Mord zwischen Kutter und Kluntje - Sandra Bruns - E-Book

Mord zwischen Kutter und Kluntje E-Book

Sandra Bruns

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Beschreibung

Eine Bürgerversammlung zum Küstenschutz und mittendrin ein Toter. Journalistin Jantje Janßen entdeckt die Leiche als Erste und steckt schneller in den Ermittlungen, als ihr lieb ist. Gemeinsam mit dem attraktiven Kommissar Ole Rickmers folgt sie den Spuren, die sie zu Schmugglern, Schwarzgeld und Erpressung führen. Doch führen sie auch zum Mörder? Und welche Rolle spielt eigentlich der bonbonlutschende Hausmeister des Hotels, in dem der Tote gefunden wurde? Während in der Teestube ihrer Eltern ein NDR-Kamerateam für ordentlich Trubel sorgt und Wasserhund Fiete zuverlässig jeden Keks erschnüffelt, wird klar: Hinter dem maritimen Flair lauern dunkle Geheimnisse. Ein Ostfriesenkrimi in bester Cosy-Crime-Manier, mit salziger Luft, trockenem Humor und einer guten Tasse Tee.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

EPILOG

KAPITEL 1

Meer und Frühling lagen an diesem Morgen schwer in der Luft, als Jantje Janßen das kleine Fenster ihrer Dachgeschosswohnung in der Emder Altstadt aufstellte. Eine kühle Brise strich ihr über die Wangen, irgendwo mischte sich der Duft nach frischen Brötchen mit der salzigen Note vom Hafen herüber. Unten war das Stadtleben schon erwacht: gedämpfte Stimmen, das Klirren von Tassen in den Straßencafés und das leise Surren der E-Bikes auf dem Kopfsteinpflaster.

Jantje war fast dreißig, Single – nicht, weil sie sich bewusst dafür entschieden hatte, sondern weil ihr der Richtige bislang einfach noch nicht begegnet war. Sie lebte gern aktiv, schätzte Bewegung an der frischen Luft und das Miteinander mit Menschen. Ihre blonden, schulterlangen Haare trug sie meist offen, manchmal locker zusammengebunden, wenn es praktischer war. Ihr Gesicht war klar geschnitten, die graugrünen Augen wach und aufmerksam. Schminke spielte für sie kaum eine Rolle – höchstens etwas Mascara. Ihr Lächeln begann fast immer in den Augen, ehe es ihre Lippen erreichte.

Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst bei einem großen Zeitungsverlag in NRW. Die Zeit dort war abwechslungsreich und führte sie in unterschiedliche Städte und Redaktionen. Besonders das Ruhrgebiet hinterließ einen bleibenden Eindruck: Die Menschen dort ticken in vielerlei Hinsicht ähnlich wie in Ostfriesland – bodenständig, ehrlich und geradeheraus. Wer einmal dazugehört, bleibt oft ein Leben lang verbunden. Doch mit den Jahren wuchs in ihr der Wunsch, wieder in vertrauter Umgebung zu leben und zu arbeiten. So kehrte sie nach Emden zurück und trat eine Stelle bei der Emder Rundschau an. Sie war Journalistin durch und durch.

Ihre Eltern, Herta und Johann, lebten zwei Etagen tiefer im gleichen Haus. Das brachte kurze Wege für spontane Teestunden – und gelegentlich die unvermeidlichen, wenn auch gut gemeinten Ratschläge ihrer Mutter. Ihre ältere Schwester Anke und Schwager Tom wohnten ein paar Straßen weiter. Gemeinsam teilten sie sich das Sorgerecht für Fiete, den drei Jahre alten Wasserhund, klug, verspielt und mit einer Schwäche für jedes Gewässer, das seinen Weg kreuzte. „He, mien Jung“, sagte Johann oft schmunzelnd, „dat is en echte Waterhund – keen Pfütte is vor em sicher.“ Finn, der Älteste der drei Geschwister, wohnte mit seiner Frau Meta und ihrem Sohn Steffen in Hinte.

Jantjes Wohnung unter dem spitzen Dach war gemütlich, warm und ein wenig unordentlich, aber sie fühlte sich wohl darin. Zwei Zimmer, verbunden durch einen Flur mit knarrendem Dielenboden. Im Wohnzimmer stapelten sich Pflanzen, Bücher und Notizhefte; dazwischen lagen Hafenbildbände und Krimis. Auf dem Sofa hatte Fiete seinen Stammplatz eingerichtet, gleich neben dem niedrigen Holztisch, auf dem fast immer eine Teetasse und ein Stift lagen. Die kleine Küche führte auf einen Balkon, im Sommer mit Kräutertöpfen und wettergegerbten Klappstühlen. Schlafzimmer und Bad waren schlicht, und ein wenig ordentlicher als der Rest – die unglaubliche Aussicht aus dem Schlafzimmerfenster über die Dächer Emdens bis zum Hafen war für sie jedes Mal ein Geschenk.

Nun wanderte ihr Blick zur Kirchturmspitze der Großen Kirche, die wie ein stiller Wächter über der Stadt stand. In ihrem Inneren barg sie die Johannes a Lasco-Bibliothek – voller alter Bücher, Lederbände und poliertem Holz. Schon jetzt sammelten sich Besucher auf den Stufen, Broschüren in der Hand, und warteten auf die Öffnung der Türen.

Die Straßen unter ihr glänzten noch vom Regen der Nacht, kleine Pfützen spiegelten das erste Sonnenlicht. Die Häuserfronten schimmerten, als hätte die Altstadt einen frischen Anstrich bekommen.

Fiete hob den Kopf vom Sofa, seine bernsteinfarbenen Augen fest auf sie gerichtet. Seit Tagen wich er ihr kaum von der Seite. Sein Blick sprach von geduldiger Erwartung, ein leises wuff von Vorfreude. Sein Frühstück war längst vertilgt, man könnte auch sagen inhaliert, jetzt fehlte nur noch ein Spaziergang. „Gleich, mein Süßer“, murmelte Jantje und griff nach ihrer roten Regenjacke. An der Küste war sie unverzichtbar – selbst, wenn der Himmel freundlich wirkte, konnte sich das Wetter in Minuten drehen. Mit der Leine in der einen und dem Notizbuch in der anderen Hand war sie bereit für den Tag.

Auf dem Küchentisch lag noch der Zettel, den ihre Mutter am Vortag dort hinterlassen hatte. Eigentlich war Herta eher der Typ fürs Telefon – oder sie stand gleich persönlich vor der Tür. Doch diesmal war es ihr besonders wichtig und sie hatte sich hingesetzt und in ihrer sorgfältigen, leicht geschwungenen Handschrift notiert:

„Denk dran: Morgen kommt der NDR für die Dokumentation der ostfriesischen Teekultur in unsere Teestube. Wenn du Zeit hast, komm vorbei – wir hätten dich gern mit dabei.“

Daneben lag ein leicht vergilbtes Foto. Es zeigte ihre Eltern hinter der Theke ihrer Teestube, einem beliebten Café inmitten der Stadt, in dem es neben Tee auch täglich von ihrer Schwester und Mutter gebackene Kuchen und Torten gab. Herta mit ihrem offenen Lächeln, Johann im weißen Hemd, beide mit dampfenden Teetassen in der Hand. Im Hintergrund das alte Holzregal mit den sauber beschrifteten Teedosen und auf der Theke der alte geöffnete Kluntjepott, deren Inhalt im Licht wie kleine Kristalle funkelte.

Seit rund drei Jahrzehnten führten die beiden ihre kleine Teestube am Stadtgarten – ein Ort, der für viele Emder längst mehr war als ein Café. Stammgäste, die schon als Kinder mit ihren Eltern vorbeischauten, kamen noch heute auf ein Kännchen Ostfriesentee vorbei. Besucher mischten sich unter die Einheimischen, und wer hereinkam, spürte sofort: Hier ging es nicht bloß um Tee und Kuchen, diese Teestube war für die beiden nicht einfach Arbeit, sondern eine Herzenssache, die sie mit jedem Lächeln und jeder Tasse Tee an ihre Gäste weitergaben.

Herta war wie Jantje und Anke schlank, sportlich und immer in Bewegung. Schon früh am Morgen stand sie in der Küche, um frischen Kuchen vorzubereiten. Abends schob sie oft noch ein Blech nach, sodass am nächsten Morgen Apfelstreusel, Quarkkuchen oder Käsekuchen bereitstanden. Die blonde Pferdenärrin Anke war für die Torten zuständig, insbesondere für die beliebte Ostfriesentorte mit „Schwips“ und wenn es ihre Zeit zuließ, sprang sie auch als Bedienung ein und flitzte wie ihre Mutter von Tisch zu Tisch.

Johann dagegen war die ruhige Hand im Geschäft. Er kümmerte sich um den Einkauf, die Buchhaltung, kleinere Reparaturen und kannte die Händler. Er wusste genau, wann die beste Zeit war, beim Großhändler ihres Vertrauens die losen Blätter zu ordern. Mit seiner gelassenen Art sprach er mit jedem, als sei er schon seit Jahren Kunde – auch wenn es nur ein Tourist auf Durchreise war.

Für Jantje und ihre Geschwister war der Teeladen ihrer Eltern immer mehr als nur ein Geschäft. Er war Ankerpunkt und Rückzugsort zugleich – ein Platz, zu dem sie zurückkehren konnten, egal, wie turbulent der Alltag auch war.

In Ostfriesland gehörte Tee nicht nur zum Nachmittag. Für viele begann der Tag mit einer Tasse und endete ebenso. Der Dreiklang aus Kluntje, heißem Tee und einem Sahnewölkchen war fester Bestandteil des Alltags. Rühren war tabu – das langsame Aufsteigen der weißen Wulkje, das Knacken in der kleinen Porzellantasse, wenn das süße Gold sich dehnte, gehörte dazu. „Dat is Klookheit un Ruhe in een Kopp“, hatte schon ihre Oma oft gesagt.

Jantje faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die Jackentasche. Sie wusste, dass der Besuch des NDR für ihre Eltern weit mehr bedeutete als ein Fernsehdreh. Es war die Gelegenheit, die Geschichte der Teestube zu zeigen – und damit auch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte festzuhalten. Nun machte sie sich aber erstmal mit Fiete auf den Weg in die Redaktion.

KAPITEL 2

Die Emder Rundschau berichtet als traditionsreiche Lokalzeitung seit Jahrzehnten über das Geschehen in der Stadt und im Hafen. Zwischen Meldungen über Politik, Kultur und Küstenwetter entstehen hier die Geschichten, die das Leben in Ostfriesland spiegeln – manchmal unscheinbar, manchmal brisant.

Heike Lammers, Chefin vom Dienst, war nicht zu übersehen. Mit festen, schnellen Schritten kam sie den Gang in der Redaktion entlang, die Lesebrille baumelte wie immer am Band um den Hals. Unter dem Arm trug sie einen dicken Stapel Ausdrucke, den sie mit der Selbstverständlichkeit einer Frau an sich drückte, die seit Jahren den Laden zusammenhielt. Anfang fünfzig, eher stämmig als schlank, kurze dunkelblonde Haare, die oft ein wenig zerzaust wirkten, als hätte sie zwischen zwei Terminen keine Zeit für den Spiegel gehabt. Ihre blauen Augen funkelten wach, und die Mundwinkel hatten fast immer diesen Zug, der irgendwo zwischen Strenge und einem versteckten Schmunzeln lag.

„Moin Jantje“, begann Heike, während sie eine Ablagemöglichkeit für den Stapel Papiere suchte, „die Bürgerversammlung heute Morgen – Mach wie immer eine unterhaltsame Geschichte draus. Klar gegliedert, kein unnötiges Beiwerk.“ Jantje nickte zustimmend. „Mach ich. Soll ich neben den offiziellen Beiträgen auch wieder Stimmen aus dem Publikum einbauen?“

„Unbedingt.“ Heike schob die Brille ein Stück nach oben. „Nimm dir unterschiedliche Leute. Einen direkten Anwohner, vielleicht jemanden vom Umweltverband und, wenn möglich, eine Stimme aus der Wirtschaft. Das gibt die nötige Vielfalt, wir wollen nicht parteiisch erscheinen. Länge: 3.000 Zeichen – das ist unsere Hauptgeschichte auf der ersten Lokalseite morgen.“

Fiete streifte währenddessen durch die Redaktion und legte sich schließlich gähnend neben dem Schreibtisch nieder. Jantje beugte sich hinunter, kraulte seinen Nacken. „Na, Redaktionshund, du bist der Einzige hier, der nie Stress mit der Deadline hat.“ Fiete seufzte fast zustimmend und legte den Kopf auf ihre Schuhe.

„Und was die Fotos betrifft,“ fuhr Heike fort, „das hängt ganz davon ab, ob Jens heute endlich aus dem Krankenstand zurückkommt. Bisher hat er sich nicht gemeldet.“ Sie verdrehte die Augen, dann sah sie Jantje direkt an. „Falls er nicht auftaucht, brauchen wir dich auch als Fotografin. Also bitte – Mach ein paar ordentliche Aufnahmen: Raum, Redner, Publikum, du kennst das ja.“ „Mach dir keine Sorgen“, meinte Jantje lachend. „Ich bring dir den Text, die Bilder und ein paar O-Töne mit. Multitasking gehört schließlich zum Jobprofil.“ „Gut“ schloss Heike zufrieden, „dann haben wir alles, was wir brauchen.“ Heike schien der leicht ironische Unterton beim letzten Satz nicht aufgefallen zu sein.

Jantjes Blick wanderte auf ihrem Weg zur Versammlung unweigerlich zum Renaissance-Rathaus. Der stolze Bau stand wie ein Denkmal alter Zeiten mitten in der Stadt, Ausdruck des Selbstbewusstseins, das die Emder Bürger schon im 16. Jahrhundert gepflegt hatten. Nach der Zerstörung im Krieg war es wieder aufgebaut worden – nicht ohne liebevolle Anleihen an das historische Vorbild. Heute beherbergte es das Ostfriesische Landesmuseum – und war Arbeitsplatz von Thies Akkermann.

Thies, gerade 30 geworden, gehörte für Jantje zum Leben wie die Hafenmauer oder das Feuerschiff: einfach da, verlässlich, selbstverständlich. Sie kannten sich seit Kindertagen, hatten zusammen Sandburgen gebaut und Laternen gebastelt. Auch wenn das Leben sie zwischendurch in verschiedene Richtungen geschickt hatte – die Freundschaft war nie verloren gegangen.

Ihr Jugendfreund war einer, der den frühen Lauf am Deich dem Ausschlafen vorzog. Joggen war für ihn kein Muss, sondern Passion. Mit seinem offenen, freundlichen Gesicht wirkte er oft, als lächle er schon, bevor er überhaupt den Mund aufmachte. Dunkle Augen, dunkles Haar, dazu diese unaufgeregte Art, die Menschen sofort Vertrauen fassen ließ. Im Museum hatte er nach seinem Geschichtsstudium seine Berufung gefunden. Vor alten Seekarten, Münzen oder Schiffsmodellen konnte er Geschichten entfalten, die weit mehr waren als reine Zahlen und Ortsnamen.

Er brachte die Dinge zum Leben – und das so überzeugend, dass selbst Jantje, die von Berufs wegen zu oft nüchtern auf Fakten schaute, sich immer wieder von seiner Begeisterung anstecken ließ. Wenn sie ihm dabei zusah, wie er Kindergruppen erklärte, warum Emden einst eine der wichtigsten Handelsstädte an der Nordsee war, bewunderte sie insgeheim seine Geduld und Leidenschaft.

Seit Neuestem hatte Thies eine Freundin, Marie. Und das Überraschende: Jantje mochte sie wirklich gern. Kein falsches Lächeln, kein Bemühen, zu gefallen – Marie war natürlich. „Jo, dat geiht ok so“, würde ihr Vater sagen, dachte Jantje insgeheim und war fast erleichtert, dass ihr alter Freund endlich jemanden gefunden hatte, der gut zu ihm passte.

Das Hotel am Innenhafen lag nur noch wenige Minuten entfernt und galt als erste Wahl, wenn man in Emden stilvoll unterkommen wollte. Die Promenade war gesäumt von Museumsschiffen, deren Taue im Wind knarrten.

Fiete zerrte erwartungsvoll an der Leine, und am historischen Hafentor gab Jantje schließlich nach: Der Hund durfte bis zum Bauch ins kühle Wasser. Tropfend und mit einem schelmischen Blick schüttelte er sich anschließend so heftig, dass Jantjes Jeans und weiße Sneaker ein gesprenkeltes Muster aus Hafenwasser bekamen. „Prima, mein Junge“, murmelte sie trocken, „jetzt seh’n wir beide aus, als hätten wir gebadet.“ In dem Moment fing es auch noch an zu nieseln.

Das Hotel selbst, ein Bau aus hellen Ziegeln mit dunklem Dach, fügte sich harmonisch in das maritime Bild. Wo früher Lagerhallen standen, in denen Säcke und Fässer geschleppt wurden, trafen sich nun Geschäftsleute, Touristen und Einheimische zum Brunch oder zu Veranstaltungen aller Art. Durch die offene Lobby wehte ein Gemisch aus Kaffeeduft, gebratenem Speck und einem Hauch Reinigungsmittel – nicht untypisch für Häuser, in denen auf der einen Seite die Gäste noch frühstückten, während gleichzeitig auf der anderen Seite eine Veranstaltung lief.

Erste Vertreter der Stadtverwaltung und des Landes Niedersachsen standen in der großen Lobby bereits beieinander, in Gespräche vertieft. In einer Ecke klirrten Gläser, irgendwo summte leise Musik, und das Stimmengewirr mischte sich mit dem leisen Brummen der Kaffeemaschine – ein ganz normaler Vormittag in Emden, dachte Jantje, bevor der Tag eine unerwartete Wendung nehmen sollte.

KAPITEL 3

Als Jantje die Tür zum Veranstaltungsraum öffnete, schlug ihr im Gegensatz zur Lobby eine Mischung aus abgestandener Heizungsluft und Teppichstaub entgegen. Der Raum war noch menschenleer, die Stuhlreihen ordentlich ausgerichtet, das Rednerpult stand wie ein Mittelpunkt, den niemand beachtete. In einer Ecke glänzten Edelstahlkannen im Licht, daneben ein paar Gläser, akkurat aufgereiht.

Ihr Blick wanderte langsam durch den Saal. Der Teppichboden war an einigen Stellen leicht abgetreten – dort, wo wohl die meisten Besucher entlanggingen. Am hinteren Fenster stand ein Stuhl schief, als hätte ihn jemand hastig verrückt. Ihre Sneakers gaben beim Gehen nur ein leises, gedämpftes Geräusch von sich, kaum hörbar, aber in der Stille wirkte es lauter als nötig.

Neben dem Podium stand ein kleiner Tisch, darauf ein Stapel Namensschilder. Alles ordentlich sortiert, nur eines lag quer – als hätte jemand es im Vorbeigehen angestoßen oder absichtlich zur Seite geschoben. Ein leichter Luftzug zog durch den Raum, kaum merklich, doch genug, um die angelehnte Seitentür zu registrieren. Durch die Wand drang das leise Klirren von Geschirr, vermutlich aus der Hotelküche.

Fiete hatte sich im Türrahmen ausgestreckt und den Kopf auf die Pfoten gelegt. Doch seine Ohren zuckten plötzlich und er hob ihn wieder an, starrte aufmerksam in Richtung der hinteren Stuhlreihen. Jantje folgte seinem Blick und runzelte die Stirn. Dort hinten war es dunkler, der Lichteinfall vom Fenster schwächer. Gerade als sie den ersten Schritt dorthin setzte, schlug irgendwo eine Tür zu. Das Geräusch schien in der Stille doppelt so laut, und ihr Herzschlag beschleunigte sich unmerklich – ohne dass sie sagen konnte, warum.

Die Luft hinten im Raum roch anders: weniger nach abgestandener Luft, mehr nach etwas Metallischem. Eine Spur von Rost vielleicht, oder altem Eisen. Jantje fröstelte. Und dann sah sie ihn.

Zwischen den hinteren Stuhlreihen lag ein Mann. Reglos. Der graue Anzug saß ordentlich, fast so, als wäre er eben erst hineingeschlüpft. Nur der linke Ärmel war verrutscht. Neben ihm lehnte eine Aktentasche, der Verschluss offen, das Hauptfach scheinbar leer - im Schatten der Stuhlreihe aber erkennbar. Sein Kopf war seitlich geneigt, die Augen offen und der Blick leer ins Nichts gerichtet. Die Haut hatte diesen fahlen, wächsernen Ton, der keinen Zweifel mehr ließ – das hier war kein Schlaf, keine Ohnmacht, sondern endgültig. Unter dem Kopf hatte sich eine große Blutlache ausgebreitet, tiefrot, bereits an den Rändern dunkler und matt. Direkt daneben stand ein Tisch, schlicht, mit scharfen Ecken. An einer davon hafteten ebenfalls Blutspuren, verschmiert, als sei er im Sturz genau dort aufgeschlagen, bevor der Körper reglos zu Boden sank. Das Bild wirkte still und zugleich erschreckend klar: ein einziger Moment, der das Ende markierte, festgehalten in der Szenerie von Holz, Blut und Stille.

Jantje verharrte. Ihr Blick war wie festgefroren, während ihr Hirn in Bruchteilen von Sekunden arbeitete. Sie kannte ihn von anderen Bürgerversammlungen: Hinnerk Tjarks, Referent bei der Stadtverwaltung, genauer im Bauamt. Einer von denen, die auf solchen Versammlungen in der zweiten Reihe saßen, mit Stift in der Hand, schweigend, unauffällig, immer korrekt. Das große Notizbuch, das er sonst immer bei sich hatte, fehlte auf den ersten Blick.

Fiete war inzwischen aufgestanden, schob sich dicht neben sie. Seine Ohren waren nach hinten gelegt, die Schnauze gesenkt. Er atmete kurz, prüfend, und wich dann einen halben Schritt zurück. Für einen Moment schien er unsicher, als spüre er, dass hier etwas nicht stimmte.

Die Geräusche von draußen – Möwen, Kinderlachen, Autos – klangen plötzlich fern, gedämpft, wie unter einer Wasseroberfläche. Für einen Atemzug lang war dann alles still. So still, dass Jantje ihr eigenes Herz schlagen hörte. Sie griff in ihre Tasche, spürte das kühle Gehäuse ihres Handys. Ihre Finger bewegte sich, als hätten sie einen eigenen Willen. Langsam hob sie das Gerät ans Ohr, wählte die 110, während ihr Blick weiter an dem reglosen Körper haftete. Ihre Stimme klang leiser, als sie beabsichtigt hatte.

„Polizei…“ ein Räuspern, dann schluckte sie hörbar und zwang sich, weiterzureden. „Ich bin im Hotel, am Delft… dem großen Veranstaltungsraum … es gibt hier ein Problem.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment Stille, dann eine ruhige, fast routinierte Stimme: „Alles klar, wir gehen jetzt gemeinsam alles durch. Wer spricht da?“

„Jantje Janßen. Emder Rundschau.“ Sie musste noch einmal tief Luft holen, ihre Finger zitterten leicht, während sie das Telefon fester an das Ohr drückte. „Hier liegt jemand. Er… er liegt am Boden. Kopf zur Seite, es ist sehr viel Blut unter ihm. Ich glaube, er ist tot.“

Die Stimme wurde sofort einfühlsam, es schien, als ob der Polizist am anderen Ende der Leitung sie allein durch den Klang seiner Stimme durch die Situation führen wolle. „Bleiben Sie ruhig, Frau Janßen. Gehen Sie nicht näher heran. Warten Sie vor Ort, die Kollegen sind sofort unterwegs.“ Jantje nickte automatisch, auch wenn niemand es sehen konnte. Ihr Blick blieb an der Blutspur am Tisch hängen, die wie ein stummer Hinweis wirkte, dass der Mann mit voller Wucht auf die Ecke geschlagen war. Sie wandte sich halb ab, suchte Fietes Blick, der dicht neben ihr stand und unruhig mit den Ohren zuckte. „Wir sind gleich da“, wiederholte die Stimme am Telefon. „Bleiben Sie, wo Sie sind, aber fassen Sie nichts an.“ „Ja“, brachte sie hervor, diesmal etwas fester. Doch als sie das Telefon langsam sinken ließ, war ihr klar, dass sie dieses Bild so schnell nicht loswerden würde.

Die Sirene kam erst als fernes Heulen, vermischte sich mit dem Möwengeschrei, wuchs dann an, bis sie wie ein unsichtbarer Druck durch die Straßen am Delft rollte. Als die Einsatzwagen direkt vor dem Hotel hielten, war es, als hätte die ganze Stadt für einen Moment den Atem angehalten.

KAPITEL 4

Jantje stand noch immer zwischen den Stuhlreihen, das Telefon in der Hand. Fiete saß neben ihr, dicht an ihrem Bein, die Schnauze erhoben, die Ohren gespitzt – aufmerksam, als wüsste er genau, dass nun Verstärkung kam.

Die Tür zum Saal flog auf. Mehrere uniformierte Beamte betraten den Raum, Blicke wachsam, Schritte zügig, Überzieher an den Füßen. Hinter ihnen ein Mann in Zivil – groß, breitschultrig, mit einem offenen, markanten Gesicht, in dem sich Entschlossenheit und zugleich eine leise Ruhe spiegelten. Dunkles Haar, kurz geschnitten, nicht perfekt frisiert, eher so, als wäre ihm sein Aussehen egal. Kein Ring am Finger. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Seine Bewegungen waren kontrolliert, fast geschmeidig – einer, der einen Raum nicht mit Lautstärke einnahm, sondern mit Präsenz. Der dunkelblaue Mantel war schon ein paar Jahre im Dienst, der Stoff trug den feinen Geruch von Regen. Vielleicht auch noch eine Spur Eau de Cologne.

„Moin, ich bin Ole Rickmers, Kriminalkommissar, Polizei Emden.“ Seine Stimme war tief, hatte den typisch norddeutschen Akzent und war klar, sie vermittelte Autorität, aber nicht die Schärfe, die man vielleicht erwartet hätte. Für einen Herzschlag lang blieb Jantjes Blick an ihm hängen, bevor sie sich wieder fing. Irgendetwas an seiner Art war ihr auf Anhieb sympathisch.

Noch bevor sie antworten konnte, schob sich ein junger Mann neben ihn – er war schmaler und hatte helleres Haar, fast noch jugendlich im Gesicht, die Augen voller Eifer. „Neumeier, Kriminalassistent.“ Er nickte knapp, der Tonfall ernst, ein Hauch Nervosität darunter. Nicht unsympathisch, nur eben noch neu im Geschäft.

Rickmers sah zu Jantje. „Sie sind…?“ - „Jantje Janßen. Emder Rundschau.“ Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Ich war wegen der Bürgerversammlung hier… und habe ihn so gefunden.“

Rickmers zog Handschuhe aus der Hosentasche und kniete sich neben den Körper, beugte sich leicht vor, ohne ihn zu berühren. Sein Blick glitt über das, was von der Wunde am Hinterkopf gerade so erkennbar war, die Haltung, die geöffnete Aktentasche. „Schädeltrauma. Sieht eher nach einem schweren Sturz als einem Schlag aus“, murmelte er, fast mehr für sich als für die Umstehenden.

Der metallische Geruch, den sie schon bemerkt hatte, lag immer schwerer in der Luft. Rickmers hob eine Augenbraue, als nehme er ihn ebenfalls wahr, und sah kurz zu ihr hinüber – prüfend, aber auch, als wolle er wissen, ob sie standhalten konnte.

„Gab es im Raum noch jemand außer Ihnen?“ - „Nicht, dass ich wüsste“, antwortete sie. „Aber die Türen waren nicht verschlossen.“ Neumeier notierte eifrig jedes Wort, der Stift flog beinahe über das Papier. Für einen Augenblick fragte sich Jantje, ob er wohl auch Fiete mit aufschrieb, so aufmerksam musterte er jedes Detail im Raum.

Die Foyertür öffnete sich wieder, ein kurzes Knarren im Rahmen, dann trat jemand in den Saal. Angelockt von den Vorkommnissen stand plötzlich ein Mann da. In der typischen Hausmeisterkleidung – dunkler Pullover, robuste Arbeitshose, das schwere Schlüsselbündel am Gürtel – wirkte er im Raum so selbstverständlich wie ein fest verankerter Teil des Gebäudes. Groß, von kräftiger Statur, das Haar schon leicht ergraut und wirr ins Gesicht fallend, lutschte er an einem Bonbon, als sein Blick auf den reglos daliegenden Körper fiel.

Für einen Moment erstarrte er, der Atem schien in der Kehle stecken zu bleiben. Nur das leise Klimpern der Schlüssel durchbrach die Stille. Dann brachte er mit brüchiger Stimme hervor: „Hauke Peters, ich bin der Hausmeister. Ist er … ist er wirklich tot?“ Es klang mehr nach ungläubigem Staunen als nach einer Frage. Eine Hand legte sich auf seinen Arm. Ein Beamter war an seine Seite getreten, sprach leise, beinahe beruhigend: „Kommen Sie bitte mit, ich nehme sofort Ihre Aussage auf. Sie sind der Hausmeister? Erzählen Sie mir, wie Sie heute Morgen den Raum vorbereitet haben.“ Peters nickte stumm, die Erschütterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ohne Widerstand ließ er sich zur Tür führen. Gemeinsam traten sie hinaus in den Flur, während hinter ihnen die Stimmen im Saal gedämpft verklangen.

Rickmers und sein Assistent tauschten ein knappes Nicken. Ein weiterer Beamter nahm stillschweigend an der Tür Stellung. Dann zog der Kommissar ein kleines Buch aus der Jackentasche, kritzelte ein paar Zeilen hinein und bedeutete einer Beamtin, den hinteren Bereich abzusichern. Ein anderer verschwand sofort nach draußen – die Spurensicherung holen. Immer mehr Polizisten kamen und gingen routiniert zu Werke: rot-weißes Band, Kameras klickten Bild um Bild, Stative wurde aufgebaut. Ein schmaler Mann mit Brille und Papierhaube beugte sich über den Körper, murmelte Beobachtungen ins Diktiergerät. Alles wirkte wie ein geöltes Uhrwerk – jeder wusste genau, was zu tun war.

Der Kommissar trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, blieb aber so, dass er jeden Handgriff im Blick behielt. Einer seiner Mitarbeiter hob vorsichtig die Aktentasche des Toten an, ein anderer nahm Faserspuren von der Jacke. Die Stimmen waren leise, sachlich – ein Kontrast zur angespannten Stille, die vorher im Raum hing.

Neben ihm stand nun wieder Neumeier, mit neugierigem Blick und Stift in der Hand. Er notierte so schnell, dass man meinen konnte, er wolle jedes Staubkorn im Protokoll festhalten. Einmal stolperte er beinahe über ein Kabel, fing sich aber sofort wieder, nickte Jantje hastig zu, als wolle er sagen: Alles unter Kontrolle. Sie musste sich ein kurzes Schmunzeln über so viel Eifer verkneifen.

„Und, worum wäre es heute bei der Bürgerversammlung gegangen?“, fragte Rickmers sie beiläufig. Seine Stimme klang ruhig, unaufgeregt, doch jedes Wort hatte Gewicht. „Küste der Zukunft“, antwortete Jantje und folgte automatisch seinem Blick. „Stadtverwaltung und Landespolitik wollten mit Bürgern und Interessengruppen über den Küstenschutz reden – Deiche, Windkraft und auch Erdgasbohrungen in der Nordsee.“ Rickmers sah sie an, Jantje hatte das Gefühl, er hörte ihr wirklich zu. Nicht nur mit halbem Ohr, wie es viele taten, sondern mit dieser ruhigen Konzentration, die selten geworden war. Er nickte wieder knapp, als hätte er das meiste schon geahnt. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein kleines Lächeln über sein Gesicht, kaum sichtbar, aber genug, dass sie es bemerkte.

Neumeier beugte sich zu ihm und flüsterte ihm eine Info der Spurensicherung ins Ohr, es klang so, als ob beim Toten kein Handy gefunden wurde. Rickmers hörte aufmerksam zu, legte ihm kurz die Hand auf die Schulter – ein Zeichen, das zugleich beruhigte und anspornte. Offenbar traute er seinem jungen Assistenten mehr zu als dieser sich selbst.

Durch die hohen Fenster fiel inzwischen helles Frühlingslicht herein, das den Tatort gnadenlos beleuchtete. Durch die Scheiben war ein historischer Kutter zu beobachten, der langsam in den Binnenhafen fuhr. In diesem Moment bemerkte Jantje draußen eine andere Bewegung: Ein Mann im hellen Poloshirt lief hastig den Weg entlang. Ihr Herz machte einen Sprung – Thies Akkermann. Er musste den Trubel durchs Rathausfenster gesehen haben. Natürlich wusste er, dass sie heute hier war.

„Jantje!“, rief er, als er die Seitentür erreichte. Sein Blick wanderte von ihr zu Fiete und dann zu den Polizisten. „Was ist passiert?“ Der Beamte an der Tür hob sofort die Hand, bedeutete ihm, draußen zu bleiben. „Hinnerk Tjarks ist tot“, sagte Jantje leise, während sie auf ihn zuging. Die Worte fühlten sich fremd an, als gehörten sie in eine andere Geschichte. Thies’ Stirn legte sich in tiefe Falten. „Tjarks? Aus dem Bauamt? Ich habe gestern noch mit ihm im Museum gesprochen.“ „Worüber?“ Rickmers war lautlos nähergekommen, plötzlich stand er direkt neben ihnen, stellte sich ihm vor und bedeutete dem Beamten, Jantjes Freund hereinzulassen. Thies stellte sich ebenfalls in ein paar Worten vor und wies auf seine Tätigkeit im Museum hin. Visitenkarten wurden getauscht. Die Stimme des Kommissars klang nicht laut, aber fester, bestimmter als zuvor. Jantje bemerkte, wie er Thies ansah – wach, aufmerksam, ohne Drohung, aber mit der klaren Botschaft: Ich will alles wissen.

„Über eine Kaufgenehmigung“, sagte Thies nach kurzem Zögern, die Stimme merklich gedämpft. „Für ein Küstenareal an der Knock. Er sagte jedoch nicht, für wen. Tjarks fragte nach alten Plänen und wirkte dabei nervös, als wollte er mehr sagen, hat es dann aber verschluckt. Ich konnte ihm jedoch bei den Plänen nicht weiterhelfen, wir haben zu dem Areal nichts im Museumsarchiv. Bevor er ging, fragte er noch, ob Frau Janßen – er deutete mit dem Kopf in Jantjes Richtung - heute hier sei – wegen der Versammlung. Dass wir eng befreundet sind, ist in der Verwaltung kein Geheimnis.“

Rickmers ließ die Worte wirken, sein Blick blieb an Thies hängen, fest, aber nicht feindselig. Man spürte, er prüfte jedes Detail, jedes Zögern. Neumeier war derweil in Bewegung. Mit einem Paar Einmal-Handschuhe hantierte er vorsichtig an der geöffneten Aktentasche, zog den Verschluss ganz auf und blätterte durch einzelne Papiere, die in einem Nebenfach steckten, ohne etwas herauszunehmen. „Hier sind Auszüge von Landkarten drin“, berichtete er mehr für Rickmers als für die Umstehenden.

Der Kommissar nickte ihm zu, wandte sich dann wieder an Jantje und Thies. „Gut. Dann halten wir fest: Sie, Frau Janßen, haben den Toten gefunden. Und Sie, Herr Akkermann, hatten gestern noch ein Gespräch mit ihm. Alles Weitere besprechen wir im Präsidium.“ Direkt an Jantje gewandt kam noch hinterher: „Herr Neumeier nimmt aber noch kurz Ihre Aussage zum Fund auf, die können Sie dann auch später bei uns im Büro unterschreiben. Und bitte kein Wort über den Toten und die Umstände seines Todes veröffentlichen, bevor wir nicht unsere Pressemeldung versendet haben.“

KAPITEL 5

Die Journalistin dachte unwillkürlich an Heike. Ihre Chefin würde sie später in der Redaktion aufhängen. „Du findest den Toten – und schreibst nichts?“, würde sie trocken sagen, mit diesem Unterton, der schlimmer war als jedes Donnerwetter. Also würde Jantje wenigstens ein paar Zeilen über die abgesagte Bürgerversammlung verfassen müssen – und den Grund knapp andeuten. Die Frage war nur: Mit welchem Bild, mit welcher Überschrift?

Sie spürte, wie die Luft im Saal dichter wurde. Jeder Handgriff der Spurensicherung – das Rascheln der Handschuhe, das Abmessen von Spuren – wirkte lauter als nötig, beinahe wie ein Echo. Rickmers notierte sich ein paar Worte, die Stirn leicht gerunzelt, als würde er bereits an einem Bild puzzeln, das außer ihm noch keiner erkennen konnte.

Schritte klapperten über das Pflaster vor dem Hotel, erst vereinzelt, dann dichter. Die ersten Bürger kamen – einige mit Transparenten unter dem Arm, andere mit Faltblättern in der Hand. Ihre Stimmen mischten sich unsicher durch die Tür. „Wat is hier los?“ „Is dat de Versammlung?“ „Worum kunn wi nich rin?“ Ein älterer Herr mit zusammengeklapptem Regenschirm stellte sich breitbeinig in den Türrahmen vor den Polizisten, als gehöre ihm der Raum. Hinter ihm drängten sich die anderen, reckten die Hälse, um mehr zu sehen. Ihre Blicke huschten von Jantje zu den Beamten – und blieben dann starr an dem Umriss eines Körpers hängen, der sich unter der zwischenzeitlich von der Spurensicherung besorgten Plane abzeichnete.

Eine Polizistin trat vor, hob die Hand. Ihre Stimme war nicht laut, aber so bestimmt, dass keiner widersprach: „Die Versammlung fällt heute aus. Bitte gehen Sie ins Foyer und geben dort Ihre Personalien an.“ Gemurmel ging durch die Reihen. Ein Mann schnaubte, eine Frau hielt erschrocken die Hand vor den Mund. Andere schüttelten den Kopf, tuschelten halblaut miteinander. Doch niemand wagte, offen Widerworte zu geben. So zog sich die Gruppe langsam zurück. Im Foyer bildeten sich sofort kleine Inseln des Getuschels, Köpfe wurden zusammengesteckt, Hände fuchtelten in der Luft.

Zwei Polizisten stellten sich an einen improvisierten Tisch im Foyer, auf dem bereits Block und Kugelschreiber lagen. Einer nahm die Personalien auf, der andere stellte kurze Fragen: Name, Adresse, Geburtsdatum – und was der jeweilige Grund für die Teilnahme an der Bürgerversammlung war. Manche antworteten knapp, fast widerwillig, andere nutzten die Gelegenheit, ihren Unmut über „die Zustände“ loszuwerden.

Kaum war die eine Tür ins Schloss gefallen, hallten von der anderen Seite bereits neue Schritte über den Boden. Dr. Maren Rieken trat in den Saal. Schlank, die dunkle Hose sorgfältig gebügelt, darüber eine marineblaue Bluse, die große Ledertasche fest in der Hand, fast wie ein Abzeichen ihrer Rolle. Ihr Gesicht blieb unbewegt, kontrolliert, als habe sie den Raum längst im Kopf erfasst, bevor sie ihn überhaupt betrat.

Sie verlor kein Wort der Begrüßung. Die Tasche wurde abgestellt, präzise, ohne Hast. Dann zog sie mit einer routinierten Bewegung die Handschuhe über, überprüfte ihr kleines Diktiergerät und schlug die Plane vom Körper zurück. Ein kurzer Moment der Stille, dann klickte das Gerät. Ihre Stimme, tonlos und gleichmäßig, schnitt durch die gespannte Atmosphäre.

„Leichnam in Rückenlage aufgefunden. Vitalfunktionen nicht nachweisbar: Puls, Atmung, Pupillenreflex negativ. Sichtbare Verletzung am Hinterkopf, klar erkennbarer Befund. Keine Abwehrverletzungen, Kleidung vollständig und unversehrt. Keine massiven äußeren Spuren weiterer Gewalt. Vorläufiger Todeszeitpunkt: zwischen 07:00 und 08:00 Uhr. Vorläufige Todesursache: stumpfe Gewalteinwirkung auf den Schädel. Aufnahme Ende.“

Die Worte fielen nüchtern, als lese sie einen standardisierten Bericht vor, ohne jede Regung. Jantje spürte, wie ihr ein Frösteln über den Rücken lief – nicht wegen der Leiche, sondern wegen dieser Kälte im Ton. Dr. Rieken schaltete das Gerät aus, so beiläufig, als hätte sie eine Bestellung diktiert. Kein erklärender Blick zu Ole Rickmers, kein Hinweis an die Spurensicherung, keine überflüssige Bemerkung. Nur die sachliche Abwicklung einer Aufgabe, der Tote längst reduziert auf Protokollnummern und Befundzeilen.

Der Kommissar nickte knapp, er kannte Riekens Arbeitsweise, auch wenn ihm das distanzierte Auftreten sichtbar missfiel. Sein Assistent dagegen blinzelte kurz irritiert und sah zu Jantje und Thies hinüber, als wolle er sich vergewissern, dass er sich das frostige Klima nicht nur einbildete. Er verzog kaum merklich den Mundwinkel, ein stilles Zeichen von Unbehagen, aber ohne großes Aufheben. Für Jantje wirkte genau das sympathisch: Ein Polizist, der nicht abgestumpft war, sondern noch spürte, wie unbarmherzig sachlich der Moment wirkte.

Dr. Maren Rieken packte ihre Sachen zusammen, legte die Plane wieder über den Körper und ging so geräuschlos, wie sie gekommen war. Sie wartete nicht einmal eine Nachfrage ab, warf Rickmers lediglich einen kurzen Blick zu – mehr Pflicht als Interesse – und wandte sich schon wieder zur Tür. Zusammenarbeit, das machte sie deutlich, war für sie eine Einbahnstraße.

Von draußen drang nun der ferne Klang einer Schiffssirene herein – ein tiefer, lang gezogener Ton. Emden atmete weiter, als sei nichts geschehen.

Jantje stand etwas abseits, spürte Thies’ Nähe neben sich. Beide wussten nicht so recht, wohin mit sich. Thies hatte die Arme verschränkt, den Blick nach unten gerichtet, als rechne er im Kopf Möglichkeiten durch. „Tjarks war …“, begann er, dann brach er ab. „War was?“, fragte Jantje nach. „… kein Held. Aber auch keiner, der leichtfertig Streit gesucht hätte. Wenn er nervös war, dann nur, wenn’s um etwas Großes ging. Allerdings war er in der Stadtverwaltung nicht gerade beliebt aufgrund seiner pedantischen Art, das hatte zum Teil schon krankhafte Züge. Für ihn musste immer alles korrekt sein.“ „Also war vielleicht das Kaufangebot nicht ganz koscher?“ Jantjes Stimme war leise, aber fest. „Möglicherweise. Gestern sagte er mir, die Kaufgenehmigung sei ‚überraschend leicht‘ durchgegangen. Dabei liegt das Gelände direkt am Rand des Nationalparks.

Normalerweise kannst du da nicht mal eine Bank hinstellen, ohne dass die Untere Naturschutzbehörde dich monatelang prüft.“

Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte wirken. „Du weißt, das Wattenmeer gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. Jede Veränderung in der Nähe wird zu 110 Prozent untersucht. Dass das hier so glatt durchging – das passt nicht. Und warum wollte er mit dir sprechen? Doch nur, wenn er was an die Öffentlichkeit bringen wollte.“

Jantje hob gerade an, um etwas zu erwidern, da trat Rickmers mit festem Schritt an sie heran. „Frau Janßen, Herr Akkermann – keine Spekulationen. Erst die Fakten.“ Sein Blick blieb einen Moment länger bei Jantje und seine Stimme wurde verbindlich. „Und Sie – noch einmal: kein Artikel, bevor wir nicht offiziell informieren.“

„Natürlich“, sagte sie, so neutral wie möglich. Doch in ihrem Kopf liefen die Gedanken längst in alle Richtungen: Was hatte Tjarks gewusst? Und wer wollte verhindern, dass es bekannt wurde? Vor allem war da noch ihr größtes Problem: Wie sollte sie Heike Lammers erklären, dass sie über eine Leiche gestolpert war - und nichts darüber schreiben durfte?

Der inzwischen eingetroffene Bestatter kam nicht allein. Zwei Mitarbeiter in dunklen Anzügen schoben die schmale Transportliege herein, routiniert, ohne Aufhebens. Einer legte die Plane zur Seite und gemeinsam hoben sie im Anschluss den Körper hoch, legten ihn vorsichtig auf die Trage, fixierten ihn mit Riemen. Einer machte sich eine kurze Notiz, der andere prüfte, ob der Abgang durch die Doppeltür frei war. Es wirkte nüchtern, sachlich, fast wie Handwerk – nichts Theatralisches, einfach Arbeit, die getan werden musste.

Als die schweren Türen aufschwangen, strömte ein Schwall frischer Luft herein. Draußen kreischten die Silbermöwen. Rickmers stand etwas abseits, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick aufmerksam auf das Geschehen gerichtet. Neumeier stand dicht daneben, die Stirn ernst in Falten gelegt, als wolle er sich den ganzen Ablauf für den nächsten Einsatz einprägen und informierte seinen Chef darüber, dass die Spurensicherung auch bei ihrer zweiten Suche kein Handy beim oder unter dem Toten gefunden hat.

Thies beugte sich zu Jantje, sprach so leise, dass es niemand sonst hören konnte: „Ich besorge uns von meiner Schwester eine Kopie des Protokolls, in dem der Antrag durchgewunken wurde.“ Sie sah ihn an, „Dann sehen wir uns heute Mittag noch mal.“ Sie wusste genau: Thies’ Familie war in Emden so verzweigt wie ein alter Baum. Ein Bruder bei der Feuerwehr, eine Schwester im Bauamt, ein Onkel im Hafen, eine Tante in der Schule – irgendwo tauchte immer ein Akkermann auf.

Die Neugier war bei beiden immer schon stärker ausgeprägt, als gut für sie gewesen wäre.

KAPITEL 6