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Im Sommer 2023 wird Spaniens Südküste von einer Reihe mysteriöser Angriffe von Killerwalen auf Yachten erschüttert, bei der unzählige Schiffe versenkt werden. Auch das Boot von Hamza Al Azzouzi, der mit seinen beiden kleinen Kindern Alba und Álvaro einen Segelausflug unternimmt, verschwindet spurlos. Hamzas Ex-Frau engagiert Rafa Gonzalez, den angesehenen Ermittler der Guardia Civil, aus dem südspanischen Touristenort Conil de la Frontera, um die Kinder zu finden. Haben die Orcas das Boot versenkt? Oder hat der Vater die Kinder entführt und sich mit ihnen in seine Heimat nach Marokko abgesetzt? Bei den Ermittlungen wird zudem Hamzas zwielichtige Rolle bei einer milliardenschweren Übernahmeschlacht zweier Immobilienkonzerne aufgedeckt. Rafa Gonzalez muss nicht nur das Rätsel der Orca-Angriffe lösen, sondern auch die Kinder wiederfinden. Als Rafas Leben in Gefahr gerät, stellt sich die Frage, welche Verbindung der Fall zu dem damaligen Mord an seiner Familie hat. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, und die Wahrheit ist gefährlicher als gedacht. Mord in Conil - Operation Orca ist der packende, zweite Teil der erfolgreichen Krimiserie um den Ermittler Rafa Gonzalez und seine neue Liebe Isabella Fernandez, der die Protagonisten diesmal unter anderem nach Conil de la Frontera, Tarifa, Sotogrande, Malaga, Sevilla und Marrakesch führt.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Euch Monster jage ich zurück in die Hölle, aus der ihr gekommen seid! Er stolperte hinab in die Kajüte. Drei Stufen. Links und rechts je eine Koje. Vorm Kopf am Ende der Kabine unter der Spüle mit dem Waschbecken und dem Gasbrenner befand sich die Schublade. Er riss sie heraus und griff nach der Waffe. Zitternd kippte er den Lauf der Signalpistole nach vorne. Scheiße – leer! Er wühlte nach der Pappschachtel mit den Signalpatronen und verhedderte sich in einem Bündel geflochtener Angelschnur.
Das panische Geheule der beiden sich aneinander klammernden Kinder half ihm gerade jetzt nicht weiter. Während er nach oben zurück hetzte, schrie er sie mit sich überschlagender Stimme an: „Seid verdammt noch mal ruhig und zieht die Westen an. Es wird alles gut!“
An Deck schmiss er die Schachtel mit der Munition neben das Steuerrad und lud die Waffe. Er richtete sie in den blutroten Abendhimmel und drückte ab. Mit einem Fiepen schoss die Leuchtspurmunition gute 300 Meter in den Himmel.
Er lud nach, aber er zitterte zu sehr. Die Patrone fiel auf das Deck. Da tauchte aus dem pechschwarzen Ozean die Rückenflosse des schwarzen Giganten auf, die weißen Flecken auf beiden Seiten der Rückenflosse waren für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen, bis das Monster sich anschickte, abermals unter das Boot vorzustoßen und mit aller Macht das Ruder zu attackieren. Der harte Schlag ließ das kleine Boot erzittern und klang wie eine Explosion. Er befürchtete, dass das Ruder aus seiner Befestigung im Rumpf des Schiffes gerissen worden war.
Er klappte erneut den Lauf hinunter und lud nach. Diese Patrone landete im Lauf. Du Teufel hast dir einen 2000 Grad heißen Gruß verdient. Möge sich das rote Feuer tief in dein verdammtes Fleisch bohren und dich von innen zerfetzen, Inschallah.
Da stiegen weitere Tiere aus dem Wasser auf und machten sich zum nächsten Angriff bereit. Er visierte das größere der beiden an und drückte ab. Das rote Feuer zischte beim Aufprall auf das Wasser und bohrte sich neben das große Auge wie ein Signallicht in die Haut des Tieres, welches verletzt wie eine Raubkatze zu fauchen begann. Es schüttelte sich, drehte aber nicht ab, sondern rammte umso heftiger gegen das schiefe Ruder. Der Hieb war so gewaltig, dass sich das knapp sieben Meter lange Boot um 180 Grad drehte und alle nicht fest verstauten Gegenstände wie Lebensmittelkonserven und Geschirr durch die Kajüte flogen. Die Geschwister schrien laut auf und riefen nach ihrem Vater, als sie auf den Boden geschleudert wurden.
Als er sich hochgerappelt hatte, zeigte ein sich entfernendes rotes Licht unter Wasser an, dass das getroffene Tier davonschwamm. Fünf oder sechs andere Orcas folgten ihm, um anschließend in großen Kreisen, um das Boot zu ziehen. Was hatten die Bestien vor? Warum zogen sie sich zurück? Sein panischer Blick in die Kabine zu den regungslosen Kindern verriet den Grund. Die Monster hatten bereits gewonnen. Das Wasser stieg schnell. Die Yacht würde sinken. Vom tiefen Grund des schwarzen Ozeans schaute der Teufel zufrieden hinauf.
Prolog
Kapitel 1: Conil de la Frontera – Montag, 17. Juli
Kapitel 2: Conil de la Frontera – Montag, 17. Juli
Kapitel 3: Málaga – Montag, 17. Juli
Kapitel 4: Puerto Sotogrande – Montag, 17. Juli
Kapitel 5: Puerto Sotogrande – Montag, 17. Juli
Kapitel 6: Puerto Sotogrande – Montag, 17. Juli
Kapitel 7: Sotogrande – Montag, 17. Juli
Kapitel 8: Algeciras – Montag, 17. Juli
Kapitel 9: Algeciras – Montag, 17. Juli
Kapitel 10: Tarifa – Montag, 17. Juli
Kapitel 11: Conil de la Frontera – Montag, 17. Juli
Kapitel 12: Conil de la Frontera – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 13: Málaga – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 14: Barbate – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 15: Conil de la Frontera – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 16: Conil de la Frontera – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 17: Málaga – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 18: Conil de la Frontera – Dienstag, 18. Juli
Kapitel 19: Unbekannter Ort – Mittwoch, 19. Juli
Kapitel 20: Marrakesch – Donnerstag, 20. Juli
Kapitel 21: Marrakesch – Donnerstag, 20. Juli
Kapitel 22: Marrakesch – Donnerstag, 20. Juli
Kapitel 23: Marrakesch – Freitag, 21. Juli
Kapitel 24: Marrakesch – Freitag, 21. Juli
Kapitel 25: Marrakesch – Samstag, 22. Juli
Kapitel 26: Marrakesch – Samstag, 22. Juli
Kapitel 27: Conil de la Frontera – Samstag, 22. Juli
Kapitel 28: Málaga – Samstag, 22. Juli
Kapitel 29: Unbekannter Ort – Samstag, 22. Juli
Kapitel 30: Conil de la Frontera – Samstag, 22. Juli
Kapitel 31: Conil de la Frontera – Sonntag, 23. Juli
Kapitel 32: Conil de la Frontera – Sonntag, 23. Juli
Kapitel 33: Unbekannter Ort – Sonntag, 23. Juli
Kapitel 34: Conil de la Frontera – Montag, 24. Juli
Kapitel 35: Conil de la Frontera – Montag, 24. Juli
Kapitel 36: Conil de la Frontera / Marrakesch – Montag, 24. Juli
Kapitel 37: Sevilla, Montag, 24. Juli
Kapitel 38: Sevilla, Montag, 24. Juli
Kapitel 39: Conil de la Frontera, Montag, 24. Juli
Kapitel 40: Conil de la Frontera, Montag, 24. Juli und Dienstag, 25. Juli
Kapitel 41: Conil de la Frontera, Dienstag, 25. Juli
Kapitel 42: Conil de la Frontera / Sevilla, Dienstag, 25. Juli
Kapitel 43: Conil de la Frontera, Dienstag, 25. Juli
Kapitel 44: Conil de la Frontera, Dienstag, 25. Juli
Kapitel 45: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 46: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 47: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 48: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 49: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 50: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 51: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 52: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 53: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Kapitel 54: Conil de la Frontera, Mittwoch, 26. Juli
Epilog
Es war ein wunderbarer Morgen an diesem 17. Juli. Das Thermometer zeigte 19 Grad und der Himmel über dem weißen Fischerdorf Conil de la Frontera leuchtete mit dem Blau des Ozeans um die Wette. Der kühle Poniente-Wind wehte aus nordöstlicher Richtung vom Atlantik herüber und drückte feuchte Luft durch die grünen Wipfel der Pinien am Cabo Roche und im Parque de la Atalaya.
Rafa González nahm erfreut zur Kenntnis, dass die morgendlichen Nachrichten für den heutigen Tag 40 Grad in Palma de Mallorca, 42 in Málaga, 47 in Sevilla und 29 in Conil prophezeit hatten. Dazu sollte es fast windstill sein. Es war ein Buen día de playa – ein guter Tag für den Strand. Aber an die Playa würde er weder heute noch in den nächsten zehn Tagen auch nur denken können, denn gerade saß eine verzweifelte Frau in seinem Altstadthaus vor ihm und erzählte eine herzzerreißende Geschichte, die ihn bis ins Mark erschüttern sollte.
„Er hat seine eigenen Kinder ersäuft! Dieses verdammte Schwein hat seine eigenen Kinder auf die erbärmlichste Art und Weise ermordet!“ Wie in Zeitlupe hob sie ihr verheultes Gesicht und sah Rafa mit geschwollenen Augen und verschmiertem Lidschatten an. „Wie kann ein Mensch so etwas tun? Wie kann man so sein? Und … und wie konnte ich mich bloß so in ihm täuschen?“
Sie begann erneut zu weinen. Rafa González nahm ihre Hand und tätschelte unbeholfen ihre Schulter. „Beruhigen Sie sich. Das sind doch nur Vermutungen. Nach allem, was Sie sagen, wissen wir nichts mit Gewissheit! Wenn Sie sicher wären, dass Ihre Kinder tot auf dem Meeresboden liegen würden, wären Sie heute nicht zu mir gekommen, oder?“
Ute Schilling schniefte und nickte verhalten. Rafa reichte ihr ein Taschentuch und sagte: „Sehen Sie! Also gibt es Hoffnung! Ehrlich gesagt denke ich, Sie würden es fühlen. Eine Mutter spürt es, wenn ihre Kinder tot sind. Aber Sie tun es nicht! Sie haben Angst. Sie sind wütend. Das verstehe ich. Aber solange Sie nicht absolut sicher wissen, dass Alba und Álvaro tot sind, werden und müssen Sie hoffen und suchen. Das ist jetzt Ihre Aufgabe, ob Sie wollen oder nicht!“
Sie schaute ihm direkt in die Augen. „Sie haben auch Kinder, Sr. González?“
Rafas Blick verfinsterte sich, als er antwortete: „Das ist ein schwieriges Thema für mich. Meine Kinder sind wie meine Frau vor Jahren bei einem Brand ums Leben gekommen. Ich würde alles dafür tun, um das ungeschehen zu machen, das können Sie mir glauben.“
„Dios mío! Das ist schrecklich zu hören und das tut mir sehr leid für Sie. Aber dann können Sie sich vielleicht tatsächlich in meine Situation hineindenken.“ Sie schaute ihn fragend an. „Also übernehmen Sie den Auftrag? Werden Sie meine Kinder für mich finden?“
Rafa schluckte und antworte kleinlaut: „Ich würde Ihnen sehr gerne helfen, aber das hier ist zu ernst und zu groß für mich. Sie müssen zur Guardia Civil gehen und denen erzählen, was passiert ist. Sie brauchen keinen kleinen Schnüffler, Sie brauchen die Profis.“
„Sie machen wohl Witze. Diese Profis haben mich doch weggeschickt. Die haben mich nicht ernst genommen. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll.“
„Ich verstehe, die Polizei will Ihnen nicht helfen und das Telefonbuch von Conil ist nicht gerade voll von Privatdetektiven?!“
„Lassen Sie die Späße, ich habe keine Zeit für so was. Werden Sie sich die Sache wenigstens überlegen?“
„Also gut, Señora, gehen wir noch einmal alles durch. Bitte unterbrechen Sie mich und ergänzen alles, was Ihnen noch einfällt: Sie heißen Ute Schilling, sind 35 Jahre alt und waren bis zum letzten Jahr mit dem 42 Jahre alten Hamza Al Azzouzi verheiratet. Ihr Mann ist Architekt, hat in Málaga studiert und arbeitet für eine Baufirma.“
„Mein Ex-Mann, darauf lege ich Wert.“
„Okay – perdón. Ihr Ex ist in Marokko in Marrakesch am Rande des Atlasgebirges als fünftes Kind einer konservativen Familie aufgewachsen. Seine Familie war es auch, die ihn zum Studium der Architektur an die Universidad de Málaga geschickt hat, wo er aufgrund seines Talents und seines großen Fleißes als Jahrgangsbester abschnitt. Bei der Baufirma Grupo AGP arbeitete er sich hoch. Geldgeber aus den Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, die an der Finanzierung der verschiedenen Projekte an der Costa del Sol beteiligt waren, wussten zu schätzen, dass er Arabisch spricht. Auch von der öffentlichen Hand zog er viele große Aufträge für die Firma an Land. Sie erwähnten, dass er mit den Auftraggebern nach oder statt den Baustellenbesichtigungen auch Orte aufsuchte, die für manche Männer noch spannender sind als Betongerippe.“
„Er kam gut bei den Kunden an, ja.“
„… und lernte dann vor sieben Jahren Sie kennen.“
„Das stimmt. Leider“, schluchzte sie.
„Sie sind Tochter von deutschen Auswanderern. Ihre Eltern waren Hippies, wenn ich das so salopp sagen darf. Sie gingen mit Ihnen, als sie noch klein waren, nach Caños de Meca und lebten ihren Traum. Sie wuchsen in einem Zelt am Strand auf und verdienten den Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgemachtem Schmuck und von CDs mit eigener Musik. Für Sie als Kind war diese Zeit schwer, vor allem wegen der Unregelmäßigkeiten. Ihre Eltern hatten ständig wechselnde Partner und haben Sie viel allein gelassen. Die Einheimischen ließen sie häufig spüren, dass sie Sie als Faulenzer und Obdachlose ohne Moral und Anstand verachteten. Als Ihre Eltern sich dann trennten und neuen Lebensabschnittsgefährten zuwendeten, wussten Sie nicht, wohin, und haben als Zimmermädchen in einem Hotel an der Costa del Sol angefangen. Dort bemerkte man, dass Sie nicht nur fleißig waren, sondern auch perfekt Deutsch sprachen und bei den Touristen beliebt waren. Sie arbeiteten als Kellnerin und später als Rezeptionistin in einem Fünf-Sterne-Hotel am Yachthafen von Puerto Bañus. Als Sie von der Mittagspause am Strand zurückkamen, gab er Ihnen seine Nummer.“
„Ja, aber was spielt das jetzt für eine Rolle?“
„Alles kann eine Rolle spielen, glauben Sie mir. Lassen Sie mich bitte noch kurz fortfahren, ich bin gleich fertig. Versprochen.“
„Also. Seine Attraktivität, seine spaßige, aber verbindliche Art begeisterte Sie. Sie heirateten schnell, hatten eine gute Zeit, bis Sie zwei Kinder bekamen und seine Eltern mehrfach zu Besuch kamen und er seltsam wurde. Alles, was er früher aufregend an Ihnen fand, fand er plötzlich schlampig. Oben ohne in die Sonne? Schöne Kleider? High Heels? Lippenstift? Tanzen in Clubs? Mit Freundinnen um die Häuser ziehen? Alles verboten, seit die Kinder da waren! Und dann seine plötzliche Eifersucht auf alles und jeden. Seine Kontrollsucht war nicht mehr auszuhalten und Sie trennten sich. Sie bekamen das Sorgerecht, der Vater durfte die Kinder alle zwei Wochen am Wochenende sehen. Am gestrigen Sonntag holte er beide morgens um neun Uhr für einen Segelausflug ab. Seither haben Sie nichts mehr von Ihrem Ex und Ihren Kindern gehört.
Als Ihr Mann die Kinder nicht wie verabredet gestern Abend zurückbrachte, sind Sie sofort zur Guardia Civil hier in Conil gegangen und haben das Verschwinden Ihrer Kinder gemeldet. Warum waren Sie sofort so in Sorge? Warum dachten Sie sofort an ein Verbrechen?“
„Als er die Kinder nicht wie verabredet zurückbrachte, kamen mir mehrere Dinge in den Sinn: Erstens war Hamza bisher nie zu spät gekommen. Er war die Pünktlichkeit in Person.
Zweitens wollte Álvaro sein Kuscheltier, einen kleinen Affen mit dem Namen Annika, mitnehmen. Hamza war immer dagegen gewesen, dass er ihn mit rumschleppt, weil Álvaro ihn immer überall liegen ließ und dann Panik ausbrach, wenn er weg war, und weil er der Meinung war, dass ein Junge in seinem Alter nicht mit Kuscheltier draußen rumrennen sollte. Männlichkeitswahn. Sie verstehen.“
„Ja, und?“
„Diesmal war das anders. Er hat Álvaro regelrecht überredet, den Affen einzupacken. Das fand ich zu dem Zeitpunkt schon seltsam. So als ob er vorhätte, länger mit dem Kleinen zu verreisen.“
„Und was noch?“
„Nun ja, einmal sagte er zu mir: Ich respektiere die Andalusier. Sie sind ein gesitteter und praktischer Menschenschlag. Sie lösen Dinge fair und partnerschaftlich. Aber wenn es sein muss, wissen sie sich zu helfen. Wenn man hier möchte, dass jemand für immer verschwindet, lädt man ihn ein, und zwar entweder auf sein Boot oder auf seine Finca im Campo.“
„Und wie könnte er das gemeint haben? Eine Einladung zum Sterben?“
„Er sagte: Auf dem Boot, draußen auf dem Meer, gibt es keine Zeugen. Niemand hört einen Schrei, niemand findet Spuren. Da braucht es nur eine Eisenkette um den Bauch und die Leiche taucht nie wieder auf. Die Fische erledigen den Rest. Im Campo ist auch weit und breit keine Menschenseele, die etwas hören könnte. Diese Variante ist für Leute ohne Boot. Im Campo verschwinden die Leichen in den Schächten der illegalen Bohrungen nach Grundwasser.“
„Und diese Zitate von ihm machen Ihnen jetzt natürlich Angst!“
„Ja. Mir gehen seine Worte seit dem Verschwinden der Kinder nicht mehr aus dem Kopf. Mein Ex-Mann war überzeugt, dass man Menschen am besten auf dem Meer verschwinden lässt. Und letzten Sonntag fährt er mit unseren Kindern raus und seither sind alle wie vom Erdboden verschluckt. Das ist doch seltsam, oder?“
„Das heißt erst mal gar nichts und das passt auch nicht zu der Geschichte mit dem Kuscheltier. Gehen wir also davon aus, dass sie leben: Wo würde er die Kinder verstecken?“
„Nun ja, in unserer gemeinsamen Wohnung in La Malagueta vermutlich nicht. Wir hatten auch ein kleines Apartment in Sotogrande in der Nähe vom Liegeplatz der Yacht, aber auch das wäre vermutlich zu auffällig. Ansonsten fällt mir nur seine Heimat Marokko ein. Irgendwo bei seiner Familie in Marrakesch vielleicht. Aber ehrlich gesagt traue ich das seinen Eltern nicht zu. Ich mochte sie nicht besonders, aber trotzdem sind es anständige Leute.“
„Haben Sie seine Eltern in Marokko schon angerufen?“
„Ich habe letzte Nacht und heute Morgen jede gottverdammte Person in meinem Telefonbuch kontaktiert. Natürlich auch meinen Schwiegervater und meine Schwägerin! Hamzas Mutter lebt leider nicht mehr. Ja! “
„Und? Was haben die gesagt?“
„Ich soll mir keine Vorwürfe machen und mich melden, wenn ich was von Hamza höre. Ich! Mir! Keine Vorwürfe! Als sei ich am Verschwinden von Hamza und den Kindern schuld. Seit der Scheidung sind sie noch unmöglicher zu mir geworden.“
„Ja, dass Schwiegereltern sich nach einer Trennung nicht zum Besseren wandeln, habe ich auch schon gehört. Das tut mir leid. Aber lassen Sie uns über ein anderes Thema reden: Bei wem haben Sie denn die Anzeige aufgegeben und was hat die Guardia Civil gesagt? Sie haben eingangs erwähnt, die hätten Sie weggeschickt? Die tun vermutlich erst mal nicht sonderlich viel, oder?“
„Die weigern sich, überhaupt etwas zu tun. Genau deshalb bin ich ja heute zu Ihnen gekommen, damit endlich jemand die Kinder sucht. Ich habe gestern mit einem jungen Beamten namens Felipe gesprochen. Er hat die Anzeige aufgenommen und gesagt, dass ich mich beruhigen soll und dass die Polizei erst 24 Stunden nach dem Verschwinden einer Person tätig wird. Ich soll die Eltern der Freunde meiner Kinder anrufen und mich noch mal melden, wenn die Kinder bis heute Abend noch nicht zu Hause sind.“
„Das hat er Ihnen nicht im Ernst gesagt! Der Schwachkopf! Die Polizei muss beim Verschwinden von Kindern sofort nach ihnen suchen! Ich hoffe mal sehr, dass heute Morgen jemand mit Verstand in der Comandancia – der Kommandantur ist und sofort alles mobilisiert hat. Wissen Sie was? Die Zeit drängt – ich werde gleich mal hinfahren und meinen ehemaligen Kollegen Beine machen.“
„Also helfen Sie mir?“
„Na ja, ich kann Ihnen natürlich nicht garantieren, die Kinder zurückzubringen, aber ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Licht ins Dunkel bringen, und wenn sie noch am Leben sind, gibt es vielleicht in der Tat gerade keinen Besseren als mich.“
„Davon bin ich überzeugt. Die Zeitungen waren letzten Sommer voll von Ihnen. Sie haben die Entführung einer jungen Frau aus Conil und einen Mord an ihrem Großvater aufgeklärt und nebenbei die halbe Drogenmafia Südspaniens und den korrupten Chef der Guardia Civil in Algeciras hochgehen lassen. Entweder arbeiten Sie extrem schnell und effektiv oder Sie waren mit diversen Journalistinnen im Bett. Meine Kinder sind klein und brauchen mich. Alba ist fünf und Álvaro ist erst drei.“
„Das habe ich verstanden. Bitte versuchen Sie – so gut das möglich ist – die Ruhe zu bewahren und denken Sie nach, ob Ihnen noch irgendetwas einfällt. Ich melde mich heute Abend und berichte. Haben Sie irgendjemanden, der sich jetzt um Sie kümmern kann?“
„Meine alte Freundin Daggi. Sie ist eine Seele von einem Menschen. Bei ihr und ihrem Mann bin ich jetzt erstmal für ein paar Tage untergekommen, bevor ich wieder zurück in mein Haus gehe.“
Rafa verabschiedete sich höflich und begleitete seine neue Auftraggeberin vor die Tür, um anschließend mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn hinab zur Strandpromenade und seiner Garage zu gehen.
Ich hasse es, wenn Kinder im Spiel sind, und das, was sie erzählt, hört sich überhaupt nicht gut an, dachte er und dass, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht den Ansatz einer Ahnung hatte, in welche Abgründe er in den nächsten zehn Tagen würde blicken müssen.
Rafas treuer Mercedes 280 CE Coupe, Baujahr 1985, in Silbergrau-metallic quälte sich durch den hochsommerlichen Stau auf der Avenida de la Música zur Comandancia der Guardia Civil auf der Calle Carretera, Ecke Calle Vejer kurz vor dem Kreisverkehr, an dem vor ein paar Jahren ein Burger King und ein Aldi eröffnet hatten. Der örtliche Dienstsitz der Guardia Civil war ein beigefarbener 50er-Jahre-Zweckbau mit vergitterten Fenstern. Links neben dem Eingang ein Fahnenmast mit der spanischen Flagge, rechts eine Rampe für Rollstuhlfahrer, davor ein Parkplatz, der gut 20 Fahrzeugen Platz bot und mit Bananenpalmen und pinken Oleanderpflanzen verziert war.
Rafa hatte dieses Gebäude in seiner aktiven Zeit nie sonderlich gemocht, aber so sahen die meisten Gebäude der Guardia Civil aus. Todo por la patria – alles für das Vaterland lautete ihr Motto. Sie brauchten keinen Luxus. Es war Ehre genug, Spanien zu dienen.
Er sprang die zehn Treppenstufen am Eingang mit wenigen Schritten hinauf, als wäre er nie weggewesen, und grüßte Maité am Empfang. Als sie ihn sah, breitete sich wie immer ein Lächeln über ihr Gesicht. „Rafa, alter Rentner. Was führt dich heute hierher? Ein Liebesbesuch bei Isabella? Hast Sehnsucht, wie?“
„Ach, Maité, du bist einfach zu neugierig. Ja, ich will zu Isabella, du hast mich ja immer abblitzen lassen. Drück mir auf, bitte!“, rief er ihr mit einem Augenzwinkern zu. Sie drückte mit einem Lächeln auf den Taster und ein Summen signalisierte, dass die Tür nun offen war.
„Sag ihr Hola von mir.“ Er ging hindurch, grüßte die drei Cabos im Erdgeschoss und nahm wie üblich den Aufzug in die oberste Etage. Hinter dem Aufzug rechts befand sich Isabellas Büro.
Als er eintrat, schaute sie ihn überrascht, aber glücklich an und rief: „Hola, Cariño, kannst du Gedankenlesen? Ich wollte dich gerade anrufen, ich muss mit dir reden!“
„Du mit mir? Ich muss mit dir reden!“
„Wer zuerst?“
„Schieß los, Isa!“
„Erinnerst du dich an Daniela Leona?“
„Wie könnte ich die jemals vergessen?“
„Das dachte ich mir, du Hallodrie. Sie ist aus dem Gefängnis in Alcalá de Guadaíra ausgebrochen.“
„Und jetzt müsst ihr natürlich mich und alle, die mit der Verhaftung zu tun hatten, warnen, dass Sra. Leona auf der Flucht ist?“
„Nein, das müssen wir nicht.“
„Warum das?“
„Weil sie tot ist, Rafa. Die Flucht war eigentlich perfekt geplant: Sie ist in einem Versorgungswagen zwischen alten Bettlaken entwischt. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, in eine allgemeine Verkehrskontrolle an der Ringautobahn Ronda de Sevilla zu kommen. Der bestochene Lieferwagenfahrer bekam Schiss und versuchte abzuhauen. Auf der Flucht ist sein Wagen von einer Böschung gekippt und in einem Barranco – in einer Schlucht – in Brand geraten. Für Daniela Leona kam jede Hilfe zu spät.“
„Kein schöner Tod. Das hat sogar sie nicht verdient, trotz allem, was sie mir angetan hat.“
„Su sangre no merece que derrames ni una lágrima – Ich weine ihr keine Träne nach und das solltest du auch nicht. Nächstes Thema: Was hattest du denn für mich, Rafa?“
„Du musst mal ein ernstes Wort mit Cabo1 Felipe reden. Der hat gestern eine Mutter weggeschickt, deren kleine Kinder mutmaßlich entführt wurden.“
„Entführt oder etwas zu spät vom eigenen Vater zurückgebracht?“
„Aha. Also kennst du den Fall? Wirst du ermitteln?“
„Rafa, das geht dich nichts an. Das ist vertraulich. Aber im Ernst: Wieso sollte ich in dem Fall – wie du ihn nennst – ermitteln? Sehe ich aus wie die Vermisstenstelle? Vermutlich gibt es bei allen getrenntlebenden Eltern Streitigkeiten, wer wann die Kinder wieder zurückbringen sollte. Ich wette mit dir, der Vater liefert die Kinder gesund und munter wieder ab und behauptet, die Eltern hatten sich darauf verständigt, dass die kleinen Engelchen nach dem anstrengenden Segeltrip noch bei ihm übernachten dürfen. So was passiert jeden Tag. Aber mach dir keine Sorgen, Felipe schaut sich das zu gegebener Zeit an, falls ich mich irre und die Kinder doch nicht zeitnah auftauchen sollten.“
„Danach sieht es leider überhaupt nicht aus. Die Mutter war eben bei mir. Die Kinder sind immer noch nicht wieder da und das Handy des Vaters ist weiterhin offline. Was hat Felipe denn bisher schon unternommen?“
„Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung und in fünf Minuten einen wichtigen Termin mit einem Ermittlungsrichter aus Madrid. Hier läuft gerade einer der größten Fälle seit Jahren. Top-Secret. So geheim, dass ich dir nicht mal den Projektnamen sagen darf. Aber weil du es bist, Corazón, und um dich schnell wieder loszuwerden, fragen wir kurz bei Felipe nach.“
Isabella wählte die Durchwahl 95 auf ihrem Telefon und legte den Hörer daneben, sodass die Lautsprecher mit einem Knacken angingen.
Der junge Cabo beantwortete den Anruf sofort: „Coronel Fernandez, en que le puedo ayudar? – Oberst Fernandez womit kann ich dienen?“
„Sag mal, Felipe, wie weit bist du mit den vermissten Kindern? Haben wir schon irgendwas?“
„Ich habe die Personalien der Anzeigeerstatterin, die der vermissten Kinder und des Vaters durch den Polizeicomputer gejagt und überprüft. „Aha, und?“ So weit nichts Auffälliges. Die Frau ist mit den Kindern hier in Conil gemeldet, der Vater in Málaga. Gegen den Vater liegt was vor: Trunkenheit am Steuer und BtMG-Sachen. Alles aber schon älter und nichts Großes.
Ich habe dann die Kinder und den Vater im Informationssystem zur Fahndung ausgeschrieben, mit den persönlichen Merkmalen, Alter und Kleidung zum Zeitpunkt des Verschwindens, und die Fotos der Kinder hochgeladen. Zusätzlich habe ich die Vorschule, auf die die beiden gehen, die Verwandten und den Arbeitgeber des Vaters informiert und einen Durchsuchungsbeschluss und Handyüberwachung beantragt. Schließlich haben wir noch die AIS-Daten von gestern ausgewertet.“
„Was sind denn AIS-Daten, Felipe?“, fragte Rafa.
„Wer war das denn?“, erschrak sich Felipe.
Isabella schaute Rafa irritiert an und antwortete: „Ach so, ja, Rafa González steht hier bei mir. Er wurde von der Mutter engagiert. Hoffen wir mal, dass die Kids schnell wieder heimkommen, damit er uns nicht wieder in die Ermittlungen reinpfuscht wie letztes Jahr.“ Isabella kicherte.
„Was ist jetzt mit diesem ASI?“
„AIS, Rafa. AIS. Die Abkürzung steht für Automatic Identification System. Das ist ein international verwendetes Funknavigationssystem, mit dem Schiffe ihre Navigation und Schiffsdaten austauschen. Stell es dir wie das Nummernschild eines Autos vor, nur besser: Über AIS teilen die Schiffe nicht nur den Schiffsnamen, den Eigner, das Funkrufzeichen, den Schiffstyp und die Abmessungen des Schiffs, sondern auch ihren Kurs und ihre Geschwindigkeit.“
„Und das Boot von Sr. Al Azzouzi hatte so ein Ding an Bord, ja?“
„Das versuchen wir herauszufinden. Alle Schiffe, die länger als 20 Meter sind oder Platz für über 50 Passagiere an Bord haben, sind verpflichtet, eine AIS-Anlage zu betreiben. Berufsschiffer sowieso und die meisten Hobbyskipper und Bootsverleiher bauen sich zur Sicherheit auch so eine Anlage ein. Die Ex-Frau konnte mir dazu nichts sagen.“
„Sind denn zu der fraglichen Zeit gestern Schiffe aus Sotogrande ausgelaufen?“
„17 an der Zahl und alle sind bis zum Abend wieder zurückgekommen.“
„Na klasse. Dann finde bitte mal raus, ob auch das Boot, das wir suchen, so ein AIS-Ding hatte und ob auch unser Boot wieder zurückgekommen ist.“
„Schon dabei. Ich habe schon drei Mal in der Capitanía Puerto Sotogrande – der Hafenmeisterei des Hafens Sotogrande angerufen. Laut Homepage haben die heute durchgängig von 8 bis 19 Uhr geöffnet, aber da geht niemand ran. Wenn die sich nicht endlich melden, werde ich rüberfahren. Vielleicht weiß der Hafenmeister ja was.“
„Mach das, aber bleib mir nicht aus Versehen bei Gigi in der Strandbar hängen“, sagte Isabella und beendete das Gespräch: „Ich muss jetzt auflegen, mein nächster Termin wartet. Für den Moment danke, Felipe.“
Als sie den Hörer aufgelegt hatte, dauerte es keine zwei Sekunden, bis das Telefon klingelte. Sie nahm ab und sagte, man solle den Besucher in das Besprechungszimmer bringen, sie würde sofort kommen. Dann bat sie Rafa freundlich, aber bestimmt zu gehen. Warum sie nun einen Termin mit einem Ermittlungsrichter aus Madrid hatte, konnte Rafa ihr nicht entlocken.
Große Sache, Top-Secret – ts. Was kann wichtiger sein als das Leben unschuldiger Kinder, dachte Rafa, der den Rauschmiss nur zähneknirschend akzeptierte.
1 Dienstgrad der Guardia Civil, in etwa Polizei-Hauptwachtmeister
Der nagelneue fünfgeschossige Bürobau in erster Strandlinie unweit der Kreuzung Calle Pacífico und Calle Princesa beherbergte die Hauptverwaltung der Firma Grupo AGP, einer der sieben größten spanischen Baufirmen. Vor dem Gebäude Jacaranda-Bäume, auf dem weißen Vorplatz Kokospalmen und ein Springbrunnen. Die Fassade bestand aus Glas und weißem Aluminium. Die Geschosse waren seitlich versetzt, sodass Platz für große Terrassenflächen auf den verschiedenen Stockwerken gegeben war. Die Terrassen waren jeweils durch Glasbalustraden begrenzt, was ihnen einen eleganten und freshen look gab. Frontal zum Meer boten große Glasfenster großzügig Ausblick auf das Mittelmeer.
Beach Office in der Innenstadt. Mit weniger hätte sich Tomas de la Torre auch nicht zufriedengegeben, der soeben die vierteljährliche Vorstandssitzung in der fünften Etage beendete und sich von den anderen Vorständen und seinem General Counsel2, der auch Protokollführer der Sitzungen war, verabschiedete. Dem Ressortleiter für Unternehmenskommunikation Carlos Morales gab er ein Zeichen, im Raum zu bleiben und wandte sich ihm zu, als sie alleine waren.
„Carlos, wir haben ein Thema. Hamza ist verschwunden!“
„Was meinst du mit verschwunden?“
„Der Schwachmat hat vermutlich seine eigenen Kinder entführt und ist mit ihnen über alle Berge. Die Guardia Civil hat sich gemeldet, die werden hier bald auftauchen, die werden sicher auch sein Büro und seine Wohnung durchsuchen wollen. Die Rechtsabteilung wird das natürlich sachgerecht verarzten. Wir müssen aber vorbereitet sein und die Zeit nutzen, um aufzuräumen.“
„Was soll ich tun?“
„Tu das, was du tun musst. Dir fällt schon was ein. Lass ihn vor allem rückwirkend wegen irgendwas kündigen. Ich habe absolut keine Lust, dass seine Scheiße zu unserer Scheiße und zu meiner Scheiße wird!“
„Selbstverständlich. Wird sofort erledigt. Ich halte dich auf dem Laufenden“, sagte Carlos Morales und verabschiedete sich mit dem für ihn typischen schnellen Schritt bei um fast 45 Grad vorgebeugtem Oberkörper und der dicken Aktenmappe unter dem rechten Arm.
2 Leiter der Rechtsabteilung
Als er nach einer halben Stunde noch keinen Rückruf aus Sotogrande bekommen hatte, verabschiedete sich Cabo Felipe Fonseca von seinem Kollegen Fernando Torres und verließ das Gebäude der Guardia Civil in Conil. Links auf dem Parkplatz stand der neueste Dienstwagen der lokalen Dienststelle: ein Citroën C4, Baujahr 2021, grüne Motorhaube mit Krone, Schwert und Fascis3, über das ganze Dach gezogen ein großes Blaulicht in Form eines Bumerangs. Felipe freute sich auf die anderthalbstündige, ruhige Fahrt über Benalup und die A-381 durch den Nationalpark Los Alcornales die A-7 hinab ans Mittelmeer, die bei diesem herrlichen Sommerwetter großartige Blicke auf den Felsen von Gibraltar versprach.
Zu seiner Verwunderung stand Rafa González an den Citroën gelehnt und begrüßte ihn: „Na endlich, Felipe. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr! Fahren wir!“
Dieser entgegnete überrascht: „Ich wusste weder, dass Sie und ich uns duzen, noch, dass Sie mitfahren.“
„Das muss dir nicht unangenehm sein, Felipe. Jetzt weißt du es ja“, sagte Rafa mit einem Lächeln, mit dem er sogar nach einem Bankraub ungeschoren davonkommen würde. Seufzend stieg Cabo Felipe Fonseca ein und fuhr los.
Die Fahrt gestaltete sich ruhig. Außer ein wenig Smalltalk passierte nichts weiter. Die Anspannung war den beiden Ermittlern anzumerken, die mit ihren Gedanken bei den verschwundenen Kindern waren.
Nach fast anderthalb Stunden kündigte das braune Schild vor drei großen Palmen auf der rechten Seite der Autobahn A-7 endlich die Fahrt über den Rio Guadiaro an, an dessen Mündung der Yachthafen von Sotogrande lag. Sie fuhren über den olivgrünen Fluss, dessen Ränder von dichter Vegetation überwuchert waren, und nahmen dann die Abfahrt 133 Pto. Sotogrande.
Sotogrande war mit 25 Quadratkilometern die größte private Urbanisacion – Wohnsiedlung Andalusiens. Der philippinisch-US-amerikanische Investor Joseph McMicking hatte als großer Fan des legendären Pebble Beach Resorts in Kalifornien seit den frühen 1960er-Jahren am südlichen Zipfel der Provinz Cádiz das perfekte Resort für anspruchsvolle Käufer und Liebhaber des Golfsports geplant.
Wie Rafa als leidenschaftlicher Golfspieler nur allzu gut wusste, verfügte Sotogrande neben dem ikonischen Valderrama Golf Club, der im Jahr 1974 von Robert Trent Jones erbaut und damals als Nuevo Sotogrande Golf Course eröffnet wurde und später als Austragungsort des Ryder Cup Weltruhm erlangte, noch über vier weitere exzellente Golfplätze (Real Club de Golf Sotogrande, La Reserva de Sotogrande, Club de Golf La Cañada, Almenara), diverse Poloclubs, eine internationale Schule, einen Yachtclub mit 1.382 Liegeplätzen, imposante Villen, exzellente Restaurants und Ärzte, die süße Stupsnasen und tolle Titten machen konnten – kurzum: Hier gab es alles, was die (Neu-)Reichen und Schönen erwarteten.
Jedes Jahr im August beim alljährlichen Poloturnier im Santa Maria Polo Club gaben sich einige von ihnen die Ehre – vom emeritierten König von Spanien und dem Sultan von Brunei über diverse Profifußballer bis hin zu berühmten Schauspielerinnen. Rafa erinnerte sich nur allzu gut an seinen letzten Einsatz im Yachthafen von Sotogrande, und dieser Hafen war auch heute ihr Ziel.
Nach der Autobahnabfahrt und drei Kreisverkehren kamen sie auf die Avenida de la Marina, die erst den wunderschönen Strand Playa de Torre Guadiaro passierte und dann nach einer Rechtskurve über die Hafenmole führte, die wie eine gerade Linie auf den am Horizont gut sichtbaren Felsen von Gibraltar zeigte. Kurz vor Ende der Mole befand sich rechter Hand ein imposanter viereckiger Turm aus ockerfarbenen Natursteinen mit vereinzelten weißen Fenstern und einer Aussichtsplattform und Burgzinnen auf dem Dach, der die Hafeneinfahrt bewachte. Auf dem Turm befand sich ein Mastbaum mit einer großen spanischen Fahne.
Felipe und Rafa parkten den Wagen, stiegen aus und gingen an einer kleinen Repsol-Tankstelle für Schiffe vorbei zum Eingang des Gebäudes. Über ihnen kreischten die Möwen und der Wind schlug die Seile der Schiffe gegen die Masten, was einen wiederkehrenden hohen, metallischen Ton erzeugte. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens waren gelbe und rote Luxus-Apartmenthäuser hinter einer Kokospalmenpromenade zu sehen. Die Eingangstür zum Torre de Control Puerto Deportivo – Kontrollturm Yachthafen war verschlossen. Von innen gut sichtbar hing ein Zettel: „Almuerzo en el Gigi – solo molestar en caso de emergencia – Mittagessen in Gigis Bar – nur in Notfällen stören.“
„Bei der Hafenmeisterei müsste man arbeiten – die haben ein Leben. Kein Wunder, dass da keiner ans Telefon geht“, sagte Felipe.
„Nur kein Neid, Felipe. Was ich mich frage, ist, ob Isa hellsehen kann. Hatte sie nicht gesagt, du sollst nicht zu lange in Gigis Bar hängen bleiben? Sei’s drum, wo ist denn jetzt diese Bar? Ich check das mal auf Google Maps.“
Felipe schaute interessiert über das große Hafenbecken, während Rafa nach der Bar suchte.
„Es ist da drüben, auf der anderen Seite des Hafenbeckens auf der Playa Sotogrande. Mit dem Auto brauchen wir da rüber zehn Minuten, kannst du gut schwimmen, Felipe?“, fragte Rafa lachend. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er in Richtung der Tankstelle und winkte einem kleinen Shuttle-Boot, welches Touristen und Einheimische in den Sommermonaten durch den Hafen fuhr. Der freundliche junge Fährmann fuhr sie in Windeseile auf die andere Seite des Hafenbeckens und legte am Steg direkt hinter Gigis Bar an. Die beiden Beamten bedankten sich und betraten die Strandbar von der Promenade aus.
Die Bar war ein zu den Seiten offenes Gebäude mit braunen Pfosten und einem braunen Holzboden, auf dem weiße Tische standen. Im Außenbereich befanden sich türkise Sonnenschirme mit weißen bequemen Sonnenliegen, die zwischen diversen Palmen und auf dem Strand verteilt waren. Ein spirituelles Flair bekam der Ort durch verschiedene kleine Kunstwerke und beschriebene Wände (it’s important to remember that we all have magic inside us) und mit Blumen und Sprüchen bemalte Steine (heaven).
An einem Vierertisch in der ersten Reihe der Bar saßen drei Personen in weißer Uniform mit schwarzen Schulterklappen, auf denen sich goldene Striche und ein goldener Kreis befanden. Über der aufgenähten Brusttasche des Hemdes verschiedene bunte Logos und schwarze Namensschilder, die den ältesten der drei Anwesenden als Don Salguero auswiesen. Auf den Loungemöbeln auf dem Sand eine Dreiergruppe attraktiver und braungebrannter Frauen in langen rückenfreien Batikkleidern, unter einem Sonnenschirm eine Frau mit großer Sonnenbrille, die eine Zeitschrift las, hinter ihre zwei spielenden Kinder im Sand. Trotz der entspannten Atmosphäre um ihn herum fuhr Rafa beim Anblick der Kinder ein eiskalter Schauer über den Rücken. Er hatte keine Zeit zu verlieren.
Forsch nahm er sich einen Stuhl und setzte sich zu der Gruppe. „Hola, Armando, entschuldige die Störung, wir würden dir diese großartig aussehenden Gambas Pil Pil nicht madig machen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“
Lächelnd schleckte sich Armando Salguero die Finger ab, stand auf und umarmte Rafa: „Da feiern wir einmal alle zehn Jahre eine kleine Jubiläumsfeier und zack, tauchst du aus dem Nichts auf. Was ist es diesmal? Wieder die Leiche eines Drogenschmugglers an unserem Strand oder beschlagnahmen wir eine Yacht? Bist du immer noch nicht in Rente?“
