Mord in Middle Temple - J. S. Fletcher - E-Book

Mord in Middle Temple E-Book

J.S. Fletcher

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  • Herausgeber: neobooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

London 1912: Der junge Journalist Frank Spargo kommt zufällig dazu, als die Polizei ausgerechnet im Anwaltsviertel Middle Temple die Leiche eines Mannes findet. Es gibt keinerlei Hinweise auf die Identität des Toten. Die Adresse eines frisch gebackenen Anwalts ist das Einzige, das die Polizei bei der Leiche findet. Alles deutet auf Raubmord hin. Spargo glaubt nicht an diese Theorie. Sein journalistischer Ehrgeiz ist geweckt: er will den Fall trotz der spärlichen Hinweise lösen. Schon bald offenbaren sich dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit und Spargo sieht sich mit einer Reihe falscher Identitäten konfrontiert. Als der Vater der jungen Frau, in die Spargo verliebt ist, unschuldig verhaftet wird, muss Spargo nicht nur aus beruflichem Interesse unbedingt den wahren Täter finden.

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Seitenzahl: 264

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Mord

in

Middle

Temple

 

 

J. S. Fletcher

 

 

Originaltitel: The Middle Temple MurderDeutsche Originalausgabe: Das Geheimnis um Mr. MarburyPeter J. Oestergaard Verlag, 1931

Digitalisierung, Überarbeitung, Aktualisierung der Übersetzung sowie Umschlaggestaltung: Julia Evers, 2017Foto: Max de Rohan Willner/ Unsplash

alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

Kapitel 1

kapitel 2

kapitel 3

Kapitel 4

kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Über den Autor

KAPITEL 1

 

 

Spargo verließ die Redaktion des Watchman gewöhnlich um zwei Uhr nachts, wenn die Morgenausgabe im Druck war. Er hatte nichts mehr zu tun, wenn er den Teil der Zeitung durchgesehen hatte, für den er verantwortlich war. Vor kurzem erst war er Hilfsredakteur geworden. Er hätte eigentlich schon eher nach Hause gehen können, aber er hatte sich nun einmal angewöhnt, bis etwa gegen zwei Uhr im Büro zu bleiben.

Am Morgen des 22. Juni 1912 blieb er sogar länger als gewöhnlich und plauderte noch mit seinem Kollegen Hacket, der die auswärtige Politik bearbeitete, über eingegangene interessante Telegramme. Es war schon halb drei, als er endlich auf die Fleet Street hinaustrat. Die Luft war frisch und kühl, und im Osten kündete sich bereits die Morgendämmerung leise an. Die Stadt lag in tiefem Schweigen, majestätisch hob sich die Silhouette der St. Paul´s Cathedral vom Himmel ab.

Spargo wohnte in Bloomsbury, auf der Westseite des Russell Square. Jeden Abend und jeden Morgen ging er durch dieselben Straßen zur Redaktion: Southampton Row, Kingsway, Strand, Fleet Street. Im Laufe der Zeit waren ihm eine Reihe von Gesichtern vertraut geworden: vor allem kannte er die Polizisten, die auf dieser Strecke Dienst hatten, und grüßte sie, wenn er Pfeife rauchend seines Weges ging.

Als er an diesem Morgen in die Nähe der Middle Temple Lane kam, sah er den Polizisten Driscoll am Eingang eines Hauses stehen. Der Mann schien irgendetwas zu beobachten. Etwas weiter entfernt tauchte ein anderer Beamter auf, dem Driscoll mit erhobenem Arm ein Zeichen gab. Dann drehte er sich um und erkannte Spargo. Er ging ein paar Schritte auf ihn zu.

„Was gibt es denn?“, fragte Spargo.

Driscoll zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf ein halb geöffnetes Tor. Spargo schaute hinein und sah, dass ein Mann dort hastig Jacke und Weste anzog.

„Der Portier da sagt, dass jemand hinter einer der Haustüren liegt. Er hält ihn für tot. Hat mir sogar erzählt, dass er an einen Mord glaubt.“

„Mord?“, fragte Spargo schnell. „Wie kommt er denn zu der Ansicht?“ Neugierig schaute er an Driscoll vorbei.

„Er hat Blutspuren gesehen. Sie sind doch von der Zeitung?“

„Ja.“

„Dann kommen Sie mit uns - wahrscheinlich können Sie einen interessanten Artikel über die Sache schreiben.“

Spargo antwortete nicht. Er blickte nur verwundert die Gasse hinunter. Welches Geheimnis mochte sie bergen? Nun war auch der andere Polizist herangekommen und im selben Augenblick trat der Portier aus der Tür.

„Also kommen Sie. Ich werde es Ihnen zeigen.“

Driscoll wechselte ein paar Worte mit seinem Kollegen, dann wandte er sich an den Portier.

„Wie kam es, dass Sie ihn gefunden haben?“

Der Mann wies mit dem Kopf auf eine Tür. „Ich hörte, wie sie zugeschlagen wurde“, sagte er aufgeregt, als fühlte er sich durch die Frage des Polizisten beleidigt. „Das kam mir sonderbar vor. Ich bin aufgestanden und habe mich umgesehen und dann habe ich ihn entdeckt.“

Er zeigte auf eine bestimmte Stelle. Spargo sah den Fuß eines Mannes, der aus einem der Eingänge herausschaute. Deutlich konnte er den Schuh und den grauen Strumpf erkennen.

„Er lag genauso da, wie Sie ihn jetzt noch sehen. Ich habe ihn nicht angerührt.“

Er sprach nicht weiter, sondern verzog das Gesicht bei der Erinnerung an seinen ersten Schrecken. Driscoll nickte verständnisvoll.

„Sie sind also aufgestanden und haben sich umgeschaut?“

„Ja, und als ich das Blut sah, bin ich schnell auf die Straße gegangen, um einen Polizisten zu holen.“

„Das Beste, was Sie tun konnten“, erwiderte Driscoll.

Sie waren jetzt an dem Eingang angekommen und blieben stehen. Der Schauplatz selbst wirkte ziemlich nüchtern, die Wände waren mit Fliesen verkleidet, der Boden bestand aus Beton. In dem kühlen, grauen Morgenlicht erinnerte die Szene Spargo fast an eine Leichenhalle. Es war deutlich zu erkennen, dass der Mann, der dort lag, nicht mehr lebte.

Im ersten Augenblick sprach niemand. Die beiden Polizisten schoben unbewusst die Daumen in den Ledergürtel und spielten nervös mit den Fingern. Der Portier rieb sich nachdenklich das Kinn. Spargo hatte die Hände in die Taschen gesteckt und klapperte mit seinen Hausschlüsseln. Jeder machte sich seine eigenen Gedanken beim Anblick dieses Toten.

„Sie sehen“, sagte Driscoll plötzlich leise, „dass er eine ganz merkwürdige Lage hat. Es sieht fast so aus, als wäre er dort hingelegt worden. Vielleicht hat er zuerst an der Wand gelehnt und ist dann herunter gerutscht.“

Spargo beobachtete alle Einzelheiten mit berufsmäßigem Interesse. Er sah zu seinen Füßen einen gutgekleideten, älteren Mann liegen, dessen Gesicht der Wand zugekehrt war. An den grauen Haaren und dem fast weißen Bart ließ sich sein Alter ungefähr abschätzen. Der graukarierte Anzug und die dazu passenden Schuhe verrieten guten Geschmack, ebenso die Wäsche. Das eine Bein war halb untergeschlagen, das andere lag ausgestreckt quer über der Türschwelle. Der Oberkörper lehnte gegen die Wand, und an den weißen Fliesen waren Blutspuren zu sehen.

Driscoll zog die Hand aus dem Gürtel und zeigte auf den Toten. „Er muss wohl von hinten niedergeschlagen worden sein, als er hier herauskam. Das Blut floss aus seiner Nase, als er stürzte. Was meinst du dazu, Jim?“

Der andere Polizist räusperte sich. „Wir sollten lieber den Inspector herholen. Und einen Arzt und eine Ambulanz. Er ist doch tot, nicht wahr?“

Driscoll bückte sich und berührte die Hand, die auf dem Boden lag. „Daran ist gar kein Zweifel, er ist schon ganz steif. Also beeil dich mit deiner Meldung auf dem Revier.“

Spargo wartete bis der Inspector kam und eine Tragbahre gebracht wurde. Es waren auch noch mehrere Polizisten erschienen. Sie hoben den Toten auf, um ihn zum Leichenschauhaus zu bringen. Dabei konnte Spargo das Gesicht des Toten sehen. Er betrachtete es lange und aufmerksam, während die Beamten noch beschäftigt waren. Wer mochte dieser Mann sein? Wie war er zu diesem schrecklichen Ende gekommen? Warum hatte man ihn ermordet? Alle diese Fragen gingen ihm durch den Kopf. Als Zeitungsmann interessierte ihn der Fall natürlich, aber es mischte sich auch ein allgemein menschliches Empfinden in seine Gefühle und er bedauerte, dass einer seiner Mitmenschen auf so tragische Weise ums Leben gekommen war. Die Züge des Toten waren regelmäßig, aber er konnte nichts Besonderes daran entdecken. Der Mann mochte zwischen sechzig und fünfundsechzig Jahre alt sein. Er war glattrasiert und trug einen kurzen, weißen Backenbart, der auf altmodische Weise bis zur Hälfte zwischen Ohr und Kinn herunterreichte. Das einzig Auffallende an dem schlichten Gesicht waren die vielen Falten und Runzeln. Besonders tief hatten sie sich um die Mundwinkel und um die Augen eingegraben. Diesem Mann hatte das Leben sicher schwer mitgespielt und er hatte sowohl körperlich als auch seelisch einiges durchgemacht.

Driscoll stieß Spargo an und gab ihm einen Tipp. „Gehen Sie doch mit zum Leichenschauhaus“, flüsterte er ihm heimlich zu.

„Warum denn?“

„Man wird ihn durchsuchen und es ist doch wichtig für Sie, dass Sie wissen, was er bei sich hatte. Darüber können Sie doch dann in Ihrer Zeitung schreiben!“

Spargo zögerte. Er war müde und hatte sich auf das Essen und auf sein weiches Bett zu Hause gefreut. Er konnte ja bei der Redaktion anrufen, dass man einen Berichterstatter zum Leichenschauhaus schicken sollte. Er selbst war im Augenblick nicht in der Stimmung, mitzugehen.

„Das kann eine große Sache für Sie werden“, ermunterte Driscoll ihn. „Es sieht ganz so aus, als ob da noch allerhand Geheimnisse zu klären sind. Man weiß nie, was hinter solchen Dingen steckt.“

Diese letzte Bemerkung änderte Spargos Entschluss. Der Instinkt des Journalisten erwachte in ihm. „Gut, ich werde mitkommen.“

Er zündete seine Pfeife wieder an und folgte dem kleinen Zug, der sich durch die ruhigen und verlassenen Straßen bewegte. Während er so vor sich hin ging, dachte er darüber nach, wie schnell und unvorhergesehen der Tod einen Menschen ereilen konnte. Zweifellos war dieser Mann ermordet worden und das hatte mitten in einer der Straßen Londons geschehen können, ohne großes Aufsehen oder Lärm zu erregen. Die Beamten behandelten den Fall professionell, sie waren an so etwas gewöhnt.

„Meiner Meinung nach“, hörte Spargo plötzlich eine Stimme neben sich, „ist er nicht hier ermordet worden. Man hat ihn nur dort hingelegt.“

Spargo wandte sich um und sah, dass der Portier neben ihm ging.

„Ach, Sie glauben ...“

„Ja, ich bin davon überzeugt, dass sie ihn anderswo niedergeschlagen haben und dann dorthin brachten. Vielleicht ist es in einer der Wohnungen passiert. Es sind schon seltsamere Dinge in London geschehen. Auf alle Fälle ist er diese Nacht nicht an meinem Eingang vorbeigekommen ... soviel kann ich sagen. Ich möchte nur wissen, wer er ist. Dem Aussehen nach gehört er nicht zu den Leuten, die hier verkehren.“

„Das werden wir ja erfahren, wenn er durchsucht worden ist“, meinte Spargo.

Aber bald darauf hörte er, dass bei der Durchsuchung nichts gefunden wurde. Der Polizeiarzt stellte fest, dass der Tote zweifellos durch einen furchtbaren Schlag von hinten niedergestreckt worden war und infolgedessen einen Schädelbruch erlitten hatte. Der Tod musste sofort eingetreten sein. Nach Driscolls Ansicht war der Fremde ermordet worden, weil man ihn berauben wollte. Alle Taschen waren leer. Man konnte doch schließlich annehmen, dass ein so gut gekleideter Mann eine Uhr mit Kette besaß, dass er Geld bei sich hatte und Ringe an den Fingern trug. Aber man konnte nichts Wertvolles entdecken und man fand auch nicht den geringsten Anhaltspunkt, um seine Identität zu klären: keine Briefe, keine Papiere, nichts. Offensichtlich hatte der Täter alles an sich genommen. Eine neue, graue Stoffmütze, die neben dem Toten gelegen hatte, war das einzige Stück, das vielleicht irgendwie Aufschluss geben konnte. Sie stammte aus einem vornehmen Geschäft im Westen Londons.

Spargo machte sich auf den Heimweg. Es hatte keinen Zweck mehr, länger dort zu bleiben. Nachdem er gegessen hatte, legte er sich hin, aber er fand keine Ruhe. Er gehörte nicht zu den Leuten, die leicht aus der Fassung gerieten, aber ihn quälte eine gewisse Unruhe und nach einiger Zeit erkannte er, dass es sein Erlebnis war, das ihn nicht schlafen ließ. Schließlich stand er wieder auf, nahm ein kaltes Bad, trank eine Tasse Kaffee und ging hinaus. Er hatte kein bestimmtes Ziel, als er seine Wohnung verließ, aber nach einer halben Stunde fand er sich auf dem Weg zur Polizeistation, in deren Nähe der Tote im Leichenschauhaus aufgebahrt lag. Dort traf er Driscoll, dessen Dienst gerade zu Ende war. Der Polizist begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln.

„Sie kommen gerade zur rechten Zeit“, sagte er. „Es ist kaum fünf Minuten her, dass man ein Stückchen graues Papier in der Westentasche des Mannes gefunden hat. Es hatte sich in einer Falte festgesetzt. Gehen Sie nur hinein und sehen Sie es sich an.“

Spargo betrat das Büro des Inspectors und gleich darauf hielt er ein kleines Stück Papier in der Hand. Es war aber nur eine Adresse mit Bleistift darauf gekritzelt:

 

Ronald Breton, Rechtsanwalt

King’s Bench Walk

Temple, London

 

 

 

 

 

 

 

 

KAPITEL 2

 

 

Spargo blickte rasch wieder auf. „Diesen Mann kenne ich!“, sagte er.

Der Inspector war interessiert. „Sie kennen Mr. Breton?“

„Ja, ich bin Redakteur beim Watchman und habe erst neulich einen Artikel von ihm angenommen, der von empfehlenswerten Touren für Fußwanderungen handelte. Bei der Gelegenheit besuchte mich Mr. Breton in meinem Büro. Das haben Sie also in der Tasche gefunden?“

„Ja, es steckte in einer Falte, soviel ich gehört habe. Ich selbst war bei der Untersuchung nicht dabei. Es ist ja nicht viel, aber vielleicht kann es uns doch bei der Identifizierung helfen.“

Spargo nahm das kleine Papierstückchen wieder in die Hand, betrachtete es noch einmal genau und legte es dann zurück. Es schien ihm Schreibpapier zu sein, wie man es auf den Blocks von Hotels und Clubs findet. Es war von einem ganzen Bogen abgerissen worden.

„Was wollen Sie unternehmen, um die Identität des Toten festzustellen?“, fragte Spargo nachdenklich.

„Was man gewöhnlich in solchen Fällen tut“, erwiderte der Inspector achselzuckend. „Durch die Zeitungsartikel wird die Sache in der Öffentlichkeit bekannt. Sie werden ja vermutlich selbst einen Spezialbericht in Ihrer Zeitung bringen. Wir erlassen die üblichen Bekanntmachungen und dann werden sich schon Leute melden, die den Toten gekannt haben. Ich bin ganz sicher, dass wir auf diese Weise zum Ziel kommen werden.“

In diesem Augenblick betrat ein unauffällig gekleideter Mann das Zimmer, den man seinem Aussehen nach für einen Kaufmann hätte halten können. Er begrüßte den Inspector mit einem Kopfnicken, ging auf seinen Schreibtisch zu und nahm das graue Papier-Stückchen mit der Notiz an sich.

„Ich suche jetzt Mr. Breton in King’s Bench Walk auf“, sagte er in ruhigem Ton und schaute auf seine Uhr. „Es ist gerade zehn, er wird jetzt in seinem Büro sein.“

„Ich gehe auch dorthin“, sagte Spargo halb zu sich selbst.

Der andere Mann warf einen Blick auf Spargo, dann auf den Inspector.

„Das ist Mr. Spargo vom Watchman“, erklärte ihm der Beamte. „Er war dabei, als der Tote gefunden wurde. Außerdem kennt er Mr. Breton persönlich.“ Dann wandte er sich an Spargo. „Darf ich Ihnen Detective Sergeant Rathbury von Scotland Yard vorstellen? Die Aufklärung dieses Falles ist ihm übertragen worden.“

„Ach so“, entgegnete Spargo ein wenig gleichgültig. „Was wollen Sie denn bei Breton machen?“

„Ich will ihn auffordern, sich den Toten anzusehen. Vielleicht kennt er ihn. Auf jeden Fall steht seine Adresse auf diesem Zettel.“

„Dann lassen Sie uns zusammen gehen“, meinte Spargo.

Auf dem ganzen Weg blieb er sehr nachdenklieh und auch der Detective schwieg. Erst als sie die Treppe des Hauses am King’s Bench Walk hinauf stiegen, brach Spargo das Schweigen.

„Glauben Sie, dass der alte Mann ermordet, wurde, weil man ihn berauben wollte?“, fragte er und wandte sich plötzlich dem Detective zu.

„Um diese Frage beantworten zu können, müsste ich erst wissen, ob er etwas bei sich hatte“, antwortete Rathbury lächelnd.

„Ja, da haben Sie Recht. Es wäre ja möglich, dass er überhaupt nichts in seiner Tasche hatte.“

Der Detective lachte und zeigte auf eine große Tafel, auf der die Namen der Hausbewohner aufgelistet waren. „Bis jetzt wissen wir nur, dass Mr. Breton hier im vierten Stock wohnt. Daraus schließe ich, dass er seinen Beruf noch nicht lange ausübt.“

„Er ist noch sehr jung, ich schätze ihn auf etwa vierundzwanzig Jahre. Ich habe ihn allerdings erst ein paar Mal gesehen ...“

In diesem Augenblick hörten sie fröhlich lachende Stimmen.

„Hier scheint ja das Juristerei in einer sehr vergnügten Art und Weise betrieben zu werden“, meinte Rathbury. „Wie ich höre, kommt das Lachen aus Mr. Bretons Büro ... die Tür ist auch offen.“

Die äußere Eichentür des Büros stand sperrangelweit auf, die Innere war nur angelehnt. Durch den Spalt konnten Spargo und der Detective den Raum übersehen. An den Wänden standen Regale, die mit Akten gefüllt waren, darüber hingen in dunklen Rahmen Bilder berühmter Juristen. Aber im Vordergrund sahen sie eine hübsche junge Dame mit lebhaften Augen, die auf einen Stuhl gestiegen war. Sie hatte eine Perücke aufgesetzt, trug einen Rechtsanwaltstalar und schwenkte ein Aktenheft. Sie sprach, als ob sie vor dem Richter und den Geschworenen stehen würde. Mr. Breton und eine andere junge Dame, die an seiner Schulter lehnte, hörten der Rednerin belustigt zu.

„Meine Herren Geschworenen, ich unterbreite Ihnen vertrauensvoll diesen Fall. Auch Sie haben sicherlich Brüder, auch Sie sind verheiratet und Familienväter. Können Sie es da übers Herz bringen und zulassen, dass meinem Mandanten ein solches Unrecht zugefügt wird, ein solches Unrecht, das nie wieder gutzumachen ist?“

„So ist es recht, so machst du es gut“, sagte der junge Mann. „Hallo!“

Rathbury hatte an die innere Tür geklopft und seinen Kopf durch die Spalte gesteckt. Das junge Mädchen, das eben die flammende Ansprache gehalten hatte, sprang plötzlich vom Stuhl herunter, die andere machte sich aus dem Arm ihres Begleiters los und beide verschwanden in einem angrenzenden Raum. Ronald Breton trat einige Schritte vor. Er errötete ein wenig, als er den Besuch begrüßte.

„Treten Sie, bitte, näher“, sagte er schnell. „Ich ...“ Er machte eine Pause, als er Spargo sah, und streckte ihm überrascht die Hand entgegen. „Ach, Mr. Spargo! Wie geht es Ihnen? Wir ... ich ... wir haben uns hier eben einen Spaß gemacht ... in ein paar Minuten muss ich zum Gericht. Womit kann ich Ihnen dienen?“

Der Detective betrachtete den jungen Rechtsanwalt interessiert. Mr. Breton war groß und schlank und hatte ein freundliches Gesicht. Er war tadellos gekleidet, machte einen sehr vornehmen und sympathischen Eindruck und er schien zu den glücklichen jungen Leuten zu gehören, die zwar einen Beruf ergreifen, aber keineswegs davon abhängig sind.

„Ich bin mit Mr. Rathbury hierhergekommen“, erwiderte Spargo langsam. „Er wollte Sie sprechen. Detective Sergeant Rathbury von Scotland Yard.“ Spargo stellte den Beamten in geschäftsmäßigem Ton vor, aber er beobachtete Bretons Gesichtszüge sehr genau.

Der Rechtsanwalt wandte sich erstaunt an den Detective. „Ja und was wünschen Sie von mir?“

Rathbury fasste in seine Tasche und holte das kleine, graue Papier heraus, das er in seinem Notizbuch verwahrt hatte. „Ich möchte Sie etwas fragen, Mr. Breton. Heute Morgen wurde ungefähr um viertel vor drei ein älterer Herr tot in der Middle Temple Lane aufgefunden. Allem Anschein nach ist er ermordet worden. Mr. Spargo war dabei als man ihn fand.“

„Das heißt, ich bin etwas später dazugekommen“, verbesserte Spargo.

„Als man den Toten im Leichenschauhaus durchsuchte“, fuhr Rathbury in sachlichem Ton fort, „entdeckte man nichts, wodurch sich seine Identität hätte feststellen lassen. Der Mann muss wohl beraubt worden sein. Man fand nur dieses kleine, abgerissene Stückchen Papier in seiner Westentasche. Ihr Name und Ihre Adresse sind darauf vermerkt. Sehen Sie?“

Mr. Breton nahm es in die Hand und runzelte die Stirn, als er darauf schaute. „Wie seltsam! Wie sah der Mann denn aus?“

Rathbury schaute auf die Uhr. über dem Kamin. „Würden Sie bitte mit uns kommen und sich den Toten einmal ansehen? Das Leichenschauhaus liegt in der Nähe.“

„Ja ... ich ... wissen Sie, ich habe heute einen Termin.“ Breton sah ebenfalls auf die Uhr. „Die Verhandlung wird allerdings erst nach elf beginnen.“

„Dann haben wir ja genügend Zeit. Es wird höchstens zehn Minuten dauern, Hin- und Rückweg inbegriffen, und ein Blick genügt. Kennen Sie diese Handschrift?“

Breton hielt das Stückchen Papier noch immer in der Hand und betrachtete es wieder eingehend. „Nein. Ich wüsste wirklich nicht, wie dieser Mann. zu meinem Namen und zu meiner Adresse .gekommen ist. Vielleicht ist es ein Rechtsanwalt aus der Provinz, der mich geschäftlich etwas fragen wollte. Aber ...“, er sah Spargo lächelnd von der Seite an, „viertel vor drei Uhr morgens?“

„Der Arzt ist der Ansicht, dass er schon zweieinhalb Stunden tot war, als man ihn fand“, sagte Rathbury.

„Ich will den jungen Damen nur eben sagen, dass ich eine Viertelstunde weggehe“, erwiderte Breton. „Sie wollen mich nämlich zum Gericht begleiten. Es ist mein erster Fall“, fuhr er etwas verlegen fort, „keine große Sache, aber ich hatte meiner Verlobten und ihrer Schwester versprochen, sie mitzunehmen. Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick.“

Er ging in das angrenzende Zimmer und kam gleich darauf mit einem neuen Zylinder zurück. Im Gegensatz zu Spargo, der nicht viel auf sein Äußeres gab, machte Breton eine glänzende Figur. Spargo hatte vorher schon bemerkt, dass die jungen Damen ebenfalls sehr vornehm gekleidet waren und wenig in diese Umgebung passten. Sein Interesse für Breton und die beiden Mädchen erwachte plötzlich.

„Lassen Sie uns gehen“, schlug Breton vor.

Das Leichenschauhaus bot ein düsteres und trauriges Bild. Spargo schüttelte sich unwillkürlich, als er sich nach dem Gang durch den Sommermorgen dort umschaute. Auf den jungen Anwalt schien es dagegen gar keinen Eindruck zu machen. Er trat sofort an die Seite des Toten, als der Detective das schwarze Tuch lüftete, und sah ernst und fest auf die Züge des Mannes. Dann wandte er sich ab und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er entschieden, „ich kenne ihn nicht. Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen.“

Rathbury deckte das Tuch wieder über die Bahre. „Das dachte ich mir“, erwiderte er. „Nun, dann müssen wir eben den gewöhnlichen Weg einschlagen. Es wird sich schon jemand melden, der ihn identifizieren kann.“

„Sie sagten vorhin, dass er ermordet worden wäre. Ist das auch sicher?“, fragte Breton.

Rathbury zeigte auf den Toten. „Der Schädel ist eingeschlagen. Der Arzt hat .festgestellt, dass er von hinten erschlagen worden ist. Es muss ein furchtbarer Schlag gewesen sein. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Mühe, Mr. Breton.“

„Ach, nichts zu danken. Sie kennen ja meine Adresse, falls Sie mich brauchen. Ich interessiere mich jetzt natürlich auch für den Fall. Darf ich mich verabschieden? Guten Tag. Auf Wiedersehen, Mr. Spargo.“ Damit entfernte er sich eilig.

Rathbury wandte sich an Spargo. „Ich hatte nicht mehr erwartet, aber wir mussten auch diese Spur verfolgen. Sie werden sicher einen Artikel über die Sache in Ihrer Zeitung schreiben?“

Spargo nickte.

„Ich habe einen Beamten in das Hutgeschäft von Fiskie geschickt, wo die Stoffmütze gekauft wurde“, fuhr Rathbury fort. „Vielleicht bringt uns das ein Stück weiter. Wenn Sie mich um zwölf Uhr wieder hier treffen wollen, werde ich Ihnen alles sagen, was ich inzwischen erfahren habe. Jetzt muss ich etwas essen.“

„Ich werde um zwölf Uhr wieder hier sein“, antwortete Spargo.

Er schaute Rathbury nach, bis er um die nächste Straßenecke verschwand, dann ging er zur Redaktion des Watchman, schrieb eine kurze Mitteilung für den Tagredakteur und verließ das Gebäude wieder. Ohne dass er wusste, wie es kam, fand er sich in der Fleet Street und ging von da aus zum Gericht.

 

 

 

 

 

 

 

 

KAPITEL 3

 

 

Ohne bestimmtes Ziel streifte Spargo in den Gängen des großen Gebäudes umher. „Wenn ich nur wüsste, warum ich hierhergekommen bin“, dachte er. „Ich habe hier doch eigentlich gar nichts verloren.“

Als er um die nächste Ecke bog, wäre er fast mit Ronald Breton zusammengestoßen. Der junge Rechtsanwalt trug nun eine Perücke, einen Talar und hatte eine Aktenmappe unter dem Arm. Seine Begleiterinnen lachten und unterhielten sich mit ihm. Spargo sah sie nachdenklich an und fragte sich unwillkürlich, welche von den beiden wohl vorhin die pathetische Ansprache gehalten hatte. Die Ältere, die mit einer gewissen Überlegenheit an Bretons Seite ging, konnte es wohl nicht gewesen sein. Sicher war es die Jüngere mit dem lebhaften Gesichtsausdruck. Und plötzlich wurde ihm klar, dass ihn nur die stille Hoffnung hierher getrieben hatte, diese junge Dame wiederzusehen.

Spargo nahm mechanisch seinen Hut ab und grüßte. Breton blieb stehen und sah in fragend an.

„Ja ... ich ... ich bin hergekommen“, begann Spargo, „um Ihnen noch einige Fragen zu stellen. Ich erinnerte mich, dass Sie hier zu tun hatten, und folgte Ihnen. Wenn Sie etwas Zeit haben, möchte ich gern noch ein wenig über diesen Toten mit Ihnen sprechen.“

Breton nickte ihm freundlich zu. „Wenn mein Termin vorüber ist, dann habe ich Zeit für Sie. Können Sie ein wenig warten? Tun Sie mir doch den großen Gefallen und bringen Sie diese Damen auf die Galerie. Es wartet nämlich schon ein Kollege auf mich. Nachher treffen wir uns wieder hier und ich stehe Ihnen zur Verfügung. Darf ich die Herrschaften eben miteinander bekannt machen? Miss Aylmore -Miss Jessie Aylmore - Mr. Spargo von der Redaktion des Watchman. Also auf Wiedersehen.“

Im Nu war Breton verschwunden und Spargo stand allein bei den jungen Damen, die ihn anlächelten. Sie sahen schön und anziehend aus. Die eine war wohl drei oder vier Jahre älter als die andere.

„Das war etwas kühn von Ronald“, sagte die Ältere. „Mein Bräutigam hat gar nicht gefragt, ob es Ihnen passt, Mr. Spargo.“

„Oh, das macht nichts“, erwiderte der Redakteur etwas unsicher. „Ich habe im Augenblick nichts zu tun und leiste Ihnen gern Gesellschaft. Wohin darf ich Sie führen?“

„Zur Galerie von Nummer sieben“, entgegnete Jessie prompt. „Das Zimmer muss gleich hier um die Ecke liegen, ich kenne den Weg.“

Als sie Platz genommen hatten, betrachtete Spargo verstohlen die beiden jungen Frauen. Dieser Breton konnte sich glücklich schätzen, dass er eine so hübsche junge Braut und eine so liebenswürdige und schöne Schwägerin sein eigen nennen konnte. Spargo hatte sich neben Miss Jessie Aylmore niedergelassen.

„Bis der Richter kommt, können wir ruhig plaudern“, meinte er. „Tritt Mr. Breton heute tatsächlich zum ersten Mal vor Gericht auf?“

„Ja, das ist der erste Fall, den er allein führt“, erwiderte sie lächelnd. „Er ist etwas nervös. Und auch meine Schwester ist unruhig, nicht wahr, Evelyn?“

„Ach, das geht wohl jedem so. Aber Ronald ist sich seiner Sache sicher, außerdem ist es ja auch kein wichtiger Fall. Ich fürchte, Sie werden sich langweilen, Mr. Spargo. Es handelt sich nur um eine Wechselklage.“

„Ach nein, ich interessiere mich für solche Sachen. Ich höre gern Rechtsanwälte sprechen, sie verstehen es, so viele schöne Worte zu machen, wegen ... wegen ...“

„Sie meinen, um nichts“, sagte Jessie Aylmore lächelnd. „Aber machen es denn die Leute, die Artikel schreiben, nicht ebenso?“

Spargo wollte gerade zustimmen, als Miss Aylmore ihre Schwester plötzlich auf einen Herrn aufmerksam machte, der soeben den Gerichtssaal betreten hatte.

„Dort ist Mr. Elphick, Jessie.“

Spargo schaute ebenfalls in den Saal hinunter und entdeckte einen älteren, glattrasierten Herrn, der ein wenig zur Korpulenz neigte. Auch er trug Perücke und Talar und nahm in der Nähe des Staatsanwalts Platz. Er klemmte das Monokel ins rechte Auge und sah sich um. Seine Kollegen und die Gerichtsschreiber beachtete er kaum, aber den beiden Damen winkte er freundlich zu, als er sie oben bemerkte.

„Kennen Sie eigentlich Mr. Elphick?“ fragte Jessie.

„Ja, ich glaube, ich habe ihn schon öfters in der Nähe des Temple gesehen.“

„Er wohnt in den Paper Buildings“, erklärte Jessie. „Er ist Ronalds Vormund, sein Lehrer und sein Mentor. Wahrscheinlich ist er hierhergekommen, um sich zu überzeugen, ob sein Schüler seine Sache gut macht.“

„Dort ist auch Ronald“, flüsterte Miss Aylmore. „Und da kommt der Richter. Er sieht nicht gerade sehr freundlich aus. Nun geht es los, Mr. Spargo.“

Aber Spargo kümmerte sich wenig um die Verhandlung unten. Er hörte nur oberflächlich zu. Breton verstand seine Sache. Er kannte alle finanziellen Details und sprach fließend und überzeugend. Spargo interessierte sich dagegen viel mehr für seine beiden Begleiterinnen, besonders für Jessie. Er dachte sogar darüber nach, wie er diese Bekanntschaft wohl fortsetzen könnte.

Die Verhandlung war bald zu Ende. Der Richter hatte zu Ronald Bretons Gunsten entschieden. Spargo verließ mit den beiden Schwestern wieder die Galerie.

„Mr. Breton hat seine Sache ausgezeichnet gemacht. Wirklich ganz ausgezeichnet. Er hat alles so klar und bestimmt vorgetragen“, sagte er abwesend.

Im Korridor trafen sie den jungen Rechtsanwalt im Gespräch mit Mr. Elphick.

„Darf ich dir Mr. Spargo vorstellen, einen Redakteur vom Watchman‚ sagte Breton. „Mr. Elphick - Mr. Spargo. Ich erzählte Mr. Elphick gerade, dass Sie den Ermordeten kurz nach dem Auffinden gesehen haben.“

Mr. Elphick schien sich stark für den Fall zu interessieren.

„Sie haben also diesen Unglücklichen selbst gesehen, der in der Middle Temple Lane lag? Wie ich höre, war es der dritte Eingang?“

„Ja, das“ stimmt.“

„Es ist doch merkwürdig“, meinte Mr. Elphick. „Ich kenne einen Herrn, der dort wohnt. Gestern Abend habe ich ihn sogar noch besucht und bin erst gegen Mitternacht von ihm fortgegangen. Und der Tote hatte Ronald Bretons Adresse in der Tasche.“

Spargo nickte zustimmend. Er sah Breton an und schaute dann auf seine Uhr. Er hatte im Augenblick wenig Lust, sich von Mr. Elphick ausfragen zu lassen.

„Haben Sie jetzt wohl einige Minuten für mich übrig?“, wandte er sich an Breton.

„Ja, ich komme gleich mit Ihnen. Evelyn, ich lasse dich und Jessie in der Gesellschaft von Mr. Elphick zurück. Ich muss jetzt leider gehen.“

Aber der ältere Rechtsanwalt wollte noch mehr wissen. „Glauben Sie, dass ich den Toten einmal sehen kann?“

„Er liegt im Leichenschauhaus. Ich weiß nicht, wie die Vorschriften sind.“

Spargo entfernte sich mit Breton, aber erst als sie die Fleet Street überquert und in die ruhigere Gegend des Temple gekommen waren, wandte sich Spargo an seinen Begleiter.

„Ich wollte Ihnen folgendes sagen“, begann er. „Ich habe schon immer den Wunsch gehabt, einmal einen komplizierten Kriminalfall - einen Mord - in der Presse zu bearbeiten. Und ich glaube, dies ist so ein Fall. Ich möchte mich der Sache ganz und ausschließlich widmen. Und Sie können mir dabei helfen.“

„Woher wissen Sie denn, dass es ein Mord war? “

„Das habe ich im Gefühl. Und ich will der Sache auf den Grund gehen und die Wahrheit herausfinden. Es scheint mir ...“ Er machte eine Pause und sah seinen Begleiter scharf an. „Es scheint mir‚ dass die Lösung des Rätsels in diesem Stück Papier mit ihrer Adresse liegt. Es ist ein Bindeglied zwischen Ihnen und einer anderen Person.“

„Möglich. Und Sie wollen nun ausfindig machen, wer diese andere Person ist?“

„Ja, ich wollte Sie bitten, mir dabei zu helfen. Es ist sicher ein außerordentlich wichtiger und - interessanter Fall. Von den Methoden der Polizei halte ich nicht sehr viel. Übrigens bin ich gerade im Begriff, Detective Rathbury aufzusuchen. Es ist möglich, dass er etwas Neues gehört hat. Wollen Sie mich begleiten?“

Sie begaben sich zur Polizeistation und kam dort an, als Rathbury das Gebäude gerade verlassen wollte.

„Gut, dass ich Sie treffe, Mr. Spargo. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich jemanden zu dem Hutgeschäft geschickt habe. Nun habe ich gerade Nachricht bekommen. Die Reisemütze wurde in dem Geschäft erkannt, und man konnte feststellen, dass sie für einen gewissen Mr. Marbury ins Anglo-Orient-Hotel geschickt wurde. Er wohnte dort in Zimmer zwanzig.“

„Wo ist das Hotel?“, fragte Spargo.

„In der Nähe der Waterloo Station. Wahrscheinlich ein verhältnismäßig kleines Haus. Ich bin gerade auf dem Weg dorthin. Wollen Sie mitkommen?“

„Natürlich!“, antwortete Spargo.

„Wenn ich nicht im Wege bin, würde ich mich auch gern anschließen“, sagte Breton.

Rathbury lachte. „Nun gut. Wir erfahren vielleicht etwas Genaueres über den Papierstreifen mit Ihrer Adresse“, meinte er und winkte das nächste Taxi heran.

 

 

 

 

 

 

 

KAPITEL 4

 

 

Das Haus, vor dem sie hielten, sah ziemlich altmodisch aus. Es lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, hatte eine einfache, quadratische Fassade und musste wohl in den Tagen des ersten Eisenbahnverkehrs erbaut worden sein.

„Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ein Haus in einem größeren Gegensatz zu einem modernen Londoner Hotel steht“, sagte Breton, als er mit den beiden anderen zum Eingang ging.

„Und doch kehren viele Leute auf ihrem Weg von und nach Southampton hier ein“, antwortete Rathbury. „Ich weiß, dass viele ältere Reisende, die von Ostasien zurückkommen, hier verkehren. Es liegt so bequem in der Nähe des Bahnhofs und Reisende haben oft die Angewohnheit, das nächstgelegene Hotel aufzusuchen, das nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt liegt, wenn sie vorher mehrere tausend Meilen auf Dampfern und mit Eisenbahnen zurückgelegt haben.“

Sie hatten inzwischen in die Halle betreten, die sehr solide und altmodisch möbliert war. Rathbury wies mit dem Kopf zur Bar hin, wo mehrere Gentlemen standen, die ihrer äußeren Erscheinung und ihrer Sprache nach aus den Kolonien oder aus den Tropen zu kommen schienen. Sie rauchten schweren indischen Tabak.

„Ich möchte wetten, dass der Tote auch in den Kolonien gelebt hat“, sagte Mr. Rathbury. „Dort werden wir wohl den Inhaber und seine Frau finden.“