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Ein englisches Dorf, ein unbeliebter Toter und jede Menge Verdächtige Als im Wald des beschaulichen Jolly Clover im britischen Buckinghamshire die Leiche von Benjamin Easterbrook gefunden wird, ist die Dorfgemeinde entzückt. Endlich gibt es etwas zu erzählen in ihrem sonst so idyllischen Örtchen. Zum Glück war das Opfer, der Bruder des Gutsherrn, höchst unbeliebt. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer, denn die Polizei sucht den Mörder unter den Dorfbewohnern. Als die dreißigjährige Touristenführerin Emily Walker, die immer noch bei ihren Eltern lebt, unter Verdacht gerät, ist sie gezwungen, selbst zu ermitteln, um ihre Unschuld zu beweisen. Bei ihren Nachforschungen schreckt sie jedoch nicht nur den Täter auf, sondern kommt auch einem Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur …
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Mord in Jolly Clover
Patricia Sheedy wurde in einer Großstadt im Ruhrgebiet geboren. Nach Schule und kaufmännischer Ausbildung verbrachte sie ein Jahr als Au-Pair in Paris. Auch heute noch gehört das Reisen zu ihren Hobbys, dabei hat sie sich besonders in das malerische England verliebt. Im Jahr 1999 gewann sie den Drehbuchwettbewerb des Kultusministeriums Nordrhein-Westfalen. Inzwischen widmet sich die Autorin ganz dem Schreiben. Ihr erstes Buch hat sie Ende 2021 veröffentlicht.
Ein englisches Dorf, ein unbeliebter Toter und jede Menge Verdächtige Als im Wald des beschaulichen Jolly Clover im britischen Buckinghamshire die Leiche von Benjamin Easterbrook gefunden wird, ist die Dorfgemeinde entzückt. Endlich gibt es etwas zu erzählen in ihrem sonst so idyllischen Örtchen. Zum Glück war das Opfer, der Bruder des Gutsherrn, höchst unbeliebt. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer, denn die Polizei sucht den Mörder unter den Dorfbewohnern. Als die dreißigjährige Touristenführerin Emily Walker, die immer noch bei ihren Eltern lebt, unter Verdacht gerät, ist sie gezwungen, selbst zu ermitteln, um ihre Unschuld zu beweisen. Bei ihren Nachforschungen schreckt sie jedoch nicht nur den Täter auf, sondern kommt auch einem Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur …
Patricia Sheedy
Kriminalroman
Ullstein
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Originalausgabe bei UllsteinUllstein ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Juni 2022 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2022Umschlaggestaltung: zero-media.net, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © privat E-Book powered by pepyrusISBN 978-3-8437-2855-3
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Die Autorin / Das Buch
Titelseite
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Leseprobe: Todesklang und Chorgesang
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Kapitel 1
Jede Frau hat ein kleines Geheimnis, sagt man. Das könnte wahr sein. Ich habe auch eins, schon seit meinem zehnten Lebensjahr, und es ist leider etwas größer und ein bisschen peinlich. Genau genommen, hat es mich damals ganz schön nervös gemacht. Und so ganz unbelastet von den früheren Ereignissen bin ich auch heute noch nicht. So etwas wie einen Mord nimmt man ja nicht auf die leichte Schulter. Auch nicht, wenn er aus Versehen passiert ist. Und aus Leidenschaft.
Nichts konnte mich vom Gegenteil meiner Schuld überzeugen, denn da gab es ein paar Dinge, die ich lieber für mich behalten würde. Sehr geschickt hatte ich mich wohl nicht angestellt. Bestimmt wäre meinem Bruder Oliver etwas Besseres eingefallen, denn er besaß schon immer mehr Fantasie als ich. Allerdings war er zu der Zeit erst acht Jahre alt und seine Talente noch nicht voll entwickelt. Ein ungeschliffener Diamant.
Der Brief, der nun vor mir lag, brachte Erinnerungen zurück, die ich seit vielen Jahren immerhin einigermaßen erfolgreich verdrängt hatte. An einen entspannten Urlaub glaubte ich jetzt nicht mehr.
Vor gut einer Stunde, gegen 20:30 Uhr, war ich aus London, wo ich als Reiseführerin arbeitete, zurückgekommen. Eigentlich hatte in dieser Woche mein Urlaub begonnen, aber gestern, am Mittwochmorgen, hatte ich einen Anruf bekommen, ob ich nicht schnell für eine Kollegin einspringen könne. So hatte ich letzte Nacht in meinem möblierten Zimmer bei Mrs Emeralds Tochter geschlafen und war heute Abend nach Jolly Clover zurückgekommen.
Die kleine Ortschaft liegt in Buckinghamshire nördlich von London. Der Dorfkern steht schon seit Langem unter Denkmalschutz, sodass nicht viel verbaut werden konnte. Es ist immer noch sehr ländlich in unserer Gegend. Inmitten der sanften Hügel weiden Schafe mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Beinen. Die Weiden sind durch Hecken oder Trockenmauern aus Kalkstein unterteilt und werden lediglich von schmalen Landstraßen und holprigen Feldwegen unterbrochen. Der berühmte Landsitz Bletchley Park befindet sich in der Nähe. Dort hatten sich vor vielen Jahren die hellsten Köpfe unseres Landes mit der Dechiffrierung des deutschen Nachrichtenverkehrs befasst.
Ich wohnte zwar noch teilweise bei meinen Eltern, war aber mit meinen dreißig Jahren keine Nesthockerin, wie mein möbliertes Zimmer in London bewies. Nur an den Wochenenden und wenn ich Urlaub hatte oder morgens nicht früh raus musste, wohnte ich in Jolly Clover. Und seit acht Monaten, also seit ich den Job als Reiseleiterin machte, übernachtete ich auch in London.
Als ich heute Abend zurückkam, drehte ich noch eine Runde durchs Dorf und überlegte, kurz in unser Pub Der Bandit zu schauen oder Großmutter zu besuchen. Aber dann war mir doch nicht nach einem Pubbesuch, und Großmutters Wagen stand auch nicht im Carport. Wahrscheinlich war sie zu einem ihrer Scrabbleabende bei ihrer Schulfreundin Ethel nach Dillings gefahren, wo sie dann auch übernachtete.
Papa hatte einige Tage frei, und meine Eltern waren am Morgen zu einem Besuch bei Papas Eltern in Norwich aufgebrochen. So holte ich die Post und unsere Tageszeitung, den Dillings Daily, aus dem Briefkasten und brachte alles ins Wohnzimmer. Danach überlegte ich, was ich essen könnte. Wie immer war unsere Küche vollgestellt mit selbst gemachter Naturkosmetik. Meine Mutter hatte durch das Internet erstaunlich viele Abnehmer gefunden. Ich entdeckte eine Thunfischpizza und welche von Mamas selbst gebackenen Keksen als Vor- und Nachspeise.
Nach der Völlerei ging ich mit einer Tasse Vanille-Kirschtee ins Wohnzimmer. Dann schaltete ich den Fernseher ein und schnappte mir den Stapel Post, der auf den ersten Blick nur aus Reklame zu bestehen schien. Ein Brief von Mrs Lipman und Mrs Emerald aus Portsmouth an Oliver.
Und da lag er, ein Brief ohne Absender für mich. Neugierig hatte ich das an mich adressierte Kuvert geöffnet.
Während ich auf die Zeilen starrte, dachte ich zurück an den Herbst vor zwanzig Jahren, als alles begann.
Wir lebten bereits mit unseren Eltern in Jolly Clover. Mein Vater arbeitete als Elektriker und tüftelte in seiner Freizeit an elektrischen Spielereien. Meine Mutter testete an meinem Bruder und mir verschiedene Erziehungsmethoden aus und an sich selbst Kosmetik aus eigener Herstellung.
Unser Dorf hatte eine Besonderheit: Es stand eine Statue auf dem Dorfplatz, der sogenannte Bandit. Vor vielen Jahren hatte sich in einer Holzhütte in unserem Wäldchen ein angeblich wirklich übler Typ eingenistet, der ständig fluchte, jedermann beschimpfte, wilderte und stahl. Wenn man seine Gestalt mit dem riesigen braunen Schlapphut und dem karierten Hemd sah, hielt man besser Abstand. Den kleinen Kindern drohte man bei Verfehlungen mit einem Besuch des Banditen. Er lachte nur darüber und dezimierte weiterhin die Hühnerschar der Dorfbewohner. Als man ihm das Verschwinden von Romeo und Julia, dem Pfauenpärchen der damaligen Gutsherrin, anhängen wollte, sah er sich gezwungen, das Dorf bei Nacht und Nebel zu verlassen. Das war aber nicht das Letzte, was man von ihm hörte.
Etliche Jahre später bekam unser Gemeinderat einen Brief von einem Anwalt. Der Bandit war auf unbekannten Wegen zu einem großen Vermögen gekommen, von dem er einen Teil unserem Dorf vermachte. Er stellte nur eine Bedingung: Eine lebensgroße Statue von ihm selbst mit Schlapphut, kariertem Hemd und Rucksack sollte in der Mitte unseres Dorfplatzes errichtet werden. Genau nach beiliegender Skizze. Auf einer Tafel wollte er verewigt werden mit der Inschrift: Der Bandit, Ehrenbürger von Jolly Clover.
Erst regten sich die Dorfbewohner schrecklich auf und wollten so ein Schandmal nicht dulden. Der Gemeinderat jedoch, zu dem auch einer meiner entfernten Vorfahren gehörte, tagte, führte eine geheime Wahl durch und nahm einstimmig an.
So wie nichts über den Erwerb seines Vermögens bekannt wurde, wusste man auch nichts über die Todesumstände des Banditen. Manche vermuteten, er sei ermordet worden. Meine Großmutter meinte, er hätte sich bestimmt beim Verfassen seines Testaments totgelacht. Ein anderes Gerücht besagte, er wäre gar nicht verstorben, sondern wollte sich nur aus Rache in unserem Ort verewigen.
Im Laufe vieler Jahre änderte sich die Einstellung zu unserem Kunstwerk. Die Statue wurde etwas Besonderes und eine kleine Berühmtheit in unserer Region. Sie lockte Ausflügler und Touristen an, die es auf die Idylle kleiner, historisch belassener Ortschaften abgesehen hatten. Der damalige Wirt unseres Pubs Der letzte Schluck hat dann sogar, äußerst geschäftstüchtig, den Namen des Pubs in Zum Banditen geändert. Natürlich wollten andere nachziehen. Aber sie trieben es etwas zu toll, und als unser Bäcker seine schlichte Landbäckerei in Banditengebäck umbenennen wollte, war Schluss mit lustig. Der Gemeinderat entschied, dass wir es bei der Umbenennung des Pubs belassen mussten.
Vor einigen Jahren hatte schließlich zu Halloween der Boom eingesetzt, sich als Bandit zu verkleiden. Erst nur bei den Kindern, aber Erwachsene, die gerne feierten, zogen schnell mit. Jeder wollte einmal der Bandit sein.
Nahe unserem Dorfe gab es einen Gutshof. Dort lebte der Besitzer Gilbert Easterbrook mit seinen beiden Söhnen. Gerald, der ältere, war ganz nett. Er interessierte sich für die Tüfteleien meines Vaters und schaute hin und wieder in unserer Garage vorbei, wenn mein Vater werkelte. Er war schon fast erwachsen und ging aufs College. Sein jüngerer Bruder Benjamin, ein aufgeblasener Wicht von zwölf Jahren, besuchte ein Internat. Beide waren nur an den Wochenenden zu Hause. Ihre Eltern waren schon so lange geschieden, dass ich mich an die Mutter der Jungen gar nicht mehr erinnern konnte.
Meine Mutter und meine Großmutter hatten sich mal über einen Riesenkrach im Gutshaus unterhalten. Mrs Easterbrook war recht umtriebig gewesen, wie sie es nannten, und hatte diverse Affären gehabt. Kurz nach dem großen Krach war sie dann ausgezogen. Der Gutsverwalter Peter Anderson wohnte ebenfalls dort. Manchmal tauchte auch noch Mortimer Easterbrook, der Onkel der beiden Jungen, mit seinem Anhang auf.
Dank unserer Großmutter wussten wir immer genau, wer auf dem Gut ein- und ausging. Großmutter Huntley war gerade Anfang fünfzig und schon lange verwitwet. Sie erhielt etwas Witwenrente und erledigte für verschiedene Geschäfte und sogar für die Easterbrooks die Buchhaltung, und manchmal durften mein Bruder und ich sie zum Gutshof begleiten und uns die Pferde ansehen. Außerdem unterstützte sie viele Nachbarn beim Ausfüllen der Steuererklärungen. Sie konnte dermaßen mit Zahlen jonglieren, dass sie mir manchmal unheimlich war. Wahrscheinlich hatte sie noch von jedem die letzte Steuererklärung im Kopf. Manchmal durften mein Bruder und ich sie zum Gutshof begleiten und uns die Pferde ansehen.
Die Eltern meines Vaters sahen wir nicht so oft, sie wohnten weiter entfernt in Norwich.
Während der Sommerferien waren neue Nachbarn in unseren Ort gezogen. Eine junge Witwe mit einem kleinen Mädchen und einem Jungen: David, der hübscheste Junge, den ich je gesehen hatte und etwas älter als ich. Ich wünschte plötzlich, ich wäre etwas mädchenhafter, am liebsten mit wallendem langem Haar. David ging in meine Schule, und in den Pausen und im Bus zur Schule konnte ich ihn verzückt anstarren. Unauffällig, hoffte ich. Selbst meine Schulfreundin Katy weihte ich nicht in meine innere Verwandlung ein. Ich fand, sie hatte noch nicht die nötige Reife.
Zuerst zeigte David eher Desinteresse an mir, aber auf so freundliche Art, dass mein Herz noch mehr entflammte. Nach einer Weile kamen wir doch ins Gespräch, und wenn keine anderen Jungen in der Nähe waren, plauderte er ganz munter drauflos. Im Ort sah ich ihn leider recht selten. Er erzählte mir, dass er viel mit seinem Fußballverein beschäftigt sei.
Nicht nur David war heiß begehrt. Auch seine Mutter ließ einige Herzen höherschlagen. Peter Anderson, der Gutsverwalter, und John Adams, der außerhalb als Gerüstbauer arbeitete, warben um ihre Gunst. John Adams machte einen sympathischen, soliden Eindruck und sah mittelmäßig aus. Peter Anderson sah gut aus, und das war auch schon alles. Aber das reichte Davids Mutter wohl. Meine Großmutter konnte Peter nicht leiden und meinte, er schnüffele herum und tauche immer dann auf, wenn man ihn nicht brauchen könne. John Adams war sicher einer Meinung mit ihr. Und David auch, denn Peter Anderson ging bei ihnen bald ein und aus.
Amor hatte im vergangenen Sommer seine Pfeile anscheinend reichlich bei uns verschossen, und so sorgte Tony Pringle, seines Zeichens Besitzer des Pubs Zum Banditen, ebenfalls für Gesprächsstoff. Er brachte eine Bekannte mit von seinem letzten Besuch in London. Alicia Bennister war Amerikanerin und hatte mehrmals im Jahr eine Gastprofessur für Geschichte an einem College in London. Mit ihren langen dunklen Haaren sah sie ein bisschen exotisch aus, obwohl sie legere Kleidung bevorzugte.
Wie Frau Professor und unser Wirt aneinandergeraten konnten, war meiner Mutter und ihren Freundinnen schleierhaft. Auch der genaue Bekanntheitsgrad blieb ihnen verborgen. Sie hetzten ihre Männer auf Tony und kümmerten sich selbst um Alicia. Sie luden sie zu einem von Mutters gemütlichen Nachmittagen ein mit selbsterdachten Rezepten für Küche und Gesicht. Alicia kam, interessierte sich sehr für unsere örtliche Geschichte und blockte geschickt jede persönliche Frage ab. Nicht mal ihr Alter kriegten sie heraus. Daraufhin schätzte Mama sie kurzerhand etwas älter ein, als sie selbst war.
Auf jeden Fall bezog Alicia ein Fremdenzimmer über dem Pub neben Tonys Wohnung. Während Tony Pringle regelmäßig nach der Sperrstunde um 23 Uhr noch ein wenig für Ordnung in seinem Pub sorgte, machte Alicia oft einen kleinen Spaziergang, woraufhin beide gleichzeitig nach oben gingen. Ärgerlicherweise lagen die Schlafräume nach hinten und waren vom Dorfplatz aus nicht einsehbar.
Im frühen Herbst wurde Gerald Easterbrook volljährig, und alle waren eingeladen, im Banditen auf seine Rechnung anzustoßen. Meine Mutter bedauerte, dass ich noch nicht im heiratsfähigen Alter war, denn Gerald wäre jetzt eine gute Partie.
Mittlerweile war es November. Großmutter besuchte sonntags manchmal eine alte Schulfreundin zum Frühstück. Ethel Brooks wohnte etwa eine halbe Autostunde entfernt in Dillings. Und dort gab es ein Kino mit Sonntagsmatineen für Kinder. Oliver und ich durften dort manchmal während Großmutters Besuch bei Ethel einen Film ansehen.
Großmutter hatte uns gefragt, ob wir in zwei Wochen mitfahren wollten. Es käme der Film Die tollkühnenKicker. Oliver erklärte: »Ach, Fußball ist langweilig und ich bin zum Brunch bei Mrs Lipman eingeladen. Ihre Freundinnen kommen auch.«
Mein Vater schluckte: »Erst mal ist Fußball nicht langweilig und außerdem, wieso bist du zum Brunch eingeladen? Du bist acht Jahre alt. Und dann noch bei einer älteren Dame?«
»Ich habe sie letztens beim Bäcker getroffen und wir haben uns wieder so schön unterhalten.«
Oliver unterhielt sich mit jedem gern, egal ob Kind oder Erwachsener. Wahrscheinlich war er der einzige Achtjährige in England, der Arthritis und Arthrose auseinanderhalten konnte. Großmutter grinste unsere Mutter an und sah amüsiert zwischen meinem Vater und Oliver hin und her.
Vater sagte: »Ich habe sie auch schon beim Bäcker getroffen. Eingeladen hat sie mich aber nicht.«
Oliver fühlte sich wohl zu einer Erklärung genötigt und erklärte sachlich: »Sie hat zu ihrer Freundin gesagt ›Ist der nicht niedlich? ‹. Und Papa, vielleicht findet sie dich nicht so niedlich, aber ich kann sie ja fragen, ob du trotzdem mitkommen kannst.«
Meine Mutter grinste. »Doch, Frank, du bist auch niedlich. Manchmal.«
Alle lachten, ich nicht. Ich hatte soeben einen Wink des Himmels bekommen. Es gab einen Film über junge Fußballer. Und Oliver wollte nicht mit. Ich räusperte mich: »Großmutter, kann nicht David mitkommen? Er interessiert sich doch so für Fußball.«
Großmutter hatte nichts dagegen. David auch nicht. Nach Rücksprache mit seiner Mutter ging alles klar.
Als das Schicksal grausam zuschlug, merkte ich es erst gar nicht. Einige Tage später standen John Adams und Henry Finch, passionierter Züchter von Border Collies, vor dem Pub und sahen missmutig auf das Schild, das im Fenster prangte. Am übernächsten Samstag sollte der Bandit aus familiären Gründen schon um 19 Uhr schließen. Bis zum nächsten Montag erfuhren auch Peter Anderson und Davids Mutter davon, und David musste unsere Verabredung absagen.
Jeder wusste, dass Peter Anderson samstags ins Pub ging, bis zur Sperrstunde zechte und dann in Schlangenlinien durch unser Wäldchen nach Hause zum Gut radelte. Bis Sonntagmittag brauchte er mindestens, um sich zu erholen. Da aber am Samstag mit einer frühen Heimkehr gerechnet werden konnte, wurde der nachfolgende Sonntag als Familientag festgelegt. Mit David und seiner kleinen Schwester war ein Ausflug nach London geplant.
Ich war am Boden zerstört. Mein erstes Date, und das war gleich geplatzt. So etwas zieht einen ganz schön runter.
»Und wenn Peter doch nicht fahren kann, weil er vielleicht zu Hause noch was trinkt?«, fragte ich und klammerte mich an den Strohhalm.
David seufzte. »Das wird nicht passieren, er hat Mama gesagt, dass er zu Hause keinen Alkohol hat.«
»Sollen wir trotzdem an dem Morgen noch mal telefonieren, ob ihr wirklich fahrt?« Das war mein letzter Hoffnungsschimmer.
»Ja, machen wir.«
Ich ergab mich in Selbstmitleid und suchte einen Schuldigen. Warum hatte Tony Pringle an einem Samstagabend familiäre Gründe zum Schließen? Londoner Nachtleben mit Alicia? Dann wäre sie bei mir aber unten durch. Und Tony Pringle gleich mit. Ich fand es ja auch nicht schön, wenn Erwachsene sich betranken, aber warum mussten sie unbedingt an einem Samstagabend damit aufhören und meinem Glück im Wege stehen? Anderthalb Stunden neben David im Kino. Die Vorschau nicht mitgerechnet. Mit einem gemeinsamen Becher Popcorn.
Aber kein Alkohol für Peter hieß kein David für mich. Und umgekehrt?, überlegte ich. Wenn Peter doch etwas zu viel trinken würde und am Sonntag nicht fahren könnte?
Ob der Sonntag der bis dahin bedeutungsvollste Tag in meinem Leben werden würde, hing vom Zufall ab? Das konnte nicht wahr sein.
Und dann hatte ich den Einfall, den ich seit zwanzig Jahren bereute. Es musste eben Alkohol her. Schwierig genug. Als Kind kam man nicht so leicht daran. Manche Geschäfte hielten sich tatsächlich an die Gesetze. Und wie sollte ich Peter Anderson eine Flasche Whisky oder so etwas geben? Einfach in die Hand drücken und Cheerio sagen?
Aber vielleicht erst mal einen Schritt nach dem anderen. Ich fuhr also mit dem Rad in den nächstgrößeren Ort, in dem mich niemand kannte, und ging in einen Supermarkt. Ich hoffte, hier eher im Gedränge unterzugehen als in einem Fachgeschäft. Ich kam genau bis zur Kasse, wo ich mit gesenktem Blick und rotem Kopf auf das Urteil wartete.
»Nein, mein Kleiner, das geht leider nicht.«
Auch die Hinweise, dass ich ein Mädchen war und die Flasche für meinen Vater besorgen sollte, halfen nicht.
Abends saßen meine Familie und ich im Wohnzimmer. Im Fernsehen lief ein Ballett, aber jeder war mit etwas anderem beschäftigt. Papa hatte eine Steckdose vor sich und bastelte daran herum. Mama stocherte in einer giftig aussehenden schwarzen Paste und bewachte die Fernbedienung. Oliver spielte mit einem alten Zauberwürfel, war aber recht in sich gekehrt. Genau wie ich.
Dann offenbarte sich, worüber Oliver nachgedacht hatte.
»Mama, Papa, kann ich wohl ein elektrisches Gokart haben? Ich wünsche mir dann auch nicht mehr viel zu Weihnachten.«
»Nein, das ist zu teuer.« Papas Meinung.
Und Mama: »Und nach drei Wochen steht's dann auch nur in der Ecke, weil es dir zu langweilig geworden ist.«
»Gar nicht, und Emily kann ja auch damit fahren, ja, Emily?«
»Mir egal.«
Meiner Mutter war aufgefallen, dass ich recht schweigsam war. Und sie versuchte, mich aufzumuntern. »Was ist denn mit dir? Du bist so ruhig.«
»Mhm.«
Mama blickte auf den Fernseher. »Sieh mal, Emily. Ist das nicht hübsch? Wie graziös die sich bewegen. Wäre das nichts für dich? Ballettunterricht?«
»Wozu?«
Dann gab Papa seinen Kommentar ab: »Für Mädchen ist das ja eine nette Sache, aber der Kerl da in Strumpfhosen, das sieht doch albern aus.«
Mama grinste nur.
Ungefähr eine Minute später meldete sich Oliver: »Ich möchte gerne Ballettunterricht haben.«
Schweigen.
»Mama, darf ich?«
»Das sagst du doch nur aus Trotz, weil du kein Gokart bekommst«, unterstellte Papa.
»Bis heute wolltest du noch nie zum Ballett«, schaltete sich Mama ein.
»Ja, weil ich das noch nie gesehen habe.«
»Anne, stell dir mal vor, ich würde zum Gespött meiner Kollegen. Mein Sohn beim Ballett.« Noch lachte Papa.
Oliver bohrte weiter: »Ich finde es aber schön, und Emily hätte auch gedurft. Das ist unfair.«
Jetzt dachte ich für kurze Zeit sogar nicht mehr an David. Die Sache steigerte sich, bis Mama sagte: »Nicht vor den Kindern«, und dann mit Papa in der Küche verschwand.
Oliver grinste mich verschmitzt an. Aus der Küche drangen die Worte Gleichberechtigung und Toleranz, und nach einer Weile kamen unsere Eltern mit geröteten Gesichtern zurück ins Wohnzimmer.
Mama strich über Olivers blonde Locken und sagte: »So mein Schatz, nach den Weihnachtsferien melde ich dich an.« Ich wunderte mich, dass Oliver noch immer grinste, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass er wirklich zum Ballett wollte. Dieser Wunsch war sehr plötzlich gekommen. Auf jeden Fall sah Oliver sich aufmerksam den Rest der Fernsehsendung an.
Am nächsten Tag, als ich mich in Ruhe meinem Trübsinn hingeben wollte, kam Oliver in mein Zimmer und wollte sich helle Leggins von mir ausleihen. Er hätte nur dunkle lange Unterhosen.
»Wozu helle?«, fragte ich.
»Sieht besser aus.«
»Die sieht doch keiner, du trägst ja eh die Jeans drüber.«
»Nee.«
»Warum nicht?«
»Will ich nicht sagen.«
»Doch, dann kriegst du sie auch vielleicht.«
»Bitte, Emily. Ich tue dir auch mal einen Gefallen.«
»Ich weiß nicht.«
»Ach, Emily, stell dich doch nicht so an. Es ist wirklich dringend.«
Mittlerweile war ich neugierig geworden. »Na gut.«
Ich gab ihm die Leggins, und er zog mit seiner Beute ab. Kurze Zeit später hörte ich ihn die Treppe hinuntertrampeln. Ich öffnete die Zimmertür und sah meine Leggins zur Haustür hinausstürmen. Die Neugierde trieb mich hinterher.
Oliver stand seitlich vor Papas Garage und lauschte. Ich hörte ebenfalls, wie Papa sich mit einem Kollegen unterhielt. Papas Kollegen kamen gerne mal vorbei.
Oliver betrat die Garage, ich folgte. Mein Bruder hatte die Arme in die Luft gestreckt und stelzte auf Zehenspitzen auf Papa und seinen Kollegen Will Sims zu.
Papa guckte misstrauisch, Will Sims erstaunt. »Na, Oliver, was spielst du denn?«
Oliver mit ernstem Gesicht: »Ich spiele doch nicht, ich trainiere.« Und dann strahlend: »Nach Weihnachten darf ich ins Ballett.«
Papa wurde rot.
Will Sims fragte leicht verlegen: »Ja, wirklich?«
Und Oliver ganz begeistert: »Ja, ich will nämlich Tänzer werden.«
Papa schluckte. »Jetzt geht mal wieder ins Haus. Ihr habt ja keine Jacken an.«
»Ich werde jetzt üben, dann kann ich Mrs Lipman und ihren Freundinnen beim Brunch schon etwas vortanzen.« Mit dieser letzten Drohung trippelte Oliver davon. Genauso gut hätte er eine Anzeige mit seinem neuen Berufswunsch im Stadtanzeiger aufgeben können.
Im Hinausgehen bekam ich noch mit, wie Will unserem Vater tröstend auf die Schulter klopfte und murmelte: »Ja, Frank, also, ja, na ja. Wird schon.«
Papa starrte ängstlich auf die Garagentür. Jederzeit konnte ein anderer Nachbar vorbeischauen.
Das Gokart war dunkelblau und Oliver gab seinen Traumberuf auf. Zu Olivers Reputation muss ich sagen, dass er ganz von allein einen Fußballwimpel von Papas Lieblingsverein an sein neues Fahrzeug steckte, und Papa standen wirklich Freudentränen in den Augen. »Ich finde es ja auch nicht weiter tragisch, wenn ein Mann gerne Tänzer werden möchte«, erklärte er Mama erleichtert. »Aber unser Oliver findet sicher auch etwas anderes.«
Mir blieben noch drei Tage, um irgendetwas Hochprozentiges zu besorgen und mir auszudenken, wie es zu Peter Anderson gelangen konnte. Eine Zustellungsart fiel mir sogar ein, nur hatte ich noch keine Idee für die Lieferung.
Der einzige Mensch, den ich um Hilfe bitten konnte, war mein achtjähriger Bruder. Und ich tat es. So tief war ich gesunken. Aus Liebe. Er sollte, genau wie ich vor Kurzem, nicht fragen, wofür und warum, und ich erzählte ihm, wie ich bereits versucht hatte, eine Flasche Whisky zu kaufen.
Oliver hörte gespannt zu. Eine neue Herausforderung, die ganz in sein Metier fiel. Er wollte ein Weilchen darüber nachdenken und machte nicht mal ansatzweise den Versuch, nach dem Grund zu fragen, so sicher war er, dass er ihn sowieso bald herauskriegen würde.
Am Freitag stand Oliver mit glänzenden Augen vor mir. »Hast du denn genug Geld?«
»Ja.«
»Dann fahren wir morgen nach Dillings.«
»Ins Kino? Wo willst du denn da den Whisky kaufen? Du hast vielleicht Nerven.« Ich sah ihn fassungslos an.
Ein langgedehntes »Neeiiin« folgte. Und dann weiter mit Begeisterung: »Mama ist morgen Vormittag einkaufen. Und Papa räumt seine Garage um. Wir sagen ihm einfach, du fährst zu Katy und nimmst mich mit. Wir fahren mit dem Bus nach Dillings. In der Nähe von dem Kino ist ein Kiosk. Da kann man auch reingehen, der ist etwas größer. Kennst du doch. Solche kleinen Läden haben auch immer Alkoholzeugs. Und da drin arbeitet eine Frau.«
»Und die kennst du und die gibt dir was?«
»Nein und ja.«
»Hä?«
»Nein, sie kennt mich nicht. Ich habe sie nur mal kurz gesehen. Und ja, sie wird mir etwas verkaufen. Mach einfach, was ich sage, das klappt schon.«
Solche Gespräche können einem das letzte bisschen Selbstsicherheit nehmen. Sein Lebensglück dem kleinen Bruder anvertrauen zu müssen. Und außerdem musste ich ein paar Mal niesen. Das machte mir auch noch Sorgen. Wenn ich dann nach übermenschlichen Anstrengungen tatsächlich am Sonntag im Kino neben David sitzen sollte, wollte ich nicht schniefen und ständig die Nase putzen. Das würde unter Umständen nicht so anziehend wirken.
Ich konnte in der Nacht auf Samstag vor Aufregung kaum schlafen, aber Oliver war am nächsten Morgen in Hochstimmung. Er wollte sich meinen weinroten Wintermantel vom letzten Jahr leihen.
»Das ist ein Mantel für Mädchen«, erklärte ich ihm.
»Weiß ich, aber bei Kindern fällt so etwas nicht so auf. Und du hast ihn ja kaum getragen.«
Da hatte er recht, ich mochte lieber sportliche Winterjacken, aber meine Mutter wollte mir endlich mal etwas Hübsches kaufen. Also, was sie hübsch fand.
Oliver verschwand in seinem Zimmer, um sich umzuziehen. Zumindest das, was nicht vom Mantel verdeckt wurde, sah sehr ordentlich aus. Eine hellgraue Stoffhose und ordentliche schwarze, glänzende Schuhe. Mein Mantel passte ihm. Ich trug die Sachen, die ich sonst in meiner Freizeit zum Spielen anhatte. Jeans, Winterjacke, Boots. Und einen Rucksack nahm ich mit.
Mama war schon zum Einkaufen gefahren und Papa bastelte in der Garage. Ich steckte nur schnell den Kopf rein: »Bis später, Papa.«
Er starrte gerade so vertieft auf sein Werkzeugregal, dass er nur sagte: »Ja, viel Spaß.« Bei Mama wären wir nicht so ohne Weiteres davongekommen.
Oliver und ich gingen zur Bushaltestelle an der Landstraße. Von Weitem sahen wir die beiden Brüder Easterbrook über ein Feld reiten. Gerald, diegutePartie, winkte uns zu, Benjamin würdigte uns keines Blickes.
Im Bus erklärte mir Oliver, wie wir vorgehen sollten: »Also, du gehst ein paar Minuten vor mir rein und siehst dir die Zeitschriften an, Comics oder Pferdehefte, egal. Und dann komme ich dazu. Falls die Frau sich doch weigert, lege ich ganz schnell das Geld auf die Theke und du nimmst dir die Flasche und wir hauen ab.«
Ich nieste. »Oliver, das bringe ich nicht. Einfach weglaufen.«
»Ist doch kein Diebstahl, du legst ja das Geld hin.«
»Hoffentlich klappt das auch so. Mir ist jetzt schon ganz heiß vor Aufregung.«
»Was soll schon passieren?«
Als wir auf der halben Strecke nach Dillings an einem kleinen Gestüt für Vollblutpferde vorbeifuhren, versuchte Oliver mich aufzumuntern: »Sieh mal, zwei von den Rennpferden sind auf der Weide. Sie haben sogar Mäntel an wie wir.«
»Pferdedecken«, murmelte ich nur. Im Moment konnte mich nichts wirklich ablenken.
Oliver stieg als Erster aus dem Bus. Er steuerte auf einen Drogeriemarkt zu. »Es ist zu kalt, um draußen zu warten. Ich gehe für ein paar Minuten hier rein und komme dann nach.«
Ich nickte ergeben und steuerte den Kiosk unserer Wahl an. Inhaberin Mrs Lasky war auf einem Schild im Fenster zu lesen. Die von Oliver beschriebene Dame, wohl Mrs Lasky persönlich, stand hinter der Theke und grüßte mich mürrisch zurück. Ich fühlte, dass ich knallrot im Gesicht war, und wandte mich gleich dem Regal mit den Zeitschriften zu. Nahm vorsichtig ein Magazin in die Hand, legte es wieder weg. Dann das nächste. Und das übernächste. Betrachtete die Titelseite eingehend und hoffte, Oliver würde endlich kommen. Mrs Lasky räusperte sich. »Was suchst du denn genau?«
»Ich weiß noch nicht.« Viel mehr als ein Flüstern brachte ich nicht heraus.
Ich hielt gerade ein Heft mit Strickmustern in der Hand. »Das ist doch sicher nichts für dich«, kam es misstrauisch aus der Richtung der Theke.
Ich musste die Nase hochziehen und murmelte: »Vielleicht etwas mit Tieren?« Wo blieb bloß Oliver?
Endlich ging die Tür auf. In diesem Moment bekam ich eine Vorstellung davon, was es bedeutet, dem Anlass entsprechend gekleidet zu sein. Oliver hatte seinen, oder eher meinen Mantel aufgeknöpft, sodass man sein weißes Rüschenhemd und seine dunkelblaue Samtweste sehen konnte. Beides war neu erstanden für die Weihnachtsbesuche. Oliver hatte nichts dagegen, sich herauszuputzen. Er sah ungefähr so aus wie der kleineLord auf dem Weg nach Dorincourt.
Die Frau hinter der Theke starrte ihn gebannt an. Ich auch.
Er ging, ohne zu zögern , auf sie zu. »Guten Tag.« Das kam förmlich und freundlich und wurde von einer leichten Verbeugung unterstrichen.
»Guten Tag.« Der Gesichtsausdruck von Olivers Opfer wurde zutraulicher.
Oliver äußerte seine Bitte: »Ich hätte gerne einen guten Tropfen. Vielleicht können Sie mir bei der Auswahl behilflich sein. Würden Sie einen Whisky empfehlen oder lieber etwas anderes?«
Ich schluckte, starrte Oliver an und schluckte wieder. Olivers Umgang mit Mrs Lipman und ihrem Kränzchen machte sich bezahlt.
»Ja, ich weiß nicht. Alkohol darf ich eigentlich nicht an Kinder verkaufen.«
»Es soll ein Geschenk für meinen Erbonkel sein. Er hat sich überraschend bei uns angemeldet, und ich möchte ihm eine kleine Freude bereiten.«
»Und da möchtest du ihm ein so teures Geschenk machen? Du willst ihn sicher bei Laune halten?«
»Ja, er ist nämlich auch sehr großzügig. Er hat mir ein Pferd geschenkt zu meinem Geburtstag. Ein Rennpferd.«
Jetzt doch wieder leichtes Misstrauen. »Und du kannst das Rennpferd reiten?«
»Nein. Natürlich nicht. Das wird von einem Jockey geritten.«
»Ach so. Na dann.«
Die Dame begann, sich nach einem passenden guten Tropfen umzusehen. Sehr viel Auswahl hatte sie natürlich nicht.
Oliver gefiel sich zunehmend in der Rolle des Pferdebesitzers und wollte noch etwas darin schwelgen. »Ich darf es streicheln, wenn ich zu Besuch bin. Und manchmal auch füttern.«
Ich bekam Schweißausbrüche.
»Da hast du aber ein großes Kuscheltier.« Mrs Lasky entwickelte sogar Humor.
Sie griff zu der teuersten Flasche, die sie hatte: Dimple. Meine Ersparnisse würden auf den Nullpunkt schrumpfen. »Hier, das ist etwas wirklich Gutes.« Sie lächelte. »Bei einem Erbonkel möchte man ja nichts riskieren.«
»Nein, wirklich nicht.« Oliver war dankbar für so viel Verständnis.
Die Flasche wurde eingewickelt und bezahlt. Wir hatten es fast geschafft. Aber Mrs Lasky war noch nicht fertig. »Warte mal.«
Wahrscheinlich stand ich haarscharf vor einem Herzinfarkt.
»Such dir doch einen Schokoriegel aus. Den schenke ich dir. Dann hast du auch etwas für dich.«
Oliver strahlte seine neue Freundin an und begutachtete ausführlich die Auswahl. Dafür würde ich mich später rächen. Nach einer Ewigkeit entschied er sich für Traube-Nuss.
»Lass es dir schmecken. Und noch viel Spaß mit deinem Pferd.«
»Danke, Mrs Lasky. Sie haben mir wirklich geholfen.« Oliver nahm die Beute und verließ mit einem letzten strahlenden Lächeln den Kiosk.
Ich stand immer noch mit einem Heft in der Hand da. »Na, hast du dich nun endlich entschieden?« Mrs Lasky fand wieder zu ihrem Ton für gewöhnliche Kundschaft zurück.
Ich legte wortlos das Heft und Geld auf die Theke. Während sie kassierte, sagte sie leicht herablassend: »Na Junge, komm, hier hast du auch einen Schokoriegel.«
Sie fischte irgendeinen aus einem Ständer hervor. Ich durfte mir meinen nicht aussuchen. Zur Strafe klärte ich sie nicht darüber auf, dass ich ein Mädchen war.
Wir schafften es gerade noch, rechtzeitig nach Hause zu kommen, bevor Mama ihre Einkäufe erledigt hatte.
Wir aßen eine Kleinigkeit, dann ging ich wieder auf mein Zimmer. Oliver hatte es eilig. Er wollte gleich noch zu einem Freund zum Spielen und dann zu Mrs Emerald zum Tee. Mama und Papa waren zum Geburtstag zu einer von Mamas Freundinnen eingeladen, aber Papa hatte keine große Lust und erklärte, er würde dann später vorbeischauen. Das waren gute Voraussetzungen für meinen weiteren Plan. Ich ging mit einer Tasse Kamillentee, den mir Mama wegen meines Niesens aufgezwungen hatte, auf mein Zimmer. Jetzt musste ich die Zeit totschlagen.
Gegen achtzehn Uhr verließ ich unser Haus. Da der Rest meiner Familie unterwegs war, gab es keine Schwierigkeiten. Es war schon dunkel, als ich mit meinem Rucksack in Richtung Pub marschierte. Nach Möglichkeit wollte ich von niemandem gesehen werden. Also ging ich nicht direkt über den Dorfplatz auf das Pub zu, sondern durch die dahinter gelegene Straße. An der Ecke zum Dorfplatz blieb ich stehen und spähte die Lage aus. Zum Pub waren es noch ungefähr dreißig Schritte. Vor dem Pub lehnte das Fahrrad von Peter Anderson, auf das ich es abgesehen hatte. Meinen Rucksack mit der Flasche Dimple hielt ich schon in der Hand. Aber ständig ging irgendwer über den Dorfplatz.
Ich wollte gerade zum Sprint ansetzen, da kamen Mr Easterbrook und sein Bruder Mortimer aus dem Pub und schlenderten gemütlich über den Platz. Mir war mittlerweile furchtbar kalt und auch ein bisschen schwindelig. Nur auf den Eingang zum Pub zu starren, vertiefte dieses Gefühl noch, und so ließ ich meine Blicke zwischen dem Pub und der Statue des Banditen hin und her gleiten. Es war bald halb sieben, die Zeit drängte. John Adams und Henry Finch verließen den Pub und redeten aneinander vorbei. Während sich John Adams über die Unverschämtheit von Peter Anderson beschwerte, ergoss sich Henry Finch über die Vorzüge seines Zuchtrüden. Dann kam Alicia und sah nach links und rechts, bevor sie zu ihrem üblichen Abendspaziergang aufbrach. Ich hoffte, dass sie mich nicht gesehen hatte.
Hinter mir hörte ich ein Geräusch, und ich erschrak. Es war aber niemand zu sehen.
Ich dachte schon, ich sei festgefroren, als endlich Ruhe einkehrte. Ich rannte zu Peter Andersons Fahrrad und klemmte ihm die Flasche Dimple auf den Gepäckträger.
Ob er sich über ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk wundern würde, war mir egal. Ich wollte nur noch nach Hause.
Als ich auf dem Rückweg am Eingang des Wäldchens vorbeikam, warf ich einen Blick hinein und hielt den Atem an. Erst schemenhaft, dann etwas deutlicher sah ich den Banditen. Er schien in meine Richtung zu sehen und verschwand dann im Gebüsch.
Ich rannte los, so schnell ich konnte. Im Laufen sah ich wieder Alicia, diesmal auf dem Rückweg zum Pub.
Prustend kam ich zu Hause an, verschloss die Tür und beeilte mich, ins Bett zu kommen.
Ich fühlte mich körperlich elend und geistig auch nicht viel besser. Was hatte ich da gerade gesehen? War da wirklich etwas gewesen, oder hatte mir meine Fantasie einen Streich gespielt, weil ich vorher so lange auf die Statue des Banditen geblickt hatte?
Vor Geistern und Gespenstern hatte ich keine Angst. Nicht mehr, seit ich vor ein paar Jahren Mama und ihre Freundinnen bei Dämmerlicht und Kerzenschein in unserer Küche gesehen hatte. Ihre Gesichter waren mit einer weißen Paste zugeschmiert, und auf ihren Augen lagen feuchte Teebeutel, an denen die Etiketten baumelten. Vor ihnen stieg leichter Dampf aus Teetassen auf.
Ich hatte schon von Fieberfantasien gehört. Das musste es sein, eine andere Erklärung gab es nicht.
Gut, schnell an etwas anderes denken. Etwas Angenehmes. An David morgen im Kino. Ich kuschelte mich in meine Decke. Von unten hörte ich, wie Papa und Oliver nach Hause kamen. Jetzt fühlte ich mich sicherer.
Der letzte Gedanke vor dem Einschlafen war schön. David und ich würden uns einen großen Becher Popcorn teilen. Und dann würden wir gleichzeitig hineingreifen.
Als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, lag ich immer noch im Bett. Ich hatte eine heftige Erkältung mit Fieber und allem Drum und Dran. In der Nacht zu Sonntag war mein Fieber so gestiegen, dass sogar ein Arzt gekommen war.
Ab Dienstag wurde es etwas besser. Mein erster Gedanke war David, und ich fragte meine Mutter, ob er am Sonntag angerufen habe.
Hatte er nicht. Das Fieber ging zurück, und ich konnte im Bett lesen. Nach einer Woche durfte ich dann endlich mein Zimmer verlassen und im Haus herumspazieren.
Als ich die Zusage erbettelte, am nächsten Tag ein bisschen an die frische Luft zu dürfen, sah meine Mutter mich ganz betreten an und sagte: »Ich muss dir noch etwas erzählen, was zwischendurch passiert ist. Peter Anderson hatte Samstag vor einer Woche einen tödlichen Unfall. Hier bei uns im Wald.«
»Einen tödlichen Unfall mit dem Fahrrad? Im Wald?«
Ich konnte mir kaum vorstellen, wie das gehen sollte. Sicher gab es tödliche Unfälle mit dem Fahrrad. Aber auf richtigen Straßen und nicht im Wald.
»Nicht mit dem Fahrrad. Er hat es geschoben. Weißt du, er war im Pub und hatte wohl zu viel getrunken. Und sicher ist er deshalb gestolpert und so unglücklich gefallen, dass er mit der Stirn auf einen dicken Ast aufgeschlagen ist. Und mit seinem Herzen stimmte auch etwas nicht. Bestimmt auch wegen seiner Trinkerei.«
Mit meinem Herzen stimmte auch gerade etwas nicht. Mir war gar nicht gut, aber Mama war noch nicht fertig.
»Ja, und dann ist da noch etwas. Also, David ist mit seiner Mutter und Schwester zu den Großeltern gezogen. Davids Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch. Vielleicht, weil auch ihr verstorbener Mann durch einen Unfall ums Leben gekommen war. Nachdem die Untersuchungen hier vor Ort beendet waren, sind sie sofort los.«
»Ich gehe in mein Zimmer«, flüsterte ich.
Mama sah mich wissend und mitleidig an und sagte nur: »Ja, ruhe dich noch ein Weilchen aus.«
Ich schlich nach oben und ließ mich auf mein Bett sinken. David war weg. Mein erstes Date, das aus gesundheitlichen Gründen nicht zustande gekommen war. Ach ja, und Peter Anderson hatte einen tödlichen Unfall gehabt, weil er zu viel getrunken hatte. Aber wie konnte er zu viel getrunken haben oder eher, warum besonders viel? Er war doch gar nicht so lange im Pub gewesen wie sonst. Deshalb hatte ich mir doch die ganze Mühe vorher gemacht und Blut und Wasser geschwitzt. Wenn er trotzdem so betrunken war, konnte das ja nur bedeuten, dass er mit meiner Flasche Dimple nicht bis zu Hause gewartet hatte. Er musste sie unterwegs schon getrunken haben.
Mama hatte nichts von einer Flasche gesagt, aber ich konnte ja schlecht fragen, ob er eine dabeihatte und wenn ja, wie viel er davon schon getrunken hatte. Aber es musste schon einiges gewesen sein. Das hieß dann wohl, hätte ich ihm die Flasche Dimple nicht auf den Gepäckträger geklemmt, hätte es ziemlich wahrscheinlich keinen Unfall gegeben und Peter Anderson wäre nicht gestorben.
Plötzlich war Davids Umzug nicht mehr ganz so wichtig. Peter Andersons Unfall bedrückte mich mehr. Ich war schuld an dem Unfall, und es war nur ein ganz schwacher Trost zu wissen, dass selbst Menschen stolpern, die stocknüchtern sind. Zumal Peter Anderson alles andere als stocknüchtern gewesen war. Wegen mir. Ich hatte ihn auf dem Gewissen.
Am nächsten Tag wollte ich dann gar nicht mehr nach draußen. In meinem Zimmer bleiben und Trübsal blasen, das reichte mir.
Am Nachmittag kam Oliver in mein Zimmer. »Du hast Besuch.« Bevor ich noch etwas fragen konnte, war er wieder verschwunden.
Ich stieg lustlos die Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Vor der Garage meines Vaters standen die Easterbrook-Brüder. Mit ihren Pferden. Das freute mich dann doch. Nicht Benjamin Easterbrook natürlich, über den freute ich mich nicht. Aber über seinen Bruder und in erster Linie über die Pferde.
Gerald begrüßte mich, Benjamin starrte mir missmutig entgegen. Ich streichelte Geralds Pferd. Gerald schlug vor: »Zur Feier des Tages, weil es dir endlich wieder besser geht, was hältst du davon, wenn ich dich morgen ein wenig auf Gladstone herumführe?«
Ich war sprachlos und sah meinen Vater an.
Er grinste. »Du ziehst dich aber richtig warm an.«
Wir machten eine Zeit aus und Gerald sagte: »Dann bis morgen.«
Benjamin grunzte irgendwas.
Jetzt war ich zwischen Schuldgefühlen und Vorfreude hin- und hergerissen. Erst mal nahm aber die Vorfreude überhand. Das Schuldgefühl hatte sich noch nicht so richtig gesetzt und wurde durch den bevorstehenden Spazierritt vorübergehend verdrängt. Ich dachte nur an Gladstone. Wie sich sein Fell anfühlte. Und wie schön und groß er war. Ganz schön groß. Ein kleines bisschen Angst hatte ich schon. Aber auf eine angenehme Art. Gerald würde ja dabei sein, was sollte schon passieren?
Am nächsten Tag wartete ich bereits am Küchenfenster. Gerald erschien pünktlich auf seinem schwarzen Gladstone. Er plauderte noch mit Papa, der ihm irgendeine neue, blinkende Spielerei zeigte. Papa hatte eindeutig etwas für Blinken und kleine Lichter übrig. Mama meinte einmal, unter Umständen könne man ein paar seiner Erfindungen im Haushalt einsetzen, aber dieses ganze Geblinke würde sie in den Wahnsinn treiben.
Gerald hatte eine alte Reitkappe mitgebracht, und ich wurde vorsichtig auf Gladstone gehoben. Die Steigbügel wurden ganz kurz geschnallt und ich bekam die Anweisung, mich am Sattelknauf festzuhalten. Gladstone kam mir wirklich sehr hoch vor.
Wir setzten uns in Gang, und ich war ganz schön nervös. Wohl, um mir die Nervosität zu nehmen, begann Gerald eine Unterhaltung: »Du warst ja ganz schön lange erkältet. Geht es dir jetzt wieder gut?«
»Ja. Das Reiten ist gar nicht anstrengend für mich.«
Gerald lachte. »Ich wollte deinen Ausflug auch nicht abkürzen.«
Ich gewöhnte mich an Gladstones wiegenden Gang und seine Größe.
Wir spazierten zum Dorfplatz. Das gefiel mir. Dann steuerte Gerald den Eingang zum Wald an, was mir gar nicht gefiel. »Gerald, ich weiß nicht. Können wir nicht woanders lang?«
»Ist es dir unheimlich wegen Peter Anderson?«
»Ich glaube schon.«
»Den Wald gibt es aber nun mal. Am besten ist es, Augen zu und durch. Danach hast du nicht mehr so ein komisches Gefühl.« Er lächelte mich beruhigend an und wir gingen weiter. Ungefähr an der Stelle vorbei, an der ich die Erscheinung vom Banditen gesehen hatte. Bei Tageslicht sah alles ganz harmlos aus. Ich warf zwischendurch einige verstohlene Blicke nach links und rechts, dachte, dass vielleicht die Dimpleflasche aus irgendwelchen Gründen am Wegesrand lag. Gerald sah mich fragend an.
»Tut mir leid, dass ihr nun keinen Verwalter mehr habt«, sagte ich. »Ihr seid bestimmt sehr traurig wegen alldem.«
»Ach, was heißt traurig. Sicher ist so ein Unfall schlimm.«
»Mochtest du ihn sehr gerne?«
Gerald überlegte. »Er war ein guter Verwalter, aber wir waren nicht befreundet. Er war ja auch viel älter als ich.«
»Es muss schön sein, auf einem Gutshof zu leben mit all den Tieren«, sagte ich.
»Ja, ein anderes Leben ist für mich undenkbar. Weißt du, ich habe angefangen, Landwirtschaft zu studieren, weil ich das Gut einmal übernehmen soll. Und außerdem werde ich zusammen mit einem Studienkollegen aus Südamerika in Bio-Anbau investieren. Es wird sicher spannend, den Betrieb dort von Anfang an mit aufzubauen.«
»Musst du dann nach Südamerika ziehen?«
»Nein, das Gut ist mein Zuhause, und ich muss nicht ständig in Südamerika sein, aber sicher mehrmals im Jahr hinüberfliegen. Weißt du schon, was du später einmal machen möchtest?«
Wusste ich noch nicht. Wir unterhielten uns die ganze Zeit und gingen den Waldweg sogar wieder zurück, anstatt den Weg durchs Dorf zu nehmen.
»Siehst du?«, meinte Gerald. »Wenn du jetzt mal durch den Wald gehst, denkst du nur daran, wie schön es war, auf Gladstone hier entlangzureiten.«
»Ja.« Ich strahlte. Ich war ihm wirklich dankbar, dass er mir den Schrecken und das mulmige Gefühl genommen hatte. Zumindest, was den Wald betraf.
Ich hätte eigentlich eine kleine Schwärmerei für Gerald Easterbrook in Erwägung ziehen können. So unverfänglich und ganz aus der Ferne. Aber ich sah ihn nach dem Spazierritt kaum noch.
In der Folgezeit versuchte ich, irgendwelche Gesprächsfetzen von den Erwachsenen aufzufangen, in der Hoffnung, noch etwas über den Unfall zu erfahren. Aber sie hatten wohl entschieden, dass man Kinder mit so etwas nicht unnötig belasten sollte, denn selbst Oliver konnte keine Informationen von seinen diversen älteren Freundinnen liefern.
Der einzige Mensch, mit dem ich noch einmal über Peter Anderson sprach, war meine Großmutter. Sie war für kurze Zeit das Tagesgespräch in Jolly Clover, als sie nämlich in den Schützenverein in Dillings eintrat und sich dann auch noch eine Pistole zulegte. Von einigen Bauern war bekannt, dass sie Waffen besaßen, egal, ob es erlaubt war oder nicht. Und das fand wohl jeder normal, da sie ja abgelegen wohnten. Aber als Großmutter eines Abends im Pub die Katze aus dem Sack ließ, soll sie ganz schön für Überraschung gesorgt haben. Ihrer Meinung nach sollten es alle wissen, dann bekäme niemand Lust, sich mit ihr anzulegen.
Die Mitgliedschaft im Schützenverein sowie die Pistole waren ein Geschenk von Gilbert Easterbrook, dem Gutsbesitzer höchst persönlich, und seinem Bruder Mortimer. Da Großmutter auch nach Einbruch der Dunkelheit noch über einsame Landstraßen fuhr, auch um für Mortimer Easterbrook Schriftverkehr und Buchhaltung zu erledigen, hielten die beiden Männer den Schutz für angebracht.
Ich fragte Großmutter, ob sie die Pistole wirklich wegen der einsamen Landstraßen hätte oder ob es etwas mit Peter Anderson zu tun hatte.
»Du machst dir Sorgen, dass es in Wirklichkeit gar kein Unfall war?«, fragte sie.
»Ich habe nur so überlegt.«
»Es war ganz sicher ein Unfall. Die Polizei kann heute genau feststellen, ob jemand auf die Stirn geschlagen wurde oder ob er darauf gefallen ist.«
»Ach so. Die Landstraßen waren aber auch vor dem Unfall schon einsam«, überlegte ich laut.
Ich war hier das einzige wandelnde Verbrechen auf zwei Beinen und versuchte, mich an diesen Zustand zu gewöhnen.
Durch die Schule war ich natürlich viel abgelenkt. Ich bekam auf einmal Lust, mich richtig in meine Aufgaben hineinzuknien und wurde von einer guten Durchschnittsschülerin zu einer der Besten in meiner Klasse. Meine Mutter träumte schon davon, dass ich vielleicht später mal studieren würde. Und Oliver sollte sich ein Beispiel an mir nehmen.
Nach einiger Zeit hatte er mich doch gefragt, was ich mit der Flasche Dimple wollte.
»Ach, das war eine blöde Idee. Ist auch ziemlich schiefgegangen. Am besten, wir vergessen das Ganze.«
Oliver war enttäuscht. »Und dafür habe ich mir solche Mühe gegeben?«
»Ach, komm, Oliver. Das hat dir doch Spaß gemacht. Und du warst großartig. Ehrenwort.«
Grinsend zog er ab.
Das Cottage, in dem David gewohnt hatte, stand noch eine ganze Weile leer. Hin und wieder bereitete es mir Vergnügen, langsam und wehmütig dort entlangzuschlendern.
Im folgenden Sommer zog dort ein Arbeitskollege meines Vaters mit seiner Familie ein. Die kleine, blonde Tiffany hing an Oliver wie eine Klette. Debbie war in meinem Alter und wurde meine beste Freundin.
Ich hatte die Zeilen bestimmt zehnmal gelesen. Das machte die Sache nicht besser. Es war einfach ein mieser, anonymer Brief.
Liebe Emily,sicher gefällt es Dir, Kindheitserinnerungen aufzufrischen. Dabei bin ich Dir gern behilflich.Ich lade Dich zu einem geheimen Treffen am Donnerstag ein. Um 20 Uhr im Wald auf der Hälfte des Weges. Du wirst sicher pünktlich erscheinen, allein schon aus Rücksicht auf Deine Familie. Ich hoffe, Du freust Dich über mein kleines Souvenir.Dein Bandit
Der Brief war maschinengeschrieben oder ausgedruckt. Ebenso die Anschrift. Im Kuvert lag noch ein aus einem Prospekt ausgeschnittenes Bild einer Flasche Dimple. Das sollte wohl das Souvenir sein.
Zuerst war ich erschrocken. Dann murmelte ich wütend: »Benjamin Easterbrook.« Ich dachte an unser letztes Zusammentreffen am vergangenen Samstag im Banditen. Der Brief konnte nur von ihm sein.
