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Mehrere Drogentote Anfang der 1980er-Jahre in Dillenburg und Gießen in Mittelhessen halten die Polizei auf Trab. Die Opfer haben eine neue, hoch toxische Heroinmischung konsumiert, worauf die Ermittlungen der Rauschgiftfahnder allmählich in Richtung eines Drogenkartells laufen. Wird es den Ermittlern und Staatsanwalt Altenburg gelingen, die Drahtzieher zu fassen und den Racheakt eines Angehörigen der Rauschgifttoten zu verhindern? Fast seine gesamte knapp vierzigjährige Dienstzeit bei der Kriminalpolizei hat der Autor als Rauschgiftfahnder gearbeitet. Mehrere seiner spannenden Fälle lässt er in diesem True-Crime-Roman Revue passieren und verknüpft sie mit den fiktiven Lebensgeschichten zweier Brüder, die sich als flüchtige Straftäter aus dem Libanon bis in die Führungsspitze eines Drogen-Clans emporarbeiten. Erwin Müller beschreibt in seinem Rauschgift-Krimi die alltägliche, oft auch aufregende und psychisch fordernde Ermittlungsarbeit jenseits von Mainstream-Storys und Superbullen. Er schlüpft wieder in die Rolle des Fahnders Münzenberg und schildert die Verstrickungen der Mulis in die verbrecherischen Tätigkeiten der Drogenbosse. Ein faszinierender Einblick ins Drogengeschäft und die Ermittlertätigkeit der Rauschgiftfahnder. Margit Seibel, Autorin. Mit Mulis bezeichnen die Rauschgift-Fahnder keine Maultiere oder Packesel. Es ist bei ihnen ein Synonym für die letzten und ärmsten Kettenglieder in der Hierarchie der Rauschgift-Clans, für Drogentransporteure.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Den vielen Menschen bei Polizei, Zoll und Justiz gewidmet, die sich täglich dem – leider oft auch aussichtslosen – Kampf gegen die organisierte Rauschgiftkriminalität stellen. Passt auf euch auf und kommt gesund nach Hause.
»Rauschgift: Eine nicht verriegelte Tür im Gefängnis der Identität. Sie führt auf den Gefängnishof.«
Ambrose Gwinnet Bierce, amerik. Schriftsteller (1842 – 1914)
VORWORT
PROLOG DILLENBURG, BISMARCKTEMPEL 22. NOVEMBER 2008
I. KAPITEL DILLENBURG, EUROPAPLATZ MONTAG, 29. JUNI 1981
BEIRUT/LIBANON SONNTAG, 13. APRIL 1975
DILLENBURG, EUROPAPLATZ DIENSTAG, 30. JUNI 1981
BEIRUT/LIBANON MONTAG, 14. APRIL 1975
DILLENBURG, EUROPAPLATZ MONTAG, 06. JULI 1981
MITTELMEER/LEVANTEKÜSTE MONTAG, 14. APRIL 1975
LUFTRAUM ÜBER DEM MITTELMEER MONTAG, 14. APRIL 1975
DILLENBURG, EUROPAPLATZ DONNERSTAG, 09. JULI 1981
HERBORNSEELBACH, AARTAL-KASERNE SAMSTAG, 11. JULI 1981
BARI/ITALIEN, CORTE ALTINI DIENSTAG, 02. JUNI 1981
WETZLAR, MITTELWEG DIENSTAG, 02. JUNI 1981
GIEßEN, BERLINER PLATZ, DIENSTAG, 14. JULI 1981
WETZLAR, LAHNINSEL DONNERSTAG, 04. JUNI 1981
SCHELDETAL, NÄHE NIKOLAUSSTOLLEN SONNTAG, 19. JULI 1981
DILLENBURG, EUROPAPLATZ MONTAG, 20. JULI 1981
WETZLAR, MITTELWEG MONTAG, 3. AUGUST 1981
DILLENBURG, EUROPAPLATZ DIENSTAG, 3. NOVEMBER 1981
II. KAPITEL DILLENBURG, WILHELMSTRAßE MONTAG, 14. OKTOBER 1991
WETZLAR, MITTELWEG MONTAG, 14. OKTOBER 1991
DILLENBURG, EUROPAPLATZ DIENSTAG, 15. OKTOBER 1991
DILLENBURG, EUROPAPLATZ DIENSTAG, 11. NOVEMBER 1991
WETZLAR, LAHNINSEL DIENSTAG, 12. MAI 1992
BARI/ITALIEN, CORTE ALTINI SAMSTAG, 12. SEPTEMBER 1993
GIEßEN, SANDKAUTER WEG SAMSTAG, 12. SEPTEMBER 1993
WETZLAR, LAHNINSEL SAMSTAG, 19. SEPTEMBER 1993
III. KAPITEL DILLENBURG, EUROPAPLATZ MONTAG, 15. JULI 2002
HERBORN, RASTSTÄTTE DOLLENBERG SONNTAG, 11. AUGUST 2002
DILLENBURG, EUROPAPLATZ MONTAG, 02. SEPTEMBER 2002
TIRANA/ALBANIEN, HOTEL DAJTI MITTWOCH, 17. SEPTEMBER 2003
DILLENBURG, HINDENBURGSTRAßE DIENSTAG, 04. JULI 2006
HOTEL SKANDERBEG, PRIZREN/KOSOVO SONNTAG, 30. JULI 2006
DILLENBURG, HINDENBURGSTRAßE MITTWOCH, 04. OKTOBER 2006
DILLENBURG, SCHLOSSBERG MONTAG, 13. NOVEMBER 2006
WETZLAR, KORNMARKT (Adler-Keller) DIENSTAG, 21. NOVEMBER 2006
DILLENBURG, HINDENBURGSTRAßE DONNERSTAG, 10. APRIL 2008
GIEßEN, FERNIESTRAßE FREITAG, 10. OKTOBER 2008
DILLENBURG, BISMARCKTEMPEL SAMSTAG, 22. NOVEMBER 2008
POŽEGA/KROATIEN, BEZIRKSGERICHT DIENSTAG, 24. JANUAR 2009
EPILOG GIEßEN, LIEBIGSTRAßE MONTAG, 16. APRIL 2018
Bevor ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen neuen Roman vorstelle, hier einige zusätzliche Gedanken zu meinem Erstlingswerk Todestransit, erschienen im Februar 2022.
Todestransit beschreibt die Ermittlungen zu einem Mordfall aus dem Jahr 1981, bei denen ich, damals ein junger Kriminalbeamter, dem eigentlichen Mordermittler über die Schulter schauen durfte. Trotz aller Anstrengungen und unter Ausschöpfung neuer Ermittlungsmethoden, gelang es damals nicht, den Mordfall aufzuklären. Es war uns nicht einmal vergönnt, das Opfer zu identifizieren.
Bild 1: Buchcover Todestransit
Über vierzig Jahre nach den erfolglos gebliebenen Ermittlungen habe ich die uralte Mordgeschichte niedergeschrieben und mir dabei die Freiheit genommen, endlich eine, jedoch nur fiktive, Tataufklärung zu konstruieren. Ich habe mir Opfer und Täter ausgedacht und deren Lebenswege mit dem tatsächlichen Geschehen verknüpft. So entstand eine »Realo-Fiktion«, die auf großes Interesse stieß, nicht nur bei der Leserschaft. Print- und audiovisuelle Medien berichteten über das Werk. In polizeilichen Fachzeitschriften sind Essays darüber erschienen und zwei TV-Beiträge wurden dazu produziert.
Im Anschluss an die Veröffentlichung des Buches gab es etliche Lesungen. Gleich am zweiten Leseabend, im Mai 2022, passierte etwas Unerwartetes. In der Pause der Lesung kam ein älterer Mann auf mich zu, der nicht nur aus Neugier gekommen war. Er gab einen Hinweis zu dem Uralt-Fall. Diese neue Spur war bis dato nicht bekannt. Der Hinweisgeber berichtete, dass kurz vor dem Auffinden des unbekannt gebliebenen Mordopfers seinerzeit ein Mann verschwunden sei. Dieser, angeblich Kronzeuge in einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess, sollte gegen zwei angeklagte ausländische Gastwirte aussagen. Wegen seines Verschwindens sei der Prozess aber geplatzt und die beiden Angeklagten letztlich nicht verurteilt wurden.
Ab Mitte Mai 2022 ermittelte die zuständige Kripo wegen des neuen Hinweises wieder in dem Cold-Case aus 1981. Die Ermittler waren dabei durchaus erfolgreich, haben die alten Spuren neu bewertet und versucht, nach heutigem Stand der kriminalwissenschaftlichen Technik das Bestmögliche aus den vorhandenen Asservaten herauszuholen, inclusive einer möglichen Generierung von DNA-Spuren. Es ist der Polizei gelungen, die beiden Gastwirte namhaft zu machen, obwohl keinerlei Gerichtsakten mehr vorhanden waren. Beide Angeklagte sind schon vor Jahren verstorben, sodass weitere Befragungen und Ermittlungen nicht mehr möglich waren.
Der Cold-Case wurde im Mai 2024 nochmals ausführlich in der Sendung »Aktenzeichen XY – Ungelöst« im ZDF vorgestellt. Die eingegangenen zahlreichen neuen Hinweise führten bisher leider nicht zu einer Lösung des Falles.
Man sieht, die »Mordsache Stippbachtal« bleibt fesselnd und die Polizei hat die Sache nicht ad acta gelegt. Mord verjährt nicht, und die Hoffnung auf Aufklärung besteht weiter.
Der Todestransit ist übrigens mittlerweile zur Lektüre im Deutschunterricht des Johanneum-Gymnasiums in Herborn geworden. Dort beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Projekt »True-Crime im Dillkreis«.
Jetzt will ich Sie aber auf meinen neuen Kriminalroman einstimmen, der den Titel Mulis trägt. Ich habe in meiner Dienstzeit über drei Jahrzehnte als Rauschgiftfahnder gearbeitet. Fast logisch, dass ich mich, nach dem True-Crime-Roman über den ungelösten Mordfall, diesem spannenden Genre widmen wollte. Bei den ersten Gedanken über ein mögliches neues Buch fiel mir auf, dass es in der Literatur keinen eigentlichen »Rauschgiftkrimi« gibt. Grund genug, mich daran zu versuchen. Ich habe mir hierbei wiederum reale Fälle, in denen ich ermittelt habe, herausgegriffen. Alle geschilderten Straftaten sind so, oder zumindest so ähnlich, passiert. Die Tatörtlichkeiten und tatbeteiligten Personen wurden so verändert, dass ein Rückschluss auf die realen Taten und Täter nur insofern möglich ist, wie damals darüber in der Tagespresse berichtet wurde. Durch die später folgenden Gerichtsprozesse gegen die Täter wurden die Straftaten öffentlich. Rechtlich schützenswerte Interessen von Personen sind mit den geschilderten Fällen demnach nicht verletzt.
Die manchmal gar nicht so spannende tägliche Ermittlungsarbeit habe ich mit der fiktiven und frei erfundenen Geschichte zweier Brüder aus dem Libanon verknüpft, denen es gelang, führende Köpfe eines Drogenkartells zu werden, das in Mittelhessen sowie im Ausland agierte. Alle geschilderten Straftaten des Al-Masry-Clans, der in dieser Form sicher nie existierte, und der Fememord an einem der Drogenbosse entstammen meiner Fantasie.
In dem Roman habe ich mich bemüht, die kleinteilige Arbeit von Rauschgiftermittlungen aufzuzeigen. Ich wollte damit auch die Enttäuschung der Fahnder beschreiben, wenn es ihnen, trotz Rauschgiftsicherstellungen und Festnahmen, nicht gelingt, der Hintermänner der Taten habhaft zu werden.
Auch Rauschgiftfahnder sind in die normale und tägliche kriminalpolizeiliche Arbeit eingebunden. Allein schon wegen des chronischen Personalmangels bei der Polizei.
In einigen Fällen habe ich darum die Bearbeitung von Straftaten und Vorgängen außerhalb von Rauschgiftermittlungen beschrieben. Damit wollte ich verdeutlichen, dass Ermittler täglich mit allen Facetten der Kriminalität und des Lebens konfrontiert werden. Leider Gottes ist dies fast immer mit menschlichem Leid verbunden und endet oft tragisch.
Eine Anmerkung zu den Personen im Buch: Die Rauschgiftermittler, ihre Chefs und Kollegen aus anderen Deliktsbereichen, haben reale Vorbilder. Leider ist ein Großteil von ihnen schon verstorben. Bei allen bitte ich hiermit um Nachsicht, dass ich die eine oder andere persönliche Anekdote zu Papier gebracht habe.
Manche Krimi-Autoren verfolgen in ihren Storys die Maxime, möglichst wenige Charaktere handeln zu lassen. Bei einer Geschichte, die sich über einen Zeitraum von exakt siebenunddreißig Jahren hinzieht, ist dies nur schwer möglich, denn das polizeiliche Geschäft ist schnelllebig, beschert Versetzungen, neue Chefs und Mitarbeiter. Im Übrigen ist kriminalpolizeiliches Ermitteln absolute Teamarbeit mit vielen Kolleginnen und Kollegen im reinsten Sinne. Es gibt keinen Kommissar, der, wie im Sonntagabend-Tatort, seine Fälle im spektakulären Alleingang und praktisch im Vorbeigehen löst.
Der polizeiliche Sprachgebrauch ist von Abkürzungen und der Verwendung von Fach- und Spezialausdrücken geprägt. Wenn Ihnen etwas unbekannt vorkommt, dann hilft ein Blick auf das Abkürzungsverzeichnis am Ende des Buches.
Lehnen Sie sich zurück, liebe Leserinnen und Leser, und folgen Sie den Geschichten der Mulis.
(Der Begriff Mulis bezeichnet im Jargon der Rauschgiftfahnder weniger Maultiere oder Packesel, sondern steht sinnbildlich für die letzten und ärmsten Kettenglieder in der Hierarchie der Drogenhändler, für Menschen, die Rauschgift schmuggeln und transportieren, für die Drogenkuriere.)
Die Entfernung vom Bismarcktempel bis zum Balkon im ersten Stock des Dillenburger Wilhelmsturmes beträgt exakt 540 Meter. Für sein Mannlicher-Präzisionsgewehr die ideale Entfernung. Am Vortag hatte er mit Markierungsmunition auf den Türsturz der Balkontür geschossen, um dadurch eine exakte Justierung des Zielfernglases vorzunehmen. Alfred Berger war jetzt absolut sicher, sein Ziel nicht zu verfehlen.
Es dauerte jetzt noch etwa eine Stunde, bis seine Zielperson durch die Balkontür treten würde, um sich das große Feuerwerk anzusehen. Dieses richteten seine Mitarbeiter alljährlich aus, um den Unabhängigkeitstag des Libanon zu feiern und dabei den Himmel über der Oranierstadt anzuleuchten. Berger hegte keine Zweifel, dass heute alles genauso ablaufen würde wie in den beiden letzten Jahren. Zweimal hatte er das abendliche Geschehen ausgekundschaftet. Vom Bismarcktempel, einer Aussichtsplattform am Dillenburger Weinberg, hatte er jeweils das Schauspiel am Wilhelmsturm mit seinem Fernglas beobachtet. Exakt um zweiundzwanzig Uhr würde sein Opfer heute, wie alljährlich, auf den Balkon treten. Zeitgleich zündeten dann die ersten Feuerwerksraketen oben auf dem Bergrücken der Adolfshöhe.
Seine Zielperson würde etwa eine Viertelstunde auf dem Balkon bleiben und dem Lichterglanz des Feuerwerks zusehen. Dabei war er alleine und ließ seine engsten Vertrauten im Inneren des Wilhelmsturms zurück. Gesellschaft duldete er in dieser Viertelstunde nicht.
Berger hatte sich entschieden, auf den Kopf zu zielen. Die Explosivmunition, mit der er sein Gewehr geladen hatte, würde dem Mörder seines Bruders nicht die Spur einer Überlebenschance lassen. Seit einer knappen Stunde war er bereit. Er lag bequem bäuchlings und eingehüllt in einen wärmenden Bundeswehr-Schlafsack auf einer klappbaren Pritsche, deren Höhe er exakt der Brüstung des Tempels angepasst hatte. Den Lauf seines Gewehrs hatte er auf einem Sandsack fixiert. Neben ihm lag griffbereit sein Fernglas. Für die Augenblicke nach dem Schuss, den wegen des Schalldämpfers niemand hören würde, hatte er das weitere Vorgehen und seine Flucht genau geplant. Die Klapppritsche konnte er wie einen Rucksack schultern, den Schlafsack ebenfalls, und das Gewehr, das sich innerhalb von Sekunden zerlegen ließ, in einem Futteral unter seiner Feldjacke verstauen. Nur einen Moment würde er brauchen, um den Platz am Bismarcktempel zu verlassen. Über den Trampelpfad, den die Dillenburger »Ho-Chi-Minh-Pfad« nennen und der vom Kino bis zur Hohl führte, würde er in fünfzehn Minuten den Parkplatz an der Isabellenhütte erreichen. Den Nahbereich der Stadt hatte er mit seinem Auto schon verlassen, bevor jemand aus dem Umfeld des Clan-Oberhaupts realisierte, was passiert war. Die Fahndungsmaßnahmen der Polizei konnten in dieser kurzen Zeitspanne gar nicht greifen. Gewiss meldeten die engsten Mitarbeiter nicht einmal sofort den Tod ihres Chefs. Sie würden zuerst beraten, wie man vorgehen musste. Bevor die Spurensicherung überhaupt auf die Idee käme, am Weinberg gegenüber des Wilhelmsturms nachzusuchen, war Berger lange in Sicherheit.
Der Schütze hielt sich bereit. Heute würde er den Tod seines Bruders rächen. Seine Anspannung wuchs.
Bild 2: Bismarcktempel und Wilhelmsturm, Dillenburg
Die alte Villa am Ortseingang des kleinen Stadtteils nahe des mittelhessischen Provinzstädtchens Dillenburg hatte schon bessere Tage gesehen. Bis Ende der Sechzigerjahre residierte hier die Unternehmerfamilie, von der die benachbarte Eisenhütte betrieben wurde. Das ganze Tal hatte von der unternehmerischen Weitsicht der Familie profitiert, vor der Jahrhundertwende die Verhüttung von Eisenerz von Holzkohle auf Koks umzustellen. Arbeit und Wohlstand waren in das Tal eingezogen, das jahrhundertelang vom bescheidenen Bergbau der Region gelebt hatte.
Die Fabrikantenfamilie war vor Jahren aus der Villa aus- und nach Bad Nauheim gezogen, um dort, abseits von Hüttendreck, Staub und Lärm, das mondäne Leben eines Kurorts zu genießen. Anfänglich wurde das Anwesen von einem Gärtner, der mit seiner Frau in dem kleinen Gartenhäuschen wohnte, gepflegt und in Ordnung gehalten. Der alte Mann wurde aber mehr und mehr gebrechlich. Darunter litt der Zustand der Villa und der große Garten verwilderte.
Vor zehn Jahren waren die ersten Mieter eingezogen. Die Verweildauer der verschiedenen Mietparteien in dem großen Gebäude war jeweils nur kurz. Strom und Nebenkosten waren wegen der altertümlichen Bausubstanz kaum bezahlbar. Vor zwei Jahren, im Sommer 1979, zog das Hippiepärchen in die Villa ein, Künstler angeblich, die ihren Lebensunterhalt vorwiegend mit dem An- und Verkauf von Flohmarktartikeln bestritten. Weitere junge Leute zogen in die geräumige Villa, Menschen mit langen Haaren, bunten Kleidern und alle ohne regelmäßige Beschäftigung. Seit dem vergangenen Winter gab es Hinweise auf Rauschgiftgeschäfte. Die wildesten Gerüchte kursierten im Dorf.
Emil Schmittner war nicht nur stellvertretender Leiter der kleinen Kriminaldienststelle in Dillenburg, sondern gleichzeitig der dortige RG-Sachbearbeiter. Dies war allgemein ein eher ungeliebtes Sachgebiet. Zumindest auf dem Papier musste es aber besetzt werden. Bis vor wenigen Jahren war das Problem der Rauschgiftkriminalität nur eine Randnotiz des kriminalpolizeilichen Alltagsgeschäfts. Das BTM-Gesetz der Bundesrepublik existierte in der gültigen Form erst seit zehn Jahren. Vorher wurden entsprechende Straftaten nach dem Opiumgesetz, das aus den Dreißigerjahren stammte, sanktioniert. Bis Mitte der Sechziger fand die Diskussion zum Thema Drogen weder in Politik, Gesellschaft oder Öffentlichkeit statt. Im »normalen Leben« gab es keine Rauschgiftdelikte. Demzufolge bestand seitens Polizei und Justiz kein akutes Bedürfnis, gegen Drogenmissbrauch und damit verbundene Straftaten vorzugehen.
Eine neue Realität stellte die Polizei Mitte der Siebzigerjahre vor ernste Probleme. Wie war umzugehen mit der neuartigen Deliktsform, den Drogenkonsumenten und -händlern? Waren es Straftäter oder eher Süchtige und Kranke?
Schmittner war nicht glücklich mit seiner Aufgabe, der Drogenbekämpfung, die dazu für ihn eine Zusatzaufgabe war. Der Kollege, der bis zum Jahreswechsel in der Dienststelle Rauschgiftdelikte bearbeitet hatte, war versetzt worden. Ersatz gab es nicht und war vorerst nicht zu erwarten. So hatte es ihn getroffen, obwohl er Stellvertreter des Chefs und Leiter der Fallanalyse war, damit zugleich zuständig für das Funktionieren der innerdienstlichen Abläufe wie Zentralkartei, Aktenhaltung und Schreibdienst.
»Ich wäre froh, wenn ich die Rauschgiftbearbeitung nicht mehr am Arsch hätte«, bemerkte Schmittner zu seinem Mitfahrer Erich Münzenberg, der am Steuer des Dienstwagens saß.
Beide waren unterwegs, um einen Durchsuchungsbeschluss zu vollstrecken, den das Amtsgericht für die alte Villa und deren Bewohner erlassen hatte.
Münzenberg war überrascht von Schmittners Einwurf und schaute seinen Beifahrer von der Seite an. Es war ungewöhnlich, dass der einen Einblick in sein Seelenleben gewährte, denn üblicherweise wirkte er kühl und unnahbar.
»Normalerweise könnten wir uns ja duzen«, fuhr Schmittner zu Münzenbergs Erstaunen fort, »wir funken ja auf einer Wellenlänge. Du weißt ja, ich heiße Emil.«
Seit über drei Jahren war Münzenberg nach Ausbildung und Dienstzeit in Frankfurt und Gießen jetzt Angehöriger der Kriminalstation in der Oranierstadt. Den Wechsel aus der Großstadt in die hessen-nassauische Provinz hatte er nie bereut. Er verstand sich mit den Kollegen, von denen etliche zwar ihre Eigenarten pflegten, was aber die Zusammenarbeit selten trübte. Vieles war anders in der Kriminalabteilung des Gießener Präsidiums, zu der die Kriminalstation gehörte, als in der hessischen Großstadt am Main.
Münzenberg hatte sich umgewöhnen müssen. Manche Ermittlungsschritte, bei denen man in Frankfurt auf Spezialisten im Haus zurückgriff, waren hier selbst zu erledigen, angefangen vom eigenhändigen Tippen von Vernehmungen bis hin zur Spurensuche und deren Sicherung an Tatorten. Bisher war er Angehöriger der Ermittlungsgruppe Einbruch und Diebstahl. Immer öfter wurden ihm aber in letzter Zeit Fälle aus anderen Deliktsbereichen übertragen. Münzenberg war dankbar dafür und nahm es wertschätzend wahr.
»Ja, Emil, gerne«, antwortete er auf Schmittners Vorschlag. »Ich habe mich schon gewundert, dass du neben deinen administrativen Aufgaben zusätzlich Rauschgiftdelikte bearbeitest.«
»Ich würde das Rauschgift gerne abgeben, und zwar an dich. Überleg es dir.«
Münzenberg kam nicht dazu, zu antworten, denn er bog mit dem Dienst-Golf in die Auffahrt zur Villa ein. In diesem Moment knackte das Funkgerät, das in ihrem Zivilwagen verdeckt im Handschuhfach untergebracht war. »Karin 24/12 von Karin 24/01«, meldete sich der Beamte vom Dienst aus ihrer Kriminalwache und fügte hinzu: »Frage: Standort?«
Schmittner nahm die Sprechmuschel des Funkgeräts. »Unmittelbar vor dem Durchsuchungsobjekt«, antwortete er.
Es war Ehrensache, dass über Polizeifunk möglichst nur Bruchstücke eines Einsatzortes genannt wurden. Die Polizei funkte im UKW-Bereich, der nicht abhörsicher war. Mit wenigen Handgriffen und etwas technischem Verständnis war zum Beispiel ein simples UKW-Radio so zu manipulieren, dass der Polizeifunk mitverfolgt werden konnte. Vorwiegend Straftäter nutzten dies, ebenso aber Pressemenschen, Taxifahrer und alle, für die die aktuellen Tätigkeiten der Polizei von Interesse waren.
»Brechen Sie dort ab und fahren zum Bahnhof. Die BaPo ist vor Ort. TE in Ihrem Deliktsbereich«, wies sie der Wachhabende an.
»Verstanden«, antwortete Schmittner. »Das ist ja jetzt Mist«, wandte er sich an Münzenberg. »Ich hoffe nicht, dass uns die Bewohner aus der Villa schon gesehen haben.«
Münzenberg wendete das Fahrzeug, und schweigend fuhren sie zurück nach Dillenburg. Beiden war klar, dass unangenehme Arbeit auf sie wartete. »BaPo« war das Kürzel für die Bahnpolizei und »TE« dasjenige für Todesermittlungen. Der Funkspruch konnte nur bedeuten, dass im Bahnhof eine Rauschgiftleiche gefunden worden war.
Rauschgifttote waren ein neues Phänomen, das Polizei und Justiz erst seit wenigen Jahren vor schwierige und neue Aufgaben stellte. Dabei galt es, nicht nur die eigentlichen Todesermittlungen zu führen mit Leichenschau, Obduktion, Befragungen von Angehörigen und Kontaktpersonen. Es war darüber hinaus immer zu versuchen, die Herkunft der Drogen zu ermitteln, die in irgendeiner Form ursächlich für den Tod der mehrheitlich jungen Opfer waren.
Münzenberg parkte den Dienstwagen seitlich des Bahnhofs auf einem Platz, der für die Bahnpolizei reserviert war. Bahnpolizist Wegner erwartete sie schon vor der Tür der kleinen Wachstube, die direkt auf den Bahnsteig 1 führte. Münzenberg kannte ihn. Hin und wieder gab Wegner Ermittlungsakten bei der Dillenburger Kriminaldienststelle ab, die Sachverhalte enthielten, für die die Bahnpolizei nicht zuständig war, sondern die Kripo. Rauschgiftdelikte gehörten dazu, ebenso Einbrüche in Bahngebäude.
»Ich hab schon auf euch gewartet«, begrüßte er die beiden Beamten. »Ich bin im Moment alleine und kann nicht von der Wache weg. Im Bahnhof auf der Herrentoilette liegt ein Toter. Sieht nach Drogen aus.«
Münzenberg sah ihn fragend an.
»Vor etwa einer halben Stunde hat ihn ein Fahrgast dort entdeckt. Ich hab die Tür verschlossen. Hier ist der Schlüssel. Meinen Einsatzbericht schicke ich euch zu.«
Münzenberg nahm den Toilettenschlüssel entgegen. Vor der Herrentoilette im Flur zwischen Wartehalle und Bahnhofsgaststätte zogen die beiden Ermittler Gummihandschuhe an. In Münzenbergs Magengegend grummelte das flaue Gefühl, wie immer an einem Leichenfundort. Umständlich schloss er die Toilettentür auf. Er holte tief Luft. Vom Vorraum, in dem ein Waschbecken und zwei Pissoirs montiert waren, sahen sie es schon. Die Tür der linken Kabine stand offen. Zwischen Trennwand zur Nachbarkabine und Toilettenschüssel lag eine männliche, vollständig bekleidete Leiche in Rückenlage. Der Körper des Toten war unnatürlich verkrümmt. Dass der Mann tot war, sah man auf den ersten Blick. Die Augen waren weit geöffnet, Schaum war aus dem Mund ausgetreten und klebte in dem zotteligen Vollbart des Mannes. Trotz der Sommerhitze trug der Tote ein langärmeliges Hemd, dessen linker Ärmel fast bis zur Schulter hochgekrempelt war. In Höhe des Bizeps war ein Hosengürtel um den Arm geschlungen, und in der Vene der linken Ellenbogenbeuge steckte eine Einwegspritze. Sie enthielt noch einen Rest bräunlich-klarer Flüssigkeit. Auf dem Spülkasten war eine abgewetzte Schultasche mit Umhänge-Riemen abgestellt.
»Den kenne ich«, sagte Schmittner, »das ist Frank Berger, ein alter Kunde.«
Münzenberg, der neben der Leiche kniete, schaute auf. »Kennst du ihn als Fixer?«, fragte er.
»Ja, seit etwa einem halben Jahr wurde er immer wieder auffällig. Er kommt aus einem geordneten Elternhaus, aber das ist ja nix Neues. Ich geh zur Bahnpolizei und rufe Coliné an. Er muss fotografieren und vorsichtshalber nach Fingerabdrücken suchen. Mach dir schon mal Gedanken über den Bericht und durchsuch die Tasche«, wies er Münzenberg an.
Dieser versuchte, sich die Einzelheiten des Anblicks einzuprägen, und schrieb dabei gelegentlich Anmerkungen in sein Notizbuch. Der junge Mann war etwa Mitte zwanzig, hatte lange, zottelige und ungepflegte Haare und einen rötlichen Vollbart. Münzenberg fand, dass er abgerissen aussah, obwohl die Kleidung eher hochwertig wirkte; Markenkleidung, war sich Münzenberg sicher. In der Tasche fanden sich einige Schulbücher und Hefte, ein Mäppchen mit Schreibutensilien, eine weitere Einwegspritze, dazu ein Teelöffel, der Rußanhaftungen an der Unterseite aufwies, und ein Einwegfeuerzeug. Auf dem Deckblatt der Schulhefte war handschriftlich der Name Frank Berger eingetragen. Beim Durchblättern der Hefte fand Münzenberg ein wiederverschließbares Plastik-Tütchen in DIN-A-6 Größe mit Resten einer hellbraunen, krümeligen Substanz. Mit rotem Filzstift hatte jemand drei Andreaskreuze auf die Tüte gemalt und mit grüner Filzstiftfarbe die Zahl 100.
Schmittner kam zurück. »Coliné kommt gleich«, erklärte er knapp und wartete auf eine Einschätzung Münzenbergs zum Fundort.
»Du hattest recht, er scheint Frank Berger zu heißen, und alles, was man braucht, um sich einen Schuss zu setzen, ist vorhanden. Dass es ein Goldener Schuss werden würde, hat Berger vermutlich nicht erwartet.«
Es dauerte eine Viertelstunde, bis Hans-Günther Coliné, der Kriminaltechniker der Dienststelle, den fast alle nur H.-G. nannten, nach seinem Eintreffen alles fotografiert und seine Spurensuche beendet hatte. Die persönlichen Gegenstände des Toten würde er sich später in den Räumen des Erkennungsdienstes vornehmen.
Schmittner entschied, die Leichenschau erst nach dem Abtransport des Toten in der Leichenhalle des Friedhofs vorzunehmen.
Beim Warten auf den Bestatter berichtete ihm Münzenberg von dem Plastik-Tütchen-Tütchen mit den ungewöhnlichen Beschriftungen.
»Nein«, sagte Schmittner, »das hatte ich so bisher nicht. Die Zahl 100 ist sicher der Preis fürs Tütchen, aber die Andreaskreuze sagen mir gar nix.«
Nach dem Abtransport der Leiche schritten die beiden Ermittler die große Freitreppe vor der Bahnhofshalle hinunter. Schmittner sah Münzenberg dabei von der Seite an. »Wenn du mein Angebot annimmst, Erich, wird dies dein erster Rauschgiftfall. Ich spreche dann mit dem Alten, und Ersatz für dich bei den Einbrechern wirds dann sicher irgendwann geben«, sagte er. »Ich will nur, dass du dir im Klaren bist, dass Rauschgiftsachbearbeitung etwas anderes ist als normale Ermittlungen. Manche Kollegen haben Vorbehalte und sprechen offen aus, dass man die Süchtigen besser sich selbst überlässt.«
»Lass mir eine Nacht, um drüber zu schlafen«, bat Münzenberg. »Um die Sofortmaßnahmen kümmere ich mich jetzt auf jeden Fall.«
Die Leichenschau, die anschließende Fahrt zum Elternhaus des Toten und die Befragung der Angehörigen dauerten länger als vermutet. Erst am späten Nachmittag kehrten Schmittner und Münzenberg zurück zur Dienststelle.
Das Gespräch mit den Eltern des Toten hatte Münzenberg aufgewühlt. Er gewann dabei den Eindruck, dass beide mit einem solchen Unglück gerechnet, aber gleichzeitig gehofft hatten, es trete nie ein.
»Ja«, sagte die Mutter, »Frank war labil, was Alkohol angeht, und vermutlich auch drogenabhängig. Trotzdem hat er die Berufsfachschule in Wetzlar besucht und gute Noten mit nach Hause gebracht. In wenigen Tagen, mit Beginn der Sommerferien, wäre er mit der Schule fertig geworden.«
»Ich weiß nicht, wie wir es seinem Bruder Alfred beibringen sollen. Die beiden haben so aneinandergehangen«, sagte der Vater mit Tränen in den Augen. »Frank wollte Drucker werden.«
Schmittner und Münzenberg durchsuchten nach dem Gespräch das Zimmer des Toten, fanden aber lediglich ein ähnliches leeres Cellopan-Tütchen wie in der Tasche des Toten. Auf diesem war in grüner Farbe die Zahl 50 vermerkt und ein rotes Andreaskreuz aufgemalt. Sie entdeckten nichts, weder Adressen, Namen noch Telefonnummern, die auf einen Rauschgiftlieferanten hätten hindeuten können.
»Wenn du einverstanden bist, setzte ich mich hin und tippe ein Fernschreiben an die Staatsanwaltschaft. Mit Zielrichtung Obduktion, oder?«, fragte Münzenberg, als sie wieder zurück im Büro waren.
»Ja, klar, Erich. Jede Rauschgiftleiche wird obduziert«, antwortete Schmittner. »Denk noch mal über mein Angebot nach«, ergänzte er.
Münzenberg ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass mit dem Rauschgiftfall Berger Ermittlungen begannen, die Jahrzehnte dauern sollten.
Bild 3: Typische Auffindesituation eines Rauschgifttoten
Seit Jahrtausenden ist der Libanon ein Schmelztiegel der Völker des Nahen Ostens. Phönizier, Karthager, Römer, Ägypter und Assyrer herrschten hier im Altertum und wurden nach der Islamisierung von wechselnden religiösen Gesellschaften abgelöst. Alexander der Große zog in der Vorzeit genauso durch das Land wie im Mittelalter die Kreuzritter und später die Osmanen. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs nach dem 1. Weltkrieg wurde das Gebiet des heutigen Libanon französisches Völkerbundmandat. Im 2. Weltkrieg trat das Land der Anti-Hitler-Koalition bei und wurde später Gründungsmitglied der Vereinten Nationen.
Obwohl sich der Libanon nach Gründung des Nachbarstaates Israel mit diesem im Kriegszustand befand und befindet, entwickelte sich ab 1949 das traditionell französisch geprägte Land zur »Schweiz des Orients« und die Hauptstadt Beirut zum »Paris des Nahen Ostens.« Diese positive wirtschaftliche Entwicklung stand und steht aber immer im Schatten religiöser Konflikte und teils kriegerischer Auseinandersetzungen. Christen verschiedenster Glaubensrichtung, schiitische und sunnitische Muslime müssen miteinander auskommen und leben eher gegeneinander als gemeinsam. Daneben gibt es Drusen, Alawiten und wenige Juden.
Die Libanesen sind in der Mehrzahl arabischer Abstammung. Es gibt aber Minderheiten armenischer und palästinensischer Herkunft sowie große Teile des Volkes der Mhallami oder Mhallamiye. Deren Ursprung ist in der türkischen Provinz Mardin. Sie wanderten vorwiegend aus wirtschaftlichen, vereinzelt politischen Gründen in den 1920er bis 1940er-Jahren in den Libanon ein, sprechen arabisch, werden aber oft als Kurden bezeichnet. Ein Teil von ihnen wurde eingebürgert, andere lebten und leben staatenlos im Libanon.
Alle Städte haben ihre Schattenseiten. Das gilt insbesondere für die antiken Mittelmeerhäfen, die seit Jahrtausenden daran gewöhnt sind, Heerscharen von Gästen zu beherbergen und diese zu unterhalten. Antike Krieger und Handelsleute, Seemänner auf großer Fahrt, vergnügungssüchtige saudische Scheichs, sonnenhungrige Touristen, Straßenhändler, Spekulanten, Diebe, Betrüger und Zuhälter aus aller Herren Länder tummelten und tummeln sich seit ewigen Zeiten in den Straßen Beiruts. Wer schnelles Geld machen will, ist in Beirut genauso zu Hause wie der, der leicht verdientes Geld schnell wieder loswerden möchte.
Bild 4: Beirut/Libanon 1975
Frères d’or – Goldene Brüder – nannten sie sich auf Französisch und wollten damit im frankophil geprägten Beirut nicht nur ihre Weltoffenheit belegen, sondern auch, dass sie, die Brüder, auf Gedeih und Verderb zusammenhielten. In ihrem Streben nach Reichtum und Macht schreckten sie vor nichts und niemandem zurück.
Der Kit-Kat-Club war ein Striptease-Lokal und fast direkt am Strand des Mittelmeers in der Hamra-Street gelegen. Ihn hatten sie für ihre Raubzüge auserkoren. Die Hamra Street gehörte, anders als der Rest Beiruts, weder Sunniten, Schiiten, Christen oder Drusen. Sie war praktisch exterritoriales Gebiet und stand für westliche, kosmopolitische Lebensart, für Toleranz und Freiheit. Hier gab es Kinos, Galerien, Theater, Nachtclubs und Cabarets und den bei den Reichen und Schönen weltweit bekannten Kit-Kat-Club.
Künstler, Lebemänner, Geschäftsleute aus aller Welt, Hasardeure, Glücksjäger, Schuhputzer, Taxifahrer und Unterweltler, vor allem aber Prostituierte und Tänzerinnen, sie alle wurden vom Umfeld des Clubs magisch angezogen.
Faris und Barut Al-Masry waren Brüder und sahen sich verblüffend ähnlich. Sie waren 16 und 14 Jahre alt, wirkten beide aber wesentlich älter. Faris war etwas größer als sein Bruder Barut. Er erweckte mit seinem gepflegten Oberlippenbärtchen den Anschein, schon fast erwachsen zu sein. Sie hatten die Statur und das Aussehen ihres Vaters Mitri geerbt. Den hätte man für einen jüngeren Bruder Omar Sharifs halten können. Mitri Al-Masry betrieb einen kleinen Schmuckladen in den Souks von Beirut.
Die Familie war Anfang der 1940er-Jahre aus der türkischen Provinz Mardin in den Libanon gekommen. Offiziell hieß es, sie seien geflohen, weil sie als Kurden in der Türkei verfolgt würden. Tatsächlich hatten die Mhallamiye jedoch in ihrem türkischen Heimatland keine Verfolgung zu fürchten. Im Libanon, der sie mit seinem wirtschaftlichen Aufschwung gegen Ende des Weltkrieges angelockt hatte, erhofften sich die Mhallamiye lediglich ein besseres Leben.
Für die neuen Bewohner der Souks gab es weder staatliche Leistungen noch Zugang zu öffentlichen Ämtern. Selbst der Schulbesuch war den Kindern der Einwanderer untersagt. Eine Integration oder gar Einbürgerung zum vollwertigen Staatsbürger fand nicht statt. Sie alle galten als Staatenlose. Da sich der Staat von seinen neuen Bewohnern abwandte, zeigten diese keine Bereitschaft, staatliche Institutionen anzuerkennen. Alle Entscheidungen wurden im Kreis der Familie, des Clans und der Sippe getroffen. Nicht nur die Erwachsenen waren auf ihre eigene Schaffenskraft angewiesen, auch die Kinder mussten sich ihre Bildung und ihr Wissen auf der Straße aneignen. So galt für sie früh das Recht des Stärkeren.
Faris und Barut hatten sich darauf spezialisiert, weibliche Besucher des Kat-Kat-Clubs dann zu überfallen und auszurauben, wenn diese die Bar allein verließen. Ein wesentliches Merkmal für die Opferauswahl war deren Alkoholisierungsgrad. Für Informationen darüber sorgte ihr wesentlich älterer Cousin Hamza, der als Barkeeper im Club arbeitete. Es kam vor, dass er potenziellen Opfern Alkoholika in den angeblich alkoholfreien Cocktail mixte.
Das Geschäftsmodell der Al-Masry-Brüder war einträglich, auch wenn ihr Cousin Hamza einen Anteil an der Beute erhielt und weitere Prozente an den zuständigen Revierpolizisten Issam, der jeweils ein Auge zudrückte, abzuliefern waren. Raubüberfälle durch die beiden Brüder fanden immer nur dann statt, wenn Issam Spätdienst hatte. Der Polizist sorgte dafür, dass Ermittlungen nur zögerlich stattfanden, vorausgesetzt, das Opfer erstattete überhaupt eine Anzeige.
Am Abend des 12. April lauerten Faris und Barut vor einem Seiteneingang des Clubs auf ein neues Opfer. Sie saßen zu zweit auf einer funkelnagelneuen Vespa, die sie vor zwei Wochen für dreihundert libanesische Pfund günstig im Hafen gekauft hatten. Der Verkäufer, ein Aramäer, hatte nicht schlecht gestaunt, als sie ihm die ganze Summe in bar übergaben. Er stellte keine Fragen. Er und die beiden Brüder wussten, dass es besser war, nicht nach der Herkunft des Gefährts zu fragen.
»Wollen wir eigentlich noch lange so weitermachen oder endlich versuchen, richtiges Geld zu verdienen?«, fragte Barut unvermittelt seinen Bruder.
»Wie meinst du das?« Faris wandte sich um und sah ihm in die Augen.
»Na ja, das bringt uns ja nicht so richtig weiter«, antwortete Barut. »Wir krebsen vor uns hin. Ich stelle mir vor, dass es besser ist, wenn wir unser Auskommen haben, ohne uns die Hände schmutzig zu machen.«
Faris war erstaunt, dass sein kleiner Bruder solche Pläne hegte.
»Das ginge nur mit Rauschgift- oder Waffenhandel, ebenso mit Frauen, die für uns anschaffen«, antwortete er ihm. »Das funktioniert nur mit einem gewissen Startkapital. Mit Geld bewegst du alles. Du brauchst Menschen, die für dich arbeiten.«
Ihre Überlegungen wurden von ihrem Cousin unterbrochen, der aus der Seitentür des Clubs kam. »Ich hab eine Kandidatin«, sagte er. »Sie kann kaum noch sprechen, lallt nur und ist beim Tanzen unsicher. Ich glaube, ihr Begleiter schickt sie bald heim. Er hat schon nach einem Taxi gefragt. Sie hat ein rotes Minikleid an.«
Barut nickte und richtete seine Blicke zum Haupteingang. Es dauerte nur wenige Minuten, bis ein dunkles Mercedes-Taxi vorfuhr. Ein elegant gekleideter, älterer Mann in schwarzem Smoking kam aus dem Club. Er hatte eine Blondine untergehakt, die erkennbar angetrunken war. Sie trug ein rotes Minikleid. Der Mann hatte Schwierigkeiten, die Frau bis zum Taxi zu hieven. Der Fahrer öffnete die hintere Tür und der Mann bugsierte seine Begleiterin auf den Rücksitz.
Die beiden Brüder sahen, wie er Geldscheine in die Handtasche der Frau steckte und diese auf den Rücksitz warf. Dem Taxifahrer gab er eine Banknote und nannte ihm eine Zieladresse. Der Chauffeur nickte, setzte sich hinter das Steuer und fuhr los.
Während der Mann dem Taxi nachschaute, startete Barut die Vespa und die beiden Brüder folgten dem Mercedes in einigem Abstand. Die Fahrt führte bis ins Christenviertel. Der Mercedes hielt an der Zufahrt zu einer kleinen Seitenstraße. Der Fahrer machte keinerlei Anstalten, um der betrunkenen Frau die Tür zu öffnen. Es dauerte eine Weile, bis sie die hintere Seitentür selbst öffnete und ausstieg. Sie schwankte und beugte sich noch einmal ins Innere, um ihre Tasche zu holen. Kaum hatte sie die Tür zugeschlagen, brauste der Wagen davon.
Die beiden Brüder sahen sich um. Die Gasse war menschenleer. Während Faris die Vespa startete, machte sich Barut bereit, der Frau im Vorbeifahren die Tasche zu entreißen. Dann lief alles blitzschnell und routiniert. Ehe die Betrunkene realisierte, was überhaupt passierte, hatte sich Barut schon die Handtasche gesichert. Während der Rückfahrt durchsuchte er sie und entnahm ein Bündel Geldscheine. Die Tasche warf er achtlos in den Rinnstein.
Als die beiden Brüder die Vespa zu Hause in dem kleinen Schuppen neben der Haustür abgestellt hatten, zählte Barut die Beute.
»Das hat sich gelohnt heute, Bruder. Allein dafür könnten wir uns eine zweite Vespa kaufen. Sie scheint ihrem Lover was wert zu sein.«
»Nein«, antwortete Faris, »keine zweite Vespa. Ich habe auf der Rückfahrt über deine Pläne nachgedacht. Das Geld der Blondine wird unser Startkapital werden.«
Durch lautes Klopfen an der Haustür wurden die beiden Brüder und ihre Eltern gegen drei Uhr nachts geweckt. Ihr Vater Mitri öffnete. Vor der Tür stand Issam, der Revierbeamte. Er schwitzte, seine Polizeiuniform war schweißnass. Faris war ebenfalls aufgestanden und sah sich draußen um. Offenbar war Issam zu Fuß von der Polizeistation gekommen, vermutlich war er sogar gerannt.
»Heute habt ihr euch die Falsche ausgesucht. Das Revier ist in heller Aufregung. Alle verfügbaren Kräfte sind im Einsatz und suchen euch!«
»Was ist passiert?«, fragte Faris. »Hast du keinen Einfluss mehr?«
»Es war die Geliebte des Geheimdienstchefs. Besser, ihr lasst euch die nächste Zeit nicht mehr blicken, und noch besser wäre, wenn ihr ganz verschwindet!«
In der Nacht beichteten die Brüder ihrem Vater ihre Tat.
»Ich hab so was geahnt«, sagte der. »Wenn ihr euch mit einem so hohen Tier angelegt habt, ist es besser, ihr flüchtet. Ich werde in die Teestube gehen und telefonieren. Am besten, ihr packt ein paar Sachen zusammen und lasst die Vespa verschwinden.«
Zwei Stunden später kam ihr Vater zurück. Sein Blick war voller Sorge und verhieß nichts Gutes.
»Du gehst nach Deutschland, Faris, und du, Barut, nach Italien, nach Bari.« Mitri hatte nicht nur seinen Bruder Habib in Deutschland erreicht, sondern auch seinen Cousin Asad in Bari. »Wir fahren gleich los«, fuhr Mitri fort. »Du wirst zum Hafen gebracht und nimmst dann ein Schiff nach Bari«, wandte er sich an Barut, »und du, Faris, fliegst mit dem ersten Flug nach Berlin. Ich bringe dich zum Flughafen.«
In der gleichen Nacht begann der Bürgerkrieg im Libanon, der fast zwanzig Jahre dauern würde.
In der Frühbesprechung des nächsten Tages, einem Dienstag, erlebte Münzenberg eine Überraschung. Schon am Abend zuvor und mehr noch während einer fast schlaflosen Nacht hatte er über das Angebot Schmittners nachgedacht und gegrübelt. Natürlich wäre mit der Übernahme der Sachbearbeitung von Rauschgiftsachen in der kleinen Dienststelle ein Wechsel in eine andere Ermittlungsgruppe verbunden. Seit seiner Versetzung nach Dillenburg war er mit drei anderen Kollegen und einer Kollegin in der EG II für Einbruchsdelikte zuständig. Zur täglichen Arbeit gehörte vor allem die Aufnahme der gemeldeten Einbruchstatorte, zumeist gemeinsam mit dem Spurensicherer Coliné, mit dem er sich gut verstand. Sie arbeiteten problemlos zusammen und ergänzten sich. Bei etlichen der Tatortaufnahmen äußerte Coliné, der im Landkreis wegen seiner Tätigkeit als Fußballfunktionär bekannt war wie ein bunter Hund, einen Tatverdacht zu dem Einbruch. Er ging dann in Gedanken die polizeibekannten örtlichen Täter durch.
»Das könnte das Mopedchen gewesen sein oder der Einachser, beide sind schon einmal ähnlich vorgegangen«, hieß es dann von ihm. Die jeweiligen Spitznamen ihrer Kundschaft kannte Münzenberg bald. So war zum Beispiel der Einachser ein schon älterer Täter aus einer Gemeinde im Südkreis, dem schlichtweg ein Bein fehlte, das er bei einem Unfall verloren hatte. Das Mopedchen war ein junger Gelegenheitseinbrecher, wohnhaft in einer Gemeinde im Aartal, der seine Einbruchstatorte vorwiegend mit einem Moped ansteuerte. Sein Gefährt war dem jungen Einbrecher einmal nach einem Einbruch in ein Herborner Möbelhaus zum Verhängnis geworden. Einer dort ausgestellten großen Standuhr hatte Mopedchen während seines nächtlichen Raubzugs nicht widerstehen können. Natürlich war die Uhr viel zu groß für sein Moped, worauf er sich mitsamt Standuhr von einem Taxi nach Hause chauffieren ließ. Logischerweise meldete sich der Taxifahrer bei der Polizei, als er zwei Tage nach der nächtlichen Taxifahrt in der Presse von der ungewöhnlichen Diebesbeute las, und Mopedchen wurde rasch ermittelt und überführt.
Häufig hatten sich die Ahnungen Colinés als zutreffend erwiesen und die im jeweiligen Fokus stehenden Tatverdächtigen hatten dann oft kein Alibi für die Tatnacht. Der Hinweis auf am Tatort gesicherte eindeutige Spuren führte häufig schon bei ersten Personenüberprüfungen zu einem Geständnis und damit zur Tataufklärung. Die beiden Ermittler kehrten dann nicht nur nach Erledigung der Tatortaufnahme, sondern oft auch mit einem Tatverdächtigen im Schlepptau zur Dienststelle zurück.
Diese kurzweiligen Einbruchsermittlungen würde Münzenberg auf jeden Fall nach einem Wechsel in die EG I vermissen. Hier wäre er für Todesermittlungen zuständig, außerdem für Brand-, Raub- und Waffendelikte und eben auch für Rauschgiftkriminalität. Die in Aussicht stehende Ermittlungsarbeit in der EG I war breiter gefächert, mit Sicherheit interessanter und abwechslungsreicher als die bisherige Arbeit im Einbruchsbereich.
Während seiner schlaflosen Nacht hatte Münzenberg reflektiert, was ihm zu Rauschgift einfiel. Zunächst dachte er an seine Schulzeit in Biedenkopf. Natürlich hatte er als Teenager von der Drogenszene in den Städten des Landes gehört und Bilder von Drogenkonsumenten in der Tagesschau gesehen. Das schien alles weit weg vom Schulalltag im Hessischen Hinterland. Das Thema Rauschgift wurde dann aber auch in der Schule hochaktuell. In der Obersekunda, Münzenberg war siebzehn Jahre alt, hieß es eines Tages, dass drei seiner aktuellen und ein früherer Mitschüler, der jetzt die Mittelschule besuchte, von der Polizei festgenommen worden seien. Sie hätten sich eines Tages im Hausmeisterbüro einen Schlüssel des Chemieraumes beschafft und wären nachts in den Unterrichtsraum eingedrungen. Weil sie gute Chemieschüler waren, war es ihnen nicht schwergefallen, dort »Berliner Tinke« herzustellen, ein injizierbares Gemisch aus Morphinkarbonat und Essigsäure. Die Tinktur war praktisch ein chemisch hergestellter Heroinvorläufer, deren Wirkung umso größer wurde, je dunkler die Flüssigkeit war.
Münzenberg war von der Nachricht völlig überrascht, er wusste bis dahin nicht einmal, dass seine Mitschüler Drogen konsumierten.
Der Vorfall hatte Folgen für die vier jungen Männer. Strafrechtlich ging es noch glimpflich aus, aber alle vier wurden relegiert und flogen von der jeweiligen Schule. Seinen drei Mitschülern vom Gymnasium hatte der Bruch in ihrer Schülervita nicht groß geschadet, sie bauten trotzdem ihr Abi auf anderen Schulen und beschritten jeweils ihre erfolgreichen Lebenswege. Der vierte Täter des Einbruchs endete wenige Jahre nach dem Vorfall als Heroinleiche.
Münzenberg überlegte weiter. Etwas Drogenerfahrung hatte er ebenfalls. Er war eben siebzehn geworden, als ihm beim sonntäglichen Besuch in der Disco in Niederlaasphe ein flüchtiger Bekannter eine brennende Tabakspfeife weiterreichte. Münzenberg war klar, dass darin nicht nur Tabak brannte, sondern Cannabis. Er zog einmal, zweimal an der Pfeife und reichte sie weiter. Er inhalierte und spürte überhaupt nichts. Er sah keinen einen Marmeladenhimmel, schmeckte keinen Marshmallowkuchen und er hatte auch seinen Kopf nicht in den Wolken, wie die Beatles es in »Lucy in the sky with diamonds« besungen hatten. Der Qualm schmeckte schal und war eher geschmacklos. Während der anschließenden Heimfahrt auf seiner Honda schwor er sich, dass es der erste und zugleich letzte Drogenkonsum war. Dabei blieb es.
