Kronos Code - Veit Etzold - E-Book

Kronos Code E-Book

Veit Etzold

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Beschreibung

Der Top-Manager Stuart Hill liegt tot in seiner Hotelsuite. Am nächsten Morgen stürzen die Aktienkurze ein – irgendjemand scheffelt mit Hills Tod ein Vermögen. Bald werden weitere Manager ermordet, ihre Körper in einer seltsamen, skulpturalen Anordnung arrangiert. Der einzige Anhaltspunkt ist eine rätselhafte Nachricht am Tatort. Mithilfe von Vincent Wagner, einem Kunsthistoriker, versucht die Kommissarin Sarah Jakobs die Hinweise zu entschlüsseln. Doch beide beschleicht die unheilvolle Ahnung, dass dieser Fall eine Nummer zu groß für sie ist …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 579




Veit Etzold

Kronos Code

Thriller

Das ist nicht tot, was ewig liegt,Bis dass die Zeit den Tod besiegt.H. P. Lovecraft

Prolog

Der Plan war schon immer da gewesen. Nun waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Der alte Mann, den sie den Wächter nannten, sah nach draußen. Er ließ seinen Blick über die Stadt schweifen, während die Sonne in der Abenddämmerung zwischen den Häuserschluchten und sturmgetriebenen Wolken verschwand. Er sah auf die gigantischen Stahl- und Betontürme, in deren Tausenden Fenstern helles Licht brannte. Es war das Ende des letzten Tages am Ende des letzten Jahres. Die Zeit war gekommen, alles zusammenzuführen und alle Figuren gleichzeitig zu bewegen. Seine Werkzeuge waren vielfältig, seine Diener überall. So hatte die Stille der beginnenden Nacht etwas Unheimliches, denn sie war keine wirkliche Stille. Sie war wie das leise Luftholen vor dem Sprung.

Die Firma war ein Teil des Plans. Sie war groß und erfolgreich. Keiner glaubte, ihr Aktienkurs würde sinken und darum sank er auch nicht. Doch war der Sturz nicht immer heftiger als der Anstieg, war die Tiefe nicht immer bedrohlicher als die Höhe? Wenn eine Aktie um 50% fiel, musste sie um 100% steigen, um wieder den gleichen Wert wie zuvor zu erreichen. Alle glaubten, die Aktie der Firma würde steigen, der alte Mann wusste, sie würde fallen.

Denn alles, was ist, endet.

Somnia

Er stürzt sie bei NachtUnd sie sind zermalmt.Hiob 34, 25

1

Berlin

Montag, 1. Januar

01:00 Uhr

Stuart M. Hill öffnete mit seiner Schlüsselkarte die Tür zu seiner Suite im Adlon und ließ der attraktiven Dame, die ihn begleitete, den Vortritt. Das Wachpersonal war mit solchen Situationen vertraut und durchsuchte die Begleitung diskret nach Waffen. Was für eine Nacht, dachte Hill, so musste sich Gott gefühlt haben, nachdem er am sechsten Tag Himmel und Erde geschaffen hatte.

Im letzten Jahr hatten sie ein Rekordergebnis erzielt. Promethean Industries und Stuart Hill waren zu einer Einheit verschmolzen. Ohne ihn ging dort nichts mehr. Die Analysten fraßen ihm aus der Hand, seine Visionen bewegten die Kurse, seine Optionen würden ihn zum Milliardär machen. Die Expansion, die sich unter seiner Ägide endlich auszahlte, übertraf alle Erwartungen. Der in Deutschland notwendige Stellenabbau war bereits beschlossene Sache.

Wenn du weißt, dass der Verhandlungsführer der Gewerkschaften Päderast ist – und das hat man zu wissen, wenn es so ist –, schicke ihm eine 12­Jährige nach seinem Geschmack. Dann mach Fotos davon bzw. drehe gleich einen ganzen Film. Und lass ihn davon wissen. Das erleichtert manches.

Er blickte sich um, sah, dass alles arrangiert war. Der Champagner, die Gläser, das Eis. Er hatte sich die Fliege geöffnet und im James-Bond-Stil um den Hemdkragen gelegt und fühlte sich genauso wie der Filmheld. Er schaute nach draußen durch die großen Scheiben der Flügeltür, die auf den Balkon führte. Seine weibliche Begleitung stellte sich dicht vor ihn und schaute ihm in die Augen.

»Was gibt es da draußen schon zu sehen? Sieh mich an.« Sein Blick glitt von ihren hochhackigen Schuhen und ihren schlanken Beinen über das Schwarz ihres Abendkleids, das sich vor dem Balkon der Suite gegen die von Lichtblitzen durchzuckte Silvesternacht Berlins nur ein wenig abhob, hinauf über den gewölbten Ausschnitt, wo die Schwärze der Nacht aufhörte und ihr brünetter Teint verheißungsvoll begann, und weiter zu ihrem für ein Lächeln leicht geöffneten Mund, ihrer klassisch geformten Nase und den dunkelbraunen Augen, die ihn verführerisch anblickten.

»Wenn ich da bin«, sagte sie und schüttelte ihren Kopf, wobei ihre leicht gelockten, kastanienbraunen Haare ihren Nacken umspielten, »solltest du mich anschauen, und nichts sonst.« Sie zog ihn an den zwei Enden seiner Fliege zu sich heran. »Mr. Bond …«

»Verzeih«, sagte Hill, »wie konnte ich?« Den ganzen Abend hatte er nur für sie Augen gehabt. Für sie, die ihm nun endlich so nahe war und ihn verführerisch anlächelte. Seine Lippen näherten sich ihren – doch sie drehte sich weg.

»Nicht so schnell«, lachte sie, nahm seine Hände und führte ihn tänzerisch durchs Zimmer. »Ich dachte, du bist ein Gentleman. Wir haben noch die ganze Nacht vor uns. Lass uns erst noch etwas trinken.«

So war sie schon den ganzen Abend. Sie hatten ein exquisites 4-Gänge-Menü genossen und danach ausgelassen getanzt. Als er sie küssen wollte, war sie ausgewichen und hatte sich nur tiefer in seine Umarmung geschmiegt. »Hier!« Sie hielt ihm die Champagnerflasche hin, die sie aus einem Eiskübel auf dem Servierwagen nahm. »Öffne du!«

Er ergriff die Flasche und öffnete die Flügeltür zum Balkon. Eisige Luft strömte ihm entgegen. Das einmalige Ambiente des Pariser Platzes vor dem Brandenburger Tor mit der Quadriga, dieses Ensemble aus Tor, Botschaft, Bank und Akademie, strahlte trotz der Silvesterraketen Ruhe aus. Architektur ist gefrorene Musik, hatte mal irgendwer gesagt. Merkwürdig, dachte Hill, eine leise Musik, die in der Lage ist, den Lärm zu übertönen. Vorsichtig lockerte er den Korken, bevor er ihn mit einem Knall in den Nachthimmel fliegen ließ. Er füllte die Gläser und reichte ihr eines.

»Auf uns?« Die Gläser stießen mit einem hellen Ton zusammen. Sie hob die rechte Augenbraue. »Auf uns.«

Sie tranken. Ein Ambiente wie auf Hochglanzfotos, dachte Hill. Er konnte sich gut den Fotografen, einen Beleuchter und die Assistenz in der Suite vorstellen. Doch sie waren allein. Nur sie und er.

Er strich über ihre Hüften, wie vorhin beim Tango. »Du hast mir noch nicht verraten, wie du heißt.«

»Ich mag neugierige Männer«, antwortete sie und streichelte über seine Wange, »aber ich mag auch Männer, die ein Geheimnis zu schätzen wissen. Man muss doch nicht immer alles wissen. Wir sind zusammen in dieser Nacht. Das reicht doch …«

»Und du bist die Königin der Nacht«, fuhr er fort und zog sie noch näher zu sich heran. »Diese Nacht ist noch lang und kann gar nicht lang genug sein«, sagte er schwer atmend.

Seine Lippen näherten sich wieder ihrem Mund. Diesmal ließ sie es zu. Ihre Lippen umspielten einander. Er spürte, wie ihre Arme seinen Hals umschlangen, spürte ihre Wärme, ihren Atem, ihre Zunge, die über seine fuhr – und plötzlich einen beißenden Geschmack, der ihm die Kehle zuschnürte. Sein Kopf schien das Ende einer Kette zu sein, die mit einer diabolischen Kraft im Kreis bewegt und irgendwann krachend gegen die Balkontür schlagen würde. Seine Beine wurden schwächer, er sank an ihr herab, versuchte sich an ihr festzuhalten, ihrem Hals, ihrem Kleid, ihren Beinen.

»Was ist das«, brachte er noch hervor, als er zu ihren Füßen lag, doch seine Stimme war kaum mehr zu vernehmen. Er sah ihr Gesicht zu ihm herunterblicken.

»Nemesis schenkt dir deine längste Nacht«, sagte sie, lächelte ihn an und warf ihm einen Kuss zu.

Doch Stuart Hill war schon tot.

2

St. Moritz

Montag, 1. Januar

1:00 Uhr

Den ganzen Abend schon hatte ihn der Anrufer mit der unterdrückten Nummer auf seinem Handy kontaktiert. Oder sollte er besser sagen »terrorisiert«? Jedes Mal hatte er ihn weggedrückt. Es konnte eigentlich nichts Wichtiges sein – mit seinen Eltern hatte er schon telefoniert, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen, und alle seine großen Kunden waren hier. Doch jetzt klingelte es wieder. Wieder die anonyme Nummer. Er hasste unterdrückte Nummern. Er drückte auf den Annahmeknopf und erntete einen verständnislosen Blick von seiner Tanzpartnerin.

»Musst du immer ans Handy gehen?«, fragte sie. »Wir feiern Silvester.«

»Bleiben Sie dran, ich bin gleich da.« Er ließ seine Tanzpartnerin in der Mitte des Saales stehen, durchschritt die Menge der Tanzenden, abwechselnd »Entschuldigung«, »Scusi« und »Sorry« murmelnd, während er die Fliege um seinen Hals ein wenig lockerte.

Er war Investmentbanker, und die Bank feierte mit ihren besten Kunden Silvester, Badrutts Palace Hotel, 165 Zimmer, 30 Suiten, alle von seiner Firma belegt. Das Programm war grandios: Dinner und Ball, vorher und hinterher Skifahren und Schneepolo, danach Fachsimpeln am Kamin oder im Spa-­Bereich über die makroökonomischen Trends, die Kursentwicklung, Anfang und mögliches Ende der Kreditkrise und die globalen Chancen, die sich irgendwann daraus ergeben würden. Er hatte sich gut unterhalten. Was auch immer passieren würde, das nächste Jahr würde das erfolgreichste der Firma werden. Das sagten, oder hofften, jedenfalls alle. Er hätte nie gedacht, dass so viele Kunden einer Silvester-­Einladung folgen würden. Die Party würde einen hohen, sechsstelligen Betrag kosten, und er sah schon die Managing Directors, wie sie am nächsten Tag Bilanz ziehen würden, ob das Geld gut investiert war.

»So, jetzt können wir«, sagte er.

»Das freut mich«, sagte die Stimme am anderen Ende. »Es freut mich, dass Sie sich Zeit nehmen.«

»Silvester ist ein etwas merkwürdiger Zeitpunkt für Business-­Gespräche, meinen Sie nicht?«

Die Stimme lachte leise. »Haben Sie denn keine guten Vorsätze? Wann werden die Entscheidungen getroffen, wenn nicht zu Beginn eines Jahres? Und ich muss Sie korrigieren. Es geht nicht um Business, es geht um Sie.«

Er schaute durch die Fenster auf den zugefrorenen, schneebedeckten See hinunter. Die Musik von der Party war gedämpft zu hören. Die ersten Gäste steuerten schon ihre Zimmer an.

»Sie sind in einer Top-­Position in einem Top-­Unternehmen, nicht wahr?«, fragte die Stimme abwartend. »Sie wären nicht dort, wo Sie sind, wenn Ihnen das reichen würde.«

»Bieten Sie mir einen Job an?« Er wählte den direkten Weg.

Stille am anderen Ende. Er wollte schon nachfragen, weil keine Reaktion kam, da meldete sich die Stimme wieder.

»Ich biete Ihnen an, der Elite beizutreten. Der Spitze der Nahrungskette. Da wollen Sie doch hin?«

Spitze der Nahrungskette, dachte er, während er einen Kellner wegscheuchte, der sich ihm mit einem Tablett mit Champagner näherte. Elite. Jeder nannte sich so, Goldman Sachs, Morgan Stanley, McKinsey. Doch die Elite gab es nur einmal – sonst wäre sie keine Elite. Er hatte schon öfter davon gehört, das Gerücht spukte durch die Business Schools, durch die Beratungshäuser, die großen Anwaltskanzleien und durch die Investmentbanken. Ein Unternehmen, mächtiger, älter und ein­flussreicher als alle anderen – und dennoch völlig unbekannt, oder besser: verborgen.

»Davon habe ich schon einmal gehört«, sagte er, bewusst desinteressiert. Headhuntern gegenüber darf man nie euphorisch sein. »Gesetzt den Fall, ich gehe auf Ihr Angebot ein, was würde Ihre Elite mir denn bieten?«

»Zunächst einmal einen gigantischen Auftrag für Ihre Bank. Von Ihnen vermittelt. Unser Kunde wird Ihr Kunde. Damit sind Sie ganz schnell Managing Director. Nicht erst Associate, dann Vice President und dann irgendwann MD, sondern Fast Track. Und das wollen Sie doch?«

Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht und wechselte das Handy an das andere Ohr. MD, dachte er, Managing Director. Spitze der Nahrungskette. Das wollte er allerdings.

»Was noch?«, fragte er.

»Zugang zu allem, von dem Sie jetzt noch zu wenig haben: Geld, Menschen und Informationen. Wir reden nicht nur davon, dass wir die Welt bewegen. Wir tun es.«

»Was heißt das konkret für mich?«, fragte er.

»Egal, was Ihnen Ihre Bank derzeit an Gehalt zahlt, wenn Sie mit uns kooperieren, bekommen Sie noch mal das Doppelte dazu.«

Er hob die Augenbrauen. »Könnte durchaus sein, dass ich interessiert bin.«

»Schön«, sagte die Stimme. »Wir wissen, dass Sie gut sind. Wir wollen, dass Sie noch besser werden. Dafür müssen wir wissen, ob Sie wirklich so gut sind, wie wir glauben.«

Er schüttelte den Kopf. Die wollten doch wohl keinen Aufnahmetest mit ihm machen? »Was kommt jetzt?«, fragte er. »Ein Multiple-­Choice-­Test, Case Studies, Gruppeninterviews, Assessment-­Center? Psycho­-Schnickschnack? Wollen Sie nicht gleich an die Unis gehen?«

Wieder leises Lachen. »Banken wie die Ihre haben Fallstudien, lassen die Bewerber zu 20 verschiedenen Gesprächen antanzen, Beratungen machen das ähnlich, die führenden MBA-­Schulen haben den GMAT, ohne den niemand reinkommt. Unser Klient …«, fuhr die Stimme fort, »… unser Klient hat andere Tests.«

»Und was für Tests sind das?«

»Zunächst einmal testen wir Ihre Flexibilität.«

Er schüttelte den Kopf. Solche Plattitüden hätte er dann doch nicht erwartet. So stand es auch bei Stellengesuchen der miesesten Unternehmen. Wir erwarten Flexibilität, Belastbarkeit, einen guten bis sehr guten Hochschulabschluss …

»Haben Sie schon mal einen I-Banker gesehen, der unflexibel ist?«, knurrte er.

»Nein«, sagte die Stimme. »Darum seien Sie auch bitte morgen Mittag in Berlin-­Tegel. Dort erhalten Sie weitere Instruktionen.«

»Wie bitte?«, sagte er. »Ich soll morgen nach Berlin? Am ersten Januar? Hören Sie, ich bin hier in einem Event meiner Firma eingespannt. Die Kunden erwarten …«

»Ich dachte, Sie seien flexibel?«

Er lauschte auf die Musik. Vom Walzer war man jetzt zu Rocksongs übergegangen.

»Was soll ich meinem Boss sagen?«, fragte er. »Dass jemand gestorben ist?«

»Warum nicht?«, sagte die Stimme. Etwas gefiel ihm nicht in der Art und Weise, wie der Anrufer Warum nicht gesagt hatte.

Er dachte nach, überlegte sich schon Wege, Ausreden, Möglichkeiten. Er war es gewohnt, in solchen Szenarien zu denken. What if … Er könnte nach Berlin fliegen und dann gleich nach London weiter, vorher noch kurz Zwischenstopp bei seinen Eltern. Doch dann sah er sich in Berlin stehen und niemand wäre da und es gäbe auch keinen Test. Und er stellte sich vor, dass ihn hier ein paar frühere Freunde hochgenommen hatten, dass es die Elite, die Möglichkeiten, die Karriere und den Test gar nicht gab.

»Versprechungen lassen sich leicht machen«, sagte er. »Woher weiß ich, dass Sie es ernst meinen?«

Die Stimme lachte wieder leise. »Checken Sie um zwei Uhr Ihr Bankkonto. Wenn Sie dann fünf Millionen Euro mehr sehen als vorher, wissen Sie, dass wir es ernst meinen.«

»In einer Stunde?«

»Terminüberweisung«, sagte die Stimme.

Er blinzelte in die Dunkelheit über dem See. Fünf Millionen waren für jeden viel Geld. »Meine Kontonummer …«, fragte er.

»Haben wir«, sagte die Stimme. »Und alles andere auch.«

»Und wo finde ich Sie in Berlin?«

»Gar nicht. Wir finden Sie. Gute Nacht.«

Die Verbindung endete.

3

Berlin

Montag, 1. Januar

1:30 Uhr

So also beginnt das neue Jahr für einen angehenden Doktor der Kunstgeschichte, dachte Vincent, als er den Flug einer Rakete in den Nachthimmel verfolgte. Bei eisiger Kälte, mit Gejohle, ohrenbetäubendem Getöse, pflichtbewusster, lauter Fröhlichkeit und Funken sprühenden Raketen, deren Explosionen die Glasfassaden des Potsdamer Platzes zurückwarfen und das ganze Areal in eine einzige Großraumdisko verwandelten. Vincent hatte sich von seinen Freunden überreden lassen, doch noch dahin zu gehen, wo etwas los war, und da am Brandenburger Tor keine Feuerwerkskörper gezündet werden durften, wich der ganze Tross nun auf die Straßen rund um den Potsdamer Platz aus.

Er war kein Freund dieser lärmenden Fröhlichkeit. Und ein Freund großer Menschenmassen erst recht nicht. Hier hatte er nun beides, hing mit 32 Jahren mit irgendwelchen Studienanfängern herum und ließ sich Böller um die Ohren schmeißen. Silvester in Berlin, in Dunst und Kälte, umgeben von Idioten. Für jemanden, der sich für origineller hielt als den Durchschnitt, war das nicht besonders originell. Ebenso wenig wie seine Suchanfrage im Internet, wo er vor Kurzem auf einer Horoskop-Seite seinen Geburtstag eingegeben hatte. Das neue Jahr wird für Sie mit einer Überraschung beginnen, hatte dort gestanden. Es waren Tausende von Menschen um ihn herum und er langweilte sich trotzdem. War das die Überraschung?

»… ich habe gesagt, Heraklit hat gesagt, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei«, brüllte Vincent gegen den Krach an. Silvester war Krach, in Clubs war Krach, auf Partys war Krach. Er sprach mit einem jungen Mädchen, das neben ihm stand, ungefähr zwanzig und vielleicht ein bisschen sehr jung für ihn. Eine von denen, die Tobi »Cityhuhn« nannte, weil sie zwar jetzt in der Großstadt war, sich aber noch immer wie ein Huhn vom Land benahm. Seit Oktober studierte sie Sozialpädagogik an der FU, und Silvester in Berlin hatte natürlich ganz anders zu sein als zu Hause in Ostwestfalen. Von der Größe der Stadt war sie noch immer fasziniert. Eigentlich war sie ganz hübsch, fand Vincent, wenn auch erschreckend naiv. Er hatte ihr vorhin gesagt, dass ihr Gesicht ihn an ein Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle erinnern würde. So wie einer der Engel, die gemeinsam mit Gott dem Herrn in der Wolke schwebten, während er Adam zum Leben erweckte. Das fand sie so süß, dass Vincent sie jetzt nicht mehr loswurde. Vincent passierte das häufiger: Wenn es auf nichts ankam, traf er mit seinen Beobachtungen ins Schwarze. War es aber mal wichtig, fehlten ihm oft die Worte. Jedenfalls wich das Cityhuhn nicht mehr von seiner Seite und nahm öfter einen Schluck aus seiner Sektflasche, aus der er selbst gar nichts trank.

»Aha«, schrie das Mädchen zurück, dessen Namen Vincent noch gar nicht wusste oder schon wieder vergessen hatte, »und was hat das mit Silvester zu tun?«

»Die Menschen vermissen den Krieg anscheinend auch in Friedenszeiten und darum holen sie ihn sich zurück, so wie hier.« Vincent kämpfte gegen jaulend in den Himmel fahrende Raketen an, während Tobi sich bückte, um den nächsten Feuerwerkskörper zu entzünden. Das Ding drehte sich mit einem klagenden Geräusch um sich selbst, um dann abrupt zu verglühen. Tobi wandte sich um, nahm dem Mädchen die Sektflasche aus der Hand, trank einen Schluck und suchte in seinem Rucksack nach weiteren Böllern.

»Erzähl der doch nicht so ’n Scheiß, kapiert die eh nicht. Krieg ist Vater aller Dinge! Sieh mal zu, dass du heute Nacht noch König zweier Dinger wirst!« Er lachte dreckig, schob wenig rhythmisch die Hüfte vor und zurück, und entzündete gleich wieder einen Böller. Vincent verzog das Gesicht, während er Tobi betrachtete, der in seinem Rucksack nach weiteren Böllern suchte. Mit seinen halblangen Haaren, der Jeansjacke, die er unabhängig von der Außentemperatur immer trug, und den weißen Sportschuhen sah er aus wie ein Relikt aus den Achtzigern, das sich ein wenig ironisch als Proll inszenierte, zu zwanzig Prozent aber auch einer war. Heute geht es aber noch, dachte Vincent. Tobi hatte früher so wenig Treffsicherheit in Kleidungsfragen bewiesen, dass Vincent oft geglaubt hatte, er sei farbenblind. Das Cityhuhn schaute wie gebannt auf den brennenden Himmel.

»Das ist aber eine komische Erklärung für Silvester, das mit dem Krieg«, rief das Mädchen zurück, »da soll man doch feiern und nicht an Krieg denken. Was machst du eigentlich so?«

»Wenn ich nicht gerade Vergleiche über Krieg und Silvester anstelle, promoviere ich an der Humboldt in Kunstgeschichte.«

So etwas hinterließ bei jemandem, der gerade sein Studium begonnen hatte, natürlich Eindruck. »Das heißt, du machst deinen Doktor? Echt? Das ist ja toll! Und worüber?«

»Über Michelangelo und den Beginn des Geniekults. Geht so über die Jahrhunderte bis heute.«

Das Mädchen schien so fasziniert wie ratlos am ersten Namen hängen geblieben zu sein. »Michelangelo? Der mit der Decke in der Kapelle?«

»Ja.«

»Das war doch auch der, der den Kölner Dom gebaut hat?«

»Äh, nein, das stimmt nicht ganz. Den Petersdom hat er zum Teil mit entworfen, da war er aber schon sehr alt. Besonders berühmt ist er aber durch seine Skulpturen und Malereien geworden. Und durch seine Lebensart, die die Vorstellungen späterer Jahrhunderte vom rastlosen, einsamen Künstler prägte, der besser und auch einsamer ist als alle anderen – eben ein Genie.«

»Aber doch den in Köln, oder?«

»Wie, in Köln?«

»Den Petersdom in Köln.«

Vincent konnte getrost die Augen verdrehen, denn sein Gegenüber hatte sich den Fassaden zugewandt, wo gerade eine wahre Flut von Raketen Blitze und Sterne regnen ließ.

»Nein! Den in Rom.«

Tobi rettete ihn. »Wie sieht’s aus? Die anderen Hühner wollen gerne in die Kulturbrauerei.« Er nahm noch einen Schluck vom Sekt. »Du weißt ja, wie das ist: immer kalte Füße, kalte Hände.« Er schulterte seinen Rucksack. »Also, wir gehen da jetzt hin. Vielleicht läuft dort ja was Vernünftiges herum.«

»Da hätte ich nichts gegen«, knurrte Vincent. »Ich frage mich sowieso, warum die größte Outdoor-Party des Jahres ausgerechnet zu der Jahreszeit stattfindet, wo es draußen arschkalt ist. Das Einzige …«, Vincent unterbrach seine Gedanken, um einer Horde Baseballjacken tragender Kerle auszuweichen, die, munter Feuerwerkskörper um sich werfend, die Menschenmenge durchpflügten, »… das Einzige, was komischerweise trotz der Kälte warm ist, ist der Sekt.«

»Scheißegal, Hauptsache es rummst«, meinte Tobi und trank noch einen Schluck. Dann blickte er Vincent an und hob eine Augenbraue, als wäre ihm gerade etwas eingefallen.

»Wo ist eigentlich Sarah?«

Vincent zuckte die Schultern. »Hier ist sie nicht.«

»Das seh’ ich auch.« Er schulterte seinen Rucksack.

»Wo iss’n die?«

»Bei Freunden.«

Tobi schien mit der Antwort nicht ganz zufrieden. Vincent allerdings genauso wenig. Sarah und Vincent trafen sich zwar öfter und hatten dabei auch eine Menge Spaß, aber keiner von beiden wusste so recht, ob das jetzt nur eine Affäre war oder mehr.

»Läuft denn mit der noch was?«

»Eigentlich schon.«

»Und seid ihr jetzt richtig zusammen?«

»Eigentlich nicht.«

»Aber irgendwie auch doch?« Tobi konnte ganz schön hartnäckig sein.

»So ungefähr.« Vincent war anzumerken, dass er die Diskussion, in der er sich selbst keine richtige Antwort geben konnte, gerne beenden würde. Eigentlich passte es ihm so, wie es war, ganz gut. Man traf sich, um zu verreisen, ins Kino zu gehen oder Spaß zu haben, ohne den ganzen administrativen Aufwand, den eine Beziehung so mit sich brachte. Tobi war immer noch nicht zufrieden.

»So was weiß man doch.«

»Also ich nicht.«

»Ich denk’, du willst Professor werden!« Ein breites Grinsen zog über Tobis Gesicht. »Wissen ist Macht!«

»Und nicht wissen macht nichts.«

Sie gingen in Richtung Friedrichstraße. Rauch verdeckte den Sternenhimmel, der noch vor Minuten jedem Astronomen oder auch Sterndeuter eine Freude gemacht hätte.

Es herrschte Hochkonjunktur für Astrologie-Hotlines, die über teure 0900-Verbindungen den Leuten ihre Zukunft für das neue Jahr voraussagten. Du wirst dich verlieben, du wirst Erfolg haben und du wirst ganz bestimmt nicht sterben. Venus als heller Abendstern längst verschwunden, Mars kaum mehr zu sehen, Jupiter, Verkünder des Morgens, noch weit entfernt. Einzig und allein Saturn funkelte bereits die ganze Nacht über im Osten auf das Geschehen unter ihm herab, und Vincent sah ihn trotz des Rauchs der Raketen durch die Wolkenschichten blinzeln.

4

Berlin

Montag, 1. Januar

7:30 Uhr

»Na, noch auf einen Absacker oder nach Hause?«

Der Taxifahrer zeigte grinsend seine gelben Zähne, während er die junge Dame durch den Rückspiegel anblickte. Im blassen Morgenlicht tauchte auf der rechten Seite der Berliner Dom auf, in dem Moment, als das Taxi die Brücke überquerte, die die Karl-Liebknecht-Straße mit der Allee Unter den Linden verband.

»Weder noch«, entgegnete die junge Frau und suchte in der Innentasche ihres Mantels nach ihrem Ausweis. Handtaschen fand sie umständlich. Besonders wenn sie im Einsatz war. »Zum Dienst.«

Der Taxifahrer hob die Augen. »Dienst? Sie arbeiten im Adlon?«

»Kann man so sagen.«

Sarah Jakobs, 31, Hauptkommissarin für organisierte Kriminalität und Wirtschaftsdelikte beim LKA Berlin, blickte aus dem Fenster. Draußen zogen Humboldt-Universität und Staatsoper vorbei. Taxis brachten die letzten Partygäste nach Hause. Alle gingen ins Bett, und sie ging zum Dienst. Sein und werden, hatte ein Lehrer an ihrer Schule gesagt, vor vielen Jahren, als das Land, in dem sie gelebt hatte, noch DDR hieß. Sein und werden, das sind die zwei wichtigsten Dinge im Leben. Irgendwie war dieser Satz in ihrem Kopf hängen geblieben, und nicht nur deshalb, weil er so gar nicht zur sozialistischen Doktrin passte, die sie sonst in der Schule zu hören bekommen hatte. Sein und werden. Alles ist im ständigen Fluss. Die feste Überzeugung, dass nichts im Leben konstant bleibt und dass das einzig Beständige die Veränderung ist. Sie wusste manchmal selbst nicht, ob sie zur Polizei gegangen war, weil sie die Veränderung liebte, oder weil sie nach Wegen suchte, um die Veränderung irgendwie in den Griff zu bekommen. Sie erinnerte sich noch an die Rede des Polizeipräsidenten, damals, vor vielen Jahren, als sie ihre Ausbildung begonnen hatte. ›Unser Job ist wie kein anderer. Da passiert was, das können Sie glauben!‹ Sein und werden und etwas passiert. Komischerweise hatten ihr immer die Menschen den größten Halt gegeben, die akzeptiert hatten, dass sich alles verändert.

Etwas passiert. Noch vor ihrem ›Kurzurlaub‹, der lediglich Silvester und Neujahr umfasste, hatte sie mit Kriminaldirektor Winterfeld, dem Leiter der Mordkommission im LKA, gesprochen. Winterfeld war früher ihr Ausbilder gewesen und konnte es nicht lassen, weiterhin den Elder Statesman zu spielen, auch wenn sie mittlerweile beide auf Augenhöhe zusammenarbeiteten. Die Abteilungen für Delikte am Menschen und die für organisierte Kriminalität und Wirtschaftsdelikte lagen auf einem Gang beim LKA, und sie trafen sich beide häufig vor einem der großen Fenster, das Winterfeld dann immer öffnete, um »nach draußen zu rauchen«, wie er es nannte. Vor Silvester hatten sie ebenso, etwas fröstelnd, am offenen Fenster gestanden, Winterfeld hatte einen Zigarillo geraucht und mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne geschaut. ›Irgendwas passiert Silvester‹, hatte er gesagt, Sarah angeblickt und Rauch in die Winterluft geblasen. ›An Ihrer Stelle würde ich Pieper und Handy anlassen.‹ ›Was soll schon passieren‹, hatte sie geantwortet und nur ein wissendes Grinsen geerntet, ihn im Stillen einen paranoiden Pessimisten genannt und war nach Hause gefahren, sicher, bis zum zweiten Januar Ruhe zu haben. Für pöbelnde Chaoten und Typen, die versuchen, Kioske oder Penner in Brand zu stecken, war schließlich die Bereitschaftspolizei zuständig.

Der Urlaub war abrupt um sieben Uhr zu Ende gewesen, als sie ein Anruf fordernd und penetrant aus dem Schlaf gerissen hatte.

›Bellmann, frohes neues Jahr, Frau Jakobs!‹ Sarah hatte kerzengerade im Bett gesessen. Dr. Alexander Bellmann, Chef des LKA Berlin, persönlich! Sie hätte nicht gedacht, dass Winterfelds Vorhersage derart ins Schwarze treffen würde.

›Pariser Platz, so schnell es geht!‹, hatte Bellmann weitergesprochen, ohne eine Antwort abzuwarten. ›Mord, wahrscheinlich in Verbindung mit sehr viel Geld. Adlon! Suiten! Fünfte Etage.‹

›Wirtschaft oder Politik?‹, hatte Sarah gefragt und versucht, irgendwie intelligent und nicht allzu schlaftrunken zu klingen.

›Wirtschaft‹, hatte Bellmann gesagt, ›möglicherweise Insiderhandel. Die BaFin hat uns aufgefordert, mögliche Hintermänner zu identifizieren. Winterfeld ist schon vor Ort, Spurensuche auch.‹

›Ich komme so schnell ich kann‹, hatte sie geantwortet. Wenigstens hatte sie in der Silvesternacht so gut wie nichts getrunken.

›Versuchen Sie es noch schneller.‹

Typisch Bellmann. Für ihn gab es keine Feiertage. Trotzdem ging es natürlich nicht schneller. Allein schon am Neujahrsmorgen ein Taxi zu finden, war eine größere Herausforderung. Sarah besaß kein Auto, da man in Berlin auch keins brauchte. Dennoch musste sie lächeln. Winterfeld ist schon vor Ort. Sie würde wieder zusammen mit Winterfeld auf einem Fall arbeiten, dem Vollstrecker, wie man ihn in Polizeikreisen nannte.

»Was machen Sie im Adlon?« Der Fahrer schreckte sie aus ihren Gedanken auf. »Machen Sie Entertainment?« Er schaute Sarah mit großen Augen durch den Spiegel an, wie ein Kind, das in einen Guckkasten blickt.

»Nein«, sagte sie zögernd, »wir gehören eher zum Reinigungspersonal.«

*

Hinter dem Brandenburger Tor taumelten die letzten Partygäste zu Rhythmen, die nur noch sie selbst hörten. Im Osten war bereits die erste Andeutung von Tageslicht zu sehen. Sarah blickte aus dem Fenster, während sie den Fahrer bezahlte. Reporter versuchten, an zwei Polizisten vorbei ins Innere des Hotels zu gelangen. »Sie behindern die Arbeit der Presse«, rief einer der beiden, was die Polizisten aber nicht davon abhielt, die Arbeit der Presse weiterhin zu behindern. Sarah stieg aus und betrat die Lobby über den – sicher nicht für sie ausgerollten – roten Teppich, und dem Portier, der zunächst argwöhnisch ihren Ausweis geprüft hatte, schien zu gefallen, was er sah. Ihr hübsches, ovales Gesicht war von dunkelblondem Haar umrahmt, das sie in der Eile zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Die unangestrengte Eleganz, mit der sie sich bewegte, ließen das langjährige Kampfsporttraining erkennen, das sie an der Polizeiakademie absolviert hatte. Ihre braunen Augen, die sanft, aber auch forsch und neugierig ihr Gegenüber fixierten, blickten nun auf die große Gestalt, die ihr entgegenkam.

Hermann, die rechte Hand von Kriminaldirektor Winterfeld und ebenfalls bei der Mordkommission, durchquerte mit raschen Schritten in seiner schwarzen Lederjacke den Eingangsflur und winkte ihr bereits zu. Sie nahm eine Hand aus den Taschen ihres grauen Mantels und winkte zurück.

Hermann hatte einen kahl geschorenen Schädel, braune Augen und war ziemlich groß. Er hatte Sarah früher oft beim Waffentraining geholfen; schießen, reinigen und zusammensetzen. Er lächelte. Sie lächelte zurück. Stilles Einverständnis. Nicht auf eine missverständliche Weise, sondern wie gute Kumpel. Jemand, mit dem man ein Bier trinken gehen konnte, obwohl Sarah eigentlich selten Bier trank; eigentlich nur, wenn Hermann sie zu einem einlud.

»Prima, dass Sie so schnell gekommen sind, Sarah«, begrüßte er sie und deutete mit der Hand zu den Aufzügen. Er siezte sie meistens mit dem ›Hamburger Sie‹. Sie musste lächeln. Typisch Hermann, dieser Versuch, Vertrautheit und Professionalität zu verbinden, etwas unbeholfen, sodass sie ihn schon wieder süß fand. »Wir müssen hoch in den Fünften.«

5

New York City

Montag, 1. Januar

02:00 Uhr

Paul Territo fühlte sich gut. Die Lichter der Party tanzten über sein halblanges, blondiertes Haar und über seine von der Sonne Miamis gebräunte Haut. Er schaute auf die Tanzenden, die sich wie eine amorphe, ekstatische Masse zu den stampfenden Klängen der Musik bewegten, als wäre es ein einziges, großes Lebewesen. Hive Mind nannten es Wissenschaftler, wenn Tausende von Individuen zu einem einzigen Organismus wurden. Jede große Struktur, dachte Territo, war so ein Organismus, die Tanzenden, Firmen, Länder – und auch das World Wide Web. Es war Silvester und ein neues Jahr lag vor ihnen. Das Internet war die Zukunft, eine zweite Welt wuchs heran, ein digitales Universum, das irgendwann genauso wichtig sein würde wie die Welt, die es einst hervorgebracht hatte. Und Paul Territo war der König dieser Welt. Er verkaufte Bilder, Wissen und Gefühle, überall und an jedem Ort. Sein eigenes Bild allerdings war nie zu sehen. Nur die wenigsten Vertrauten kannten sein Gesicht, er war niemals in der Klatschpresse zu finden, niemals in Magazinen wie FORTUNE oder Business Week. Er war ein protestantischer Gott des Internets, von dem man sich kein Bild machen durfte – und von dem man sich kein Bild machen konnte. Es gab keins. Er hatte keine Frau, jedenfalls keine feste, und keine Familie. Sein Baby war Xenotech Corporation, das er aus vielen anderen Hightech-Unternehmen zusammengekauft und aus dem er einen gigantischen Kraken geformt hatte, der seine digitalen Fangarme bis in den letzten Heimcomputer dieser Welt ausstreckte. All diese kleinen Firmen hatte Territo zu etwas Großem zusammengesetzt, alle waren sie damals in klassischer Art und Weise im Umfeld der Stanford University im Silicon Valley in irgendeinem vergessenen Raum auf dem Campus, in dem sich Pizzakartons stapelten, oder in irgendeiner Garage gegründet worden – frei von Profitstreben, frei vom Denken über strategische Allianzen zur Beherrschung des Gesamtmarktes – einzig und allein beseelt und besessen von der Möglichkeit der globalen Vernetzung, der großen Community, die mit allen überall kommunizieren konnte. Alle hatten sie Ideen gehabt, alle hatten sie irgendwann Startkapital gebraucht, und alle hatten sie es bekommen – von Paul Territo. Saint Paul nannte man ihn in Online-Kreisen, da er es fertiggebracht hatte, aus etwas Kleinem etwas ganz Großes zu schaffen, so wie es Paulus mit dem Christentum gelungen war, aus einer versprengten Sekte eine der großen Weltreligionen zu formen.

Er schaute auf den beheizten Swimmingpool auf der Dachterrasse und genoss den Moment der Stille, in dem er aus den großen Fenstern des Penthouse auf die Park Avenue hinunterblickte. Er sah das Metlife-Gebäude am Ende der Straße, dahinter die Grand Central Station. Und er sah den gläsernen Fahrstuhl an der Außenfassade des Gebäudes langsam nach oben fahren. Vier Männer waren darin, soweit er es erkennen konnte. Der Fahrstuhl würde unterwegs nicht halten. Späte Gäste zu seiner Feier. Wer mochte das noch sein?, fragte er sich.

6

Berlin

Montag, 1. Januar

08:00 Uhr

Der Butler und ein Leibwächter hatten Stuart Hill gefunden, wie er dalag, auf dem Teppich der Suite mit leeren Augen, die etwas blöde gegen die Decke blickten. Sein Mund stand offen, ein Speichelfaden hing beinahe bis auf den Teppich hinab, und ein Techniker der Spurensicherung wischte ihn mit einem Wattestäbchen auf, das erst in einem Röhrchen und dann in einem Asservatenkoffer verschwand. Eine Kollegin steckte Papierbeutel auf Hände und Schuhe, ein Junge, der unter seinem weißen Papieranzug eher nach Streetball und Hip-Hop aussah, tupfte mit einem Grafitpinsel über die Möbel und Wände, kniff prüfend die Augen zusammen, schüttelte den Kopf hier, nickte da und zog nur manchmal die Klebefolienstreifen heraus, um einen Abdruck zu sichern. Ein weiterer Mann von der Spurensuche entnahm Proben des Teppichs.

Inmitten dieses geordneten Chaos standen, in teuren Anzügen und mit nervösen Gesichtern, zwei hochrangige Firmenvertreter von Promethean Industries. Mr. Miller war der Chef der Rechtsabteilung und zugleich persönlicher Anwalt von Mr. Hill. Er war mit dem Finanzvorstand Mr. Thomson direkt aus London gekommen. Ihre Gesichter wirkten in einer Weise verkniffen, die weit über Trauer hinausging. Kein Wunder, ihre Investoren interessierten sich wohl vor allem dafür, warum Hill so einfach starb und ob das jetzt auch bei anderen Führungskräften der Firma zu erwarten sei, und weniger für den Entwurf eines Nachrufs. Wie würde der Aktienkurs die Nachricht verkraften? Wahrscheinlich hatten beide selbst Vorzugsaktien der Firma in ihren Depots. Thomson wischte sich öfter mit einem Taschentuch über seine schweißnasse Stirn und redete penetrant auf Englisch auf Kriminaldirektor Winterfeld ein, der zwischen den beiden stand und sein raubvogelartiges Gesicht mit der gebogenen Nase und den stahlblauen Augen hektisch zwischen ihnen hin und her bewegte. Zwischendurch klingelte entweder das Handy von Miller oder Thomson oder von Winterfeld.

»I don’t know if it was a natural death, suicide, an accident or if he was killed. But be assured, it’s my job to find out! But expecting me to point out the killer in less than ten minutes is a bit over the top …« Winterfeld schien froh, dass er ein Jahr über Interpol in London bei Scotland Yard gearbeitet hatte, dennoch machten ihn die beiden Nadelstreifen nervös, so oft wie er sich durch seine kurzen, grauen Haare strich. Es passierte ja auch nicht häufig, dass ein so prominenter Mensch wie Stuart Hill auf so ungewöhnliche Weise starb – und das auch noch Silvester.

»Mr. Ward should arrive in a few minutes from London via helicopter«, sagte der Anwalt. Winterfeld verdrehte die Augen – und dann entdeckte er sie. Für einen Moment lächelte er, beinahe erleichtert, und hob grüßend die Hand.

»Sarah«, rief er, offenbar froh, einen Grund zu haben, die beiden Nervensägen kurzzeitig ignorieren zu können. »Man sieht sich doch immer wieder. Was habe ich Ihnen vorgestern am Fenster gesagt?« Er senkte den Kopf und schaute sie an, während er wissend die Augenbrauen hob. »Etwas passiert.« Er ging einen Schritt auf sie zu und führte sie zu dem Toten. Sie sah ihn an – er war im Stress, aber er war auch in seinem Element. Walter Winterfeld, 58, in zweiter Ehe geschieden.

Sie kannten sich schon seit einigen Jahren, doch ganz durchschaut hatte Sarah ihn immer noch nicht. Einerseits stellte er dubiose Thesen auf wie die, dass er allein am Gesicht einer Person erkennen könne, ob sie ein Verbrecher sei. »Präventive Physiognomie« nannte er das. Auf einer Konferenz in Berlin zu Fragen der Inneren Sicherheit hatte er einmal vorgeschlagen, alle, die seiner Meinung nach ein Verbrechergesicht hatten, unter verschärfte Beobachtung zu stellen, was ein mittelschweres Beben in Berlins politischer Landschaft verursacht hatte. »Heinrich Himmler ist zurück«, hatte eine Berliner Tageszeitung am nächsten Tag getitelt. Selbst das BKA in Wiesbaden hatte schwerwiegende Bedenken geäußert.

Auf der anderen Seite stand Winterfelds Aufklärungsquote. Denn seltsamerweise hatte er mit seiner bizarren Heuristik häufig recht. Sichten und vernichten, sagte er dann oft. Erst hatte er Sarah nicht ganz ernst genommen, sie für ein neugieriges Küken gehalten, das er unter seine Fittiche nehmen müsste. Dann hatte sie ihm im entscheidenden Moment einmal eine hochbrisante Information zugesteckt, auf dem kurzen Dienstweg, denn sie selbst hatte an einem ganz anderen Fall gearbeitet. Winterfeld sollte das Verschwinden einer Frau aufklären, ein Fall, den man fast schon zu den Akten legen wollte. Da war dieser reiche Frankfurter Bauunternehmer, der jetzt in Berlin wohnte. Der hatte eine 30 Jahre jüngere Frau und einen Sohn aus erster Ehe. Der Sohn war ein beinahe 30-jähriges Kind, das vor allem Xbox-Spiele und Horrorfilme sammelte, aber niemanden zum Reden hatte. Die Frau kam aus dem Drogenmilieu und auch der Bauunternehmer war ein dankbarer Abnehmer von Kokain. Dann verschwand die Frau. Winterfeld kam der Sohn gleich komisch vor, doch als er vorschlug, im Umfeld des Sohnes nach Hinweisen zu suchen, wurde er ausgelacht. Es wäre doch wohl klar, wohin die Freundin verschwunden wäre. Wahrscheinlich habe sie keine Lust mehr auf den alten Knacker gehabt und sei mit seiner Kreditkarte und einer der anderen Koksnasen durchgebrannt. Das sei kein Job für die Mordkommission, eher für einen Scheidungsanwalt. Winterfeld hatte gezögert. Sarah hatte dann über einen Kontakt beim Zoll Wind von einer dubiosen Bande bekommen, die illegal Orang-Utans aus Borneo nach Europa verschiffte. Die Bande betrieb ein zooartiges Bordell, in dem sich abartig veranlagte, gut zahlende Kunden mit den Affen vergnügen konnten. Die Orang-Utans waren rasiert, unter Drogen gesetzt, und ihnen wurden die Zähne gezogen, damit sie sich weniger wehren konnten. Auf einer der CD-ROMs, die der Zoll bei der Bande beschlagnahmt hatte, fand Sarah die Mailadresse des Sohnes vom Baulöwen. Wer so etwas tut …, hatte sie gedacht. Dann hatte sie eine Zehntelsekunde überlegt und dann Winterfeld die Information zugespielt. Ohne Absprachen mit irgendwem. Durchaus riskant. Doch Winterfeld liebte den kurzen Dienstweg. Und die Information reichte ihm. Er spielte Hardball, sah Gefahr im Verzug, wartete nicht auf Richter oder Strafvollzugsbehörden und ließ die Wohnung des Sohnes durchsuchen. Hinterher fühlte sich kein Richter übergangen und eine Einzelfallprüfung wurde gar nicht erst angestrengt – die aufgedeckte Wahrheit ließ alles andere vergessen: Im Kühlschrank fand man den abgetrennten Kopf der Freundin und andere Körperteile. Gott wusste, wozu der Sohn sie aufgehoben und was er mit ihnen gemacht hatte. Nun lachte niemand mehr – Vater und Sohn am allerwenigsten.

Winterfeld hatte in seinem Leben schon oft in den Abgrund der menschlichen Seele geblickt, doch bei diesem Fall hatten sie es gemeinsam getan, Sarah und er. Und so etwas schweißt zusammen.

»Erst mal ein frohes neues Jahr«, sagte Sarah.

»Das wünsche ich Ihnen auch«, fuhr Winterfeld fort, bewusst auf Deutsch, damit die anderen beiden nichts mitbekamen, »auch wenn es nicht so froh beginnt. Aber fangen wir an.« Er zeigte auf den Verstorbenen, bevor er weitersprach. »Stuart Hill, Chef von Promethean Industries. Er ist noch nicht hundertprozentig identifiziert, aber wir können fast sicher sein, dass er es ist. Sie kennen das Unternehmen?«

Sie kannte das Unternehmen. US-Konzern, Satellitentechnik, GPS, Lenkraketen. War unter Reagan privatisiert worden. Sie hatte noch vor ein paar Wochen einen Artikel in der Fortune über die Firma gelesen. Hill war eher ein Macher und Playboy, ein guter Verkäufer, der Deals machen konnte und die Details anderen überließ. It’s not rocket science, hatte er seinen Job in dem Fortune-­Interview beschrieben.

Sarah nickte kurz.

»Gut für Sie, ich kannte es bisher nicht.« Winterfeld fuhr sich durch die Haare. »Dann erst einmal zum Hintergrund: Laut Forensik ist dieser Kerl zwischen halb zwölf und halb drei Uhr morgens gestorben. Genauer werden wir es nicht rausfinden können. Er bewohnte die Suite allein. Um sieben Uhr morgens ging ein Anruf aus Peking auf seinem Handy ein. Vielleicht für Neujahr etwas unchristlich von der Zeit her, aber es ging wohl um größere Investitionsentscheidungen, die schnell geklärt werden mussten, und die Chinesen sind ja nun mal keine Christen. Deren neues Jahr beginnt erst … jedenfalls irgendwann später. Da aber niemand ans Handy oder ans Hoteltelefon ging und die Entscheidung wohl sehr wichtig war, verschaffte sich einer der Leibwächter zusammen mit dem Butler Zugang zur Suite und entdeckte – na ja, das hier.« Er schaute auf Hill. »Wir haben den Bericht des Notarztes. Da Hill eigentlich kerngesund ist, hat der Leibwächter ihn gedrängt, die Polizei zu rufen. Und jetzt sind wir hier.«

Sarah blickte sich um. »Und wo ist der Leibwächter jetzt?«

»Mal kurz für kleine Leibwächter«, antwortete Winterfeld, »Todesursache ist noch nicht klar. Schlaganfall oder Herzinfarkt können wir ausschließen, keine Zeichen für äußere Gewaltanwendung, ein kleines Rätsel, wenn man so will. Aber da müssen dann letztlich die Kollegen von der Gerichtsmedizin ran. Bin sicher, dass eine Sektion angeordnet wird. Einige Jungs aus der Rechtsmedizin sind auch schon hier.« Er zeigte auf den Hip-Hop-Jungen im Papieranzug und blickte kurz nach draußen. Sarah kannte das Vorgehen. Normalerweise würde man den Raum versiegeln, die Schlüssel beschlagnahmen und erst mit der Spurensuche beginnen, wenn die Obduktion einen Mord ergeben hätte. Hier sah schon jetzt alles nach Mord aus, allerdings ohne Todesursache und ohne Mörder.

Winterfeld fuhr sich durchs Haar. »In dem Moment, als er gefunden wurde, ist erst mal der ganze juristische Apparat aufgescheucht worden, Neujahr hin oder her. Hill ist schließlich nicht irgendwer. Der Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Justiz hat schon mit Staatsanwalt Rathenow gesprochen. Die Leiche ist bereits beschlagnahmt, die Kollegen warten auf die Freigabe zur Obduktion.« Er hob seine gebogene Nase, als würde er Witterung aufnehmen.

»Altersschwäche halte ich auch für unwahrscheinlich. Das ist eher bei mir der Fall, bin halt nicht mehr der Jüngste und wir haben Neujahrsmorgen.« Er sah Sarah an, wieder ganz der Elder Statesman. »Helfen Sie einem alten Mann: Was könnten Täter und Motiv sein?«

Sarah dachte an ihren Schullehrer: Sein und werden. Wer wird etwas, wenn Hill nicht mehr ist?

»Möglicherweise Rache«, begann sie laut nachzudenken, »irgendjemand möchte Hill schaden, eine alte Rechnung begleichen? Oder es geht ums Geldverdienen? Activist Shareholder XXL. Hill stirbt, die Aktie geht in den Keller. Irgendeiner deckt sich billig ein. Kauft das Unternehmen zum Spottpreis. Nicht die feine Art, aber irgendwann musste so was ja mal passieren.«

»Nicht schlecht«, sagte Winterfeld, »excact words of the text, wie die Briten sagen würden. Sherlock Holmes würde das aber noch nicht zufriedenstellen. Er würde fragen, wie diese Leute, die an seinem Tod verdienen, ihn umgebracht haben.« Winterfeld konnte es nicht lassen.

»Wenn sie ihn umgebracht haben«, korrigierte Sarah.

»Gehen wir mal davon aus, dass der Kaviar nicht verdorben war und er mit 44 Jahren nicht ›plötzlich und unerwartet‹ verstirbt«, fuhr Winterfeld fort. »Rathenow hat über Interpol schon den NHS in London kontaktiert, um ein medizinisches Gutachten über Hills Gesundheitszustand zu bekommen. Wenn die in London es nicht haben, folgt automatisch eine Anfrage in den USA.« Dummerweise war hier kein einziger Verdächtiger zu sehen, in diesem Fall half Winterfeld auch seine präventive Physiognomie nicht.

»Tja«, sagte Sarah und betrachtete die Leiche und dann die Suite. »Soweit ich weiß, ist das hier eine der Suiten mit schusssicheren Scheiben, Bush war auch hier drin, 2002. Also kein Sniper, der mit winzigen Projektilen durchs Fenster schießt, die erst die Gerichtsmedizin entdeckt.« Sie zupfte an ihrem Ohrläppchen, wie sie es häufig machte, wenn sie nachdachte, und blickte Winterfeld an. »Sie sagten etwas von verdorbenem Kaviar. Vielleicht wirklich eine Vergiftung?«

Winterfeld winkte ab. »Wenn, dann eine Injektion. Sobald wir das Go von Rathenow haben, sind die Jungs mit den Gummihandschuhen dran. Wir haben den Champagner gecheckt. Alles in bester Ordnung, wie es aussieht. Wir warten aber noch auf den Bericht des Labors. Die Flasche wurde geschlossen serviert, Hill hat sie wohl selbst geöffnet. Am Flaschenhals sind Fingerabdrücke. Den Korken hat er wohl vom Balkon in die Nacht hinausfliegen lassen, auf dem Boden ist eine kleine, gefrorene Pfütze Champagner, seine Fingerabdrücke sind auch am Griff der Balkontür sowie an der Balustrade des Balkons.«

Ein so hohes Tier und dazu noch Partytiger wie Hill allein zu Silvester in seiner Suite? Sarah kam das seltsam vor. Oder würde Winterfeld die Katze wieder nur peu à peu aus dem Sack lassen? Wie früher? Er sah sie an wie ein Habicht eine Maus, die lange Hakennase in die Luft gereckt.

»Das heißt, der Korken wurde nicht gefunden«, folgerte sie, »wir wissen also nicht hundertprozentig, dass die Flasche wirklich geschlossen war?«

»Wir haben die Aussage des Zimmerservice. Und wenn in einem Laden wie dem Adlon irgendein Champagner offen serviert wird, dann wird er normalerweise auch vom Hotelpersonal eingeschenkt. Der hier war zu! Im Übrigen, liebe Frau Erbsenzählerin, sucht dort unten bereits ein Polizist nach dem Korken, und wenn er ihn gefunden hat, dann checken wir auch da die Fingerabdrücke.«

»Da unten liegen aber bestimmt viele Korken. Wir haben Silvester!«

Winterfeld verdrehte die Augen.

»Aber wenige Dom Perignon Vintage 1998.«

Sarah lächelte. Winterfeld schien ihre Gründlichkeit gleichzeitig zu imponieren und zu nerven. Wenn man kein zweites Gesicht hatte beziehungsweise das glaubte, dann musste man eben anhand der Fakten recherchieren. Wobei das zweite Gesicht Winterfeld diesmal ja nicht viel half.

Sein Handy klingelte. »Winterfeld. Morgen, Herr Rathenow. Ach ja, frohes Neues, das wünsche ich Ihnen auch. Ja, Frau Jakobs ist auch hier. Sektion? Das habe ich mir gedacht.« Er winkte den Forensikern, zeigte auf die Leiche und machte dann mit Zeige- und Mittelfinger eine Geste, als würde er etwas zerschneiden. Der Hip-Hop-Junge im Papieranzug nickte wissend. »Ich denke, die Spurensuche braucht noch ’ne halbe Stunde, dann kann’s losgehen. Ermittlungsakte kommt dann hinterher. Ja, danke! Wiederhören!«

»Wo waren wir?«, fragte Winterfeld, steckte das Handy in die Manteltasche und blickte Sarah an. »Ach ja, das Labor hat schon eine Probe des Champagners mitgenommen. Die KTU hat auf den ersten Blick ebenfalls keine Besonderheiten feststellen können.« Er stemmte die Hände in die Hüften und schaute kurz den Beamten bei der Arbeit zu. »Was wir hier gerade machen, ist also vielleicht genau das, was der Täter will: Wir halten uns am Champagner auf, und in der Zeit entgehen uns andere, viel wichtigere Hinweise.«

»Wenn die Flasche, die hier steht, auch die ist, aus der Hill getrunken hat.«

»Wenn er überhaupt hier auf dem Zimmer irgendwas getrunken hat. Aus der Minibar fehlt nichts. Haben wir schon mit dem Concierge gecheckt. Was Hill nun über den Abend verteilt alles getrunken hat, weiß ich nicht. Das müssen dann unsere Freunde mit den Gummihandschuhen feststellen. Aus den zwei Gläsern, die hier stehen, wurde allerdings getrunken.« Winterfeld sah Sarah an wie ein Vater sein Kind bei der Weihnachtsbescherung.

»An einem ist Lippenstift.«

7

New York City

Montag, 1. Januar

02:30 Uhr

Mr. Tyron hatte schwarzgraue Haare, ebensolche Augen und eine Mimik, die nicht von innen, sondern von außen kam. Sie war immer genau so, wie sein Gegenüber sie erwarten durfte. Man wusste nicht, ob er sich freute oder ärgerte, ob das, was er sagte, die Wahrheit war oder aus taktischen Gründen etwas ganz anderes. Sein Gesicht war eine Maske, die alles verbarg und nichts zeigte – oder nur das zeigte, was sie zeigen wollte.

Er verließ den Aufzug, zusammen mit dem Investmentbanker, Mr. O’Neil, dem Anwalt, Mr. Emerson, und einem kantigen, schwarz gekleideten Mann mit schwarzer Sonnenbrille.

Eine Hostess trat ihnen entgegen. Sie hatte platinblonde Haare und eine kurvige Figur. Tyron fixierte sie kurz. Eine von denen, die nicht nur Getränke servieren.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie.

»Uns zu Mr. Territo bringen«, sagte Tyron. Der Mann mit der Sonnenbrille reckte die Schultern und die Nähte seines Anzugs schienen zu knirschen. Der Anwalt öffnete seine Bottegatasche und griff nach einem Umschlag.

»Sind Sie eingeladen?«

Tyron nickte.

»Darf ich Ihre Einladung sehen?«

Der Anwalt zog einen Briefumschlag aus der Tasche. »Geben Sie das Mr. Territo. Wir wollen nur kurz mit ihm plaudern. Und nicht lange bleiben.«

Die Hostess ergriff den Umschlag und verschwand im Getümmel der Gäste.

*

Paul Territo saß in dem Ledersessel in seinem Arbeitszimmer und blickte auf das Schreiben der Anwaltskanzlei mit dem Durchschlag des Depotauszugs. Das Wummern der Musik war gedämpft zu hören. Durch die getönten Scheiben sah er die amorphe Masse der Tanzenden. Der, der sich als Mr. Tyron vorgestellt hatte, nippte an seinem Whisky und blickte ihn unverwandt an.

»Das ist ein Scherz«, sagte Territo. Er las die Zeilen noch einmal:

Wir möchten Sie daher bitten, unserem Mandanten Iron Crown Capital als größtem Hauptaktionär die Möglichkeit zu geben, sich einen umfassenden Überblick über seine künftigen Kompetenzen der strategischen Steuerung des Firmengeschäfts zu schaffen, am besten noch in dieser Woche. Mit freundlichen Grüßen …

»Hauptaktionär?«, fragte er und blickte erst den Anwalt und dann Tyron an.

»Unser Mandant hat es sich erlaubt, den Großteil des im Free Float frei verfügbaren stimmberechtigten Aktienkapitals Ihrer Firma aufzukaufen, sodass er jetzt über Besitzverhältnisse von mehr als dreiunddreißig Prozent verfügt«, sagte Emerson.

O’Neil, der Banker, fletschte seine Zähne. »Dawnraid nennt man das.«

»Das ist ein Scherz«, versuchte es Territo noch einmal, ahnte aber, dass es keiner war. »Seit wann?«

»Wir werden nicht fürs Scherzen bezahlt, ebenso wenig Mr. O’Neil«, sagte Emerson und rückte seine Brille zurecht. »Ansonsten wären wir Komiker geworden.«

»Seit wann?«, wiederholte Territo.

»Seit genau fünfzig Stunden und …«, Emerson schaute auf die Uhr, »… und zehn Minuten!« Er rieb sich die Hände und trat zum Fenster. Der, der Tyron hieß, sagte nichts und starrte ihn weiter unverwandt an. »Unsere Associates haben die ganze Nacht gearbeitet, um einen ersten Vertragsentwurf und eine Anordnung der sofortigen Vollziehung zu erstellen. Silvester hin oder her. Sie wissen ja, je früher wir die Anordnung einreichen, desto besser. Und das neue Jahr ist ja erst zweieinhalb Stunden alt. Jedenfalls in dieser Zeitzone.« Emerson drehte sich um. »Aufgrund der Größe des Aktienpakets brauchen wir kein Übernahmeangebot mehr zu formulieren.«

»Wir haben uns nämlich erlaubt, ohne ein Angebot zu übernehmen«, ergänzte O’Neil und bleckte die Zähne. »Wir hatten befürchtet, dass Sie ablehnen.«

Territo schnaubte. »Ablehnen?«, knurrte er. »Ich lehne auch jetzt noch ab. Und siebenundzwanzig Prozent des Aktienkapitals ist im Besitz der Porter-Familie. Und die wird nie verkaufen.« Er stand auf.

»Alles ist möglich, und alles ist käuflich«, meinte O’Neil.

»Verschwinden Sie«, befahl Territo. »Sofort! Oder ich lasse Sie eigenhändig rauswerfen.«

Der, der Tyron hieß, erhob erstmals seine Stimme. Sie klang tief und nicht unangenehm, aber es steckte etwas Lauerndes darin. »Aus Ihren Räumen mögen Sie uns hinauswerfen, aus Ihrem Unternehmen nicht.«

Territo riss die Tür auf. Zwei Security-Männer kamen ihnen entgegen. »Ich bin Territo!«, rief er. »Ich mache das Internet! Der König einer neuen Welt! Ich bin Xenotech!«

»Sie sind Geschichte, Mr. Territo«, sagte Tyron und hob seine Stimme ein wenig. »Es gab eine Zeit, in der Könige herrschten. Aber diese Zeit ist vorbei.«

Die zwei Security-Männer bewegten sich auf Tyron und seine Begleitung zu. Der schwarze Mann mit der Sonnenbrille spannte die Muskeln an. Licht reflektierte wie ein Blitz in seiner Sonnenbrille. »Raus mit euch«, brüllte Territo. »Gottverdammte Aasgeier.«

Die vier bewegten sich Richtung Ausgang. »Wir wollten ohnehin gerade gehen«, sagte Emerson. »Aber es hat uns gefreut, Sie noch kennenzulernen.«

Sie noch kennenzulernen, wiederholte Territo in seinem Kopf. Dann brüllte er ihnen hinterher. »Die Porter-Familie wird nicht verkaufen. Und Promethean Industries hält auch zehn Prozent an uns. Ich kenne Stuart Hill! Wir waren zusammen in Stanford. Wir werden euch gemeinsam aus dem Unternehmen rausjagen, euch gottverdammte Aasgeier.«

Tyron hielt in der Tür zum Aufzug inne und blickte sich ein letztes Mal um. »Ich glaube, Mr. Territo, Ihr Freund Stuart Hill hat für Sie keine Zeit mehr. Gute Nacht.«

*

Wolf blickte auf den Bildschirm und versuchte, sich das Gesicht einzuprägen, das einer der Leibwächter Tyrons mit der Kamera in seiner Sonnenbrille aufgenommen hatte.

Ein neuer Job für ihn. Unlösbar, gefährlich und darum eigentlich unmöglich. Die Art von Jobs, für die es Wolf gab. Er sah auf das von Wut verzerrte Gesicht auf dem Bildschirm, die Augen, in denen gleichermaßen Verachtung und Verwunderung lagen. Paul Territo. Der, von dem es kaum Fotos gab. Der ein Imperium aus Bildern verwaltete, aber niemals selbst zu sehen war. Wolf hatte den Auftrag erhalten, ihn zu fangen. Ihn lebend zu fangen. Das war viel schwieriger, als jemanden einfach nur zu töten. Es war aber auch viel spannender. Er zog die Lippen zurück und fuhr sich mit der Zunge über seine verlängerten Eckzähne. Die Jagd war eröffnet.

8

Berlin

Montag, 1. Januar

08:30 Uhr

An einem Glas ist Lippenstift …

Sarah schaute Winterfeld an, der sie wiederum anblickte, als sei sie gerade auf einen Aprilscherz hereingefallen.

Bingo, dachte sie, also war Hill doch nicht allein in der Suite. Winterfeld machte es mal wieder absichtlich spannend.

»Wir prüfen, ob in beiden der gleiche Inhalt war. Die Brüder dort«, Winterfeld wies auf den Anwalt und den Finanzchef, »haben sofort eine Obduktion verlangt. Dachten wohl, das hätten sie zu entscheiden. Amis. Wollten extra einen eigenen Experten. Jemand sollte denen mal erklären, wie das bei uns geht. Schließlich war es doch ein Deutscher, der die moderne Rechtsmedizin erfunden hat, und der erste Lehrstuhl der Rechtsmedizin ist meines Wissens auch in Berlin, und …«

»Sie erwähnten zwei Gläser«, unterbrach Sarah hastig, um einem langen Vortrag zu entgehen.

Hermann kam herein. »Walter«, sagte er, »wir haben hier einen der Bodyguards von Hill. Er hat seine Begleitung gesehen. Das ist Derek Bowers.«

Sarah grinste. »Soso, Begleitung!«

»Davon habe ich Ihnen bewusst nichts erzählt«, erklärte Winterfeld und zwinkerte mit einem Auge. »Ich wollte, dass Sie ceteris paribus über die Sache nachdenken.«

»Ceteris paribus ist ein Begriff aus der Ökonomie«, sagte Sarah.

»Und ich bin der, der ihn in die Kriminalistik eingeführt hat. Notieren Sie das bitte für die Nachwelt.« Winterfeld grinste. »Aber Spaß beiseite.« Seine Miene wurde abrupt ernst und er wandte sich an den Leibwächter, der neben Hermann stand. »You speak English or German sufficiently?« Eigentlich hätte er dafür einen geprüften Dolmetscher bestellen müssen, doch wahrscheinlich witterte er wieder Gefahr im Verzug, wie damals bei dem Sohn vom Baulöwen, der den Frauenkopf im Kühlschrank gehabt hatte. Meist führten Winterfelds überstürzte Aktionen eher zum Besseren als zum Schlechteren. Sie betrachtete ihn, während er darauf wartete, dass sich Bowers äußerte, ob er nun Deutsch oder nur Englisch sprach. Sie war sich nicht sicher, ob er den Leibwächter schon jetzt für schuldig hielt. Dann wäre der Fall aber langweilig und sehr schnell zu Ende.

»Only English.«

»Okay«, Winterfeld fuhr auf Englisch fort, »diese Begleitung von ihm, wie sah sie aus, wann hat sie die Suite verlassen und warum?«

»Oh, die sah ziemlich gut aus«, sagte Bowers. »Eher so der dunklere Typ, aber verdammt sexy.«

»Wieso aber?«

Bowers hielt kurz inne, als würde er überlegen, in welche Hosentasche er welche Hand stecken sollte. »Wieso aber …? Na ja, eigentlich finde ich Blondinen besser, aber die, die war echt scharf, die war so richtig … na ja, eben so richtig …«

Winterfeld nickte. »Ich verstehe. Wann hat Mr. Hill sie kennengelernt?«

»Mr. Hill war schon den ganzen Abend mit ihr zusammen. Sie sind dann gemeinsam aufs Zimmer gegangen, ich habe sie nach Waffen durchsucht, aber nichts gefunden.«

Hat ihm sicher Spaß gemacht, das Durchsuchen, dachte Sarah. »O. k.«, sagte Winterfeld, »wir werden Sie nachher noch für eine Personenbeschreibung brauchen, dann versuchen wir, ein Phantombild zu erstellen. Wann hat sie das Zimmer verlassen?«

»So gegen halb zwei morgens. Sie hatte vorher mit Hill gesprochen und ging dann mit einem Eiswürfelbehälter raus.«

»Was hat sie gesagt?«

Er grinste. »Oh, das weiß ich noch, sie sagte: Bevor du zu heiß wirst, hole ich dir Eis. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen. Dann hat sie mich angelächelt und ist zur Eismaschine am Fahrstuhl gegangen. Hill hat nicht geantwortet.«

»Weil er wahrscheinlich schon tot war«, sagte Winterfeld nachdenklich. »Sie sind ihr nicht gefolgt?«

»Nein«, sagte Bowers, »mein Job ist es, Mr. Hill zu bewachen. Und ich dachte natürlich, sie kommt gleich wieder. Außerdem hatte ich Anweisung, ihn an diesem Abend aus keinem Grund zu stören.«

»Und?«

»Das habe ich auch nicht.«

»Auch als die Begleitung nicht wiederkam?«

»Mein Gott, das ist ein freies Land! Hill ging mit ihr in sein Zimmer, das war seine Entscheidung, sie hatte keine Waffen, also durfte sie rein, das war meine Entscheidung. Dann geht sie weg und bleibt weg, ihre Entscheidung. Und Hill bleibt in seinem Zimmer. Seine Entscheidung!« Man merkte, dass Bowers nicht ganz sicher war, ob er nicht mehr hätte tun können.

Winterfeld klopfte ihm auf die Schulter. »Völlig in Ordnung, Kumpel. Es ist ja gar nicht mal sicher, ob es ein Mord war.« Er wusste, wann ein Verdächtiger einen Freund brauchte, weil er sonst anfing, Sachen zu erfinden. »Warum, denken Sie, kam die Begleitung nicht wieder?«

»Mein Gott …«, Bowers zögerte, »unten war die Party noch in vollem Gange, im Felix war ja auch noch was los, vielleicht hat sie jemand anderen aufgerissen. Von Hill dachte ich, er sei wohl eingeschlafen, da er sich drinnen nicht mehr rührte. Er hatte den Tank aber auch schon voll, als er mit ihr hier hochkam. Und wie gesagt, ich hatte deutliche Anweisung, ihn unter keinen Umständen zu stören.«

»Abgesehen von dem Anruf um sieben Uhr morgens«, meldete sich nun Sarah zu Wort. Der Leibwächter schien sie bisher nicht wahrgenommen zu haben, nun betrachtete er sie interessiert.

»… der Anruf um sieben Uhr, richtig«, sagte er, »ich erinnere mich noch an seine Worte: Derek, wecken Sie mich unter allen Umständen um sieben Uhr. Ich werde mir heute Nacht schön einen reinlöten und dann einiges flachlegen, es ist schließlich Silvester und es gibt genügend zu feiern. Aber der Anruf ist leider erforderlich und wichtig. Also sagen Sie mir rechtzeitig Bescheid, falls ich noch schlafe.«

»Was gab es denn da zu entscheiden?«, fragte Sarah weiter.

»Investitionsentscheidungen, strategische Allianzen«, Bowers schüttelte den Kopf. »Irgend so was.«

Sarah zog die Brauen zusammen. »Strategische Rüstungsallianzen der USA mit China?«

»Keine Ahnung«, sagte Bowers, »ich bin nur Leibwächter. Fragen Sie doch Miller oder Thomson. Mir hat er nichts davon erklärt. Ich sollte ihm nur Bescheid sagen, wenn er noch schläft.« Er zuckte die Schultern.

»Tja«, bemerkte Winterfeld, »nun schläft er immer noch. Sarah, Hermann, noch Fragen?«

Die beiden schüttelten die Köpfe.

»Gut, Mr. Bowers, wir brauchen Sie dann gleich für eine Stunde im Revier wegen der Personenbeschreibung.« Winterfeld klopfte ihm noch einmal auf die Schulter. »Besten Dank für Ihre Kooperation.«

Der Leibwächter verschwand mit einem Polizisten. Sarah blickte aus dem Fenster. Draußen standen noch immer die Reporter. Da es nichts Neues zu berichten gab, interviewten sie sich gegenseitig.

»Verdammte Schmeißfliegen«, knurrte Winterfeld und blickte ebenfalls hinunter. »Haben mal wieder den Polizeifunk abgehört.«

Ein anderer Polizist, der vor der Suite Stellung bezogen hatte, sprach gerade in sein Funkgerät: »Mr. Ward ist gekommen? Ja, schicken Sie ihn hoch.«

Winterfeld blickte dem Leibwächter hinterher. »Der war’s nicht«, schnaubte er, »das fühle ich. Hier ging es um eine große Sache, die Täter waren Profis. Was meint ihr?«

»Diese Unbekannte. Beinahe zu klar«, sagte Hermann. Sarah nickte.

»Ja, und die ist inzwischen über alle Berge«, ergänzte Winterfeld, »und von ihren Auftraggebern haben wir nicht die allerleiseste Ahnung.« Er fuhr sich mit der Hand über seinen Kopf und hielt kurz inne. »Wenn sie ihn wirklich umgebracht hat, stellt sich die Frage, wie. Also sind erst mal die Gummihandschuhe dran. Sarah kümmert sich sicher um die Hintergründe, Investmentgesellschaften, Hedgefonds, Offshore-Firmen oder irgendwelche Player aus der Halbwelt, die sich mit Hill anlegen wollten. Wir«, er zeigte auf sich und Hermann, »wir müssen jetzt klären, wer diese geheimnisvolle Dame alles gesehen hat, sowohl auf der Party als auch beim Verlassen des Hotels, wenn sie es denn sofort verlassen hat. Dann muss ich wissen, ob die Gänge und Zimmer des Hotels kameraüberwacht sind und wenn ja, welche. Wenn das Hotel sich querstellt, müssen wir halt etwas deutlicher werden. Wenn wir mit all den Verhören fertig sind, haben wir hoffentlich schon ein Ergebnis von der Gerichtsmedizin. Und dann reicht es mir auch für heute. Es ist schließlich Neujahr.«

Ein Polizist erschien in der Tür und führte einen neuen Besucher herein.

»Kriminaldirektor Winterfeld, Hauptkommissarin Jakobs, das ist Mr. Ward, im Vorstand von Promethean Industries zuständig für besondere Angelegenheiten und Stellvertreter von Stuart Hill.«

Besondere Angelegenheiten, dachte Sarah, fragt sich, wie besonders?

Mr. Ward reckte seine massige Gestalt, die in einem blauen 6000-Dollar-Anzug steckte, und blickte mit seinen grünen Augen über die gesamte Szenerie und die Leiche. Dann betrat er die Suite wie der Anführer eines Rollkommandos. Miller und Thomson wichen ehrfurchtsvoll vor ihm zurück. Sarah musste an herumliegende Blätter denken, die von einem landenden Hubschrauber aufgewirbelt werden.

»Ward«, sagte er. Er schien zu denen zu gehören, die gleich merkten, wer wo das Sagen hatte und wer nicht. Sarah musste er als Erster die Hand geben, das gebot die Höflichkeit, aber sie merkte an der Art und Weise, wie er dies als lästige Pflicht abtat, dass er aus einer Welt kam, in der Frauen nur ins Vorzimmer und in den Nachtclub gehörten. Dann kam Winterfeld. Alle anderen im Raum beachtete er gar nicht.

»Jakobs, nice to meet you.« Wie oft war Höflichkeit nichts weiter als Lüge.

»Winterfeld«, sagte der und ergriff als Zweiter die Hand.

Sie standen da, wie die Heerführer zweier verfeindeter Armeen, die sich doch in gewisser Weise sehr ähnlich waren. Xerxes und Leonidas. Oder Rommel und Montgomery.

»Talking business?«, fragte Ward.

»Talking business«, antwortete Winterfeld.

9

Berlin

Montag, 1. Januar

12:30 Uhr

Es war kurz nach Mittag und er war in Berlin. Er hatte seinem Chef gesagt, dass es in der Familie einen Trauerfall gegeben habe und er sofort losmüsse. Was hätte er auch sonst sagen sollen, außer der Wahrheit? Geschlafen hatte er kaum.