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Richard Tegmark, Leiter des Rechenzentrums einer großen Bank, ist verschwunden. Sein Bruder Michael sucht ihn. Dabei wird er angeschossen. Was beide nicht wissen: Ein Killer ist hinter ihnen her. Michael sucht seinen Bruder in dessen Ferienwohnung auf Borkum. Doch der Killer folgt ihm. Zum Glück hat Michael Hilfe von Sonja, einer jungen Informatikerin, und Robby, seinem Chauffeur. Doch das Unglück nimmt seinen Lauf...
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Klaas de Groot
Mörderische Jagd
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Dass es ein Schuss war, erfuhr er erst später. Die Kugel hatte seinen Kopf knapp verfehlt, jedoch die Kopfhaut auf einer Länge von etwa drei Zentimetern aufgerissen und ihm einen solchen Schlag versetzt, dass er ohnmächtig zu Boden sank. Dort fand ihn die im Stockwerk darüber wohnende Rentnerin, als sie wie üblich ihren Hund ausführen wollte. Sie hatte, obwohl er schon im Begriff stand, wach zu werden, den Rettungswagen gerufen, der ihn nach kurzer Untersuchung des Notarztes in das Krankenhaus einlieferte. Der junge Assistenzarzt, der die Wunde versorgte, hätte erkennen können, dass es kein Schlag mit einem Knüppel war, der ihm die Verletzung zugefügt hatte, denn die Haare an den Wundrändern waren durch die Hitze des Geschosses versengt, aber er achtete nicht auf diese für ihn ungewohnte Kleinigkeit. Er rasierte die Kopfhaut in der Umgebung der Wunde, säuberte sie und nähte sie mit fünf Stichen. Dann legte er seinen Patienten zur weiteren Abklärung in einen Verbandraum und wandte sich anderen Dingen zu.
Hier lag er nun, umweht von typischen Krankenhausgerüchen, und hörte dem nach kaltem Zigarettenrauch und Schweiß riechenden Kriminalbeamten zu, der sich mit einem gemurmelten Namen vorgestellt hatte und nun in einen kleinen Block schrieb. Vor sich hatte er einen Personalausweis liegen, den er von der Stationsschwester erhalten hatte.
„Sie heißen Dr. Michael Tegmark?“ grunzte er.
„Ja“, antwortete Michael, während er auf der Liege ein Stück nach oben rutschte, um sein schmerzendes Kreuz zu entlasten.
„Stimmt die Adresse hier?“ Der Beamte drehte den Ausweis herum. „Am Waldessaum 9 in, äh, Mülheim?“
„Richtig“. Michael drehte sich zur Seite. Das Kreuz tat immer noch weh.
„Mülheim liegt doch im, äh, Ruhrgebiet, was machen Sie hier in Frankfurt?“
Die Tür wurde aufgerissen, eine Schwester stürmte herein, öffnete einen Schrank, nahm etwas heraus und rannte wieder hinaus. Die Tür warf sie hinter sich zu.
Der Beamte drehte sich unwillig um, verzichtete aber darauf, etwas zu sagen. Er rückte sein zerknittertes Jackett zurecht, wobei sich Schweißgeruch im Zimmer breitmachte. Michael wandte sich an- gewidert ab.
„Warum ich in Frankfurt bin?“ fragte er hinhaltend.
„Sind Sie geschäftlich hier?“
„Nein, ich suche meinen Bruder“:
„Wie darf ich das verstehen?“ fragte der Beamte, wobei er Michael ansah.
„Mein Bruder ist seit über einer Woche verschwunden. Er ist morgens zur Arbeit gefahren, dort aber offensichtlich nicht angekommen. Seither hat ihn niemand mehr gesehen.“
Auf dem Flur fiel etwas scheppernd zu Boden. Jemand fluchte.
Der Beamte nickte Michael aufmunternd zu.
„Wir haben natürlich Anzeige erstattet.“
„Wer ist „wir“?“
„Meine Schwägerin Brigitte und ich. Mein Bruder wohnt mit seiner Familie in Düsseldorf. Er ist bei einer Privatbank beschäftigt, leitet dort das Rechenzentrum. Das ist in Düsseldorf, der Hauptsitz
der Bank ist aber hier in Frankfurt. Mein Bruder muss öfter hierher, daher hat er eine Wohnung in Frankfurt. Zu der wollte ich gerade, nachsehen, ob er dort ist, als ich niedergeschlagen wurde.“
„Hm“, grunzte der Beamte, über seinen Block gebeugt. „Wie heißt ihr Bruder?“
„Richard, Richard Tegmark, Mathematiker. Er ist drei Jahre jünger als ich.“
„Die Vermisstensache bearbeitet die Polizei in Düsseldorf, nehme ich an.“
„Richtig“.
Der Beamte rutschte auf seinem Hocker herum und setzte sich auf.
„Können Sie sich erklären, warum Sie niedergeschlagen wurden? Haben Sie einen Verdacht?“
„Nein“, antwortete Michael mit Bestimmtheit. „Ich kenne hier in Frankfurt auch niemanden“.
„Sie haben auch nichts gesehen oder gehört?“
„Nein“
Der Beamte kaute auf seinem Stift.
„Was machen Sie beruflich?“
„Ich leite eine Firma, die Tegmark Research Laboratories. Der Hauptsitz ist in Düsseldorf, wir haben Zweigstellen in Spanien und in den USA.“
„Was untersuchen Sie denn da?“, fragte der Beamte neugierig.
„Wir machen chemische und physikalische Untersuchungen. Lebensmittelanalysen zum Beispiel, oder Festigkeitsuntersuchungen von Baustoffen. Wir erstellen Zertifikate und so weiter.“
„Eine große Firma?“
„Wie man´s nimmt. Wir haben dreiundsechzig Mitarbeiter. Die meisten hoch qualifiziert, Chemiker, Physiker, Ingenieure, ich habe auch Physik studiert.“
„Ist aber schon ein bisschen her“, lächelte der Beamte mit Blick auf Michaels leicht ergrautes Haar.
„Na gut“, stimmte Michael ihm zu, „ich bin jetzt vierundfünfzig, fühle mich aber noch recht fit.“ Wieder öffnete sich die Tür.
„Wir sind hier noch nicht fertig“, schnappte der Beamte gereizt, ohne sich umzudrehen.
Michael richtete sich überrascht auf seiner Liege auf, als er den groß gewachsenen Mann sah, der lächelnd eintrat. „Bernhard“, rief er erfreut, „wie hast Du mich hier gefunden?“
„Brigitte hat mich angerufen, sie konnte Dich nicht erreichen, da hat sie mich um Hilfe gebeten. Von der Kripo hörte ich, dass Du hier bist.“
Er hielt dem Beamten einen Ausweis hin, der diesen veranlasste, aufzustehen.
„Verzeihung, Herr Kriminaldirektor, ich wusste ja nicht…“
„Schon gut“, beschwichtigte dieser. Er reichte dem Beamten die Hand. „Nilsson“, stellte er sich vor.
„Ich bin nicht wegen ihrer Befragung hier. Herr Tegmark und ich sind alte Studienfreunde, das ist alles.“
„Wir sind auch so gut wie fertig“, versicherte der Beamte diensteifrig. „Alles Weitere können wir später noch erledigen. Ich lasse Sie jetzt allein“.
Eilig packte er Block und Stift in seine Jackentasche und verabschiedete sich.
Bernhard Nilsson setzte sich auf den Hocker und wandte sich interessiert seinem Freund zu.
„Nun erzähl mal, was ist passiert?“
„Richard ist verschwunden.“
„Was heißt verschwunden?“
„Na, er ist weg. Morgens zur Arbeit gegangen und nicht wieder nach Hause gekommen. Seit sechs Tagen! Wir sind natürlich zur Polizei gegangen, doch die meint, die meisten Vermissten würden schon irgendwann wieder auftauchen. Brigitte macht sich große Sorgen.“
„Kann ich mir denken, wie geht es den Kindern?“
„Die wissen noch nichts, Brigitte hat ihnen gesagt, dass Richard in Frankfurt ist. Lange geht das aber nicht so weiter.“
„Und Du hast hier nichts gefunden?“
„Konnte ich ja nicht, ich komme direkt aus Mülheim. Gerade als ich die Wohnung aufschließen wollte, bekam ich den Schlag auf den Kopf.“
„Und Du hast nicht gesehen, wer das war?“
„Nein. Auch nichts gehört. Im Treppenhaus war niemand, als ich kam. Ich habe keine Tür gehört, absolut nichts.“
„Merkwürdig.“ Nilsson rieb sich den Nacken, während er nachdachte. „Wir sollten uns die Wohnung mal ansehen“.
„Wir? Willst Du mit?“
Nilsson stand auf. „Allein lasse ich Dich da nicht noch mal hin. Ich werde jetzt hier rum hören, wie lange sie Dich noch brauchen, dann fahren wir beide zu Richards Wohnung.“
Bogdan Romanov blickte missmutig auf das Display seines Mobiltelefons. Zögernd drückte er auf das grüne Symbol des Hörers. „Du sollst doch nicht anrufen. Es verstößt gegen die Verabredung“, knurrte er.
„Du hast es versaut“, hörte er eine wutverzerrte Stimme.
Romanov zögerte mit der Antwort. Misstrauisch sah er sich in dem kleinen Café um, in dem er saß. Niemand war in der Nähe, der zuhören konnte.
„Was meinst Du?“
„Du hast den Falschen erwischt, Herrgott noch mal!“
Romanov setzte die Kaffeetasse, die er gerade zum Mund führen wollte, wieder ab. „Den Falschen?“
„Ja, verdammt noch mal, Du hast den Bruder erwischt.“
„Das kann nicht sein. Ich habe doch das Bild, er sah aus wie auf dem Bild. Er war es.“
„Eben nicht, Du Idiot. Es war der Bruder, er sieht ihm ähnlich.“
„Ich weiß nichts von einem Bruder, warum hast Du das nicht gesagt? Ich habe das Bild, und er sah aus wie auf dem Bild.“
Die Stimme wurde ruhiger. „Hätte ich Dir viel leicht sagen sollen. Jetzt ist es zu spät.“
„Jetzt ist er tot“, bemerkte Romanov sarkastisch. Die Stimme lachte gequält. „Zum Glück nicht, Du hast danebengeschossen.“
„Ich habe….Kann nicht sein.“
„Ist aber so. Er ist verletzt und liegt im Krankenhaus.“
„Und was nun?“
„Was nun, was nun“, äffte die Stimme ihn nach.
„Du wartest auf Anweisungen. Am üblichen Ort.“
„Ok“, murmelte Romanov verwirrt und legte auf. Nicht getroffen? Das kann doch nicht sein, dachte er. Ich treffe immer! Nun gut, das Ziel bewegte sich, aber bisher habe ich immer getroffen. Ich werde alt, seufzte er und rief nach dem Kellner.
„Zahlen!“
In Frankfurt regnete es. Für Mitte Februar war es ungewöhnlich warm. Das ruhig brummende Geräusch des Motors und die auf dem nassen Asphalt singenden Reifen schläferten Michael fast ein. Nilsson, der am Steuer saß, konzentrierte sich auf den Verkehr, der schon jetzt am frühen Nachmittag sehr dicht war.
Michael riss sich zusammen und rief seine Schwägerin an. Als sie hörte, was ihm passiert war, war sie voller Sorge.
„Hier hat sich noch niemand gemeldet“, berichtete sie. „Pass auf dich auf, Michael, kannst Du denn noch fahren, oder bleibst Du heute Nacht in Frankfurt?“
„Du kannst bei uns bleiben“, mischte sich Nilsson ein.
Michael schüttelte den Kopf. „Ich komme auf jeden Fall heute Abend zu Dir“, sagte er ins Telefon.
„Wenn es geht, fahre ich noch bei der Bank vorbei, ich will mit Hess sprechen. Mach`s gut, Brigitte, wir sind gleich da.“
„Hess ist der Bereichsvorstand Technik, Richards Vorgesetzter“, sagte er zu Nilsson, als er dessen fragenden Blick sah.
Sie fanden einen Parkplatz nahe am Haus, das in einer ruhigen, wohlhabenden Gegend stand.
Michael stieg aus und sah an dem aufwändig renovierten Gebäude aus der Jugendstilzeit empor. Alle Fenster an der hellen, freundlichen Fassade schienen geschlossen zu sein, kein Wunder bei dem Nieselregen. Ihm war ein wenig unheimlich zumute, und er war froh, seinen Freund dabei zu haben. Auch Nilsson blickte sich misstrauisch um, sagte aber nichts. Schwungvoll öffnete er die mit buntem Glas verzierte massive Eingangstür und betrat einen freundlichen Gang, der zu den Treppen führte. Die Briefkästen waren geschmackvoll und unauffällig in die Wand eingelassen, ein hübscher Kandelaber spendete helles Licht. Die Treppe war aus Holz, der Handlauf offensichtlich Handarbeit. Alles machte einen gediegenen und teuren Eindruck.
„Die Wohnung ist im ersten Stock, wenn ich mich recht erinnere“, bemerkte Nilsson.
Michael nickte, obwohl Nilsson ihn gar nicht ansah. Er schluckte nervös. Hier also musste sich jemand hinauf geschlichen haben, um ihn mit irgendeinem Gegenstand auf den Kopf zu schlagen. Zögernd folgte er Nilsson, der seinem Freund vorausging.
Vor der Wohnungstür angekommen, sah sich Nilsson forschend um. Er sah einen geräumigen Treppenabsatz mit Eingangstüren rechts und links. Ein Fenster spendete Licht. Die helle Beleuchtung ließ nirgendwo eine dunkle Ecke erkennen.
„Hattest Du schon aufgeschlossen? fragte er über die Schulter, wandte sich aber sogleich der Eingangstür der linken Wohnung zu. Nirgends war eine Beschädigung zu erkennen. Prüfend fuhr er mit der Hand über die Türfüllung. In Kopfhöhe entdeckte er eine Vertiefung, ein kleines Loch, in das er mit dem Finger nicht hinein kam.
„Hast Du ein Taschenmesser dabei?“ fragte er Michael.
„Nein“, antwortete dieser. „Wir können ja drinnen mal nachsehen.“
Er schloss die Tür auf und ging zögernd hinein. Es roch staubig und ungelüftet, und er erwartete nicht, dass sein Bruder in der Wohnung war. Dennoch rief er laut: „Hallo! Richard, bist Du da?“
Als er keine Antwort bekam, ging er weiter und öffnete eine Tür. Ein ordentlich aufgeräumtes Wohnzimmer war dahinter. Michael ging schnell zum Fenster und zog die Gardinen zurück. Ein kleiner Park, der sich hinter dem Haus hinzog, kam zum Vorschein. Regentropfen benetzten das Fenster. Er hörte Nilsson, der von Raum zu Raum ging, alle Türen öffnete und in jedes Zimmer prüfend hineinsah.
„Hier ist er jedenfalls nicht“, bemerkte Nilsson. Er ging in die Küche, die peinlich sauber war, öffnete einige Schubladen, bis er eine mit Besteck fand, und nahm ein kleines Küchenmesser heraus. Damit ging er zur Eingangstür und betrachtete prüfend das Loch im Rahmen. Vorsichtig begann er, das Holz um das Loch herum weg zu schneiden. Nach kurzer Zeit sah er einen dunklen Gegenstand, der im Rahmen steckte.
„Dachte ich mir`s doch“, murmelte er.
Michael, der hinter ihn getreten war, wusste sofort, um was es sich handelte.
„Sag mal, wie hast Du gestanden, als Dich der Schlag traf“, fragte Nilsson.
Michael trat vor die Tür, nahm die Schlüssel in die Hand und tat so, als stecke er den ihn ins Schloss.
„So etwa“, erklärte er. „Ich habe mich etwas zum Schloss hin gebückt, als es passierte.“
Nilsson schlug ihm auf die Schulter. „Das hat Dir das Leben gerettet, alter Junge. Jetzt lass uns mal sehen, ob da drin das ist, was ich denke.“
Er schälte das Holz um das kleine Loch noch großflächiger weg und drückte mit dem Messer vorsichtig auf den dunklen Gegenstand. Eine nur leicht verformte Kugel fiel in seine darunter gehaltene Hand.
„Neun Millimeter“, sagte er mit belegter Stimme.
Michael sah sich betroffen und verwirrt um. „Ich habe keinen Schuss gehört“, flüsterte er.
„Ob da ein Schalldämpfer im Spiel war, lässt sich ja feststellen“, sagte Nilsson. Unschlüssig bewegte er die Kugel in seiner Hand. „Was machen wir jetzt damit?“
Michael sah ihn fragend an.
„Wenn ich die jetzt in die KTU gebe, dann dauert das. Komm mal wieder rein, wir müssen das ja nicht hier im Treppenhaus diskutieren.“
Sie gingen beide ins Wohnzimmer, wo Nilsson sich vor das Fenster stellte und hinaussah.
„Angenommen, Du hättest die Kugel erst morgen oder übermorgen gefunden, was macht das für einen Unterschied?“ sinnierte er.
„Warum das denn?“ entgegnete Michael, doch dann verstand er plötzlich. „Du meinst, wir sollten die Kugel in meinem Labor zuerst untersuchen? Also… ja, na klar, der Polizei kann ich sie immer noch übergeben.“
„Ich habe nichts gehört“, entgegnete Nilsson, wobei er die Kugel auf den Tisch legte. „Die Kugel liegt hier, Du hast sie gefunden. Was Du damit machst, kann ich nicht wissen.“
„Natürlich nicht“, grinste Michael. Er packte die Kugel vorsichtig in ein Papiertaschentuch und steckte sie in seine Jackentasche. „Lass uns noch einmal durch die Wohnung gehen, ob wir irgendetwas finden, dann fahren wir zu Hess.“
Während Nilsson in der Küche mit seiner Suche begann, ging Michael in das an das Wohnzimmer angrenzende Arbeitszimmer. Auch hier war alles aufgeräumt. Auf dem Schreibtisch lag nur ein unbeschriebener Block, neben ihm ein Stift. Er drückte die Wahlwiederholungstaste am Telefon. Brigittes Nummer. Zögernd öffnete er die Schubladen des Schreibtisches. Er fand das übliche Büromaterial, Scheckhefte, Notizen, Briefmarken. Nichts, was irgendwie ungewöhnlich gewesen wäre. Unter dem Schreibtisch, vor den Rollen des Stuhls, lag ein kleiner Zettel. Als er ihn aufhob, sah er, dass es ein Stück eines zerrissenen Computerausdrucks war. Es war eine reine Auflistung von Zahlen, der einzige Text, der noch erkennbar war, war ein durchgerissenes Wort: „…undung“. Wo war der Rest? Er sah im Papierkorb nach, doch der war leer. Es hatte sicher nichts zu bedeuten, aber einer Eingebung folgend, steckte er den Ausriss in seine Jackentasche.
Er sah über die Regale, an denen nichts Auffälliges zu erkennen war und ging dann weiter ins Schlafzimmer. Auch hier war alles sauber. Er muss eine gute Putzfrau haben, dachte er zerstreut. Er hob die Decken des Doppelbettes hoch, doch außer einem gefalteten Schlafanzug war nichts zu sehen. Auf dem Nachttisch lag nichts außer einem Buch mit Lesezeichen. Zögernd ging er in den Flur, wo er auf Nilsson traf.
„Küche, Bad, Toilette, Abstellraum, alles sauber, nichts zu finden“, berichtete dieser.
„Ich habe auch nichts gefunden, unwahrscheinlich, dass er in den letzten Tagen hier war“, entgegnete Michael. „Lass uns zu Hess fahren.“
Der Bereichsvorstand Dr. Norbert Hess, ein kleiner Mann mit Halbglatze, saß in einem Ledersessel seines großen, mit modernen Stahlmöbeln eingerichteten Büros und nippte an einem Glas mit Mineralwasser.
„Keine Ahnung, wo der abgeblieben sein könnte. Mit uns, das heißt mit der Bank, hat das jedenfalls nichts zu tun. Er ist nicht auf Dienstreise, soweit mir das bekannt ist.“
Michael Tegmark setzte die Kaffeetasse ab. „Ich bin auch nur deshalb vorbeigekommen, weil ich gerade in Frankfurt bin“, sagte er. „Wir hätten das auch telefonisch besprechen können. Es hätte ja sein können, dass es einen dienstlichen Grund für sein Verschwinden gibt. Seine Frau macht sich jedenfalls große Sorgen.“
„Das kann ich mir denken“, antwortete Hess, der seinen Arm lässig auf die Sessellehne legte und die Beine übereinander schlug.
In großer Sorge ist er jedenfalls nicht, dachte Michael. „Wann haben Sie denn das letzte Mal mit ihm gesprochen?“, fragte er.
Hess seufzte. „Tja, das kann ich im Moment gar nicht so genau beantworten. Ich glaube, so vor ein, zwei Tagen. Nein, warten Sie, jetzt fällt es mir wieder ein, es war Ende letzter Woche, also am Freitag. Wir sprachen über die Fortschritte eines neuen Buchungsprogramms. Reine Routine.“
„Klang er irgendwie anders als sonst? War er aufgeregt, hat er irgendetwas Außergewöhnliches gesagt?“
Hess trank noch einen Schluck Wasser. „Nein, absolut nicht. Es war alles so wie immer.“
„Na, dann wollen wir Sie nicht länger stören.“ Michael stand auf. Nilsson folgte ihm, wandte sich aber noch einmal an Hess.
„Wissen Sie, von wo er Sie letzte Woche angerufen hat?“
„Hess sah ihn verdutzt an. „Na, von Düsseldorf doch wohl. Woher sonst?“
„Aber Sie wissen das nicht mit Bestimmtheit“, hakte Nilsson nach.
„Äh, nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Natürlich nicht.“
„Ja danke, das wäre es schon“, sagte Nilsson und reichte ihm die Hand.
„Was wollen Sie denn nun unternehmen?“ fragte Hess in oberflächlichem Ton, während er zur Tür ging.
Michael blieb stehen. „In seiner Frankfurter Wohnung waren wir schon, da war er die letzten Tage offensichtlich nicht. Ich werde mich die nächste Zeit um seine Frau kümmern müssen.“
Er ging einen Schritt weiter zur Tür, blieb dann aber abrupt stehen, als ihm etwas einfiel.
„Seine Ferienwohnung“, murmelte er.
„Bitte?“, fragte Hess aufmerksam.
„Er hat doch eine Wohnung auf Borkum. Viel- leicht ist er da. Es wäre immerhin eine Möglichkeit. Man sollte dort einmal nachsehen lassen.“ Er rieb sich nachdenklich die Stirn. „Oder ich fahre selbst dort hin.“
Er schüttelte Hess energisch die Hand und schlug Nilsson auf die Schulter. „Komm, gehen wir.“
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Suche. Halten Sie mich auf dem Laufenden“, sagte Hess und geleitete die beiden Männer ins Vorzimmer.
Im Fahrstuhl fragte Nilsson: „Was hast Du nun vor? Wenn es etwas hier in Frankfurt ist, helfe ich Dir natürlich. Du kannst auch bei uns übernachten, Beate würde sich freuen, das weißt Du.“
„Vielen Dank, Bernhard. Aber ich fahre nach Hau se, ich brauche meine eigenen vier Wände. Ich muss mich auch noch um Brigitte und die Kinder kümmern. Und ganz nebenbei habe ich ja auch einen Beruf. Nein, nein, ich fahre jetzt zurück.“
„Nun, wie Du willst. Was war das übrigens mit der Ferienwohnung?“
„Er hat eine Wohnung auf Borkum, genauer ein kleines Haus. So ein modernisiertes Insulanerhaus, Ich war schon ein paar Mal dort. Es ist nicht unmöglich, dass er auf der Insel ist.
„Kannst Du Dir irgendeinen Grund vorstellen, warum Richard sich dorthin abgesetzt haben soll?“
