich auf die Unterlippe und starrte in das halb volle Weinglas, das vor ihr auf dem klebrigen Tresen stand. Der rubinrote Lambrusco, an dem sie schon geraume Zeit nippte, perlte leise vor sich hin, als ob alles in bester Ordnung wäre. Überhaupt schien sich die Welt völlig unbekümmert weiterzudrehen – trotz des Chaos, das in Mollys Leben herrschte. Bis auf ein paar mitleidige Blicke schien niemand ernsthaft von ihr Notiz zu nehmen, obgleich sie in ihrer Aufmachung vermutlich der mit Abstand außergewöhnlichste Gast war, den diese schäbige kleine Bar im Herzen Londons je gesehen hatte. Das zerzauste braune Haar und das tränenverschmierte Make-up wären noch nicht der Rede wert gewesen, doch das perlenbesetzte, mit Lambrusco bekleckerte Brautkleid war an Auffälligkeit kaum zu überbieten.

Erneut nahm Molly einen kleinen Schluck von ihrem Wein. Das Gesöff war so hummelsüß wie die Zukunft, die sie sich mit Dorian erhofft hatte. Zu süß jedenfalls, um es auf Ex zu trinken. Dazu gesellte sich ein bitterer Nachgeschmack. Bitter wie die Enttäuschung, die sie tief in ihrem Inneren spürte. Bitter wie Gift und Galle. Wie eine Hochzeit ohne Bräutigam.

Das also ist der angeblich schönste Tag meines Lebens …

Nein. Wirklich nicht. Das hatte sie sich anders vorgestellt. Ganz anders!

Zugegeben, ihr Bild von Dorian und der damit verbundene Traum von einer glücklichen Ehe mochten etwas naiv gewesen sein. Vielleicht hätte der Umstand, dass er, bevor sie beide zusammengekommen waren, schon mal eine Frau sang- und klanglos abserviert hatte, ihr zu denken geben müssen. Doch Liebe machte ja bekanntlich blind. In den vergangenen zweieinhalb Jahren ihrer Beziehung war ihr jedenfalls nie der Gedanke gekommen, dass Dorian es nicht ehrlich mit ihr meinte. Im Gegenteil, als sie sich vor fünf Monaten verlobt hatten, war er der scheinbar glücklichste Mensch der Welt gewesen. Oder der zweitglücklichste, wenn sie sich selbst mit dazuzählte. Durch die rosarote Brille hatte er wie ein aufrichtiger und integerer Kerl ausgesehen. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass er sie am Tag ihrer Hochzeit sitzen lassen würde. Was für ein Klischee!

Molly dachte an all die vielen enttäuschten Gesichter der Hochzeitsgäste und Wut keimte in ihr auf. Dorian hatte es sich auf einen Streich mit einer ganzen Menge Leute verscherzt. Familie, Freunde, ehemalige Kollegen – niemand hatte so recht begreifen können, dass die Hochzeit tatsächlich geplatzt war. Einige vermuteten wahrscheinlich immer noch, dass es sich nur um einen schlechten Scherz oder irgendein bedauerliches Missverständnis handelte.

Heiraten. Glücklich sein. Gemeinsam alt werden. So hatte Molly sich das vorgestellt. Jetzt war von diesem Traum nichts als kalter Rauch übrig. Dank Dorian war die Realität aschgrau: Sie hatte vor der Kirche auf ihn gewartet – und er war nicht aufgetaucht.

Das hätte ich dir gleich sagen können, war das ernüchternde und wenig aufbauende Resümee von Mollys Mutter gewesen. Sie hatte Dorian noch nie leiden können und auch nie einen Hehl daraus gemacht. Allerdings war es auch nicht leicht, es ihr recht zu machen. Ein Ding der Unmöglichkeit, wie Mollys Vater zu sagen pflegte.

Molly seufzte leise. Von nun an würde sie sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anhören müssen, dass ihre Mutter es schon immer gewusst hatte, und dass sie selbst einfach zu blöd gewesen war, Dorians wahres Gesicht zu erkennen. Das Schlimmste daran war, dass es sogar stimmte. Na ja, im Nachhinein war man ja immer schlauer.

Frustriert nippte Molly an ihrem Wein.

Ermordet.

Ja, das war eine Möglichkeit, die sie in Betracht ziehen musste. Dorian konnte ermordet worden sein. Falls nicht, würde sie das mit Freude selbst erledigen, sobald er ihr unter die Augen trat. Für den Fall, dass er sich das trauen sollte. Bislang hatte er ja nicht einmal den Mumm gehabt, ihre Anrufe auf seinem Handy entgegenzunehmen.

Anfangs, als die wartende Hochzeitsgesellschaft noch in der und um die Kirche versammelt gewesen war, hatte Molly sich große Sorgen um Dorian gemacht. Sie hatte sogar befürchtet, dass er vielleicht einen Unfall gehabt haben könnte, doch das konnte sie mittlerweile mit ziemlicher Gewissheit ausschließen. Zumindest hatten ihre Freundinnen alle Krankenhäuser der Gegend abtelefoniert. Ein Mann, auf den Dorians Beschreibung zutraf, war nirgendwo eingeliefert worden.

Ja, er müsste schon eine verdammt gute Geschichte auffahren, wenn er das hier würde erklären wollen.

»Schätzchen, sei froh, dass du den Mistkerl noch rechtzeitig losgeworden bist!«

Der Barkeeper, ein schmaler Mann in den Fünfzigern mit Ziegenbärtchen und fliehender Stirn, lächelte ihr aufmunternd von der anderen Seite des Tresens zu.

»Eine Ehe bringt früher oder später immer Probleme.« Er zupfte an seinem Mini-Bart. »Ich bin zweimal geschieden. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche.« Mit einer flinken Bewegung schnappte er sich ein Geschirrtuch und begann, Gläser zu polieren. »Mein erster Mann war ein Spieler und Säufer. Und mein zweiter Mann hat mich mit allem betrogen, was nicht bei drei auf dem Baum war.«

»Das tut mir leid«, murmelte Molly, die eigentlich gar keine Lust darauf hatte, sich die Beziehungsprobleme von einem Fremden anzuhören. Es war ja nicht so, dass sie nicht schon selbst genug davon hatte.

Ihr Gegenüber winkte ab. »Ach das muss es nicht. Ich bin besser dran ohne die beiden. Jetzt habe ich meine Freiheit wieder.« Er strahlte über das ganze Gesicht und zwinkerte ihr zu. »Man muss es immer positiv sehen. Wenn man das einmal begriffen hat, dann hat man das Schlimmste überstanden.«

Molly rang sich ein Lächeln ab, was der Barkeeper anscheinend als ein gutes Zeichen wertete, da er sich daraufhin einem anderen Gast zuwandte.

Erleichtert, dass sie wieder ihre Ruhe hatte, trank Molly einen weiteren Schluck Lambrusco. Das Einzige, was ihr jetzt wirklich guttat, war der Gedanke an Rache. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sie Dorian ein delikates Pilzgericht servierte – das er leider nicht überlebte. Molly war wie berauscht von der Idee. Sie blühte förmlich auf.

Mord ist keine Lösung.

Der verlockende Gedanke an die tödliche Pilzmahlzeit verblasste allmählich.

Es musste noch einen anderen Weg geben …

Auf den Mond schießen war eine weitere Möglichkeit – obwohl das genau betrachtet eine Zumutung für den Mond wäre. Auch Himmelskörper hatten ein Recht auf Würde!

Vielleicht konnte sie ihn ja mit einer Anzeige wegen Betrugs in die Bredouille bringen. Immerhin war Dorian ein Heiratsschwindler. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht strafbar war!

Sie nippte wieder am Wein und fühlte sich nun deutlich besser, ja beinahe beschwingt. Ob es an ihren Rachegedanken oder am Alkohol lag, konnte sie nicht sagen. Vermutlich war es eine Mischung aus beidem.

Diesen Tag eine Achterbahnfahrt zu nennen, war eine völlige Untertreibung. Im Grunde war es nämlich, bis auf das momentane kleine Stimmungshoch, bisher stetig bergab gegangen.

Dorian drängte sich mit unübertroffener Penetranz in ihr Bewusstsein zurück. Er hätte wenigstens anrufen und ihr Bescheid geben können. So wie ihr ehemaliger Vorgesetzter, der Intendant des Londoner Kriminaltheaters, das vor ein paar Wochen getan hatte, um ihr ihre Entlassung mitzuteilen. Molly war dort als Visagistin und Bühnenassistentin tätig gewesen und hatte sich um alle möglichen Belange auf und hinter der Bühne gekümmert. Ihre Stelle war einer Reihe von Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen.

Sie hatte eine Beförderung erwartet und eine Kündigung erhalten. Zu dumm! Beim nächsten Mal machte sie das andersherum.

Ein kurzer summender Ton verkündete die Ankunft einer WhatsApp-Nachricht.

Molly öffnete ihre Handtasche und zog ihr Smartphone hervor.

Die Nachricht kam von Dorian.

Tut mir leid, dass ich es vermasselt habe. Es ist nicht deine Schuld. Es liegt an mir. Ich habe Panik bekommen. Ich weiß, dass ich ein Feigling bin.

Darunter eine Reihe Emojis, die Molly nur schwer einordnen konnte.

Ein Affe, der sich die Augen zuhält, ein Kohlkopf, ein seltsamer Vogel und eine explodierende Bombe.

Was wollte Dorian denn damit zum Ausdruck bringen?

Sie schob das Handy in die Tasche zurück.

Der Typ konnte ihr gestohlen bleiben! Sollte er sich doch zum Teufel scheren!

Molly fischte eine Zehnpfundnote aus ihrem Portemonnaie und wollte sie auf den Tresen legen, doch der Barkeeper winkte nur lächelnd ab.

»Geht aufs Haus, Darling.«

»Dankeschön.« Molly steckte das Geld wieder ein, nickte dem Barkeeper zu und trat den Heimweg an.

Drei Tage später fuhren Mollys Gefühle noch immer Achterbahn. Ihre besten Freundinnen hatten sich die Klinke in die Hand gegeben und sie zu trösten versucht, doch Molly hatte lieber allein sein wollen. Sie hatte sich mit Chips, Limo und riesigen Portionen Schokoladeneis eingedeckt und so viel davon verschlungen, wie sie es selbst kaum für möglich gehalten hätte. Dazu hatte sie sich im Fernsehen Liebesfilme angeschaut, solche, in denen der Bräutigam kein Idiot war und die Braut am Tag der Hochzeit nicht sitzen ließ. Die Happy Ends hatten sie jedes Mal zum Weinen gebracht, ihr aber auch einen Funken Hoffnung zurückgegeben. Irgendwo würde es einen Mann geben, der es ehrlich mit ihr meinte und dem sie vertrauen konnte. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, diesen Mann zu finden.

Zum ersten Mal seit Tagen verließ Molly das Haus, um einen Spaziergang zu machen. Als sie zurückkehrte, fiel ihr ein Brief auf, der halb aus dem Briefkastenschlitz hervorschaute.

Was mochte das nun wieder für eine Hiobsbotschaft sein?

Molly besah sich den Umschlag genauer. Der Brief stammte von einem Notar in Cornwall.

In ihrer Wohnung öffnete sie den Brief, faltete ihn auseinander und las.

Verehrte Miss Spencer,

als Nachlassverwalter meiner unlängst verstorbenen Klientinnen Daphne und Penelope Rafferty ist es mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie als Alleinerbin des Familienstammsitzes »The Sixteen Corners« in Little Haddock, Cornwall, ermittelt wurden.Um das Erbe anzutreten, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Die erste und wichtigste Bedingung lautet, dass Sie zum Zeitpunkt des Erbantritts unverheiratet sein müssen. Außerdem verpflichten Sie sich mit dem Erbe, für den Erhalt des Hauses und aller darin befindlichen Gegebenheiten Sorge zu tragen.Alles Weitere würde ich gerne mit Ihnen persönlich besprechen. Ich freue mich auf Ihren Anruf.Hochachtungsvoll

Harry BurtonNotar

Molly zwickte sich in den Arm, um zu sehen, ob sie wach war. Sie las den Brief noch mal. Dann ein drittes Mal. Mit jedem Lesen klang es absurder. Ein Haus auf dem Land? Von zwei Frauen, die sie gar nicht kannte? Von Daphne und Penelope Rafferty hatte sie jedenfalls noch nie etwas gehört.

Nein, das roch nach einer dieser neumodischen Betrugsmaschen. Erst verkündet man eine vielversprechende Aussicht auf ein angebliches Haus – und dann übermittelt man Kontodaten oder gar eine »Bearbeitungsgebühr«, nur um später festzustellen, dass man einer Gaunerei auf den Leim gegangen ist. Nicht mit ihr! Sie stopfte den Brief zurück in den Umschlag, ging in die Küche und warf ihn mit aller Entschlossenheit in den Mülleimer, direkt zwischen Müsliverpackungen und leere Joghurtbecher.

Und doch … der Brief ließ sie nicht los.

Während der Tee langsam kalt wurde, wanderten ihre Gedanken immer wieder zurück zu »The Sixteen Corners«. Das klang so sonderbar und ungewöhnlich … und gleichzeitig irgendwie charmant. Nach Rosenduft, bestickten Sofakissen und knarrenden Dielen.

Was, wenn es doch kein Betrug war?

Mit einem theatralischen Seufzer stand Molly auf, schob den Deckel des Mülleimers beiseite und fischte den Brief wieder heraus. Etwas Joghurt klebte an der oberen Ecke des Umschlags, aber ansonsten war er unversehrt.

Sie setzte sich erneut, strich das Papier glatt und las den Brief ein weiteres Mal, diesmal langsamer.

Ihr Bauchgefühl mahnte sie noch immer zur Vorsicht. Vielleicht war ja doch was dran?

Okay, aber selbst wenn es kein Betrug war, konnte es sich nur um eine Verwechslung handeln.

Warum sollten zwei wildfremde Damen, denen sie niemals begegnet war, sie als Alleinerbin benennen? Ja, es musste eine Verwechslung sein, alles andere ergab keinen Sinn. Bestimmt war eine andere Molly Spencer gemeint. Den Namen gab es doch sicher nicht nur einmal auf der Welt. Es gab garantiert noch zehn andere Molly Spencers, allein hier in London. Wie töricht wäre es da anzunehmen, dass der Brief tatsächlich für sie sei. Na ja, schön wäre so ein Haus in Cornwall natürlich schon. Aber wie sollte das zusammenpassen? Die zwei fremden verstorbenen Frauen auf der einen Seite und sie, Molly, die gerade alles in den Sand gesetzt hatte, auf der anderen. Sie fühlte sich wie eine Versagerin, beruflich wie privat. Doch sie wollte raus aus diesem emotionalen Tief, koste es, was es wolle. Wenn es auch nur den Hauch einer Möglichkeit gab, dass sie wirklich die Erbin dieses Anwesens war, dann musste sie das in Erfahrung bringen!

Erneut las sie den Brief. Die Nachricht erschien ihr kein Stück weniger merkwürdig als zuvor. Besonders nebulös und rätselhaft klang die Formulierung mit den sogenannten »im Haus befindlichen Gegebenheiten«. Was bitte sollte sie sich denn darunter vorstellen? Gab es da vielleicht eine Sammlung sündhaft teurer Ming-Vasen, die sie dreimal täglich abstauben musste? Einen Wintergarten voller hungriger fleischfressender Pflanzen? Ein Kuriositätenkabinett, auf das selbst Dr. Parnassus neidisch gewesen wäre? Mollys Fantasie zauberte ihr die verrücktesten Bilder in den Kopf.

Und dann noch die seltsame Bedingung, ledig zu sein. Was spielte denn das für eine Rolle? Die Skepsis blieb, doch sie vermischte sich mit einem Hauch von Hoffnung.

Am besten rief sie gleich bei dem Notar an, der ihr den Brief geschickt hatte. Natürlich musste sie zuerst herausfinden, ob der Brief auch tatsächlich für sie bestimmt gewesen war. Noch immer gärten starke Zweifel in ihr, doch dann stellte sie sich für einen kurzen Moment vor, wie es sich anfühlen würde, wenn es tatsächlich der Realität entspräche.

Ein Haus! In Cornwall! Nur für sie allein! Dort würde sie bestimmt zur Ruhe kommen und das Chaos hinter sich lassen können. Vielleicht könnte sie auch endlich den Liebesroman schreiben, der schon so viele Jahre in ihr schlummerte. Mit Happy End natürlich!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ja! Vielleicht war es wirklich an der Zeit, nach vorn zu blicken und das tiefe Tal der Trübsal hinter sich zu lassen. Von jetzt an würde es nur noch bergauf gehen!

Danke, Dorian, dass du ein Feigling bist. Da habe ich ja wirklich noch mal Glück gehabt.

Kapitel 2

Auf den ersten Blick war Little Haddock ein ganz gewöhnliches britisches Dorf. An der Südküste der Grafschaft Cornwall gelegen, wo die weitläufige Landschaft vor allem vom Meer, aber auch von sanften grünen Hügeln und malerischen Heideflächen bestimmt wird, strahlte es Ruhe und Gediegenheit aus.

Kleine, mit Rosen bewachsene Steinhäuser reihten sich entlang einer gewundenen, frisch geteerten Straße aneinander. Es gab eine alte Kirche, einen Pub, einen malerischen Hafen, ein Gartencenter mit angrenzendem Café, einen Gemischtwarenladen und einen Hundesalon.

Abseits der Straße, am Rande des Dorfes, umgeben von Bäumen und Feldern, erhob sich das dreistöckige Gebäude »The Sixteen Corners« wie der Stammsitz einer exzentrischen Herzogin.

Staunend betrachtete Molly das einzigartige architektonische Juwel. Aus der Ferne wirkte das graue Gebäude mit dem rotbraunen, kegelförmigen Ziegeldach wie ein Rundbau. Erst aus der Nähe konnte man die vielen gleichmäßigen, vertikal verlaufenden Kanten erkennen. So war das mit den sechzehn Ecken also gemeint.

Es gab unzählige Fenster, manche rechteckig, andere rund, wieder andere rautenförmig. Große, grüne Fensterläden und rot getünchte Fensterrahmen setzten an der grauen Steinfassade farbliche Akzente.

»Gar nicht so übel, was?«

Harry Burton, der Notar, von dem Molly den Brief erhalten und mit dem sie vor einigen Tagen kurz telefoniert hatte, schritt mit einem breiten Lächeln auf sie zu. Er war von kleiner, birnenförmiger Gestalt, hatte blasse Haut, einen Schnauzbart und schien in seinen Fünfzigern zu sein. Sein schwarzes, nach hinten gekämmtes Haar glänzte matt im Sonnenschein. »Willkommen in Cornwall, Miss Spencer!«

Sie schüttelten die Hände.

»Hallo, Mr Burton. Ach, ist das aufregend. Einen Moment …« Molly kramte ein Papier aus ihrer Handtasche und gab es dem Notar. »Die Bescheinigung der Londoner Meldebehörde, um die Sie mich gebeten hatten.«

Harry Burton studierte rasch das Schriftstück, in dem offiziell bescheinigt wurde, dass Molly ledig war. Er nickte zufrieden. »Ausgezeichnet. Damit ist die wichtigste Bedingung schon mal erfüllt.« Er faltete das Dokument und verstaute es in seiner Jacketttasche. »Dann haben Sie sich also dazu entschlossen, das Erbe anzutreten?«

»Ich spiele mit dem Gedanken«, entgegnete Molly. »Aber ganz entschieden habe ich mich noch nicht.«

Der Notar musterte sie neugierig. »Ich verstehe.« Ein Schmunzeln umspielte seine Lippen. »Nicht jeder möchte die pulsierende Metropole Londons gegen ein verschlafenes Nest wie Little Haddock eintauschen.«

Molly zuckte bloß mit den Schultern.

Im Grunde gibt es nicht viel, was mich dort hält.

Burton hob die Hände. »Nichts für ungut, aber für eine junge Frau wie Sie muss es hier auf dem Land doch schrecklich langweilig sein.«

Langweilig? Das war nicht das Wort, das Molly in den Sinn kam. Sie schloss kurz die Augen und atmete tief die frische, saubere Luft ein. »Ich finde es eigentlich ganz hübsch hier.« Diese Abgeschiedenheit hatte definitiv ihren Reiz. Zum Beispiel war man vor unliebsamen Idioten, die einen nur hintergingen und vor dem Traualtar stehen ließen, sicher.

»Die Geschmäcker sind eben verschieden«, murmelte der Notar und strich über seinen Schnäuzer.

Molly betrachtete erneut das sonderbare Gebäude. Aus dem kegelförmigen Ziegeldach ragten ringsum mehrere große Erkerfenster und Schornsteine heraus.

»Was für ein außergewöhnliches Haus!«

»Nicht wahr?« Harry Burton nickte enthusiastisch. »Es wurde im Jahr 1796 nach dem Vorbild der Basilika von San Vitale in Ravenna erbaut.«

»Es ist wunderschön.«

Ein verträumter Ausdruck trat in Harry Burtons Gesicht. »Warten Sie, bis Sie es von innen gesehen haben.« Er zog einen kleinen Gegenstand aus der Jacketttasche und hielt ihn Molly hin. »Hiermit überreiche ich Ihnen offiziell den Schlüssel zu den Sixteen Corners.« Er breitete lächelnd die Arme aus. »Wenn Sie möchten, gehört es Ihnen.«

Molly nahm den filigranen Schlüssel, der aus fein ziseliertem Eisen gefertigt war und ungewöhnlich schwer in ihrer Hand lag. Außergewöhnlich war auch der sechzehneckige Griff, in dessen Mitte die Krone eines Baumes abgebildet war. »Dürfte ich, bevor ich mich entscheide, einen Blick hineinwerfen?«

»Selbstverständlich.« Burton nickte. »Sehen Sie sich ruhig alles in Ruhe an.«

Gespannt trat Molly auf die Haustür zu, steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und drückte die Klinke he­runter.

Ein Knarren drang an ihr Ohr und von hinten fegte ein Windstoß heran. Molly bekam eine Gänsehaut.

Sie schob die Tür auf und ging hinein.

Der Eingangsbereich war ein großer halbdunkler Raum, von dem mehrere Türen abgingen, die allesamt geschlossen waren, darunter auch eine doppelte Schiebetür. Es gab eine schmale Treppe, die sich in einem sanften Bogen nach oben wand.

Harry Burton, der hinter Molly ins Haus getreten war, schaltete das Licht ein. Nun konnte sie ein riesiges Mobile aus großen schwarzen Vögeln erkennen, das an der hohen Zimmerdecke hing. Das mussten Krähen sein. Vermutlich ausgestopft, so echt, wie sie aussahen. Sie hatten die Flügel ausgebreitet und durch den Wind, der durch die offene Haustür hereinblies, zogen sie segelnd ihre Kreise.

»Gute Geister, um das Böse fernzuhalten«, bemerkte der Notar und ließ die Tür ins Schloss fallen.

Molly lief ein Schauer über den Rücken. »Lassen Sie mich raten. Es sind sechzehn.«

»Ganz genau sechzehn Stück«, bestätigte Burton. »Für jede Ecke des Hauses eine.«

Auch wenn die ausgestopften Vögel einen leicht morbiden Eindruck machten, wirkten sie nicht sonderlich bedrohlich. Anders als in diesem alten Horrorfilm, den Molly bislang nur einmal gesehen und der sie bis ins Mark erschüttert hatte.

»Hatte Alfred Hitchcock etwas mit diesem Haus zu tun?«

Der Notar lächelte. »In der Tat war Mr Hitchcock zeit seines Lebens ein gern gesehener Gast hinter diesen Mauern. Genau wie die Schriftstellerin Daphne du Maurier, die die Vorlage für den Film Die Vögel geschrieben hat.«

Ein Haus, in dem man Inspiration für seine kreativen Ideen finden konnte, war eine feine Sache, dachte Molly. Blieb nur zu hoffen, dass das nicht nur für Horrorgeschichten, sondern auch für Liebesromane galt.

Harry Burton stellte sich direkt unter das Mobile. »Insgesamt gibt es sechzehn Zimmer und jedes verfügt über seinen eigenen Charme und Charakter. Viele Dinge werden Sie sicher erst im Laufe der Zeit erkunden.« Er deutete zur Treppe. »Da geht es nach oben zum Bad und zu den Schlafzimmern. Hier unten befinden sich die Küche, das Wohnzimmer und die Bibliothek.«

Es gab eine Bibliothek! Molly hätte vor Freude am liebsten Purzelbäume geschlagen. Von einer eigenen Bibliothek hatte sie schon immer geträumt.

»Und natürlich das Herzstück des Hauses – das Oktagon.« Burton wandte sich der doppelten Schiebetür zu und zog sie mit Schwung auf. Mit einer raschen Armbewegung bedeutete er Molly voranzugehen.

Sie trat ein – und hielt vor Erstaunen kurz den Atem an. Das Oktagon war eine lichtdurchflutete achteckige Halle, deren Höhe Molly auf mindestens zehn Meter schätzte. Die Wände waren mit einem Fries aus unzähligen Muscheln verziert. Es gab allerlei Mobiliar, gefüllte Vitrinen und Podeste.

Mitten in dem eindrucksvollen Raum stand eine zierliche, ältere Dame in einem geblümten Kleid, mit Handtasche und Hut. In ihren Augen standen Scharfsinn und Weisheit geschrieben.

Ob sie eine Bekannte der verstorbenen Vorbesitzerinnen war? Oder vielleicht ein Empfangskomitee aus dem Dorf?

Der Notar ergriff das Wort. »Wenn ich Sie miteinander bekannt machen darf.« Er vollführte eine ausladende Armbewegung. »Miss Molly Spencer. Miss Jane Marple.«

Jane Marple? So hieß doch die Detektivin bei Agatha Christie. Auch wenn Molly sich nicht allzu viel aus Kriminalliteratur machte, war sie doch bei ihrer ehemaligen Arbeitsstelle, dem Kriminaltheater in London, schon öfter mit den Werken der Meisterin der Kriminalliteratur in Berührung gekommen. Besonders die Figur der aufgeweckten und blitzgescheiten Miss Marple hatte sie immer als äußerst sympathisch empfunden. Die Dame, die jetzt vor ihr stand, hatte sich wirklich sehr überzeugend verkleidet!

Molly machte einen Schritt auf die Frau zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Guten Tag, Miss. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«

Die Dame rührte sich nicht. Sie stand nur da, schaute und hielt ihre Handtasche fest. Sie blinzelte nicht einmal.

Vorsichtig wagte sich Molly etwas näher heran, ihre Aufmerksamkeit nun ganz auf das freundliche Gesicht der Besucherin konzentriert. Atmete die Frau überhaupt?

»Ist es nicht unglaublich?« Harry Burton rieb sich grinsend die Hände. »Sie sieht täuschend echt aus, nicht wahr?«

»Wie? Ich verstehe nicht.« Molly schaute ihn irritiert an.

Dem Notar entwich ein leises Kichern. »Diese Miss Marple hier ist eine Wachsfigur. Sie wurde 1970 bei Madame Tussauds gefertigt.« Er senkte die Stimme. »Agatha Christie persönlich hat damals den Herstellungsprozess überwacht.« Er strich über seinen Schnauzbart. »Die Rafferty-Schwestern erstanden die Figur schließlich in den späten Neunzigerjahren. Seitdem ist sie der Höhepunkt der Ausstellung.«

Molly runzelte die Stirn. »Ah, die Ausstellung, die Sie bei unserem Telefonat kurz erwähnt hatten?«

Harry Burton breitete die Arme aus und drehte sich einmal um die eigene Achse. »Ganz genau! Dieses Museum, liebe Miss Spencer, enthält eine Vielzahl an Raritäten! Artefakte aus dem Leben und Schaffen verschiedenster berühmter Krimiautoren – Christie, Conan Doyle, Poe – um nur einige zu nennen. Unter anderem befindet sich hier auch die weltweit umfassendste Miss-Marple-Sammlung der Welt.« Er tänzelte zu einem geblümten Sofa. »Die Möbel, die Sie hier zum Beispiel sehen, sind allesamt Requisiten, die in Miss-Marple-Verfilmungen Verwendung gefunden haben.« Er deutete auf ein Regal auf der anderen Seite des Raumes. »Dort drüben stehen die Erstausgaben der Miss-Marple-Fälle sowie die dazugehörigen Notizbücher von Agatha Christie. Sehr lesenswert.« Rasch tänzelte er weiter zu einem Tisch, auf dem ein großes, hübsches Puppenhaus stand. »Und hier sind detaillierte Miniaturnachbildungen von Tatorten aus den Miss-Marple-Krimis zu bestaunen.« Ein seliges Lächeln huschte über sein Gesicht. »Es gibt noch so viel mehr. Das müssen Sie sich alles in Ruhe anschauen.«

Molly nickte nachdenklich. Das also waren die mysteriösen Gegebenheiten, wie Harry Burton es in seinem Brief formuliert hatte.

Er drückte ihr ein Pamphlet in die Hand. »Hier ist die Inventarliste.«

»Wieso ich?«, fragte Molly. »Wieso erbe ich das alles?«

Burton setzte eine wichtige Miene auf. »Die Rafferty-Schwestern hatten keine direkten Nachkommen. Ich musste also einige Recherchearbeit erledigen.« Er schob die Hände in die Hosentaschen und begann, im Raum auf und ab zu gehen. »Wie sich herausstellte, hatte die Mutter der beiden zahlreiche Geschwister, und über deren weitverzweigte Nachfahrenschaft habe ich Sie schließlich aufgespürt.«

»Dann bin ich tatsächlich mit Daphne und Penelope verwandt?« Molly konnte es kaum fassen.

»Ja, sind Sie.« Der Notar lächelte. »Sie sind die Großnichte sechzehnten Grades, um genau zu sein.«

»Und ich bin die Einzige?«

Harry Burton strich erneut über seinen Schnäuzer. »Sonst gab es niemanden, der die Voraussetzungen erfüllte. Schon seit seiner Erbauung wurde das Haus immer nur an ledige weibliche Familienangehörige vererbt.«

»Warum ist das denn überhaupt so wichtig?«, wollte Molly wissen. »Dass man unverheiratet ist?«

Der Notar zuckte mit den Schultern. »Darauf kann ich Ihnen leider auch keine Antwort geben. Da tappe ich selber im Dunkeln.«

»Aber irgendeine Ahnung werden Sie doch haben«, bohrte Molly unbeirrt weiter.

»Womöglich hängt das mit den Erbauerinnen zusammen, zwei Cousinen, die ebenfalls unverheiratet waren.« Harry Burton hob die Hände. »Aber viel entscheidender ist doch die Frage, ob Sie sich vorstellen können, hier zu leben.« Er senkte die Stimme. »Und wie ich Ihnen ja schon am Telefon erzählt hatte, umfasst die Erbschaft nicht nur dieses Gebäude, sondern zusätzlich auch noch die stattliche Summe von 150 000 Pfund, die Ihnen zu Ihrer freien Verfügung steht.« Er bedachte Molly mit einem neugierigen Blick. »Was meinen Sie? Möchten Sie das Erbe annehmen oder nicht?«

Molly schloss kurz die Augen und horchte in sich hinein. Das Geld war durchaus verlockend und würde ihr für die Anfangszeit eine sorgenfreie Existenz ermöglichen, vorausgesetzt, dass keine allzu aufwendigen Instandhaltungsmaßnahmen am und im Haus nötig waren.

Sie atmete tief durch. Die Chancen, einen neuen Job und eine neue Liebe zu finden, waren in London natürlich um einiges höher. Doch trotz all der potenziellen Möglichkeiten, die eine Großstadt bot, schien sie sich in ihrem bisherigen Leben ziemlich festgefahren zu haben. Vielleicht war es an der Zeit, London Lebewohl zu sagen. Vielleicht musste sie aufhören, das Glück zu suchen, damit das Glück sie finden konnte. Molly öffnete die Augen, drehte sich langsam einmal um die eigene Achse und betrachtete das gigantische Muschelmosaik, auf dem Fische, Vögel, Echsen und andere Tiere zu sehen waren. Dieses Haus war einfach wunderbar und mit nichts vergleichbar, was sie je gesehen hatte. Sie wollte es erforschen! Jeden Winkel untersuchen. Was für ein Abenteuer würde das sein. Ein Neuanfang – ja, das war genau das, was sie brauchte.

»Ich habe mich entschieden«, sagte sie mit ruhiger, fester Stimme. »Ich nehme das Erbe an und bleibe.«

»Herzlichen Glückwunsch!« Der Notar strahlte über das ganze Gesicht. »Sie werden es bestimmt nicht bereuen.« Er verscheuchte mit der Hand eine Fliege. »Aber nun kommen Sie erst einmal entspannt hier an und machen Sie sich Stück für Stück mit dem Haus vertraut.«

»Das werde ich.«

»Falls Sie Fragen haben, melden Sie sich gern bei mir. Meine Telefonnummer haben Sie ja bereits.«

Molly deutete auf die Wachsfigur. »Das Museum ist demzufolge ein öffentlich zugänglicher Bereich?« Der Gedanke, dass ständig fremde Leute durch das halbe Haus liefen, gefiel ihr nicht besonders.

»Natürlich nur zu den Öffnungszeiten, die Sie persönlich festlegen können«, entgegnete Burton. »Und nach allem, was ich gehört habe, verirren sich nur wenige Besucher hierher.«

Umso besser, dachte Molly und nickte zufrieden.

So habe ich wenigstens genug Zeit, um in aller Ruhe an meinem Roman zu arbeiten.