Mordseegrab - Andreas Temmer - E-Book
SONDERANGEBOT

Mordseegrab E-Book

Andreas Temmer

0,0
5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie klärt man einen Mord ohne Leiche auf?
Der spannende Kriminalroman vor aufwühlender Nordsee-Kulisse

Ex-Kommissar Lukas Waldauf hätte bei seinem letzten Fall beinahe das Leben verloren. Von den Strapazen seiner Karriere ermüdet, möchte er nun seinen vorzeitigen Ruhestand genießen. Also kauft er einen abgeschiedenen Bauernhof an der Nordsee und plant den ruhigen Teil seines Lebens. Doch plötzlich ist Schluss mit der Idylle, als Waldaufs Nachbarin Anke ihn dringend um Hilfe bittet. Der Sohn einer Freundin wurde verhaftet. Die Anklage: Mord an seiner Ex-Freundin – Tochter eines der reichsten Männer Deutschlands. Doch es gibt keine Leiche, dafür aber ein Geständnis des Angeklagten. Waldauf merkt schnell, dass hier etwas nicht stimmt und stürzt sich in die Ermittlungen. Dabei gerät auch er ins Visier – aber von wem genau?

Erste Leser:innenstimmen
„Hält auch für erfahrene Krimi-Leser einige Überraschungen und Wendungen bereit – super!“
„Spannender Detektivkrimi vor atmosphärischer Küstenkulisse, ich werde mir den Autor merken!“
„Sowohl der Fall als auch der Schreibstil konnten mich von Beginn an fesseln und haben mich durch die Seiten fliegen lassen.“
„Gut konstruierter Kriminalroman mit sympathischem Ermittler und eine klare Empfehlung.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Sammlungen



Über dieses E-Book

Ex-Kommissar Lukas Waldauf hätte bei seinem letzten Fall beinahe das Leben verloren. Von den Strapazen seiner Karriere ermüdet, möchte er nun seinen vorzeitigen Ruhestand genießen. Also kauft er einen abgeschiedenen Bauernhof an der Nordsee und plant den ruhigen Teil seines Lebens. Doch plötzlich ist Schluss mit der Idylle, als Waldaufs Nachbarin Anke ihn dringend um Hilfe bittet. Der Sohn einer Freundin wurde verhaftet. Die Anklage: Mord an seiner Ex-Freundin – Tochter eines der reichsten Männer Deutschlands. Doch es gibt keine Leiche, dafür aber ein Geständnis des Angeklagten. Waldauf merkt schnell, dass hier etwas nicht stimmt und stürzt sich in die Ermittlungen. Dabei gerät auch er ins Visier – aber von wem genau?

Impressum

Erstausgabe November 2022

Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98637-225-5 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-262-0 Hörbuch-ISBN: 978-3-98778-163-6

Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © O.Rohulya, © Nik_Merkulov shutterstock.com: © brickrena Lektorat: Birgit Förster

E-Book-Version 24.05.2024, 09:39:17.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

TikTok

YouTube

Mordseegrab

Jetzt auch als Hörbuch verfügbar!

Mordseegrab
Andreas Temmer
ISBN: 978-3-98778-163-6

Wie klärt man einen Mord ohne Leiche auf?Der spannende Kriminalroman vor aufwühlender Nordsee-Kulisse

Das Hörbuch wird gesprochen von Omid-Paul Eftekhari.
Mehr erfahren

Für Dani, Anna und Jakob,

ohne die nichts von alldem möglich wäre.

Ich liebe euch.

1. Willkommen zu Hause

„Sie sind nicht von hier, oder?“ Die blonde Frau blinzelt ihn an und lächelt.

„Nein, ich …“ Waldauf weiß nicht, was er antworten soll. Die Sonne strahlt durch die zerrissene Wolkendecke, und der kühle Westwind bringt Feuchtigkeit und den Salzgeschmack des Meeres mit sich.

„Tourist?“ Die Frau neigt den Kopf.

Waldaufs Blick fällt auf ihre Füße. Sie trägt keine Schuhe, und der Schlamm an ihren Knöcheln beginnt allmählich zu trocknen. „Nein, tatsächlich …“ Waldauf dreht sich zu dem Gebäude um. Das Dach hat vermutlich schon bessere Tage gesehen, und die hölzernen Fensterläden sind farblos und spröde. Die Büsche in dem verwilderten Garten blühen in den unterschiedlichsten Schattierungen von Rosa und Weiß. Eine der Scheunen ist beinahe vollständig mit Efeu überwuchert.

„Tatsächlich wohne ich hier.“

Die wasserblauen Augen der Frau leuchten in ihrem Gesicht, das erste Fältchen zieren. Sie mustert den Bauernhof, Waldauf, seine Koffer und Umzugskisten.

„Über den Sommer?“, fragt sie.

„Nein … für längere Zeit.“ Waldauf reibt sich den Nacken. „Ich habe den Hof gekauft. Bin gerade erst eingezogen.“

„Na dann“, sagt sie und grinst noch breiter. „Willkommen zu Hause.“

Zu Hause. Waldauf ist erstaunt. So hat er noch nie darüber gedacht. Auszeit. Ruhe. Zuflucht. Das sind Begriffe, mit denen sein Gehirn arbeitet. Zu Hause ist ihm fremd. Ein Konzept wie eine Erinnerung aus frühen Kindheitstagen. Etwas, das man mit dem Erwachsenwerden ablegt, wie das Fahren mit Stützrädern oder die Sorge um unreine Haut.

Er ist gerade damit beschäftigt gewesen, die ersten Kisten ins Haus zu tragen, hat Fenster und Türen geöffnet, um den staubigen und abgestandenen Geruch aus den alten Gemäuern zu vertreiben. Er stemmt die Hände in die Hüften und fühlt die Schweißperlen auf seiner Stirn. Die Frau steht da und wartet. Vermutlich sollte er etwas antworten.

„Ja, danke.“ Er deutet auf ihre Füße. „Sie waren im Watt?“

Sie blickt an sich herab. „Ne, ich lauf immer so rum.“

Waldauf weiß nicht, ob sie ihn veralbert oder nicht, blickt nach links und rechts die Straße entlang.

„Noch etwa zwei Kilometer in diese Richtung.“ Sie deutet nach Osten. Sie spricht weiter, bevor Waldauf nachfragen kann: „Dort wohne ich. Wir sind praktisch Nachbarn.“ Sie wendet sich zum Gehen und schaut ihn nochmals an. „Ich heiße übrigens Anke.“

„Sehr erfreut. Waldauf“, sagt Waldauf, der sich an die Verwendung seines Vornamens erst noch gewöhnen muss. „Ähm, Lukas.“

Sie rümpft die Nase ein wenig, während sie nachdenkt. Waldauf findet, es lässt sie kokett aussehen.

„Ja, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Herr Nachbar.“

„Danke“, entgegnet Waldauf, während er in Gedanken hinzufügt: Das ist er bereits.

Er sieht ihr zu, wie sie davongeht und ihre leuchtend gelbe Regenjacke in immer weitere Ferne rückt. Waldauf schüttelt den Kopf, als seine Erstarrung von ihm ablässt. „Nein“, sagt er zu sich selbst. „Nein, nein, nein.“

Dann wirft er doch noch einmal einen Blick die Straße entlang. Er packt eine Umzugskiste – die schwerste, die er finden kann –, stemmt sie hoch und bringt sie ins Haus. Den restlichen Vormittag verbringt er damit, zu schuften und zu schwitzen – und es fühlt sich gut an, obwohl ihn die Atemnot immer wieder zu einer Pause zwingt und die Schmerzen in seiner Schulter hämmern. Er holt sich ein Glas Wasser aus der Küche – seiner Küche – und setzt sich auf die Stufen, die auf die Veranda führen. Mit seiner Hand betastet er den kühlen Stein, über dem eine dünne Schicht Staub liegt.

Der Hof ist nicht günstig gewesen, dennoch wird er jede Menge Arbeit hineinstecken müssen, um wieder alles in Schuss zu bringen. Aber er hat ja Zeit, nicht wahr? Wenn er etwas hat, dann Zeit.

Bis es Abend ist, hat Waldauf alles ins Haus gebracht und macht sich daran, den neu gekauften Bettrahmen zusammenzuschrauben. Die wesentlichsten und dringendsten Dinge hat er geschafft. Es gibt einen funktionierenden Kühlschrank, Herd, Klopapier. Selbst die Dusche funktioniert. Nachdem er geduscht hat, setzt er sich wieder auf die Veranda. Es ist Mai und abends immer noch sehr kühl. Aus irgendeinem Grund findet er es angenehmer, das Licht nicht anzuschalten. So sitzt er in der Dunkelheit, und bis auf das Rauschen des Meeres und die gelegentlichen Rufe einiger Silbermöwen herrscht Stille. Waldauf ist mit sich und seinen Gedanken allein. Eine Situation, die er zutiefst herbeigesehnt und zugleich gefürchtet hat. Aber nur so funktioniert Heilung, nicht wahr? Er schließt die Augen und verharrt, bis die Kälte in seinen Fingern ihn dazu zwingt, ins Haus zu gehen.

Dort liegt nun die neue Matratze auf dem neuen Bettgestell. Waldauf kramt ein Buch aus einer der Kisten und beschließt, am nächsten Vormittag den Schuppen in Augenschein zu nehmen. Nicht weil es das Wichtigste am ganzen Bauernhof wäre, eher im Gegenteil, weil es nicht dringend und nicht wichtig ist. Er kann es in seinem eigenen Tempo tun oder auch gänzlich lassen, und niemand wäre ihm böse. Der Schuppen ist der letzte und vermutlich unwichtigste Teil des gesamten Hofes. Aber gerade deswegen gibt es dort vielleicht die spannendsten Dinge zu entdecken, während der Großteil seiner Kisten unausgepackt im Haus lagert.

Der Abend ist hier so völlig anders als in der Stadt, denkt Waldauf und lauscht in die Stille hinein. Draußen gibt es keine Straßenbeleuchtung. Er schaltet nun doch eine kleine Nachttischleuchte ein, die mangels vorhandener Möbel direkt auf dem Fußboden steht, und beginnt in seinem neu erworbenen Buch zu blättern. Einem Reiseführer über die Nordsee und die Besonderheiten des Wattenmeers. Waldauf muss lachen.

Die Morgensonne flutet das Zimmer mit strahlendem Orange. Waldaufs Nacken schmerzt, und er hat das Gefühl, kaum geschlafen zu haben. So geht es ihm immer, wenn er in einem fremden Bett schläft, wobei dieses Bett nun sein eigenes ist.

Er setzt sich auf und wartet, bis das taube Gefühl in seiner Schulter nachlässt. Er erhebt sich, stakst zu den Umzugskisten, öffnet jene, die mit dem Wort „Küche“ beschriftet ist, und hebt die Kaffeemaschine heraus. Eine alte Filtermaschine, nichts, was seine Ex-Kollegen jemals mit dem Begriff Kaffee in Verbindung gebracht hätten. Dennoch, Waldauf ist Filterkaffee immer der liebste gewesen. Vermutlich ein Tick aus seiner Kindheit, denkt er. Wenn sich seine Mutter und seine Großmutter zusammengesetzt haben, um zu plaudern, haben sie Filterkaffee getrunken. Das ist immer so gewesen. Heutzutage kaufen sich alle diese neumodischen High-Tech-Geräte mit WLAN-Anbindung, eigener Handy-App und 117 programmierbaren und speicherbaren Funktionen. Und all das zum läppischen Preis eines Gebrauchtwagens. Waldaufs Maschine hat eine Taste. Ein. Aus. Einschalten, und sie macht Kaffee, so einfach ist das.

Als der Duft nach frischem Kaffee den großen Wohnraum erfüllt, gießt er sich eine Tasse ein und fragt sich, wie spät es wohl ist. Dann entscheidet er, dass es egal ist, schlüpft in seine Schuhe, schnappt sich Tasse und Reiseführer und setzt sich erneut auf die Treppen seiner Terrasse. Schon jetzt weiß er, dass dies sein liebster Platz auf dem ganzen Hof sein wird.

Waldauf sitzt, trinkt Kaffee, liest und genießt die wärmenden Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. An den bunt blühenden Rhododendronsträuchern herrscht ein reges Kommen und Gehen, während sich Bienen, Hummeln und Schmetterlinge zum gemeinschaftlichen Frühstück einfinden. Waldauf ist fasziniert von der Vielfalt unterschiedlicher Farben und Formen. Dinge, die es in der Stadt so nicht gibt oder die er vielleicht nur nie wahrgenommen hat. Er weiß es nicht. Möglicherweise ist er zu beschäftigt gewesen, immer viel zu beschäftigt. Während er die Insekten beobachtet und grübelt, nähern sich Schritte von der Straße her. Nackte, tastende Schritte.

„Guten Morgen, Nachbar“, sagt Anke, die wieder dieselbe gelbe Jacke trägt. „Und? Haben Sie gut geschlafen?“

Waldauf schüttelt den Kopf und antwortet: „Guten Morgen, Nachbarin.“

Sie lacht kurz auf, und er ergänzt mit einem Fingerzeig auf ihre Füße: „Sie laufen ja wirklich immer so rum.“

„Sag ich ja.“

„Tasse Kaffee?“

„Nein, danke.“ Anke betrachtet ebenfalls die Sträucher. „Ich bin eher die Teetrinkerin. Schön haben Sie’s hier.“

Waldauf sieht sich um, wie um sich selbst nochmals zu vergewissern. „Ja, nicht? Bin mal gespannt, ob das Dach hält, wenn der erste Regen kommt.“

Ankes Beine stecken in knappen Shorts, darüber trägt sie ihre Regenjacke. Die Hände ruhen in den Jackentaschen. „Ach, Sie werden’s schon rausfinden“, sagt sie und grinst. „Sind Sie handwerklich begabt?“

Waldauf hält die Hände so, dass beide Daumen nach rechts zeigen.

„Geht so.“

Anke lacht wieder – ein kurzes, markantes „Haha“ –, und Waldauf erkennt, dass er aufpassen muss, sonst würde dieses Lachen sein Untergang sein. Er hat sich geschworen, sein Leben nicht wieder kompliziert werden zu lassen. Nicht umsonst hat er sich den abgeschiedensten Ort ausgesucht, den er hat finden können.

„Machen Sie das jeden Tag?“, fragt er nach einiger Zeit. „Wandern?“

„Ne, nur wenn ich Lust hab. Und wenn das Wetter stimmt.“ Sie hebt noch einmal den Kopf, wie um ihr Umfeld in sich aufzusaugen. „Na dann, bis morgen“, sagt sie beinahe so, als wäre es bereits beschlossene Sache.

„Ja“, erwidert Waldauf, während er ihr beim Davongehen zusieht. „Bis morgen.“ Er bemerkt ein Zucken um seine Mundwinkel, es fühlt sich merkwürdig und ungewohnt an. Seine Ex-Kollegen hätten ihn vermutlich auf der Stelle erschossen, ausgestopft und in ein Museum verfrachtet, um diesen seltensten aller Augenblicke für die Ewigkeit festzuhalten. Waldauf lächelt. Gestattet er sich tatsächlich, glücklich zu sein? Wie kann er? Waldaufs Mundwinkel fallen nach unten.

Tja, die Scheune, denkt er, und es fällt ihm schwer, Freude dabei zu empfinden. Er leert die Tasse, erhebt sich und klopft sich den Staub vom Hosenboden. „Heute ist Scheunentag.“

2. Danis Teeladen

Die folgenden Tage verbringt Waldauf damit, sich weiter einzurichten. Er hat den Schuppen erkundet, in dem viele alte Möbel, rostiges Werkzeug und Dinge lagern, die er noch nicht zuordnen kann, darunter ein hölzerner Wagen, dem die Räder fehlen und der früher Gott weiß wozu gedient hat. Anke ist am nächsten Morgen wiedergekommen. Sie hat ihm eine große Muschel geschenkt, die sie beim Wandern gefunden hat. Eine Sandklaffmuschel, deren Schalen beinahe so groß waren wie ihre Handfläche.

„Große sind selten“, hat sie gesagt. „Vielleicht bringt sie Glück.“

„Danke“, hat Waldauf geantwortet.

Jetzt liegt die Muschel auf seinem Fensterbrett, das von der Küchenspüle aus den hinteren Teil des Gartens überblickt. Der sonnigste Platz im Haus.

Dann ist Anke drei Tage lang nicht vorbeigekommen, und Waldauf treibt es nach draußen. Er hat ohnehin einige Erledigungen zu machen. Die wenigen Lebensmittel, die er bei seinem Einzug mitgebracht hat, sind ihm ausgegangen, und er hat noch keine Waschmaschine. Es ist Montag, und Waldauf hat sich vorgenommen, ebenfalls ein wenig zu wandern. Ja, er wird langsamer gehen müssen, aber bis nach Neuharlingersiel wird er es wohl irgendwie schaffen. Der kleine Ort direkt an der Nordseeküste ist keine fünf Kilometer entfernt, und irgendeine Art von Bäckerei oder Lebensmittelladen wird er auf dem Weg dorthin bestimmt finden. Dann kann er sich auch gleich erkundigen, wie er zum nächsten Elektronikladen kommt.

Waldauf wandert den schmalen Weg entlang. Auf einer nahen Wiese grasen Schafe und würdigen ihn keines Blickes. Im Norden erstreckt sich das Watt. Eine schlammige, weite Ebene, die ihn schon immer fasziniert hat. Er fixiert einen Punkt am Horizont zwischen den flachen Inseln hindurch, die einige Kilometer vor der Küste liegen. Wenn ich bis dorthin laufen würde, denkt er, was wäre dann? Und dann, ein paar Kilometer weiter, was wäre dort? Was würde ich sehen?

Eine endlose Weite, die einmal Meer ist und einmal nicht, je nach Laune der Gezeiten. Waldauf stellt fest, dass er nicht weiß, wie es sich anfühlt, dieses Watt. Er verlässt den Weg, wandert ein Stück nach unten, bis sich die letzten Grashalme im Schlamm verlieren. Die schmatzenden Laute seiner Schritte auf dem weicher werdenden Untergrund amüsieren ihn. Mahlzeit, denkt er, als sich plötzlich einer seiner Schuhe – es sind seine gewöhnlichen Straßenschuhe aus Leder, die er immer trägt – im Schlamm festfrisst. Waldauf strauchelt, sein Bein will nicht freikommen, und dann, mit einem Ruck, gelingt es doch, und Waldauf kippt rücklings in den Matsch. Zumindest befürchtet er das. Er lehnt sich gefährlich nach hinten und lässt sich dann zur Sicherheit nach vorn fallen und landet auf den Knien. Was folgt, ist blankes Grauen. Die eiskalte, schleimige Masse heftet sich an seine Beine, sickert durch das Gewebe seiner Kleidung, bis sie, sozusagen Haut auf Haut, an ihm klebt. Sie umarmt ihn, zieht ihn nach unten. Waldauf windet sich und macht es dadurch nur noch schlimmer. Wenn er sein Gewicht verlagert, kann er vielleicht ein Bein freibekommen. Er zieht. Der Matsch protestiert. Der Kompromiss, auf den sie sich einigen: Waldauf bekommt sein Bein, ein nackter Fuß kommt zum Vorschein, das Watt behält den Schuh. Waldauf geht erneut auf die Knie. Er schnauft, blinzelt Schweißtropfen weg und fasst bis zum Ellenbogen in das Loch hinein, das seinen Schuh beherbergt.

Minuten später steht er wieder auf festem Boden. Er hat sich zu dem Weg zurückgerettet, und seine Lunge fühlt sich an, als hätte sie sich auf die Größe eines Golfballs zusammengezogen. Er bekommt kaum Luft. Sterne tanzen vor seinen Augen. Waldauf hält die Schuhe in der Hand, blickt auf seine nackten, lichtscheuen Füße hinab. Blasse, höhlenbewohnende Organismen, die sich allein mithilfe ihres Tastsinns orientieren. Sie sind in dieser fremden Umgebung völlig fehl am Platz. Er schlägt die beschmutzten Hosenbeine hoch, aber seine matschverschmierten Hände und Schuhe lassen sich nicht verbergen. Er marschiert weiter, und das Watt scheint einen Teil seiner magischen Faszination fürs Erste verloren zu haben.

Waldauf schafft es schließlich bis Neuharlingersiel, der beschaulichen Tausendseelengemeinschaft, die sich hier vor Hunderten von Jahren niedergelassen hat und immer noch siedelt. Auch wenn sie sich mittlerweile mehr vom Tourismus als von der Landwirtschaft und dem Fischfang erhält, ist die Aura des Ortes geprägt von dem kleinen Fischereihafen. Es riecht nach Fisch und frisch gebackenem Brot. Waldauf bekommt Hunger, obwohl es noch nicht einmal zehn Uhr vormittags ist. Er kauft sich ein Fischbrötchen an einem Stand direkt am Hafen, isst und verschnauft. Er beobachtet die Menschen, den Hafen und die Seevögel, die auf Holzpfählen sitzen. Auf jedem Pfahl genau ein Vogel, so als ob man sie im Baumarkt ausschließlich im attraktiven Kombiangebot bekäme. Sie benötigen einen Pfahl für Ihren Hafen? Hier, nehmen Sie diese praktische Möwe gleich mit dazu. Kostet praktisch nichts.

Waldauf überlegt, was er alles einkaufen will, und sein Blick fällt auf das Schild eines der kleinen Läden, die sich in einem Bogen um das Hafenbecken reihen. „Danis Teeladen” steht darauf zu lesen. Waldauf hadert. Er verabschiedet sich von dem Betreiber der Fischbude und beschließt, einmal einen Blick zu riskieren. Was kann schon schiefgehen? Über 150 Sorten Tee, verkündet ein Schild vor dem Laden. Waldauf ist eingeschüchtert. Tee ist für ihn immer nur Tee gewesen. So wie Kaffee einfach Kaffee ist. Gut, es gibt schwarzen Tee und Kamille, überlegt Waldauf. Aber was sind die restlichen 148 Sorten? Er verlagert das Gewicht von einem Bein aufs andere.

Themenwechsel, sagt er sich und wendet sich zum Gehen. Die Bäckerei ist ganz in der Nähe. Das weiß Waldauf, weil er auf dem Weg zum Hafen an ihr vorbeigelaufen ist. Und es gibt einen kleinen Kaufladen ein Stück weit die Straße hinunter. Aber so weit kommt er nicht.

„Hallo, Fremder“, sagt jemand. Sie hat die Hände in den Taschen ihrer Regenjacke vergraben. „Na, laufen Sie immer so rum?“

Waldauf wirft einen Blick auf seine hochgerollten Hosenbeine. „Nein, eigentlich nicht“, antwortet er.

„Haben Sie Lust auf einen Kaffee?“, fragt Anke, deren blondes, schulterlanges Haar der Wind zerzaust.

„Nein, ich …“, Waldaufs Hände beginnen zu schwitzen. Er wischt die letzten Reste verräterischen Fischbrötchensafts mit einer Serviette aus seinem Mundwinkel. „Ich war gerade … muss noch ein paar Dinge einkaufen. Aber …“ Er sieht den Blick in ihren Augen, der kein bisschen vorwurfsvoll oder enttäuscht wirkt. „Ein andermal sehr gerne.“

Anke lächelt, wirft noch einmal einen Blick auf den Teeladen, vor dem sie stehen.

„Gerne“, sagt sie. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

„Ja, danke. Ihnen auch.“

Dann geht sie weiter in Richtung Hafen. Waldauf ertappt sich dabei, wie er sich fragt, ob sie mit jemandem verabredet ist, einer Freundin vielleicht. Er stellt sich vor, wie sie in einem kleinen Café sitzen, Brötchen essen, aufs Meer hinausblicken und sich über die neuesten Ereignisse in der Nachbarschaft unterhalten. Oder vielleicht sitzt sie allein, trinkt eine Tasse Tee, liest in einem Buch. Waldauf hat ein schlechtes Gewissen. Dann schüttelt er sich und macht sich auf den Weg zur Bäckerei. Er kauft Brot, denkt an seine imaginäre Einkaufsliste und marschiert weiter zu dem Kaufladen. Dort fühlt er sich etwas wohler, das Umfeld ist ein wenig vertrauter, städtischer. Er kauft seine Sachen, stockt wieder kurz vor dem Teeregal und studiert die Packung einer Kräuterteemischung. Er hat Ankes Angebot zu einer Tasse Kaffee ausgeschlagen, nicht, weil ihm ihre Gesellschaft unangenehm gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Eben weil sie ihm angenehm wäre, viel zu angenehm. Soll er jetzt ihretwegen eine Packung Tee kaufen? Er will aber auch nicht unhöflich sein. Bei ihrem nächsten Besuch würde sie sich vielleicht freuen, wenn er Tee im Haus hätte. Waldauf schimpft sich selbst einen Hornochsen, schnappt sich die Packung und lässt sie in die Leinentasche fallen, die er mitgebracht hat.

„Ist der aus dem Teeladen?“, fragt Anke in seiner Fantasie.

„Nein, leider“, sagt Waldauf. „Aus dem Kaufladen. Ich hoffe, er ist in Ordnung?“

„Doch, der ist gut“, sagt sie und hält die große, bauchige Tasse in beiden Händen. Sie zieht ihre nackten Beine an, schlüpft damit unter den großen Strickpulli, den sie trägt.

Die Dame an der Kasse wünscht ihm einen guten Morgen.

Waldauf ist immer noch in Gedanken. „Dazu bitte noch zwei Schachteln …“

„Ja, bitte?“ Sie hält die Hand vor das Regal mit den Zigaretten.

„Nein … nichts“, sagt Waldauf. „Nur das hier.“

Auf dem Weg nach draußen besinnt er sich.

„Sagen Sie, wo finde ich den nächsten Elektronikladen?“

Die Packung Tee liegt im Küchenschrank und wartet auf ihren großen Moment, während Waldauf die kommenden Tage damit verbringt, eine Waschmaschine zu kaufen und Schränke einzuräumen. Einige der Fensterläden nimmt er ab, schleift und repariert sie. Noch grübelt er, welche Farbe er kaufen soll. Er tendiert zu Hellblau. Vielleicht fragt er Anke, wenn er sie das nächste Mal sieht. Nein, sagt er sich. Das geht nicht. Er hat sich bewusst für diesen Schritt in die Einsamkeit entschieden, und dabei möchte er es auch belassen. Bis er wieder mit sich selbst und allem, was vorgefallen ist, klarkommt, falls ihm das jemals gelingen sollte.

3. Weil sie es ist

Lukas Waldauf ist Polizist, Kriminaloberkommissar bei der Hamburger Kripo, Chefermittler. Zumindest war er das – bis zu jenem Tag, an dem er gestorben ist. Klinisch tot, haben es die Ärzte genannt. Seine Lunge ist kollabiert, aufgrund zweier Einschüsse. Die Kugeln wurden entfernt, ebenso jene aus seiner Schulter. Dann ist sein System zusammengebrochen. Herzstillstand. Aber irgendwie ist es den Ärzten gelungen, ihn zurückzuholen. Und nach zwei Wochen auf der Intensivstation und im künstlichen Tiefschlaf ist Waldauf wieder aufgewacht. Hat er es verdient? Zu sterben, vermutlich, ja. Wiedergeboren zu werden, während seine Hauptzeugin tot blieb, nein.

Nein. Waldauf kniet im Regen. Die junge Frau, die er in den Armen hält, hat das Gesicht – dieses blasse, wächserne Gesicht – zum Himmel gewandt. Regentropfen fallen auf ihre weit aufgerissenen, starrenden Augen, und sie blinzelt nicht. Ihre Atmung ist so schwach, dass Waldauf sie kaum wahrnimmt. Er sieht das hellrote, schäumende Blut auf ihren Lippen und weiß, was es bedeutet. Er ruft. Ruft ihren Namen und kann seine eigene Stimme nicht hören. Alles, was er hört, ist das Pfeifen, das dem Donner der Pistolenschüsse gefolgt ist.

Sarah, das ist der Name der jungen Prostituierten, und Waldauf ruft ihn immer wieder. Er ruft, sie solle bei ihm bleiben, dass die Rettung bereits auf dem Weg sei. Er lügt. Sein Mobiltelefon liegt irgendwo auf der Straße. Er konnte niemanden alarmieren, aber jemand, irgendjemand muss die Schüsse gehört haben. Dieser unsichtbare Jemand hat bestimmt schon die Rettungskräfte informiert. Sie werden kommen. Waldauf weiß es. Sie müssen, denn es ist seine Schuld, dass sie nun hier sind, in dieser Situation. Es ist seine Schuld und es darf so nicht enden. Doch für Sarah endet es genau so.

***

Waldauf schreckt hoch. Sein Blick fliegt zu der fremden Decke, die von massiven Holzbalken getragen wird. Er versucht, sich aufzusetzen, hat das Gefühl, nicht atmen zu können. Panikattacke haben es die Ärzte genannt, besonders gefährlich bei reduzierter Lungenkapazität. Waldauf ist es egal, wie sie es nennen, er kriegt keine Luft.

Als er endlich aufrecht sitzt, bemerkt er, dass er, wenn er es flach und vorsichtig tut, doch irgendwie atmen kann. Aber es geht langsam, viel zu langsam, und es kostet ihn unendlich viel Kraft, die nötige Geduld aufzubringen. Tränen laufen seine Wangen hinab. Sein Herzschlag hämmert in seiner Brust und seinen Schläfen. Das weiße Unterhemd klebt an seinem Körper. Waldauf schiebt sich aus dem Bett, bis seine Füße den alten Holzboden berühren. Er ballt die Zehen, lässt los, ballt sie erneut und lässt wieder los. Wie oft er das macht, weiß er nicht. Es dauert so unendlich lange. Dann kommt die Luft endlich wieder, und Waldauf keucht.

Waldauf versucht, seiner neuen Routine zu folgen. Er macht Kaffee, isst Müsli zum Frühstück. Frühstücken, noch so eine Sache, die er zu seiner aktiven Zeit niemals getan hätte, zu viel Zeit für zu wenig Nutzen. Er tapst aus dem Haus in Richtung seines Briefkastens, doch da kommt ihm bereits jemand entgegen. Anke hält seine Zeitung und einen Brief in der Hand. Sie kommt auf ihn zu, und Waldauf stellt fest, dass er nur mit Unterhemd und Unterhose bekleidet ist. Zu spät. Anke stellt sich vor ihn hin und überreicht ihm seine Post.

„Guten Morgen“, sagt sie.

„Guten Morgen“, spricht Waldauf ihr nach. Zu gerne hätte er sie gefragt, ob sie mit ihm frühstücken möchte, er hat sogar Tee. Aber je größer diese Versuchung wird, desto stärker wird auch der Impuls in ihm, sich zurückzuziehen.

„Danke“, sagt er hölzern. Als er die Zeitung entgegennimmt, fällt Ankes Blick auf den Brief, dessen Kopf das Wappen des Landeskriminalamts Hamburg ziert.

„Haben Sie was verbrochen?“, scherzt sie.

Waldauf ist durch die Frage wie vor den Kopf gestoßen. „Ja“, antwortet er. „Bitte verzeihen Sie, ich fühle mich heute nicht so gut.“

Anke übergibt Waldauf auch den Brief und sagt: „Das macht nichts.“

Er nickt, versucht sich an einem Lächeln und hasst sich dafür, weil er sich wie ein Heuchler vorkommt.

***

„Willst du, dass ich dir einen blase?“

Die Frage irritiert Waldauf. Er liegt auf der viel zu weichen Matratze eines Hotelbetts auf dem Rücken, Sarah an seiner Seite. Ihr schmaler, zerbrechlicher Körper plötzlich eng an seinen gepresst. In dem Fernsehgerät an der gegenüberliegenden Wand plappert die viel zu laute Stimme eines TV-Moderators. Ein aufgetakelter, übertriebener Weihnachtsbaum. Lacht zu laut, seine Zähne strahlen zu weiß, und seine Mimik wirkt wie die eines Darstellers in einer alten Schwarz-Weiß-Komödie. Genauso gut könnte er aus Plastik sein, denkt Waldauf.

„Nein“, sagt er. „Ich … will einfach nur, dass es dir gut geht.“

Sie blickt zu ihm hoch. Es ist derselbe Blick, der ihn dazu gebracht hat, sich näher mit ihr als möglicher Hauptzeugin zu befassen. Lange bevor er sie angesprochen hat. Der ihn dazu gebracht hat, ihr ein Versprechen zu geben, das er nicht wird halten können, aber davon weiß Waldauf noch nichts. Er wird sich um sie kümmern, hat er versprochen. Ihr Schutz bieten, ein neues Leben, wenn sie nur aussagt. Einen Neuanfang.

Wie kann jemand in ihrem Gewerbe nur so unschuldig aussehen, fragt er sich jetzt, als sie neben ihm liegt, in dem billigen Hotelzimmer, das sie gemietet haben, um so lange unterzutauchen, bis der Prozess beginnen kann. Ganz einfach, denkt er, weil sie es ist.

„Warum?“, fragt sie.

„Weil es mir wichtig ist.“

Die Antwort scheint ihr zu genügen. Sie legt den Kopf an seine Schulter, und gemeinsam starren sie weiter in das TV-Gerät, in dem eine beleibte ältere Dame gerade ein „E“ gekauft hat.

***

„Willst du das tatsächlich tun?“, fragt Bruno ihn Wochen später. Sein Kollege – baldiger Ex-Kollege – über so viele Jahre.

„Was meinst du?“

„Hab gehört, du hörst auf.“

Waldauf starrt in seine Tasse und sagt nichts.

„Hab außerdem gehört, du ziehst weg, verlässt die Stadt.“ Als Waldauf abermals nicht antwortet, sagt Bruno, was er offenbar gehofft hat, nicht sagen zu müssen. „Du denkst doch nicht etwa, dass sie das wieder lebendig macht, oder?“

Waldauf hebt den Blick, schaut ihm direkt in die Augen, und seine Kiefer mahlen. Bruno schluckt, aber spricht weiter. „Und davonlaufen kannst du auch nicht. Was geschehen ist, ist geschehen. Und es hätte verdammt noch mal jedem von uns passieren können …“

„Es ist aber nicht jedem passiert!“ Waldauf schlägt mit der Faust auf den Tisch, und seine Tasse macht einen Sprung. „Es ist mir passiert, Bruno! Mir ganz allein!“

Bevor sich das Schweigen wie eine aufgewirbelte Staubschicht wieder herabsenken kann, sagt Bruno: „Aber das bedeutet nicht, dass du allein damit klarkommen musst.“

„Doch.“ Waldauf erhebt sich. Er ist stocknüchtern. Seit dem Vorfall hat er nicht gewagt, auch nur einen Tropfen Alkohol zu trinken, hat keine Zigarette geraucht. Er braucht die Klarheit, fürchtet den Rausch wie ein unsichtbares Wesen, das aus den Tiefen seiner Seele emporkriechen könnte, um seinen Verstand zu fressen. Es beobachtet ihn, lauert, hofft auf seinen Fehltritt.

„Genau das bedeutet es, Bruno.“

Waldauf trägt seine Tasse zur Spüle, kippt den Inhalt hinein und sieht der trüben, hellbraunen Flüssigkeit dabei zu, wie sie im Abfluss verschwindet.

„Sarah ist tot. Und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann …“

Waldauf wendet sich zum Gehen. Bruno streckt eine Hand nach ihm aus.

„Lass es“, sagt Waldauf, und seine kalte Stimme ängstigt Bruno mehr, als jeder Schrei es gekonnt hätte.

An jenem Nachmittag betritt Waldauf das Zimmer seines Vorgesetzten, legt Marke und Dienstwaffe wortlos auf dessen Tisch und verlässt das Bürogebäude des Landeskriminalamts Hamburg, in dem er seit über fünfundzwanzig Jahren gearbeitet hat. Er spricht kein Wort, lässt seinen Arbeitsplatz so zurück, wie er ihn an jenem Morgen vorgefunden hat. Die Blumen und Glückwunschkarten, die ihn zurück im Dienst willkommen heißen sollten, das Foto seiner Schwester und ihrer Familie … Es ist der erste Tag nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus und sein letzter als Polizist.

Zwei Minuten dreißig tot.

Vierzehn Tage Tiefschlaf.

Ein Leben lang Schuld.

Waldauf wird nie wieder zurückkehren.

4. Sie waren bei der Polizei

Die Tage vergehen, und Waldaufs Renovierungsarbeiten werden schleppender, bis sie irgendwann ganz zum Erliegen kommen. Er genießt die Stille, die Einsamkeit, und fürchtet sie zugleich. Er sucht sie, wie die Nähe einer Geliebten, von der er bereits weiß, dass sie ihm das Herz brechen wird. Dennoch braucht er sie.

An manchen Tagen vergisst er zu essen, aber das ist nicht weiter schlimm. In manchen Nächten kann er nicht schlafen. Er fürchtet die Nächte, mehr noch als die Einsamkeit. In der Abwesenheit des Lichts zeigt diese Welt erst ihr wahres Gesicht, denkt Waldauf. Die Geräusche sind lauter, die Schatten schwärzer und die Abgründe tiefer, als sie es bei Tage jemals sein könnten. Und ihre Anziehungskraft ist verheerender.

Waldauf sitzt auf der Terrasse, trinkt Kaffee. Sein Körper sitzt, während seine Gedanken viele Kilometer und Monate weit entfernt sind, manchmal auch Jahre. Er war ein hochdekorierter Polizist, die Medien haben ihn geliebt, nun ja, die meisten von ihnen. Für viele war er vielleicht sogar so etwas wie ein Held. Jetzt ist er nichts mehr von alldem, ein Geist, ein Schatten, ein Nichts. Er dachte, er wäre unfehlbar, unantastbar. Dann machte er Fehler, und jemand anders musste dafür bezahlen, und nun macht sich die Zeit über die Reste der Erinnerungen her. In einigen Jahren wird nichts mehr davon übrig sein. Und je mehr seine Schuld und Sarahs Tod in Vergessenheit zu geraten drohen, desto mehr versucht Waldauf sich daran zu erinnern. Versucht zu verhindern, was nicht zu verhindern ist. Irgendwann wird sich niemand mehr an Sarah Brehm erinnern oder daran, warum sie sterben musste.

Es ist früher Morgen, ein neuer Tag wird aus seiner blutigen Taufe gehoben. Waldauf versucht sich zu erinnern, seit wie vielen Tagen er nicht in den Spiegel geschaut hat. Wann hat er sich zuletzt rasiert oder geduscht? Eine Handbewegung über sein Kinn sagt ihm, dass es einige Zeit her sein muss, und es kümmert ihn nicht. Waldauf hat daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, unzählige Male. Aber dann würde Sarahs Gedenken nur noch schneller aus dieser Welt verschwinden. Er hat sich selbst dazu verdammt, mit seiner Schuld zu leben. Als Mahnmal … aber für wen überhaupt?

Waldauf erhebt sich, und seine Knie ächzen. Er überlegt, sich ein Fitnessprogramm zuzulegen. Einen Ablauf, der seinen Tag strukturiert. Aber soll er sich tatsächlich um sein eigenes Wohlergehen kümmern, um seine Gesundheit, während Sarah in ihrem Grab …? Waldauf schafft es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Das Bild hat ihn abgeschreckt, ihr nach oben gewandter, unschuldiger Blick, ihr goldblondes Haar, das auf der Erde zwischen sich windenden, weißen Madenkörpern glänzt.

Waldaufs Augen brennen vor Wut und Schmerz, sein Hals schnürt sich zusammen. Es ist kein Kloß, der darin steckt, es ist Erde, kalte, feuchte Erde. Waldauf würgt. Er stürzt zur Küchenspüle, gießt sich ein Glas Wasser ein und trinkt es in ruckartigen Zügen leer. Als seine Lunge immer noch zu explodieren droht, schellt es an der Tür. Er wankt ins Vorzimmer und öffnet sie, ohne darüber nachzudenken, und dann ist er plötzlich hellwach. Vielleicht liegt es an ihrem Gesichtsausdruck oder der Art, wie sie „Hallo“, sagt, irgendetwas an Ankes Verhalten holt Waldauf augenblicklich ins Hier und Jetzt zurück.

„Guten Tag“, sagt er und bittet sie herein. In den Zimmern herrschen Unordnung und Chaos, und für den Bruchteil einer Sekunde fragt sich Waldauf, wie lange er in den Räumen nicht mehr gelüftet hat. Er befreit einen der Stühle von einem Berg ungewaschener Wäsche und bietet ihn Anke an. Dann reißt er einige Fenster auf und packt den Wäscheberg auf eine der Umzugskisten, die er bisher noch nicht geöffnet hat.

„Wollen Sie ein Glas Wasser? Oder … sollen wir uns besser nach draußen setzen?“, fragt er, als ihm bewusst wird, dass Anke zum ersten Mal tatsächlich in seinem Haus ist. Das mit dem ersten Eindruck hat er sich anders vorgestellt.

„Nein, hier ist es gut“, sagt sie, und Waldauf sieht, dass sie geweint hat.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Sie beginnt sich in seinem Haus umzusehen, bis ihre Augen auf ihm zur Ruhe kommen.

„Sie waren bei der Polizei, nicht wahr?“, eröffnet sie das Gespräch.

„Das ist richtig.“

„Bei der Kriminalpolizei in Hamburg?“

„Ja.“

„Könnte ich … jetzt vielleicht doch ein Glas Wasser haben, bitte?“

Waldauf geht zur Spüle, fischt ein sauberes Glas aus dem Regal und gießt es für sie ein.

„Ich weiß nicht“, sagt Anke nach einem Schluck und zerzaust ihr schulterlanges Haar. „Es war vielleicht keine gute Idee herzukommen. Sie wollen bestimmt Ihre Ruhe haben und …“ Sie dreht das Glas zwischen ihren Fingern. „Aber Sie wirken … nett, verstehen Sie?“

Waldauf setzt sich ihr gegenüber.

„Nun ja, noch nicht ganz. Aber wenn Sie es mir erzählen, kann ich vielleicht versuchen, Ihnen zu helfen.“

Sie mustert ihn, ihre Augen blicken zuerst auf sein rechtes Auge, dann auf sein linkes, sie springen hin und her, als versuche sie etwas in ihnen zu erkennen, das noch im Verborgenen liegt. Etwas dahinter.

„Der Sohn einer Freundin wurde verhaftet“, platzt sie heraus. „Sie sagen, es war Mord.“

„Mord?“

Anke nickt.

„Sie liebt ihren Jungen, und er würde nie … ich meine, Mord, können Sie sich das vorstellen?“

Waldauf kann. Er hat in seiner Laufbahn mehr als genug Tote gesehen, sodass er irgendwann aufgehört hat, mitzuzählen. Er hat die Zahl vergessen, aber er erinnert sich an jedes einzelne ihrer Gesichter.

„Vielleicht gibt es eine Erklärung“, beginnt er vorsichtig.

„Ja, so muss es sein. Verstehen Sie, er ist ein guter Junge. War immer gut in der Schule, studiert Informatik, er ist klug, freundlich …“

Anke verfällt in Schweigen, vielleicht wird ihr bewusst, dass das die Worte beinahe aller Personen sind, die man zu einem kürzlichen Mord befragt. Der mutmaßliche Täter? Oh, nein, er war immer höflich, zuvorkommend. Ja, einmal hat er mir sogar mit dem Sicherungskasten geholfen. So ein freundlicher, netter Mann.

Tja, und einmal hat er dann doch zu dem dreißig Zentimeter langen Küchenmesser gegriffen und seine Stiefmutter für alle Zeiten zum Schweigen gebracht, denkt Waldauf. Oft genügt nur ein kurzer Augenblick, um jemanden zum Mörder zu machen. Aber das sagt er nicht.

Stattdessen sagt er: „Wann wurde er verhaftet?“

„Gestern Nacht.“

„Und was haben die Kolleg… die Polizeibeamten gesagt?“

„Sie würden ihn wegen Mordverdachts festnehmen.“

„Mordverdacht … an wem?“

„An seiner Ex-Freundin. Christina Riemann.“

„Wann soll das Ganze vorgefallen sein?“

„Ich weiß es nicht genau … am Tag davor, denke ich. Aber es ergibt keinen Sinn, Tom hat sie geliebt.“ Richtig, denkt Waldauf. Meistens ist es Geld oder eben die Liebe.

„Sie waren mit einem Boot draußen, und sie ist über Bord gefallen. Sie muss sich dabei den Kopf gestoßen haben oder etwas in der Art. Er … er sagt, er habe Panik bekommen, und als sie nicht mehr aufgetaucht ist, als er sie nicht mehr finden konnte, hat er die Rettungskräfte alarmiert. Er hat sie selbst gerufen, verstehen Sie? Aber sie haben sie nicht gefunden. Bisher. Und jetzt … haben sie ihn festgenommen. Und ich weiß nicht, Elsa … seine Mutter, sie ist völlig aufgelöst, und dann sind Sie mir wieder eingefallen, wegen des Briefs … aus Hamburg, und ich habe Sie gegoogelt … es tut mir leid.“

„Dann wissen Sie bestimmt auch, warum ich nicht mehr im Dienst bin.“

„Ja, aber … können Sie ihm helfen? Vielleicht finden Sie etwas, was dieses Missverständnis aufklären kann.“

Waldauf starrt aus dem Fenster.

„Ich weiß es nicht.“

„Ja, ich verstehe“, sagt Anke und blickt hinunter auf ihr Glas. „Ich musste Sie trotzdem fragen. Danke … für das Wasser. Und dass Sie mir zugehört haben.“

Sie erhebt sich und macht sich allein auf den Weg zur Tür.

„Ich hoffe, Sie sind mir deswegen nicht böse.“

„Nein. Es ist in Ordnung.“

Als sie die Tür hinter sich geschlossen hat und Waldauf wieder allein ist, fixiert er den kaum sichtbaren Abdruck ihrer Lippen auf dem halb leeren Glas, und alles, woran er denken kann, ist Sarah Brehm.

***

Der Lippenstift auf dem Rand ihres Glases ist rot – knallrot. Sarah lehnt in ihrem Lounge-Stuhl und sieht sich um, während sie anscheinend über Waldaufs Worte nachdenkt. Die Farbe des Abdrucks wechselt von Rot zu Lila und dann zu blassem Grün, während die Laser-Scheinwerfer in dem dröhnend lauten und berstend vollen Club über die Wände tanzen.

Waldauf nimmt einen Schluck von seinem Whiskey Sour und zündet sich eine Zigarette an, während er auf ihre Antwort wartet. Er rechnet mit einem einfachen Ja oder Nein. Stattdessen beugt sie sich zu ihm und sagt: „Ich hatte einmal eine Abtreibung. Eine richtige, in einer Klink. Weißt du, wie das ist?“

Waldauf schüttelt den Kopf.

„Kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn man Nein sagt zu seinem Baby?“

Sie blickt zur Decke und zieht die Nase hoch, versucht, sich nicht mit den Händen ihre Schminke zu verwischen.

„Ich weiß, wie das ist“, sagt sie. „Es ist scheiße. Und trotzdem tut man es, weil man irgendwie leben muss.“

Sie fischt ebenfalls eine Zigarette aus seiner Packung, zündet sie an, nimmt einen tiefen Zug und hustet.

„Sie zwingen einen dazu, verstehst du? Vanessa, eines der anderen Mädchen, hatte auch eine Abtreibung. Sie hat’s selbst gemacht. Mit einer Stricknadel oder so. Vielleicht war’s auch Oleg, ich weiß es nicht.“

Noch weiß Waldauf nicht, warum sie ihm das erzählt oder worauf ihre Geschichte hinausläuft. Aber wenn er etwas in seinem Job gelernt hat, dann ist es, Leute, die reden wollen, nicht zu unterbrechen und zuzuhören.

„Sie sagen, das hat er schon bei vielen Mädchen gemacht. Wenn sie sich keine Klink leisten konnten. Er ist einer von Shahids Leuten.“

Sie nimmt einen weiteren Zug, hustet und steckt den Zigarettenstummel in ihr Glas.

„Für die sind wir nur Fleisch. Und wenn wir nicht mehr funktionieren … Vanessa hat getrauert um ihr Baby, verstehst du? Sie war jung, keine zwanzig, beinahe selbst noch ein Kind. Und … ich weiß nicht, was sie genommen hat oder was sie ihr gegeben haben, jedenfalls ist sie umgekippt. Hat sich nicht mehr bewegt. Der Typ, den sie gerade bei sich auf dem Zimmer hatte, ist völlig ausgeflippt, hat herumgeschrien, er wolle damit nichts zu tun haben. Shahid hat ihm zwei Hunderter gegeben und ihn nach Hause geschickt. Hat ihm gesagt, die Rettung sei schon auf dem Weg und er würde sich um alles kümmern. Zwei Tage später hatte ein anderes Mädchen Vanessas Zimmer. Sie haben sie einfach … ersetzt. Die Rettung ist nie gekommen.“

Sie blickt Waldauf in die Augen.

„Ich weiß, was du von mir willst.“

Dann kaut sie an ihren Fingernägeln und schnauft.

„Aber was passiert dann mit mir, nachdem ich dir erzählt habe, was du wissen willst?“

„Wenn du eine offizielle Aussage machst, kommst du ins Zeugenschutzprogramm.“

Sarah schnauft wieder.

„Nein“, sagt sie. „Ich will Garantien. Ich will da raus, verstehst du?“

Waldauf verspricht ihr Garantien. Er verspricht ihr einen Neuanfang, ein neues Leben. Die Zigarette schwimmt in dem halb vollen Glas. Der Lippenstift leuchtet rot.

***

Waldauf weiß nicht, wo er anfangen soll. Er ist etwa zwei Kilometer gelaufen und blickt sich um. Vor ihm erstreckt sich eine kleine Siedlung, vereinzelte alte Bauernhöfe, größtenteils moderne Ferienhäuser. Aus einem Mangel an Ideen beginnt er, die Namensschilder zu lesen. Er betrachtet die Häuser, während er die schmalen Wege entlangspaziert, und fragt sich, wie Anke wohl wohnt.

Was, wenn sie Kinder hat und einen Mann? Einen mittelgroßen Hund mit struppigem, beigem Fell und getrocknetem Matsch an den Pfoten. Was, wenn es ihr überhaupt nicht passt, dass er einfach so bei ihr aufkreuzt?

Ein älteres Paar kommt ihm entgegen und grüßt Waldauf mit neugierigen Blicken.

„Guten Tag“, antwortet er. „Wissen Sie, ob hier in der Nähe eine Anke wohnt? Etwa eins siebzig groß, mittellanges, blondes Haar.“

„Meinen Sie Frau Manning?“

Darauf weiß Waldauf keine Antwort.

„Ach, Sie meinen bestimmt Frau Manning“, sagt die Frau und stößt ihren Mann, bei dem sie sich untergehakt hat, in die Seite. „Was denkst du, Hans? Er meint doch bestimmt Frau Manning, nicht?“ Hans nickt pflichtbewusst.

„Es gibt nicht gerade viele Leute, die das ganze Jahr hier wohnen, und ich wüsste nicht, wer hier sonst noch Anke heißen sollte“, spricht sie weiter.

Waldauf folgt ihrer mit blumigen Details ausgeschmückten Wegbeschreibung, bis er vor einem hellblau gestrichenen Haus steht, verharrt und wartet. Er hat sich ein paar Dinge zurechtgelegt, die er sagen möchte. Anke soll verstehen können, aber er will sie damit nicht überfallen. Offizielle Gespräche als Polizist sind ihm immer leichtgefallen, es gibt einen klaren Auftrag, ein Ziel, die einzelnen Fragen ergeben sich ganz automatisch. Private Gespräche sind komplizierter, das Ziel ist unklar, zur inhaltlichen Ebene kommt eine persönliche hinzu. Waldauf war nie besonders gut darin.

Dann nimmt er eine Bewegung hinter einem der Fenster wahr und schaut auf. Er sieht ihre Silhouette durch den warmen Lichtschein wandern. Es ist Abend, und der Wind hat aufgefrischt. Möglicherweise möchte sie ungestört sein, vielleicht ist der Zeitpunkt ungünstig. Soll er besser noch einmal über die Sache schlafen? Es war eine dumme Idee herzukommen. Waldauf wendet sich ab und läuft ein paar Schritte die Straße entlang, als er ihre Stimme hinter sich hört.

„Lukas?“

Er dreht sich zu ihr um.

„Was …?“ Vermutlich will sie ihn fragen, was er hier tut, besinnt sich aber und sagt: „Warten Sie kurz.“

Sie schließt das Fenster, von dem aus sie ihm zugerufen hat. Waldauf wartet. Kurz darauf kommt sie die Straße hinter ihm hergelaufen.

„Ich habe nach Ihnen gesucht“, sagt er und beißt sich auf die Lippen. Was für eine idiotische Eröffnung.

„Gefunden“, sagt sie und grinst.

„Ich wollte mit Ihnen reden … über Ihren Besuch heute.“

„Sollen wir ein Stück gehen?“

„Ja, das wäre … vermutlich hilfreich.“

Sie laufen nebeneinanderher, während Waldauf nach den richtigen Worten sucht.

„Sehen Sie, es ist … kompliziert. Ich habe über Ihre Frage nachgedacht. Vielleicht könnte ich mit Ihrer Bekannten sprechen, ihr die übliche Vorgehensweise erklären. Wenn Sie der Meinung sind, dass ihr das helfen könnte.“

„Ja, das würde vielleicht ein paar Dinge klarer machen. Sie macht sich große Sorgen. Es ist … sehr schwer für sie. Verstehen Sie, sie weiß, dass ihr Sohn diese Tat nicht begangen hat. Vermutlich gab es nicht einmal eine Tat. Es muss alles ein … schrecklicher Unfall gewesen sein.“

„Ja, ich verstehe. Ich könnte ja morgen … also, falls das geht?“

„Ja, morgen wäre gut. Warten Sie, ich schreibe Ihnen die Adresse auf und werde Sie ihr ankündigen.“

Sie läuft zurück zum Haus und kommt kurz darauf mit einer handgeschriebenen Notiz zurück.

„Das ist ihr Name und die Adresse … und das ist meine Telefonnummer, falls Sie … nun ja, falls Sie reden wollen.“

Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich danke Ihnen.“

5. Der 23. Mai

Waldauf parkt seinen dunkelgrünen SUV ein Stück weit die Straße runter und läuft den restlichen Weg zu Fuß. Es ist eine schöne Siedlung mit gepflegten Gärten und Häusern am nördlichen Stadtrand von Wilhelmshaven. „Wandern mit den Alpakas“ steht auf einem Schild an einem Gartenzaun zu lesen. Nicht gerade die Gegend für zwielichtige Verbrechen, geschweige denn Mord, denkt Waldauf, aber was heißt das schon?

Er sucht nach der Adresse auf dem Zettel, während ihn Ankes Telefonnummer immerzu aufzufordern scheint, es schneller zu tun, damit er bald Neuigkeiten zu berichten hat.

„Sie müssen Ankes Freund sein“, begrüßt ihn die dunkelhaarige Frau, nachdem sie die Tür geöffnet hat.

„Ihr … Freund, ja.“

„Ich bin Elisabeth. Bitte, kommen Sie herein.“

„Waldauf“, sagt Waldauf.

Sie lächelt und ist offenkundig bemüht, ihre Anspannung im Zaum zu halten, aber Waldauf sieht die Spuren der letzten Nacht. Dunkle Augenringe, gerötete Wangen, zitternde Hände. Sie hat vermutlich kaum geschlafen.

„Vielen Dank.“

Sie führt ihn an einen großen Esstisch in einer modernen und chic eingerichteten Wohnküche. An den Wänden hängen Fotos. Alles ist schlicht, sauber, ordentlich. Elisabeth Buchner setzt sich ihm gegenüber. Auf dem Tisch stehen eine Karaffe mit Wasser und zwei Gläsern angerichtet. Sie streicht sich ihr Haar hinter die Ohren, legt die Hände auf den Tisch, verschränkt die Finger ineinander. Waldauf weiß, dass es nicht viel braucht, um den Damm zu brechen.

„Schön haben Sie es hier“, sagt er, und ihr Kinn beginnt zu beben. „Sie machen das sehr gut.“ Er möchte ihr keine Zeit geben, zu lange nachzudenken. Solange er spricht, wird sie ihre Konzentration auf seine Worte richten.

„Ich weiß nicht, wie viel Ihnen Anke schon erzählt hat. Wir kennen uns noch nicht allzu lange. Eigentlich sind wir nur Nachbarn. Ich bin erst vor Kurzem in die Gegend gezogen. Davor war ich Polizist, Ermittler bei der Hamburger Kriminalpolizei. Deswegen kann ich Ihnen ein wenig über die übliche Vorgehensweise bei Fällen mit Mordverdacht erzählen und über den Ablauf solcher Ermittlungen. Ich werde Ihnen zwischendurch einige Fragen stellen, wenn das für Sie in Ordnung ist. Keine Sorge, nichts allzu Privates, und wie gesagt … ich bin kein Polizist mehr. Das ist keine Vorladung. Sie müssen also keine meiner Fragen beantworten, wenn Sie das nicht wollen.“

„Ich will meinen Sohn zurück“, sagt sie und ringt erneut um Fassung.

„Daran arbeiten wir. Haben Sie bereits einen Anwalt hinzugezogen?“

„Mein Mann … kümmert sich darum.“

„Das ist gut. Ich kenne einige Anwälte in Hamburg. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein paar Namen nennen.“

Sie nickt und holt nun doch ein Taschentuch hervor, von dem Waldauf weiß, dass es schon die ganze Zeit über da gewesen ist.

„Gut. Einen Anwalt einzuschalten ist der wichtigste Schritt. Dann kommen wir zu einem Teil, der wesentlich schwerer wird. Sie müssen mir alles erzählen, was Sie wissen.“

Waldauf holt ein kleines, schwarzes Buch hervor.

„Und wenn Sie gestatten, werde ich mir einige Notizen machen.“

Später wird Waldauf sich oft fragen, wie es dazu kommen konnte, dass er nun wieder mit Toten zu tun hat. Hat er den Job nicht genau deswegen an den Nagel gehängt, um mit alldem abzuschließen? Wieso kann er nicht loslassen, und was … was hat diese Anke nur an sich, dass er ihr keinen Wunsch abschlagen kann?

Elisabeth erzählt Waldauf alles, was sie bisher in Erfahrung bringen konnte. Sie erzählt über Tom und Christina und alles, was sie über den Unfall, wie sie es nennt, weiß. Und über ihre endlosen ergebnislosen Telefonate mit der Polizei.

„Sie lernten sich im Studium in Hamburg kennen, und seit etwa zwei Jahren sind sie ein Paar. Tom ist … war … ist verrückt nach ihr. Ich denke, er liebt Christina wirklich sehr … und jetzt …“ Sie schluchzt, vergräbt das Gesicht in ihren Händen.

„Jetzt ist sie fort, und er ist … ganz allein da drinnen, im Gefängnis, wie ein Schwerverbrecher. Er hat alles verloren … und niemanden, mit dem er darüber reden kann. Ich habe schreckliche Angst um ihn, und gleichzeitig … muss ich ständig an Christinas Mutter denken … diese arme Frau.“

„Kennen Sie sie?“

„Nicht besonders gut, nein. Es ist nicht gerade leicht, mit ihr zu sprechen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun … Christina. Sie ist Christina Riemann.“

„Riemann.“

„Die Tochter von Henning Riemann, dem Unternehmer.“

„Das heißt, sie ist reich?“

„Ihre Familie zählt zu den reichsten Deutschlands. Sie besitzen Häuser und Firmen und, na ja, dementsprechend reserviert sind sie. Sie leben ziemlich zurückgezogen.“

Waldauf legt Daumen und Zeigefinger an seinen Nasenrücken, während er nachdenkt.

„Bitte erzählen Sie mir alles, was Sie über den Unfall wissen.“

Zwei Tage zuvor, am 23. Mai, sind Tom und Christina mit einem Segelboot der Riemanns hinausgefahren. Sie sind vormittags gegen 10:00 Uhr von dem kleinen Hafen auf Juist gestartet. Dort besitzen die Riemanns ein Ferienhaus. Etwa zwei Stunden später und einige Kilometer vor der Küste der Nordseeinsel Norderney, vielleicht war die See an diesem Tag ungewöhnlich rau, ist Christina gestürzt. Vielleicht hat sie sich den Kopf gestoßen. Sie ist ins Wasser gefallen und nicht wieder aufgetaucht. Tom hat das Boot gewendet, den Bug in den Wind gedreht. Die Stelle, an der Christina über Bord gefallen ist, war nicht leicht zu finden, die See unruhig. Tom hat nach ihr gesucht. Als er sie nicht finden konnte, hat er über Funk die Seenotrettung alarmiert. Er ist befragt worden, und nachdem ihn seine Mutter abgeholt und nach Hause gebracht hat, ist er am folgenden Tag dann verhaftet worden.

„Wenn er so schnell in Gewahrsam genommen wurde, muss es stark belastende Beweise geben oder … andere Gründe. Hat Ihr Sohn hier bei Ihnen gewohnt?“

„Ja, nun, übers Wochenende. Unter der Woche wohnte er in Hamburg, wegen des Studiums.“

Nachdem er sich alles notiert hat, erhebt sich Waldauf und streckt seinen Rücken.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich ein wenig umsehe?“

„Nein, aber die Polizei hat schon alles mitgenommen.“

„Was haben sie mitgenommen?“

„Fotos, sein Portemonnaie, seinen Laptop, Handy, die Schuhe, die er an jenem Tag getragen hat … ich weiß nicht mehr, es ist alles so … unwirklich.“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde nichts mitnehmen.“

Toms Mutter begleitet ihn die Treppen hoch in ein Zimmer, das genauso ordentlich ist wie die Wohnküche im Erdgeschoss. Waldauf sieht sie an.

„Ich habe aufgeräumt … konnte nicht schlafen. Das war dumm, nicht wahr?“

„Nein, das macht nichts.“

„Wissen Sie, was mir nicht aus dem Kopf will? Er hat immerzu gesagt, dass es seine Schuld sei. Und ich weiß nicht, was er damit meint. Ist es seine Schuld, dass sie über Bord gefallen ist? Oder dass sie immer noch dort draußen ist, irgendwo? Als ich ihn an jenem Tag abholte, war er immer noch pitschnass. Er ist ihr hinterhergesprungen, hat sie gesucht. Doch das Boot ist immer weiter fortgetrieben. Er musste zurück. Dann hat er den Funkspruch abgesetzt. Ich weiß nicht, wie lange er da draußen nach ihr gesucht hat.“

„Denken Sie, er wollte etwas gestehen?“

„Gestehen? Nein, ich denke … Ich weiß es nicht.“

Waldauf berührt sie an der Schulter und deutet auf Toms Schrank.

„Gestatten Sie?“

Elisabeth hat die Arme um ihren Körper geschlungen und nickt. Waldauf öffnet die Schranktüren, betrachtet Toms Kleidung, Turnhosen, Sweatshirts, zwei elegante Anzüge. Er weiß noch nicht, wonach er sucht, das weiß er anfangs nie, durchstöbert die Sockenschublade, den Rucksack, der auf dem Boden des Schranks steht, die Sporttasche und arbeitet sich nach und nach durch Toms gesamtes Zimmer. Er betrachtet die Bücher, die auf den Regalen stehen, fährt mit dem Finger über einige der Buchtitel.

„Hat Ihr Sohn viel gelesen?“

„Nun, ab und zu, denke ich, wie jeder.“

Waldauf prägt sich die Titel mancher der Bücher ein und nickt. Dann widmet er sich den Fotos, die an einer Pinnwand über dem Schreibtisch befestigt sind.

„Sie sehen glücklich aus“, sagt er, als er eines der Fotos betrachtet.

„Ja, das war ihr letzter gemeinsamer Urlaub, letzten Herbst. Sie sind mit einem geliehenen Camper durch Skandinavien gefahren. Das ist das Opernhaus in Oslo.“

„Sehr schön. Sieht sehr professionell aus.“

„Ja, sie sind hochgefahren, um die Polarlichter zu beobachten. Und sie zu fotografieren. Christina hat es geliebt, Fotos zu machen.“

„Führte Ihr Sohn ein Tagebuch oder … macht er irgendeine andere Art von Notizen?“

„Nein, nicht dass ich wüsste.“

„War er auf Social Media?“

„Ich nehme an, er hatte Profile, so wie alle jungen Leute.“

„Wissen Sie, ob ich sie unter seinem echten Namen finden kann?“

„Nein, tut mir leid. Um ehrlich zu sein, war ich in solchen Dingen nie besonders aktiv.“

„Das macht nichts. Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich ein paar Bilder mache?“

Er holt sein Handy heraus. Elisabeth nickt. Waldauf macht Fotos vom Schrank, von der Pinnwand, den Büchern. Er fotografiert einige Kleidungsstücke.

„Was macht Ihr Sohn gerne? Womit verbringt er seine Zeit?“

„Wenn er nicht bei Christina ist … war …“ Elisabeth macht einen tiefen Atemzug. „Er liebt das Meer, wie die meisten hier. Er macht Sport, trifft sich mit Freunden, geht aus. Er verbringt viel Zeit mit dem Studium, liest viel. Wie ein ganz normaler Junge eben.“

„Hat er einen besten Freund, Sie wissen schon, jemand, dem er sich anvertrauen würde?“

Für einen kurzen Augenblick wirkt sie verletzt, dann nickt sie.

„Eine Liste wäre hilfreich“, sagt Waldauf. „Personen, mit denen Tom und Christina in engem Kontakt standen. Freunde, Familie, Kommilitonen, alles, was Ihnen einfällt. Und Telefonnummern, Adressen, sofern Sie sie kennen.“

„Ja, ich kann … ich schreibe etwas für Sie zusammen.“

Sie macht sich auf den Weg nach unten.

„Ich bin gleich bei Ihnen. Nur noch ein paar letzte Fotos.“

„Lassen Sie sich Zeit.“

Als Waldauf allein ist, setzt er sich auf Toms Bett. Er versucht, den Ort in sich aufzusaugen, überprüft noch einmal alle Fotos, die er gemacht hat, und vergleicht sie mit den realen Gegebenheiten. Er schaut aus dem Fenster auf den darunterliegenden Garten, die im Wind wogenden Baumkronen und die grauen Wolkenbänder dahinter. Als er sich nochmals zu dem Raum umdreht und sich dabei vergewissert, dass Elisabeth tatsächlich unten im Erdgeschoss ist, beginnt er zu stöbern. Er hebt die Matratze hoch, zieht ein Nachtschränkchen von der Wand weg und schaut dahinter. Im Schrank greift er hinter die Stapel sorgfältig zusammengelegter Kleidung. Er wühlt in der Sockenschublade. Wenn dieser Junge Geheimnisse hat, dann anscheinend nicht hier, in diesem Zimmer. Waldauf marschiert durch den Raum und stampft an manchen Stellen auf den Holzboden, doch keine der Dielen klingt hohl. Sein Blick fällt abermals auf das Regal mit den Büchern, und diesmal weckt einer der Titel seine Neugier. Es ist ein altes Buch, ein Horrorroman, der nicht ganz zu den Technik- und Fachbüchern und den wenigen neueren Romanen passen will. Der Titel lautet „Christine“.

„Kam Ihnen in den letzten Tagen und Wochen irgendetwas an Tom merkwürdig vor?“, fragt Waldauf, als er wieder in dem großen Wohnraum steht.

„Nein“, sagt Elisabeth über ein Blatt Papier gebeugt, auf dem sie angefangen hat, sich Notizen zu machen. „Eigentlich war alles wie immer. Wobei … nun ja, vielleicht war da eine Sache, aber ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt etwas zu bedeuten hat.“

„Das ist nicht weiter schlimm. Alles, was Sie sagen, kann hilfreich sein. Nur zu.“

„Vor Kurzem erwähnte er den Namen Chiko am Telefon, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Es war ihm anscheinend unangenehm, denn als ich hereinkam, hat er das Thema gewechselt.“

„Steht der auf der Liste?“

Elisabeth wirft einen Blick auf ihre Aufzeichnungen und ergänzt den Namen.

6. Arbeitsraum

„Delfs“, meldet sich die Stimme nach dem ersten Läuten.

„Was weißt du über den Fall der jungen Riemann?“, fragt er mit dem Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, während er seinen Wagen steuert.

„Waldauf, bist du das? Kein ‚Hallo, Bruno!‘ oder ‚Wie geht es dir?‘?“

„Es tut mir leid, Bruno, ich hab echt nicht viel Zeit …“ Waldauf weiß nicht, warum er diesen Satz sagt, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht um nicht Gefahr zu laufen, über sich selbst reden zu müssen.

„Das hattest du noch nie … warum rufst du mich an?“

„Hier in Wilhelmshaven gibt es einen Fall mit Mordverdacht. Das Opfer heißt Christina Riemann. Ich brauche alle Informationen, die du dazu hast.“

Ein trockenes Lachen am anderen Ende der Leitung.

„Ich weiß zwar nicht, was du gerade treibst“, sagt Bruno. „Aber du bist kein Polizist mehr, Waldauf.“

„Ja, ich weiß, aber der Fall könnte komplizierter sein, als die hier oben annehmen. Was kannst du mir erzählen?“

„Erzählen? Gar nichts, aber das hast du sowieso schon vorher gewusst. Also noch mal, warum rufst du mich an?“

„Denkst du, die haben den Fall hier im Griff?“

Bruno seufzt.