Mordinsel - Lilly Klaasen - E-Book

Mordinsel E-Book

Lilly Klaasen

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Beschreibung

Eigentlich ist Dr. Elke Marien nach Borkum gekommen, um die Dämonen ihrer Vergangenheit loszuwerden. Doch dann geschieht ein Mord, der alles auf den Kopf stellt. Eine alte Frau wird brutal zugerichtet in einem Strandkorb gefunden. Der Fall nimmt die Hamburger Gerichtsmedizinerin derart mit, dass sie zu ermitteln beginnt. Doch wie identifiziert man eine Tote, die sich seit vielen Jahren von der Gesellschaft abgekehrt hat? Schon bald wird klar, dass es nicht bei einer Toten bleiben wird - und dass der Fall kommunalpolitische Brisanz bekommt, als ein Flugzeug ins Meer stürzt. Auf den ersten Blick scheinen die Fälle nicht viel miteinander zu tun zu haben. Doch Elke kommt auf die Spur eines alten, nie gesühnten Verbrechens - und gerät bald selbst ins Visier des Killers ...

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Lilly Klaasen

MORDINSEL

Ostfrieslandkrimi

Originalausgabe 2018

Copyright © 2018, Corina Bomann, Lilly Klaasen, Potsdam

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – ausdrücklich nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben und verbreitet werden.

Titelabbildung:

Corina Bomann (Strandfoto)

Prolog

Die alte Frau zog die Jacke enger um ihren Körper, während sie zum Meereshorizont blickte, wo die letzten glutroten Reste des Tages in sich zusammenschrumpften. Noch war der Himmel klar, doch der Regen würde kommen. Wenn man wie sie seit mehr als zehn Jahren draußen lebte und jede Jahreszeit mitmachte, entwickelte man ein Gespür dafür, wann das Wetter umschlug. Nichts war schädlicher für einen menschlichen Körper, als den Elementen schutzlos ausgesetzt zu sein. Die Straße fraß einen auf.

Im Sommer ging es, da war es meist warm und selbst der Regen eher eine laue Dusche. Im Winter jedoch schnitt ihr die Luft mit frostiger Klinge ins Gesicht und die Schneeflocken stachen wie Nadeln. Innerhalb weniger Augenblicke wurden die Gelenke steif, Schlaf im Freien konnte tödlich sein. Erst letzten Winter hatte es einen ihrer Bekannten erwischt. Leise hatte ihn der Frost umgebracht.

Sie hatte sich Vorwürfe gemacht, dass sie ihn nicht dazu überreden konnte, eine Unterkunft aufzusuchen oder wenigstens in der Bahnhofshalle zu bleiben. Doch Schuld zählte in ihrer Welt nicht viel.

Vor fünfzehn Jahren hatte sie einer anderen Welt den Rücken gekehrt – der zivilisierten Welt, die es ihr unmöglich gemacht hatte, weiterzumachen wie bisher. Sie war eine Weile umhergezogen, hatte versucht, sich durchzuschlagen, um festzustellen, dass es doch keinen anderen Ort für sie gab als diesen. Seitdem lief sie Tag für Tag den Badestrand ab, auf der Suche nach etwas, das sie zu Geld machen konnte. Es war erstaunlich, was die Leute alles wegwarfen. Besonders Pfandflaschen. Für sie mochten es nur wenige Cents sein, doch für die Alte war es ein Vermögen. Es war die Hoffnung auf einen neuen Tag. Hoffnung darauf, Vergebung zu finden.

Niemand hier wusste mehr, wer sie war. Selbst Bekannte von damals gingen an ihr vorbei, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Niemand schaute genauer hin. Sie war für eine Weile von der Bildfläche verschwunden gewesen, und als sie zurückkehrte, gab es sie für die Leute nicht mehr. Ihr Name war getilgt oder durch einen anderen ersetzt worden. Das hatte mit der Veränderung zu tun, die sie durchgemacht hatte – und auch damit, dass die Menschen vergesslich waren. Das Leben rotierte so schnell wie ein Kreisel, Konturen verschwammen und Details traten in den Hintergrund. Der Kreisel drehte sich undeutlich vor den Augen seiner Betrachter – bis er fiel.

Eines Tages würde ihnen wieder klar werden, wer sie war. Geheimnisse hatten den Nachteil, dass man sie nicht ewig schützen konnte. Der Tod löste alles auf, auch das, was im Verborgenen lauerte.

Seufzend wandte sich die Frau von dem Anblick des heraufziehenden Unwetters ab. Zu viele Gedanken. Es war eigentlich nicht ihre Art, sich lange mit der Vergangenheit abzugeben, denn das waren alles nur Schemen, die übrig geblieben und nutzlos waren. Sie lebte von einem Tag zum anderen, froh darüber, morgens aufzuwachen.

Und jetzt war sie hier, um wie immer Flaschen zu sammeln. Dass es ein guter Abend werden würde, spürte sie. Auch wenn sie für die meisten Leute unsichtbar war, hatte sie doch mitbekommen, wie voll der Strand war. Dicht an dicht, wie die Kegelrobben auf einer Robbenbank hatten sie im Sand gelegen, verschwitzt und glänzend vor Sonnencreme. Ihre Hinterlassenschaften ließen sie einfach im Sand. Sie zog eine zerknitterte Plastiktüte hervor, denn vor sich sah sie bereits die erste Flasche. Dann eine zweite. Ihr Verstand leerte sich, jetzt wurde sie zur Jägerin. Eine dritte und eine vierte Flasche. Noch ein paar mehr und sie würde sich was Warmes zu essen holen können. Da, der ausgehöhlte Panzer einer Krabbe. Angewidert zog sie die Hand weg, doch als hätte sie Nachtsichtaugen wie eine Katze, sah sie auch schon den nächsten Flaschenhals.

Den Mann zwischen den Strandkörben, der sie seit geraumer Zeit beobachtete, bemerkte sie nicht.

Er wusste, dass es nicht leicht werden würde. Zeit und Gelegenheit zum Üben gab es nicht. Und wie sollte man schon einen Mord üben?

In seiner Unterkunft hatte er das Messer in seiner Hand gewogen, als könnte er so herausfinden, wie es ging. Es gab viele andere Wege, aber in diesem Fall hatte er sich für die Klinge entschieden. Es erschien ihm passend. Doch wie fühlte es sich an, wenn man das Messer ins Fleisch stieß?

Als würde man eine Gans tranchieren?

Doch seine Einsicht hielt: Es gab Dinge, die konnte man nicht üben. Man musste aus der Erfahrung lernen.

Er erinnerte sich an das Interview mit einem Mann, der wegen des Mordes an acht Frauen verurteilt worden war. »Es wird leichter«, hatte er dem Journalisten gestanden. »Beim ersten Mal ist es eine furchtbare Sauerei und man hat das Gefühl, dass das dumme Ding einfach nicht sterben will. Doch dann weiß man, wohin man stechen muss, und es wird leichter. Wenn man es hinauszögert, dann nur, weil es Spaß macht.«

Ein Schauer glitt über seinen schweißnassen Rücken. Hatte der Serienkiller Recht gehabt? Wäre es vielleicht eine gute Idee gewesen, ihn zu fragen?

Nein, es war besser, dass niemand wusste, was er hier tat. Noch nicht. Natürlich würden sie kommen. Er fürchtete sich nicht davor. Doch er hatte Angst, dass er sein Vorhaben nicht beenden könnte.

Es hatte ihn eine Weile gekostet, sein Opfer ausfindig zu machen.

Manche Menschen änderten nie ihren Wohnort, sie erstarrten in einem Leben, für das sie sich irgendwann entschieden hatten. Doch die alte Frau war nach dem Vorfall von der Bildfläche verschwunden. Sie wusste, was sie getan hatte. Ihre Tat hatte sie zerbrochen. Das reichte ihm allerdings nicht. Sie sollte bezahlen. Also hatte er sich die Nächte um die Ohren geschlagen und gesucht.

Als er plötzlich Erfolg hatte, konnte er es nicht glauben. Es war ein Zeichen gewesen. Eigentlich war er auf die Insel gekommen, um nach jemandem zu suchen, von dem er sicher wusste, dass er sich hier aufhielt. Dann sah er sie, und wusste, mit ihr würde es beginnen.

Seit dem ersten Zusammentreffen hatte er sich auf die Lauer gelegt, sie beobachtet und herausgefunden, dass sie jede Nacht hierher kam, um Flaschen zu sammeln. Ein lukratives Geschäft zur Urlaubszeit, wo die Leute sogar zu faul waren, ihre Pfandflaschen wieder mitzunehmen.

Für einen Moment hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sie mit den Flaschen zu sich zu führen. Eine Brosamenspur in den Tod.

In den Tagen zuvor war bis spät abends immer was los gewesen. Pärchen, die am Strand auf und ab gingen, späte Wanderer, die beobachten wollten, wie das Meer zurückkehrte. Doch heute war der richtige Zeitpunkt gekommen.

Niemand war außer ihnen hier. Aus der Ferne tönte Lärm aus dem Strandpavillon – Tanzabend. Kurgäste und Urlauber bewegten sich zu Musik, die sie sonst nicht hörten. Aber es gehörte dazu, mitzumachen.

Tief atmete er die salzige Luft ein und ließ die Hand in die Tasche gleiten. Er war bereit.

Der Sand verschluckte seine Schritte, als er sich ihr näherte. Doch ohnehin war sie dermaßen mit dem Sammeln ihrer Schätze beschäftigt, dass sie nichts hinter sich bemerkte.

Leise wie der Nebel tauchte er hinter ihr auf.

Die Frau bückte sich gerade nach einer Bierflasche, die halb unter dem Sand vergraben war. Als sie sich aufrichtete, legte sich seine Hand blitzschnell auf ihren Mund.

Gnädiger Tod oder nicht gnädiger Tod, ging es ihm durch den Sinn. Ich könnte sie mit dem Wissen sterben lassen, dass das, was vor Jahren geschehen war, nicht ungesühnt bleibt.

Doch es war sein erstes Mal. Er musste Erfahrungen sammeln, sich darauf konzentrieren, wie ein sterbender Körper reagiere.

Also stieß er zu.

Die Klinge teilte das welke Fleisch mit überraschender Leichtigkeit, schabte kurz über die Rippen und fand dann ihr Ziel. Unter seiner Hand schnappte die Frau noch einmal nach Luft, dann zuckte ihr Körper zusammen. Das Herz wehrte sich gegen den Fremdkörper, der ein Loch in seine Wände riss und das Blut herausströmen ließ. Doch dann blieb es stehen und der Körper in seinem Griff erschlaffte.

Angewidert zog er das Messer wieder heraus. Die Frau brach zusammen. Gern hätte er gesehen, wie sich das Blut auf ihren Kleidern ausbreitete, wie der Fleck aufblühte wie roter Mohn. Doch aus dem letzten Glutrot war ein fahles Leuchten am Horizont geworden. Die Wolken hatten sich ausgebreitet. Vielleicht gab es heute Abend sogar ein Gewitter.

Er musste sie fortschaffen zu dem Versteck, das er schon seit einiger Zeit ausgesucht hatte.

Natürlich wollte er, dass sie gefunden wurde, doch innerhalb einer wohldosierten Zeitspanne, die ihm die Möglichkeit gab, Vorkehrungen für weitere Opfer zu treffen.

1. Kapitel

Langsam schob sich der Zug auf den kleinen Inselbahnhof zu. Die Dampfpfeife echote laut über die Straße und vertrieb ein paar Radfahrer von den Gleisen. Mit einem harten Ruck kam die Lok schließlich am Bahnsteig zum Stehen.

Elke Marien erwachte aus ihrer Lethargie, zog den Griff aus ihrem Rollkoffer und erhob sich. Die beiden älteren Ehepaare auf der gegenüberliegenden Seite des Waggons machten sich daran, das Gepäck von der Ablage zu heben. Die ganze Zeit über hatten sie sich über ihre Enkel unterhalten, doch glücklicherweise war der Fahrtlärm groß genug gewesen, um ihre Stimmen auszublenden.

Elke hatte es vorgezogen, stumm die wilden Rosenbüsche anzustarren, die die Bahngleise säumten und jetzt in voller Blüte standen. Obwohl zwischendurch immer mal wieder Giebel von Wohnhäusern und Ferienpensionen aufgetaucht waren, hatte sie das Gefühl der Abgeschiedenheit und Einsamkeit fast körperlich gespürt.

Hier war sie weit weg von allem – aber auch von ihrer Vergangenheit?

Elke stieg die enge Treppe des Waggons herunter und blickte auf das rote Backsteingebäude mit dem blaugestrichenen Vordach. BORKUM stand in dicken Lettern über der Tür. Ein paar Möwen, kreisten über dem Dach; eine Gruppe von Schülern wartete am gegenüberliegenden Bahnsteig auf den Zug in Richtung Hafen. Die Kinder waren vielleicht neun oder zehn Jahre alt, wohl auf Ferienfahrt.

Eines der Mädchen zog ihren Blick magisch an. Sie hatte blondes Haar wie Elke selbst und trug eine pinkfarbene Strickjacke über ihrer Jeans. Die Hände lagen locker auf dem Griff ihres Rollkoffers.

Elke erstarrte. Schlagartig musste sie an ein anderes Mädchen denken, das im gleichen Alter gewesen war. Auch auf Ferienfahrt. Sie hatte versucht, es zu retten, doch dabei kläglich versagt. Ihre letzte Reise war eine Reise in den Tod gewesen.

Panik überfiel Elke wie eine Raubkatze, die sich in ihre Seele krallte. Kalter Schweiß überzog ihre Haut und ihr Magen zog sich zusammen. Ihr Herz raste. In ein paar Augenblicken würde ein Schwindelanfall folgen. Zitternd schloss Elke die Augen und konzentrierte sich auf ihre Atmung, bis das Geräusch eines einfahrenden Zuges ertönte. Du kannst nicht vor allen Leuten zusammenbrechen, versuchte sie sich einzuhämmern, während ihre Hand fahrig nach den SOS-Pastillen suchte, die sie für solche Fälle in der Tasche hatte. Den Deckel zu öffnen fiel ihr schwer, doch schließlich spürte sie den süßen Geschmack auf der Zunge. Sie wusste, dass es nicht viel mehr als ein Placebo war, aber die Beschäftigung ihres Mundes lenkte ihren Geist ein wenig ab.

Komm schon, sagte sie sich ungeduldig, während ihr Herz weiter raste. Krieg dich wieder ein.

Das Kreischen einer Dampfpfeife klang furchtbar verzerrt in ihren Ohren – doch es holte sie in die Wirklichkeit zurück. Alarmiert öffnete sie die Augen. Im nächsten Augenblick schob sich der Zug, auf den die Schulklasse gewartet hatte, in ihr Sichtfeld. Das blonde Mädchen verschwand hinter buntgestrichenen Waggons.

Der Anfall zog sich zurück. Elke spürte, wie sich ihr Herzschlag wieder normalisierte und ihre Haut wieder warm wurde. Sie atmete tief durch und überquerte dann rasch den Bahnsteig.

Ihr Hotel war nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Vom Meer her wehte eine steife Brise, die Wolken ballten sich über den Hausdächern. Nicht gerade das beste Wetter für einen Urlaub.

Es wunderte sie noch immer, dass eine Last-Minute-Buchung in der Hauptsaison möglich gewesen war. Sie rechnete mit dem Schlimmsten. Während ihrer Dienstreisen hatte sie in einigen furchtbaren Absteigen gehaust und war froh gewesen, wieder nach Hause zu können.

Das Seasons-Hotel entpuppte sich allerdings als modernes Drei-Sterne-Haus, das zumindest von außen ganz vernünftig wirkte. Möglicherweise hatte sie einfach nur Glück gehabt.

Auch die Lobby machte einen sehr gediegenen Eindruck. In die rote Auslegeware, die Spuren von Sand aufwies, war das Logo des Hotels eingewebt; am Anmeldetresen blitzte Messing auf rotem Granit. Die junge Frau dahinter hatte ihr dunkelblondes Haar zu einem Zopf zusammengebunden, in ihrer Uniform wirkte sie eher wie eine Stewardess als ein typisches ostfriesisches Mädchen.

»Moin«, grüßte sie mit einem Lächeln. »Was kann ich für Sie tun?«

Elke grüßte zurück, checkte ein und begab sich dann zum Fahrstuhl, neben dem ein prall gefüllter Halter mit Broschüren stand. Die Urlaubsaktivitäten interessierten Elke aber im Moment nicht. Sie wollte einfach nur unter die Dusche, um die Reise und die vergangene Panikattacke abzuspülen.

Ihr Zimmer lang am Ende eines etwas verwinkelten Ganges und trug den Namen irgendeines Seefahrers. Dieses Detail hätte sie zum Schmunzeln bringen können, doch mittlerweile lagen etliche Stunden Zugfahrt mit Verspätungen und anderthalb Stunden auf dem Katamaran hinter ihr. Und dann noch die zuckelnde Inselbahn. Jetzt wollte sie nur noch ausruhen.

Sie stellte den Koffer auf die Ablage und schälte sich aus ihrer Jacke. Meerblick konnte man das, was sie sah, nicht gerade nennen. Aber das hatte so auch nicht in der Beschreibung gestanden. Aus den Fenstern ihres Zimmers blickte sie auf den Innenhof mit einem blau leuchtenden Swimmingpool. Obwohl keine Sonne schien, lag ein Mann in royalblauer Badehose auf einer Liege und tat so, als wäre er in Acapulco.

Als ihr Handy klingelte, ging sie ran.

»Marien.«

»He, Süße. Hier ist Anna«, tönte die Stimme ihrer besten Freundin aus dem Hörer. »Bist du schon auf Borkum angekommen?«

»Eben gerade.«

»Und, wie war die Reise? Bist du auf der Fähre seekrank geworden?«

Anna wusste, dass sie Reisen auf Schiffen nicht gerade schätzte. Elkes persönlicher Albtraum waren zwei Wochen auf einem Schiff bei unruhiger See und mit nervigen Leuten, denen man nicht entkommen konnte. Der Katamaran hatte immerhin ein festes Ziel und es war sicher, dass man seine Mitreisenden wieder loswurde.

»Nein, es ging. Wie du weißt, sind eher die Menschen mein Problem und nicht so sehr das Schiff und das Meer.«

Anna schwieg. Wie kaum ein anderer Mensch war sie mit Elkes Geschichte vertraut. Sie kannte die Höhen und die Tiefen. Und das schwarze Loch, in das sie nach dem Vorfall gestürzt war. Sie wusste von den Panikattacken, wusste, wie elend sich Elke manchmal fühlte.

»Du hättest fliegen können. Borkum hat doch einen Inselflughafen, soweit ich weiß.«

»Das stimmt, daran hatte ich auch schon gedacht. Aber du kennst ja auch meine Abneigung gegen das Fliegen – zumal man in einer winzigen Maschine sitzt, in der man wahrscheinlich das Gefühl hat, sich mit den Knien die Ohren zuhalten zu müssen.«

»Jetzt übertreibst du aber!«

»Vielleicht«, gab Elke zurück, während sie zu ihrem Rollkoffer ging und den Reißverschluss öffnete. »Fakt ist, ich bin hier und für die nächsten beiden Wochen wird sich daran auch nichts ändern.«

»Ist dein Hotel wenigstens gut? Und isst du ein paar Pfannkuchen für mich mit?«

Obwohl Elke eher spontan in den Urlaub geschickt worden war, hatte es ihre Freundin Anna fertiggebracht, sich über alle Eigenheiten der Insel zu informieren. Das kulinarische Angebot war da nicht ausgenommen.

»Pass auf dich auf, hörst du?«, sagte sie aus heiterem Himmel.

Elke hätte jetzt fragen können, wie sie das meinte – doch sie wusste es.

»Keine Sorge, ich gehe nicht ins Wasser. Alles, was ich will, ist ein wenig Abstand bekommen. Wieder klar sehen. Ich weiß, dass die Attacken davon nicht weggehen. Vielleicht finde ich hier oben einen Seelenklempner, der mich mal nicht vier Monate warten lässt. Aber du kannst sicher sein, aus freiem Willen scheide ich nicht aus dem Leben.«

»Das ist gut zu hören«, entgegnete Anna mit belegter Stimme. »Du weißt, dass du mir wichtig bist, okay?«

»Das weiß ich, Anna«, gab Elke zurück.

Nach dem Vorfall hatte sie wirklich für einen Moment lang daran gedacht, sich umzubringen. Sie war auf das Dach des Krankenhauses geklettert, dorthin, wohin eigentlich niemand gelassen wurde. Doch sie hatte einen Kittel getragen und niemand hatte sich ihr in den Weg gestellt. Sie hätte nur springen müssen.

Doch sie hatte es sich anders überlegt. Vielleicht war einer der Gründe Anna gewesen. Ganz sicher aber war es das verlorene Kind, dem sie Gerechtigkeit verschaffen musste.

»Ich melde mich wieder«, fuhr Elke fort und zwang sich, ein wenig fröhlicher zu klingen. Sie wusste, dass Anna ihr das nicht abkaufte. Aber ihre Freundin war auch klug genug, um sie nach der langen Fahrt nicht stundenlang an der Strippe zu halten. »Bereite dich schon mal auf Urlaubsfotos vor.«

»Du weißt ja, ich bin neugierig!«, gab Anna zurück und verabschiedete sich dann.

Elke legte auf und blickte nach unten. Der Mann war verschwunden. Offenbar hatte er bemerkt, dass das hier nicht Acapulco war. Vielleicht war es ihm auch zu dunkel. Der Abend schlich sich langsam an die Insel an und schon bald würde der Leuchtturm seinen Lichtkegel über die Häuser schicken.

2. Kapitel

Das rothaarige Mädchen lehnte mit laszivem Blick im Türrahmen und schwenkte ihren Büstenhalter um den Finger.

Ihre Brüste waren operativ vergrößert, das erkannte Hannes Wehemeier auf den ersten Blick. Keine, die im Gesicht aussah wie eine Vierzehnjährige, hatte von Natur aus solche Titten. Doch es störte ihn nicht. Wenn er eine Prostituierte zu sich bestellte, dann wollte er keinen Menschen, sondern ein Produkt. Dieses Produkt da vor ihm war genau passend für seinen Trieb. Sie war vielleicht achtzehn oder neunzehn, wirkte aber bis auf die Brüste noch sehr kindlich.

Und sie schaffte es, dass sich endlich wieder etwas in seiner Hose regte.

Die Arbeit, seine Familie, eine Ehefrau, die in die Breite gegangen war - ihnen gab er die Schuld, dass sein Schwanz nicht mehr so stand wie früher. Die Nähe zur Arbeit und vor allem zu seiner Frau waren Gift für seine Libido.

Außerdem musste er vorsichtig sein. Seine besonderen Neigungen konnten ihm leicht zum Verhängnis werden. Vor einigen Jahren wäre er beinahe aufgeflogen – seitdem war er dazu übergegangen, seine Lust anders zu befriedigen.

Auf Dienstreisen war das besonders leicht. Wenn er seine Besprechungen hinter sich gelassen hatte, war er ein freier Mann. Niemand kannte ihn hier. Niemand wusste, dass er eine Frau und Kinder hatte, dass seine älteste Tochter gerade mitten in der Pubertät steckte und davon träumte, sich jeden Zentimeter ihres Körpers tätowieren und piercen zu lassen. Hier war er nicht der erfolgreiche Unternehmer – obwohl er wusste, welche Wirkung sein Anzug auf Frauen hatte. Hier war er einfach ein Fremder, der genug Geld hatte, um sich jede Frau leisten zu können, die er wollte.

Und er wollte wirklich nicht jede. Jugend war das Stichwort. Sie musste etwas Unschuldiges haben, etwas Kindliches. Er musste das Gefühl haben, dass er ihr jederzeit die Knochen brechen konnte, wenn er das wollte.

Früher hatte er es noch darauf angelegt, irgendeine kleine Praktikantin so zu beeindrucken, dass sie ihm ins Hotel folgte. Mittlerweile war ihm das zu mühsam. Er ging ins Bordell und kaufte sich eine Frau – dabei war es ihm egal, ob sie seine Sprache sprach oder ob ihre Augen leer wirkten. Der Körper war alles, was er wollte. Den Körper eines Kindes, gepaart mit den Vorzügen einer Frau.

Und dieser Körper wurde ihm von dieser Rothaarigen so ungemein gekonnt dargeboten. Er hatte den Fernseher laufen, auf Radiosender, damit sie ein wenig Musik hatten. Wehemeier wollte nicht, dass jemand mitbekam, dass er es der Nutte besorgte. In Hotelzimmern gab es immer einen Raum, in dem es die Leute hemmungslos trieben. Doch obwohl er nicht fürchten musste, dass seine Frau etwas erfuhr, wollte er nicht, dass andere es hörten und sich dazu einen runterholten.

Noch trug er seine Hose, aber er spürte die Erektion bereits deutlich. Und das ganz ohne die Mittelchen, die seine Kollegen hinter vorgehaltener Hand anpriesen.

»Komm her, Baby«, raunte er.

Das Mädchen gehorchte. Mit elegantem Hüftschwung näherte sie sich und kroch wie eine kleine Wildkatze aufs Bett. Ihre Brüste bewegten sich dabei kaum, aber er war noch nie ein Freund von baumelnden Hängetitten gewesen.

Er ließ seine Hände über ihre gepiercten Brustwarzen gleiten und dachte kurz an seine Tochter. Doch den Gedanken schob er schnell beiseite, ehe er ihm noch den Ständer versaute. Das Mädchen machte sich an seiner Hose zu schaffen. Mit geschmeidigen Handbewegungen löste sie seinen Gürtel und öffnete seinen Hosenstall. Beinahe augenblicklich erhob sich sein Schwanz vor ihrem Gesicht.

Er hatte das Komplettpaket gebucht, Französisch mit Fick.

Kurz durchzuckte es Wehemeier, wie viel er der kleinen Nutte zahlen musste, damit sie es ihm ohne Gummi besorgte. Doch da hatte sie das kleine Tütchen schon in der Hand. Und er hatte keine Lust, sich jetzt auf eine Diskussion einzulassen. Gekonnt streifte sie ihm das Gummi über und stülpte dann ihre Lippen über seinen Schwanz.

Wehemeier stöhnte auf. Ja, so mochte er es. Das Mädchen mochte nicht viel reden, aber sie wusste anderweitig mit ihrer Zunge umzugehen. Das reichte ihm schon. Er griff ihr ins Haar und zeigte ihr, in welcher Geschwindigkeit er es mochte.

Als er kam, drückte er den Kopf es Mädchens so lange an sich, bis sie begann, protestierend gegen seine Hüften zu trommeln. Sofort ließ er sie wieder los, denn er wollte ja keinen Ärger. Und er wollte auch nicht, dass ihm der zweite Teil entging.

Er streichelte das Mädchen beruhigend und erhob sich dann.

Das Komplettpaket enthielt einen Blowjob und einen gewöhnlichen Fick. Dabei war nicht gesagt, wie dieser Fick aussehen würde.

»Warte hier, ich bin gleich wieder da«, sagte er zu ihr. Das Mädchen nickte. Von der gesprächigen Sorte war sie nicht, was daran lag, dass sie nur wenig deutsch verstand. Es reichte, um Freier anzulocken und mit ihnen die Preisverhandlungen zu führen. Alles andere war für ihren Job nicht von Bedeutung.

Wehemeier ging in den vorderen Bereich seiner Suite, der wie ein Wohnzimmer eingerichtet war und wo sein Koffer stand. Diesen Teil seines Gepäcks packte er nur aus, wenn er es brauchte, denn er wusste, dass es beim Personal zu Verwirrungen führen würde, wenn er es offen aufbewahrte.

Natürlich waren seit »Shades of Grey« Handschellen kein großes Problem mehr, dennoch reagierten Zimmermädchen hin und wieder etwas irritiert, wenn sie sie auf dem Nachttisch liegen sagen. Wahrscheinlich steckten ihnen die Geschichten von dem französischen Manager in den Knochen, der eine Hotelbedienstete sexuell genötigt und in einen Schrank gesperrt hatte.

Die Nutte nebenan würde nichts dabei finden, wenn er sie fesselte. Das gehörte zum Paket dazu.

Als er seinem Koffer zustrebte, bemerkte er, dass das Balkonfenster offen stand. Hatte er es offen stehen lassen? Der Rausch des Orgasmus benebelte offenbar noch immer ein wenig seinen Verstand, dass er es nicht bemerkte.

Da schoss plötzlich eine Hand aus dem Dunkel und drückte ihm den Lappen aufs Gesicht.

Wehemeier versuchte noch, sich zu wehren, doch die Gestalt hatte einen günstigen Zeitpunkt abgepasst. Es gab keinen Stuhl, gegen den er treten, keinen Schrank, an dem er sich festhalten konnte. Der Teppichboden dämpfte sein Trampeln. Der Fernseher übertönte sein Stöhnen. Kräftige Arme fingen seinen erschlaffenden Körper auf.

Und das Mädchen, das dort gerade ihr Handy checkte, bemerkte nicht, dass ihr der Freier entzogen wurde, bevor er bezahlen konnte.

Der Gang war vollkommen leer, als der Mann mit seinem Opfer das Zimmer verließ. Der Kerl war wesentlich schwerer als die alte Flaschensammlerin, doch das hatte er gewusst und entsprechende Vorkehrungen getroffen. Direkt neben der Tür hatte er den Wäschewagen geparkt, der eigentlich erst am Morgen zum Einsatz kam. Da um diese Uhrzeit im Hotel kaum etwas los war, wunderte sich niemand darüber.

Er ließ den Bewusstlosen in den Wagen fallen und deckte einige Handtücher darüber. Dann schob er das Gefährt in Richtung Fahrstuhl.

Die Gepflogenheiten des Hotels zu überprüfen hatte ebenfalls zu seiner Vorbereitung gehört. So wusste er, dass gegen zwei Uhr morgens der Nachtportier zu einer kleinen Runde durch die Gänge aufbrach, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war.

Der Mann blickte auf seine Armbanduhr. Er musste sich beeilen. Nicht nur, weil sein Opfer wieder wach werden würde. Die Zeiger seiner Uhr standen auf Viertel vor zwei.

Dummerweise hatte sich Wehemeier stundenlang in der Stadt herumgetrieben. Zunächst war er bei einem Geschäftsessen, dann in einem Nachtclub. Es hätte einige Möglichkeiten gegeben, ihn zu greifen, doch er wollte kein Risiko eingehen. Draußen war immer jemand, der etwas sah – der Besoffene, der in eine Ecke kotzte oder pinkelte, die Nutte, die gelangweilt wirkte oder der Verlorene, der sich durch die Nacht treiben ließ.

Ein großes Glück war, dass sich Wehemeier für ein ganz bestimmtes Hotel entschieden hatte. Es gehörte zu einer Kette, die dafür bekannt war, unter ihren Gebäuden eine Tiefgarage zu haben, die es den Gästen ermöglichte, von ihrem Parkplatz aufs Zimmer zu gelangen, ohne dass sie von irgendwem gesehen wurden.

Dass Wehemeier eine Prostituierte mit auf sein Zimmer genommen hatte, hatte die Sache allerdings erschwert. Wäre er allein gewesen, hätte er einfach an seiner Tür geklingelt, unter dem Vorwand, eine wichtige Nachricht für ihn zu haben. Er hätte ihm das Tuch aufs Gesicht gedrückt und ihn dann mit sich gezogen. Doch die Geräusche wären für das Mädchen zu auffällig gewesen. Also hatte er es über den Balkon versucht. Seine Trainingsstunden beim Freeclimbing waren ihm dabei zugute gekommen.

Und auch Wehemeiers Leichtsinn. Egal aus welchem Grund, er hatte die Balkontür offen gelassen. Und nicht gewusst, dass er ihm zugehört hatte, wie er sich von der Nutte einen blasen ließ.

Im Fahrstuhl angekommen drückte er die Taste für die Tiefgarage und starrte dann fast schon beschwörend auf die Nummern. Für den Fall, dass jemand einsteigen wollte, würde er sich die Maske vom Gesicht reißen und dann so tun, als würde er in dem Wäschewagen etwas suchen.

Doch der Fahrstuhl fuhr ohne Unterbrechung nach unten. Als die Türen sanft aufglitten und das Summen der Kompressoren an sein Ohr drang, wusste er, dass dieser Teil seines Plans geglückt war.

3. Kapitel

Am nächsten Morgen machte sich Elke in aller Frühe auf den Weg zum Strand. Die Luft roch nach Seetang und nassem Sand, war frisch und scharf. Hochseeklima nannte das die Tourismuszentrale, Reizklima sagten andere dazu.

In der Rechtsmedizischen Abteilung des UKE hatte sie einen Kollegen, der unter Asthma litt und immer wieder von seinem Arzt Urlaube im Reizklima verschrieben bekam. Auf diese Weise hatte er schon alle Ost- und Nordseebäder kennengelernt – nur um bei der Rückkehr nach Hause dieselben Symptome zu haben wie vorher.

Elke war froh über die beißende Luft, denn sie klärte ihren Verstand. In der vergangenen Nacht hatte sie kaum geschlafen und war mit Kopfschmerzen aufgewacht. Offenbar musste sich ihr Körper erst mal an das Klima gewöhnen. Die zwei Tassen starken Kaffees, die sie zum Frühstück gehabt hatte, schafften es, einen Teil ihrer Müdigkeit zu vertreiben, den anderen Teil, hoffte sie, nahm der Seewind mit.

Schwer und grau hingen die Wolken über der Nordsee. Bis auf ein paar Jogger waren noch nicht viele Leute unterwegs; die Strandkörbe reihten sich im Sand auf und waren größtenteils verschlossen.

Das Rauschen des Meeres dröhnte in ihren Ohren und vertrieb die letzten Reste der Müdigkeit. Die Luft war schneidend und feucht. Regen kündigte sich an. Doch das störte sie nicht. Der blaue Windbreaker schirmte ihre Haut gut gegen die Kühle ab. Gegen den Frost in ihrem Innern war ohnehin kein Kraut gewachsen.

Ihr Vorgesetzter in der Gerichtsmedizin hatte gemeint, dass der Urlaub ihr guttun würde. Elke war nicht davon überzeugt, doch was Professor Klausen sagte, war Gesetz. Einer Mitarbeiterin, die immer wieder von Panikattacken heimgesucht wurde, konnte er keine wichtigen Aufträge überlassen. Sie konnte froh sein, dass er sie nur in den Urlaub schickte und sie nicht entließ.

Elke kniff die Augen zusammen. Sie hätte es wissen müssen. Hier war sie weit davon entfernt, sich zu erholen. Einsamkeit war nicht die Lösung für ihre Probleme. Im Gegenteil, sie befürchtete, dass sie sie verstärken würden. Wie ein Tinnitus, der lauter wurde, wenn man sich in einem stillen Raum aufhielt. Die Panikattacke gestern Nachmittag war jedenfalls typisch gewesen.

Vielleicht hätte sie sich besser ein paar Runden bei einem Psychiater gönnen sollen. Oder einen Aufenthalt in einer Klinik. Ob es auf Borkum auch Kliniken für Psychiatrie gab?

Viele ihrer Kollegen hatten sie so angesehen, als würde sie genau das brauchen, wenn sie zusammengesunken in der Umkleide gesessen hatte, unfähig, sich die Handschuhe überzustreifen oder auch nur das Skalpell anzurühren.

Aber nun war sie hier. In einem Hotel, nicht in einer Klinik. Allein mit ihren Problemen und dem Gefühl, nutzlos zu sein.

Kinderstimmen brachten sie dazu, zur Seite zu blicken. Unweit von ihr hatten zwei kleine Jungen ein Loch in den Sand gebuddelt und mit Wasser gefüllt. Der Zweck dieses Bassins erschloss sich ihr erst, als sie einen der kleinen Kerle mit einer Krabbe ankommen sah. Sie wollten die Tiere dort sammeln – ohne daran zu denken, dass sie den Möwen, die hungrig über dem Strand kreisten, schutzlos ausgesetzt sein würden, da es keine Steine gab, unter die sie verschwinden konnten.

Obwohl sie das Spiel barbarisch fand, näherte sich Elke. Sie wollte wissen, was das für Krabben waren. Als Kind hatte sie bei Urlauben an der Nordsee immer die Steine in Meeresnähe angehoben, um zu sehen, ob sich darunter eines von diesen Krabbeltieren befand. Damals hatte sie die Scheren eines der Tiere zu spüren bekommen und war erstaunt gewesen, wie viel Kraft in ihnen gesteckt hatte. Seitdem wusste sie, dass man Krabben umdrehen musste, wenn man nicht von ihnen gezwickt werden wollte.

Ein markerschütternder Schrei riss sie aus ihrer Betrachtung. Alarmiert wirbelte sie herum. Die Kinder, die die Krabben in ihrem Buddelloch gefangen hielten, sprangen auf und starrten in Richtung der Strandkörbe.

Als die Frauenstimme erneut losgellte, erkannte Elke, dass das Unheil genau dort lauerte.

War das die Mutter der Kleinen? Nein, das war unwahrscheinlich, denn die Jungen gingen nun wieder zu ihrem Spiel über. Elke rannte los.

Zwischen Körben und Strandzelten, die wie ein halbhoher Wald aus Holz und buntem Segeltuch wirkten, konnte sie zunächst nichts erkennen. Doch die Stimme, die jetzt laut um Hilfe rief, leitete sie.

Vor einem Strandkorb mit blau-weiß-gestreiftem Dach entdeckte sie eine junge Frau, die die Hände vors Gesicht presste. Ihre Korbtasche war zu Boden gefallen, ein Taschenbuch mit dem Titel »Ich bin wie ich bin – Ein Ratgeber fürs Leben« lag im Sand.

Als Elke sich dem Innern des Korbes zuwandte, war es, als würde ihr jemand einen Schlag in die Magengrube verpassen.

Die Leiche, die offenbar von jemandem dort hineingepresst wurde, befand sich in Hockstellung. Blut war auf die Polster geflossen und eingetrocknet. Das Gesicht der Person, die offenbar eine Frau war, lag eingedrückt zwischen ihren Knien. Elke war weit davon entfernt, Übelkeit zu verspüren. In den vergangenen fünfzehn Jahren waren ihr in der Rechtsmedizin noch schrecklichere Dinge untergekommen.

Reflexartig zog Elke ihr Handy hervor und wählte den Notruf. Der Mann am anderen Ende der Leitung schien sie zunächst nicht richtig zu verstehen, doch dann versprach er ihr, den zuständigen Beamten zu benachrichtigen.

Eine Weile betrachtete sie die Frau wie erstarrt, dann wandte sie sich dem schluchzenden Bündel zu, das an der Rückwand des gegenüberliegenden Strandkorbes kauerte. Die Frau war vielleicht zwanzig oder zweiundzwanzig und ziemlich mager. Wahrscheinlich war ihr eine Kur verschrieben worden. Sie trug Jeans, einen Windbreaker und dem Buch nach zu urteilen hatte sie wohl vorgehabt, im Schutz des Strandkorbes zu lesen. Solches Pech, dass der Korb von einer Leiche besetzt war, musste man erst mal haben.

Sie ging zu der jungen Frau, der die Haare strähnig vors Gesicht hingen und die wie eines dieser Geistermädchen aus modernen Horrorfilmen wirkte, die aus Brunnen stiegen, um Rache zu nehmen.

Elke schob den Vergleich beiseite und beugte sich zu ihr hinunter.

»Alles in Ordnung?« Das war eine blöde Frage, nach solch einem Fund war nichts mehr in Ordnung. Die junge Frau antwortete nicht.

Eine Bewegung, die sie aus dem Augenwinkel gewahrte, ließ Elke verstummen. Ein Mann in Surferklamotten steuerte zielsicher auf sie zu. Sein blondes Haar stand wirr von seinem Kopf ab, ein paar Sandspuren klebten an seiner Wade.

»Bleiben Sie weg!«, fuhr sie ihn an, denn er schickte sich gerade an, den Strandkorb zu umrunden. »Die Polizei wird gleich hier sein, das ist ein Tatort!«

»Wer sind Sie überhaupt?«, schnarrte der Mann, der offenbar doch Lust auf Blut und Schrecken bekommen hatte. Oder sich zumindest vor dem Mädchen als Held aufspielen wollte.

»Dr. Elke Marien vom Rechtsmedizinischen Institut Hamburg. Und wenn Sie nicht dafür belangt werden wollen, dass Sie wertvolle Spuren zerstören, gehen Sie jetzt besser.«

Der Mann erstarrte in der Bewegung. Natürlich war sie keine Polizistin, die irgendwem was zu sagen hatte. Doch die Erwähnung der Rechtsmedizin reichte zuweilen aus.

»Kann … kann ich etwas tun?«, fragte er hilflos und irritiert.

»Nein, danke, wie ich schon sagte, die Polizei ist unterwegs. Tun Sie sich selbst einen Gefallen und gehen Sie wieder. Wir schaffen das hier schon.«

Elke war sich sehr wohl dessen bewusst, dass die weinende Frau am Strandkorb gar nichts mehr schaffte. Aber sie begann in diesem Augenblick, zu funktionieren. Obwohl sie nicht für die Spurensicherung arbeitete, ratterten sofort die Schritte durch den Kopf, die zu unternehmen waren. Tatort weiträumig absichern. Mit der Suche nach Spuren sofort beginnen. Den Abtransport der Leiche in die Rechtsmedizin veranlassen. Jede Stunde, die verging, vernichtete Spuren, also musste die Untersuchung rasch erfolgen.

Doch das war hier nicht ihre Sache. Sie wandte sich wieder der jungen Frau zu.

»Hallo, ich bin Elke Marien«, stellte Sie sich vor, während sie sich vor sie hockte und wiederholte ihre Frage »Ist alles okay mit Ihnen?«

Wahrscheinlich würde für diese Frau etliche Wochen nichts mehr in Ordnung sein. Abgesehen von dem Schock würde die Polizei sie dann auch mit Fragen bombardieren.

Die Frau schien sie allerdings nicht gehört zu haben. Sie presste noch immer die Hände vors Gesicht und weinte leise. Elke wusste nicht so recht, was sie mit ihr anfangen sollte. Nur selten wurde sie an irgendeinen Tatort gerufen – meist waren die Zeugen da schon weg. Außerdem war sie nicht besonders gut im Trösten. Also strich sie ihr beruhigend über den Rücken und vermied es, zu der Toten im Strandkorb zu blicken.

Doch dann wurde es laut hinter ihr. Innerhalb weniger Minuten waren die Schaulustigen aus den Löchern gekrochen. Als ob jemand eine Sirene betätigt hatte, scharten sie sich um den Strandkorb, und das, obwohl hier nun niemand mehr schrie. Das Stimmengewirr, das Elke umflirrte, beinhaltete bayerischen Akzent genauso wie niederländische Wortfetzen. Sogar zwei Engländer schienen sich zu fragen, was es hier zu sehen gab.

Wieder und wieder versuchte Elke, den Leuten klarzumachen, dass sie von hier wegbleiben sollten. Sie bereute es zutiefst, dass sie sich heute Morgen zu dem Spaziergang entschlossen hatte. Wäre sie auf ihrem Zimmer geblieben, hätte sie nur eine halbe Stunde länger im Frühstücksraum gesessen, wäre ihr das hier erspart geblieben.

Einen Mann, der sein Smartphone hochhielt, um zu filmen, schrie sie an. »Verdammt, machen Sie dieses Scheißding aus oder Sie kriegen eine Anzeige!«

Der Hobbyfilmer starrte sie erschrocken an, und Elke war nicht sicher, ob er sie überhaupt verstanden hatte. Doch dann wurde ihm wohl die Hand lahm von dem riesigen Gerät und er ließ es sinken. Glücklicherweise kam in dem Augenblick die Polizei. Das Auftauchen des blau-weißen Fahrzeugs flößte immerhin einigen Leuten Respekt ein, sodass sie verschwanden.

Der Mann, der dem Polizeiwagen entstieg, trug die Uniform eines Streifenpolizisten. Er ließ seinen Blick kurz umherschweifen, dann ging er zu den beiden Frauen.

»Hauptwachmeister Stede Hinrichs«, stellte er sich vor.

»Dr. Elke Marien, Rechtsmedizin Hamburg«, entgegnete sie und deutete auf die Frau neben sich, die mit teilnahmslosem Blick gen Himmel starrte. »Diese junge Dame hat die Frauenleiche da drüben entdeckt, als sie ihren Strandkorb aufgeschlossen hatte. Ich gehe davon aus, dass hier ein Verbrechen vorgefallen ist, die Auffindesituation spricht dafür.«

Der Polizist sah sie überrumpelt an.

»Haben Sie die Kollegen von der Spurensicherung benachrichtigt? Und die Kripo?«

»Na–natürlich«, entgegnete er. »Wird aber eine Weile dauern, bis von denen jemand hier ist.«

Das war egal. Elke wusste, dass so etwas dauerte. Wichtig war, dass der Streifenbeamte dafür sorgte, dass die Leute nicht wichtige Spuren zerstörten.

»Sie wissen, wie man bei einem Mordfall vorzugehen hat? Spurensicherung und so weiter?«

In dem Augenblick fuhr der Rettungswagen vor. Ein Mann mit grauem Haarschopf stapfte durch den Sand, in der Hand einen Koffer. Gefolgt wurde er von Rettungsassistenten in leuchtend orangefarbenen Westen.

»Moin, Stede, was gibt es denn?«, fragte er mit hörbarem niederländischen Akzent, dann fiel sein Blick auf Elke.

»Ich bin Dr. Vandemeer. Haben Sie die Tote gefunden?«

»Nein, ich bin nur hinzugekommen«, entgegnete Elke und stellte sich vor. Dann deutete sie auf die junge Frau. »Sie hat die Tote gefunden.«

»Okay, ich nehme an, die Kripo ist benachrichtigt?«