Mordshitze in Hamburg - Markus Kleinknecht - E-Book

Mordshitze in Hamburg E-Book

Markus Kleinknecht

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Beschreibung

Gnadenlos brennt die Sonne auf Hamburg nieder. Die Hitze liegt wie ein Fluch über der Stadt, treibt Hanseaten wie Touristen an ihre Grenzen – und darüber hinaus. Während die Nächte schlaflos glühen, wird zwischen Hafen, Elbstrand und Villenvierteln geraubt, gemordet und gemeuchelt. Aus diesem Glutofen scheint es kein Entkommen zu geben.

In 13 Kurzgeschichten entfaltet sich ein mörderischer Reigen aus Krimi, Grusel und Seemannsgarn. Jede Geschichte steht für sich – und ist doch Teil eines dichten Netzes krimineller Energie.

Ein augenzwinkerndes Sommervergnügen für alle Urlauber und Daheimgebliebenen, das Hamburg von seiner heißesten und gefährlichsten Seite zeigt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Markus Kleinknecht

Mordshitze in Hamburg

13 Sommerkrimis mit Biss

 

über den Autor

Markus Kleinknecht ist ein Hamburger Fernsehjournalist. Polizeigeschichten und Gerichtsprozesse gehören seit über 25 Jahren zu seiner Arbeit. Das Leben scheint ihm deshalb oft viel wahnsinniger, als er es sich ausdenken kann. 
Bekannt wurde er durch seine Thriller rund um das Hamburger Journalistenpaar Charlotte Sander und Jan Fischer. 
Kleinknecht lebt mit seiner Familie und einem Border-Collie-Mischling im Hamburger Speckgürtel.
Mehr auf der Homepage: 
www.markuskleinknecht.de

 

IMPRESSUM

1. Auflage 2026

© 2026 by hansanord Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages nicht zulässig und strafbar. Das gilt vor allem für Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikrofilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN Buch 978-3-69286-002-2

ISBN E-Book 978-3-69286-003-9

Cover | Umschlag: Karina Braun

Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de

Autorenfoto: © Studio Gleis 11

Lektorat: Hanna Luksch

Für Fragen und Anregungen: [email protected]

Fordern Sie unser Verlagsprogramm an: [email protected]

hansanord Verlag

Johann-Biersack-Str. 9

D 82340 Feldafing

Tel. +49 (0) 8157 9266 280

FAX +49 (0) 8157 9266 282

[email protected]

www.hansanord-verlag.de

Inhalt

Blauer Engel mit Streuseln
Ein Tag am Strand
Herzensbrecher
Kein Entkommen
Der Summer
Charlotte in der Unterwelt
Der Pedant
Alles Zufall
Kein Mädchen zum Verlieben
Privates Logbuch des Kapitäns
Der Apfel
Das Kapitänshaus an der Elbe
Die Schatzsucher
Nachwort

Blauer Engel mit Streuseln

»Man sagt, der stumme Schrei in seinen Bildern sei der innere Schmerz des Malers. Die aufgerissenen Augen in seinen Werken sollen ein Symbol seiner Seele sein. Die Blitze seiner Gewitterbilder seine eigene Zerrissenheit darstellen.«
»Sagt man das?«, erwiderte Marvin Stolzenburg.
Die Frau, die sich neben ihn gestellt hatte, um das großformatige Bild vor ihnen zu betrachten, lächelte, ohne den Kopf zu wenden. »Das habe ich jedenfalls im Katalog gelesen.« Sie zeigte ein schmales Heft in ihrer Hand.
»Raffiniert«, gab Marvin zurück und wartete darauf, dass die Frau den Blick zu ihm drehte. Sie war einen Kopf kleiner als er, trug ein gelbes Sommerkleid mit dünnen Trägern und weiße Pumps. Etwas underdressed für eine Vernissage mit exklusiv geladenen Gästen. Doch hinreißende Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken, die unregelmäßig wie Streusel auf einem Kuchen verteilt waren, glichen dies mehr als aus. Die junge, unprätentiöse Frau wirkte auf Marvin weit interessanter als die aufgedonnerten Schönheiten in ihren teuren Abendkleidern, mit denen er sich als Gastgeber bisher abgeben musste.
»Was sagt man noch über den Künstler?«, fragte Marvin, der davon überzeugt war, dass die Frau neben ihm wusste, mit wem sie sprach. Immerhin hing in der Eingangshalle ein großes SchwarzWeiß-Porträt von ihm.
»Außerdem sollen die Frauen auf ihn fliegen«, fuhr sie fort und zuckte mit den Schultern. »Wenn’s stimmt, was man so hört.«
Marvin lachte kurz auf. »Und er soll mit seinen Bildern ein Vermögen verdienen«, fügte er hinzu.
Die Bilder verkauften sich in der Tat prächtig. Das Reizvolle an seinem Werk: Marvin Stolzenburg war ein zweifacher Frauenmörder, und mit dem Malen hatte er erst im Gefängnis begonnen. Besonders gute Führung und sein Talent hatten aus ihm einen Vorzeigehäftling gemacht. So war er in die Gunst einer vorzeitigen Entlassung gekommen. Der Hamburger Innensenator nannte ihn ein Beispiel für hervorragende Resozialisierung und ließ es sich nicht nehmen, bei der Ausstellungseröffnung dabei zu sein. Marvin Stolzenburg war nach seiner Entlassung in der Welt der zeitgenössischen Kunst wie ein Komet am Himmel erschienen. Die Hamburger Szene war verzaubert von seinen Bildern und entzückt darüber, dass er der Hafenstadt an der Elbe weiterhin treu blieb, obwohl auch München und Berlin mit ihren dicken Scheckbüchern winkten.
Ein Kellner jonglierte ein Tablett mit Champagnergläsern vorbei an Gästen und Stehtischen. Der Raum war gut besucht, doch immer wieder gelang es ihm, einen Durchschlupf zu finden. Nun reagierte der junge Mann auf Marvins Winken. Der Künstler nahm zwei Gläser entgegen, an denen sich der schwüle Sommerabend in kleinen Perlen niederschlug. Mit einem gewinnenden Lächeln hielt er der Frau neben sich einen der schmalen Kelche entgegen. Endlich drehte sie sich zu ihm. Sie war etwa zehn Jahre jünger als er, wirkte in ihrem Kleidchen frisch wie ein Sommermorgen und erinnerte ihn aus irgendeinem Grund an eine Grundschullehrerin. »Ich vertrage leider keinen Sekt«, bedauerte sie. »Bin immer wahnsinnig schnell beschwipst.«
Marvin zog die Champagnerflöte nicht zurück. »Nur ein Gläschen.«
Die junge Frau legte den Kopf leicht schief und sah den viel größeren Mann mit den Augen eines Rehs an, das in das Scheinwerferlicht eines heranrasenden Autos geraten war. Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem kaum merklichen Lächeln. »Auf einen außergewöhnlichen Künstler«, sagte sie und stieß mit ihm an. Roter Lippenstift blieb am Rand ihres Glases haften.
Natürlich irrte sie sich genauso wie seine Kritiker, was die Inspiration für die Bilder betraf. Der Schmerz, den er malte, war nicht sein eigener. Die Blitze und düsteren Landschaften auf der Leinwand keine innere Zerrissenheit. Seine Bilder zeigten eins zu eins das, was Marvin beim Morden gesehen hatte. Die Angst in den Augen der Frauen, denen er seine Hände um den Hals gelegt hatte. Ihr physischer Schmerz, während ihre Lungen nach Sauerstoff rangen. Die Verzweiflung. Zunächst noch Gegenwehr. Dann kam irgendwann das Begreifen, dass sie nun sterben würden. Das Leben floss aus ihren Körpern wie Badewasser in den Abguss, ganz zum Schluss verschwand es aus ihren Augen.
»Marvin Stolzenburg«, sagte er und stieß noch einmal mit der jungen Frau an, um anschließend den Rest aus dem Glas in einem Schluck zu leeren.
»Angie«, gab die junge Frau zurück und trank ebenfalls in einem Zug aus. »Aber trauen Sie dem Namen nicht. Ein Engel bin ich ganz bestimmt nicht.«
Ihr beigefügtes Lachen klang bezaubernd. Am liebsten hätte Marvin ihr gleich hier, jetzt und sofort die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Er sah in seinen Gedanken, wie ihre Beine irgendwann wegknickten und er sich mit ihr, noch immer mit den Händen um ihren Hals, langsam zu Boden gleiten ließ. Vorsichtig. 
Einem Liebespaar ganz ähnlich.
Marvin winkte dem Kellner nach einem zweiten Glas Champagner. Er fühlte sich euphorisch. Dass er an diesem Abend auf eine solche Frau treffen würde, hatte er nicht erwartet. Sie erfüllte alle Kriterien. Sie war hübsch, aber nicht zu schön. War jung, aber kein Kind mehr.
»Jetzt wollen Sie mich aber wirklich betrunken machen«, stellte Angie mit gehobenen Augenbrauen fest.
Marvin winkte ab. »Aber wenn Sie nicht mit mir trinken, muss ich dem Sicherheitsdienst verraten, dass Sie ohne Einladung hier sind.«
Angie hob die Augenbrauen, und ihre Stirn schlug Falten. »Sieht man mir das so deutlich an?«
»Und ob. Wie haben Sie es überhaupt hier reingeschafft?«
»Durch den Seiteneingang. Ich habe mich heimlich durch den Hinterhof geschlichen. Weil ich Sie so bewundere. Nur deshalb. Ihre Bilder sind so unglaublich ausdrucksstark. Sie werden mich doch nicht wirklich verraten?« Angie legte eine Hand auf ihr gerötetes Dekolleté. Dabei glitzerte eine dünne Kette mit einem kleinen Engelsanhänger an ihrem Hals. Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. »Selbst wenn, das war der Spaß wert.«
Marvins Lachen hallte durch den Raum. Köpfe drehten sich in seine Richtung. Mit wem amüsierte sich der Künstler denn so gut? Zwar war er bekannt für das Erzählen guter Geschichten, doch so ausgelassen sah man ihn selten.
Marvin und Angie stießen mit zwei neuen Gläsern an.
Frauen sind faszinierende Wesen, dachte er. Sie wissen, wozu ich in der Lage bin, wissen, was ich anderen Frauen angetan habe, und trotzdem wollen sie in meiner Nähe sein. Sie haben mir ins Gefängnis geschrieben. Einige wollten mich dort besuchen und sogar heiraten. Bist du auch so eine Frau, Angie? Bist du ein Groupie? 
Oder hast du wenigstens das Zeug dazu? Ich glaube, du hast es.
»Ich trinke dieses Glas noch aus«, unterbrach Angie seine Gedanken, »und dann verschwinde ich wieder still und heimlich durch den Seiteneingang, durch den ich gekommen bin.«
»Und werfen mich den anderen Langweilern zum Fraß vor?« 
Marvin schüttelte den Kopf. »Das können Sie mir nicht antun.«
Verurteilt hatte man ihn für den Mord an zwei Frauen. In Wirklichkeit waren es sechs, die durch seine Hände gestorben waren. Er hatte mit der Zeit gelernt, seine Spuren zu beseitigen. Doch bei den beiden ersten war er nicht vorsichtig genug. Nur deshalb hatten sie ihn gekriegt. Heute, davon war Marvin überzeugt, würde ihm niemand mehr etwas beweisen können.
Dass er es irgendwann wieder tun würde, wusste er die ganze Zeit. Er wusste es im Gefängnis. Er wusste es bei den Gesprächen mit den Psychologen, die ihre Gutachten über ihn verfassten. Und er wusste es, während der Innensenator immer wieder über gelungene Resozialisierung schwadronierte. Marvin dachte daran, ein Haus im Grünen zu kaufen, weit genug weg von Nachbarn, die Schreie hören könnten.
Ein schlechtes Gewissen kannte Marvin nicht. Es gab so viele Menschen auf der Welt. Seine Morde würden daran nichts ändern. Erdbeben töteten viel mehr Menschen. Frauen starben bei Autounfällen, ohne dass ein Hahn danach krähte. Erst neulich war eine junge Mutter in einen Altkleidercontainer geklettert, um ein hineingeworfenes Kleid herauszufischen, war dabei eingeklemmt worden und nach einer Weile erstickt. Na und? Änderte das irgendetwas am Lauf der Welt? Natürlich nicht. Nur bei Mord regten sich alle auf. Mord war verboten. Aber das waren von Menschen geschaffene Gesetze. Die Gesetze der Natur sahen anders aus.
»Was soll ich nur machen, wenn Sie gehen?«, fragte Marvin. »Ohne Sie halte ich es hier doch keinen Moment länger aus.«
»Ist das so?«, erwiderte Angie, wobei ihre Aussprache nicht mehr so deutlich war wie noch vor einigen Minuten. »Dann musst du dich wohl mit mir rausschleichen«, kicherte sie. »Ich kenne den Weg.«
Er war sich des Risikos bewusst, die Veranstaltung mit dieser Frau zu verlassen. Denn noch war nicht alles für einen perfekten Mord vorbereitet. Aber er war sich ebenfalls sicher, dass Angie nicht ihr richtiger Name war. Wenn er sie gehen ließ, wusste er deshalb nicht, wie er sie unter fast einer Million Frauen in dieser Stadt wiederfinden sollte.
»Ups, habe ich du gesagt?«, fragte die junge Frau und legte sich kurz zwei Finger über die kirschroten Lippen. »Entschuldigung. Ist mir einfach so rausgerutscht.«
»Kein Problem«, erwiderte der Künstler und stieß sein Glas noch einmal mit ihrem an, obwohl beide mittlerweile leer waren. »Ich bin der Marvin.«
Als sich die junge Frau zu ihm nach vorn beugte, berührte ihr warmer Atem seinen Hals. »Angie. Aber vertrau dem Namen nicht. Ein Engel bin ich ganz bestimmt nicht.«
Auf einem der langen Flure des Polizeipräsidiums am Hamburger Stadtpark zog Kriminalhauptkommissarin Aylin Dilmen ihren Kollegen Peer Busch zur Seite. »Lass mich dabei sein. Du weißt doch, was ich über den Mistkerl denke. Und nun endlich haben wir die Möglichkeit, ihn festzunageln.«
»Gerade weil ich es weiß, geht es nicht«, wehrte Busch ab. Selten hatte ein Name besser gepasst als bei dem Beamten der Mordkommission. Sein Gesicht war fast vollständig unter einem dichten Vollbart versteckt und weiter oben standen die Haare strubbelig vom Kopf ab wie bei einem Fußballspieler der 1970er.
»Ich spiele nur stilles Mäuschen«, beharrte Aylin Dilmen.
Peer Busch kannte die aufbrausende Art seiner Kollegin. Wenn ihr etwas gegen den Strich ging, konnte sie ihr türkisches Temperament kaum im Zaum halten. Dann tobte Wut in ihren Adern. Wen es traf, den traf es unerwartet. Denn Aylin war eine zierliche Person von gerade mal 160 Zentimetern; zwei Zentimeter größer als es die Einstellungsvoraussetzung für Frauen bei der Hamburger Polizei verlangte. Sie war passionierte Jeansträgerin und steckte meist in einer kurzen Lederjacke, die sie über T-Shirt oder Bluse trug. Heute hatte sie ihre Jacke im Büro gelassen. Es war einfach zu heiß in der Stadt.
Lange dauerte es nicht, bis Kriminalhauptkommissar Busch es bereute, Aylin trotz seiner Bedenken mit ins Verhörzimmer genommen zu haben. Denn obwohl er die Befragung leitete, mischte sich seine Kollegin immer wieder mit sarkastischen Bemerkungen ein. Wenn das so weiterging, musste er sie vielleicht nachträglich doch noch aus dem Zimmer schmeißen.
»Ich habe keine Ahnung, was ich noch sagen soll«, gab Marvin Stolzenburg zu Protokoll. »Aber damit auch Ihre Kollegin es versteht: Ich habe der Frau nichts getan. Warum sollte ich? Wäre doch auch extrem bescheuert von mir, nachdem mich alle auf der Vernissage mit ihr gesehen haben.«
»Nicht nur auf der Vernissage. Sie sind mit ihr weggegangen. Dafür gibt es Zeugen«, hakte Aylin ein, obwohl Stolzenburg an ihr vorbei nur in die Richtung von Kriminalhauptkommissar Busch sah.
»Bestreite ich nicht.«
»Was ist dann passiert?«, fragte Peer Busch. Ein Aufzeichnungsgerät dokumentierte die Befragung des bekannten Künstlers und noch berühmteren Frauenmörders. Seine Gesichtszüge schienen ungerührt. Stolzenburg trug einen schmalen Oberlippenbart und ein kleines Kinnbärtchen. Mit seinen dunklen Haaren erinnerte er an einen von Dumas’ Musketieren. Kein Wunder, dass die Frauen auf ihn flogen. Sie konnten nicht glauben, dass es der personifizierte Tod war, der dieses hübsche Gesicht trug.
Genau wie seine Kollegen konnte Peer Busch nicht verstehen, dass der Mann nach nur zehn Jahren Knast wieder auf die Menschheit losgelassen wurde. Aber Gefängnisleitung, Psychologen und der Innensenator sprachen von einer erfolgreichen Resozialisierung. Eindeutig eine politische Entscheidung, war Busch überzeugt. Die Behördenvertreter wollten beweisen, wie leistungsfähig der Hamburger Strafvollzug war.
»Stimmt es nicht, dass Sie diese Frau betrunken gemacht und dann mit in Ihre Wohnung genommen haben?«, wollte Peer Busch wissen und wiederholte damit eine bereits mehrfach gestellte Frage. »Weder das eine noch das andere«, wehrte Stolzenburg ab.
»Komisch, dass man dann Frauenschreie aus Ihrer Wohnung gehört hat«, bemerkte Aylin mit schneidender Stimme.
»Und wer behauptet das?«
Stolzenburg hatte mit seiner Frage den Schwachpunkt der Geschichte ausgemacht. Denn es war eine anonyme Anruferin, die am späten Abend ein mögliches Verbrechen gemeldet hatte. Offenbar eine besorgte Anwohnerin, die nicht befürwortete, dass ein ehemaliger Frauenmörder in ihrer Nachbarschaft wohnte. Dass sie ihren Namen nicht genannt hatte, konnte Peer Busch der Frau nicht verdenken. Wer wollte schon in den Fokus eines verurteilten Mörders geraten? Und vielleicht war in seiner Wohnung auch überhaupt nichts geschehen. Wenn die SpuSi nicht bald etwas fand, wusste Peer Busch, würde er Stolzenburg wieder gehenlassen müssen. Denn es war nur eine Zeugenbefragung und keine offizielle Verhaftung, die den Mann ins Präsidium befördert hatte.
»Wie hieß die Frau, mit der Sie weggegangen sind?«
»Habe ich schon gesagt.«
»Angie? Wirklich? Und dabei wollen Sie bleiben?«
»Keine Ahnung, ob sie wirklich so heißt. Zu mir hat sie jedenfalls Angie gesagt.«
»Praktisch«, meinte Aylin.
»Wieso?«, wollte Stolzenburg wissen.
»Weil wir so nicht nachprüfen können, ob sie verschwunden ist.«
»Ich bin allein nach Hause gefahren. Da war zu keiner Zeit eine Frau in meiner Wohnung. Weder Angie, noch sonst eine. Denn noch mal: Ich bin ja nicht blöd. Ich weiß doch, dass ihr mich auf dem Kieker habt. Für euch gibt es keine erfolgreiche Resozialisierung. Verbrecher bleiben Verbrecher. Weiß der Innensenator eigentlich, was hier läuft? Immerhin ist er hier der oberste Chef. Noch über dem Polizeipräsidenten. Oder etwa nicht? Ich finde, er sollte schon wissen, was hier gespielt wird.« »Kleiner Bastard«, zischte Aylin.
Die Bemerkung reichte Busch, um seine Kollegin aufzufordern, gemeinsam mit ihm den Raum zu verlassen. »Spinnst du?«, fragte er auf dem Flur. »Mit deinen Zwischenbemerkungen machst du alles kaputt.«
Aylin senkte den Blick. »Tut mir leid.«
»Du bleibst jetzt draußen. Ist deine Schicht nicht längst zu Ende?«
»Wer kann schon an Feierabend denken, wenn wir hier solch einen Pisser sitzen haben?«
»Ich verstehe dich ja«, erwiderte Peer Busch. »Aber wir müssen die Sache sauber durchziehen. Sonst fliegt sie uns um die Ohren.«
»Du hast nur Schiss vorm Innensenator.«
»Darum geht’s doch gar nicht. Aber ja, der Herr Innensenator will ganz sicher nicht, dass Stolzenburg rückfällig geworden ist. Denn das ist Politik, meine Liebe. Und damit willst du nichts zu tun haben.«
»Feigling.«
»Komm, verzieh dich jetzt, Aylin. Ab nach Hause.«
Peer Busch ließ seine Kollegin im Flur stehen. Je mehr er zu ihr sagte, desto weniger vernünftig würde sie reagieren. Stattdessen holte er zwei Becher Kaffee und ging zurück in den Verhörraum. Er legte dazu ein Paket Zucker und ein Döschen Kondensmilch auf den Tisch.
»Ich möchte mich für das Verhalten meiner Kollegin entschuldigen.«
»Schon gut«, erwiderte Stolzenburg. »Sie hat Feuer im Arsch. Ich mag das bei Frauen. Besser als so ein lauwarmer Schluck Wasser.« Sein Grinsen machte nun auch Peer Busch sauer.
»Ich starte wieder die Aufnahme«, sagte er und drückte die entsprechenden Knöpfe. »Wie ich höre, verkaufen Sie jetzt Bilder?«
»Ich male Bilder«, verbesserte Stolzenburg. »Mein Galerist verkauft sie.«
»Galerist«, wiederholte Peer Busch. »Klingt gut. So ein wenig über den Dingen stehend. Finden Sie nicht auch? Stehen Sie über den Dingen, Herr Stolzenburg?«
»Ich sehe nicht, wo das hinführen soll, Herr Busch, und würde deshalb jetzt gern nach Hause gehen. Können Sie das verstehen?«
»Nur noch ein Weilchen, dann sind wir hier fertig. Am besten erzählen Sie mir noch einmal, was aus dieser Angie wurde, nachdem Sie gemeinsam mit ihr die Galerie verlassen haben.«
»Ich habe sie in ein Taxi gesetzt und bin danach selbst nach Hause gefahren. Allein. Genau wie schon gesagt.«
»Von welchem Unternehmen war das Taxi?«
»Daran kann ich mich noch immer nicht erinnern. Es war ein Mercedes. Mehr weiß ich nicht.«
Peer Busch hoffte, dass die Durchsuchung der Wohnung bald abgeschlossen war, denn allmählich fielen ihm keine Fragen mehr ein. Er nahm einen Schluck Kaffee. Still und dunkel und heiß lag die Stadt hinter den Fenstern. Die Klimaanlage summte. Dann ging die Tür auf. Aylin Dilmen stürzte herein. 
»Hier!« sagte sie triumphierend und warf einen Stapel Fotos auf den Tisch. »Habe ich von den Kollegen der Verkehrsleitzentrale. Ist das nicht Ihr Jaguar, Herr Stolzenburg? Sind das nicht Sie da am Steuer? Und sitzt neben Ihnen nicht eine junge Frau?«
Peer Busch fischte ein Bild vom Tisch und betrachtete es. Das Foto war nicht besonders scharf, trotzdem konnte man Marvin Stolzenburg erkennen. Die Frau neben ihm war nicht so gut zu sehen.
»Ist das Angie?«, fragte Aylin. »Die Angie, die Sie angeblich in ein Taxi gesetzt haben? Das Foto ist von 22:37 Uhr. Und die Verkehrskameras zeigen, dass Sie auf dem Weg zu Ihrer Wohnung sind. Wie kann das sein, Herr Stolzenburg?«
Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust. Er schürzte die Lippen. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht.
»Können Sie die Fragen meiner Kollegin beantworten?«, wollte Peer Busch wissen.
»Und wenn schon«, entgegnete Marvin Stolzenburg. »Dann habe ich sie eben mit zu mir genommen. Aber getan habe ich ihr nichts.«
Die Blicke von Peer Busch und Aylin Dilmen kreuzten sich. »Sie geben zu, diese Angie, oder wie immer sie wirklich heißt, mit in Ihre Wohnung genommen zu haben?«
»Das ist doch kein Verbrechen.«
»Nein. Das allein nicht. Aber wo ist Angie denn jetzt?«
»Weiß ich nicht«, behauptete Marvin Stolzenburg. »Ich habe mich aufs Sofa gesetzt und kurz die Augen zugemacht. Es war ein anstrengender Abend. Und dann der Champagner. Ich habe das vielleicht unterschätzt.«
»Sie wollen also sagen, dass Sie eingeschlafen sind? Auf dem Sofa?«, fragte Aylin Dilmen in einem Ton, der klar machte, dass sie ihm kein Wort glaubte.
»Ja. Und aufgewacht bin ich erst wieder, als Ihre Leute an der Tür geklingelt haben.«
»Und zwischendurch hat sich Angie in Luft aufgelöst?«
»Natürlich nicht. Sie muss weggegangen sein. Vermutlich, weil ich eingeschlafen bin.«
Aylin nickte zustimmend. »Ganz sicher. So muss es gewesen sein. Sie ist von allein aus der Wohnung gegangen. Genauso, wie sie vorher allein mit dem Taxi weggefahren ist. Wir verstehen.«
»Sie verstehen gar nichts. Es war wirklich so. Ich bin eingeschlafen. Sonst habe ich gar nichts getan.«
»Bin gespannt, wie Sie das Ihrem Freund, dem Innensenator, klarmachen wollen«, entgegnete Peer Busch. »Denn einen Freund werden Sie brauchen, wenn Sie weiter bei dieser Geschichte bleiben. Wollen Sie uns nicht lieber erzählen, was wirklich passiert ist?«
Stiefel bis zu den Knien waren das Markenzeichen von Antonia Brennecke. Die Staatsanwältin hatte Bereitschaftsdienst, als die Polizei sie wegen eines möglichen Zwischenfalls bei Marvin Stolzenburg hinzuzog. Was Zwischenfall bedeute, hatte sie gefragt. Als von Hilfeschreien aus der Wohnung des rehabilitierten Frauenmörders die Sprache war, begab sie sich direkt zum Einsatzort. Beamte der Kriminalpolizei warteten zusammen mit Kollegen aus dem Streifendienst auf die Staatsanwältin. Auf einfaches Klingeln hatte Stolzenburg nicht reagiert, erzählte man ihr. Deshalb erließ Antonia Brennecke einen Durchsuchungsbeschluss mit der Begründung Gefahr in Verzug. Dies war möglich, da mitten in der Nacht kein Richter erreichbar war und die Staatsanwältin während ihres Bereitschaftsdienstes die Befugnis für die Anordnung von Durchsuchungen hatte.
Alles war schon bereit, die Wohnungstür aufzubrechen, als Stolzenburg doch noch öffnete. Er tat so, als habe er geschlafen, wollte das Klingeln der Streifenpolizisten nicht gehört haben. Ein erster Gang durch die Räume erbrachte nichts. Eine Frau wurde nicht gefunden. Die Staatsanwältin ließ Stolzenburg zum Polizeipräsidium bringen, dann begann die Arbeit der Spurensicherung.
Die Arme vor der Brust verschränkt und mit dem rechten Fuß nervös auf- und abwippend wartete Antonia Brennecke im Wohnungsflur auf Resultate, während die Mitarbeiter der Polizei in ihren weißen Schutzanzügen immer wieder an ihr vorbeiliefen. Fotos wurden gemacht, Türen und Gegenstände abgepinselt.
Peter Zieliński leitete die Ermittlungsgruppe in der Wohnung. Antonia Brennecke und er hatten nicht das beste Verhältnis zueinander. Warum genau konnte sie nicht sagen, aber Zieliński trug stets einen etwas herablassenden Zug um den Mund, wenn die beiden aufeinandertrafen. Um herauszufinden, ob es an ihr lag oder Zieliński einfach nur ein unangenehmer Zeitgenosse war, hätte sich die Staatsanwältin näher mit ihm beschäftigen müssen. Doch dazu fehlten ihr Zeit und Lust.
Sie waren schon über zwei Stunden hier, seit Stolzenburg aufs Präsidium gebracht wurde. Die Wohnung war groß und teuer eingerichtet. Ungewöhnlich teuer für einen Ex-Knacki. Neben seiner Kunst war es dem Frauenmörder offenkundig noch anderweitig gelungen, seine Geschichte zu Geld zu machen. Die Welt meinte es gut mit ihm.
Dann klingelte das Telefon der Staatsanwältin. Hauptkommissar Peer Busch meldete sich. Automatisch sah Antonia Brennecke einen Wuschelkopf mit Vollbart vor ihrem inneren Auge. Die Staatsanwältin lauschte ins Gerät, sagte mehrfach Ja und nickte dabei zufrieden. »Schicken Sie mir Ihren Chef her«, sagte sie zur nächsten Mitarbeiterin der Spurensicherung, die sie vom Flur aus zu fassen bekam. Zieliński ließ sich natürlich Zeit, doch damit konnte er die Staatsanwältin nicht ärgern.
»Ich weiß, wir können nicht so miteinander«, sagte sie ihm direkt ins Gesicht, »aber heute hat das hier keinen Platz. Sie müssen etwas finden, Zieliński. Die Verkehrsüberwachung hat Bilder von Stolzenburg und einer Frau in seinem Auto. Hauptkommissar Busch hat es mir gerade gemeldet. Und Stolzenburg wurde davor mit einer jungen Frau auf einer seiner tollen Kunstausstellungen gesehen. Vermutlich hat er sie mit zu sich genommen. Und jetzt wird die Frau vermisst. Wenn es hier also etwas gibt, was ihn belastet, dann müssen wir es finden.«
Zieliński blickte die Staatsanwältin einen Augenblick an, ohne zu blinzeln. »In seinem Wagen, sagen Sie? Dann sollten wir ihn sicherstellen.«
»Selbstverständlich. Aber es gibt einen anonymen Anrufer, der Hilfeschreie gehört hat. Vielleicht ist die Frau verletzt. Vielleicht gibt es Hinweise, die uns zu ihr führen können. Ich will nicht, dass der Kerl sich hinterher irgendwie rausreden kann. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Denn Sie wissen ja, wie die Innenbehörde zurzeit tickt.«
»Na, da kann ich Sie beruhigen«, sagte Zieliński. »Wir haben im Badezimmer Blut gefunden.«
»Blut?«
»Jemand hat versucht, es wegzuwischen. Aber das war nicht sehr erfolgreich. Wir haben Spuren am Waschbecken und in der Badewanne gefunden.«
»Blut«, wiederholte die Staatsanwältin erneut.
»Vielleicht hat er sich nur beim Rasieren geschnitten«, meinte Zieliński.
Die Blicke der Staatsanwältin und des Chefs der Spurensicherung trafen sich.
»Muss aber schon eine ziemliche Sauerei gewesen sein. Hat er ein Pflaster im Gesicht?«
Staatsanwältin Antonia Brennecke schüttelte langsam den Kopf. Sie hatte Stolzenburg in der Wohnung direkt gegenübergestanden. 
Ein Pflaster wäre ihr aufgefallen.
Kleine, aber leistungsstarke Lautsprecher spielten in einer italienischen Eisdiele am Gänsemarkt Musik. Zur vollen Stunde machten dann die Nachrichten des Lokalsenders Radio Alsterfontäne mit dem Urteil im Prozess gegen den berühmten Künstler und Frauenmörder Marvin Stolzenburg auf. Der Staatsanwaltschaft war es vor dem Hamburger Landgericht gelungen, eine lückenlose Indizienkette gegen den ungemein gutaussehenden 45-Jährigen darzulegen. »DNA und Blutspuren in seiner Wohnung haben Stolzenburg überführt«, las der Nachrichtensprecher vor. »Er soll eine junge Frau, deren Identität weiterhin ungeklärt ist, von einer Vernissage in der Innenstadt mit seinem Auto zu sich nach Hause mitgenommen haben. Das Gericht ist davon überzeugt, dass Stolzenburg diese Frau im Laufe der Nacht erst getötet hat und ihren Leichnam dann verschwinden ließ. Eine anonyme Zeugin hatte Hilfeschreie aus der Wohnung gehört. Die Polizei brauchte jedoch über eine Stunde, um sich Zutritt zur Wohnung des nunmehr erneut verurteilten Frauenmörders zu verschaffen. Die Schuld hierfür schreiben nicht wenige dem mittlerweile zurückgetretenen Innensenator zu, der seine schützende Hand über den ehemaligen Vorzeigehäftling gehalten haben soll. Die psychologischen Gutachten über Stolzenburg und seine Prognosen zur Wiedereingliederung waren offenkundig falsch. Der Hamburger Strafvollzug hat damit seinen nächsten großen Skandal.«
Staatsanwältin Antonia Brennecke folgte dem Radiobericht mit sichtlicher Genugtuung, während sie an einem Cappuccino nippte. Die DNA in Stolzenburgs Badezimmer war mit der identisch, die später im Auto gesichert werden konnte. Laut Anklageschrift hatte der Wiederholungstäter die Badewanne in seiner Wohnung benutzt, um die Ermordete zu zerlegen und dann die Wanne notdürftig geputzt.
Antonia Brennecke lächelte, als der Sender wieder Musik spielte.
»Eigentlich sollten wir mit Sekt anstoßen«, meinte die Staatsanwältin zu der mit ihr am Tisch sitzenden Aylin Dilmen. Bei der Verkehrsleitzentrale nach Material aus den Verkehrskameras zu fragen, war eine großartige Eingebung der Kriminalhauptkommissarin. Wer weiß, wie schnell Peer Busch sonst Stolzenburg wieder laufengelassen hätte. Nicht auszudenken, was hätte geschehen können, wenn dieser Mann anschließend untergetaucht wäre, wussten beide Frauen. Vielleicht wäre dann die Staatsanwältin oder die Kriminalhauptkommissarin in sein Visier geraten. Aylin Dilmen schlürfte durch einen Strohhalm von ihrem Eiskaffee und blickte Antonia Brennecke schweigend über den Glasrand an.
Im Schlussplädoyer sprach Stolzenburgs Anwalt von einer Intrige, die gegen seinen Mandanten gesponnen wurde. Die Indizien seien gefälscht. Und ohne Leiche gebe es keinen Mord.
Das Gericht sah dies jedoch anders und verurteilte Stolzenburg zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. In der Urteilsbegründung hieß es, der Angeklagte habe das Recht verloren, auf weitere Milde zu hoffen. Seine erste Resozialisierung habe er missbraucht, um erneut zu morden. Die Gesellschaft müsse daher dauerhaft vor ihm geschützt werden.
Zu genau dieser Überzeugung waren die Staatsanwältin und die Kriminalhauptkommissarin schon viel früher gekommen. Denn beide konnten bereits Stolzenburgs vorzeitige Entlassung aus seiner ersten Haftstrafe nicht verstehen. Wieso durfte dieser Mann nach nur zehn Jahren das Gefängnis verlassen und ein neues Leben in Freiheit führen? Was war mit den Frauen, für deren Tod er verantwortlich war? Welchen Wert hatte ihr Leben?
Eines der Opfer hatten die spätere Staatsanwältin und die spätere Kriminalhauptkommissarin persönlich gekannt. Sarah Schümann war 29 Jahre alt, als sie Stolzenburg kennenlernte und noch im selben Jahr durch seine Hände starb.
Die Jurastudentin hatte sich, auch wenn das heute kaum noch jemand wusste, mit Antonia Brennecke und Aylin Dilmen eine WG geteilt. Die drei jungen Frauen wurden damals beste Freundinnen. Sarahs Tod hatte das beendet. Selbst als Stolzenburg geschnappt und verurteilt wurde, hatte dies nicht über den Verlust der Freundin hinweggeholfen. Und als er aus der Haft entlassen, sogar zum Star der Medien wurde, wussten Antonia Brennecke und Aylin Dilmen, dass dies nicht richtig war.
Der Wunsch, den Mistkerl wieder ins Gefängnis zu bringen, verselbständigte sich irgendwann. Nur wie sie das anstellen sollten, wussten die beiden nicht. Das änderte sich erst, als sie Sarahs jüngere Schwester trafen und diese in ihre Gedanken einweihten.
Eine dritte Frau trat an den Tisch der Eisdiele und setzte sich. Sie war zierlich, hatte unzählige Sommersprossen auf dem Nasenrücken und sah ihrer ermordeten Schwester auffallend ähnlich. Vielleicht war es riskant, dass sie sich hier in der Öffentlichkeit trafen. Aber wer konnte schon erraten, welches Geheimnis die drei verband?
Es war eine Intrige gegen seinen Mandanten. Mit dieser Behauptung hatte Stolzenburgs Anwalt recht. Während Marvin Stolzenburg, von K.o.-Tropfen betäubt, auf seinem Sofa lag, hatte Sarahs kleine Schwester sich mit einem Messer selbst in die Hand geschnitten und ihr Blut in Waschbecken und Badewanne verteilt, bis ihr schwummerig wurde. Anschließend verband sie die Wunde und putzte die beiden Keramiken mit einem Lappen. Die Spurensicherung sollte ja auch noch etwas zu untersuchen haben. Dann verließ die kleine Schwester die Wohnung und setzte einen anonymen Anruf bei der Polizei ab. Antonia Brennecke und Aylin Dilmen warteten nur darauf, diesem Notruf die entsprechende Aufmerksamkeit zu verschaffen. Beide hatten ihre Dienstpläne an Stolzenburgs medial groß angekündigte Sommer-Vernissage angepasst.
»Wie fühlt es sich an, auf der falschen Seite des Gesetzes zu stehen?«, fragte Sarahs kleine Schwester und sah die beiden anderen Frauen nacheinander an.
»Ich fühle mich nicht auf der falschen Seite«, antwortete die Staatsanwältin.
»Und ich habe nur das gemacht, weshalb ich zur Polizei gegangen bin«, fügte Aylin Dilmen hinzu. »Ich schnappe Verbrecher und bringe sie in den Knast.«
Angie nickte stumm, während ihr die Sonne ins Gesicht schien. Auch sie bereute nichts. Dann schob sich ein Schatten über die junge Frau und der Kellner stellte einen Eisbecher vor ihr ab. Mit italienischem Akzent sagte der gutaussehende Mann: »Prego! Blauer Engel mit Streuseln für die Signorina.«

Ein Tag am Strand

Oliver Rösler blickte auf 40 Jahre Polizeidienst zurück, ohne jemals an echte Verbrecher geraten zu sein. Die ersten Jahre schlug er sich als einfacher Schutzmann durch, dann entdeckte er seine Berufung als BünaBe. Hierbei war er für einen guten Kontakt zu den Bewohnern wechselnder Stadtteile zuständig, erst Eppendorf, dann Lokstedt und schließlich Niendorf. Oft schlenderte er stundenlang durch die Straßen und sprach mit den Leuten, als seien es seine Nachbarn. Schon da zeigte sich sein Talent als Konfliktlöser. Die letzten zehn Jahre seiner Dienstzeit arbeitete er dann hauptsächlich an Schulen, um Kindern Gewaltprävention beizubringen. Er arbeitete mit einer Puppe, spielte mit den Mädchen und Jungen Alltagsszenen durch und gab Tipps, wie sie sich aus gefährlichen Situationen befreien konnten. Es war ein erfülltes Berufsleben ohne übermäßigen Stress. Dass Röslers Herz nur einen Monat nach seiner Pensionierung stehenblieb, verstand er deshalb selbst nicht.
Die leere Hülle seines Körpers lag etwas abseits am oberen Teil des Hamburger Elbstrands. Eine Mauer aus groben Steinquadern, die zur Uferbefestigung diente, spendete gerade noch etwas Schatten. Bald würde sich die Sonne auch diesen Platz im Sand erobern. Rösler trug Shorts und ein T-Shirt. Seine Sandalen lagen neben seinen nackten Füßen und ein Strohhut über seinem Gesicht. Für Vorbeikommende musste es aussehen, als hielte der alte Mann ein Nickerchen. Dabei hatte ihn sein Leben bereits vor gut einer Stunde verlassen.
Rösler schwebte schwerelos in der Sommerhitze und dachte zunächst, er habe einen besonders realistischen Traum, als er sich selbst im Sand liegen sah. Die Sonne stieg hinter den Kränen der Hafenanlagen auf der anderen Elbseite schnell empor. Eine leichte Sommerbrise blähte die Fahnen des Ausflugslokals ein Stück weiter den Strand hinunter. Neben Schwarz-Rot-Gold natürlich auch ein leicht zerfranster Stofffetzen mit einer weißen Burg auf rotem Grund: dem Wappen der Hansestadt. Möwen zischten wie weiße Blitze kreuz und quer durch den Himmel. Es gab keine Wolke, die das Blau befleckte. Rösler liebte die Kakophonie der Geräusche, zu der neben menschlichen Stimmen und dem Pfeifen des Windes auch das Ploppen von Beachball-Schlägern gehörte, wenn ein Gummiball auf Holz traf. Die Möwen kreischten ihr langgezogenes Ih-ih, Hunde kläfften beim Jagen der Wellen und es zischte, wenn Bier- oder Brauseflaschen geöffnet wurden. Gelegentlich warf hierzu ein Schiff oder schnelleres Motorboot seine Bugwellen gegen das Ufer. Es gab keinen schöneren Soundtrack zu einem gelungenen Sommertag.
Nur Silvia fehlte. Hatten sie nicht vereinbart, den Lebensabend gemeinsam zu verbringen? Hatten sie hierfür nicht jedes Jahr einen Teil ihres Geldes auf die hohe Kante gelegt? Wieso nur, Silvia, bist du zuerst gegangen? Das war nicht fair. So hatten sie mit dem Leben nicht gewettet. Doch dem Aneurysma in Silvias Kopf waren die Pläne der Röslers für ihren gemeinsamen Lebensabend egal gewesen.
Liebevoll dachte Oliver Rösler an Silvias Falten, die sich über die Jahre an ihren Augenwinkeln eingegraben hatten. Krähenfüße hatte sie dazu gesagt und mit einer Creme vor dem Schlafengehen dagegen angekämpft. Er nannte sie Lachfalten und liebte jede einzelne. Denn niemand konnte herrlicher lachen als Silvia. Gerne hätte Oliver Rösler noch länger an ihr hübsches Gesicht gedacht, doch die Stimmen dreier Frauen wurden ihm plötzlich vom Wind zugetragen und lenkten ihn ab. Die drei saßen nicht weit entfernt. Bestimmt hatten sie Oliver Rösler gesehen, als sie sich im Sand niederließen, schenkten dem alten Mann mit dem Strohhut über dem Gesicht aber keine Beachtung.
»Wir werden uns nicht mehr treffen können, bis alles vorbei ist«, sagte die eine Frau. Sie war etwa vierzig. Die anderen beiden Frauen nickten. Die eine schien im Alter der Sprecherin zu sein. 
Die dritte war jünger. Eher Ende zwanzig.
»Glaubst du, du schaffst das alles?«, fragte die erste.
»Die Perücke und das Make-Up machen einen völlig anderen Menschen aus mir«, versicherte die junge Frau. »Er wird schon anbeißen.«
»Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich denke an das, was dann kommt.«