Mörderische Sauerländer - Schlag Zehn - Kallweit Frank - E-Book

Mörderische Sauerländer - Schlag Zehn E-Book

Kallweit Frank

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Beschreibung

Acht neue kultige Kurz-Krimis aus dem Mörderischen Sauerland. Es ist mittlerweile die zehnte Sammlung von Regionalkrimis der umtriebigen Autorengruppe "Mörderische Sauerländer".

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2024

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INHALT

Frank W. Kallweit

Zufallsfund

Nadine K. Wulf

Hoppsala

Burkhard Berens

Der gebrochene Krug

Martina Grünebaum

Überraschung

Bibs Lesniak

Vollpatent

Burkhard Berens

Hexenteich

Susanne Willaschek

Lang lebe die Liebe

Astrid Kallweit

Ein Dorf steht Kopf

Frank W. Kallweit

Zufallfund

(Tatort Iserlohn)

Immer noch teilten sie sich die Arbeit, das kleine Büro in Iserlohn, ihre Mordfälle und den Erfolg, wenn sie wieder einen Täter dingfest machen konnten. Doch ihr gemeinsamer Erfolg war nicht immer gerecht aufgeteilt worden. Nun teilten sie sich jedenfalls gerade die Arbeitswoche, denn es war Mittwoch. Es war ein Mittwoch einer bisher eher ereignisarmen Woche. Chefermittler Reiner Zufall saß an jenem Morgen stumm über seiner Tageszeitung, während die junge Kommissarin Sarah Kreisch etwas frustriert die elektronische Archivierung von Altakten prüfte.

„So viele Bohrungen, das ist kaum zu glauben.“ Mit diesen geseufzten Worten durchbrach der Chefermittler die Mauer des Schweigens.

Seine junge Kollegin nahm diese Regung mit Erleichterung auf. „Habe ich es mir doch gedacht, Zufall. Irgendetwas stimmt mit Ihnen nicht.“

Zufall schenkte ihrer Bemerkung keinerlei Beachtung. „Und die Löcher müssen alle noch verfüllt werden“, ergänzte Zufall.

„Och, Sie armer …“ Tiefes Mitleid war aus dem Mund seiner Kollegin zu vernehmen. „Das hört sich ja wirklich schlimm an“, bei diesen Worten legte Kreisch ihre Hand fürsorglich auf Zufalls Schulter.

Eilig hatte der Hauptkommissar seine Zeitung auf den Tisch geworfen. „Kreisch! Was soll das?“ Dabei versuchte er, ihre Hand von seiner Schulter abzuschütteln. Seine Stimmbänder vibrierten. „Das geht zu weit. Nur weil Sie mir beim letzten Einsatz das Leben gerettet haben, können Sie doch nicht von mir Besitz ergreifen.“

Erschrocken zog die Polizistin ihre Hand zurück. „Chef, ich wollte Sie doch nur …“ „Ich will es gar nicht wissen, was Sie alles von mir wollten. Lassen Sie es einfach sein.“

Die Polizistin beobachtete ihren Chef einen Moment lang, bis sich bei ihm anscheinend die emotionalen Wogen geglättet hatten. Anschließend reagierte sie mit ruhiger Stimme. „Herr Zufall, ich nehme Ihnen das überhaupt nicht übel, was sie gesagt haben. Nein, wirklich nicht. Für Sie ist das eine emotionale Ausnahmesituation.“ Zufall hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er war aufgesprungen. „Völlig irre, diese Frau“, schrie der Chefermittler laut. Doch seine Kollegin schien wenig beeindruckt. „So ein Zahnarzt kann so manchen Nerv treffen“, ergänzte sie.

„Kreisch, Sie gehen mir richtig auf die Nerven. Sie sind doch nicht normal.“ Dabei schienen sich seine Stimmbänder fast zu überschlagen, bis diese dann ganz verstummten. Es folgten einige Schweigesekunden. Zufall hatte sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt. Dann schaute er seine Kollegin an. „Wieso Zahnarzt?“, fragte er mit beruhigter Stimme.

„Viele Bohrungen, die verfüllt werden müssen …“, antwortete Kreisch.

Nach einer kurzen Pause ertönte ein schallendes Gelächter. „Kreisch, Sie sind eine ganz besondere Marke. Und damit meine ich nicht ihre Polizeimarke.“ Zufall schüttelte seinen Kopf. „Nee, nee, ich glaub jetzt muss ich Ihnen erstmal auf den Zahn fühlen.“

„Wie bitte?“ Kreisch blickte völlig verständnislos drein.

„Brutalismus. Woran denken Sie da?“, stellte der Chef die nächste überraschende Frage.

„Zahnarzt!“, folgte die prompte Antwort seiner Kollegin.

„Kreisch, Sie denken wohl immer nur an Ihren Zahnarzt.“

„Nein, das stimmt doch überhaupt nicht!“, reagierte Kreisch empört.

„Ich weiß, manchmal sind es auch Schuhe“, bei diesen Worten grinste Zufall süffisant. „Ich helfe Ihnen mal auf die Sprünge. Es geht um Brutalismus in Iserlohn. Kleiner Hinweis: Denkmalschutz und Bauruine.“

„Ich weiß es. Ich weiß es“, frohlockte die Polizistin. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem angespannten Gesicht aus. „Es geht um das Iserlohner Rathaus.“

„Genau, das ist der erste Schritt. Vom Rathaus schauen wir auf die gegenüberliegende Straßenseite …“

„Karstadt, jetzt ist vom Kaufhaus nur noch ein großer Krater übrig.“

„Kreisch, das ist richtig und genau an diesem Ort wurden Bohrungen vorgenommen. Viele Bohrungen waren es bisher und es werden noch mehr. Dadurch soll der Untergrund nach Hohlräumen abgesucht werden, die aus alten Erzstollen stammen und nun verfüllt werden müssen. Genau darüber ist heute ausführlich im Iserlohner Kreisanzeiger berichtet worden. Kreisch, den Artikel sollten Sie auch mal lesen. Ein bisschen Bildung kann nicht schaden!“ Bei diesen Worten reichte Zufall die Zeitung an seine Kollegin weiter.

Das klobige Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Zufall nahm den Hörer ab und führte ein kurzes Gespräch. Direkt danach wendete er sich wieder an seine Kollegin. „Kreisch, Sie können jetzt doch nicht Zeitung lesen. Wir haben einen neuen Fall. Es wurde eine Leiche im Karstadt-Kaufhaus gefunden.“

„Hatten Sie nicht gerade gesagt, dass Karstadt Geschichte ist? Kein einziger Stein davon steht noch. Ist die Leiche jetzt auch Fiktion?“

„Die Leiche ist real.“

„Wie jetzt Chef, Karstadt oder Real?“

„Kreisch, Sie treiben mich noch in den Wahnsinn. Der Fundort der Leiche ist der Standort des ehemaligen Karstadt-Kaufhauses. Dort existiert noch die Bodenplatte der ehemaligen Tiefgarage. Gut, nach so vielen Bohrungen müsste die Betonplatte nun einem Schweizer Käse ähneln. Keine Zeit zum Lamentieren, Frau Kreisch. Jetzt geht’s los. Zeitung lesen können Sie ja noch später.“

Nur wenige Minuten später standen die beiden Ermittler in der riesigen Grube im Stadtzentrum. Richtung Sparkassengebäude war der Fundort bereits mit Absperrbändern markiert. Stählerne Zyklopen hatten sich durch Beton gefressen. Genau an dieser Stelle war die alte Betonplatte nicht nur durch ein Bohrloch durchstoßen worden, hier maß die Öffnung mehr als drei Meter im Durchmesser. Mit Hilfe einer Leiter stiegen Zufall und Kreisch hinab in die Iserlohner Unterwelt.

„Guten Tag, sind Sie die beiden Polizisten, die hier die Ermittlungen leiten sollen?“, hallte es den beiden Polizisten entgegen.

„Ja, da sind Sie bei uns goldrichtig!“, antwortete Kreisch schnell.

Zufall räusperte sich unüberhörbar. Das Geräusch erinnerte an einen knurrenden Hund, kein Yorkshire, es war wohl eher ein wütender Dobermann.

„Darf ich vorstellen? Mein Chef, Hauptkommissar Reiner Zufall“, versuchte die Polizistin die Situation zu retten.

Das knurrende Geräusch verstummte.

„Heinz Wäscher“, erklang die Stimme unter dem Bauhelm.

Kreisch bekam einen Lachanfall. „Dann bin ich wohl der lustige Glückshase“, kicherte die Polizistin.

„Frau Kreisch, jetzt reißen Sie sich doch mal zusammen. Was ist denn in Sie gefahren? Dies ist ein Tatort und nicht die Filmkulisse von Harpe Kerkeling.“ Zufall wurde richtig wütend.

„Das ganze Leben ist ein Quiz“, ergänzte Wäscher, „und wir sind nur die Kandidaten.“

„So, jetzt ist Schluss mit lustig. Ich stelle jetzt die Fragen!“ Zufall schien sichtlich genervt.

„Wer sind Sie? Und wo ist die Leiche?“

„Heinz Wäscher!“

„Das sagten Sie bereits“, fuhr Zufall ihm ungeduldig ins Wort.

„Ich bin der Bauleiter. Bitte folgen Sie mir.“

Gemeinsam verschwand die Gruppe in einem großen Hohlraum, in dem bei Abrissarbeiten eine Leiche gefunden worden war.

„Oh je, der sieht aber ziemlich abgemagert aus“, reagierte die Polizistin beim Anblick des Opfers.

„Frau Kreisch, vor uns liegt ein Skelett. In diesem Gebiet hier verliefen doch überall Stollen, in denen Eisenerz abgebaut worden war. Zu unseren Füßen liegt wahrscheinlich kein Fall für die Polizei, eher ein historischer Fund für Archäologie-Studenten.“

Kreisch wandte sich an den Bauleiter. „Herr Wäscher, haben Sie und Ihr Bauteam bei den Arbeiten historische Gegenstände entdeckt?“

Ehe der Bauleiter antworten konnte, hatte Zufall bereits das Wort ergriffen. „Bestimmt einen Römertopf.“

„Oh, vor uns liegt ein Römer?“ Kreisch sprang von einem auf das andere Bein. „Ist das aufregend. Ich wusste gar nicht, dass Iserlohn von Römern gegründet worden ist. Toll!“

„Kreisch, jetzt beruhigen Sie sich.“ Der Chefermittler schien überrascht von der Reaktion seiner Kollegin. „Das war doch nur ein kleiner Scherz von mir. Apropos Römertopf, ich habe jetzt Mittagspause. Mutti hat heute Eintopf gekocht. Frau Kreisch, und Sie lassen die sterblichen Überreste in die Gerichtsmedizin bringen. Wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, unterhalten wir uns weiter.“

Danach entschwand der Ermittler wortlos.

Zufall hatte zwei randvoll gefüllte Teller Eintopf verschlungen. Anschließend schlürfte er seinen Filterkaffee.

„Junge, du kannst doch deinen Kaffee nicht so trocken herunterwürgen“, diese Worte seiner Mutter leiteten den nächsten Akt der Mittagspause ein. Aufgetischt wurde ein gigantisches Stück von der Herrentorte, die seine Mutter zwei Tage zuvor für das Kaffeekränzchen der Landfrauen gefertigt hatte.

Für den Chefermittler wurde es ein echter Kraftakt. Am Ende war der der Teller restlos geleert und seine Augenlider fielen zu. Erst nach fast einer Stunde kam er wieder zu sich.

„Junge, du bist ja völlig erschöpft. Du arbeitest einfach viel zu hart“, begrüßte seiner Mutter ihn zurück in der realen Welt.

„Ja, Mutti, da hast du wohl recht. Einer muss ja mit den schweren Fällen fertig werden“, waren seine Abschiedsworte. Diese Mittagspause war sicherlich keine leichte Sache.

Erst am späten Nachmittag erschien Zufall an diesem Tag wieder im Büro. Seine Kollegin arbeitete emsig an ihrem Schreibtisch. Das Skelett vom Morgen hatte ihr keine Ruhe gelassen. Sie hatte die Gerichtsmedizin intensiv gelöchert, richtig mürbe gemacht. Nach ihrer Vorstellung war am Opfer ja nicht mehr viel dran. Was hätte da noch groß untersucht werden können? Es waren doch lediglich ein paar Knochen. Diese Auffassung teilte die Gerichtsmedizin nicht, wollte die lästige Kollegin jedoch ruhigstellen. So jedenfalls waren die ersten Stellungnahmen zu deuten, dass hier kein prähistorischer Fund für die archäologische Abteilung vorläge. Wahrscheinlich sei der Tod vor vierzig Jahren eingetreten. Nach Angaben der Gerichtsmedizin handele es sich bei dem Opfer um einen jungen Mann, ungefähr zwanzig Jahre alt, mit einer Körpergröße von 180 Zentimeter. Das Ergebnis über die genaue Todesursache würde noch einige Zeit auf sich warten lassen. Diese kleinen Puzzleteile waren ein Anfang. Kreisch hatte auf eine Pause verzichtet und damit begonnen, in den Archiven nach vermissten Personen aus dieser Zeit zu suchen, auf die die ermittelten Merkmale passten. Kreisch seufzte frustriert: „Nichts, einfach nichts.“

Genau in diesem Moment hatte Zufall das Büro betreten. „Nichts?“, wiederholte der Chefermittler. „Kreisch, Sie haben die ganze Zeit nichts gemacht? Ich habe angenommen, Sie hätten den Fall bereits abgeschlossen.“

Die Polizistin berichtete ihrem Chef von den neuen Erkenntnissen aus der Gerichtsmedizin und ihren aufgenommenen Ermittlungen.

„Kreisch, ich habe die Mittagszeit intensiv genutzt – und nachgedacht. Wahrscheinlich haben wir überhaupt keinen Fall und unser Opfer starb eines natürlichen Todes. Oder können Sie dies ausschließen?“

„Ähm, nee, aber …“, klang es aus dem Mund der Polizistin zögerlich.

„Kreisch, dann sind wir uns ja einig. Wir sollten uns nun wichtigeren Dingen zuwenden.

Für Sie warten richtig spannende Aufgaben im Archiv und in der Aktenpflege.“

Kreisch wollte gerade ihren Unmut preisgeben, als das Klingeln des Telefons eine neue Situation einläutete.

„Kreisch, wir haben einen neuen Fund. Wir fahren zur Gerichtsstraße“, fasste Zufall die neue Lage kurz zusammen.

Kreisch schaute ihren Chef fragend an.

„MGI!“, war seine Antwort, die bei seiner Kollegin nur auf Unverständnis stieß. „MGI, das Märkische Gymnasium Iserlohn, da wo meine Grundlagen gelegt wurden.“

„Ach, die Schule. Es geht zum Hemberg.“

„Nein, das MGI befand sich früher am Standort der neuen Post. Wir fahren zur Gerichtsstraße.“

„Ja, auch gut, dann mal ab die Post!“

Auf dem Gelände der neuen Post waren bei Arbeiten der Stadtwerke an beschädigten Wasserleitungen größere unterirdische Hohlräume gefunden worden. Zufall blickte in einen der Krater.

„Azzurro Flaminia!“, rief der Chefermittler lautstark.

Kreisch blickte in das Loch. „Zufall, Sie erkennen diesen Toten? Aber da liegt doch nur ein Skelett!“

„Lambretta“, antwortete Zufall kurz.

Was wollte der Chefermittler nun an seine Kollegin übermitteln? Sie schaute intensiv in das tiefe schlammige Loch. Das Skelett trug eine merkwürdige Kopfbedeckung. Ein Kochtopf wird es nicht sein, dachte Kreisch. Römische Soldaten trugen Helme. „Chef, ich hab’s! Vor uns liegt ein römischer Soldat.“

„Kreisch, genau. Und neben ihm liegt sein stählernes Ross!“

Nochmals blickte Kreisch hinunter: „Irgendetwas mit Rädern vielleicht?“

Kreisch wirkte verunsichert und wartete auf die Reaktion ihres Chefs.

Diese folgte prompt. „Ein Motorroller der Marke Lambretta in der Farbe Azzurro Flaminia, hellblau. Daneben liegt Karlo Kleidermann, der trägt noch seinen Halbschalenhelm.“

Diese Antwort hatte Kreisch völlig überrascht.

„Wow! Chef, sind wir bei der versteckten Kamera?“

Zufall reagiert nicht auf die Worte seiner Kollegin. Einen Moment lang schaute er stumm auf das Opfer. Der Polizist schien bei dem Anblick sichtlich ergriffen. „Da unten liegt mein alter Musiklehrer.“

Kurz vor den Sommerferien 1978 war Karlo Kleidermann verschwunden. Anfangs hatten die Schüler gedacht, ihr Lehrer sei krank. Als Kleidermann auch nach den großen Ferien nicht mehr aufgetaucht war, waren verschiedene Gerüchte entstanden. Es hieß, er habe seinen Roller vollgetankt und sich nach Süditalien auf den Weg gemacht. Irgendwo auf Sizilien soll er von einem Mitschüler gesehen worden sein. Gut, bei den Jungs hatte der Lehrer sicherlich kein leichtes Berufsleben gehabt. Die Streiche hatten kräftig an seinem Nervenkostüm gezerrt. Einmal hatte nach Unterrichtsschluss das Vorderrad seines Rollers gefehlt. Drei Tage später war das Rad per Paketbote zurückgebracht worden. Zu einem späteren Zeitpunkt war sogar der komplette Roller verschwunden gewesen. Aufgefunden wurde er dann im dritten Stock vor dem Musikraum. Eine Flucht aus dem Sauerland nach Bella Italia war für alle äußerst plausibel. Teile des Lehrkörpers hatten sich in Gedanken der Flucht angeschlossen. Doch nun offenbarte dieser Fund, dass alle getäuscht worden waren. Offensichtlich hatte Karlo Kleidermann das Schulgelände nie verlassen.

Zufall hatte eine gewisse Ahnung. Das erste Opfer, das Skelett, das auf dem Karstadtgelände gefunden worden war, starb nach Angaben der Gerichtsmedizin Ende der Siebziger Jahre. Karlo Kleidermann war 1978 verschwunden. Irgendein Zusammenhang zwischen diesen beiden Funden musste doch bestehen. Die Kriminaltechnik hatte eine schwere Eisentür gefunden, die den Bereich in dem der tote Musiklehrer gefunden worden war, verschlossen hatte. Zufall bewegte sich in seiner Erinnerung immer weiter zurück in die Vergangenheit. Bilder aus der Zeit als Pennäler entstanden in seiner Vorstellung. Hinter ihm stand das imposante Schulgebäude mit dem Turm, in dem sich eine Sternwarte befunden hatte. Am anderen Ende des geteerten Schulhofes, auf dem er nun weilte, blickte er auf die Backsteinwand der maroden Turnhalle. Eiskalte Stunden hatte er dort verbracht, wenn wie so oft die Heizung ausgefallen war und er auf der Holzbank in seinem grünweißen Leibchen mit Schulemblem auf einen Einsatz beim Ballspiel warten musste. Die richtige Härte fürs Leben hatte das bringen sollen. Doch Zufalls Mandeln und Nebenhöhlen hatten dabei die Mitarbeit verweigert. In der ärztlich angeordneten Auszeit hatte er damals genügend Zeit, die nähere Umgebung der Sporthalle zu inspizieren. Neben dem Gebäude hatte sich eine mit Efeu zugewucherte Treppe befunden. Seine Neugier hatte ihn hinabsteigen lassen zu der eisernen Tür am Ende der Stufen. Doch die massive Tür war verschlossen gewesen. Was sich dahinter versteckt hatte, war für ihn als Schüler verborgen geblieben und später in Vergessenheit geraten.

Zufall nahm telefonisch Kontakt mit Ralf Berg auf. Berg war einer der zahlreichen Juristen aus Zufalls Abiturjahrgang. Ehrenamtlich engagierte sich der ehemalige Mitschüler bei der Speläo-Gruppe Sauerland. Zufall selbst hatte ihn mal bei einer Höhlenbegehung im Hönnetal begleitet. Als kalt, feucht und schlammig hatte der Polizist diesen Ausflug in die Unterwelt empfunden und in die Kategorie „Einmal reicht!“ abgelegt. Zufall bat den Freizeit-Höhlenforscher die Fundstelle am alten Gymnasium genau in Augenschein zu nehmen. So kam der Berg zum Zufall. Gemeinsam blickten die Männer in den Abgrund an ihrer alten Schule.

„Genau hier hat sich eine alte Erzmine befunden. Hinweise darauf habe ich in historischen Aufzeichnungen und Karten gesehen. Große Teile der Innenstadt waren davon durchzogen. Es gab hier ein weit verzweigtes Stollensystem, das bis zum Schillerplatz lief.“

„Davon ist aber nicht mehr viel übriggeblieben“, bemerkte Zufall.

„Der größte Teil der unterirdischen Gänge an diesem Ort ist sicherlich bei den Abrissarbeiten der Schule und dem Neubau der Post verschüttet worden. Die Holzstützen in den Minen waren marode. Alles war ziemlich einsturzgefährdet. Bereits in den sechziger Jahren war der Eingang mit einer schweren Eisentür gesichert worden. Viele Höhlen und Stollen waren auf diese Weise für Unbefugte verschlossen worden.“

„Ja, für mich endete damals die Erkundungsreise an der Stahltür“, ergänzte der Polizist.

„Trotz der Absicherung drangen übermütige Gesellen immer wieder in die Gänge ein.“

„Was wollten die dort? Es ist kalt, feucht und gefährlich. Die müssen irre sein!“ „Übermütig oder vielleicht lebensmüde. In den Stollen lagen noch alte Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände. Um diese Gegenstände zu bergen und zu Geld zu machen, riskierten die wirklich ihr Leben.“

Schon in wenigen Tagen sollten sich die beiden Männer wieder treffen. Das erste Juliwochenende stand bevor. Die Iserlohner würden Schützenfest feiern und Zufalls Abiturjahrgang würde sich, wie in jedem Jahr, Samstag um die Mittagszeit am Danzturm treffen. Für den frühen Abend war der Ortswechsel zur Alexanderhöhe geplant. Zufall war nur seltener Gast bei diesen Zusammenkünften gewesen. Doch dieses Mal erhoffte sich der Polizist, Informationen zu seinem Fall erhalten zu können. Er hatte für diesen Anlass alte Schulbilder auf sein Handy geladen. Zwei seiner Mitschüler waren bereits verstorben. Nur wenige aus dem Kreis wohnten noch im Sauerland. Einen hatte es sogar in die USA verschlagen. Viele ehemalige Pennäler hatten es dennoch wieder auf die Höhe geschafft, die Zufall mit Informationen versorgten. Einige Anwesende hielten immer noch Kontakt zu Personen aus diesem Kreis. Andere gaben an, ehemalige Mitschüler auf einem der regelmäßigen Abi-Treffen gesehen zu haben. Doch zu einer Person auf seinen Fotos konnte Zufall nichts in Erfahrung bringen. Deshalb konzentrierten sich seine weiteren Ermittlungen auf eine Frage: Was war eigentlich aus Torsten Hofmann geworden?

Genau in diesem Moment traf der Ermittler auf Ralf Berg, der mit einem Glas in der Hand in bester Bierlaune auf Zufall zusteuerte. „Na, Herr Polizeidirektor, geht’s um den Zufallsfund?“ Berg lachte laut.

„Es geht auch eine Nummer leiser“, entgegnete Zufall. „Torsten Hofmann“, flüsterte der Polizist.

Und dann sprudelten die Worte wie aus einer frischen Quelle, einer Bergquelle. „Torsten Hofmann, der war bei den Abi-Prüfungen gar nicht mehr dabei. Der ist 1978 mit dem Richard Hellweg gemeinsam in die Ferien gefahren. Ich glaube, die waren zusammen an der Cotes d’Azur.“

„Hat Hellweg noch Kontakt zu Hofmann?“

„Das weiß ich nicht. Da musst du ihn schon selber fragen. Richard Hellweg ist heute aber nicht am Start. Torsten hat damals die Schule abgebrochen. Nach den Sommerferien hat der das Handtuch geworfen. Keine Ahnung, was der jetzt macht und wo der sich jetzt aufhält. Ich weiß nur, dass seine Eltern in einer Seniorenwohnung im Alten Stadtbad wohnen.“ Berg hatte sich von seinem Stuhl erhoben. „So, jetzt ziehe ich mal weiter.“

Doch Zufall griff seinen Arm und zog ihn wieder auf den Sitzplatz herunter.

„Was ist aus Hellweg geworden?“

„Jetzt wirst du aber lästig. Der Richard ist nur ganz knapp durchs Abi gekommen. Der hatte einen großen Spickzettel, sonst wäre er glatt durch die Prüfung gefallen. Später hat der richtig viel Kohle gemacht. Hellweg wohnt mit seiner Familie in einem großen Anwesen in Kalthof. Vor fünf Jahren hatte er mal alle zum Grillen eingeladen. Seinen Ferrari hatte er so vor dem Eingang geparkt, dass jeder den Luxusschlitten sehen musste. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Richard macht gerade viele Millionen mit seiner Internetplattform Ticketzock.“

Nach dem Gespräch hatte sich Zufall aus der Runde verabschiedet und auf den Heimweg begeben.

Am Montag der folgenden Woche hatte Zufall seine Kollegin Kreisch über das Ermittlungsergebnis des Wochenendes informiert. Anschließend trennten sich die Wege des Ermittlerduos.

Kreisch besuchte die Mutter von Torsten Hofmann in der Seniorenwohnanlage. Unter Tränen erklärte Frau Hofmann, dass ihr Sohn verschwunden sei, aber sich eines Tages wieder bei ihr melden werde. Torsten sei häufiger für einige Tage untergetaucht, aber stets sei er zurückgekehrt. Auch im Sommer 1978 sei ihr Sohn ohne ein Wort verschwunden. Diesmal sei es für eine längere Zeit gewesen. Nach zwei Wochen sei Torstens Freund, Richard Hellweg, mit einer Nachricht bei ihnen aufgetaucht. Der Schulfreund habe von einer gemeinsamen Urlaubsreise mit ihrem Sohn nach Frankreich berichtet und darüber, dass Torsten nicht zurückkehren wolle. Ihr Sohn habe ein Mädchen kennengelernt und sei mit ihr weiter nach Spanien gefahren. Die Schule wolle er sowieso abbrechen. Das habe Torsten ihnen gegenüber vorher schon häufiger geäußert, deshalb klangen die Worte des Freundes plausibel. Bis zum heutigen Tag habe sie auf die Rückkehr ihres Sohnes gehofft, zumindest eine Nachricht oder ein kleines Lebenszeichen habe sie ersehnt. All die vielen Jahre habe sie vergebens gewartet und sei daran fast zerbrochen.