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Auf der Alm, da gibt’s aan Rind: Der eigenbrötlerische und jähzornige Bauer Giovanni Forda zieht wie jedes Frühjahr mit seinen Kühen auf die Alm. Die Flucht auf den Berg kommt ihm gelegen, gibt es im Tal doch böses Blut wegen eines Golfplatzprojekts. Giovanni weigert sich, dem Immobilienhändler Heinrich Karner den benötigten Grund zu verkaufen. Karner verschwindet spurlos, und als auch noch Kommissar Delapozza unauffindbar bleibt, ist klar, dass hier ein paar Zufälle zu viel im Spiel sind …
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Walter Sohler
Mordalpen
Ein Alpen-Krimi
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung / E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © beatrice prève – Fotolia.com
ISBN 978-3-8392-4518-7
Verhängnisvoll: Warum es Kühen auf der Alm besser geht als im Tal und wie ein hinreißendes, saftiges Büschel Gras großes Unheil herbeizulocken vermag
Giovanni liebt sie alle. Elsa, Violetta, Ariadne und Fiona sind seine Schönsten. Tatjana, Brünnhilde und Leonore die Jüngsten, Dorabella hat bereits einen Preis gewonnen und Alcina ist etwas ganz Besonderes. Zerlina, Carmen und Schneeflöckchen geben zwar die meiste Milch – aber am allerliebsten ist ihm Elvira. Die mit Abstand Herzallerliebste seiner kleinen, aber äußerst feinen Kuhherde.
Giovanni ist trotz seiner erst 36 Jahre schon lange Bauer, von klein auf hatte er die Rindviecher um sich. Das Leben rund um den Stall, zusammen mit seinen Mädels, ja, das ist sein Revier. Andere mögen sich den in Mode gekommenen und zugegeben äußerst kuschelig anmutenden Rindern aus dem schottischen Hochland zuwenden, manche schwören auf Angus-Viecher, weil sie das bessere Fleisch und deshalb pro Kilo ein paar Cent mehr liefern sollen. Giovanni mag es aber lieber traditionell: Er schwört auf seine braun-weißen Rinder. Nichts Außergewöhnliches, aber trotzdem erstklassig.
Seine Girls sind mit jenen Kühen verwandt, die er immer schon gekannt hat, die immer schon auf den Hängen seines Großvaters und Vaters gegrast haben, die er als Bub viele Sommer lang gehütet und die er lange Zeit Jahr für Jahr auf die Alm seiner Vorfahren getrieben hat. Durchschnittliche Milchleistung, durchschnittliche Fleischqualität, aber pflegeleicht und widerstandsfähig.
Man sagt immer, ein Bauer isst nicht, was er nicht kennt. Giovanni lässt sich schon im Stall auf keine Experimente ein.
Die braun-weiß gescheckten Damen lassen sich auf Giovannis Alm nichts abgehen. Majestätisch und unbeschreiblich lieblich zugleich thront dieser grüne Flecken über dem Tal – und auf ihm machen es sich Alcina und ihre Genossinnen so richtig bequem. Die Aussicht auf den nahen Ort im Tal ist unbeschreiblich, den Kühen freilich ist das egal. Sie grasen. Kosten die ersten Tage auf der Hochalm so richtig aus und kauen, was das Zeug hält.
Was sollen Kühe auch anderes tun. Die vier Mägen der schönen Damen müssen stets beschäftigt werden. Die Zähne tun pausenlos ihren Dienst, das frische Gras vom Berg ist nach der langen winterlichen Heu-Diät mit der Zugabe von Kraftfutter aus Südamerika – verantwortlich für eine miserable saisonale Ökobilanz auf Giovannis Hof –, endlich wieder ganz etwas anderes. Giovannis versammelte Rindviecher-Familie lässt es sich heute ganz besonders gut gehen. Grashalm für Grashalm, Blume für Blume, Kraut für Kraut finden ihren Weg von den Zähnen durch das Labyrinth der Mägen. Zermahlen, gekaut, geschluckt, wieder heraufgewürgt, noch mal gekaut. So lässt sich Zeit auch totschlagen.
Heute legt sich die versammelte Schar ordentlich ins Zeug – ganz so, als ob es schon lange nichts mehr zu mampfen gegeben hätte und es gilt, einen Vorrat für schlechtere Zeiten anzulegen. Das gute Dutzend hat sich auf der Weide aufgeteilt – natürlich auch die vier Kälber, die man an dieser Stelle nicht vergessen darf. Marcelline, Salome, Fenena, der kleine Bub heißt Kamerad.
Normalerweise steht die Herde nah beisammen. Heute, an ihrem dritten Tag auf der Weite der Alm, scheint es, als ob die Viecher nach den Monaten der Enge im Stall und nur spärlichen Ausflügen auf das Feld vor ihrem Hof die Unbegrenztheit der Alpen so richtig genießen und ihre Auslaufmöglichkeit ordentlich nutzen. Sie weiden weit verstreut in kleinen Gruppen. Es ist nicht gerade so, dass sie Klaustrophobikerinnen wären und Panik schieben im winterlichen Stall, aber Leonore und ihre Freundinnen wissen, was Lebensqualität und echte Freiheit ist. Ja, das wissen Giovannis Kühe ganz genau.
Elvira war einige Tage vor der Almauffahrt nicht bei allerbester Gesundheit, irgendetwas plagte sie. Sie fraß nicht mehr so viel, gab weniger Milch, Giovanni machte sich Sorgen. Aber einen Tag vor der Übersiedlung auf den Berg schien sich die Kuh schlagartig wieder erholt zu haben. Die Aussicht auf die Luftveränderung in exakt 1.666 Meter Seehöhe hat offensichtlich Wunder bewirkt. Als ob die Gute bereits geahnt hat, dass es endlich wieder auf den Berg geht, endlich in die Freiheit, endlich wieder ins lang ersehnte Kuhparadies. Wer weiß? Sicher wirkt sich die Macht des Frühlings auch auf Nutzvieh positiv aus. Vielleicht wissen die Viecher einfach, wann es wieder losgeht. Denn dumm sind sie nicht, die Kühe. Sollten Sie derartiges behaupten, würde Ihnen der Giovanni das richtig übelnehmen.
Vor allem an Elvira hat der junge Bauer einen Narren gefressen. »The best cow in town«, pflegt er sie immer zu nennen. Das große, weiße, ein wenig gelockte Haarbüschel zwischen ihren Ohren erinnerte Giovanni gleich nach ihrer Geburt an die Schmalzlocke Elvis Presleys. Es war freilich nicht nur diese kleine Ähnlichkeit mit dem »King«, die die gescheckte Kuh zu Giovannis kauender Königin werden ließ. Es stimmt einfach die Chemie zwischen den beiden, wie man so sagt. Die zwei – das Rind und ihr Bauer – schlossen eine ganz besondere Freundschaft.
Ein guter Landwirt redet mit allen seinen Viechern, davon ist Giovanni überzeugt. Deshalb spricht auch er zu seinen Rindern und Hennen genauso wie zu Kater Giuseppe, der sich im Winter aus dem nur durch die Körperwärme der Kühe geheizten Stall und der eiskalten Tenne zurückzieht und sich zu ihm an den warmen Ofen in die gute Stube gesellt. Er palavert mit der alten Dachsdame, die unter dem Holzstoß hinter dem Stall im Tal haust, hat für die Dohlen, die seine Alm Jahr für Jahr wagemutig umkreisen und ihm spektakuläre Flugkunststücke zum Besten geben, immer ein gutes Wort übrig und verfuhr auch mit seinen Schweinen, als er seinerzeit noch ein paar im Stall hatte, übertrieben höflich.
Bei Elvira aber ist das etwas anderes. Sie nimmt in seiner eigentümlichen Familie eine Sonderstellung ein. Wenn er sie aus dem Stall treibt, bekommt sie zu aufmunternden Worten stets einen zusätzlichen liebevollen Klaps. Er hat sie sogar zur Anführerin der Herde erkoren. Das ist aber sinnlos. Als ob die Kühe die Rangfolge nicht untereinander ausmachen würden. Dieses demokratische Recht lassen sich die Rindviecher natürlich von ihrem Bauern nicht nehmen.
Für Giovanni jedenfalls ist sie die Chefin. Da fährt der Zug drüber. Er beschenkt Elvira mit Streicheleinheiten en masse und versucht, sie bei jeder Fütterung zu verwöhnen. Als ob Heu nicht einfach nur Heu wäre.
Für die nächste Zeit ist jedenfalls das langweilige, in den kalten Monaten ewig trockene Heu passé. Frisches Gras steht auf dem saisonalen Speiseplan. Frische wohlriechende Kräuter, frisches eiskaltes Quellwasser und frische Luft in Hülle und Fülle. Bio, wo immer man hinschaut!
Die Sommerfrische hat heuer früh begonnen. Der Schnee war schnell weg, der Winter wieder einer von jener Sorte, die den Klimawandel-Schwarzmalern so richtig in den Kram passt: Kein Schnee zu Weihnachten, kaum Schnee im Jänner, gar kein Schnee mehr nach Lichtmess. Narzisse und Krokus schossen sehr zeitig aus dem Boden und die Pollenallergiker hatten schon früh allen Grund zum Jammern. Die versteckten Ostereier in den auflebenden Gärten im Tal waren kaum alle gefunden, da packte Giovanni seine sieben Zwetschgen und nahm seine 13 Mädchen und die Kälber rauf in die Freiheit der Almhöhe.
»Genießt es«, pflegt Giovanni jeden Morgen laut zu sagen, wenn er seine Herde aus dem Stall treibt. Dann ist für ihn die Zeit des Ausmistens angebrochen. Die Milch ist bereits im Kübel, vielleicht ist heute auch ein bisschen Zeit zum Ausspannen drin, denkt er sich jeden Tag aufs Neue – aber leider geht die Arbeit auf der Alm nie aus.
Der Bauer jedenfalls genießt sein Leben fern des Tales. Giovanni lebt von seinem dreckigen Dutzend, und das gar nicht mal so schlecht. Er schickt seine Mädels auf die Weide – und die sichern damit seine Existenz. Das Milchgeld macht den Großteil des Einkommens aus, das der kleine Betrieb abwirft – mit so manchen Überweisungen der Europäischen Union, versteht sich. Auch Holz aus dem Wald bringt gutes Geld. Die Eier von glücklichen, quietschfidelen Hühnern aus Freilandhaltung stößt er wie im Abhofverkauf zu wahren Wucherpreisen an wohlbetuchte Biofanatiker in den umliegenden Städten ab, mitsamt selbstgemachter Butter und etwas Käse sowie ein wenig Honig, den sein Steckenpferd, die Imkerei, abwirft. Und – so ist nun einmal der Lauf der Dinge – von Zeit zu Zeit überweist ihm auch der Metzger aus dem großen Schlachthof für einen seiner Lieblinge gutes Geld auf das Konto, für das er noch nie – und da ist er zu Recht stolz darauf – Verzugszinsen zu zahlen hatte. Nicht einmal während der schlimmen und gerade erst durchtauchten europäischen Wirtschaftskrise.
Sie glauben, das sei schon alles? Natürlich besitzt der Bauer noch weitere Geldquellen: Im Winter lässt er den Tourismusverein freilich nicht gratis die Loipe über seine Felder ziehen, und manchmal verkauft er kleine Teile seines stolzen Besitzes als Baugrund – vorwiegend an Zweitwohnsitzler.
Erstens zahlen die gut und ohne viel zu murren, und zweitens geben sie, sobald das Haus einmal bezugsfertig ist, eine Ruh. Vorzugweise wohnen sie ja nur ein paar Wochen pro Saison in den Bergen, verstecken sich dann hinter Jahr für Jahr in den Himmel wachsenden Thujen und machen sich bald wieder unbemerkt aus dem Staub. Außerdem sind sie wie verrückt nach Giovannis Lebensmitteln und dem selbstgebrannten Schnaps. Was das geistige Genussmittel betrifft, zahlen sie für Butter und Honig ohne aufzumucken sogar höhere Preise als die Einheimischen. So etwas Gutes gebe es bei ihnen zu Hause ja nie und nimmer, hat der Bauer schon oft gehört. »Ei, wie ist das lecker. Packst uns bittschön noch ein Fläschchen ein, Giovanni.«
Prost, das mache ich doch gerne! Schönen Gruß an die Frau Gemahlin und gute Heimfahrt – davon braucht der Finanzminister nichts zu wissen.
Ein Baugrund für eine schmucke Alpenvilla mit Blumenkisterl an den Fenstern und niedlichem Garten für betuchte Großstädter: Dagegen hat Giovanni ganz und gar nichts einzuwenden. Außerdem verbessert ein solcher Verkauf schlagartig die Finanzsituation und macht Investitionen in seinem Betrieb ohne Probleme möglich. Ein Extratraktor hat schließlich noch keinem Landwirt geschadet.
Der Bauer gießt sich auf der Veranda seiner Almhütte ein Glas frische, noch kuhwarme Milch ein und nimmt davon einen ordentlichen Schluck. »Es gibt nichts Besseres«, bemerkt er. Außer der eifrig kauenden Brünnhilde dürfte das aber niemand mitbekommen haben. Rund um die Hütte ist es menschenleer – und bis auf Brünnhilde haben sich auch alle anderen Kühe entfernt. Giovanni wischt sich mit dem Handrücken den Milchschnauzer ab, der auf seinem schwarzen Dreitagebart zurückgeblieben ist, und macht sich auf den Weg, den Stall auszumisten.
Wie jedes Jahr hat er sich wieder gut eingerichtet. Die mit grauen Steinen gemauerte Hütte ist nicht groß. Seit er den Besitz von seinen Eltern geerbt hat, wurde sie jedoch Zug um Zug modernisiert und mit einem neuen grünen Blechdach gekrönt. Giovanni mag an sich eher dem Traditionellen gewogen sein, gegen die technischen Entwicklungen hatte er aber noch nie etwas einzuwenden. Solaranlage, Akku und Dieselaggregat sorgen sicher für elektrischen Strom, der es wiederum möglich macht, die Melkmaschine einzusetzen, Milch und Lebensmittel zu kühlen und abends mittels Satellitenschüssel via TV den Anschluss an die Welt dort drunten nicht ganz zu verlieren.
Beim Wasser hat sich nichts geändert. Es ist immer noch eiskalt und kommt aus einer Quelle, die in zwei Brunnen sowie ein Waschbecken geleitet wird. Dafür weist es eine Qualität auf, die Gourmetkritiker geradezu frohlocken ließe.
Ein kleiner Campinggasherd und ein mit Holz beheizbarer Ofen sorgen für Wärme und bieten Kochgelegenheiten in der Küche. Neben den Öfen, zwei Stühlen – einer ist ein bequemer alter Ruhesessel aus schwarzem, abgewetztem Leder –, einem schmalen, aber massiven Tisch aus Eiche und einer kleinen, grün lackierten Kredenz hat in diesem Raum nicht mehr allzu viel Platz. Aber Flachbildfernseher passen heutzutage gottlob überall – und deshalb auch in die kleinste Berghütte – hinein.
In der Kammer steht neben Truhe und Schrank ein einzelnes Bett, darunter ist ein zusammengeklapptes Notbett verstaut. Der dritte Raum beherbergt alles, was Giovanni für die ordentliche Lagerung seiner Milch braucht – Kühlung und Wasseranschluss inbegriffen. Den einzigen wirklichen privaten Luxus, den sich der Bauer hier in der alpinen Einschicht aber leistet, ist wohl seine überdimensionale Stereo-Anlage, die er jeden Sommer samt Surround-Boxen und einer immensen Bassreflexbox aus dem Tal heraufschleppt. Wenn er diese einschaltet, dann geht die Post ab. Das müssen Sie glauben.
Seine Kühe haben sich an die Musik längst gewöhnt, ja die ausschließlich klassischen Klänge scheinen sich gar positiv auf die Milchleistung der kunstsinnigen, allzeit kauenden Hörerinnenschaft auszuwirken.
Freilich fühlen sich andere Tiere durch den Lärm gestört, und die Musik kratzt an der Idylle hier heroben. Die Murmeltiere, die ganz in der Nähe der Almhütte hausen, sind an und für sich keine musikalischen Kostverächter. Und doch brauchen die kleinen Racker jedes Jahr wieder bis weit in den Herbst, bis sich bei ihnen ein akustischer Gewöhnungseffekt einstellt und sie den Bach’schen Fugen andächtig lauschen, zu Tschaikowsky’schen Walzerklängen ein Tänzchen wagen und den Wagner’schen Schicksalsmelodien außerhalb ihres Baues gebannt zuhören können. Dieser Prozess ist in jeder Almsaison feststellbar: Irgendwann – ein paar Monate dauert das immer – kommt ein Punkt, und dann scheinen sie die Musik zu lieben. Von ganzem Herzen. Die nach langen nahrungsreichen Sommern vollgefressenen Murmel nahe Giovannis Alm sind mit ziemlich absoluter Sicherheit die einzigen saisonalen Wagnerianer unter den alpinen Nagern. Nur schade, dass ihnen jeder Winterschlaf die Erinnerung an die wunderbare und an und für sich harmlose Musik jedes Jahr aufs Neue raubt und sie zu Beginn der folgenden warmen Jahreszeit die über das sanfte Grün der Almen dahinschleichenden Klänge zu Siegfrieds Begräbniszug mit lautstarken Pfiffen ablehnend bewerten und wohl als Boten ihres eigenen baldigen Dahinscheidens empfinden. So ein Murmel löscht in der Ruhe des Winters anscheinend sein Gedächtnis – Tabula rasa, ratzeputz. Vielleicht wird er auch von krassen Albträumen gepeinigt und scheint zu ahnen, dass jedes Murmelfremde eine immense Gefahr bedeutet und man mir nichts, dir nichts als Bestandteil einer fettigen, stinkenden Salbe in einer Tube enden kann, die zu horrenden Preisen erschöpften Touristen im Souvenirgeschäft feilgeboten wird. Die kleinen Racker haben gar nicht so unrecht: Viele schmieren sich mit Murmeltiersalbe ein. Wenn’s irgendwo zwickt, schwört auch Giovanni auf die Murmelschmiere. Er hat sie von seinem Schulfreund, einem Apotheker. Der ist selbst Jäger und schießt sich seine Zutaten prinzipiell selbst!
Momentan ist jedenfalls eine Ruh. Keine Musik; so, wie es sein soll hier heroben. Der Bauer geht gern in den Stall, denn Ausmisten hat so etwas Meditatives. Alltägliche Arbeit, nicht allzu anstrengend. Den Gestank riecht er schon seit Jahrzehnten nicht mehr – und abwaschen kann man den Dreck schließlich auch. Es gibt nicht viele Berufe, in denen man täglich eine Tat vollbringen kann, die bei Herakles einst als Heldentat galt. Zugegeben, der alte griechische Halbgott musste im Falle von Augias’ Rinderhallen bei einem größeren Stall mit weitaus mehr Dreck Hand anlegen.
Als er endlich fertig ist, begutachtet Giovanni den noch kleinen Misthaufen. Sein 13-Mäderlhaus legt sich wie üblich ganz ordentlich ins Zeug. Dem Bauern auf der Nachbaralm kommen die Kühe oft nur kurz zum Melken in den Stall – egal welches Wetter herrscht. Giovanni treibt seine Girls auch an besonders kalten und regnerischen Abenden unter das schützende Dach – nicht nur bei Schneefällen. Sie lesen richtig. Hierzulande kann es auch schon mal an einem 1. Juni, 1. Juli oder 1. August Schneemengen geben, die anderenorts selbst im Hochwinter als schier sensationell gelten.
Neben dem Misthaufen ist auf einer betonierten Plattform sein rustikales Plumpsklo postiert. Zugegeben, der Duft und das Ambiente sind gewöhnungsbedürftig. Eigentlich echt hardcore! Bei schlechtem Wetter mag es auch ungemütlich, recht kalt und zugig sein: Die unbarmherzigen Winde, die von Mal zu Mal den nackten Hintern gnadenlos attackieren, sind sicher nicht jedermanns Sache. Aber stellen Sie sich die Aussicht vor, wenn Giovanni an schönen, warmen Tagen wie heute die Türe während der Erledigung seiner Geschäfte sperrangelweit offen lässt.
Eine Wucht, geradezu hinreißend, das müssen Sie glauben!
Scheißen mit Aussicht! Ja, das nennt man Lebensqualität. Schlichtweg atemberaubend. Die Sache hat freilich eine zweite Seite: Zartbesaitete Wanderer, die zufällig des Weges kommen, mag dieser Anblick dann doch ein klein wenig schockieren. So ist es nun mal hierzulande: Die Alpen sind stets eine Quelle für Überraschungen.
Die ersten Wochen auf der Alm sind ganz besonders arbeitsintensiv. Zuerst gehört die Alm geputzt: Noch bevor die Kühe da sind, heißt es alles vorzubereiten, kaputte Zäune zu flicken, vom Winter in Mitleidenschaft Gezogenes auf Vordermann zu bringen. Giovanni macht so viel wie möglich selbst, ein fremder Senner kommt ihm nicht in seine Almhütte. Nur seinen pensionierten Onkel lässt er herauf. Der geht ihm zur Hand – aber auch nur, wenn es gar nicht anders geht.
Eine Ehefrau hat Giovanni keine mehr.
Nein, so kann man das nicht sagen. Die Ehefrau hat sich vielmehr schon länger nicht mehr blicken lassen. Die ist nämlich vor zweieinhalb Jahren ins Ruhrgebiet abgehauen – mit einem Urlaubsgast. Die Lilly lebt jetzt in einem schnieken Haus mit Vorgarten – so nennt es jedenfalls ihr neuer Lebensgefährte. Staut sich täglich zum Shoppen und ins Büro. Geht piekfein essen und ins Theater. Für Giovanni wäre das kein Leben.
Scheidung wollte die Gute bisher noch keine, auch Geld hat sie keines gefordert. Ihr Neuer ist nämlich nicht gerade der Ärmste unter Gottes Kindern. Die Schuld für die Trennung ist nicht allein bei der armen neureichen Lilly zu suchen. Es ist nämlich alles andere als einfach, mit dem Bauern Giovanni auszukommen.
Die Ehe war nicht gerade ein Zustand, der als langandauernd bezeichnet werden darf. Von Jubiläumsfesten wie silberne, goldene oder eiserne Hochzeiten ist das Ehepaar Forda glatt Lichtjahre entfernt. Neun Monate hat die Sache gehalten. Quasi ein Witz. Zeitlich zum Vergessen. In dieser Zeit bekommen andere Nachwuchs und sorgen für einen Hoferben.
Reden wir lieber nicht über dieses unrühmliche Kapitel im Leben des Bauern. Es hat halt nicht sein sollen.
Jetzt steht Giovanni jedenfalls mit leeren Händen da. Auch er war nicht auf Scheidung scharf gewesen. Auf eine neuerliche Brautschau zu gehen, hat der Landwirt in der nächsten Zeit nicht im Sinn. Und das wird auch so bleiben, da ist er sich sicher. Es findet sich ja doch niemand.
Das redet sich Giovanni jedenfalls selber ein. Da ist der, vielleicht ein klein wenig zu klein gewachsene Wieder-Junggeselle mit dem schwarzen Lockenkopf fest davon überzeugt. Wer will heutzutage schon Bäuerin werden? Diese Position zählt wahrlich nicht zu den begehrtesten unter der Sonne. Draußen in der Provinz, in der Abgeschiedenheit, quasi in der Wildnis zu leben, und das auch noch bei schwerer Arbeit. Haben Sie vielleicht Interesse, liebe Leserin?
Viele Bauern greifen zu drastischen Mitteln, um sich eine Gefährtin zu suchen. So mag es Landwirte geben, die sich bei höchst peinlichen TV-Kupplershows zum Narren machen lassen, um wieder für traute Zweisamkeit und Action in den Betten sorgen zu können. Giovanni gehört nicht dazu. Er ist ja schließlich Bauer und kein Clown.
Tja, dumm gelaufen. Sein Onkel hat ihm den Tipp gegeben, »sich um eine Fesche aus Osteuropa oder Asien« zu schauen. Denen sei die schwere Arbeit egal, Hauptsache sie könnten sie im reichen Westen verrichten. Giovanni hat diesen Vorschlag nicht einmal ignoriert – nach allem, was er während seiner Zeit mit Lilly durchgemacht hat, bleibt er lieber weiterhin Agrareremit.
Jetzt übersiedelt der Bauer wieder wie jedes Jahr allein auf den Berg. Hinunter zum Bauernhaus zieht es ihn dann nur ein paar Mal pro Woche, obwohl er mit seinem geländegängigen Auto in etwas mehr als 20 Minuten auf dem Güterweg ins Tal kriechen kann. Dann schaut er die Post durch, kümmert sich um Hühner und Katze, zahlt seine Rechnungen und frischt die Vorräte für die Alm auf. Er mäht die Wiesen, bringt das Heu ein. Das Obst gehört geerntet, und den Honig machen die Bienen auch nicht allein. Arbeit gibt’s genug. Oben und unten. Die Milch holt ein Molkereiwagen alle zwei Tage am Nachmittag an einem Sammelpunkt bei einer Wegkreuzung ab, nur ein paar hundert Meter von der Alm entfernt. Giovanni ist froh, wenn er nicht zu viele Menschen aus dem Dorf um sich haben muss. Gerade jetzt.
Der Grund heißt Karner, Heinz Karner, und sein vermaledeiter Golfplatz! Schon wieder einer, werden Sie sich denken. Das hat sich auch der Bauer gedacht: Unmöglich! Eine weitere künstliche Grünfläche hier im Wiesenparadies? Ohne ihn! »Die können mir den Buckel runterrutschen mit ihrer Golfballerei«, brüllt Giovanni immer wieder durch das Dorf, heißblütig und dickköpfig, wie er nun einmal ist. Meistens fuchtelt er noch wild mit seinen Armen durch die Luft. Dem Wunsch Karners könnte der Bauer nie und nimmer entsprechen. »Nie. Bei uns im Dorf. Kein Golfplatz. Aus. Basta.«
Normalerweise macht Karner sein Geld mit Immobilien, vor allem in der nahen vom Tourismus geprägten Stadt. Aber vor einem Jahr kam er zum ersten Mal auf den Hof und unterbreitete Giovanni seine Pläne.
»Größenwahn, nie und nimmer geb’ ich dir einen Grund dafür«, war Giovannis einziger Kommentar, bevor er den Unternehmer zum ersten Mal vom Hof wies. Karner ist aber ein zäher Hund und lässt nicht locker. Quasi im Wochenrhythmus taucht der 40-jährige, stets wie aus dem Ei gepellte Selfmademan auf dem Hof auf: »Ich brauch von dir ja nur ein paar Hektar. Schau, dein Nachbar will so gern verkaufen.«
»Weil er nach Ibiza auswandern will. Zum Arbeiten war der ja immer schon zu faul«, entgegnet ihm Giovanni. Karner lässt nicht locker und bietet von Mal zu Mal ein wenig mehr. Meistens hat er einen Plan seiner Golfanlage mit dabei. 18 Löcher und ein Klubhaus mit vielen kitschigen, zinnbekrönten Türmchen. Wenn sich alles eingespielt und der Golfplatz einen Namen hat, will man noch ein schmuckes Hotel dazustellen.
»Wenigstens kann man dir nicht vorwerfen, dass du den Golfspielern etwas vormachst, du Halsabschneider«, meinte Giovanni einmal, bevor er dem nimmermüden Investor zum wiederholten Mal sein »Nein, ich verkauf nicht!« entgegenschleuderte. »Diese schlimmen, kitschigen Türme! Also das Monstrum von Bau sieht schon aus wie eine Raubritterburg.«
Der Bauer hat es nicht leicht. Beinah scheint es, als ob er allein gegen alle kämpfe. Er, das Bollwerk gegen die Steckenschwinger, wie Giovanni die Männer und Frauen mit ihren Handicaps geringschätzig allzu gerne tituliert. Das beschauliche Leben im Dorf mit ein bisschen Tourismus ist vielen hier zu wenig. Nicht nur sein Nachbar drängt ihn, Karner den gewünschten Grund für den Golfplatz abzugeben. Bürgermeister und Wirte versprechen sich durch die Errichtung der Anlage mehr Gäste, mehr Geld, mehr Ansehen.
Vor allem aber wünscht sich der Nachbar Vitus, dass der sture Bauer endlich nachgibt. Anders als Giovanni will der Nachbarbauer sein Erbe schnell in Geld verwandeln, Hof, Wald und Felder verkaufen und sich so rasch wie möglich vom Acker machen.
Vitus hält nicht viel vom Bauersein – aber vermutlich wäre es ihm in Wirklichkeit egal und er würde weiter Schweine und Kühe füttern, Speck selchen und Ziegen melken, bis ihn irgendwann die Frühpension auf die harte Bank vor dem warmen Ofen oder ein Herzinfarkt in ein kaltes, feuchtes Grab hinter der Dorfkirche befördert. Wäre da nicht Martina, seine aus dem weiten Internet ins kleine Tal gelockte Ehegattin, die den Schritt ins Bäuerinnendasein gewagt hat. Sie träumt jedenfalls von einer Finca, Meeresrauschen und blühenden Orangenhainen und hat an Stall, Schweinegrunzen und stinkenden Jauchegruben keinen Narren gefressen. »Wie sich Gummistiefel und Kuhhintern von innen anfühlen, weiß die nicht«, ist sich Giovanni sicher. Dabei wusste die Neo-Bäuerin aus der großen Stadt doch, auf was sie sich einlässt – im kleinen Dorf, inmitten einer ordentlichen Portion Schweinedreck und Rinderscheiße. Martina hat anfangs wohl nur das Geld gerochen, glaubt Giovanni zu wissen. Die antike Erkenntnis, dass dieses nicht stinke, hat sich aber mittlerweile als unwahr herausgestellt.
Was der Herr Nachbar an ihr findet, entzieht sich jedenfalls Giovannis Kenntnis. Sie ist alles andere als hübsch, ja über alle Maßen unsympathisch und überhaupt eine unerträgliche Nervensäge, urteilt Giovanni – der, was Frauenangelegenheiten anbelangt, nicht gerade ein Mann vom Fach ist. Aber das haben Sie sich vermutlich schon gedacht. Lassen wir das Nachbarehepaar in Frieden. Sie sind sicherlich auch der Meinung, dass es sich nicht gehört, unter eine fremde Tuchent zu blicken.
Vitus ist nicht allein im Klub der Golfplatzbefürworter. Auch Bürgermeister Auer gehört zu dieser Partie – zu diesen größenwahnsinnigen 18-Loch-Fanatikern mit den funkelnden Euro-Symbolen in ihren Augen.
Ignatius Auer ist selber Bauer. Wie das Schicksal aber so spielt, liegt sein Besitz leider am falschen Platz. Auers Hof ist zwar der größte im Umkreis von 30 Kilometern, auf der Nordseite des Dorfes, weit abseits von der Tränke mit den Golfmillionen kann er aber nicht direkt am Geldsegen des südlichen Gemeinderandes mitnaschen und ein bisschen Grund zu Gold machen.
Persönlich nicht. Als Bürgermeister der Dorfgemeinschaft glaubt er aber zu wissen, wie der Hase läuft – und vor allem wohin. Der moderne Hase hoppelt nicht mehr über die Felder – das haben die Bauern sowieso nie gerne gesehen. Der moderne Hase flitzt heutzutage mit dem Golfball um die Wette und schwört nicht mehr auf Grün sondern fährt voll aufs Green ab. Für Ignatius Auer jedenfalls ist Golf ein Synonym für Geld.
Giovanni hält nicht viel vom Schickimicki-Bauern-Bürgermeister. Nein – und natürlich hat er ihn auch nie gewählt. Dieser gebe sich nämlich lieber mit Society-Urlaubern ab als mit den Einheimischen. Prostet in Champagnerlaune lieber den urlaubenden Schauspieler-Promis und Promi-Zahnärzten zu, statt mit den Dorfbewohnern im Wirtshaus zu politisieren. Dafür wäre er ja schließlich da, der Auer, meint Giovanni. Er sei ja Bürgermeister und kein Fremdenführer oder Skilehrer, der sich gerne auf ein oder zwei Gläser Prosecco einladen lässt und mit gut betuchten Skihaserln aus den nahen Metropolen Europas rauschend durch die Nächte flirtet. Und so einer sei auch noch Mitglied einer christlich-sozialen Heimatpartei. Pfui!
Bürgermeister Auer lässt jedenfalls nicht locker und keine Gelegenheit aus, Giovanni zu ermahnen, die paar Parzellen an das Karner’sche Golfprojekt abzutreten, und Giovanni erklärt ihm stets, dass er davon nichts hören will, es in der ein oder anderen Angelegenheit doch lieber ein wenig traditionell liebe und seinen Grund und Boden landwirtschaftlich nutze, die Golfschlägertypen nicht leiden könne, gerne seine Ruh hätte und wohin der Bürgermeister sich scheren solle.
Da sehen Sie’s, konstruktive Gespräche hören sich anders an.
Unbegreiflich, warum sich der Bauer nur so aufregen kann. Genau genommen spielt er doch selber so etwas wie Golf. »Bauerngolf« nennt er das – und genau genommen ist das auch Teil seiner Arbeit. Im Herbst, wenn die Kühe bereits wieder im warmen Stall im Tal weilen und einem depressiven Winter entgegenkauen, steigt Giovanni noch einmal mit seiner Mistgabel auf. Wenn man den Bauern von der Ferne beobachtet, sieht es dann so aus, als ob er Golf spielen würde. Wieder und wieder kann man ihn beim Abschlag beobachten. Dabei wird er nicht müde dreinzuschlagen und außerdem einen weiten Weg zurückzulegen. Kommt man Giovanni allerdings näher, sucht man vergeblich nach einem Golfball. Stattdessen erblickt man, dass der Bauer mit seiner Mistgabel gegen die Kuhfladen schlägt und die getrocknete Scheiße über den ganzen Almboden verteilt.
Bauerngolf eben. Die natürlichste Form der Düngung – und noch dazu mit einem außerordentlich hohen Funfaktor. Warum sollte man auch die kostbare Scheiße derart konzentriert herumliegen lassen und sie nicht dafür verwenden, einen größeren Teil der Alm damit zu düngen? Und außerdem: Warum sollte man auf dem künstlichen Golfplatz fürs Dreinhauen teures Geld bezahlen? Vergessen Sie das langweilige Herumgeballere in einer Driving Range. Wenn Ihnen langweilig ist, helfen Sie lieber einem Bauern Ihrer Wahl und schießen Sie statt Bälle Kuhfladen durch die Gegend. Das kostet nichts, verschafft Ihnen ein gutes Umweltgewissen und der Bauer kredenzt zur Belohnung auch noch einen guten Schnaps. Das ist Bio in Perfektion – und kommt unserer Spaßgesellschaft mehr als nur entgegen. Warum sind eigentlich Tourismusmanager bisher nicht drauf gekommen? Es ist also doch etwas dran an der sprichwörtlichen Bauernschläue.
Nein? Sie finden das nicht dufte? Haben Sie gar Probleme mit dem Geruch der Golfutensilien?
Zieren Sie sich doch nicht so. Bauerngolfen stinkt bei Weitem nicht so intensiv wie Cabriofahren neben einem frisch gedüngten Feld – und das macht den reichen Feriengästen Jahr für Jahr offensichtlich auch Spaß. Sonst würde man hier an geruchsintensiven Tagen nicht so derart viele mit offenem Dach herumkurven sehen.
»Na, da schau her! Wen treff ich denn hier heroben?«
Giovanni erschrickt und legt den schweren Steinschlögel, den er zum Ausbessern des Zaunes braucht, ins Gras. Mein Gott, der Golfplatzheini. Der Bauer glaubt, er sehe nicht richtig. Als ob er sich eingebildet hätte, Karner lasse ihn auf der Alm in Ruhe.
»Grüß dich, i verkauf nix!«, ist seine knappe Antwort. Mein Gott, warum kann den nicht endlich der Teufel holen, denkt er sich in diesem Moment.
»Ein wahrhaft schönes Plätzchen hast du da. Wunderschön.« Karner geht auf dem schmalen, markierten Bergpfad oberhalb der Almhütte auf Giovanni zu und reicht ihm die Hand. Der Bauer ignoriert den Gruß, spuckt sich demonstrativ in die Hände. Dann greift er wieder nach seinem Werkzeug und beginnt, einen neuen Zaunstempel in den Almboden zu schlagen.
»Wer wird denn so unhöflich sein? Ich wandere ein bisschen durch die Gegend, genieß den warmen Frühlingstag und freu mich einfach, dich zu sehen.«
Giovanni hat während des Schlagens nicht viel gehört – was ihm gar nicht unrecht ist. Er versichert sich, dass der Stempel fest genug im Boden steckt, und geht den Weg hinunter zur Hütte, ohne weiter auf Karner zu achten. Der folgt ihm aber auf Schritt und Tritt.
»Seit wann bist du denn schon auf der Alm?« Karner steht wieder neben dem Bauern.
»Da du mich vor einer Woche noch mit meinen Kühen unten im Tal angetroffen hast, kann es nicht länger als sieben Tage her sein«, gibt Giovanni trocken zurück. Der Landwirt holt aus der Scheune eine Rolle Stacheldraht und steigt wieder auf den Hang auf der Ostseite der Alm.
»Ist das da nicht mittlerweile verboten?«
»Was? Der Stacheldraht?«
»Ja. Ich glaub, das darf der Bauer von heute nicht mehr um seine Alm spannen. Nicht gut für die Kühe, noch schlechter für die Touristen. Gibt es diesen Draht überhaupt noch zu kaufen?«
»Ach was, ich pfeif auf die Vorschriften. Stacheldraht ist des Bauern liebster Zaun. Da fährt der Zug drüber. Er mag vielleicht an der ein oder anderen Staatsgrenze nicht mehr so angebracht sein. Auf der Alm macht er sich gut. Ich hab jedenfalls noch alte Bestände. Die spann ich weiter auf, vor allem da oben am Rande des Abhangs. Sonst fällt mir über die Felswand noch eine Kuh oder ein Wanderer runter.«
Giovanni ist jetzt am Beginn eines steilen Pfades angekommen. »Der Elektrozaun ist mir hier zu wenig, der zwickt nur. Aber über den guten alten, dreifach gespannten Stacheldraht trauen sich so schnell keine Flachland-Touristen oder alpine Kühe drüber.«
Karner blickt in die Höhe. Vor ihm steigt eine leicht überhängende Felswand gut zehn, zwölf Meter senkrecht an – eine graue Bruchstelle inmitten der lieblichen Graslandschaft. Giovanni geht auf einem kleinen, befestigten, kurvigen Pfad links davon bergauf, verfolgt von Alcina und Elvira, die sich da oben bei Giovanni wohl besseres Gras erhoffen.
»Mach du nur weiter, ich will dich bei der Arbeit nicht stören. Ich dreh noch eine Runde und wart auf dich dann hier herunten. Dann können wir vielleicht ein bisschen miteinander reden«, ruft Karner hinauf.
In der Zwischenzeit sieht er sich in der Hütte, im Stall und der kleinen hölzernen Scheune ein wenig um, dann betritt er den Wanderweg, der zur Nachbaralm und schließlich zu einem nahen Gipfel weiterführt.
Karner kostet den Tag in der Höhe aus. Die letzten Wolken haben sich aufgelöst. Kein Dunst, nur blauer Himmel und ein spektakuläres Panorama. Er entfernt sich einen knappen Kilometer von Giovannis Besitz und erhascht dort schließlich einen Blick auf die mächtigen Gletscher. Atemberaubend – ja, hier ist man dem Himmel wirklich ein wenig näher!
Heinz Karner weiß, was er für eine Lebensqualität in den Bergen hat – und vor allem, wie er sie an potenzielle Hauskäufer zu verhökern hat. Dann klingelt sein Mobiltelefon.
»Du hast mich schon zu erreichen versucht? Nein ich bin nicht in der Stadt«, brüllt er in sein Smartphone. »Nein, ich habe den Termin mit der Bank und den Interessenten nicht vergessen. Ja, die Verbindung ist grauslich. Nein, ich marschier dort heute um vier Uhr an. Da kannst du beruhigt sein.« Karners Sekretärin kennt ihren Chef und seine mangelnde Pünktlichkeit. »Jetzt ist es noch nicht einmal zehn Uhr und ich werde erst nach dem Treffen wieder ins Büro kommen. Was hast du gesagt?« Die Telefonverbindung ist schlecht – »Hallo …« – und bricht ab. Die Segnungen der Kommunikationstechnik stoßen hier im Reich von Giovanni und seinen Senner-Kollegen an ihre Grenzen.
Ja, im Nachbartal, dort schaut die Sache ganz anders aus. Dort, rund um das stets wachsende Netz von Skiliften, hat Karner immer eine Klasseverbindung. Die Telekommunikationsunternehmen wissen, dass die Skifahrer beim Warten, während der Auffahrt in der Gondel und auf dem Sessellift eifrig an der Verbesserung ihrer Konzernbilanzen arbeiten. Wegen jeder Nichtigkeit wird das Handy gezückt: Dann wird geplappert, was das Zeug hält, und in sozialen Netzwerken semiwichtiger Tratsch publiziert. Es wird Wetter gelobt oder schlechtgeredet, Pistentipps durchgegeben und täglich neu das Après-Ski-Programm organisiert. Da werden den Eltern an der Waterkant die Vorzüge des alpinen Winters angepriesen, der Kollegin in Rotterdam sadistisch Urlaubsschilderungen live vom Lift durchgegeben und der Ehefrau in Mailand von den endlosen, langweiligen Diskussionen beim verpflichtenden Firmentreffen im hochalpinen Seminarhotel vorgelogen, während das geheim gehaltene, junge Skihaserl nebenbei sitzt und tunlichst ihre Klappe hält. Dort drüben stehen die Sendemasten unweit der Beschneiungsanlagen. Dort kann Karner auch im Sommer problemlos und rauschfrei telefonieren und seine Geschäfte pflegen. Hier herüben aber, hier herüben herrscht jetzt Funkstille. Für Mobilfunkunternehmen gibt es auf dieser Seite des Tales nicht viel zu holen.
Was soll’s, für heute Vormittag hat er sich ein paar freie Stunden in seinem Terminkalender freigeschaufelt und beschlossen zu wandern. Vielleicht hätte er ja in dieser Atmosphäre mehr Glück, Giovanni zu bearbeiten. Karner dreht um und geht wieder zurück zur Alm.
»Hast du immer so einen schlechten Empfang bei dir heroben?« Der Golfplatzbauer steht wieder am Fuß der Felswand und ruft zum arbeitenden Bauern hinauf. Giovanni ignoriert den ländlichen Immobilien-Tycoon. Er redet stattdessen Alcina und Elvira gut zu, ja aufzupassen und hier oben auf die Steilheit des Geländes zu achten.
Doch das stellt für die Viecher überhaupt kein Problem dar. Sind sie mit ihren Klauen ausgezeichnete Wanderer und begnadete Bergfexe, die es mit so manchem Extrembergsteiger aufnehmen könnten – vorausgesetzt es gibt auf der Tour auch was zu beißen. Auf den Grasbergen kraxeln die Paarhufer kauend den Gipfelkreuzen entgegen und sorgen gleichzeitig für Landschaftspflege. Jawohl, sie sichern fleißig die alpine Kulturlandschaft!
Während Alcina wieder bergab steigt, vorsichtig Huf vor Huf setzt, quasi als kleinen Wanderproviant mit den Zähnen noch einmal ein Büschel Gras abrupft und sich langsam zu Tatjana und den anderen gesellt, behauptet Elvira ihren exklusiven Platz und beobachtet Giovanni, der die Arbeiten am Abhang gerade beendet.
Elvira scheint die Arbeit ihres Bauern heute genauer begutachten zu wollen. Es sieht beinah so aus, als ob sie sich einbilde, ein Hund zu sein – die Gute schnuppert am neuen Zaunstempel, um sich schließlich verdammt nah an den Draht heranzuwagen. Von wegen Restbestand: Das ist nigelnagelneu gekaufter Stacheldraht, garantiert rostfrei! Der Bauer hat zuvor seinen Besucher angelogen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Elvira lässt heute nichts aus. Sie stampft den Abhang entlang, findet genau hinter dem Zaun das für Kuhaugen wahrscheinlich beste und saftigste Grasbüschel der bisherigen Saison, versucht es verzweifelt zu erreichen – und muss beinah aufgeben.
Jetzt strengt sie sich wirklich an, die Arme. Aber dann endlich … Irgendwie schafft das Vieh es, die Köstlichkeit mit den Zähnen zu ergattern und ihren gierigen, ständig unterbeschäftigen Mägen zuzuführen.
Triumphierend und fest kauend dreht sich die Braunweiße mit dem feschen Haarbüschel vielleicht ein klitzeklein wenig zu schnell um – und setzt damit einen Stein ins Rollen.
Karner hört noch etwas krachen, die Felsbrocken, die auf ihn herabsausen, nimmt er auch noch wahr. Um sich in Sicherheit zu bringen, ist es aber bereits zu spät. Seine Mutter hat ihm einst wohl den falschen Rat mitgegeben, dorthin zu sehen, wo man hintritt. »Sei kein Hansguckindieluft«, wurde er immer gemaßregelt, wenn er nach oben blickte, während er vorwärts ging und Flugzeugen auf ihren Wegen zu fernen Zielen und nach Wolken Ausschau hielt. An und für sich ist das auch richtig so, da kann man seiner Mama keinen Vorwurf machen. Irgendwann hat er sich dann dran gehalten und die Augen dorthin gelenkt, wo er mit seinen Füßen hintrat.
Pech. Heute hätte ihm diese Unart vermutlich das Leben gerettet – denn die Felsbrocken, die jetzt herunterdonnern, sind wahrlich nicht von schlechten Eltern.
Nein, es ist nicht sein Tag heute – trotz des arbeitsfreien Vormittags und der herzerwärmenden Wanderung bei feinem Wetter. Am Morgen ist er eindeutig mit dem falschen Fuß aufgestanden, partout jetzt steht er wohl ebenfalls auf ebendiesem. Karner kommt nicht mehr rechtzeitig vom Fleck. Die lange und erfolgreiche Karriere des in der Damenwelt äußerst geliebten, alpinen Immobilien-Maklers endet abrupt an einem wunderschönen klaren Frühlingstag, in knapp 1.700 Meter Seehöhe inmitten der majestätischen Alpen nach lautem Krawall am Fuß einer Felswand – quasi nur einen Steinwurf von Giovannis Almhütte entfernt.
Elvira ist nichts passiert, sie hat die inzwischen wieder versammelte Herde erreicht, säuft etwas Wasser aus der Selbsttränke und setzt sich zufrieden neben ihrer Schwester Zerlina ins Gras – noch immer oder schon wieder dieses göttlich köstliche Gras kauend, das sie dort oben ergattern konnte. Der beschwerliche Ausflug hat sich gelohnt. Ein über alle Maßen großartiger Genuss.
Mein liebes Rindvieh, was willst du mehr?
Geht es seinen Kühen gut,
ist der Bauer wohlgemut.
Unglaublich: Wie sich der Tag, selbst nach dem Genuss von Dosenravioli, schlagartig noch einmal zum Schlechteren wandeln kann
So, alle Zäune im näheren Umkreis der Hütte sind ausgebessert und so weit wieder hergestellt. An der Westseite der Alm gibt es noch ein wenig Arbeit. Dort steht ein elektrischer Weidezaun. Die Pfosten sind in Ordnung, der Draht ist schnell neu gespannt. Es eilt jedoch nicht, da er die Kühe zumindest in der allernächsten Zeit nicht auf diesen Teil der Alm treiben will. Giovanni legt die Werkzeuge in einen kleinen Verschlag in der Scheune, schnauft noch einmal durch und begibt sich in seine Küche. Fein, kurze Kaffeezeit und ein paar Minuten lang die Füße hochlegen!
Löskaffee – Koffeinbrösel, wie er Bauer sie nennt. Gefriergetrocknet, dafür ist die Milch sehr frisch und bio. Mit einer blutroten, an einer Seite abgeschlagenen Tasse betritt der Bauer seine Veranda. Die Glocken seiner Kühe sind zu hören. Alles ist so, wie es sein sollte. Ein Vormittag auf Giovannis Alm.
Dann fällt ihm der Golfplatz-Karner wieder ein. Hat der sich tatsächlich so einfach aus dem Staub gemacht? Ohne weiter nachzubohren, ohne ihm gewohnheitsmäßig auf die Nerven zu gehen? Ungewöhnlich und gar nicht typisch für die Handlungsweise dieses Unsympathlers.
Dann entdeckt er plötzlich unter sich, an das linke vordere Bein seines Verandatisches gelehnt, einen dunkelblauen Rucksack. Neu, mit drei Extrataschen, einer fixierten, ebenfalls blauen Trinkflasche und mit Gore-Tex gegen Wasser geschützt. Das steht jedenfalls so drauf. Darin steckt eine Aktenmappe mit Vertragsentwürfen und dem Plan der schon bekannten neuzeitlichen, mit Zinnen gekrönten Raubritterburg mit elitärem Klubraum, einer Bar, sanitären Anlagen, Garagen, reichlich Abstellräumen und sonstigen Zimmern, die für weiß Gott was dienen sollen. Glaubt man den Gerüchten im Dorf und beachtet man die geplanten sanitären Anschlüsse, spricht alles für einen von Einheimischen und Touristen gleichermaßen seit Jahren lechzend geforderten, alpinen Puff. Offiziell würde das Karner allerdings nie sagen.
Komisch, wo ist eigentlich der Karner? Der würde sicher nie sein Allerheiligstes, das er in einem schnöden aber praktischen Wanderrucksack auf den Berg geschleppt hat, einfach so zurücklassen.
»Karner! Karner, wo bist du?«
Giovanni nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, sucht in Hütte, Stall und Plumpsklo nach dem Besucher.
Nichts.
Der Bauer hebt den Rucksack auf und stellt ihn in seine Küche. »Der wird sich schon wieder melden«, sagt er laut zu sich selbst. Dann geht Giovanni wieder ins Haus und widmet sich penibel der obligaten Hygiene seines Melkwerkzeuges. Er wäscht das Melkgeschirr, macht alles für die heutige Milchabholung am Nachmittag fertig und schlachtet schließlich eine Dose mit Ravioli.
Die blaue Büchse mit einem vielversprechenden Bild eines Tellers voll köstlicher Pasta ist von der alten Sorte und nicht so mir nichts dir nichts mit einem eingearbeiteten Clip zu öffnen. Doch wenn der Bauer am einsamen Leben etwas hasst, dann ist es das Essen von Fertiggerichten.
Giovanni ist kein großer Koch. Tagein, tagaus Käse- und Speckbrot sind aber nicht das Wahre. Schmarren, Nudeln und Omeletten, Kartoffeln und Polentagerichte – die Klassiker eben – bekommt er ganz gut hin. Würstel oder Ähnliches sind auch keine allzu große Herausforderung, Dosenfutter aber ist praktisch, geht schnell – und macht satt. Ob das Fleisch vom Schwein, Pferd oder Gnu stammt, ist ihm wurscht. Wie bereits gesagt: Es macht satt.
Giovanni schneidet sich noch zwei Scheiben Schwarzbrot ab, das auch schon bessere Tage gesehen hat, und stellt sein Mahl auf den Tisch auf der Veranda. Vom Brunnen wird noch schnell ein Glas Wasser geholt, fertig ist die mittägliche Kalorienzufuhr. Er nimmt hinter dem schmalen Tisch auf der Vorbeibank Platz und greift zur alten, ziemlich verbogenen Gabel. »Mahlzeit«, Augen zu und durch.
Als er mit dem letzten Brotstück den allerletzten Rest der roten Soße vom Teller wischt, fällt ihm Karner wieder ein. Sein heutiger Besuch und sein plötzliches Verschwinden lassen Giovanni keine Ruhe. Was der alte Schlawiner wohl wieder im Schilde führt?
Eigentlich will er ja wirklich nur ein kleines Stück Land von ihm erwerben. Der Großteil des Golfprojekts würde sich ja auf dem Nachbargrundstück abspielen. Jungbauer und Internettussi-Gatte Vitus könnte so sein ganzes Erbe zu 16 bis 17 Löchern verwandeln und auf sein Inselreich in der ewigen Sonne flüchten. Sogar ein Teil des Klubhauses hätte noch auf Nachbars Scholle Platz. Giovanni müsste nur das Fleckchen für die restlichen ein bis zwei Löcher dazu beisteuern, die Fläche für den Parkplatz und die paar Quadratmeter Boden für ein paar der elitären Türmchen und zweckmäßig eingerichteten Bordellgemächer, auf dass man endlich im Dorf dem Golfspiel frönen und die Laterne mit dem roten Lichtlein entzünden könne. Jeder hätte dann seinen Spaß.
Das kleine bisschen Grund. Ist ja nicht viel. Es stimmt schon, in Wirklichkeit täte ihm der Verkauf ja gar nicht weh.
Nein. Dass er verkauft, kommt nicht infrage. Dem Landwirt obliegt die Landschaftspflege. Und er schaut darauf, dass die alte Kulturlandschaft das bleibt, was sie ist. Auslaufplatz und Futterlieferant für sein kauendes Kollektiv. Keine dubiose Gesellschaft, diese ganze Bagage denkt nur ans Einlochen. Wenn es nach ihm geht, wird aus dem Dorf keine Mischkulanz aus Pebble Beach und St. Pauli. Punktum.
Giovanni befindet, dass es wieder Zeit sei, nach seinen Lieben zu sehen. Schon von Weitem bemerkt er, dass sich gut die Hälfte seiner Rinder am Felsen versammelt hat und nahe beieinander steht. »Da wächst ja nicht gerade viel, was suchen die Mädels wohl dort?«
Schneeflöckchen und Elvira versperren Giovanni zuerst noch die Sicht. Etwas Bläuliches scheint dort auf dem Boden zu liegen. Etwas, das die Aufmerksamkeit seiner Rinder auf sich lenkt. Der Bauer kommt ein paar Schritte näher – als sich das Blaue aber als Wanderjacke herausstellt, die ein offensichtlich lebloser Karner trägt, wird Giovanni kurz schwarz vor Augen. Er läuft los, verscheucht die Kühe und steht schließlich direkt vor dem Malheur.
Blut, überall Blut.
Heinz Karners Kopf ist voll davon. Von seiner klaffenden Wunde am Schädel weg hat sich ein kleines rotes Bächlein gebildet, das hinter der automatischen Viehtränke vermischt mit Wasser und Rinderpisse allmählich an Farbe einbüßt.
Giovanni kniet neben seinem Besucher. Schüttelt ihn, sucht einen Puls, zippt ihm die Jacke auf und führt sogar sein Ohr ganz nahe an das Herz des Darniederliegenden. Das hat aber schon lange aufgehört zu schlagen.
»Tu mir das nicht an! Nicht auf meiner Alm!« Giovanni fuchtelt wieder mit seinen Armen, versucht die Fliegen rund um den Leichnam zu verscheuchen, ohne auch nur die geringste Chance zu haben. Dann steht er auf, um die Szenerie zu überblicken. »Wie ist das passiert? Was ist hier zum Teufel noch mal geschehen?«
Die Kühe verweigern freilich eine Antwort, verlassen jetzt langsam den grausigen Fundort und pilgern unter angenehmem Glockengebimmel neuen Gräsern und Kaufreuden entgegen. Irgendwie muss sie der leblose Körper angezogen haben. Blau gekleideter Mensch, im Dreck liegend und ganz in der Nähe der Viehtränke befindlich … Als die Damen aber feststellen müssen, dass damit keine Verbesserung ihrer an und für sich ja idealen Situation an einem derart schönen Tag mit reichlich Frischfutter und Wasser zum Runterspülen verbunden ist, wenden sie sich ab. Was geht sie das schließlich an?
