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Kira lebt mit ihrem meist nur telefonisch präsenten Ehemann Achilles auf einer Zitronenfarm am Golf von Korinth. Sie ist eine aktive, unabhängige Frau, begeisterte Bogenschützin und leidenschaftliche Familienforscherin. Als ein Poltergeist sie in ihrem Haus angreift und ihr ernsthaft Angst einjagt, bittet sie ihre Adoptivtochter Lada um Hilfe – eine junge Frau mit hellsichtigen Fähigkeiten, die zwischen den Welten vermittelt und verstorbenen Seelen ins Jenseits verhilft. Lada reist gemeinsam mit ihrem Freund Maximilian an, einem sensiblen, aber labilen Fotografen. Bei ihrer Ankunft wartet der Abt eines nahegelegenen Klosters bereits mit einer erschütternden Nachricht: Kiras Bruder Grigor, den sie seit Jahrzehnten für tot hielt, hat unerkannt als Mönch in eben diesem Kloster gelebt – und ist nun verstorben. Der Abt übergibt Kira Grigors letzten Brief sowie die Hälfte einer alten russischen Ikone. Die andere Hälfte befindet sich in Kiras Besitz. Grigors Warnung ist eindeutig: Die Ikone birgt dunkle, gefährliche Kräfte und darf nie wieder zusammengefügt werden. Kurz darauf misslingt die spirituelle Befreiung des Poltergeists – Maximilian zeigt ein zunehmend verstörendes Verhalten, und es kommt zum Zerwürfnis. Lada trennt sich von ihm, und er verschwindet spurlos. Dann geschieht ein weiterer Mord: Ein zweiter Mönch aus dem Kloster wird brutal ermordet – erneut fehlt das Herz. Die Zusammenhänge mit Grigors Tod sind unübersehbar. Kommissar Leonidas nimmt die Ermittlungen auf, und Lada bietet ihre Unterstützung an – nicht nur aus Neugier, sondern auch, weil ihr Herz beim Anblick des feschen Kommissars schneller schlägt. Auch Leonidas scheint Gefallen an der klugen, geheimnisvollen Frau zu finden, die auf einer anderen Ebene hören und sehen kann als er – langsam entwickelt sich eine leise, vorsichtige Liebe. Gleichzeitig tauchen in kurzen Einschüben die Gedanken des Mörders auf. Diese Kapitel geben dem Leser tiefere Einblicke in Herkunft, Motivation und das gefährliche alchemistische Wissen, über das Grigor in seinem Notizbuch berichtet. Der Leser erfährt dabei, wie der mörderische Plan rund um die Ikone entstanden ist – und wie weit jemand bereit ist zu gehen, um ihre Macht zu entfesseln. Währenddessen sucht Kira in alten Familienunterlagen weiter nach Spuren – und stößt auf eine faszinierende Verbindung zwischen ihrer Familie und jener ihres Mannes Achilles: Beide haben Wurzeln nach Russland, Kiras Familie stammt ursprünglich aus der Gegend von Rostow am Don und Achilles Vorfahrin aus Odessa. Dunkel ist nicht ihre Herkunft, sondern die mystische Macht, die sich durch die Ikone und das alte Wissen entfaltet. Eine wichtige Figur in der Geschichte ist auch Perikles – der verstorbene Vater von Achilles, der als gutmütiger Hausgeist durchs Anwesen wandelt. Er beobachtet das Geschehen mit Humor, greift manchmal helfend ein – und bleibt stets unberechenbar, wenn man ihn braucht. Dann, plötzlich, kehrt Maximilian zurück. Sein Verhalten ist nun gänzlich verändert – fanatisch, von dunklem Wissen besessen. In einem dramatischen Showdown fesselt er Kira und Lada ans Bett: Er will weitere Herzen – lebendig, menschlich – um die alchemistische Kraft der Ikone vollständig zu aktivieren. Doch Perikles gelingt es, durch flackernde Lampen das benachbarte Haus auf die Bedrohung aufmerksam zu machen. Die Polizei wird gerufen. Kommissar Leonidas trifft in letzter Sekunde ein. Der Täter wird gestellt, die Frauen gerettet. Der Geist des Poltergeists kann endlich erlöst werden. Lada und Leonidas finden endgültig zueinander, Kira atmet erleichtert auf – und das Haus wird wieder ein sicherer Ort.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2026
Edit Engelmann
Mord unter dem Erdbeermond
Ein Krimi aus Griechenland – zwischen alten Klostermauern, verlorenen Seelen und verborgener Magie
Engelmann, Edit : Mord unter dem Erdbeermond. Ein Krimi aus Griechenland – zwischen alten Klostermauern, verlorenen Seelen und verborgener Magie. Hamburg, edition krimi 2026
Originalausgabe
ePub-eBook: ISBN 978-3-949961-35-9
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Print-ISBN: 978-3-949961-34-2
Korrektorat: Bennet Stange, edition krimi
Umschlaggestaltung: Anna Klöhn, © edition krimi
Satz: Sarah Schwerdtfeger, © edition krimi
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© edition krimi, Hamburg 2026
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SAFIYE von Al-Noubi Bey
Kapitel 1
Kapitel 2
Zwischenstück 1
Kapitel 3
Kapitel 4
Zwischenstück 2
Kapitel 5
Zwischenstück 3
Kapitel 6
Zwischenstück 4
Kapitel 7
Zwischenstück 5
Kapitel 8
Zwischenstück 6
Kapitel 9
Zwischenstück 7
Kapitel 10
Zwischenstück 8
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Zwischenstück 9
Kapitel 16
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SAFIYE von Al-Noubi Bey
Eine Übersetzung aus dem Arabischen
Vor dreihundert Jahren, oder vielleicht war es sogar noch ein wenig früher, lebte in dem großen Steinhaus an den Ufern der Morea ein türkischer Kalemiye, ein Steuereintreiber. Eines Tages erschien bei ihm ein Mülkiye, ein Abgesandter seines Herrschers, des Paschas.
Vor seinem Haus hielt er seinen edlen Hengst an, der schon in die Jahre gekommen war, stieg schwungvoll aus dem Sattel und klopfte an die schwere schwarze Holztür, die sogleich von einer hübschen Dienerin geöffnet wurde. Sie bat ihn hinein und führte ihn in das schmucklose, etwas düstere Besucherzimmer.
„Wie schön“, begrüßte ihn der Kalemiye überschwänglich, als er kurz darauf das Zimmer betrat. „Ich freue mich, dass ich Besuch erhalte. Ich hoffe, dem höchstwürdigen Pascha und seiner Familie geht es gut.“ Ohne eine Antwort abzuwarten klatschte er in die Hände zum Zeichen, dass ihnen jetzt die Erfrischung gebracht werden konnte.
Beide ließen sich auf den schweren runden Kissen nieder, die in bunten Farben den Boden bedeckten. Mahmud, sein bevorzugter Diener, rückte das Beistelltischchen zurecht, und kurz darauf kam schon die alte Magd mit einem messingfarbenen Tablett herein, auf dem zwei Gläser Tee standen und zwei kleine Schalen mit süßem Gebäck.
Während sie sich an den Köstlichkeiten labten, fragte der Kalemiye nach den Neuigkeiten aus der Hauptstadt, nach dem Wohlbefinden der Ehrenwerten und ließ sich über die neuesten politischen Vorgänge unterrichten.
Seit kurzem kursierte das Gerücht, dass Katharina, die Zarin aller Russen, den Griechen zur Hilfe eilen wollte und eine Flotte aufstellte, die unter Führung des Grafen Orlow nach Griechenland kommen sollte, um die orthodoxen Glaubensbrüder vom Joch der Türken zu befreien. Natürlich, darin waren sich beide einig, ging es dabei weniger um die Griechen, als vielmehr darum, dass die Zarin, die sich seit kurzem im Krieg mit dem Osmanischen Reich befand, mit dieser Aktion die Pforte, den Sultanssitz, in Konstantinopel schwächen wollte. Die beiden Männer lachten. Als ob die Finten einer Frau dem Sultan des Reiches schaden könnten. So mächtig Katharina in Russland auch sein mochte. Sie war eine Frau. Was zählte das schon?
„Trotzdem“, so schloss der Mülkiye, bevor er sich erhob zum Zeichen, dass er die Unterredung für beendet ansah. „trotzdem fordert dich der Pascha auf, in der kommenden Woche an den Hof zu kommen. Er will mit dir darüber sprechen, wie und wo du noch Steuern erheben kannst. Wir brauchen mehr Geld, um Truppen zusammenzustellen und zu bewaffnen, die einen drohenden Aufstand hier bei uns niederschlagen können. Die Abgesandten Katharinas haben bereits ihre ersten Verbündeten aufgesucht. Wir können also davon ausgehen, dass sie in Bälde hier sein werden.“
Nach einigen Vorbereitungen machte sich der Kalemiye nur wenige Tage später auf den Weg zum Palast des Paschas. Der Aufstieg zu Fuß nur mit einem Esel war steil, steinig und beschwerlich, und er war beinahe vier Tage unterwegs, als er am Tor des Palastes klopfte und um Einlass bat. Die Wachen führten ihn hinein in einen Raum, in dem ihm Erfrischungen gereicht wurden.
Der Tee wurde von einer wunderschönen Sklavin gebracht. Braune Glutaugen unter schwarzen Locken, ein entzückender roter Mund schimmerte unter einem dünnen Schleiertuch hindurch und sie bewegte sich anmutig und leichtfüßig wie ein Reh. Der Kalemiye nahm das Teeglas mit einem Kopfnicken vom Tablett und sah ihr dabei neugierig ins Gesicht. Sittsam schlug sie die Augen nieder, verbeugte sich und wollte wieder gehen.
„Wie ist dein Name?“, fragte der Kalemiye.
„Safiye“, erwiderte sie leise und ihre Stimme klang nach Milch und Honig.
Nachdem er sich erfrischt hatte, wurde er vom Mülkiye abgeholt und zum Pascha gebracht, der mit dem Kalemiye in den nun folgenden Stunden die Steuereinnahme-Listen durchging und die Ausgaben errechnete. Am Ende der Besprechung erhielt er den Auftrag des Paschas, wie viel Steuereinnahmen er in der kommenden Zeit einzutreiben hatte. Zudem sollte der Hauptmann der Armee in den nächsten Wochen bei ihm Quartier nehmen, um entlang der Küste mögliche Lager für Truppen zu inspizieren und weitere Soldaten zu rekrutieren.
Zwei Wochen später trafen der Hauptmann, zwei Wachen, ein Adjutant und eine Magd beim Kalemiye ein und bezogen ihre Zimmer. Es wurde eng in dem kleinen Haus, zumal der Hauptmann den größten Raum noch als sein Arbeitszimmer herrichtete. Die beiden Mägde arbeiteten ab jetzt gemeinsam in der Küche des Kalemiye. Zu seiner Freunde war es Safiye, die mitgekommen war und jetzt leise und freundlich ihre Dienste verrichtete.
Immer öfter zog es den Kalemiye in die Nähe Safiyes. Vorsichtig begann er die ersten Gespräche mit ihr und erfuhr auf diese Weise, dass sie als Kind geraubt und am Hof des Paschas aufgewachsen war. Der Kalemiye, bis jetzt noch unverheiratet, hatte die Blüte seiner Jahre schon lange überschritten und war bisher kinderlos, er wollte nur zu gern eine Frau an seiner Seite. Nein, er wollte diese Frau. So schrieb er dem Pascha einen Brief und bat ihn darin um die Freilassung der Sklavin und die Erlaubnis zur Hochzeit mit Safiye.
Die Orlow-Revolte fand statt, als Safiye schon fest an der Seite ihres Mannes lebte. Der Aufstand dauerte nicht lange. Zwar waren einige Soldaten in ihrer Gegend gelandet und hatten sich einigen Aufständischen angeschlossen. Aber die Streitmacht, die die Russen aufgeboten hatten, war nur klein. Auf der Morea waren sie sogar zunächst recht erfolgreich, nahmen die Städte Patras, Messolongi und Navarino ein. Als sie jedoch nach Tripolitza vorrückten, erlebten sie eine herbe Niederlage durch die rekrutierten Albaner. Der Pascha und seine Truppen schlugen heftig zurück. Viele Geistliche wurden brutal hingemetzelt, einige von ihnen sogar gepfählt und zur Abschreckung an den Straßenrändern aufgestellt. Alles in allem war die Unterstützung, auf die die Griechen so sehr gehofft hatten, nicht stark. Die Revolte war schnell beendet, die Russen zogen sich auf ihre Schiffe und in ihr Heimatland zurück, und die Griechen waren nach dem Aufstand mehr und stärkeren Repressalien ausgesetzt als vorher.
So waren ein paar Jahre ins Land gegangen, die Soldaten des Paschas hatten schon lange das Haus verlassen, und der Kalemiye ging wieder seiner gewohnten Arbeit nach, als eines Tages ein versprengter russischer Soldat auftauchte. Er hatte den Anschluss an seine Truppe verpasst, und als er den Hafen von Patras erreichte, war die Flotte bereits abgesegelt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich bei den Türken zu verdingen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und irgendwann ein Schiff zu finden, das ihn mit zurück nach Odessa nahm. Die Chancen dafür standen gut, wenn er es erst einmal bis Konstantinopel schaffte. So dachte er, aber die Türken hatten wenig Interesse daran, einem Feind zu helfen, und die ersten paar Jahre musste er sich gar verstecken, damit er nicht nachträglich noch als Kriegsgegner in Gefangenschaft geriet. So landete er beim Kalemiye, wo er als Knecht in Haus und Garten arbeitete.
Zu der Zeit, als der Russe zu ihnen ins Haus kam, um seine Arbeit aufzunehmen, führte Safiye als Frau des Kalemiye ein sittsames und reines Leben. Sie war ihm eine gute Ehefrau, erfüllte seine Wünsche, führte ihm das Haus und erzog inzwischen zwei kleine Söhne. Der Russe schlief im Garten in einer der hölzernen Scheunen, in denen sie Stroh und Vorräte für den Winter unterbrachten und wo auch die Ziegen standen, für die er verantwortlich sein sollte.
Vladimir verliebte sich in die junge Frau, als er sie zum ersten Mal sah. Sie geisterte durch seine Träume, beschäftigte seine Gedanken und so oft er konnte, versuchte er, einen Blick auf sie zu erhaschen. Sobald er einen Grund finden konnte, tauchte er in der Nähe des Hauses auf. Und er hielt immer etwas bereit, um zu ihr eilen zu können, sobald sie selbst das Haus verließ. Sie lächelte, wenn er ihr eine Rose gab oder etwas Obst, was er für sie gepflückt hatte und es wortlos mit einer kleinen Verbeugung überreichte. Safiye bedankte sich jedes Mal in ihrer anmutigen Art, wobei sie den Kopf leicht in seine Richtung neigte. Aber sie sagte nie etwas.
Eines Tages jedoch, als der Kalemiye auf Reisen war und dazu seine beiden Wachen mitgenommen hatte, traute er sich, sie anzusprechen. Es begann langsam und ehrfürchtig. Er wünschte ihr einen guten Tag, fragte nach ihrem Wohlergeben, brachte ihr Blumen zum Haus. Safiye freute sich über seine Aufmerksamkeiten und lächelte ihm immer mehr zu, kam auch öfter in den Garten. Es war, als ob sie seine Nähe suchte. Bei der längeren Abwesenheit des Kalemiye hatte sich auch das übrige Personal an ein etwas freieres Leben gewöhnt. Man ging öfter aus dem Haus und vergnügte sich lachend mit Speis und Trank im Garten. Safiye empfing Gäste wie ehedem der Kalemiye selbst, und auch Vladimir saß des Öfteren in der fröhlichen Runde.
Dann kam es, wie es fast unvermeidlich schien, zu einem ersten Kuss. Safiye selbst war des Abends hinausgegangen, um die Kühle nach diesem sommerlich heißen Tag zu genießen. Sie war allein, denn alle anderen schienen noch zu arbeiten oder hatten sich bereits zurückgezogen. Vladimir näherte sich seiner Angebeteten, und sie nahmen gemeinsam auf einer der steinernen Mauern Platz und sahen hinauf zum Erdbeermond, der hell am Firmament hinter dem Haus leuchtete. Scheu näherte sich Vladimir der schönen Frau und ebenso scheu lehnte sie sich an ihn, bis ihre Lippen sich zum ersten Mal berührten.
Immer wieder trafen sie sich zu nächtlichen Stelldicheins und ihre Herzen verbanden sich. Ihre Freundschaft wandelte sich in Liebe, und Vladimir verschwendete keinen Gedanken mehr daran, dass er nach Hause zurückwollte. Was für ihn einzig noch zählte, war seine Liebe zu Safiye. Und so schenkte er ihr eines Tages den einzigen Besitz, den er noch hatte: einen goldenen Ohrring. Die beiden Liebenden genossen ihre Gefühle zueinander und waren sich von Herzen zugetan.
Es dauerte Wochen bis der Kalemiye von seiner Reise zurückkam. Die Trennung von seiner liebsten Safiye war ihm über die langen Wochen nicht leichtgefallen, und so spürte er schnell, dass sie sich ihm entzog. Geschickt befragte er einen treuen Diener und folgte eines Nachts seiner Schönen in den Garten, als sie ihn schlafend glaubte. Was er dort durch die Blätter eines dichten Busches zu sehen und hören bekam, ließ ihm den Atem gefrieren. Seine Erstarrung wich der Wut.
Rachegelüste. Sie schwelten in seiner Brust, und er überlegte, wie er an ihnen vergelten konnte, was sie ihm angetan hatten. Allein Safiye zu bestrafen oder den untreuen Soldaten war ihm nicht genug. Er wollte, dass beide so litten, wie er selbst sich verraten fühlte. Eines Abends sandte er eine Nachricht an den Russen und bat ihn, in der Nacht zu ihm zu kommen. Er träufelte etwas von Safiyes Rosenparfüm auf das Schriftstück und schickte das Küchenmädchen, um es dem Empfänger zu übergeben.
So schlich sich Vladimir ins Haus. Es wunderte ihn nicht, dass seine geliebte Safiye ihn nun nicht mehr im Garten aufsuchen konnte, seit der Kalemiye zurück war. Umso mehr freute er sich dieses Schriftstücks. Obgleich es ihm gefährlich schien, selbst ins Haus zu gehen, vertraute er doch darauf, dass die Geliebte wusste, was sie tat und ihn erwartete.
Mit leisen Schritten schlich er in das Zimmer, das sie ihm beschrieben hatte. Im fahlen Mondlicht sah er sie in ihrem langen, weißen Kleid auf dem Divan liegen. Er hörte ihren leisen Atem und mit wild schlagendem Herzen sah er, wie sie ihre rechte Hand huldvoll hob und ihn zu sich winkte.
Er beugte sich über sie, um die Teure seines Herzens mit einem Kuss zu begrüßen, als er etwas in seiner Brust fühlte. Ein brennender Schmerz breitete sich in seinem Herzen aus, und als er an sich heruntersah, tropfte rotes Blut auf das weiße Kleid der Angebeteten. Tropfen für Tropfen fiel, tränkte den weißen Stoff und breitete sich aus wie ein Strom. Dann fühlte er eine Schwäche in den Beinen, fühlte wie Safiyes Arm nach oben schnellte und ihn von sich stieß. Den Aufprall seines schweren Körpers auf den Marmorboden fühlte er nicht mehr.
Nach diesem Tag hörte man nichts mehr von Vladimir, und auch Safiye bekam niemand mehr zu Gesicht. Man munkelte, dass sie in schwarzen Kleidern ihr Leben in der Scheune verbrachte, wo der Kalemiye ihr ein Zimmer eingerichtet hatte. Sie schlief auf Stroh, an derselben Stelle, wo auch der Russe sein Bettgestell gehabt hatte …
Aigion, 18.05. 1911 – Olga Kalliropoulou
Kapitel 1
Die Anzeigetafel in der Ankunftshalle des Athener Flughafens bestätigte den Flug aus Frankfurt als gelandet. Freudig aufgeregt stand ich in der Ankunftshalle und behielt die Schiebetür im Auge. Nicht, dass ich Lada nicht sowieso jederzeit begeistert begrüßen würde. Aber diesmal kam sie zu meiner Freude und Erleichterung in ihrer inoffiziellen Funktion als Geisterjägerin – oder besser Seelenbegleiterin. Sie hasst es, wenn ich „Ghostbuster“ zu ihr sage.
Seit einigen Jahren bemerkten wir schon, dass wir uns nicht mehr so wohl fühlten in unserem wunderschönen Landhaus. So als wären wir manchmal nicht allein. Ein Knacken hier, ein seltsames Geschehen dort. Anfangs taten wir das ganze damit ab, dass ein so altes Haus eben arbeitet und sich die Materialien verändern. Dann aber verschwanden Dinge und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Türen standen offen, von denen wir sicher waren, sie geschlossen zu haben.
Es war ein geschichtsträchtiges Haus, irgendwann in den Anfängen des 18. Jahrhunderts oder noch früher gebaut. Bekannt war lediglich, dass einer der Vorfahren meines Mannes das Haus Ende des 18. Jahrhunderts käuflich erworben hatte – direkt aus Feindeshand von einem osmanischen Besatzer. Seitdem fungierte es als der Stammsitz des Familienclans. Hier wurde geboren, geheiratet, gelebt und gestorben. Die Geschichte der Familie war in der hauseigenen Familienchronik festgehalten und es oblag jeweils dem Clanchef, die Einträge vorzunehmen. Im Moment war das mein Mann, der es sich seit kurzem zum Hobby erkoren hatte, die alten Briefe der Ur-Ur-Großeltern zu sichten, mit historischen Ereignissen in Kontext zu setzen und die Familienchronik mit Einzelheiten zu komplettieren. Eine wahre Sisyphosaufgabe, die auch meine Hilfe mit einschloss. So zogen wir also mit den Vorfahren in die Schlachten, betrauerten den Tod der Helden und begrüßten neue Familienmitglieder, die auch schon längst in Gräbern zu Staub zerfallen sind.
Da war sie! Lada. Lachend und winkend trat sie durch die Schiebetür in die Ankunftshalle, wie immer lediglich einen Rucksack dabei. Für die Zahnbürste und das kleine Schwarze, wie sie immer sagt. Mehr brauchte sie zum Reisen nicht.
Schon seit zwanzig Jahren war sie der Fels an meiner Seite und noch immer war ich von ihrer Ausstrahlung genauso beeindruckt wie beim ersten Mal. Eine ungewöhnliche Frau, die wie ein Tornado in wehenden Einzelteilen aus dem Zollbereich des Flughafens gestürmt kam. Der Endvierzigerin hätte man ihrem Aussehen nach glatte zehn Jahre weniger gegeben. Ein ausdrucksstarkes, fröhliches Gesicht, aus dessen dunkelbraunen Augen der Schalk blitzt. Die etwas zu breit geratene Nase ringelte sich vergnügt. An ihrem linken Flügel prangte ein silberner Stecker, die Mondin, wie sie es nannte. Eine hohe Stirn und ein energisches Kinn sprachen für Intelligenz gepaart mit einer guten Portion Durchsetzungsvermögen. Die großen Augen und der breit lachende Mund überstrahlten das ganze Gesicht. Mit diesem Gesicht hätte sie indianische Vorfahren haben können, was allerdings in diesem Leben nicht der Fall war. Eine unglaubliche kastanienbraune, hüftlange Mähne umwehte diesen Wirbelwind von Frau, die passend zu ihrer Erscheinung eine knüppelbunte Ethnohose trug mit schwarzer Zipfelweste über einem dunkelroten T-Shirt. Das Ganze war mit einem mindestens ebenso bunten Schal garniert. Dazu kombiniert ein paar elegante schwarze Pumps und ausgesprochen ungewöhnliche Ohrringe, die sicherlich von irgendeinem eingeborenen Künstler handgefertigt waren. Ein Paradiesvogel. Ein Hippie in Stöckelschuhen!
Wie immer war die Begrüßung herzlich und überschwänglich. Wir fielen uns in die Arme. Wie lange war es her gewesen? Doch beinahe zwei Jahre, seit wir uns zuletzt auf meiner Hochzeit gesehen hatten.
Ihren derzeitigen Lebensabschnittsgefährten lernte ich nun zum ersten Mal kennen. Trotzdem zog er mich herzhaft in die Arme und drückte mir die obligatorischen Begüßungsküsschen auf die Wange. Er hatte diese Augenbrauen, die mich ein klein wenig irritierten. Am höchsten Punkt ihrer Biegung warfen sie ein paar längere Härchen aus, die wie zwei kleine Halbmonde herausragten und ihm, wüsste man es nicht bei näherem Kennenlernen besser, ein klein wenig teuflisches Aussehens gab. Auch seine Ohren wirkten leicht spitz, was den Eindruck noch verstärkte. Im Gegensatz zu dem Spitzohr-Weltraumwissenschaftler der TV-Serie hatte er allerdings ein lachendes Mondgesicht. Mit seiner rasierten Glatze stand ein kleiner König von Siam in Jeans und T-Shirt vor mir. Ich grinste – auch ihr vorheriger Freund war kleiner als Lada selbst gewesen. „Man hat sie besser im Griff, wenn sie kleiner sind“, hatte sie mir damals grinsend erklärt.
„Das ist Maximilian“, stellte sie ihn vor. Er schien mir sympathisch, wenngleich ich seine hellblauen Wasseraugen im Gegensatz zu seiner Begrüßung recht kühl fand. Im selben Moment rief ich mich zur Ordnung. Immer gleich alles in Schubladen packen, Kira. Das ist nicht schön. Sei doch einfach mal offen. Er scheint nett und passt zu ihr auf den ersten Blick. Ich erwiderte die Küsschen mit ehrlicher Freude.
„Ah – warme Luft und schönes Wetter“, Lada atmete ein paar Mal kräftig ein und aus, als wir aus dem Flughafengebäude Richtung Parkplatz strebten. „Du glaubt gar nicht, wie ich das im kalten Norden vermisst habe. Wenn wir jetzt im Auto sind, habe ich endlich Gelegenheit, mir die Gegend einmal anzusehen. Beim letzten Mal habe ich Hin- und Rückreise im Dunkeln gemacht. – Wie lange fahren wir? Zwei Stunden?“
Schwungvoll warf sie ihren Rucksack neben Maximilians‘ Reisetasche in den geöffneten Kofferraum.
„Du sitzt hinten, Strolch“, wies sie ihren Gefährten an, der eigentlich Maximilian hieß. Lada selbst hieß früher Ilse. Den Namen Lada hat sie von mir erhalten – damals als sie mich in Reiki einweihte und nächtelang mit mir über das Leben nach dem Tod philosophierte. Ilse fand ich viel zu gewöhnlich für eine Frau, die in vergangenen Leben wühlt, Seelen ins Licht begleitet und sich mit Poltergeistern auseinandersetzt. Schnell hatte ich ihr scherzeshalber den Namen Lada verpasst, die russische Entsprechung der griechischen Persephone, die halb im Jenseits, halb im Diesseits lebt. Zudem gilt sie in der slawischen Mythologie als Göttin der Liebe, des Frühlings und der Harmonie. Inzwischen war der Name offiziell, denn vor etlichen Jahren hatte ich mich entschlossen, aus der deutschen Ilse Facht die Gräfin Lada Orlow-Trachenkaya zu machen, indem ich sie adoptierte. Ungewöhnlich? – Vielleicht. Aber bei Lada konnte ich mir sicher sein, dass sie die Stiftung meines verstorbenen ersten Mannes Feodor auch in seinem Sinne für humane und soziale Projekte verwaltete. Er hätte sie sicher gemocht, hätte er sie noch kennengelernt. Unsere Ehe war ja leider kinderlos geblieben, so dass ich in Lada endlich die Tochter gefunden hatte, die mein Leben bereicherte und die wir uns beide so sehr gewünscht hatten. Und eine Enkeltochter hatte sie mir auch gleich mitgebracht. Fee lebte in Wien, war Anfang zwanzig, arbeitete als Innenarchitektin, unverheiratet, und besuchte mich ebenfalls regelmäßig.
Ich selbst, Kira, verwitwete Orlow-Trachenkaya und seit zwei Jahren neu verheiratet mit dem griechischen Zitronenfarmer Achilles Kalliropoulos, brauchte die Hinterlassenschaft Feodors nicht, wollte mich auch nicht mehr damit beschäftigen. An Achilles‘ Seite hatte ich noch einmal alles gefunden, was ich gesucht hatte. Liebe, einen sonnigen und warmen Platz zum Leben, einen großzügigen Mann und Zeit, endlich das zu tun, was ich gern tun wollte. Und zwar ohne mich um Stiftungen, Firmen, Gelder und sonstiges kümmern zu müssen, was mir all die Jahre vorher mehr als eine Vierzig-Stunden Woche beschert hatte. Jetzt verbrachte ich meine Tage mit historischen Forschungen und meinem Garten, für den ich auch Figuren aus Ytong-Steinen feilte, Steine bemalte, meinen Bogenschiessplatz aufgebaut hatte und der gute Achilles sich um meine Gesundheit sorgte, seit ich von einer größeren Holzwand zum Axtwerfen gesprochen hatte.
„Wo sind wir hier, Kira?“, unterbrach Lada meinen Gedankenfluss. „Schön ist es. Aber erzähl uns doch auch was über all das, was es zu sehen gibt.“
Aus meinen Gedanken gerissen nahm ich erst jetzt richtig wahr, dass wir auf der Strecke vom Athener Flughafen zum Peloponnes bereits ein gutes Stück geschafft hatten. Links der Autobahn fiel der Felsen steil hinab zum Saronischen Golf, wo 480 vor Christus der Grieche Themistokles in der Seeschlacht von Salamis den Perserkönig Xerxes besiegte. In der Ferne schimmerten bläulich violett die bergigen Hügel der Insel Salamina in der mittäglichen Sonne. Das Meer leuchtete dunkelblau zu uns herauf und vermittelte den Gästen eine erste Vorfreude auf Strand und Schwimmen. Rechts erhoben sich Felshänge beinahe drohend in ihrer Bröckeligkeit bis hinauf zu den trockenen Hängen, wo der einäugige Polyphem Odysseus in einer Höhle gefangen hielt. Die Nymphe Salamis, die der Insel den Namen gab und das Ungeheuer aus der Odyssee sollen übrigens der Sage nach etwas miteinander gehabt haben, woraus Kychreus entstand, der wiederum Vorfahr des Ajax war, des Helden aus dem Trojanischen Krieg, der die salamische Flotte nach Kleinasien geführt hatte. Jeder noch so kleine Fleck in Griechenland hat etwas zu erzählen.
„Nicht so viel Geschichte, bitte“, ließ sich Strolch Maximilian von der Rückbank vernehmen. „Meine Schulzeit ist schon mindestens dreißig Jahre her. Da kommt man sich so ungebildet vor. – Schaut euch lieber mal die Umgebung an“.
Er hatte seine Kamera gezückt und schoss begeistert aus dem heruntergelassenen Rückfenster nach allen Seiten. Im Juni ist die Landschaft aber auch besonders schön, wenn rosa und weißer Oleander die Schnellstraße bis fast nach Patras säumen, die leicht duftenden Reste der Orangenblüte gerade noch in der Luft liegen, die Sonne sich im türkisblau blitzenden Meer spiegelt und die umliegenden Berghänge noch grünlich schimmern, bevor sie das vertrocknete Braun des Sommers annehmen.
„Füße hoch“, kommandierte ich kurz darauf und wiederholte damit den alten Kalauer zwischen Achilles und mir. „Sonst werden sie nass. Wir überqueren jetzt den Isthmus.“
An dieser Stelle bildet der Isthmus die einzige Landverbindung zwischen der Halbinsel Peloponnes und dem übrigen griechischen Festland. Im Altertum wurden hier die Schiffe vom Saronischen Golf auf die andere Seite zum Golf von Korinth über Land gezogen. Es war über Jahrtausende eine beliebte Reiseroute. Nur zog man später die Passagierschiffe anders als die Kriegsschiffe nicht mehr über Land, sondern ging auf der einen Seite von Bord und überquerte die Landenge mit Esel oder Kutsche, um auf der anderen Seite mit dem nächsten Schiff weiterzufahren.
„Jetzt“, rief ich und Lada hob brav ihre Füße an. Tief unter uns, eingeschnitten in die Felswände floss der Ende des 19. Jahrhunderts von Hand gegrabene Kanal unter der Schnellstraße hindurch. Noch keine sieben Kilometer lang hat er sich doch zu einer beliebten Schifffahrtsstrecke entwickelt, und unter uns sahen wir gerade einen Dampfer hindurch passieren. Scherzeshalber hatte auch ich den Fuß vom Gas genommen und das Auto rollte gemütlich über die Brücke auf die vierfingrige größte Insel Griechenlands.
„Ah, wunderbar“, flötete Lada, reckte sich genießerisch und fuhr in der ihr typischen Geste mit allen zehn Fingern von hinten nach vorne durch ihre Mähne. „Ich liebe einen Kurzurlaub in der Sonne, selbst wenn ich dabei arbeiten muss.“
„In Deutschland kommt mal wieder runter, was runterkommen kann“, warf Maximilian von hinten ein. „Ein einziger Dauerregen. Die Sonne haben wir dieses Jahr bis jetzt nur auf Postkarten gesehen.“
Dann wandte er sich wieder seinem Fotoapparat und der Gegend zu, die für ein kurzes Stück zu beiden Seiten nur Landschaft, Zitronenbäume, Olivenbäume, vereinzelte Häuser und Felsen zeigte, bevor in Kürze der Golf von Korinth rechts in Sicht kommen würde.
„Sag mal, läuft alles gut mit dir und Achilles?“, schnitt Lada plötzlich ein gänzlich anderes Thema an. „Ich meine, hat er etwas mitbekommen von dem Spuk?“
Ich schaute sie kurz von der Seite an. Wollten wir nicht warten, bis wir angekommen waren? Lada deutete meinen Blick richtig.
„Du sollst mir jetzt auch nicht erzählen, was genau in der Nacht passierte. Das machen wir später. Im Moment interessiert mich nicht dein Geisterleben, sondern ob dein Mann es weiß und wie er darauf reagiert hat.“
„Achilles. Ach weißt Du. Er ist einfach ein Schatz“, ich konnte nicht anders als meine bessere Hälfte loben. „So schnell erschüttert ihn nichts. Ich habe dir ja schon am Telefon erzählt, wie ich an dem Morgen danach holterdiepolter ins Auto gesprungen bin, um mich in Athen im Stadthaus zu verstecken.“
Die Erinnerung an den Tag überkam mich, als wäre es heute gewesen. Wie ich die Beine in die Hand genommen hatte. Geschockt, traumatisiert, völlig kirre hatte ich mir und jedem, der es hören wollte oder nicht, geschworen, dass ich nie wieder in dieses Farmhaus ginge. Ich gehöre zu den Menschen, die daran glauben, dass Verstorbene auch ohne menschlichen Körper noch ein Dasein haben. Auch dass es frühere Leben gibt und damit logischerweise an Reinkarnationen. An Karma und daran, dass wir, wenn wir in unserem Leben viel Mist gebaut haben, das in späteren Leben auch wieder aufräumen müssen, bevor wir irgendwann ins ewige Nirwana eingehen können. Was aber hatte dieser „Traum“ – oder besser gesagt der nächtliche Überfall aus der Geisterwelt – zu bedeuten? Es war schauderhaft gewesen. Noch tagelang hatte ich mit schlotternden Knien in der Stadtwohnung gesessen, um mich vom Schrecken zu erholen. Der arme Achilles hat sich die größten Vorwürfe gemacht, nicht bei mir gewesen zu sein. Aber die Geschäftsreise ließ sich nun einmal nicht so einfach unterbrechen. Aber er glaubte mir alles, was ich ihm erzählte. Er war wundervoll. Er erklärte mich nicht gleich für verrückt, sondern hörte sich geduldig all das an, was jemand anders Schnick-Schnack, Hokuspokus und Versponnenheit genannt hätte.
Nachdem ich etwas ruhiger geworden war, hatte ich erst einmal Lada angerufen. Sie meinte, da Haus und Hof schon so lange bestünden, wäre ich wohl in einen alten Zeitstrom hineingeraten, der aber nicht unbedingt mit mir zu tun haben müsse. Wahrscheinlich sogar eher nicht. Ich sei sowieso sehr sensibel für die Aufnahme von derlei Energien und solle mir also erst einmal mal keine Sorgen machen. Sie würde aber trotzdem so schnell wie möglich kommen und sich das Ganze einmal ansehen. – Schon in wenigen Wochen könne sie Urlaub machen.
Aber Ladas Besuch hatte sich natürlich monatelang verschoben wegen allerlei Stiftungsarbeiten – und ich? Ich konnte noch stets das Haus am Strand, die Farm, nur bei Tageslicht genießen. Sobald die Nacht Einzug hielt – davon war ich überzeugt – fanden bei uns im Haus Geistertreffen statt. Immer zwischen zwei und vier Uhr morgens. Die Hunde bellten jede Nacht um diese Zeit und turnten wie verrückt ums Haus, so dass ich irgendwann auch auf Dringen der schlafbeeinträchtigten Nachbarn die Hundeschar nachts im hinteren Teil der Farm an die Leine legte. Sie bellten zwar immer noch, aber man hörte es nicht mehr so laut. Und ich? Na, ich schlief immer ganz, ganz dicht an meinen Mann gedrängt, und er wickelte mich fest in seine beiden Arme ein, damit ich mich auch wirklich sicher fühlte. Am nächsten Morgen war dann alles wieder gut. Ich fühlte mich nicht mehr wie ich selbst. Zwischendurch dachte ich sogar von mir selbst: Das muss an mir liegen. Ich werde langsam verrückt.
„Du sagtest mir am Telefon, dein Mann hätte einen Priester holen lassen?“ fragte Lada, die meiner Erzählung bis jetzt kommentarlos gelauscht hatte. „War es danach nicht besser?“
Ich nickte. Ja, hatte er. Der war auch gekommen, um gegen eine Gebühr eine kirchliche Geistervertreibung abgehalten. Mit in Weihwasser getauchten Zypressen-Wedeln war er in seinen fliegenden schwarzen Gewändern durchs Haus geflattert, hatte seine Formeln und Gebete gemurmelt sowie das Haus und uns Wenigkeiten gesegnet.
„Er hat getan, was er konnte, Lada“, antwortete ich. „Wirklich, er hat sich ehrlich bemüht. Aber es hat nicht länger als zwei Wochen gedauert. Dann war das Ding wieder da, und ich hatte denselben nächtlichen Zinnober wie vorher.“
„Das kommt, weil die Priester die hängengebliebenen Seelen nur vertreiben. Sie helfen ihnen nicht, in Jenseits zu gelangen, sondern jagen sie nur davon. Und dann dauert es natürlich nicht lange, bis sie zurückkommen. – Aber jetzt bin ich ja da!“, stellte Lada fest und fügte grinsend hinzu: „Da muss halt mal eine Fachfrau ran.“
„Mädels, ich lasse mich zwar von euch auf den Rücksitz verbannen“, unterbrach der Strolch, „aber ich habe trotzdem alles im Auge. Und ich werde es nicht zulassen, dass hier im Auto in meiner Anwesenheit über Männer hergezogen wird, schon gar nicht, wenn es Priester sind.“
Lada grinste, warf eine Kusshand nach hinten und meinte zu mir gewandt: „Ist er nicht putzig?“
Kapitel 2
In diesem Moment bogen wir in die Auffahrt zur Farm ein. Das doppelflügelige rostig-grüne Eingangsportal am Ende der Farm hatte ich gerade halb öffnen können, als auf dem gegenüberliegenden Balkon meine Nachbarin Maria erschien – wie üblich am frühen Nachmittag in einem weiß geblümten Nachthemd, in dem sie gerne ihre heiß geliebte Siesta verbrachte. Mit kurzen Worten informierte sie mich darüber, dass ein Besucher auf mich wartete. Er sei derweil zu dem alten, halbtauben Priester gegangen, der in der Nachbarschaft sein Altenteil, aber keineswegs Ruheteil, genoss und durchaus den gegenwärtigen Seelenhirten der nahegelegenen St. Andreas-Kirche meinte auf die „richtige“ Liturgie hinweisen zu müssen. Dabei hielt sich dieser genauso streng an die jahrhundertealten orthodoxen Riten wie sein Vorgänger und lächelte insgeheim über den eifrigen Ruheständler.
Ich nickte, bedankte mich und fuhr den Wagen die Auffahrt hinauf. Der Weg mit den holprigen Pflastersteinen schüttelte uns kräftig durch. Zwei kleine Biegungen unter Zitronenbäumen hindurch. Dann sahen wir das Haus zwischen zwei hohen grünen Ligusterhecken auftauchen.
„Packt Ihr schon mal Eure Koffer aus und bringt sie ins Wohnzimmer. Du weißt ja, wo das ist, Lada“, wies ich die beiden an, stieg aus und ging zum Haus hinüber.
Ich öffnete die Haustür und ließ sie offenstehen, bevor ich mich entschuldigte, um kurz zum Nachbarn hinüberzuhuschen.
Er musste mich wohl gesehen haben, denn die alte Holztür mit den Ornamentscheiben wurde schon geöffnet, bevor ich klingeln konnte. Heraus trat Bartholomaios, der Abt des Klosters Aghia Barbara, das nahe dem Ort in den Bergen einsam lag und das ich so gern zu den österlichen Feierlichkeiten mit Achilles besuchte. Auch unsere Besucher brachten wir gern hinauf, um ihnen nicht nur einen Blick auf den Golf von Korinth zu gönnen, sondern auch, um die einzigartige Ikonensammlung des Klosters zu bewundern.
Der strubbelig zerfahrene weisse Bart des greisen Bartholomaios, der bis auf seine Brust reichte und sich im unteren Teil in zwei ausgefranste Zipfel spaltete, wirkte heute noch unordentlicher und dünner als sonst. Das grosse silbern verschlungene Kreuz, das zu seinem schwarzen Mönchsornat gehörte, lugte gerade noch darunter hervor. Seine Augen funkelten heute nicht fröhlich und verschmitzt, sondern er sah mich mit sorgenvollen Blick an.
„Meine Tochter“, sagte er leise, während ich mein Haupt senkte, mich verbeugte und einen Kuss auf seine Hand andeutete. „Ich bringe heute keine guten Nachrichten.“
„Vater Abt“, erwiderte ich, „ich freue mich trotzdem, dass Ihr gekommen seid. Bitte kommt mit zu mir nach Hause. Dort könnt Ihr mir alles erzählen.“ Schweigend gingen wir die kleine Anhöhe hinunter, bogen dann links den kleinen Weg zum Haus ein, und ich spurtete voraus, um dem Geistlichen das klemmende Holzgartentor zu öffnen.
Kurz darauf bot ich ihm einen Platz am Esstisch im Wohnzimmer und einen Kaffee an. „Achilles ist nicht zu Hause“, sagte ich im Plauderton, meine Neugier unterdrückend, warum er wohl gekommen war. „Er ist auf Geschäftsreise. Ich hoffe, ich kann ebenfalls helfen.“
„Ich wollte zu dir, mein Kind“, erwiderte er, zog seinen schwarzen Kamilavkion mit dem anhängenden Flatterumhang vom Kopf und legte ihn auf den Tisch. Darunter war er außer seinem an den Seiten langen Haupthaar kahlköpfig. Seufzend strich er sich über die Glatze und fuhr fort: „Es geht eigentlich nur dich etwas an. Aber besser wäre es, er wäre hier. Ich möchte dich ungern danach alleine lassen. – Aber ja, bitte, mach uns einen Kaffee. Glyko – so süß wie es geht für heute.“
Ich verschwand in die angrenzende Küche. Auf dem Flur blickte Lada mich fragend an – wie immer rollte sie dabei mit den Augen, was diesmal als Fragezeichen zu verstehen war. Ich zuckte die Schultern als Antwort, während ich ihr schnell zuflüsterte: „Am besten, ihr beiden bleibt eben mal draußen im Garten. Ich weiss auch nicht, worum es geht. Aber mir ist plötzlich so mulmig.“
Kurz darauf betrat ich mit zwei Tassen dampfenden Mokkas und zwei kleinen Schälchen selbst eingelegter Früchte, die in Griechenland traditionell zum Kaffee gereicht werden, das Wohnzimmer. Dem Abt reichte ich seine Tasse, die Süßigkeiten stellte ich ab, meine Tasse behielt ich in der Hand, nippte daran, gespannt und nervös, was er wohl zu sagen hatte. In meinem Magen krampfte es sich kurz zusammen. Irgendetwas war ungewöhnlich. Was würde wohl kommen?
