Mörderische Sauerländer - Schlag 8 - Kallweit Frank - E-Book

Mörderische Sauerländer - Schlag 8 E-Book

Kallweit Frank

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Beschreibung

Mörderische Sauerländer - Schlag 8. Das sind regionale Krimi-Häppchen aus dem Sauerland mit viel Witz und Lokalkolorit. Neues Buch mit neuen Krimis.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2017

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INHALT

Frank W. Kallweit

Familienbande

Norbert Rickenbrock

Das geheimnisvolle Teufelssiepen

Gabi Schumann

Brautschau

Bibs Lesniak

Die Bistrogardine

Martina Grünebaum

Die tödliche Versuchung

Erika Thole

Schuss in den Oven

Ulrike Spieckermann

Dann hat die arme Seele Ruh‘

Ilona Braun

Argentinien liegt im Sauerland

Astrid Kallweit

Mord im Bergland

Frank W. Kallweit

Familienbande

(Tatort Iserlohn)

„Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland“, laut singend betrat Hauptkommissar Reiner Zufall an jenem Morgen sein kleines Büro an der Friedrichstraße. Mit einem gezielten Wurf platzierte der Chefermittler seine Kopfbedeckung im staubigen Aktenregal. Der faltige Trenchcoat landete auf einem Stuhl neben seiner Kollegin, die er bisher mit keinem Blick gewürdigt hatte. Kräftig Staub aufwirbeln, das konnte er.

„Guten Morgen, Chef. Sie haben heute ja eine richtig gute Laune“, klang Sarah Kreisch verwundert.

„Es ist kalt, es regnet, das ist doch super. Da weiß man, dass man Zuhause ist, Zuhause im Sauerland.“ Anschließend setzte sich Zufall entspannt auf seinen Schreibtischstuhl. „Kreisch, und wenn Sie heute ganz still schweigen, wird’s ein toller Tag für uns“, ergänzte Zufall in seiner gewohnt schroffen Art. „Liegen Meldungen vor, Kreisch?“ „Chef, heute Morgen war‘s richtig ruhig“, antwortete die Polizistin unverzüglich. „Ach ja, da war doch noch was“, fügte Kreisch nach einer kurzen Pause hinzu, „ein kleines Mädchen hat den Fund einer Leiche gemeldet.“

„Ist doch schon mal ein Anfang. Genaue Angaben, Kreisch“, forderte der Chefermittler.

„Ein toter Hamster“, erwiderte Kreisch knapp.

„Hoffentlich kein Feldhamster“, merkte Zufall ohne jegliche Gesichtsregung an.

Kreisch schaute fragend: „Feldhamster?“

„Feldhamster sind immer höchst politische Fälle, darum kümmern sich nur die großen Tiere, volles Programm, SEK, weiträumige Absperrung, Hundertschaft …“, folgten die Ausführungen.

„Das ist ja blöd, Chef“, die Polizistin schien überrascht.

„Frau Kreisch, wollen Sie wirklich so eine Lawine lostreten?“, hakte Zufall nach. Kreisch schüttelte spontan ihren Kopf. Nein, das hatte sie natürlich nicht gewollt. „Lawinen passen doch gar nicht ins Sauerland. Denken Sie lieber mal nach. Ich gebe einen Tipp: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, fuhr der Chefermittler fort.

„Gold“, antwortete die Polizistin.

„Ja, geht doch, wir verstehen uns, Frau Kreisch“, Zufall klang zufrieden. Er rekelte sich entspannt in seinem Sessel.

„Gold, Gold, Goldhamster, es war ein Goldhamster“, ergänzte seine Kollegin.

„Der Morgen hatte so gut begonnen. Wir sind eine Mordkommission, keine Haustiere, keine Goldhamster, keine Dackel …“, Zufall steigerte die Lautstärke seiner Stimme, „reizend, Frau Kreisch, irgendwie sind Sie wie Reizgas …“ Seine Ausführungen wurden abrupt durch das Klingeln des Telefons unterbrochen.

„Zufall, Mordkommission, … ja … ja … wir sind sofort vor Ort.“

„Frau Kreisch, genug geschwafelt, ein echter Fall, eine Leiche in einer Villa in der Nähe der Gartenstraße“, Zufall forderte mit einer Handbewegung zum Aufbruch auf. „Da können Sie ja kontrollieren, wie es den Haustieren geht“, ergänzte der Chef mit einem breiten Grinsen.

Nur wenige Minuten später trafen die beiden Ermittler am Tatort ein. Die repräsentative Stadtvilla war weiträumig durch uniformierte Polizisten abgesperrt. Im Haus sicherte Kriminaltechnik bereits die Spuren des Verbrechens. Ein Kollege wies dem Duo den Weg die steile Treppe hinauf in den ersten Stock

„Wo soll denn hier der Tatort sein?“, wunderte sich Kreisch.

Zufall schob unbeirrt eine große Schiebetür auf. „Wow, das ist ja der Wahnsinn, das gibt es doch nicht“, Kreisch konnte ihre Begeisterung kaum unterdrücken.

„Lassen Sie mich vorbei“, drängelte Zufall, „Sie versperren den Eingang. Brauchen Sie ein Beruhigungsmittel? Das ist doch nicht ihre erste Leiche, Frau Kreisch.“

„Hier, das sind Original Pantolos, und die hier, die hat doch diese bekannte Schauspielerin immer getragen. Wie heißt die noch mal? Ich komme gleich drauf. Die kennen Sie auch, Chef, die aus der Serie ‚Sex auf‘m Land‘. Das ist ja Wahnsinn!“

Ihr Chef überlegte wohl, was genau in dieser Situation der Wahnsinn war. Er jedenfalls war sprachlos.

„Wissen Sie, wie teuer die sind?“, formulierte Kreisch die nächste Frage.

Die Antwort kannte Zufall natürlich nicht. Interessierte ihn auch nicht die Bohne. Der Chefermittler rang sichtlich nach Worten.

„Frau Kreisch, wir sind hier nicht bei ‚Alice im Wunderland‘, sondern führen hier Tatortermittlungen durch. Auch ein begehbarer Schuhschrank kann Tatort sein“, klang es ziemlich genervt. Zufall wies mit der rechten Hand auf die vor ihnen liegende Leiche.

Kreisch stellte die Schuhe zurück ins Regal. Ihr Blick löste sich nur langsam vom riesigen Angebot an ausgefallenen Schuhmodellen. „Wow, gar nicht übel“, staunte die Polizistin beim Anblick des nackten durchtrainierten Männerkörpers. Sie schwieg einige Sekunden lang.

„Frau Kreisch, versuchen sie nun den Body-Mass-Index des Toten zu berechnen? Der arme Kerl, der kann sich nicht mehr wehren. Ist doch wirklich schlimm, wenn ein Mann so enden muss. Dieses Verbrechen kann nur dem Hirn einer Frau entsprungen sein“, war sich Zufall ganz sicher.

„Quatsch, welche Frau würde ihr Heiligtum so besudeln? Dies ist eindeutig die Tat eines Mannes, eines Wesens ohne jegliche Schuhemotionen. Schauen Sie doch hier diese tollen Stilettos“, bei diesen Worten streckte Kreisch ihrem Chef einen Schuh vor die Nase. Der spitze Absatz ragte seinem Gesicht entgegen.

„So passen Sie doch auf, das kann ins Auge gehen“, Zufall wich fast ängstlich zurück.

„Ist es schon“, warf die Kollegin aus der Gerichtsmedizin ein, dabei drehte sie die Leiche von der Seite auf den Rücken.

„Ein Stiletto als Mordwaffe“, staunte Kreisch und blickte auf den Absatz, der tief in den Toten gebohrt war. „Keine Angst Chef“, ergänzte sie mit einem Grinsen, „ich trage nur flache Schuhe.“ Danach scannte sie die komplette Vorderseite des männlichen Körpers, bis sie unterhalb des Bauchnabels mit den Augen förmlich hängen blieb. Die Polizistin schien wie gebannt.

„Kann ich Ihnen mit meinem fachlichen Rat weiterhelfen?“, bot die Gerichtsmedizinerin ihre Hilfe an.

„Ich glaube, in diesem Fall da ist Frau Kreisch selbst Expertin“, grinste Zufall, was die Verlegenheit seiner Kollegin steigerte.

„Äh, ich glaube die Totenstarre, äh, ist bereits eingetreten“, stotterte Kreisch.

„Ja, besonders an einer Stelle“, prustete Zufall. Die Gerichtsmedizinerin begann unbeirrt mit ihren Erläuterungen: „Frau Kollegin, gut beobachtet. Der Tote ist völlig entkleidet. Weit geöffneten Augen, Anspannungen in seinem Gesicht und die aufrechte Stellung seines besten Stückes … Da hatte ich schon einige Fälle auf meinem Tisch, die ihr blaues Wunder erlebt hatten. Eine Pille zu viel und Kreislauf und Herz spielen nicht mehr mit. Kann aber auch erst post mortal entstanden sein. Für ein abschließendes Urteil sind noch genaue Untersuchungen notwendig.“

„Also kein Absatzproblem, der Stiletto war wohl nicht die Mordwaffe“, wollte Zufall genau erfahren.

„Ja, der Schuh ist erst nach seinem Tod so drapiert worden.“

„Warten wir also den endgültigen Bericht der Gerichtsmedizin ab. Der Schuhschrank ist nicht der Tatort?“, hatte Zufall abschließend gefragt. Die Gerichtsmedizinerin hatte nur kurz zustimmend genickt.

Um ungestört den Fundort der Leiche inspizieren zu können, beauftragte Zufall seine Kollegin mit Ermittlungen. Entgegen seiner Planung kehrte Kreisch jedoch bereits nach wenigen Minuten zurück.

„Der Tote, ein Schwager der Hausherrn, war wohl hier allein unter Frauen. Chef, zur Tatzeit befanden sich nur noch die Hausherrin, fünf Freundinnen und die Haushälterin in der Villa“, sprudelte es aus dem Mund der Kollegin.

„Wo befand sich der Hausherr?“, hakte Zufall nach.

„Der ist auf Dienstreise, wird wohl erst am späten Abend hier eintreffen“, war sich Kreisch sicher.

„Ja“, überlegte der Chefermittler laut, „dann nutzen wir das Esszimmer als Vernehmungsraum und werden uns zuerst mit Lieschen Müller befassen.“

„Lieschen Müller?“, zweifelte Kreisch.

„Die Haushälterin“, antwortete er kurz.

„Die Haushälterin, klar. Wahrscheinlich ist sie eine geborene Mustermann, stimmt’s Chef? So, wie heißt die denn wirklich?“ Kreisch wartete mit gezücktem Stift und Block auf die Antwort.

„Hab ich doch gesagt: Lieschen Müller. Verdeckte Ermittlerin, Bereich ‚Organisiertes Verbrechen‘, natürlich mit neuer Identität“, antwortete Zufall knapp.

„Wer hat sich denn diesen Namen ausgedacht?“, bemerkte Kreisch laut lachend.

„Ich glaub, das war der Polizeipräsident“, antwortete Zufall und beobachtete die Reaktion.

„Hm, originell, wirklich, muss man erst mal drauf kommen …“, hüstelte Kreisch verlegen.

Zufall schaute aus dem Fenster in den großen Garten, in dem Festzelte standen, als eine Frau mittleren Alters mit weißer Schürze das Esszimmer betrat.

„Morgen sollte doch das jährliche Familientreffen stattfinden. Wochenlange Vorbereitungen sind jetzt für die Katz“, die Frau schaute in die überraschten Gesichter des Ermittlerduos. „Ach ja, einen guten Morgen, für mich ist er jedenfalls schon versaut“, ergänzte sie dann. „Hallo, Frau Müller. Ja, die Familienbande. Sie können offen reden, meine Kollegin weiß, dass Sie hier verdeckt ermitteln. Und heute sollte eigentlich die gesamte Familie Finger anreisen, ein illustrer Kreis mit Tradition, woll?“, erklärte Zufall.

„Ja, in den letzten Kriegsjahren heirateten Karl Finger und Sabine Lang, die Keimzelle der Familienbande. Die Wahl eines Doppelnamen war unzweckmäßig, der Name Lang-Finger hätte die Polizei sofort aufhorchen lassen. Das Pärchen arbeitete als Schwarzmarkthändler und Schmuggler in den verschiedenen Besatzungszonen. Mit einem Netz an Helfern hatten sie schnell eine große Organisation aufgebaut. Hier in der Iserlohner Villa wurden sie sesshaft und gründeten eine Familie mit sieben Kindern. Die Zeiten änderten sich. Familie Finger passte sich an und wurde äußerst erfolgreich“, berichtete Frau Müller ausführlich.

„Ja, sie erfanden praktisch ein neues Handwerk, das ‚Herumfingern‘ “, lachte Zufall.

„Jau, da kenn ich auch einige Männer, können ihre Finger nicht bei sich behalten …“, brachte sich Kreisch ein.

„In der Zeit des Wirtschaftswunders, als die Taschen wieder gefüllt waren, da arbeiteten die Fingers als Trickdiebe. Kilianskirmes in Letmathe, Iserlohner Schützenfest, Gertrüdchen in Neuenrade, Mendener Pfingstkirmes, in der Region gab es einiges zu tun. Das verhalf Ihnen zu Wohlstand …“, führte die Haushälterin aus.

„Und die Kinder haben die Tradition fortentwickelt …“, ergänzte Zufall.

„Die Kinder haben Iserlohn verlassen, zu provinziell. Alle haben ihre Karrieren gemacht: Autoschieber, Immobilienhai, Investmentbanker … Die Tricks wurden akademischer und die Gewinnsummen größer. Einige aus dem Kreis der Familie haben es bis in die Vorstände der größten DAX-Konzerne geschafft“, wusste Frau Müller zu berichten.

„Die haben das große Los gezogen“, staunte Kreisch.

„Skrupellos, ja, auf diese Karte musst du setzen, dann kommst du ganz nach oben!“, warf der Chefermittler ein.

„Nur das Nesthäkchen, die kleine hübsche Charlotte Finger wurde Schauspielerin. Die konnte jeden einfach um den ‚Finger‘ wickeln. Damit hat sie den größten Fang gemacht. Die hat nämlich den König der Drücker geheiratet, diesen Aschmüller. Der Aschmüller hat selbst seiner eigenen Oma noch ne Ausbildungsversicherung verscherbelt“, erzählte Müller weiter.

„Aschmüller hat doch sein Imperium für einige Millionen verkauft und wurde so einer der reichsten Privatiers Deutschlands…“, ergänzte Kreisch.

„Ja, ja‚ Frau mit Herz!“, unterbrach Zufall.

Frau Müller blickte fragend in die Gesichter der beiden Ermittler.

„Ich schicke meine Kollegin regelmäßig zum Friseur, damit sie dann mit ihrem Wissen aus der Boulevardpresse auftrumpfen kann. Jetzt wissen wir, dass Aschmüller mit vierzig Jahren einer der reichsten Arbeitslosen ist“, ergänzte Zufall mit einem hämischen Grinsen.

„War“, korrigierte Frau Müller.

Nun blickten Kreisch und Zufall fragend in die Runde.

„Er war es, nun liegt er oben tot im Schuhschrank und die Millionen wechseln wohl den Eigentümer“, mit dieser Information überraschte die Haushälterin die Polizisten.

„Haupterbin ist ja sicherlich seine Frau Charlotte Finger“, vermutete Zufall.

Frau Müller nickte.

„Wenn die Ehefrau in dieser Tragödie mal nicht die Hauptrolle gespielt hat. Da haben wir doch eine Hauptverdächtige. Befindet sich Charlotte Finger auch unter den bereits im Haus anwesenden Frauen?“ Zufall war sichtlich zufrieden über den Fortgang der Ermittlungen.

„Ja, Frau Charlotte Finger wurde sofort von einem Arzt mit Beruhigungsmitteln versorgt und müsste sich nun in ihrem Zimmer aufhalten, wird aber nicht vernehmungsfähig sein“, informierte Kreisch.

„Es ist doch schon merkwürdig, alle Gäste reisen erst heute Abend an, lediglich fünf Frauen und ein Mann trafen sich bereits am Vorabend“, grübelte Zufall laut.

„Die FDP, die wollten sich mit Aschmüller abstimmen“, antwortete Müller spontan.

„Die FDP hat auch ihre Finger im Spiel?“, Kreisch schien genauso verwundert wie ihr Chef.

„Also, die Finger-Frauen sind die FDP“, versuchte Müller zu erklären, erzeugte jedoch nur Unverständnis.

„Frau Müller, auf welcher Seite arbeiten Sie eigentlich? Sie sollten uns doch bei der Aufklärung des Falles unterstützen“, Zufalls Stimme wurde lauter.

„Frau Müller, der meint das bestimmt nicht so“, beschwichtigte Kreisch. „Was war denn nun mit der FDP?“

„Der Familienrat wurde immer schon bestimmt und beherrscht von den Männern, die ihr Patriarchat verteidigten. Doch angeführt von der Hausherrin Sabine Finger gründeten sich die FDP“, erläuterte Müller.

„FDP?“, klang die Frage der Ermittler im Chor.

„FDP, ja, FDP heißt Frauen der Paten. Diese Frauen wollten nun beim anstehenden Familientreffen offiziell ein Stück der Macht, ein großes Stück, einfordern“, wusste Müller zu berichten.

„Oh, das kam aber bestimmt nicht gut an bei den Paten des Familienclans?“, klang Kreisch fast mitleidig.

„Nein, insbesondere Franz Finger, dem Familienoberhaupt, war dieser Aufstand ein Dorn im Auge. Er hatte stets der Familientradition entsprechend gemeinsam mit den anderen Männern im Kaminzimmer sämtliche Entscheidungen getroffen. Nun sollte er die Macht mit Frauen teilen? Undenkbar, ein Schlag in sein Gesicht. Und das Schlimmste ist wohl, dass seine eigene Frau die Anführerin des Aufstandes ist“, erklärte Müller.

„Gut, die Frauen der Paten trafen sich also einen Tag vor dem offiziellen Treffen, um ihrer Pläne abzustimmen. Auf dem Familientreffen sollte der Kampf für Frauenrechte beginnen“, klang es fast heroisch aus dem Mund der Polizistin.

„Die wollten nur ein Teil der Macht, mitmachen bei den schmutzigen Geschäften und ihre eigene Kohle abkassieren…“, korrigierte Zufall seine Kollegin.

„Warum war der Aschmüller beim Frauentreffen?“, stellte Kreisch unbeirrt ihre Frage.

„In Aschmüller erhofften die Frauen einen männlichen Unterstützer. Für Franz Finger war dieser sicherlich ein übler Verräter“, antwortete Müller.

„Franz Finger, da haben wir ja unseren nächsten Verdächtigen“, stellte Zufall fest und schaute auf seine Armbanduhr. Danach unterbrach er die Vernehmung. Mittagspause. Wenige Minuten später war seine Frau mit Stullen und Frikadellchen am Tatort. Seine Kollegin hatte er mit Recherchen über das Alibi von Franz Finger beauftragt. Die sollte sich ja noch die Sporen verdienen.

Zufall war gesättigt und entspannt, als die Tür zum Vernehmungszimmer schwungvoll aufgestoßen wurde. Kreisch war zurückgekehrt.

Die Überprüfung des Alibis hatte ergeben, dass Franz Finger selbst nicht der Täter gewesen sein konnte. Er hatte sich zur Tatzeit in einem kleinen Ort in Süddeutschland befunden. Kreisch vermutete, dass der Pate dort in der Region das Schutzgeldgeschäft überwacht hatte. Sein Auto stand zum Tatzeitpunkt zugeparkt und videoüberwacht im Parkhaus des Hotels, war also nicht bewegt worden. Mit der Bahn hätte er Iserlohn auch nicht in der Nacht erreichen können, da einige Tage zuvor, wie auch aus den Medien zu entnehmen war, durch Brand die Technik eines Stellwerks der Bahn zerstört worden war. Da die analoge Technik aus dem vorigen Jahrhundert stammte, hatte es Wochen gedauert, bis Ersatzteile gefunden wurden. Schließlich hatte man Teile einer indischen Museumsbahnanlage für die Reparatur verwenden können. Also konnten auch alternative Verkehrsmittel ausgeschlossen werden.

„Der Pate als Täter, die Lösung des Falls wäre ja auch zu einfach gewesen“, kommentierte Zufall die Recherche seiner Kollegin.

Danach schaute Zufall auf seine Uhr und beendete seine Ermittlungsarbeit mit den Worten: „Feierabend, morgen ist ja auch noch ein Tag!“ Als untrügliches Zeichen, dass seinen Worten auch Taten folgten, zog er seinen Mantel an und setzte seinen Hut auf. Danach verließ er den Tatort.

Am nächsten Morgen vernahm Zufall Frauenstimmen aus seinem Büro. Kraftvoll riss er die Tür auf. „Was ist das denn für ein Geschnatter am frühen Morgen?“ Verursacher des Geräuschpegels waren offensichtlich seine Kollegin Kreisch und die Haushälterin Lieschen Müller. „Guten Morgen, Chef“, grüßte Kreisch freundlich. „Ob gut, das müssen wir erst noch sehen. Tauschen Sie Kochrezepte aus?“, Zufalls barscher Ton schien die Frauen nicht zu beeindrucken. „Frau Müller ist noch etwas eingefallen“, begründete Kreisch die Anwesenheit der Zeugin. „Ja, das hatte ich in der Hektik doch komplett vergessen. Gegen 19.00 Uhr am Freitag waren alle Frauen und Herr Aschmüller in der Villa eingetroffen, bis auf die Ehefrau von Aschmüller. Charlotte Finger war zwar auch angemeldet, hatte jedoch wegen Verzögerungen bei Filmaufnahmen in Hamburg kurzfristig abgesagt. Sie wollte dann erst am Samstag Nachmittag zum offiziellen Teil des Familientreffens anreisen.“

„Dann war unsere Hauptverdächtige gar nicht zur Tatzeit in der Villa? Wie ist denn der Freitagabend genau abgelaufen?“, wollte Zufall wissen.

„Nach ihrer Anreise haben sich die Gäste auf ihren Zimmern kurz frisch gemacht. Die Gästezimmer liegen alle im ersten Stock. Um 19.30 Uhr haben sich alle im Esszimmer zum Dinner eingefunden. Es wurde nicht nur reichlich gespeist, sondern auch viel Wein getrunken. Das lockerte die Stimmung, man kam sich näher“, berichtete Frau Müller.

„Oder kam Mann näher?“, wollte Kreisch ganz genau erfahren.

„Ja, nachdem Aschmüller seine Unterstützung im vollen Umfang zugesichert hatte, näherte Mann sich doch einigen Damen. Dies gefiel einer Dame nicht sonderlich, die sich dann auch laut gestikulierend in ihr Zimmer zurückgezogen hat“, erzählte Frau Müller.

„Seine eigene Frau kann es nicht gewesen sein, die war ja noch in Hamburg. Jetzt geben Sie uns hier keine Rätzel auf. Wer ist die Frau?“, wollte Zufall wissen.

„Simone Finger, die war einige Jahre mit dem Vorstandsvorsitzenden der Preußenbank Karl Feldmann verheiratet. Kennen Sie bestimmt aus dem Fernsehen, die hat doch ihren Mann immer zu seinen Gerichtsverhandlungen begleitet. Simone Finger sagt man eine langjährige Beziehung mit dem Aschmüller nach“, führte Müller aus.

„Als Privatier mit reichlich Kohle konnte Aschmüller sich ja auch um die Frauen intensiv kümmern“, ergänzte Kreisch.

„Genau. Gegen Mitternacht löste sich die Runde im Esszimmer auf. Alle zogen sich auf ihre Zimmer zurück. Nur wenige Minuten später habe ich Aschmüller dann im Erdgeschoss gesehen, im Bademantel mit einer Magnumflasche Champagner in der Hand. Er verschwand im Schlafzimmer der Hausherrin. Die werden wohl nicht nur diskutiert haben“, vermutete Frau Müller. Die Vernehmung wurde durch Telefonklingeln unterbrochen.

„Ist ja super“, Zufall klang nach dem Telefonat zufrieden. „Das war die Kriminaltechnik. Die haben die Handydaten von Aschmüllers Frau ausgewertet. Nach dem ausgewerteten Bewegungsprofil hat sie 1:20 Uhr Hamburg verlassen und muss um circa 4:30 Uhr in Iserlohn eingetroffen sein. Und besonders interessant ist, kurz vor dem Start in Hamburg erhielt sie eine SMS mit dem Wortlaut: ‚Dein Mann liegt in meinem Bett!‘ Von wem stammt diese Nachricht?“, Zufall blickte wie ein Quizmaster in die Runde.