Mörderische Aussichten: Thriller & Krimi bei Droemer Knaur #14 - Veit Etzold - kostenlos E-Book

Mörderische Aussichten: Thriller & Krimi bei Droemer Knaur #14 E-Book

Veit Etzold

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Beschreibung

Verschwörungen, Nervenkitzel, Psychoterror, knifflige Mordfälle und dunkle Geheimnisse – all das finden Sie in dieser Leseproben-Sammlung. Mit Tibor Rodes Thriller »Lupus« erwartet Sie ein filmreifer Wissenschaftsthriller im Spannungsfeld zwischen Mensch, Technik und Natur: In deutschen Wäldern häufen sich Angriffe scheinbar wildgewordener Wölfe, zeitgleich verschwinden nachts Jäger auf der Pirsch. Aber sind sie tatsächlich Wölfen zum Opfer gefallen oder hat man es mit Mord zu tun? Tierärztin Jenny Rausch und Staatsanwalt Bach geraten in einen Strudel aus Ereignissen, die Verbrechen während der Nazi-Zeit, eines der bestgehüteten Geheimnisse der DDR-Diktatur und ein Familiendrama miteinander verknüpfen. Im Locked-Room-Psychothriller »Freier Fall« von Clare Mackintosh steht Flugbegleiterin Mina vor einer unmöglichen Entscheidung. Gerade noch bedient sie die anspruchsvollen Gäste in der Business Class, als ihr jemand einen Zettel in die Hand drückt. Die Botschaft: Wenn Flug 79 dank Minas Hilfe sein Ziel nie erreicht, wird ihre Tochter Sophia leben – andernfalls ist sie tot. Die Flugzeit beträgt 20 Stunden – zu viel oder zu wenig Zeit für eine Entscheidung über Hunderte Leben? Reichtum, Macht und Bosheit erwartet Sie in Elyse Friedmans »Die Durchtriebenen«, einer fesselnden Mischung aus Thriller und Familiendrama: Ed Shropshire hat scheinbar das große Los gezogen, als er sich in seine rund 50 Jahre jüngere Pflegerin Kelly verliebt. Doch Eds Söhne sehen ihr Erbe dahinschwinden und bitten sogar ihre Schwester Alana, die der Familie seit Jahren den Rücken gekehrt hat, um Hilfe. Erst als die Hochzeit angekündigt wird, ist die alleinerziehende Mutter bereit, eine Rolle im Plan ihrer geldgierigen Brüder zu spielen. Doch schon bald ist nicht mehr klar, wer hier eigentlich welches Ziel verfolgt. Diese und weitere Geschichten von Autor*innen wie Veit Etzold, Steffen Weinert und S. J. Bennett finden Sie in den Vorab-Leseproben zu den Spannungs-Titeln von Droemer Knaur, die im Herbst und Winter 2024 erscheinen. Nervenkitzel und beste Unterhaltung garantiert! Das kostenlose eBook enthält Leseproben zu: - Veit Etzold, »Final Blood« - Tibor Rode, »Lupus« - Steffen Weinert, »Eisfeld – Der Fall Katharina S.« - S. J. Bennett, »Die Tote trug Diamanten« - Elyse Friedman, »Familie ist gefährlich« - Clare Mackintosh, »Freier Fall« - Orlando Murrin, »Mit scharfer Klinge« - Jeneva Rose, »Feeling Safe« - Christine Grän & Marianne von Waldenfels, »Das Fräulein muss sterben« - Bonnie Kistler, »Die Anwältin«

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Veit Etzold / Tibor Rode / Steffen Weinert / S. J. Bennett / Elyse Friedman / Clare Mackintosh / Orlando Murrin / Jeneva Rose / Christine Grän / Marianne von Waldenfels / Bonnie Kistler

Mörderische Aussichten: Thriller & Krimi bei Droemer Knaur #14

Ausgewählte Leseproben von S. J. Bennet, Veit Etzold, Clare Mackintosh u.v.m.

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Verschwörungen, Nervenkitzel, Psychoterror, knifflige Mordfälle und dunkle Geheimnisse – all das finden Sie in dieser Leseproben-Sammlung.

 

Mit Tibor Rodes Thriller Lupus erwartet Sie ein filmreifer Wissenschaftsthriller im Spannungsfeld zwischen Mensch, Technik und Natur: In deutschen Wäldern häufen sich Angriffe scheinbar wild gewordener Wölfe, zeitgleich verschwinden nachts Jäger auf der Pirsch. Aber sind sie tatsächlich Wölfen zum Opfer gefallen, oder hat man es mit Mord zu tun? Tierärztin Jenny Rausch und Staatsanwalt Bach geraten in einen Strudel aus Ereignissen, die Verbrechen während der Nazizeit, eines der bestgehüteten Geheimnisse der DDR-Diktatur und ein Familiendrama miteinander verknüpfen.

Im Locked-Room-Psychothriller Freier Fall von Clare Mackintosh steht Flugbegleiterin Mina vor einer unmöglichen Entscheidung. Gerade noch bedient sie die anspruchsvollen Gäste in der Businessclass, als ihr jemand einen Zettel in die Hand drückt. Die Botschaft: Wenn Flug 79 dank Minas Hilfe sein Ziel nie erreicht, wird ihre Tochter Sophia leben – andernfalls ist sie tot. Die Flugzeit beträgt zwanzig Stunden – zu viel oder zu wenig Zeit für eine Entscheidung über Hunderte Leben?

Reichtum, Macht und Bosheit erwarten Sie in Elyse Friedmans Die Durchtriebenen, einer fesselnden Mischung aus Thriller und Familiendrama: Ed Shropshire hat scheinbar das große Los gezogen, als er sich in seine rund fünfzig Jahre jüngere Pflegerin Kelly verliebt. Doch Eds Söhne sehen ihr Erbe dahinschwinden und bitten sogar ihre Schwester Alana, die der Familie seit Jahren den Rücken gekehrt hat, um Hilfe. Erst als die Hochzeit angekündigt wird, ist die alleinerziehende Mutter bereit, eine Rolle im Plan ihrer geldgierigen Brüder zu spielen. Doch schon bald ist nicht mehr klar, wer hier eigentlich welches Ziel verfolgt.

Diese und weitere Geschichten von Autor*innen wie Veit Etzold, Steffen Weinert und S.J. Bennett finden Sie in den Vorab-Leseproben zu den Spannungs-Titeln von Droemer Knaur, die im Herbst und Winter 2024 erscheinen. Nervenkitzel und beste Unterhaltung garantiert!

 

Das kostenlose eBook enthält Leseproben zu:

Veit Etzold, Final Blood

Tibor Rode, Lupus

Steffen Weinert, Eisfeld – Der Fall Katharina S.

S.J. Bennett, Die Tote trug Diamanten

Elyse Friedman, Die Durchtriebenen

Clare Mackintosh, Freier Fall

Orlando Murrin, Mit scharfer Klinge

Jeneva Rose, Feeling Safe

Christine Grän & Marianne von Waldenfels, Das Fräulein muss sterben

Bonnie Kistler, Die Anwältin

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Vorwort des Lektorats

Veit Etzold | Final Blood

Tibor Rode | Lupus

Steffen Weinert | Eisfeld

S.J. Bennett | Die Tote trug Diamanten

Elyse Friedman | Die Durchtriebenen

Clare Mackintosh | Freier Fall

Orlando Murrin | Mit scharfer Klinge

Jeneva Rose | Feeling Safe

Grän & von Waldenfels | Das Fräulein muss sterben

Bonnie Kistler | Die Anwältin

Liebe Leser*innen,

packen Sie Ihre detektivischen Fähigkeiten aus und ziehen Sie sich warm an! Es ist wieder an der Zeit, sich in die fesselnden Tiefen des niederen Verbrechens und der menschlichen Abgründe zu stürzen. Denn auch unsere Spannungs-Neuerscheinungen im Herbst versprechen wieder absoluten Nervenkitzel, der Sie bis zur letzten Seite in Atem halten wird!

 

Seien Sie Zeuge, wie ein Berliner Luxushotel zum Schauplatz eines bestialischen Mordes wird und wie eine brillante Anwältin die grausame Wahrheit über ihren Mandanten aus erster Hand erfahren muss. Nehmen Sie mit der jungen Queen Elizabeth im England der 50er-Jahre die Ermittlungen in einem äußerst pikanten Fall auf, erfahren Sie, warum es für Koch Paul Delamare auf Messers Schneide steht und wie durchtrieben die Mitglieder einer bis ins Mark verdorbenen Familie tatsächlich sind. 

Von nervenaufreibender Hochspannung bis zum kulinarischen Kriminalroman, vom KI-Thriller bis zum royalen Cosy Crime ist in diesem eSampler alles dabei, was das kriminalistische und spannungsgeladene Leseherz begehrt!

 

Viel Spaß beim Lesen, Mitfiebern und Miträtseln wünscht

Ihr Droemer-Knaur-Team

 

PS: Wir sind gespannt auf Ihre Meinung. Besuchen Sie uns auf Instagram und erzählen Sie uns, auf welchen Roman Sie sich am meisten freuen: Auf @droemerknaur teilen wir alle Neuigkeiten rund um unsere Bücher mit unserer Community.

Veit Etzold

Final Blood

Thriller

Ein Luxushotel in Berlin wird zum Schauplatz eines bestialischen Mordes: Ein Ministerpräsident und seine Familie liegen tot in ihrer Suite.

Patho-Psychologin Clara Vidalis und ihrem Team vom LKA bietet sich ein Bild des Grauens. Offenbar wurden die Opfer post mortem verstümmelt, eingeritzt in ihre Haut finden sich seltsame Zeichen. Als wäre das nicht genug, stehen auf dem Esstisch der Suite Weingläser, die mit Blut gefüllt sind.

Auf TikTok taucht kurz darauf ein Video auf, das offenbar direkt nach der Tat aufgenommen wurde. Es zeigt das Hotelzimmer und einen maskierten Mann, der aus einem mit roter Flüssigkeit gefüllten Weinglas trinkt. Plötzlich scheinen die sozialen Netzwerke ein verstörendes Eigenleben zu entwickeln …

Veit Etzolds Thriller-Reihe um die toughe Clara Vidalis ist in folgender Reihenfolge erschienen:

Final Cut

Seelenangst

Todeswächter

Der Totenzeichner

Tränenbringer

Schmerzmacher

Blutgott

Höllenkind

Final Blood

[Der Prolog ist nicht Teil dieser Leseprobe]Kapitel 1
Intercon Hotel, Tiergarten, Berlin

Die Dunkelheit, die Lea in ihren schwarzen Klauen gefangen hielt, war erdrückend. Die Schatten, die sich um sie legten, waren keine Schatten. Sie schienen greifbar zu sein. Und sie schienen zu leben. Schwarz, formlos und böse. Die Angst, die sie spürte, war so stark, dass sie an nichts anderes mehr denken konnte.

Sie hatte Angst und wollte fliehen, doch sie konnte sich nicht bewegen. Sie hatte Angst und wollte schreien, doch ihre Stimmbänder waren wie zugeklebt. Sie wollte rennen, wollte schreien. Doch sie war zur Salzsäule erstarrt.

Dafür sprach jemand anderes. Sie hörte die Stimmen. Sie kannte die Stimmen. Und das machte die Sache nicht erträglicher, sondern noch unheimlicher. Denn diese Stimmen, die sie kannte, sprachen in einer Art, wie diese Stimmen niemals sprechen sollten. Die Stimmen kannte Lea, aber die Art, wie diese Stimmen sprachen, war ihr völlig fremd. Die Dunkelheit war lebendig, und die Stimmen waren ihre dunklen Botschafter.

Lea versuchte erneut, wegzulaufen, doch ihre Beine bewegten sich nicht. Sie versuchte zu springen, doch sie blieb beharrlich liegen, wie eine Larve in einem Kokon. Sie war gelähmt und konnte nur hilflos zusehen, wie die Dunkelheit näher kam, wie die Stimmen lauter und höher wurden. Dann war da noch eine andere Stimme. Eine Stimme, die sie nicht kannte. Und das versetzte sie vollends in Panik. Denn es war nicht nur eine Stimme, die irgendwelche Anweisungen gab. Es war eine Stimme, die lachte.

Lea schrie. Endlich waren ihre Stimmbänder nicht mehr zugeklebt. Endlich konnte sie schreien. Und sie schrie – doch kein Ton entkam ihrer Kehle.

Sie wollte diese Stimmen nicht hören, sie wollte auch nicht schreien müssen.

Sie wollte nur eine Stimme hören, die ihr sagte: Lea, du hattest einen Albtraum. Aber jetzt ist er vorbei.

Doch diese Stimme hörte sie nicht.

Kapitel 2
Stadtautobahn AVUS Richtung Grunewald, Berlin

»Bist du früher schon mal geritten?«, fragte Clara.

Sophie schüttelte den Kopf, während sie den Audi steuerte. Es war zwar Claras Wagen, doch Sophie fuhr, da Clara noch ein Gutachten für Montag lesen wollte. Oder besser musste. Darum las sie auch kaum darin, sondern stellte Sophie ständig Fragen. Es war so ähnlich wie während des Studiums, als sie irgendeine langweilige und überflüssige Hausarbeit schreiben musste und stattdessen lieber andere Arbeiten machte, bei denen man wenigstens ein Ergebnis sah, wie etwa beim Fensterputzen.

»Nein«, sagte Sophie. »Beziehungsweise ja.«

»Was denn nun?«

»Ganz selten mal als Dreizehnjährige. So wie alle jungen Mädchen. Aber dann waren andere Sachen wichtiger.«

»Jungs und Schminktipps?«, fragte Clara.

»Es klingt traurig, aber so ähnlich war das.« Sophie schaute Clara an. »Und du bist gar nicht geritten?«

»Ich bin nach wie vor skeptisch«, sagte Clara. »Ich bin junge Mutter. Wenn ich vom Pferd falle und mir was breche, dann ist das sehr schlecht.«

»Dir kann auch ein Blumentopf auf den Kopf fallen und deinen Schädel brechen«, sagte Sophie, »das muss ich dir in deinem Job ja wohl nicht erzählen.«

»Musst du nicht.«

Ich kann draufgehen, wenn ich euch was erzähle, sagten irgendwelche Gangmitglieder immer, wenn Clara und Winterfeld sie verhörten.

Kannst du auch, wenn du den Hund ausführst, sagte Winterfeld dann immer.

Clara blickte auf die Berliner Stadtautobahn AVUS. Sophie, eine Kollegin aus der Rechtsmedizin, Freundin und Trauzeugin, hatte Clara lange überredet, doch einmal eine Reitstunde mit ihr zu nehmen.

»Aber du siehst das nicht so eng?«, fragte Clara.

»Reiten ist super«, sagte Sophie, »total entspannend, und die Pferde merken sofort, ob du fokussiert bist oder nicht.«

»Was ist daran entspannend, fokussiert zu sein?«, fragte Clara.

»Na ja, wenn du abgelenkt bist, machen die Pferde, was sie wollen.«

»Zum Beispiel?«

»Einfach stehen bleiben, fressen, querfeldein laufen oder was immer ihnen einfällt.«

»Die merken also, wenn man nicht bei der Sache ist? So als ob die Gedanken lesen können?«

»Das können sie definitiv.«

»Krass.«

»Und wenn sie merken, dass du nicht fokussiert bist, machen sie umso mehr ihr eigenes Ding. Schon allein, um dir den Spiegel vorzuhalten.«

»Okay, das klingt blöd.«

»Deshalb bist du gezwungen, fokussiert zu sein. Sonst macht das Pferd, was es will. Und das willst du ja nicht.«

»Und das ist der Vorteil? Gezwungen sein, fokussiert zu sein?«

»Ja, weil du an den ganzen Alltagsscheiß nicht denkst. Das Pferd zwingt dich zum Fokus. Und damit auch zum Abschalten.«

»Hm, das klingt fast schon wieder gut.«

»Weißt du«, sagte Sophie, »ich habe ja viel probiert. Zumba-Fitness, das war okay. Laufen war immer langweilig. Runners High oder wie immer man das nennt, hatte ich nie.«

»Hast du nicht auch Yoga gemacht?«

»Auch.« Sophie nickte. »Ist sehr gesund, aber auch echt nervig, immer schwitzend in verdrehter Position auf dem Boden rumzuhampeln.«

»Verstehe ich sehr gut.« Clara hatte ebenfalls Yoga gemacht, zudem Kampfsport, Krav Maga, Fitness und auch Krafttraining. Dass ihr das alles allzu großen Spaß gemacht hätte oder machen würde, konnte sie nicht von sich behaupten. Leider gab es keine Alternative zum Sport, wenn man nicht mit dem Alter zunehmend abbauen wollte, was Clara nicht vorhatte. Denn das Einzige, was einem auf der Welt geschenkt wurde und was ohne Mühe ging, war, arm, dumm und fett zu werden.

»Bei den meisten Sportarten«, fuhr Sophie fort, »schaust du ständig auf die Uhr und fragst dich, ob die Zeit stehen geblieben ist.«

»Weil sie einfach nicht vergeht?«

»Genau. Du quälst dich joggend durch den Wald, und es liegen erst zweihundert Meter hinter dir. Oder zwei Minuten. Oder was auch immer.«

»Warum ist das denn beim Reiten so anders?«

»Weil du durch den Fokus die Zeit vergisst. Du bist fast in einer Art Trance. Du und das Pferd. Und sonst nichts.«

»Das klingt fast schon esoterisch.«

»Ist es! Pferde sind sehr wahrnehmungsstarke Wesen. Je mehr du sie wahrnimmst, desto mehr nehmen sie auch dich wahr. Und es sind Fluchttiere. Pferde schlafen nur drei bis fünf Stunden in der Nacht. Tagsüber dösen sie mal ein bisschen. Aber ihre Schlafphasen sind nicht länger als fünfzehn Minuten.«

»Wären gute Wachhunde, wenn sie so wenig schlafen.«

»Das Problem ist nur, dass es Fluchttiere sind. Während der Hund Rabatz macht, hauen die Pferde ab.« Sophie blinkte und fuhr um die Kurve. »Wir sind da.«

Kapitel 3
Intercon Hotel, Tiergarten, Berlin

Lea schreckte auf. Sie war tatsächlich in ihrem Bett. Nicht irgendwo gefesselt, nicht in einer Albtraumwelt oder in irgendeinem Spinnennetz oder einer grauenhaften Horrorwelt.

Aber sie war auch nicht in ihrem Bett, das sie kannte, sondern in dem Hotelzimmer, in dem sie mit ihren Eltern gestern Nachmittag eingecheckt hatte.

Sie atmete ein, spürte ihre trockene Kehle und hustete. Sie keuchte noch einmal und versuchte, ihren rasselnden Atem zu beruhigen. Dann blickte sie sich um. Das Erste, was sie wahrnahm, war, dass die Sonne nicht schien. Es war noch tiefste Nacht. Normalerweise war es so, dass es dunkel war, wenn sie die Augen schloss, und dass es hell war, wenn sie die Augen öffnete. So war es, wenn es normal und damit gut war. Aber so war es jetzt nicht. Es war nicht normal. War es dann auch nicht gut? Was war das Gegenteil von gut? Böse? Sie zwang sich, diesen Gedanken nicht weiterzudenken.

Die Jalousien waren geöffnet, und ihr Schlafraum war in sanftes Mondlicht getaucht. Es war Vollmond, das hatte sie gestern Abend auch in der Wetter-App auf ihrem Smartphone gesehen. Der Mond stand silberweiß am Himmel und tauchte die Nacht in ein kaltes Licht. Die Nacht, die Umgebung und ihr Zimmer. Um sich herum konnte sie die Umrisse der Möbel erkennen. Die Tür von ihrem Schlafzimmer zur Suite war geöffnet. Dahinter war das Schlafzimmer ihrer Eltern. Die Möbel der Suite waren ebenfalls in das Mondlicht getaucht. Und das war alles. Die Dunkelheit, der Schatten und die Stimmen – alles war verschwunden. Da war nur das weißliche Licht des Mondes. Und Leas Atem in der Stille der Nacht.

Leas Herzschlag verlangsamte sich allmählich. Sie atmete durch und setzte sich im Bett auf.

Was für ein grauenvoller Traum, dachte sie und hörte ihr Herz in ihren Ohren pochen. Sie hörte ihren Atem. Und ihr Herz. Und das Pfeifen in ihrer trockenen Kehle.

Es ist alles in Ordnung, wollte sie sich sagen. Dann flüsterte sie leise: »Mama.«Sie fragte sich, warum sie flüsterte. So würde ihre Mama sie niemals hören. Sie überlegte sich, lauter zu sprechen. Doch das tat sie nicht.

Ihre Stimme, die sie in der Dunkelheit hörte, hatte ihr Angst eingejagt. Denn sie wusste, wie es klingen würde, wenn sie auf diese Weise in der Dunkelheit die Stimme erhob. Es klang nicht nur so, als wäre sie verrückt und würde mit sich selbst sprechen. Es war noch viel schlimmer. Es klang dann, als wäre noch jemand anderes im Raum. Jemand anderes, jemand Fremdes, jemand Böses.

Und wenn sie lauter sprach, würde dieser andere sie hören.

Sie lauschte in die Dunkelheit.

Nichts. Es war nichts zu hören.

Sie überlegte, ob sie zu ihren Eltern gehen sollte. Oder versuchen sollte zu schlafen. Denn etwas in ihr weigerte sich, jetzt das Bett zu verlassen. Denn auch wenn das Bett der Ort war, an dem sie diesen schrecklichen Albtraum gehabt hatte, auch wenn sie sich bis eben nicht bewegen konnte und alles dafür gegeben hätte, sich endlich bewegen zu können, endlich flüchten zu können – irgendeine uralte Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass sie genau hier bleiben sollte. Nicht aus dem Bett gehen sollte. Und auf keinen Fall diesen Raum verlassen sollte.

Sie blieb also unentschlossen im Bett sitzen.

Dann hörte sie die Stimme.

Erst leiser, dann lauter.

Die Stimme, die so bekannt, aber auch so anders klang. Und darum umso bedrohlicher. Und noch eine Stimme.

Die andere Stimme. Die fremde Stimme. Die böse Stimme.

Die Stimme aus ihrem Traum.

Nur diesmal träumte sie nicht.

Kapitel 4
Reiterhof Grunewald, Berlin

»Leadership und Führung lernst du beim Reiten auch«, sagte Sophie, als sie ausstiegen und ihre Taschen aus dem Kofferraum holten.

»Das wird ja immer toller. Demnächst kann ich, statt einen Harvard MBA zu machen, auch zum Reiten gehen.«

»Ist tatsächlich fast so.« Sophie nickte. »Einerseits musst du dem Pferd klar zeigen, dass du das Sagen hast. Das ist der berühmte Fokus. Weil das Pferd sonst macht, was es will.«

»Ein Pferd ist ja auch viel stärker und größer und wiegt manchmal sogar zehnmal so viel wie ein Mensch.«

»Richtig. Und du sitzt drauf, bist also von dem Vieh abhängig. Das heißt, du musst ihm auch vertrauen.«

»Verstehe«, sagte Clara, »Vertrauen und Kontrolle. Der ewige Widerstreit.«

»Der sich nur beim Reiten lösen lässt.« Sophie kniff ein Auge zusammen.

»Du solltest Reitstundenverkäuferin werden«, sagte Clara.

Sie gingen durch das Tor und über einen Sandweg, der zur Halle führte. Der Reiterhof lag abseits der Stadt, umgeben von weitläufigen Feldern und Wäldern, um den Pferden genügend Raum für Ausritte und Weidegang zu bieten. Es roch nach Pferden, Pferdemist und Herbstlaub. Rund um die Reithalle gab es Stallungen, in denen die Pferde untergebracht waren. Jedes Pferd hatte seine eigene Box, da sich Hengste, Wallache und besonders Stuten untereinander nicht immer grün waren. Das Wort Stutenbissigkeit war nicht ohne Grund erfunden worden. In der Nähe waren zwei Restaurants, in denen Clara und Sophie später Mittagessen wollten. Claras Tochter war das Wochenende bei Claras Eltern, und sie würden Victoria Mitte der Woche wieder vorbeibringen.

»Und dann geht es gleich aufs Pferd?«, fragte Clara.

»Von wegen«, sagte Sophie und zeigte Richtung der Stallungen. »Erst werden die Pferde geholt. Dann werden sie gestriegelt, gebürstet, die Hufe ausgekratzt, gesattelt, aufgetrenst …«

»Aufge-Was?«

»Aufgetrenst. Die Trense, das ist dieses Ding, das die Pferde ins Maul kriegen, damit man sie lenken kann. Wobei gute Reiter eher über die Beine lenken als über die Zügel.«

»Okay«, sagte Clara, »das machen wir alles, und dann erst geht es aufs Pferd?«

»Und dann erst geht es aufs Pferd.« Sophie nickte. »Ist aber alles Teil des Vergnügens. Und baut Vertrauen zu den Tieren auf. Du weißt ja: Vertrauen und Kontrolle.«

»Klingt irgendwie nach Arbeit«, sagte Clara.

»Das klingt nicht nur so.«

Kapitel 5
Intercon Hotel, Tiergarten, Berlin

Lea zog sich nach hinten in ihr Bett zurück, als sie die Stimme hörte.

Sie wollte sich noch weiter zurückziehen, am besten in der Wand verschwinden. Doch es war zu spät.

In dem Moment öffnete sich schon die Tür. Die Tür in der Suite zum Schlafzimmer ihrer Eltern.

Lea sah es am Umriss. Es war nicht der Umriss von Mama. Nicht der Umriss von Papa.

Es war ein fremder Mann.

Lea konnte nicht anders, als in das Schlafzimmer zu blicken.

Mama und Papa saßen nackt auf Stühle gefesselt. Es war ein seltsames Gefühl, die eigenen Eltern nackt zu sehen. Natürlich hatte Lea sie schon im Urlaub nackt oder halb nackt gesehen, am See, im Meer, im Schwimmbad. Sie beide aber in der Gegenwart eines fremden Mannes nackt zu sehen, war viel verstörender. Und die Eltern nackt und gefesselt zu sehen, war unerträglich.

Der Mann wandte sich Lea zu. Seine Bewegung war langsam und kalkuliert, aber auch abwartend und kraftvoll. Wie eine Mischung aus Raubtier und Roboter.

»Ich weiß nicht, wie du heißt«, sagte der Mann. Lea konnte sein Gesicht nicht sehen, weil der Mann eine schwarze Maske trug. »Aber ich will, dass du dich von deinen Eltern verabschieden kannst. Komm näher.«

Von deinen Eltern verabschieden! Die Worte brannten sich in Leas Gehirn, als würden die einzelnen Buchstaben mit glühenden Eisen aufgebracht. Verabschieden für wie lange? Wollte der Mann ihre Eltern mitnehmen? Oder sie, Lea? Oder meint er etwa verabschieden … für immer?

Lea saß wie gelähmt im Bett. Der Mann machte eine lockende Handbewegung. »Komm näher!« Es klang freundlich, aber so war es nicht gemeint.

»Kommst du?«

Lea konnte sich weder nach vorne noch nach hinten bewegen. Konnte weder zu dem Mann gehen noch fliehen. Sie war genauso erstarrt wie in dem Spinnennetz der Angst, in dem sie in ihrem Albtraum gefangen gewesen war.

Der Mann zog eine Waffe.

»Wenn du nicht kommst, schieße ich deiner Mama in den Fuß«, sagte er mit einer Stimme, die es gewohnt war, keinen Widerspruch zu dulden. »Kommst du?«

Laura blickte kurz auf die Waffe, auf den nackten Fuß ihrer Mama und dann auf den Mann. Wie ferngesteuert erhob sich Lea und ging wie ein Zombie in den Schlafraum ihrer Eltern.

Mama und Papa, nackt und schweißgebadet, waren nicht nur gefesselt, sondern auch geknebelt, deswegen konnten sie nicht mit ihr sprechen. Und deswegen hatte Lea auch nur die fremde Stimme gehört. Ihr Vater brachte lediglich ein Grunzen hervor. Ihre Mutter versuchte, Leas Blick auf sich zu ziehen, weg von dem schwarzen Mann, hin zu ihr, so als wollte sie sagen, Lea, ich bin’s, Mama, ich bin auch noch da. Doch was bei Lea von diesem imaginären Satz hängen blieb, war nur das Wort noch.

Lea zitterte. Sie war wie verätzt vor Angst, während sie wie programmiert einen Schritt nach dem anderen nach vorne ging, sodass sie den Terror noch gar nicht ganz spürte. Es war, als würde sich das Entsetzen erst nach und nach seinen Weg bahnen. Vielleicht würde sie dann bewusstlos zu Boden fallen. So wie früher, wenn sie sich mit Grippe infiziert hatte, es ihr aber am Tag der Ansteckung noch gut ging und die Krankheit erst einen Tag später zuschlug.

Grippe, dachte sie ganz kurz, das war ein schönes Problem aus schönen Zeiten. Da gab es heißen Tee ans Bett, sie durfte unbegrenzt fernsehen, und alle waren lieb zu ihr.

Dann war der Gedanke schon wieder weg, und der Terror war wieder da.

Ihre Eltern waren mit Klebeband geknebelt, ihre Münder waren verdeckt. Doch die Augen ihrer Eltern waren zu sehen. Und die Augen ihrer Eltern bestanden nur aus Angst. Sie versuchten, sich die Angst nicht anmerken zu lassen, versuchten, Lea anzuschauen, ihr mit ihren Augen zu zeigen: Es wird alles gut, Mama und Papa sind da, es ist nur ein böser Traum.

Doch all das stimmte nicht. Ja, Mama und Papa waren da, das stimmte. Aber Mama und Papa waren in der Gewalt eines fremden, bösen Mannes. Und deswegen wurde nicht alles gut, weil es eben nicht nur ein böser Traum war. Lea hatte geglaubt, dass es ein böser Traum war, aber es war die bitterböse Realität.

Aus Mamas Augen konnte Lea sehen, dass sie mehr Angst um ihre Tochter hatten als um sich selbst.

»Tu … tu meinen Eltern nichts.« Lea war selbst überrascht über die Stimme, die aus ihrem Mund kam.

Der Mann schien unter seine Maske zu lächeln.

»Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber genau deswegen bin ich hier.«

Er zeigte nacheinander mit dem Finger auf Papa, Mama – und Lea. »Hört ihr mir zu?«

Die Frage war komplett überflüssig, denn alle sechs Augen waren starr auf den Mann gerichtet.

»Ich bin nicht hier, um euch nichts zu tun. Ich bin hier, um euch etwas zu tun.« Der Mann machte eine Pause, während Lea abwechselnd auf ihn, auf Mama und auf Papa schaute. Dann sprach er weiter.

»Du wirst sterben, du wirst sterben, und du wirst sterben«, sagte er und zeigte auf Mama, Papa – und Lea.

 

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Final Blood erscheint am 02.09.2024!

Tibor Rode

Lupus

Alles Böse kehrt zurück
Thriller

Ohne jede Spur verschwinden nachts Jäger auf der Pirsch – so auch der Vater von Tierärztin Jenny Rausch. Zeitgleich häufen sich Angriffe scheinbar wild gewordener Wölfe in deutschen Wäldern. Die Kameras auf einem eigens eingerichteten und von KI gesteuerten Schutzzaun zeichnen seltsame Daten auf, was Staatsanwalt Frederik Bach auf den Plan ruft. Sind die vermissten Jäger tatsächlich Wölfen zum Opfer gefallen, oder hat man es mit Mord zu tun? Staatsanwalt Bach und Jenny geraten in einen Strudel aus Ereignissen, die Verbrechen während der Nazizeit, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der DDR-Diktatur und ein Familiendrama miteinander verknüpfen. Antworten finden die beiden schließlich in Jennys eigener Vergangenheit – und auf der gefährlichsten Insel der Welt.

 

Lupus von Tibor Rode ist ein filmreifer Wissenschaftsthriller im Spannungsfeld zwischen Mensch, Technik und Natur.

Prolog

»Lauf in den Wald!«, hatte Vater gerufen. Alex spürte die Panik. Aber auch, dass er keinen Widerspruch duldete. Ungewohnt streng hatte er geklungen, die Hintertür aufgerissen und Alex hinaus in den Garten gelassen, nein, gestoßen. Und dann, noch bevor die Tür sich wieder ganz schloss, erklang der Schrei. Ein Laut voller Verzweiflung und Schmerz. Und so rannte Alex los, hinaus in die Dunkelheit. »Unser kleiner Märchenwald«, hatte Mutter die Bäume am Ende ihres Gartens immer genannt. Bei dem Gedanken an Mama spürte Alex ein Stechen in der Seite. Oder kam es vom Laufen? Irgendetwas war mit ihr geschehen. Doch die Bilder wollten nicht mehr zurückkommen. Gerade eben hatte Alex noch gewusst, warum Papa so gebrüllt hatte, warum dessen Hände ganz rot und klebrig gewesen waren. Doch jetzt war dort in Alex’ Gedanken nur noch das Bild eines großen schwarzes Mauls, das Ähnlichkeit mit der Kiefernreihe hatte, die in diesem Moment vor Alex auftauchte. Kühle Luft und der Geruch nach Moos und feuchter Erde drangen aus dem Gehölz. Wieder ertönte aus Richtung des Hauses ein Schrei, der mittendrin erstarb. Alex blieb stehen und lauschte. Das Haus lag nun ganz still und friedlich dort, alle Fenster waren beleuchtet. Plötzlich klapperte etwas. War das die Hintertür? Alex nahm wieder Tempo auf und lief noch schneller, ließ das Fußballtor, das Vater für die Geschwister aus Dachlatten gezimmert hatte, links liegen und überlegte kurz, sich in dem Schuppen zu verstecken, in dem Vater seine Werkstatt hatte. Aber Vater hatte befohlen, in den Wald zu laufen. Und so gehorchten die kurzen Beine eher, als der Kopf es tat, und rannten weiter und weiter. Als endlich der vertraute Trampelpfad in Sicht kam, verließen Alex die Kräfte. Die letzten Schritte gerieten zu einem Stolpern, dann knickten die Knie ein. Der weiche Waldboden verstärkte das Gefühl, dass nun, wo der schützende Wald erreicht war, alles gut werden würde. Der Herzschlag beruhigte sich, und das Pochen in den Schläfen ließ langsam nach. Alex rollte sich zusammen und schloss die Augen, wollte einschlafen, damit das Ganze nur ein Traum war. Als die Kälte Alex schließlich wieder weckte, war das einzige Geräusch im Wald das gleichmäßige, laute Atmen. Alex hielt die Luft an, doch das Atemgeräusch verstummte nicht. Langsam öffnete Alex die Augen und erstarrte. Keine drei Meter entfernt stand ein riesiges Tier. Sein silberfarbenes Fell glänzte im bläulichen Licht des Vollmondes. Schwer atmend, mit angelegten spitzen Ohren und gesenktem Kopf betrachtete es Alex aus gelb funkelnden Augen. Die Nasenflügel bewegten sich auf und ab, als es versuchte, Witterung aufzunehmen.

In diesem Moment fiel ein Schuss.

1

Nicht immer verzogen sich mit den Wolken auch alle Sorgen. Manchmal zeigten sich im grellen Licht der Sonne erst neue Probleme. So war es ihr heute ergangen. Es war der erste Morgen seit Tagen, an dem es nicht regnete und der sie trotzdem mit einer bösen Überraschung begrüßt hatte. Ein Schlagloch rüttelte sie durch. In Jennys Rücken verschob sich etwas, ein stechender Schmerz zog von den Schulterblättern bis ins Brustbein, was ihren Ärger auf ihren Vater noch verstärkte. »Landwirtschaftlicher Verkehr frei« hatte ein Schild am Anfang des Weges die Durchfahrt für alle anderen verboten. Auch wenn ihr alter Toyota wie ein Geländewagen aussah, war er nicht wirklich für diese Art von Wirtschaftswegen gebaut. Hier fuhren Trecker, Mähdrescher und ab und zu der Landrover ihres Vaters. Doch heute glaubte sie, in dem vom Niederschlag der letzten Tage aufgeweichten Boden mehr Reifenspuren als üblich zu erkennen.

Irritierend war auch der Zaun, der die Straße seit Anfang des Weges nach links begrenzte und der ihr noch nie zuvor aufgefallen war. Offenbar war er neu errichtet, was auch der frische Baumschnitt verriet, der alle paar Meter zum Abtransport bereitlag. Der Zaun selbst war aus eisernen Gitterstäben, deren dunkle Lackierung in der Sonne schwarz glänzte. Er war bestimmt zwei Meter hoch und oben beinahe waagrecht nach vorne gebogen, vermutlich, um das Überklettern unmöglich zu machen. Auf der Krone glaubte sie Stacheldraht zu erkennen. Zudem sah sie in regelmäßigen Abständen Kameras. Ein wenig erinnerte sie das Ganze an die alten DDR-Grenzanlagen, die sie nur von Fotos und Erzählungen kannte. Was war der Zweck dieser Einhegung? Soweit sie wusste, waren hier nichts als Wiesen und Weiden. Erneut versank der Vorderreifen in einer Kuhle, und sie schlug mit der Stirn gegen die Sonnenblende. Sie schaute in den Rückspiegel, unter ihrem Pony bildete sich eine kleine rote Beule. »Fuchsrote Haare, rehbraune Augen. Meine kleine Jägerin«, so hatte Jo sie immer beschrieben und ihr dabei stolz über den Hinterkopf gestrichen, was sie nicht gemocht hatte. Sie wusste, dass ihr Blick auf andere manchmal etwas melancholisch wirkte und ihr das ein ums andere Mal besorgte Nachfragen bescherte, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Meist war es das, aber nicht heute. Sie fand selbst, dass sie besonders müde dreinblickte. Am Morgen hatte sie noch nicht einmal Make-up auftragen können, womit sie sonst ihre vielen Sommersprossen verbarg. Normalerweise hätte sie um diese Uhrzeit auch schon lange in der Tierklinik sein sollen, würde jetzt im OP-Raum stehen und den Winkel des Tibiaplateaus eines Labradors auf etwa 5 Grad drehen, um das gerissene Kreuzband zu ersetzen. Stattdessen irrte sie auf der Suche nach Joachim durchs Gelände. Nur durch Zufall hatte sie am Morgen bemerkt, dass er in der Nacht nicht nach Hause gekommen war. Wie so oft war er am gestrigen Abend bei einbrechender Dunkelheit hinaus zur Jagd gefahren. Sie hatte ihm noch eine Thermoskanne mit heißem Apfelsaft gefüllt und, wenn auch widerwillig, ein paar Sandwiches für seine Brotdose bereitet. Danach hatte er sich verabschiedet und war vom Hof gefahren. Sie genoss die Abende, an denen sie alleine zu Hause war. In der ersten Zeit, nachdem sie mit ihren nun mehr achtunddreißig Jahren zurück nach Waldenow auf den elterlichen Hof gezogen war, war sie über Joachims Gesellschaft noch froh gewesen. Anfangs hatten ihre Gespräche, meist ging es um Politik, sie noch von dem alles einnehmenden Liebeskummer abgelenkt. Aber seit sie vor wenigen Tagen die Wahrheit erfahren hatte, konnte sie die Gegenwart des Mannes, den alle nur Jo nannten, nicht mehr gut ertragen. Am liebsten wäre sie sofort wieder ausgezogen, doch so einfach war es nicht. So war sie also gestern Abend allein, hatte sich in der Mikrowelle etwas Popcorn zubereitet, auf dem Tablet noch eine schwedische Krimiserie weitergeschaut und war um kurz vor Mitternacht schließlich über ihrer Bettlektüre eingenickt. Es war nicht Jo, den sie heute Morgen als Erstes vermisst hatte, sondern der Weimaraner Bruno, der Jagdhund ihres Vaters. Schlief sein Herrchen nach einer langen Nacht im Wald bis zum Mittag, ließ sie ihn morgens, bevor sie zur Arbeit fuhr, in den Garten. Doch heute Morgen hatte Bruno sie nicht in der Küche freudig begrüßt, und sie hatte ihn auch im Haus nicht finden können. Als sie auf der Suche nach ihm schließlich die Tür zum Schlafraum ihres Vaters geöffnet hatte, fand sie auch dessen Bett unberührt. Für einen kurzen Moment dachte sie, Jo sei bereits am frühen Morgen wieder aufgebrochen, vielleicht zur Nachsuche von in der Nacht angeschossenem Wild. Doch dann sah sie in dem Schränkchen in der Küche nach: Die Herztabletten waren mit den Wochentagen von Montag bis Sonntag beschriftet, und die Tablette für heute war noch unberührt. Seit der Herzoperation vor zwei Jahren gehörte es zu Jos unverzichtbarem Ritual, die kleine Pille jeden Morgen sofort nach dem Aufstehen zu nehmen. Ihre erste Reaktion war ein Gefühl von Ärger, wie sie es in den vergangenen Tagen Jo gegenüber so oft gefühlt hatte. Doch dann kamen die düsteren Gedanken. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war? Obwohl sie sich zuletzt von ihm emotional entfernt hatte, konnte sie ein Gefühl der Verantwortung für ihn nicht ganz verleugnen. Noch nicht. Und vor allem hatte sie noch so viele dringende Fragen an ihn. Ein Anruf auf seinem Mobiltelefon blieb unbeantwortet, sodass sie auf seiner Mailbox eine Rückrufbitte hinterließ. Und so war sie schließlich, nachdem sie auch die Garage leer vorgefunden hatte, aufgebrochen. Sie hatte Jo schon oft auf der Jagd begleitet und kannte seine bevorzugten Reviere. Nachdem vorgestern, mit dem letzten Tag im August, die Schonzeit für die Hirsche geendet hatte und er einige Tage zuvor von einem kapitalen Zwölfender geschwärmt hatte, den er bereits mehrere Nächte hintereinander beobachtet hatte, vermutete sie, dass er zur Hirschkanzel beim alten Wasserturm in Loitz hinausgefahren war. Nun holperte ihr betagter Wagen über den einzigen Weg, der dort hinführte. Die Straße war eng und kurvenreich, sodass sie Jos Fahrzeug, wenn er es denn tatsächlich am Ende dieses Weges geparkt hatte, noch nicht sehen konnte. Ihr Handy begann summend auf der Ablage hinter dem Schalthebel zu tanzen. Sie überlegte, mit welchen Worten sie Jo zusammenstauchen würde. Letztlich war auch dies eine Episode seines grenzenlosen Egoismus: Offenbar besaß er nicht genügend Empathie, um sich das Ausmaß ihrer Sorgen vorzustellen. Vielleicht war es aber auch eine Reaktion auf ihre Streitereien in den vergangenen Tagen. Vermutlich wollte er, dass sie sich sorgte, wollte ihr beweisen, dass sie ohne ihn nicht sein konnte. Doch da irrte er sich gewaltig. Sie griff nach dem Telefon, doch es war nicht Jo, der anrief, sondern eine unbekannte Nummer, deren letzten Ziffern sie unter einem Fleck auf dem Display nicht erkennen konnte. Sie lenkte mit der einen Hand, rubbelte den Dreck mit dem Ärmel ihrer Bluse weg und drückte den grünen Annahmebutton.

»Hallo?«, meldete sie sich skeptisch.

»Mit wem spreche ich?«, fragte eine routiniert klingende Männerstimme. Der Tonfall des Anrufers ließ in ihr eine böse Ahnung aufsteigen. Sie verlangsamte die Fahrt.

»Wer spricht denn dort?«, fragte sie zurück.

»Mein Name ist Frederik Bach. Von der Staatsanwaltschaft in Stralsund. Spreche ich mit Jennifer Rausch?«

Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

»Ja.«

»Joachim Rausch ist Ihr Vater?«

In ihrem Hals bildete sich ein Kloß.

»Ja.« Die böse Vorahnung schien zur Gewissheit zu werden. Sie bremste ab und blieb stehen.

»Wissen Sie, wo wir Ihren Vater erreichen können?«

Sie stutzte. »Nein«, entgegnete sie irritiert.

»Sie haben keinen Kontakt? Keine Handynummer oder Ähnliches?«

»Nein, ich meine, doch. Es ist nur so, dass er heute Nacht nicht nach Hause gekommen ist.«

Eine kurze Pause entstand.

»Was ist passiert?«, brach es aus ihr heraus. »Warum wollen Sie meinen Vater sprechen? Und woher haben Sie meine Nummer?«

In diesem Moment schreckte sie zusammen, als direkt hinter ihr das Heulen einer Polizeisirene ertönte. Sie schaute in den Rückspiegel und sah hinter sich einen dunklen BMW mit aufgesetztem Blaulicht auf dem Dach, der ihr nun zusätzlich mit der Lichthupe Signale gab. Die Schlammpiste war zum Überholen zu eng.

»Was zum Teufel ist hier los?«, stieß Jenny hervor, während sie wieder anfuhr.

2

Die Antwort auf ihre Frage erhielt sie hinter der nächsten Wegbiegung: Dort parkte der dunkelgrüne Geländewagen ihres Vaters, sofort zu erkennen an den ersten vier Buchstaben des Kennzeichens VG für Vorpommern-Greifswald, gefolgt von JO für dessen Vornamen und der Zahl 1950 – sein Geburtsjahr. Für einen skurrilen Anblick sorgte das rotweiße Absperrband, das um beide Außenspiegel und den gesamten Wagen herumgewickelt worden war. Als sie zwei geparkte Streifenwagen und dahinter weitere parkende Autos entdeckte, fühlte sie denselben Schmerz in der Brust wie beim Durchfahren des Schlaglochs vor einigen Minuten. Sie rollte aus und parkte ebenfalls an der Seite, direkt vor dem Landrover. Sofort wurde sie von dem Hintermann überholt, der weiterfuhr und neben den Streifenwagen anhielt. Jetzt erst konnte sie sehen, dass auf der Heckscheibe des Fahrzeugs der Schriftzug »Hundeführer« aufgebracht war. Er stieg aus und eilte zu einer kleinen Gruppe am Straßenrand. Ihr Blick fiel auf zwei uniformierte Polizisten. Einer war riesig, hatte aber ein Milchgesicht, der andere war kleiner und deutlich älter – beängstigend waren allerdings die Maschinenpistolen, die beide schussbereit vor der Brust hielten.

»Sind Sie das mit dem Toyota?«, tönte die Stimme aus dem Handy, welches sie noch immer in der Hand hielt. Aus der Gruppe löste sich eine Person, die wie sie selbst ein Mobiltelefon ans Ohr hielt, und kam auf sie zu. Er trug einen Anzug aus mintgrünem Cordstoff, hatte braun gelockte Haare und ein Gesicht, dessen schmale Wangen die Kiefer- und Kinnpartie noch markanter erschienen ließen, als sie ohnehin waren. Sie schätze ihn auf knapp über vierzig. Als er vor ihr stand, fielen ihr seine Augen auf, die gegen die noch tief stehende Sonne passend zur Farbe des Anzugs grün strahlten. Bemerkenswert war zudem der schmale Oberlippenbart, der sie an französische Mantel- und Degenfilme erinnerte und den man wohl eher in den Hipsterhochburgen von Berlin als hier im beschaulichen Vorpommern erwartet hätte. Sein Händedruck war kräftig. Allerdings verrieten dunkle Schatten unter seinen Augen, dass er zuletzt nicht viel geschlafen hatte.

»Frederik Bach mein Name, wie schon am Telefon gesagt, bin ich der zuständige Staatsanwalt.«

»Was ist hier los?«, begrüßte sie ihn ohne Umschweife und steckte ihr Handy in die Jackentasche. Sie zeigte auf den Landrover. »Wo ist mein Vater, und wo ist Bruno?«

»Bruno?«

»Der Hund meines Vaters.«

»Ich erkläre Ihnen alles«, sagte ihr Gegenüber. Der Klang seiner Stimme war gleichermaßen beschwichtigend wie bestimmt. Aber sie hatte keine Zeit, auf Erklärungen zu warten. »Das hier ist das Fahrzeug meines Vaters. Er ist gestern Abend zur Jagd gegangen und heute Nacht nicht wieder heimgekommen. Ich bin hier, um ihn zu suchen. Er hatte seinen Jagdhund Bruno dabei.« Sie deutete mit wachsender Sorge auf die beiden Polizisten mit den Gewehren im Anschlag. »Sagen Sie mir bitte sofort, was hier los ist!«

Ihr Gesprächspartner zögerte kurz. »Der Hund ist im Kofferraum«, sagte er dann. »Kommen Sie bitte mit.« Er ging voran und führte sie zu den anderen. Während sie dem Mann folgte, breitete sich ein lähmendes Gefühl von Angst in ihr aus. Seit ihrer Kindheit war sie mit vierbeinigen Tieren besser klargekommen als mit zweibeinigen. Ihre Sorgen um Jo hatten sie nach dem, was sie zuletzt erfahren hatte, selber überrascht. Aber jetzt bemerkte sie, dass ein großer Teil ihrer Befürchtungen Bruno galt. Er war in den vergangenen Wochen ihr stiller Vertrauter gewesen, ihr Tröster, ihr Seelenretter. War ihm etwas geschehen, würde etwas in ihr zerbrechen. In diesem Moment ertönte über ihr das Knattern eines Hubschraubers. Er flog nicht besonders hoch.

»Das ist Jennifer Rausch, die Tochter des Halters«, stellte der Staatsanwalt sie der kleinen Gruppe vor. Einer von ihnen war der Hundeführer, der sie vor einigen Minuten auf der Anfahrt noch bedrängt hatte.

»Das Auto gehört meinem Vater«, bestätigte sie.

»Ich meinte den Halter des Hundes.« Der Staatsanwalt trat an das Fahrzeug, formte die Hände zum Trichter und versuchte, durch die getönte Heckscheibe zu schauen, ohne dabei das Glas der Scheibe zu berühren. Aus dem Inneren ertönte ein dumpfes Bellen. Jenny spürte, wie sie ein Gefühl der Erleichterung durchströmte. »Oh mein Gott, Bruno!«, rief sie aus und machte einen Schritt auf den Kofferraum zu. In der verdunkelten Heckscheibe konnte sie nur ihr eigenes Spiegelbild erkennen: Sie sah größer aus als ihre knapp 1,70 Meter, aber auch schmaler als in Wirklichkeit. Zwar war sie dank der einen oder anderen gemeinsamen Joggingrunde mit Bruno entlang der Peene gut in Form, aber die letzte Zeit nach der Trennung von René und dem Aufarbeiten ihrer Familiengeschichte hatte sie wenig Appetit gespürt und abgenommen. Sie wollte den Kofferraum öffnen, um Bruno zu befreien, doch der Staatsanwalt hielt ihren Arm sanft zurück. Erneut ertönte ein leises Bellen, diesmal gefolgt von einem lang gezogenen Jaulen.

»Wir müssen ihn da sofort rausholen!«, sagte sie.

»Haben Sie einen Schlüssel für den Wagen?« Sie schüttelte den Kopf. Zwischen seinen Zähnen bemerkte sie ein Kaugummi.

»Wir dürfen keine potenziellen Spuren am Fahrzeug verwischen.«

»Bruno ist vielleicht seit gestern Abend dort drin, und das ohne Wasser!«

»Sie hat recht!«, mischte sich der Hundeführer ein. »Hier geht das Tierwohl vor.«

»Sind die von der Spusi denn mit der Heckscheibe fertig?«, fragte der Staatsanwalt einen der Streifenbeamten, der bejahte. »Dann legen Sie los!«

Jenny beobachtete, wie einer der Polizeibeamten zum Kofferraum des geparkten Streifenwagens ging und mit einem neonorangenen Nothammer, wie sie ihn aus öffentlichen Linienbussen kannte, zurückkehrte. Der Hundeführer blickte erneut durch die getönte Heckscheibe. »Ich denke, wir können es wagen, das Sicherheitsglas sollte für den Hund keine Gefahr darstellen.« Der Polizeibeamte trat heran und schlug mit Wucht gegen die Scheibe, die erst beim zweiten Schlag mit einem explosiven Knall zersprang. Mit gezielten kleineren Schlägen hämmerte der Beamte danach die Glasreste aus dem Rahmen, während Bruno laut zu bellen begann. Jenny lief nach hinten und schaute durch das nun weitestgehend fensterlose Heck in das Fahrzeuginnere. Als Bruno sie durch die Gitter seiner Hundebox erkannte, begann er sofort laut zu weinen, wobei sein Schwänzchen mit festen Schlägen gegen das Innere der Box schlug. Jenny wollte hineingreifen, um die Tür zu öffnen, wurde jedoch abermals gestoppt.

»Nichts anfassen!«, ermahnte Bach. »Der Hund könnte Spurenträger sein. Wir sollten ihn zuerst in der Box zur Untersuchung nach Greifswald bringen.«

»Er muss etwas trinken!«, protestierte Jenny, während sie seinen Zustand mit dem fachmännischen Blick der Tierärztin prüfte. Auch wenn er aufgeregt und vermutlich etwas dehydriert war, wirkten seine Augen wach und aktiv. Der Hundeführer verschwand und kam mit einer faltbaren Gummischale wieder, in die er aus einer PET-Flasche einen halben Liter Wasser füllte. Dann hielt er sie so an die Box, dass Bruno durch die Gitterstäbe trinken konnte. Gierig schlabberte er beinahe die gesamte Schale leer. »Scheint so, als wenn er tatsächlich seit gestern Abend hier eingesperrt war«, kommentierte Jenny.

Sie spürte den Drang, Bruno zu befreien und zu trösten, mit sich zu nehmen. Ärger stieg in ihr auf. »Was soll das hier alles bedeuten?«, wandte sie sich an den Staatsanwalt.

»Ich habe das Auto samt Inhalt als möglichen Tatort beschlagnahmt.«

»Möglicher Tatort? Was soll das bedeuten? Was ist mit meinem Vater geschehen?«

»Das wissen wir nicht. Eine Joggerin hat heute Morgen die Polizei informiert, wegen des hier abgestellten Autos und des darin zurückgelassenen, heulenden Hundes. Das kam ihr ungewöhnlich vor.«

Wieder knatterten die Rotoren des Hubschraubers, der mittlerweile über ihren Köpfen eine kleine Runde geflogen war.

Jenny schaute nach oben. »Ist der wegen uns hier?«

»Sie suchen die Gegend mit einer Wärmebildkamera ab.«

»Wegen eines geparkten Autos und einem darin eingesperrten Hund so ein Aufmarsch?«, fragte Jenny.

»Sie haben recht«, entgegnete ihr Gegenüber. Er stockte. Sie sah, wie er versuchte, sie zu schonen.

»Sagen Sie schon!«

»Wir haben auch Blut gefunden«, sagte der Staatsanwalt. »Viel Blut.«

3

Erst jetzt bemerkte Jenny das Blut an der Wagentür. Zuvor hatte ihre ganze Aufmerksamkeit Bruno gegolten, der nun zwar nicht mehr verdursten würde, aber noch immer leise vor sich hin jaulend in seiner Box ausharrte. Der Landrover-Defender hatte eine dunkelgraue Farbe, und das ebenfalls dunkel oxidierte Blut war auf dem Metalliclack gegen das Licht der aufsteigenden Sonne nur zu erkennen, wenn man danach suchte. Es war rund um den Griff der hinteren Tür verteilt, und auch an der Fahrertür waren einzelne Schlieren zu erkennen. »Im Innenraum ist noch mehr«, bemerkte der Staatsanwalt. »Aber besorgniserregend ist vor allem dies …« Er führte sie an dem geparkten VW-Bus mit dem Behördenkennzeichen vorbei zu einer Fläche neben der Straße. Nun sah sie, einige Meter entfernt, einen Mann und eine Frau in den typisch weißen Anzügen der Spurensicherung, die gerade dabei waren, etwas neben dem Weg zu untersuchen. Sie trugen weiße Haarnetze, Mundschutze und hatten über ihre Schuhe große blaue Stulpen gezogen. Die Frau fotografierte etwas, während der Mann neben einem Alukoffer hockte und mit einem Tupfer und einem Röhrchen hantierte. Sie machte einen weiteren Schritt nach vorne und erkannte nun, wovon der Staatsanwalt gesprochen hatte. Als Tierärztin und Jägerin war sie den Anblick von Blut gewohnt, aber das hier war etwas anderes: Das war ein Blutbad in freier Natur. Hier hatte jemand oder etwas große Mengen an Blut verloren. Es klebte an den hohen Grashalmen, war aber auch in die Spurrinnen des Weges hineingelaufen und dort zu einem blutigen Brei aus Schlamm angetrocknet. Wenn man genau hinsah, erkannte man nach hinten weg sogar so etwas wie eine Schleifspur.

»Ist das menschliches Blut?«, wollte sie wissen.

»Das wissen wir noch nicht.«

»Sie glauben, mein Vater …« Sie beendete den Satz nicht.

»Wir glauben gar nichts. Um eine Gewalttat auszuschließen, habe ich Sie angerufen. Sie wissen also nicht, wo Ihr Vater sein könnte?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie gesagt, ich kam selbst hierher, um ihn zu suchen. Ich habe ihn gestern Abend zum letzten Mal gesehen, als er zur Jagd losfuhr.«

»Um wie viel Uhr?«

Sie zuckte mit den Achseln »Gegen 22 Uhr, schätze ich.«

»Das passt«, murmelte der Staatsanwalt.

»Was passt?«

»Die Uhrzeit stimmt mit der elektronischen Parkscheibe Ihres Vaters überein. Sie klebt an der Innenseite der Windschutzscheibe seines Autos und zeigt 23 Uhr.«

»Elektronische Parkscheibe?«

»Die Dinger stammen glaube ich aus Dänemark. Da sie, wie für Parkscheiben erlaubt, bei Ankunft die Zeit immer automatisch bis zur nächsten halben oder vollen Stunde vorstellt, heißt das, dass Ihr Vater den Wagen hier zwischen 22.30 und 23 Uhr abgestellt haben muss. Hätte er den Wagen danach noch einmal bewegt, hätte sich die Uhrzeit auf der Parkscheibe neu eingestellt. Wissen Sie, wo er hier nach seiner Ankunft hingegangen sein kann?«

»Sind Sie Jäger?«, fragte sie Bach.

Der verzog das Gesicht. »Tiere töten ist nicht so meins.«

Jenny wollte etwas entgegnen, verbat es sich aber, sie hatten Wichtigeres zu tun. »Wenn er hier parkt, geht er meist als Erstes zum Hochsitz. Er lässt dann Bruno erst einmal im Auto, damit dessen Geruch das Wild nicht verscheucht. Ebenso die Tasche mit den Handschuhen, dem Messer und dem anderen Zeugs zum Aufbrechen des geschossenen Wilds. Ich habe die Tasche neben Bruno im Kofferraum gesehen. Wenn er etwas schießt, kommt er zurück, holt Bruno und die Tasche. Daher vermute ich, er ist nicht zurückgekommen.«

»Wissen Sie, wo der Hochsitz ist?« Sie nickte. »Ich kann hingehen und nachschauen.« Sie sah das Zögern in Bachs moosgrünen Augen.

»Was? Lassen Sie mich raten: Ich soll keine Spuren verwischen.«

»Das auch.«

»Und was noch? Befürchten Sie, hier läuft ein Killer herum?«

»Kein Killer, aber es gab in den vergangenen Tagen Gerüchte.«

»Was für Gerüchte? Muss man Ihnen denn jedes Wort aus der Nase ziehen?«

»Es wurde ein Wolf gesichtet.«

»Ein Wolf?«

»Er soll ohne Scheu vor Menschen sein.«

Jenny stockte, als ihr bewusst wurde, was ihr Gesprächspartner hier gerade andeuten wollte. »Das viele Blut, mein verschwundener Vater – Sie glauben, ein Wolf könnte ihn getötet haben? Daher also der ganze Aufwand!« Sie schaute in den Himmel, vom Hubschrauber war nichts mehr zu sehen, aber sie hörte ihn noch weiter entfernt. Die Kaubewegungen der Kiefermuskeln ihres Gegenübers wurden schneller. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

»Wie gesagt, derzeit glauben wir noch gar nichts«, wiegelte er ab. »Ich werde den Wolfbeauftragten vom Veterinäramt einschalten, vielleicht sollten wir auf ihn warten, bevor Sie hier nun alleine herumlaufen.«

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Jenny bestimmt.

»Wieso das?« Bach hob irritiert die Augenbrauen.

»Ich bin die Wolfsbeauftragte des Landkreises.«

4

»Das kann nicht sein!« Brian Auster, der IT-Chef des kleinen Unternehmens Fenceattack am Stadtrand von Potsdam beugte sich hinunter, um selbst auf den Monitor zu schauen. Eine der Werkstudentinnen, die sich hier ein paar Euro dazuverdienten, hatte eine halbe Stunde vorher Alarm geschlagen. Nun zeigte sie auf die Spalte, die mit dem Begriff »Predator« überschrieben war.

»Das kann nicht sein«, murmelte Brian Auster erneut und öffnete mit der Maus ein Fenster auf dem Bildschirm, in das er einige Befehle eintippte. Sie standen im Kontrollcenter von Fenceattack, einem noch jungen Start-up, welches sich mit einem Haufen Venture Capital und Fördergeldern der Europäischen Union einem der international politisch brisantesten Themen des gesellschaftlichen Diskurses gewidmet hatte – dem Human-Wildlife-Conflict