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Ein neuer spannender Fall auf der beliebten Insel Norderney: Der ärmste Inselbewohner wird ermordet, mit den Taschen voller Geld. Die chaotische Journalistin Tilla Flock und der sensible Pfarrer Hark Herforth suchen nach der wahren Geschichte des Mannes, den niemand wirklich kannte. Frühling auf Norderney – Einheimische und Urlauber fiebern dem Osterfeuer am Strand entgegen. Doch unter dem Holz entdeckt man die Leiche von Matthes: Der einzige Obdachlose der Insel wurde erschlagen. Die Kripo hat wenig Interesse an dem Fall und keine Spur, denn obwohl alle Matthes kannten, weiß niemand, woher er kam oder warum er die Manteltaschen voller Geldbündel hatte. Tilla Flock, die gerade ihren Job beim Werbeblatt gekündigt hat, will seinen Mörder jedoch um jeden Preis finden. Zusammen mit ihrem Freund Hark Herforth, einem Pfarrer auf Langzeiturlaub, befragt sie die Inselbewohner. Ein entscheidender Hinweis führt die beiden auf die Nachbarinsel Baltrum. Als ein Brandanschlag auf die Redaktion des Werbeblatts verübt wird, ahnen Tilla und Hark, dass dieser Fall für sie vielleicht gefährlicher werden könnte als gedacht. Und bald ist klar: Wer auch immer Matthes ermordet hat, hat keine Skrupel, weiter zu töten. Ein Fall, so gewaltig wie ein Frühlingsgewitter an der Nordsee! Band 1: Mörderney – Der tote Wattführer
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Joachim F. Kuck
Kriminalroman
Ein Fall, so gewaltig wie ein Frühlingsgewitter an der Nordsee!
Frühling auf Norderney – Einheimische und Urlauber fiebern dem Osterfeuer am Strand entgegen. Doch unter dem Holz entdeckt man die Leiche von Matthes: Der einzige Obdachlose der Insel wurde erschlagen. Die Kripo hat wenig Interesse an dem Fall und keine Spur, denn obwohl alle Matthes kannten, weiß niemand, woher er kam oder warum er die Manteltaschen voller Geldbündel hatte. Tilla Flock, die gerade ihren Job beim Werbeblatt gekündigt hat, will seinen Mörder jedoch um jeden Preis finden. Zusammen mit ihrem Freund Hark Herforth, einem Pfarrer auf Langzeiturlaub, befragt sie die Inselbewohner. Ein entscheidender Hinweis führt die beiden auf die Nachbarinsel Baltrum.
Als ein Brandanschlag auf die Redaktion des Werbeblatts ausgeübt wird, ahnen Tilla und Hark, dass dieser Fall für sie vielleicht gefährlicher werden könnte als gedacht. Und bald ist klar: Wer auch immer Matthes ermordet hat, hat keine Skrupel, weiter zu töten.
Die chaotische Journalistin Tilla Flock und der sensible Pfarrer Hark Herforth ermitteln auf Norderney.
Pressestimmen zu «Der tote Wattführer»:
«Dieser Norderney-Krimi ist so mitreißend wie ein friesischer Herbststurm!» Buch-Magazin
«‹Mörderney› verbindet gekonnt Spannung, Humor und Lokalkolorit miteinander (…). Und Kucks ‹knorrige› Figuren, insbesondere Tilla und Hark, sind einfach eine Wucht! Mehr davon, bitte!» Hallo
Joachim F. Kuck, geboren 1979 in Wesel, bekam die Liebe zur Kreativität in die Wiege gelegt. Aus seinem künstlerisch geprägten Elternhaus zog er in die Film- und Fernsehwelt, um später zu einem Technologieunternehmen zu wechseln. Seine Texte schrieb er immer dann, wenn sich Zeit fand – nachts neben dem Babybett, tagsüber im Zug oder an der Nordsee, mit der er sich tief verbunden fühlt. Joachim Kuck lebt mit seiner Frau und seinen Kindern im Bergischen Land. Wann immer er kann, reist er mit seiner Familie nach Norderney, an den Ort, an dem er schon in seiner eigenen Kindheit jedes Jahr die Ferien verbracht hat. Nach seinem Krimidebüt «Der tote Wattführer» ist «Das Grab im Sand» der zweite Inselkrimi mit der Journalistin Tilla Flock und Pater Hark Herforth.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Redaktion Christin Ullmann
Covergestaltung bürosüd, München
Coverabbildung www.buerosued.de
ISBN 978-3-644-02204-1
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Mausekatze
und meinen großen Micha.
Für Wölfi,
dessen Name
ewig im Inselsand
geschrieben steht.
Der Mann ohne Namen winselte ein einzelnes Wort, bevor er starb. Er hatte es seit Ewigkeiten nicht mehr ausgesprochen, und als er auf dem mitternächtlichen Nordseestrand zusammenbrach, fragte sich der Mann, wann genau es ihm zuletzt über die Lippen gekommen war. Er wusste es nicht.
Der Wind war eisig.
Die Ebbe hatte Priele voll Wasser hinterlassen und ein hartes Wellenmuster im Sand, das der Mann unter seinen Knien, seinen Händen und seinen nackten Füßen spürte. Er trug nie Schuhe. Nicht einmal im Winter und ganz sicher nicht in diesen Frühlingswochen, so kalt sie sein mochten für jemanden, der auf den Straßen einer Insel lebte.
Warm war nur das Blut.
Der Mann ohne Namen hatte eine klaffende Kopfwunde. Er fühlte, wie sein Mantel nass wurde, genau wie die bunte Wolldecke über den Schultern. Ein einziges Mal hatte sein Angreifer mit dem Hammer zugeschlagen. Jetzt, als die letzten Atemzüge des Mannes rasselten, legte sich eine Hand sanft auf seinen Arm.
Jemand kniete neben ihm. Eisgraues Mondlicht.
«Paradies», presste der Mann ohne Namen hervor, zum ersten Mal seit vielen Jahren.
«Gleich bist du da», kam die geflüsterte Antwort.
Der Mann ohne Namen starb lautlos. Er bemerkte nicht mehr, dass ein harter Windstoß ihm die Decke entriss. Sein Mantel plusterte sich auf, und plötzlich flatterten uralte Geldscheine aus seinen Taschen und zogen wie Schmetterlinge vom Weststrand über das tiefe, schwarze Meer.
Paradies.
Tilla Flock tippte auf den Tasten, als würde ihr Leben davon abhängen. Ihre abgekauten Fingernägel flogen über die Buchstaben. Mehr als einmal flüsterte sich Tilla die geschriebenen Worte selbst zu. Sie trug keine Brille, obwohl sie vielleicht eine gebraucht hätte, denn sie musste beide Augen zusammenkneifen, um die kleinen Textblöcke auf dem großen Bildschirm entziffern zu können. Tilla nickte zufrieden. In fetten Lettern prangte die Überschrift auf dem Monitor:
Kündigung.
«Du musst nicht kündigen, Tilla», sagte Ariane Flock seufzend von ihrem eigenen Computer aus. «Du hast nicht mal einen Arbeitsvertrag bei mir.»
Tilla blickte auf. Ihre jüngere Schwester sah perfekt aus in ihrem dunklen Hosenanzug, viel zu großstädtisch für die Redaktion eines Werbeblattes, das die Einheimischen und Touristen mit Anzeigen von Hotels, Restaurants und Geschäften versorgte und oft genug mit den Kontaktwünschen einsamer, gepuderter Damen.
«Ich hab keinen Vertrag?», fragte Tilla erstaunt.
«Hast du jemals einen unterschrieben?»
«Hast du mich jemals bezahlt?»
Ariane sah ihre Schwester fassungslos an.
«Du bist fünfunddreißig, Tilla, und das Schlimme ist, dass ich nicht weiß, ob du einen Scherz machst oder nicht.»
«Mach dich locker, Ari. Was glaubst du denn?»
Tilla stand auf, während sie ihre Kündigung drucken ließ. Sechs Jahre hatte sie für den Küstengruß gearbeitet, meist dann, wenn Ariane Flock Fotos brauchte. Jubiläen. Hochzeiten. Bilder von Tatorten, wie im letzten Winter.
«Warum willst du überhaupt aufhören?», fragte Ariane. «Du bist doch morgen sowieso wieder da und tust so, als wäre nie was gewesen.»
«Dieses Mal nicht.»
«Zehn Euro auf das Gegenteil», sagte Thomas Manschott aus seiner Ecke, bevor er in seiner Hosentasche wühlte und einen zerknitterten Geldschein herausholte. «Oh. Fünf.»
Er war der dritte Mitarbeiter von dreien, die den Küstengruß herausbrachten. Mit Schere und Kleber arbeitete er an den Seiten, denn er hasste Computer. Sein Fischerpullover war zu eng. Hätte Liebeskummer ein Gesicht, sähe es so aus wie Thomas Manschott.
«Ariane, ich kann nicht mein Leben lang Bilder vom Eiertrullern an Ostern schießen», sagte Tilla. «Ich will recherchieren. Und interviewen. Und schreiben!»
«Ich lasse dich schreiben, Tilla.»
«Veranstaltungstipps!»
«Veranstaltungstipps sind Brot und Butter eines Ferienortes», sagte Ariane mit Pathos in der Stimme. «Und sie passen besser zum Küstengruß als das True-Crime-Zeugs, das du mir immer verkaufen willst.»
Tilla zog eine Augenbraue hoch.
«Klöppeln im Kurhaus mit Katharina», sagte sie matt, «kurzweilig und kulturhistorisch mit Kaffee und Kuchen. Ja, was würde der Inseljournalismus nur ohne mich machen?»
Wie immer, wenn Tilla den Drucker bediente, fiel das fertige Blatt auf den Boden. Tilla hob ihre Kündigung auf, um sie Ariane hinzuhalten. An der Wand hingen eingerahmte Zeitungsseiten, auf denen Fotos von Tilla selbst zu sehen waren:
Journalistin und Pfarrer lösen Mordfälle, stand da.
«Ich hefte das ab», sagte Ariane. «Unter N wie Nervensäge.»
«Unter L wie Lieblingsschwester.» Tilla nahm die rote Jacke, die eigentlich Ariane gehört hatte, aber angesichts der Risse und des Lochs von einer Pistolenkugel – Spuren von Tillas erstem Fall – in ihren eigenen Besitz übergegangen war. Tilla hörte nicht mehr, wie ihre kleine Schwester seufzte, so schnell war sie aus der Tür verschwunden.
Ariane starrte auf die Kündigung, bevor sie ihren Blick durch das winzige Büro schweifen ließ, das von Tag zu Tag enger zu werden schien.
«Lass sie doch ein bisschen durchknallen», sagte Thomas. «Würdest du mit Tilla tauschen wollen?»
«Nee», antwortete Ariane gedankenverloren.
«Die kommt wieder. Fünf Euro. Deal?»
Tilla war längst draußen, auf den weiten Straßen einer Ferieninsel, die ihre harten Wintermonate zu vergessen schien. Der Frühling war so kaltsonnig, so kristallklar, dass Schnee, Nebel und das eisige Meer in Tillas Kopf wie eine uralte Lügengeschichte wirkten. Wenn warme Jacken auf kurze Hosen trafen und Sonnenbrillen auf Mützen, dann wussten die Inselbewohner, dass der Frühling in all seiner kühlen Brillanz endlich da war.
Tilla strich sich die Haare aus dem Gesicht.
Sie lächelte, obwohl niemand sie grüßte, als sie ihr Tandem ansteuerte. Keine freundlich zugerufenen Worte gab es, die von alten Seebären kamen oder von jungen Müttern. Das heimliche Wispern eines abschätzig starrenden Ehepaares hörte Tilla Flock nicht, als sie umständlich auf ihr seltsames Gefährt kletterte und schlingernd losfuhr, denn das Rad war nicht in Balance.
Es ist ja auch ein Rad für zwei, dachte Tilla.
Sie musste Autos und Fußgängern ausweichen, als sie durch die Stadt fuhr, und parkte ihr Tandem hinter Reihen von anderen Rädern, als sie die Apotheke an der Kirche mit dem alten Friedhof erreichte. Zur Abwechslung spürte sie keine bösen Blicke auf sich – Blicke von Insulanern, die sie seit Jahren für den Tod eines der Ihren verantwortlich machten. Die Morde, die sie im Winter aufgeklärt hatte, mochten Tilla ein paar ruhige Monate beschert haben, aber schon bald hatte sie wieder die Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand bemerkt, wenn sie jemandem auf der Straße begegnete. Die meisten jedoch schienen sie zu meiden, wenn sie konnten. Tilla kam sich oft erstaunlich einsam vor an diesem Ferienort, der den größten Teil des Jahres zum Bersten gefüllt war.
Doch das alles war ihr einen Moment lang egal, als sie die alte Apotheke betrat und den medizinischen Duft einsog, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte. Eine Uhr in eichendunklen Holzregalen kündigte die Mittagsstunde eines frühlingsfrischen Ferientages an, und jetzt gerade waren es Urlauber – Gesichter ohne Geschichte und Köpfe ohne jede Erinnerung –, die die Apotheke füllten.
Niemand kannte sie.
Niemand beachtete sie.
Niemand hasste sie.
Es war ein guter Tag für Tilla Flock.
Es war ein grauenvoller Tag für Pater Hark Herforth.
Mit dem Kopf hing er über einem Eimer, und gerade als er dachte, er würde nichts mehr in sich haben, produzierte sein Körper eine Explosion der Übelkeit, die Hark jammern ließ wie nach den Kneipenbesuchen seiner Jugend. Er ließ alles raus, bevor er sich stöhnend auf dem Bett umdrehte und an die Decke starrte.
Ein Riss im Putz. Gleich neben der Lampe.
Hark beschloss, dass heute nicht der beste Tag war, um auf seinem Hotelbett zu verenden. Er setzte sich auf. Die Welt wirbelte um ihn herum. Alles tat weh, ganz real und nicht wie sonst als Teil einer Krankheit, die Hark lähmte mit Panik vor der eigenen Sterblichkeit, jeden Tag und jede Stunde seines angsterfüllten Lebens. Harks Magen verkrampfte sich.
«Kommen Sie schon wieder mit diesem Quatsch?», hatte sein alter Hausarzt vor Jahren gefragt, als Hark nach drei schlaflosen Nächten mit zitternden Händen in die Praxis gekommen war. Sein Kopf hatte geschmerzt, und der Schmerz war hinabgezogen bis in seinen Rücken, seine Arme, seine Beine und seinen Bauch. Hark war ein Wrack gewesen.
«Quatsch?», hatte er gefragt. «Quatsch?»
«Beim letzten Besuch wussten Sie genau, dass Sie Krebs haben. Davor war es das Herzstolpern. Ihre Schulter fühlte sich dick an, ohne dass sie dick war, und irgendjemand im Internet hatte Ihnen irgendetwas über Lymphknoten erzählt.»
«Meine Lymphknoten waren geschwollen!»
«Das entscheide ich!», hatte sein Hausarzt gepoltert, um dann auf seinem Drehstuhl von der Liege zum Schreibtisch zu rollen. Hark war schwummerig geworden, als der Arzt im kalten Schein der Leuchtstoffröhren etwas schrieb.
«Was ist das? Ein Rezept?»
«Eine Nummer. Von einer Therapeutin.»
«Aber …»
«Ich kann Ihnen nicht helfen, Pater. Ich kümmere mich um das, was in Ihrem Körper passiert. Für Ihre Fantasie sind andere zuständig. Rufen Sie die Nummer an, rufen Sie sie nicht an, es ist mir egal. Aber gnade Ihnen Gott, wenn Sie jemals wieder meine Notfallsprechstunde verstopfen.»
Hark hatte niemals angerufen.
Jetzt, in seinem Hotelzimmer, klopfte es an der Tür.
«Moment», würgte Hark, als er aufstand und über den Teppich wankte, um zu öffnen. Er sah Tilla Flock vor sich, die sich zu einem Lächeln zwang.
«Du siehst schon viel besser aus», log seine Freundin.
Hark blinzelte mit dunkel umrandeten Augen.
«Wie heißt dieser Zustand, wenn man leerer als leer ist?», fragte er, als er Tilla ins Zimmer ließ.
«Leben.» Sie fischte eine Packung Pillen aus Arianes roter Jacke und gab sie Hark. In einer für ihn unerträglich bewegten Bewegung ging sie durch den Raum und riss Fenster und Vorhänge auf, bevor sie an der Küchennische ein Glas nahm und es mit Leitungswasser füllte. Seit dem Winter lebte Hark in der kleinen Pension. Fast alles, was er brauchte, hatte er zugekauft. Eine Mikrowelle. Geschirr. Das neue Blutdruckmessgerät, weil sein altes aufgegeben hatte.
«Ganz ehrlich», sagte Hark, als er die Pillenpackung öffnete. «Ich überlege, noch mal im Wintermantel in die Nordsee zu gehen. Lass mich dieses Mal bitte absaufen.»
«Darüber machst du keine Witze.»
«Pfarrer dürfen das.»
«Was du darfst», sagte Tilla, «ist trinken. Kleine Schlucke. Ich passe auf, Pater Herforth.»
Sie drückte Hark das Glas in die Hand. Er hob es hoch und betrachtete es gegen das einfallende Morgenlicht. Das Wasser hatte einen leichten Stich ins Bräunliche.
«Kann ich mich nicht dran gewöhnen», murmelte er.
«Sandgefiltert. Quellfrisch. Aus einer Blase tief im Herzen der See. Was willst du mehr?»
«Einen neuen Körper.»
«Stell dich hinten an», sagte Tilla.
Hark schluckte die Pille, zur Abwechslung ohne Studium der Nebenwirkungen, dann trank er das seltsam aussehende Inselwasser. Kleine Schlucke. Wie befohlen. Tilla Flock widersprach man nicht.
«Ich hab gekündigt», rief sie plötzlich.
«Schon wieder?»
«So richtig dieses Mal.»
«Wieso?», fragte Hark, als er dem Drang widerstand, sich auf die Couch fallen zu lassen. Stattdessen sank er vorsichtig darauf nieder. Wenn er sich sonst schon alt fühlte, fühlte er sich heute wie der älteste Mann der Insel.
Zumindest brannte er nicht auf einer Aussichtsdüne.
«Frühling», antwortete Tilla. «Es ist immer Frühling, wenn ich das Gefühl habe, was anderes machen zu müssen.»
«Zum Beispiel?»
«Irgendwas. Einbrecherin werden. Oder … Päpstin!»
«Eines davon ist ein ehrbarer Job», brummelte Hark und drehte sich auf der Couch, bis er wieder an die Decke starren konnte. Er legte den Handrücken auf die Stirn, wie seine Mama es früher getan hatte, wenn sie krank war.
Tilla blickte aus dem Fenster.
«Es kribbelt einfach alles in mir», sagte sie leise. «Und wenn was in mir kribbelt, muss ich das ausnutzen. Weil ich genau weiß, dass es morgen nicht mehr kribbelt.»
«Lass uns morgen über morgen reden», wisperte Hark, «in mir kribbelt auch alles. Nicht auf die gute Weise.»
Er schloss die Augen. Seine Innereien rebellierten.
Tilla nahm die Decke vom Bett, deren frische Bezüge schon wieder hätten gewechselt werden können, so sehr hatte Hark geschwitzt. Mit wildem Schwung warf Tilla die Decke über ihn. Genüsslich brummte ihr Freund auf, als kühle Luft ihn traf.
«Schlaf ein bisschen ein», sagte sie.
«Ich schlaf ein bisschen ein», murmelte er.
Tilla warf einen letzten Blick auf Hark, bevor sie die Zimmertür öffnete und auf den Flur hinaustrat. Hier war es dunkler. Dielen knarzten unter rotem Teppich, wie sie bei jedem von Tilla Flocks Besuchen in Hark Herforths Hotel knarzten. Fast vier Monate war es her, dass sie ihm wie vom Schicksal getrieben das Leben gerettet hatte, dass sie Freunde geworden waren und vielleicht Seelenverwandte und dass sie eine auf der Insel angesehene Familie dreier Morde überführt hatten. Hark war nicht wieder nach Hause gefahren, sondern entgegen aller Vernunft im Hotel nahe der Promenade geblieben. Ohne Rückfahrkarte. Ohne Plan. Aber mit einem Hauch Lebenswillen.
«Warum?», hatte Tilla ihn irgendwann einmal gefragt, vielleicht im Februar, bei einem Ostfriesentee mit Blick über die eisgraue See. Es war still in der Milchbar gewesen, deren warmes Licht an ein Leuchtfeuer im Nebel erinnerte.
«Warum was?», war Harks Gegenfrage gewesen.
«Warum fährst du nicht nach Hause?»
«Soll ich?» Hark hatte den Kandis in seiner Tasse klirren lassen.
«Nein. Ich mag es, wenn du hier bist.»
«Ich auch. Je stärker der Wind weht, desto weniger höre ich meine eigenen Gedanken.»
«Jetzt klingst du wie einer der Leser, die eigene Gedichte an den Küstengruß schicken.»
«Ich meine das ernst», hatte Hark gesagt. «Irgendwas macht dieser Ort mit mir. Zum ersten Mal seit Jahren herrscht in meinem Kopf ein bisschen Ruhe.»
«Kannst du meinem Kopf was davon abgeben?»
«Vielleicht habe ich mir ein paar Monate Auszeit verdient. Frag mich im Frühling noch mal, ob ich zurück in die Großstadt will. Oder pleite bin.»
«Im Frühling», hatte Tilla Flock abwesend geantwortet. Weit entfernt war ihr das vorgekommen, doch jetzt war der Winter vorbei. Gedankenversunken stieg Tilla die Treppe des winzigen Hotels zur Lobby hinab und hörte den Klingelton ihres Handys, als wäre ihr Kopf in Watte gepackt.
Sie blickte auf das Display.
Runzelte die Stirn.
«Papa?», fragte sie ins Telefon, um einen Augenblick später vor Schreck beinahe neben die letzte Stufe zu treten.
Kommissar Enno Flock musste trotz der Mittagssonne seine Taschenlampe zücken, um die Leiche zu sehen. Tief steckte der leblose, sandige Körper unter Massen von Ästen und Zweigen und aufgeschichteten Brettern, sodass das Tageslicht die fahle Haut kaum berührte. Ein paar Tage nur noch, dann sollte dieser gewaltige Berg von Holz hier am Inselstrand als Osterfeuer lodern.
«Aber jetzt steckt eine Leiche drin», raunte Enno Flock sich selbst zu. Tillas Vater ließ den Lichtstrahl durch die Ritzen des Holzhaufens gleiten. Schatten tanzten über dem, was sich als Person entpuppt hatte, entdeckt vom nervös kläffenden Hund einer Joggerin. Man musste am Fuß des Osterfeuers eine Mulde in den Sand gegraben haben, um den Mann hineinzuzwängen und ihn mit dichtem Geäst und Buschwerk zu verdecken, bis er nicht mehr zu sehen war.
Flocks Kollege rollte Absperrband aus.
«Ist er das?», fragte Waldemar Übbing und knotete das Band an einem Pfosten fest, den er in den Sand gesteckt hatte. Seine Uniform spannte sich prall über dem Bauch.
Enno nickte. «Wahrscheinlich. Der Mantel passt. Die Decke. Der Geruch …»
«Armer Matze», sagte sein Kollege nachdenklich.
Enno Flock blickte ihn erstaunt an. «Matze? Der heißt Matthias.»
«Metti», sagte Helge Weingärtner und trat hinter dem Holzhaufen hervor. Er war jünger als seine Kollegen, und doch wirkte er müder. Rot standen seine Locken ab. Sein Kinn war unrasiert. Flock und Übbing sahen ihn irritiert an.
«Metti?»
«Ich habe gehört, er heißt Metti. Oder Motte?»
«Der vielleicht einzige Obdachlose aller sieben Inseln stirbt, und wir kennen nicht mal seinen Namen», sagte Enno Flock, bevor er eine Stimme hinter sich hörte.
«Sein Name war Matthes», sagte Tilla sanft. Sie war unbemerkt an ihren Vater herangetreten, die Hände in den Taschen von Arianes roter Jacke, und starrte auf den aufgestapelten Holzberg, in dem ein Toter lag. Vier Silhouetten vor dem Meer, Tilla und Enno und Helge und Waldemar, hingen ihren Gedanken nach.
Die ersten Schaulustigen näherten sich schon der Absperrung.
«Tilla», sagte Enno Flock dann. «Gut, dass du da bist.»
«Den Satz höre ich selten.»
«Du … du musst eine Leiche für mich identifizieren.»
Tilla zuckte mit den Schultern. «Ich wollte ja immer schon mehr Vater-Tochter-Aktivitäten», sagte sie, während sich Enno von Helge Weingärtner eine in Plastik eingetütete Wolldecke geben ließ. Der Stoff war kunterbunt. Gemustert. Getränkt von getrocknetem Blut. Tilla brauchte einen Moment. Sie blinzelte, damit niemand ihre schimmernden Augen sah.
«Das ist meine», sagte sie. «Habe ich Matthes vor ein paar Wochen gegeben. Als es noch mal so kalt wurde.»
«Ich weiß», antwortete ihr Vater. «Das ist die Decke, mit der du als Kind immer …»
«…mit der ich als Kind immer am Samstagmorgen vor dem Fernseher gegammelt habe», sagte Tilla überrascht. «Ich dachte nicht, dass du dich daran erinnerst.»
Ein Moment des Schweigens zwischen Enno Flock und seinem Mädchen verging, bevor er sich räusperte.
«Wir haben die Decke da drüben gefunden, fast am Spielplatz», sagte er. «Ich wusste gleich, dass sie dir gehört. Deswegen habe ich dich angerufen.»
«Ich hatte schon Angst, es wäre was mit Mama.»
Tillas Vater reichte ihr die Taschenlampe. Tilla knirschte nervös mit den Zähnen, auch wenn sie nach den Ereignissen im letzten Winter schon mehr als einen Toten gesehen hatte.
«Was genau ist passiert?», fragte sie, während sie sich dem Berg aus Feuerholz näherte.
«Irgendetwas, bei dem Blut geflossen ist. Genauer wissen wir das erst, wenn wir ihn rausziehen dürfen. Die Spurensicherung vom Festland ist schon auf der Fähre.»
«Glaubt ihr, er wurde umgebracht?»
«Wer würde denn einen Obdachlosen umbringen?», fragte Waldemar Übbing. Tilla kniete sich in den Sand, um mit der Lampe in die wirren Holzmassen zu leuchten. Zweimal so hoch wie ein aufrecht stehender Mensch war der Berg. Im Halbdunkel sah Tilla den Leichnam.
«Das ist er», sagte Tilla. «Die Narbe an der Wange.»
«Wo hatte er die her?», murmelte Enno Flock.
«Weiß nicht. Geredet haben wir selten. War ein netter Kerl. Wenn er nüchtern war.»
«Wer würde einen Obdachlosen umbringen?», wiederholte Waldemar Übbing. Enno Flock sah ihn an.
«Statistisch gesehen? Andere Obdachlose.»
«Das ist schwierig. Gibt ja nur einen hier.»
«Selbst in einer kleinen Stadt wie Emden gab es immer wieder Konflikte zwischen …», sagte Enno Flock, als seine Tochter ihn unterbrach.
«Papa?», raunte sie. «Ich sehe da was … Komisches.»
«Was?»
«Handschuh», sagte Tilla und streckte auffordernd ihre Hand nach hinten aus, als wäre sie selbst Polizistin. Doch sie war keine. Ihr Vater grummelte, bevor er mit strengem Blick selbst die Hand ausstreckte und sich von Helge Weingärtner einen Einweghandschuh geben ließ, den er an Tilla weiterreichte.
«Ruinier mir nicht meinen Tatort.»
«Wir trampeln alle durch die Spuren im Sand, Paps.»
Die drei Polizisten blickten gleichzeitig hinunter auf den Boden, während Tilla sich den Handschuh anzog. Sie legte sich bäuchlings vor den Osterfeuerhaufen, robbte in die nasskalte Mulde und drückte sich in spitze Zweige und dornige Blätter. Mit ausgestrecktem Arm zog sie etwas aus dem Mantel des toten Matthes, das im Licht der Lampe aufgeblitzt war.
Sie blinzelte irritiert.
«Was ist es?», fragte Enno Flock.
Tilla schob sich aus dem Holzberg heraus. Sie öffnete die Hand, um etwas zu präsentieren, dessen Anblick drei gestandene Polizisten ratlos im Nordseewind des Frühlings stehen ließ.
«Geld?», fragte Waldemar Übbing.
«Geld. Aber keine Euros, das sind deutsche Mark», raunte Tilla und betrachtete das zerknitterte Bündel Papier, das sie bei Matthes gefunden hatte. Hundert Scheine mochten es sein, zweihundert, vielleicht mehr, in alter Währung. Als Kommissar Enno Flock kopfschüttelnd zum toten Mann im Osterfeuerholz starrte, folgte seine Tochter seinem Blick, ratlos und rastlos und ganz ohne Fährte.
Hark merkte kaum, was er tat. Er hatte sich angezogen, weil er nach einem tiefen Schlaf frische Luft schnappen wollte und weil sich sein Inneres für den Moment nicht schmerzhaft zusammenzog. Als Hark seinen Priesterkragen anlegte und gedankenverloren die Haken im Nacken schloss, blickte er sich erstaunt im Spiegel an.
«Oha», sagte er.
Seinen Kragen hatte er lange nicht getragen. Wochen. Vielleicht Monate. Er war ihm entfallen, wie ihm so vieles entfallen war, was mit seinem Leben als Pfarrer im Moloch der Metropole zu tun hatte. Alles schien zeitlos zu sein im ewigen Kreislauf dieser Urlaubsinsel. Wer vom Festland kam, sah mitleidig zu denen, die auf der Rückfahrt waren, und wer selbst ging, starrte voller Neid auf die Neuankömmlinge. Hark hatte oft am Hafen gesessen und sich gefragt, wann er selbst an der Reihe sein würde, die Insel zu verlassen.
Er schluckte mit brennendem Hals.
Ein wenig schwankte er, als er die Tür öffnete, und der Gang durch den Korridor bis zur Treppe kam ihm länger vor als sonst. Hark spürte Schweiß auf seiner Stirn. Mit Wucht hatte ihn die Krankheit gestern getroffen. Nichts als ein Frühlingsvirus, aber Hark wusste genau, dass er sich lange elend fühlen würde. Schon wenn er kerngesund war, spürte er, wie die Lebenszeit seines Körpers ablief. Kaum etwas anderes als die Furcht davor erfüllte ihn. Immer.
«Guten Tag», rief Mirjana, die Rezeptionistin. Nicht viel größer als der Tresen, stand sie aufrecht und mit gerecktem Hals vor leeren Schlüsselfächern und strahlte Hark an. Die kleine Pension war voll belegt.
«Tag», entgegnete Hark. «Ist noch Tag? Oder Abend?»
«Es geht Ihnen wohl noch nicht besser, Pater?»
«Jesus am Kreuz fühlte sich fitter.»
Hark wankte weiter, als Mirjana ihn unerwartet am Arm zupfte. Sie hielt ein Klemmbrett mit Papier in der Hand.
«Die Rechnung», sagte sie kleinlaut, «für den März. Müssten Sie unterschreiben. Und Sie haben einen Brief.»
«Vielleicht könnten Sie die Rechnung einfach heimlich aufs Nebenzimmer buchen.»
«Es ist nicht sehr christlich, den Nächsten mit den eigenen Schulden zu belasten, oder?»
«Fragen Sie meine Kirche», flüsterte Hark, bevor er einen Stift nahm und das Dokument signierte. Mirjana nickte dankbar. Sie gab Hark einen schweren Büttenumschlag und schien zu hoffen, dass der Pater ihn gleich öffnen würde. Hark warf nur einen abschätzigen Blick auf den Absender, bevor er das Kuvert in die Manteltasche stopfte. Er beschloss, den Schmerz im Magen auf das Virus zu schieben und nicht auf den Umschlag oder die Kosten der letzten Monate. Längst hätte er wieder arbeiten müssen. Sein Auto verwitterte auf dem Parkplatz der Pension.
«Passen Sie auf», rief Mirjana, als Hark ging, «laut Inselradio haben wir seit ein paar Tagen einen Wolf hier.»
«Ist wahrscheinlich weniger bissig als alte Insulaner.»
Hark genoss das Wetter mehr, als er es vor kaum einer Stunde noch gedacht hätte. So wie die Luft seine heiße Haut kühlte, wärmte das Licht des Aprils seinen bebenden Körper. Vielleicht war es die beste Jahreszeit an der See, dachte Hark, während er den Weg von der Pension zur Promenade nahm. Er schmeckte Salz auf den Lippen, als er die Kapitänshäuser erreichte, die sich unweit des Meeres in die windgeschützte Mulde hinter der Georgshöhe zu ducken schienen.
Die Georgshöhe …
Die Aussichtsdüne, auf der Josef Monningen verbrannt war, Jahrzehnte nachdem er mit den Männern seiner Familie die Leiche einer Frau an ebendieser Stelle begraben hatte, war neu gepflastert. Ein gewaltiger Anker lag neben dem Fundort. Touristen zogen die Wege hinauf, um auf der Georgshöhe zu posieren und Fotos zu machen.
«Adeline», zitierte Hark flüsternd den Vornamen des Opfers, dessen Mord er mit Tilla Flock so viele Jahrzehnte später gerächt hatte. Er ließ sich auf eine Bank fallen. An diesem Ort hatte er Tilla gesagt, dass er bleiben würde. Nur für ein paar Tage, das war der Plan gewesen. Kurzurlaub. Samstag bis Samstag. Auf unbestimmte Zeit verlängert.
Sechzehn Wochen war das her.
«Verzeihen Sie, Herr Pater», sagte plötzlich eine alte Frau, die mit ihrem Mann über die Promenade spazierte. Hark wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er blickte auf.
«Ja?»
«Ist das der Weg zum Nordstrand?»
«Nordstrand, Hundestrand und dahinter …», sagte Hark und senkte die Stimme zu einem Wispern, «…der FKK-Strand.»
Der Dame entfuhr ein Kichern, bevor sie ihren Ehemann in die Seite knuffte.
«Siehst du?», sagte sie. «Es ist immer gut, einen Einheimischen zu fragen.»
Hark zog die Augenbrauen hoch und blickte dem Paar hinterher.
Einheimischer, dachte er. Klingt nicht schlecht.
Er ahnte, dass es Zeit war, zurück ins Bett zu gehen. Mehr frische Luft konnte seine gereizte Lunge unmöglich vertragen. Es wäre vernünftig gewesen aufzustehen, so wie es vernünftig gewesen wäre, in sein altes, einsames Leben als Pfarrer in der Großstadt zurückzukehren. Aber Hark Herforth schloss die Augen und blieb sitzen, zumindest jetzt, und er würde bei seiner Freundin Tilla Flock bleiben, zumindest vorerst, ob krank oder gesund oder im seltsamen Niemandsland dazwischen.
Matthes wurde nicht aus seinem hölzernen Grab gezogen.
Stattdessen sah Tilla zu, wie in weiße Anzüge gehüllte Polizeibeamte der Spurensicherung vom Festland das Osterfeuer abtrugen. Ast für Ast, als wäre der Berg ein Kartenhaus, das jederzeit einstürzen konnte. Ein Pavillon wurde aus dem nahe gelegenen Promenadencafé geholt und am Fundort aufgestellt, weil sich dunkle Wolken am zuvor blauen Himmel gebildet hatten. Bald würde es regnen. Enno Flock, Helge Weingärtner und Waldemar Übbing waren längst nicht mehr wichtig. Sie machten Notizen, die niemand lesen würde, hielten Touristen vom Tatort fern und funkten mit Monika von der Polizeiwache, um freie Gästezimmer für die Mordkommission vom Festland zu suchen.
«Ist nicht einfach in der Hauptsaison», sagte Enno Flock zu seiner Tochter. Sein Funkgerät rauschte.
«Können ja abends nach Hause schwimmen.»
«Ein bisschen mehr Respekt. Das sind Kollegen.»
«Paps, das sind Leute, die kein Interesse an einem Obdachlosen haben», antwortete Tilla. «Glaubst du, die rühren einen Finger, um jemanden wie Matthes zu rächen?»
«Rache ist nicht die Aufgabe der Polizei», raunte Enno, als ein breitschultriger Beamter an ihn herantrat. Bunte Krawatte. Verknittertes Sakko.
«Das Opfer ist zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt», sagte er zu Enno und ignorierte Tilla. «Kopfwunde. Knochensplitter. Blut. Ihr Penner wurde ermordet, vielleicht mit einem Hammer.»
«Matthes», raunte Tilla. «Er hatte einen Namen.»
«Da sind Schleifspuren im Sand. Wir denken, dass man ihn weiter vorne am Priel erschlagen hat, um ihn dann hier unter dem Feuerholz zu verstecken. Wäre natürlich hilfreich, wenn weniger Fußstapfen am Fundort wären.»
Zum zweiten Mal an diesem Tag blickte Enno Flock zu Boden. Er räusperte sich und versuchte, größer zu wirken.
«Was ist mit dem Geld?»
«Wir finden immer noch Scheine. In den Strandkörben. Den Dünen. Alles Fünfziger. Altes deutsches Geld, aber so sauber, als käme es aus der Druckerei. Mit dem Bündel, das Sie so behutsam aus der Tasche des Opfers gerissen haben …»
«Wir sichern nicht so oft Tatorte», sagte Enno Flock.
«…mit diesem Bündel haben wir bisher umgerechnet gut zwanzigtausend Euro. Banknoten aus den Neunzigern. Alles werden wir wohl nie finden, aber wenn ich schätzen soll, tippe ich auf fünfzigtausend Mark, die der Kerl damals gestohlen hat.»
«Warum gestohlen?», fragte Tilla scharf. «Ist man direkt ein Krimineller, nur weil man keinen Job hat?»
«Wer genau ist das?», entgegnete der Kommissar, an Enno gerichtet. Enno seufzte.
«Meine Tochter. Sie ist … Journalistin.»
«Ich hab gekündigt», flüsterte Tilla. Enno sah auf.
«Bitte was? Schon wieder?»
Nur ein Seitenblick traf Tilla und ihren Vater, bevor sich der Beamte der Mordkommission zum stetig schwindenden Holzberg umdrehte und die Hände in die Taschen steckte. Er ließ die Schultern hängen, als fehlte ihm jede Lust.
«Ich bin ehrlich», sagte er. «Zu einsamer Tatort. Zu viele Verdächtige. Touristen. Einheimische. Kann sein, dass ihn eine Horde Teenager als Mutprobe erschlagen hat. Oder ein Kegelbruder im Suff. Oder ein wütender Ladenbesitzer, gegen dessen Tür er gepinkelt hat.»
«Matthes pinkelte nicht gegen Türen», sagte Tilla.
«Vielleicht nicht gegen Ihre.»
«Sie denken also, dass die Aufklärung schwierig wird?», ging Enno Flock dazwischen.
Der Beamte der Mordkommission seufzte. Wind verwirbelte seine Krawatte. «Ich denke, dass ein simpel aussehender Fall niemals simpel endet. Tode wie dieser zerren uns Ermittler vom Schlick in den Treibsand. Tausende potenzielle Täter. Ein Toter ohne Berührungspunkte. Ohne jede Identität. Was ist das Motiv, wenn das Motiv völlig beliebig ist?»
«Fünfzigtausend Mark wären ein Motiv», sagte Tilla. Jetzt war es ihr Vater, der den Kopf schüttelte.
«Würde es um Geld gehen, wäre es nicht mehr da …»
Tilla sah zu, wie die Spurensicherung eine letzte Lage von Feuerholz abtrug, die den Leichnam bedeckte. Waldemar und Helge standen nutzlos neben dem Pavillon.
«Was können wir tun?», fragte Enno den Kommissar.
«Irgendwas. Handzettel verteilen. Telefonnummern notieren. Wir suchen Zeugen, aber wer hält sich mitten in der Nacht schon an einem stockdunklen Strand auf?»
«Offensichtlich ein Mörder», rief Tilla schnaubend. «Wir sollen also Handzettel verteilen. Und Zimmer suchen. Noch was? Will jemand Gebäck? Kaffee? Soll ich tanzen?»
Irritierter denn je blickte der Kommissar zu Tilla und Enno Flock, dann strich er wortlos seine Krawatte glatt und ging. Wütend pustete sich Tilla die Locken aus dem Gesicht.
«Matthes», sagte sie zu ihrem Vater, «wir müssen seine letzten Stunden rekonstruieren, Paps. Die letzten Tage.»
«Nein», antwortete Enno Flock.
«Wir forschen nach, bei welchen Restaurants er Essen bekommen hat. Die Fischbuden. Der Wagen am Hafen. Hotels!»
«Das macht die Mordkommission.»
«Wo ging er hin, wenn er krank war? Zu welchem Arzt? Wir suchen jemanden, mit dem er Kontakt hatte. Komm schon!»
«Hör auf damit, Liebes», sagte Tillas Vater plötzlich, aber ganz ohne Schärfe in der Stimme. Er drehte sich zu seiner Tochter. Ein Augenblick der Stille.
«Der Mann», sagte Enno Flock, «Matthes, er wurde umgebracht. Aber das ist nicht der Punkt.»
«Was ist dann der Punkt, Paps?»
«Der Punkt ist, dass ich verstehe, was hier passiert. Ihr habt die Morde der Monningens aufgeklärt, du und dein Pfarrer. Jetzt ziehen die Monate ins Land, und alles ist wieder wie vorher. Bei dir. Bei uns allen.»
Tilla schwieg.
«Aber Matthes ist nicht dein nächster Fall. Du bist keine Ermittlerin.»
«Man muss doch nicht Ermittlerin sein, um …»
«Grundgütiger», entfuhr es Enno plötzlich, «ich werde ja zum Gespött der Küste, wenn meine eigene Tochter schon wieder alle Regeln bricht und Polizistin spielt. Und das, während sie noch immer in ihrem Kinderzimmer lebt!»
Getroffen sah Tilla ihren Vater an. Sie musste sich anstrengen, ihre Lippen nicht vor Wut zittern zu lassen.
«Hast du mal überlegt, dass ich vielleicht wegen Mama noch zu Hause bin?», sagte sie. Ihr Vater schnaubte.
«Hör doch auf, deine geplatzten Lebensträume auf deine Mutter zu schieben», rief er. «Du weigerst dich seit fünfzehn Jahren auszuziehen. Wie lange ist Mama krank?»
«Paps …»
«Wie lange, Tilla? Sag es mir!»
Tilla verschränkte trotzig die Arme vor dem Körper.
«Ein Jahr, sieben Monate und dreizehn Tage», flüsterte sie.
Enno sah sie überrascht an. Seine Schultern erschlafften. Stille. Helge Weingärtner kam auf sie zu, drehte jedoch wieder um, als er die erhitzten Gesichter von Tilla und ihrem Vater sah. Enno Flock atmete tief durch.
«Wir haben das im Griff», sagte er zu Tilla. «Die Kollegen vom Festland ermitteln. Du kannst dich entspannen.»
«Ich kann mich nie entspannen», wisperte sie. Auf der Promenade lachten Kinder. In den Wintertagen hatte es gefehlt, dieses Geräusch, und es würde wieder fehlen, wenn der Frühling vorbei war und der Sommer. Die warme Zeit würde sich wie ein viel zu schnell vergangener Augenblick anfühlen. Schweigsam legte sich die Insel dann zur Ruhe, die Hotels schlossen ihre Türen, die Straßen wurden leer, und es gäbe nichts, was Tilla von ihren Gedanken abhalten konnte.
Nur Hark.
Wenn er blieb.
«Geh nach Hause, Kind», sagte Enno. «Ins Café. Den Kurpark. Was auch immer man ohne Arbeit um diese Zeit macht.»
Ihr Vater ging, und Tilla Flock blieb allein zurück. Die Sturmwolken überspannten den eben noch so strahlenden Himmel von Horizont zu Horizont. Aus der Ferne starrte Tilla den alten Matthes an, der endlich an der Seeluft lag wie ein auf Holz gebetteter Embryo. Todesqualen hatten sein Gesicht gezeichnet. Sein Körper war spindeldürr.
Geh nach Hause, Kind.
Was auch immer man ohne Arbeit um diese Zeit macht.
«Nein», sagte Tilla zu niemandem, um einer Eingebung zu folgen und ihr angeschlagenes Handy aus der Tasche zu fischen. Sie musste mehrmals über den Bildschirm wischen, dann hatte sie die Kamera endlich geöffnet. Mit entschlossenen Schritten stapfte sie zum Absperrband. Der Kommissar vom Festland blickte auf.
«Hey», rief er, während Tilla sich hastig unter dem Band durchzwängte, zu den Überresten des Holzberges eilte und ihr Handy über das geschundene Gesicht des toten Obdachlosen hielt. Ein Foto machte sie, dann zwei und noch ein drittes, während der Kommissar auf sie zulief. Touristen guckten neugierig aus der Ferne zu.
«Lassen Sie das!», rief er, aber Tilla beachtete ihn kaum. Ungelenk stieg sie rückwärts über das Band, um sich umzudrehen und schneller und schneller zur Promenade zu eilen, und endlich lag wieder ein wacher Schimmer auf Tilla Flocks Gesicht.
«Hark!»
Hark wachte auf. Noch immer saß er auf der Bank, auf der er im Fieber eingenickt war. Er hatte geträumt. Wirr waren ihm die Bilder vorgekommen. Wie bunt aufblitzende Erinnerungen an eine bessere Zeit. Hark war ein fröhliches Kind gewesen. Ein zufriedener Student. Ein guter Pfarrer. Jetzt hingegen sah man die Ängste der letzten Jahre unter seinen Augen und die ewige Sorge vor dem Tod, die so unpassend und schmerzvoll war für einen Mann Gottes.
«Hark!»
Beim ersten Blinzeln erkannte Hark, dass es Tilla war, die neben ihm saß. Er wusste nicht, wie sie ihn gefunden hatte, aber es lag ein Funkeln in ihrem Blick. Hark kannte das Flackern in Tillas Augen und den rasend schnellen Atem, der nach purer Aufregung klang.
«Matthes wurde ermordet», rief sie. «Und er hatte Geld bei sich!»
«Okay», stammelte Hark, während er versuchte, Tillas Tempo zu halten. «Wer ist Matthes?»
Tilla verdrehte die Augen.
«Matthes war der einzige Obdachlose der Insel. Er wurde am Weststrand ermordet, und er hatte jede Menge Geld bei sich. Altes Geld. Deutsche Mark!»
«Genug, um mein Hotel für einen Monat zu bezahlen?», fragte Hark und reckte sich mit einem Gähnen. «Mirjana hat mir die Rechnung präsentiert. Ich müsste mein Haus verkaufen, wenn ich ein Haus hätte.»
«Hark Herforth, verdammt noch mal, wenn du jetzt nicht aufwachst, suche ich mir einen neuen geistlichen Beistand!»
Wieder blinzelte Hark. Jetzt war er da.
«Wie hast du mich gefunden?», fragte er und reckte den Hals mit einem Knacken.
Tilla strich sich die Haare nervös hinter die Ohren.
«Mirjana hat mir gesagt, dass du draußen bist. In deinem Zustand gehst du nicht in die Stadt. Oder zum Strand. Also war es die Bank. Unsere Bank.»
«Unsere Bank», antwortete Hark und setzte sich aufrecht hin. «Noch mal von vorne. Wer wurde ermordet?»
Tilla redete, und Hark hörte zu, bis er alles erfahren und zumindest einen Teil verstanden hatte. Noch immer fühlte er sich, als sollte er im Bett sein. Aber Hark war sich sicher, dass Tilla seine Krankheit längst vergessen hatte. Sie verbiss sich wie ein Kind in das, was sie faszinierte, mal für ein paar Tage, aber meist nur für ein paar Minuten.
«Ich wusste nicht, dass es hier Leute gibt, die auf der Straße leben», sagte Hark, während er aufstand.
«Nicht auf der Straße. In den Dünen. In einem Zelt.»
«Wer bringt einen Obdachlosen um?»
«Ein anderer Obdachloser. Statistisch gesehen.»
«Ich bin kein Mathematiker, aber ich denke, bei einem einzigen Obdachlosen im ganzen Umkreis wird das schwierig.»
«Wenn du weiterhin so knallhart kombinierst, kannst du bei der Mordkommission vom Festland einsteigen», antwortete Tilla. Gemeinsam mit Hark ging sie in Richtung Hotel. Über dem Meer donnerte es.
«Was macht man hier als Bettler?», fragte Hark.
«Matthes hat nicht gebettelt.»
«Aber woher hat er dann das Geld?»
«Weiß ich nicht», rief Tilla frustriert. «Ich weiß auch nicht, warum er die alten Banknoten nicht umgetauscht hat. Fünfzigtausend Mark lässt man doch nicht verrotten!»
