Munch sehen und sterben - Gundula Thors - E-Book

Munch sehen und sterben E-Book

Gundula Thors

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Beschreibung

Der Tod grassiert im Auktionshaus Lette im schicken Hamburger Eppendorf. Wurde hier gemordet? Und was hat es zu bedeuten, dass ein mysteriöses Kunstwerk verschwunden ist? Handelt es sich dabei tatsächlich um eine bislang unentdeckte Version des Schreis von dem Künstler Edvard Munch, ein Gemälde, das wie seine anderen Versionen dieses Motivs für viele Millionen Euro verkauft werden könnte? Das fragen sich nicht nur die Kunsthistorikerin Syelle Lessing und ihr Lebenspartner Claas Seehaus, sondern auch Kommissar Fritz und seine Kollegen vom LKA. Syelle katalogisiert die ererbte Kunstsammlung der vermögenden Zwillingsschwestern Damson. Gehörte das verschwundene Gemälde womöglich zu der Damson-Sammlung? Sollte das Kunstwerk im Auktionshaus versteigert werden? Welche Rolle spielen die beiden so gegensätzlichen Schwestern, die sich in ihrer noblen Villa bis aufs Blut bekriegen? Auch Eva Damsons eigenartiger Lover, der dringend Geld für ein hippes Foodkonzept braucht, könnte seine Finger mit im Spiel haben im Geschwisterkrieg um Erbschaften, Geld und Kunst. Doch Syelle lässt nicht locker bei ihren Ermittlungen und dringt immer tiefer in den Morast aus hanseatischem Snobismus, Geldgier und Betrug vor. So lange, bis sie selbst in Lebensgefahr gerät. Der Kriminalroman von Gundula Thors besticht durch spannende Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Minute und liefert, wie schon ihre beiden ersten Krimis, Einblicke in den korrupten Kunstbetrieb.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gundula ThorsMunch sehen und sterben

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8377-4

Gundula ThorsMunch sehen und sterben

Gundula Thors verdiente ihr Taschengeld schon im Alter von 16 Jahren mit Glossen für die Lübecker Nachrichten. Seitdem ließ sie das Schreiben nicht mehr los. Sie studierte in Hamburg Kunstgeschichte, Germanistik und Journalistik, arbeitete als freie Journalistin, veröffentlicht Gedichte u. a. in éditions trèves, Kurzgeschichten, Sachbücher und Kriminalromane bei verschiedenen Verlagen und gewann u. a. zweimal den Maxi-Literaturwettbewerb.Elf Jahre lang wohnte sie in Bremen, leitete die Gruppe Literaturpost und arbeitete für Radio Bremen II Kulturell.Neben dem Schreiben ist zeitgenössische Kunst eine große Leidenschaft der Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

„Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, tod­müde – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur … Ich malte dieses Bild – malte die Wolken wie wirkliches Blut – die Farben schrien …“(Edvard Munch)

Kapitel 1

„Sag mal, findest du das nicht reichlich übertrieben?“ Syelle deutet auf zwei muskelbepackte Türsteher. „Das Auktionshaus Lette in Hamburg ist doch nicht Sotheby’s in London.“

„Na ja, das nicht gerade, aber schau dir mal die Limitpreise für die Klunker in der Auktionsliste an, die setzen hier in Eppendorf auch nett was um.“ Claas macht einen Schritt zur Seite, um zwei zwielichtigen Typen mit Machomienen und Bad Boy-Frisuren auszuweichen. Sie drängen aus der Tür, zwinkern den Türstehern zu und gehen breitbeinig auf zwei Luxuskarossen zu, lassen Schlüssel an Kettchen um ihre Finger kreisen und nehmen sich sehr viel Zeit beim Einsteigen.

„Schau bloß nicht hin zu den Angebern. Typisch, klotzen ihre Angeberkarren direkt vor die Tür. Meinst du, die haben Schmuck ersteigert?“

„Klar, Statement Bling Bling für ihre Hühner, als Belohnung, wenn sie ordentlich angeschafft haben …“ Syelle unterbricht ihn, verzieht abfällig das Gesicht. „Allein schon, wie die sich eingedieselt haben.“

„… ersteigern ist oft günstiger als neu kaufen“, fährt Claas fort und grinst: „Eingedieselt?! Stimmt. Die ganze Straße stinkt nach ihrem Rasierwasser. Penetrant.“ Er tritt näher ans Schaufenster und blinzelt durch die Scheibe, um die aktuelle Losnummer zu erkennen. „Komm, lass uns reingehen, jetzt dauert es nicht mehr lange, bis das Malskat-Gemälde aufgerufen wird. Mir wird auch langsam kalt.“

So leise wie möglich nehmen Syelle Lessing und Claas Seehaus Platz auf zwei Stühlen in einer der hinteren Reihen. Vorne verkündet eine rundliche Frau mit bemerkenswert durchdringender Stimme: „Und jetzt sind wir schon bei den Gemälden angelangt, meine Damen und Herren.“

Eine Dame im Leoprintmantel steht auf, drückt ihrem Begleiter ihre Handtasche auf die Knie, flüstert: „Gleich ist mein Gemälde dran. Trockene Kehle, die Aufregung, möchtest du auch etwas trinken mein Liebling?“, sie zwängt sich ohne seine Antwort abzuwarten lautstark durch eine Stuhlreihe, tippt Claas auf die Schulter, winkt ihn zu sich und lässt sich in einem angrenzenden Raum ein Glas Champagner reichen. „Sie haben das Bild wirklich wunderbar restauriert, Herr Seehaus. Und die Beschreibung im Katalog, die amüsante Geschichte des Bildes, das müsste sich doch positiv auf den Preis auswirken, meinen Sie nicht auch?“

Claas reicht der Leoprintdame die Hand. „Guten Tag, Frau Damson. Da haben Sie sicher recht, nur schade, dass die Signatur nicht zu entziffern ist. Und ...“, sein Blick wird unmissverständlich, „daran konnte ich beim besten Willen nichts ergänzen, Frau Damson, auch wenn die Notizen Ihres Großvaters gewiss zutreffend waren.“

„Ach, die Signatur! Warum ist das so wichtig? Großvaters Notizen zu seinen Kunstwerken waren immer akkurat, das hat Ihre Lebensgefährtin Frau Lessing im Laufe ihrer Tätigkeit bei meiner Schwester und mir schnell gemerkt. Es ist ein wunderbares Gemälde, das sollte doch wohl ausschlaggebend sein.“

„Na ja“, Claas macht eine kurze Pause, um nachzudenken, wie er das Durcheinander im Haus von Eva Damson, durch das sich Syelle kämpfen muss, so taktvoll wie möglich umschreiben könnte, „so genau und übersichtlich sind leider bei Weitem nicht alle Unterlagen. Und dann steht da eben doch der …“, Claas macht eine Pause, als suche er schon wieder nach einem weniger kompromittierenden Begriff, „also, durch die kunsthistorische Forschungsarbeit meiner Frau soll ja auch sichergestellt werden, dass es sich bei der Sammlung Ihres Großvaters keinesfalls um Raubkunst handelt. Deshalb haben Sie und Ihre Schwester Maria meine Frau doch wohl engagiert. Um Ordnung zu schaffen und Gewissheit über die Herkunft der Kunstwerke zu bekommen.“ Eva Damson verzieht empört das Gesicht, will Claas unterbrechen.

Er macht eine beschwichtigende Geste und redet weiter. „Aber bei Ihrem Gemälde hier, der Frau mit Flügelhaube, gibt es keinen Zweifel. Das war ein Tauschgeschäft, das Ihr Großvater mit dem genialen Fälscher Malskat wohl Anfang der 1950er-Jahre gemacht hat. Nur, wie schon gesagt, die unleserliche Signatur, das ist sehr bedauerlich und drückt den Wert erheblich.“

„Ja, leider, gnädige Frau, Herr Seehaus hat recht“, Herr Lette, der Inhaber des Auktionshauses, mischt sich in das Gespräch ein, „ohne eine gesicherte Zuschreibung zu einem Künstler lassen sich nur schwer hohe Preise erzielen. Bei diesem exquisiten Werk und seiner ungewöhnlichen Geschichte dürfen wir dennoch zuversichtlich sein. Nicht wahr, Herr Seehaus, das sehen Sie und Frau Lessing doch genauso. Darf ich Ihnen auch etwas zu trinken anbieten?“

Er zieht Claas mit zum Getränketisch hinüber und flüstert mit verschwörerischem Unterton: „Es bleibt doch bei unserem Termin morgen Vormittag?“ Er deutet auf einen in hellblauer Noppenfolie verpackten Gegenstand. „Was ich Ihnen da zeigen werde, ich sage nur Der Schrei! Wenn Sie und Ihre Gefährtin Frau Lessing bestätigen können, wonach es aussieht, dann schießt mein Haus in die Oberliga. Sotheby’s wird grün vor Neid.“

„Worum handelt es sich denn genau? Doch wohl kaum um den norwegischen Künstler Edvard Munch. Seine Variationen der Gemälde Der Schrei sind ja nun wirklich erschöpfend dokumentiert.“ Claas findet die Heimlichtuerei irritierend und Herrn Lettes Vergleich mit einem der weltweit berühmtesten Auktionshäuser arg übertrieben.

„Psst, hier hören viele Ohren mit. Bis morgen, Herr Seehaus. Wir sehen uns morgen.“ Der Inhaber des Auktionshauses Lette schluckt eine Tablette, spült sie mit einem großen Schluck Champagner hinunter und deutet auf die Mitarbeiter an den Telefonen. „Ich muss …“

Frau mit Flügelhaube. Syelle betrachtet das Gemälde, fühlt sich an Friesland erinnert, wo sie aufgewachsen ist und überlegt. Hießen diese weißen Kopfbedeckungen in Friesland nicht Flittighauben? Sie findet das Bild wunderbar, hat immer wieder zugesehen, als Claas kleine Löcher und dünne Stellen im Leinwandgewebe als fast unsichtbar verschwinden ließ.

Das Bild zeigt eine Dienstmagd vor einem diffusen Hintergrund. Sonst nichts. Die Frau schaut mit gesenktem Blick auf einen blauen Krug, sie hält ihn fast zärtlich im Arm. Diese Großaufnahme mit nur einer Person in vermutlich häuslicher Umgebung strahlt eine unfassbare Ruhe aus, nur ihr rotes Schultertuch verweist auf eine laute Welt da draußen.

Am liebsten hätte Syelle das Gemälde behalten, obwohl ihr Interesse als Kunsthistorikerin auf moderne Kunst konzentriert ist. Sie fühlte sich sofort an das berühmte Gemälde von Jan Vermeer Dienstmagd mit Milchkrug erinnert, als Claas den Auftrag von Frau Damson bekam, es zu restaurieren.

„Das liegt wohl an deinen friesischen Genen“, hatte Claas Syelle wegen ihrer Liebe für die Frau mit Flügelhaube geneckt. „Sehnsucht nach zu Hause, dem rauen Meeresklima, der Ruhe, dem weiten Blick. Du mit deinem Heimweh, aber wo du herkommst, gibt es nun mal kaum Arbeit für Kunsthistorikerinnen. Und inzwischen fühlst du dich in Hamburg doch auch ganz wohl. Zumindest, seit du mich kennengelernt hast“, hatte er liebevoll grinsend hinzugefügt, „stimmt doch, meine Silly. Oder etwa nicht?“

„Losnummer 351, meine Damen und Herren. Frau mit Flügelhaube, Öl auf Leinwand, 100x120 cm, geschmackvoll gerahmt. Ein ganz besonderes, ungewöhnliches Motiv.“

Die Stimme der Auktionatorin reißt Syelle aus ihren Gedanken. „Es stammt aus der Sammlung des Meisterfälschers Malskat, möglicherweise hat er es sogar selbst gemalt. Hier handelt es sich jedoch mit Sicherheit nicht um eine Fälschung, ein Vorbild für dieses kontemplative Meisterwerk ist nicht bekannt. Seine ungewöhnliche Geschichte haben Sie im Katalog lesen können. Wenn ich eine coole Designerküche hätte“, fügt die Auktionatorin anscheinend ehrlich begeistert hinzu, „würde ich es dort als Kontrapunkt gerne um mich haben wollen, sozusagen als emotionale Gegenstimme in der Hightech-Umgebung. Also, lassen Sie sich dieses wunderbare Meisterwerk nicht entgehen. Geboten sind 8.000 Euro. Wer bietet mehr?“ Sie bekommt Zeichen von den Damen und Herren an den Telefonen, die seitwärts neben ihr sitzen. Auch über das Internet gehen Gebote ein: „8.100, 8.400 … sind geboten. Oh! Da hinten, der Herr in der letzten Reihe bietet 10.000. Jetzt wird es spannend …“

Ein Raunen geht durch den Saal. Eva Damsons Finger krallen sich um ihr Champagnerglas. Sie murmelt: „Mehr, mehr! Los, macht weiter!“

Auch Claas schaut angespannt zu Boden. Da müsste allerdings noch mehr drin sein – auch in Hinsicht auf weitere Aufträge.

Er hat bei Weitem nicht den gesamten Arbeitsaufwand für die Restaurierung berechnet, dennoch war da eine nicht unbeträchtliche Summe zusammengekommen. Zu den Kosten der Restaurierung kämen noch circa 20% Abzug von dem Verkaufserlös für das Auktionshaus hinzu. Und die Leomanteldame Eva Damson brauche dringend Geld, hat Silly ihm erzählt. Sehr dringend sogar.

„11.000 für ein ganz besonderes Werk. Keiner bietet mehr? Nun, dann 11.000 zum ersten, zum zweiten und –“, der Hammer knallt auf das Pult, „zum dritten! Herzlichen Glückwunsch. Losnummer 352 …“

Die Auktion geht zügig weiter. Daran scheinen weder Eva Damson noch ihr wesentlich jüngerer Begleiter interessiert zu sein. Sie haben den Auktionsraum verlassen. Auch Claas stellt sein Glas ab und geht gemeinsam mit Syelle leise zur Tür.

11.000 Euro. Das ist enttäuschend, dieses Bild ist mehr wert, denkt Claas und blickt unauffällig zu seiner Auftraggeberin hinüber, die mit versteinerter Miene auf der Straße neben dem Schaufenster steht und nervös durch ihre blondierte Mähne fährt. Ob ich, fragt sich Claas, von ihr noch mal einen Auftrag bekomme, wenn es sich finanziell für sie so wenig lohnt? Frühere Verkäufe aus der Kunstsammlung ihres Großvaters haben wesentlich mehr eingebracht.

Syelle tritt von einem Fuß auf den anderen, weiß nicht, ob sie Eva Damson ansprechen soll. Peinliche Stille. Endlich besinnt die Frau sich, greift ihren jugendlichen Begleiter am Arm: „Darf ich vorstellen, Herr Seehaus, mein Bekannter Keanu. Sie, Frau Lessing, haben ihn ja schon bei mir zu Hause kennengelernt.“

Der dunkelhaarige, exotisch aussehende junge Mann nickt Syelle lächelnd zu und reicht Claas die Hand. „Aloha! Nennen Sie mich bitte auch Keanu, meinen traditionellen hawaiischen Familiennamen wollen Sie gar nicht wissen, ist viiiiel zu lang.“

„Keanu, wie Keanu Reeves, der Schauspieler?“, fragt Claas.

Eva Damson strahlt. „Genau, wie der Schauspieler, ein attraktiver Mann. Keanu bedeutet auf Hawaiianisch ,kühle Brise‘. Nice, isn’t it?!“

Oh, hat sie heute wieder ihren Englischtick?, denkt Syelle. Ständig wirft sie mit englischen Sprachbrocken um sich, nur weil sie lange im Ausland gelebt hat. Die muss sich wirklich mit allem wichtigtun.

Was sie wohl glaubt, was wir über ihre „kühle Brise“ denken und über ihr albernes Englischgequatsche, sinniert Syelle. Nach einem Moment allgemeinen Schweigens fügt sie hinzu: „Ja, dann wollen wir mal. Bis morgen. Wie immer um zehn Uhr bei Ihnen.“

„Sie haben recht, Frau Lessing. Let’s go home. Eigentlich hatte ich geplant, den Verkauf des Bildes bei einem schönen gemeinsamen Dinner zu feiern, aber ich muss sagen, dass ich doch sehr enttäuscht bin. Ich hatte einen deutlich höheren Erlös erwartet. Nun ja. Kommen Sie beide doch morgen Abend zu uns. Meine Schwester Maria ist eine hervorragende Köchin. Oder besser noch Keanu! Du könntest uns doch mit einem hawaiianischen Gericht überraschen. Was meinst du?“

Der nickt mit einem schiefen Grinsen. „Mache ich gerne. Etwas ganz Besonderes, bis dann also.“

Kurze Verabschiedung, dann schlendern Syelle und Claas Hand in Hand den Lehmweg in Eppendorf entlang.

„Sag mal, ist dir das auch aufgefallen, wie die Kiezloddel diesem Keanu seltsame Blicke, man muss schon sagen – zugeschossen – haben?“

Claas zuckt mit den Schultern. „Nö. Du meinst die ,kühle Brise‘ treibt sich im Milieu herum? Interessiert mich ehrlich gesagt nicht wirklich.“

Er stupst Syelle an: „Gehen wir noch ins Löwen? Flammkuchen und ein Weinchen? Es sind bis in die Löwenstraße ja nur ein paar Schritte.“

„Ach nee, Claas, lass mal. Adele muss noch raus, sie war seit Stunden nicht Gassi.“

„Na gut, dann also zu dir. Jetzt ist mir auch klar, wofür die Dame Eva so dringend Geld braucht. Hält sich ’nen Toyboy. Das kann teuer werden. Auch, um sich in ihrem Alter frisch zu halten. Also, ich weiß nicht, wie die sich anzieht. Hanseatisch ist das nicht. Und diese aufgestylte blonde Mähne. So ein richtiger Reißer ist sie jedenfalls nicht mehr. Frauen! Zu dämlich, glaubt die etwa, dass die hawaiianische Brise aus Liebe mit ihr zusammen ist?“

„Ach, aber wenn alte Knacker sich junge Nymphchen kaufen, das ist okay?!“ Syelle schießt Claas einen ihrer gefürchteten Raubtierblicke zu und schnaubt. „Komm mir bitte nicht mit solchen Sprüchen! Und, von zu mir habe ich nichts gesagt. Ich muss morgen wieder zu den beiden Schwestern in ihr Gruselhaus. Die keifen sich nur an. Wenn Maria hört, wie viel weniger das Bild eingebracht hat, als von Eva versprochen, dann ist wieder die Hölle los. Das verdirbt mir jetzt schon die Laune. Da kann ich nicht auch noch blöde Sprüche von dir gebrauchen.“

„Jetzt sei doch nicht so kratzbürstig, Silly. Meine Lieblingssommersprosse“, neckt Claas und zupft ihre eine widerspenstige Ponyfranse aus der Stirn.

Er weiß, wie sehr sie es hasst, so genannt zu werden. Ihre Sommersprossen kann sie nicht ausstehen. „Komm, wir holen Adele, gehen Gassi und dann: Hunger!“

„Hm, na gut. Dann erzählst du mir aber endlich, was für eine Supersensation morgen im Auktionshaus auf dich wartet. So aufgeregt wie vorhin habe ich den Lette noch nie erlebt.“

Kapitel 2

Es ist in der Nacht nach der Auktion dann doch später geworden.

Am folgenden Morgen steht Syelle gähnend, aber trotzdem pünktlich um zehn Uhr vor dem Haus der Damson-­Schwestern und wartet auf das Geräusch des Türöffners. Claas hat sie in eine ausgiebige Kuschelrunde hineingeschmust, mit seinen sensiblen Künstlerhänden gestreichelt, nicht nur die Sommersprossen auf ihrer zarthellen Haut geküsst, und dann …

Das war schön, sehr schön sogar, aber der Wein und zu wenig Schlaf. Sie fühlt sich müde und verkatert. Und so sehe ich wahrscheinlich auch aus, denkt sie und streicht durch ihre rotblonden Haare.

„Nun macht schon endlich auf“, grummelt sie und rüttelt an dem Gartentor. Ihr Rufen in die Gegensprechanlage ist vergeblich. „Warum hört mich keiner, wenigstens Maria müsste doch lange aufgestanden sein?“

Ihr Blick rastert die Fenster der Backsteinfassade der alten Villa ab. Rote Ziegel, weiße Fensterrahmen, ein wunderschönes Haus mit einer expressionistisch gestalteten Fassade. Allerdings hat es schon bessere Tage erlebt, sieht heruntergekommen aus. Syelle findet, Maria Damson hat recht, eine Renovierung wäre dringend nötig. Die Fenster zur Straße im Erdgeschoss sind wie immer von tannengrünen Holzrollos verdeckt. Maria, Evas Schwester, hat panische Angst, Einbrecher könnten die Gemälde in den Wohnräumen entdecken. Außerdem schade zu viel Licht den Bildern, hatte sie erklärt, in den Zimmern nach hinten hinaus zum Garten habe man genug Helligkeit.

Adele ist auch ungeduldig, zerrt an der Leine. Syelle krault ihren Hund zur Beruhigung hinter den Ohren. „Wärst lieber mit Herrchen zum Toben in den Eppendorfer Park gelaufen, was, mein Wuschel? Der hat heute Vormittag keine Zeit für dich, er hat einen ganz wichtigen Termin im Auktionshaus. Da darfst du nicht mit reinkommen. Der Herr Lette hat Angst, du pinkelst gegen die teuren Antiquitäten …“

Syelle stutzt. Anstatt des Schnarrens des Türöffners hört sie andere seltsame Geräusche. Sie kommen von oben. Aus den Bäumen? Nein, Vogelschreie sind es nicht. Sie schaut hoch ins obere Stockwerk. Dort hängen die morschen Holzrollos schief auf halber Höhe. Eines der Fenster ist weit geöffnet. Aha, von dort kommen die schrillen Töne, denkt Syelle.

Dann sieht sie, wie etwas Rundliches, hell Moccabraunes sich wild bewegt. Was ist das denn? Ein Kissen? Auf Zehenspitzen, mit zusammengekniffenen Lidern, glaubt sie erst nicht, was sie allmählich erkennt. Das ist kein Kissen, das ist ein Hintern! Kein Zweifel, Eva lässt sich gerade vögeln. Und der Hintern gehört höchstwahrscheinlich Keanu.

Ich fasse es nicht, Syelle unterdrückt ihr Lachen. Muss das unbedingt bei weit offenen Fenstern sein? Damit man von den gegenüberliegenden Häusern auch ja alles mit­bekommt? Gibt es Eva einen Extrakick, beim Sex beobachtet zu werden? Und ihre Schwester? Wie findet Maria das? Und warum öffnet sie nicht die Tür?

Syelle stampft mit dem Fuß auf. So, jetzt reicht es mir. Jetzt ist Sturmklingeln angesagt, so lange, bis mich endlich jemand reinlässt!

Es hat gewirkt. Ein Kopf und eine winkende Hand erscheinen über dem Fensterbrett im oberen Stockwerk. „Good morning, Frau Lessing. Sekunde, ich mache sofort auf. Wo der Schlüssel für die Haustür liegt, wissen Sie ja.“

Na, wenigstens hat sie nicht ihre nackten Brüste auf dem Fensterbrett präsentiert, denkt Syelle genervt, macht sich, nachdem die Gartenpforte schnarrend aufgesprungen ist, auf den Weg durch den Vorgarten über knirschenden Kies und fingert den Schlüssel unter dem Deckel einer Außenleuchte hervor und geht in das Haus.

Die große holzgetäfelte Diele wird durch drei schmale Seitenfenster nur dürftig erhellt. Sonnenstrahlen brechen sich an den kleinen geschliffenen Scheiben, werfen bizarre Schatten an die gegenüberliegende Wand und auf einen ungewöhnlich großen norwegischen Troll, der in einer Ecke steht. Syelle zuckt jedes Mal zusammen, wenn ihr Blick auf die mannshohe gruselige Figur mit der zotteligen Mähne fällt. Treffen die Sonnenstrahlen auf das monsterartige Gesicht, scheinen die Augen sie bösartig anzustarren. Manchmal sieht es sogar so aus, als würde sich der Troll auf sie zubewegen.

Syelle versucht zu ignorieren, wie sich Gänsehaut auf ihren Armen ausbreitet. Sie stellt ihre Tasche ab, hängt ihre Jacke in die Garderobenecke, Adele rennt zielstrebig in die Küche und kommt schnell wieder zurück. Anscheinend ist niemand dort. Aus dem ersten Stock sind Duschgeräusche zu hören. Die Schiebetüren zum Esszimmer sind zugeschoben. Durch die wunderschöne Jugendstilver­glasung mit in das Glas geätzten Ornamenten dringt kein Licht. Das Zimmer liegt zur Straßenseite hin, ist durch die heruntergelassenen Rollos vollkommen dunkel. Hierhin hatten die Schwestern Eva und Maria Syelle verbannt, als sie ihre Arbeit bei ihnen begann. „Wir brauchen den Raum nicht, essen immer in der Wohnküche, das ist gemütlicher“, hatte Eva erklärt. „… wenn auch weniger stilvoll“, hatte Maria seufzend hinzugefügt.

Die Mehrzahl der Kisten mit Unterlagen steht noch immer dort, Syelle holt alles, was sie braucht nach und nach ins Musikzimmer, wohin sie umgezogen ist. „Den ganzen Tag in diesem Schattenreich halte ich es nicht aus“, hatte sie so lange geklagt, bis sie die Erlaubnis bekam, einen Raum mit Blick zum Garten für ihre Recherchearbeit zu nutzen. Von hier aus hat sie eine herrliche Aussicht über den weitläufigen Rasen, der sich bis zum Ufer des Alsternebenlaufs erstreckt. Hin und wieder gleiten Ruderboote vorbei. Es ist herrlich ruhig, Motorisierte Wasserfahr­zeuge sind wunderbarerweise verboten.

Am Ende des lang gezogenen Grundstücks steht ein weiß gestrichener Pavillon. Ehemals weiß, jetzt blättert die Farbe. Die Fenster sind zugenagelt. Die Tür ist mit mehreren Schlössern gesichert. Seltsam, denkt Syelle, den bezaubernden Pavillon könnte man doch im Sommer nutzen, lesen, träumen, aufs Wasser schauen. Ich muss mal fragen, warum er so lieblos verriegelt und zugerammelt ist.

Wie so oft, wenn sie Wasser sieht, denkt sie an Friesland, wo sie aufgewachsen ist. Dort, wo der Horizont unendlich weit zu sein scheint. Da, wo die Möwen hoch am Himmel segeln und die Welt erahnen lassen, die sich hinter dem Horizont befindet. Es war eine unbeschwerte Kindheit, auch wenn ihr der Westwind oft beißend kalt ins Gesicht wehte. Aber sobald sich der Frühling ankündigte, staksten frisch geborene Lämmchen auf wackeligen Beinen hinter ihren Müttern über die Deiche. Und jetzt, um diese Zeit, hat sie nach Knoblauch schmeckenden Röhrkohl im Watt gesucht. Der ist so friesisch wie ihr Name Syelle. Weg wollte sie trotzdem. Erleben, was hinter dem Horizont passiert.

Schluss mit der Träumerei. Syelle seufzt. „An die Arbeit!“

Die Tür öffnet sich einen Spalt breit. Keanus Kopf schiebt sich hindurch. „Guten Morgen, Frau Lessing, auch einen Tee, gut geschlafen?“

„Ähnlich wie Sie“, antwortet Syelle innerlich lächelnd, ohne aufzublicken. Er versteht sofort und verzieht seinen Mund zu einem breiten Grinsen: „Ficky, Ficky am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Hi, hi …“

Wenigstens hat Eva nach der Enttäuschung im Auktionshaus noch etwas Spaß gehabt, aber solche vulgären Sprüche von dir Schmarotzer verbiete ich mir, denkt Syelle und erwidert nur ein vieldeutiges „Hmm“. Ihre Miene hingegen ist so eindeutig, dass Keanu auf der Stelle verschwindet.

Sie ist immer noch unsicher, ob ihre Arbeitsstrategie sinnvoll ist. Um die Herkunft der Kunstwerke für eine Katalogisierung eindeutig festzustellen, muss sie die Kaufbelege finden. Nur gibt es die häufig nicht, stattdessen lassen sich manchmal Einträge in diversen Kladden den einzelnen Gemälden, Aquarellen und Grafiken zuordnen. Dann ist da noch die Korrespondenz mit Künstlern, einiges auch mit Händlern und Galeristen, vieles handschriftlich, oft unleserlich. Syelle stöhnt, ihre Tätigkeit als Kunsthistorikerin hatte sie sich nach dem Studium anders vorgestellt.

„Erst eine kleine Stärkung“, murmelt sie, zögert, weil sie eigentlich nicht schon so früh am Tag mit dem Naschen anfangen will und holt dann doch mit schlechtem Gewissen eine Tüte mit kandierten Früchten aus ihrem Rucksack. Sie liebt es, wenn die Zuckerkruste beim Reinbeißen leise kracht und der Fruchtgeschmack sich auf ihrer Zunge ausbreitet. Sie seufzt: „Ein paar Sekunden auf der Zunge, eine Ewigkeit auf den Hüften“, und lässt schnell noch eine zuckrige Aprikose zwischen ihren Lippen verschwinden.

„So, jetzt aber los!“ Sie hievt einen Karton auf den Konzertflügel, der hier unbespielt vor dem Fenster steht. Also heißt es wieder Briefe entziffern, Namen der Absender und Daten notieren.

Auch die Herkunft des gestern versteigerten Gemäldes Frau mit Flügelhaube nachzuweisen, war schwierig. Mehr durch Zufall hat Syelle eine vergilbte Mappe mit Briefen und Zeitungsausschnitten entdeckt, in denen es um den Kunstmaler Malskat aus Lübeck geht. Als Claas ihr erzählte, dass sein Vater Paul sowohl Evas und Marias Großvater Damson als auch den Künstler Malskat flüchtig gekannt und wohl auch bewundert hatte, nahm sie die Unterlagen mit zu Paul und Claas nach Hause.

Syelle erinnert sich an den gestrigen Abend. Als sie in Claas’ Elternhaus in der Bismarckstraße im Generalsviertel im Bezirk Eimsbüttel ankam, hat sich sein Vater Paul auf die Mappe gestürzt, sie beinahe ehrfurchtsvoll durchgesehen und vor sich hin gemurmelt. „Hochbegabt war der Malskat, eine Ungerechtigkeit, dass er nur als Fälscher in Erinnerung geblieben ist. Der war kein Betrüger, der wollte die Welt bereichern und vor Verlusten schützen.“

Syelle hatte ihren Arm um Claas Schulter gelegt, wuschelte hin und wieder seine dunklen Locken. Die beiden amüsierten sich über Pauls Enthusiasmus.

„Erinnert Ihr euch noch an Konrad Kujau, der Anfang der 1980er Jahre die Hitlertagebücher ,erfunden‘ hat“, fragte Paul vergnügt kichernd und kaute laut schmatzend auf Erdnusskernen herum, „oder ist das für euch zu lange her, Kinder? Der Kujau, der war ein Betrüger, ein ganz gerissener Hund. Eigentlich war er ja Kunstmaler, hat aber nicht nur Gemälde, sondern Hitlertagebücher komplett gefälscht. Tagebücher, die Hitler angeblich selbst geschrieben hatte. Stellt euch das mal vor! Und auf diese dreiste Fälschung fielen nicht nur Journalisten vom Stern herein, auch renommierte Grafologen sind ihm auf den Leim gegangen. Ein Riesenskandal! Als der Betrug dann auf-flog, war das eine unglaubliche Blamage für diese Experten.“

Paul erhob sein Weinglas: „Prost, Kinder, darauf trinken wir einen Schluck.“

Syelle zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Malskat war ein Fälscher? Hast du das gewusst, Claas? Und mit so einem hat sich ein angesehener Kunstsammler wie der Damson abgegeben?“

„Wieso nicht?“, antwortete Paul an seiner Stelle. „Die waren beide von Norwegen begeistert. Malskat war dort im Krieg stationiert und der Damson war ein sehr erfolgreicher Holzhändler, ist oft dort gewesen. Er hat gut verdient, also, so richtig üppig. Seine Enkeltöchter Eva und Maria profitieren davon ja wohl bis heute. Außerdem kannte man sich damals in Künstlerkreisen.“ Paul seufzte. „Ich bin ja auch ein Maler gewesen mit großen Ambitionen und leider mäßigem Erfolg.“

Claas hielt Pauls Hand fest, als er wieder in die Schale mit den Nüssen greifen wollte.

„Vater, du schmatzt! Du bist schwerhörig. Du merkst das nicht, aber wir. Wann kaufst du dir endlich Hörgeräte?!“

„Hä? Was soll das jetzt?“ Paul schaute Claas beleidigt an.

„Ich bin nicht schwerhörig und der Malskat war kein Fälscher. Im Vergleich zu Kujau war Lothar Malskats Missetat doch fast liebenswert. Der arme Kerl war ex­trem begeistert von mittelalterlicher Freskenmalerei. Er wollte die Erinnerung daran bewahren. Und dafür wurde er dann übel bestraft. Ihr müsst wissen, er bekam den Auftrag, Fresken der Marienkirche in Lübeck zu restaurieren. Diese wunderbare Kirche wurde ja im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Da ist so viel verloren gegangen. Allerdings“, Paul machte eine Pause und grinste vergnügt, „leider ließ Malskat sich dazu hinreißen, die wiederentdeckten Freskenfragmente kräftig zu ergänzen. Und die Experten bestätigten die Echtheit der angeblich jahrhundertealten Fresken und die hohe Qualität der mittelalterlichen Malerei, dabei stammte sie in Wahrheit zum größten Teil von Malskat. Als ihn die Reue überkam, hat er sogar bei der Lübecker Staatsanwaltschaft Strafanzeige erstattet: Gegen sich selbst und gegen die Kunstexperten, die ihn zu den – ich nenne es ,malerischen Ergänzungen‘ – angestiftet hatten. Der Malskat war kein Betrüger. Der nicht!“

Claas seufzte ungeduldig: „Vater, du musst hier jetzt aber kein Geschichtsreferat halten. Und es ist schon ein wenig merkwürdig, wie du die Fälschungen von dem Malskat verteidigst.“

Paul haute mit der Faust auf den Tisch: „Hätte Malskat damals nicht Truthähne in die Szenerien hineingemalt, würden seine fantastischen Ergänzungen wahrscheinlich noch heute als echt bestaunt. Ausgerechnet Truthähne! Diese Viecher gab es zur Entstehungszeit der echten Fresken in Europa doch noch gar nicht. Jedenfalls nicht vor Kolumbus.“

„Warum hat er das nur gemacht?“, fragte Syelle. „War Malskat ein Schelm, dem es Spaß machte, die selbstsicheren Kunstexperten an der Nase herumzuführen?“

„Keine Ahnung, warum er die Hähne da reingemalt hat – ausgerechnet in Kirchenfresken. Eigentlich blödsinnig“, Paul zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls haben sie Malskat verraten. Als der Betrug aufflog, wollten die Experten mit ihren hymnischen Gutachten der sakralen Malerei plötzlich nichts mehr zu tun haben. Sie kamen ungestraft davon. Typisch für die verlogene Kunstwelt.“

„Das ist heute auch nicht viel anders. Bei Betrügereien kommen die Galeristen und Auktionshäuser ungeschoren davon“, murmelte Claas.

„Nur der Künstler Malskat wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt“, erzählte Paul weiter, „und seine Fresken ließ man entfernen. Malskat war nach der Verbüßung seiner Strafe vollkommen verarmt.“

Hier“, Paul zog einen Brief hervor, „ein Dankesschreiben von Malskat an Damson für Farben und Leinwände, die der gespendet hatte, damit der arme Kerl wieder arbeiten konnte. Für die Spenden durfte Damson sich als Gegenleistung ein Bild aussuchen – Frau mit Flügelhaube.“

„Damit ist die Herkunft des Gemäldes eindeutig bewiesen: Sammlung Malskat. Darauf stoßen wir an. Noch ein Glas Wein, Vater?“

„Was, schon halb eins?“

„Ob du noch etwas Wein möchtest, habe ich gefragt.“ Claas versuchte nicht zu lachen, schaute unauffällig zu seiner Silly und sah, dass auch sie sich das Lachen kaum verkneifen konnte.

Ein wenig irritiert kehrte Paul zu seinem Thema zurück: „Wisst ihr eigentlich, dass Günter Grass Malskat gerade noch zu seinen Lebzeiten in dem Roman Die Rättin 1986 ein spätes Denkmal setzte? Sogar ein Spielfilm wurde über das Leben Malskats gedreht.“

„Ja, Vater. Der Herr Lette wusste davon und war deshalb davon ausgegangen, bei der Auktion einen sehr ansehnlichen Verkaufspreis für Frau mit Flügelhaube zu erzielen.“

*

Ein kurzes Klopfen an der Tür reißt Syelle aus ihren Gedanken an den Abend bei Paul, dann steht Eva schon im Zimmer. Sie trägt Sportkleidung, hat ihr Haar straff zurückgebunden. Ohne die grelle Schminke, mit der sie sonst herumläuft, wirkt sie jetzt fast jünger. Und sie sieht ihrer Zwillingsschwester Maria – abgesehen von den gefärbten Haaren – zum Verwechseln ähnlich. „Hallo, Frau Lessing, Keanu sagte mir, you would like a nice cup of tea.“

„Nice idea“, antwortet Syelle, nickt und versucht sich nicht anmerken zu lassen, wie ihr Evas Englischgetue auf die Nerven geht.

Eva schaut erfreut und beugt sich zu Adele, aber der Hund weicht vor ihren überlangen, grell lackierten Fingernägeln zurück. „Na, du willst wohl raus“, meint sie verärgert und wuchtet einen der klemmenden Balkontürflügel auf. „Dann mach dich wenigstens nützlich. Lauf, verscheuch die verdammten Wildgänse. Die haben schon wieder alles vollgeschissen und werden Blumen und Kräuter wegfressen. Disgusting!“

„Ihre Schwester mag es aber nicht so gerne, wenn Adele im Garten und am Pavillon …“

„Ach was, wir hatten doch selbst einen Hund, einen Riesenschnauzer. Bongo hat die Biester gejagt, dass die Federn flogen, das kann ich Ihnen sagen. Das haben die sich gemerkt. Tja, und dann ist er gestorben, seitdem sind die aggressiven Viecher zurück und verwüsten unseren Garten.“

Sie schaut nach draußen und beobachtet Adele, die aufgeregt an dem Pavillon herumschnüffelt.

„Eigentlich war Bongo ganz und gar Großvaters Hund. Die beiden hingen unglaublich aneinander. Der alte Mann hat seinen Tod nicht verwinden können. Dann hat uns auch noch meine Mutter Knall auf Fall verlassen.“

„Ihre Mutter war auch wieder hier? Nach so vielen Jahren?“ Syelle schaut Eva irritiert an. Das war bislang mit keinem Wort erwähnt worden.

„Yes, my mum und ich sind vor drei Jahren zurückgekommen. Großvater hat sich sehr gefreut, die Familie wieder beieinander zu haben. Er war ja schon seit Ewigkeiten Witwer. Aber Maria, nun ja, Sie können sich wohl denken, dass sie uns nicht gerade mit offenen Armen empfangen hat. Stinksauer war sie. Vorsichtig ausgedrückt. Meine Schwester hat uns allen das Leben zur Hölle gemacht. Mutter hat das dann nicht mehr ausgehalten. Aber, so ganz ohne Abschied, das war auch für mich …“ Eva räuspert einen Kloß aus der Kehle. „Bis heute kein Lebenszeichen von ihr. Nothing.“

Für einen Moment breitet sich eine angespannte Stille aus. Dann holt Eva tief Luft. „Großvater baute immer mehr ab, saß, wie man so sagt, mit gebrochenem Herzen nur noch apathisch herum. Maria hatte natürlich ein schlechtes Gewissen, ist dann mit ihm nach Oslo gefahren, um ihn aufzumuntern. Dort hat er sich im Museum noch mal die Werke seines Lieblingskünstlers Edvard Munch angesehen. Ich habe ja gewarnt, dass die lange Fahrt im Auto ihn überanstrengen würde. Und wie ich gewarnt habe. Aber Maria blieb stur – wie immer.“

„Die ganze Strecke mit dem alten Van, der auf der Auffahrt steht?“, fragt Syelle, „hält er denn noch durch auf so langen Strecken?“

„Klar. Außerdem kennt sich Maria sehr gut aus mit dem Wagen. Sie liebt ja alles, was alt ist“, Eva verzieht abfällig die Mundwinkel. „Die könnte eine Werkstatt für Oldtimer aufmachen.“

„Aha. Aber warum sind die beiden denn nicht geflogen?“

„Flugangst. Maria hat wahnsinnige Angst vorm Fliegen. Ich übrigens auch“, fügt Eva seufzend hinzu. „Was für Großvater als Aufmunterung gedacht war, erwies sich dann tragischerweise als eine Art Todesstoß. Großvater hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus finanziellen Gründen von zwei Munch-Werken sehr schweren Herzens getrennt und nach Oslo verkauft.“

Syelle schnappt innerlich nach Luft. Großvater Damson hat zwei Munch-Gemälde besessen! Sie kann sich nur zu gut vorstellen, was Eva gedanklich mindestens so umtreibt wie der Tod ihres Großvaters. Hätte er die Munch-Gemälde später verkauft, wären sie und Maria reich. Sehr reich. 2012 wurde eine der vier Variationen des Gemäldes Der Schrei in New York für fast 120 Millionen Euro versteigert. Selbst wenn es sich bei den Gemälden aus der Damson-Sammlung um weniger berühmte Werke des Künstlers handelte und der Kunstmarkt bei Weitem nicht so irrsinnig überhitzt war wie heute, denkt Syelle, müssten die Gemälde auch damals schon eine beträchtliche Summe eingebracht haben. Wieso sind die Schwestern jetzt so knapp bei Kasse?

Eva ballt ihre Hände zu Fäusten und würgt einige Worte tonlos herunter.

„Es war allein Marias Idee mit der Reise. Die Bilder in Oslo noch mal anschauen, das würde ihn erfreuen, meinte sie. Leider war es nicht so. Er hatte noch an demselben Tag einen schlimmen Herzanfall und ist in Norwegen gestorben. Maria hat ihn dort einäschern lassen und seine Asche in Åsgårdstrand verteilt. An diesem abgelegenen Ort, wo Munch nach vielen Reisen in einer kargen Fischerhütte zurückgezogen lebte, würde Großvater am liebsten ruhen, meinte sie. Dort, am westlichen Ufer des Oslofjords in Norwegen hat Munch auch sein berühmtes Bild Der Schrei gemalt …“

„Falsch, nicht Der Schrei, sondern das Bild Die Mädchen auf der Brücke entstand dort.“ Maria steht mit rotem Kopf heftig atmend in der Tür. Sie korrigiert ihre Schwester in scharfem Tonfall.

„Good Lord, ist das so wichtig?“ Eva reagiert sichtlich nervös. „Auf jeden Fall hat Munch dort eines seiner berühmtesten Bilder gemalt. Wo warst du denn schon so früh? Hast du wieder im Großvater-Erinnerungspavillon gehockt?“

An Syelle gewandt fügt sie hinzu: „Da hat er sich sehr oft aufgehalten, müssen Sie wissen. Seit seinem Tod ist der Pavillon von Maria sozusagen heiliggesprochen. Da darf niemand rein. Genauso wie in sein Zimmer im ersten Stock. Außer meiner Schwester natürlich.“

Maria ignoriert Evas ironische Bemerkung. „Ich war laufen, den Kopf auslüften. Ich habe letzte Nacht kein Auge zugemacht, nachdem du so ganz nebenbei den Verkaufserlös bei der Auktion erwähnt hast. Ist Kaffee und etwas zum Frühstück da?“

„Kaffee?! Was soll die Frage, Maria? Brötchen musst du dir schon selber holen. Keanu und ich trinken keinen Kaffee und essen morgens nur Reis“, sagt Eva in einem unterschwellig giftigen Ton.

Geht das schon wieder los?, seufzt Syelle innerlich und beugt sich über einen Stapel alter Briefe.

Nachdem Maria den Raum verlassen hat, schaut Eva aus dem Fenster und spricht mehr zu sich selbst als zu Syelle: „Klar war sie im Pavillon. Ich hab doch gesehen, wie sie herauskam und die Tür verrammelt und verriegelt hat. Wahrscheinlich hat sie Großvaters Geist vorgejammert, dass das Bild von Malskat gestern nicht mehr eingebracht hat. Was lässt sie das an mir aus? Ich könnte auch mehr Geld gebrauchen. Keanu muss dringend nach Hause zu seiner Insel fliegen, auf Ni’ihau sein Geschäftsmodell voranbringen. Dafür braucht er unbedingt Kapital, aber das interessiert Maria ja nicht. Großvaters Haus. Immer geht es nur um das Haus. Das Dach reparieren, Herrgott noch mal. Wozu? Wir sollten die alte Kiste verkaufen, anstatt ständig Geld hineinzustecken. In dieser Traumlage am Alsternebenlauf bekommen wir ein Vermögen dafür. Aber nein, wir müssen hierbleiben, bis wir verschimmeln.“ Sie macht eine wütende Handbewegung. „Ach, was solls … ich geh jetzt ’n paar Kalorien abarbeiten. Der teure Fitness­raum im Keller muss ja genutzt werden. Sonst meckert Maria wieder.“ Sie macht alberne Trippelschritte, hüpft in den Flur und ruft: „Keanu, Schatzi! Come on. Work out!“

Syelle stockt noch immer der Atem. Großvater Damson hat Gemälde von Edvard Munch besessen. Boah! Davon hatte sie bislang nicht die geringste Ahnung gehabt. Claas hatte von Eva hin und wieder Restaurierungsaufträge bekommen. Es waren wertvolle Arbeiten dabei gewesen, meistens von skandinavischen Künstlern, aber Edvard Munch! Das ist eine ganz andere Liga. Syelle blinzelt in den Garten zu dem Pavillon, steckt eine kandierte Aprikose in den Mund, überlegt, was es hier noch zu entdecken gibt und verspürt deutlich mehr Lust, sich durch die Werkverzeichnisse zu wühlen als bislang. Im ersten Stock der Villa war sie noch gar nicht. Sie fragt sich, ob dort noch mehr bedeutsame Kunstwerke sind.

„Adele, aus!“ Im Garten ist die Hölle los. Von dem Hund gejagt, schnattern und kreischen Wildgänse wild durcheinander. Sie schnappen um sich. Syelle springt auf und rennt in den Garten. „Adele, aus jetzt! Komm her!“

Die gehorcht nicht und ist plötzlich verschwunden. Syelle rennt am Haus entlang, entdeckt, dass die Kellertür offen steht. „Ah, da hast du dich versteckt!“

Sie schaut in einen Gang voller Gerümpel, Ihre Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie hört laute Musik. Jetzt erkennt sie Adele, die weiter hinten gegen eine angelehnte Tür springt. Durch die Tür blendet grelles Licht, die Musik ist ohrenbetäubend. Syelle erkennt ein paar Fitnessgeräte und sie sieht, wie Keanu einen Dartpfeil in der Hand hin und her dreht. Er wirft ihn mit voller Kraft. Syelle stockt der Atem. Der Pfeil landet auf einer mit einem Foto beklebten Wurfscheibe im rechten Auge des Porträts von Maria. Eva quietscht vor Vergnügen, applaudiert und kreischt: „Das andere auch noch, das andere …“, bis sie Adele entdeckt. Syelle springt in den Flur zurück, ruft Adele und tut so, als sei sie gerade eben erst in den Keller gekommen.

Kapitel 3

Einkaufen oder erst, nachdem ich bei Herrn Lette war? Unschlüssig schaut Claas auf die Normaluhr an der großen Eppendorfer Kreuzung, wo die schicke Einkaufsmeile Eppendorfer Baum endet und sich weitere vier breite Straßen in einem Knotenpunkt treffen. Er ist vorhin gemeinsam mit Syelle aufgestanden, hat das Frühstücksgeschirr abgewaschen, ihre Wohnung im Abendrothsweg aufgeräumt und seinen Puls mit Punkrock in Wallung gebracht, nachdem sie sich mit Adele auf den Weg zu den Schwestern Damson gemacht hatte.

Laut Musik hören – seine Musik, das erträgt Paul nicht. Sein Vater ist ein verträglicher alter Herr, dennoch fühlt sich Claas in seinem Elternhaus manchmal wie in einem Gefängnis, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Seltene Momente wie diese in Sillys Wohnung genießt er.

Trotzdem macht er sich auf den Weg zu seiner Verabredung im Auktionshaus.

Unschlüssig schaut er sich um. Ein Streifenwagen rast mit Blaulicht und Sirenengeheul über die viel befahrene Kreuzung, gefolgt von einem Notarztwagen. In Richtung des Eppendorfer Universitätskrankenhauses fahren sie nicht. Claas sieht den Wagen hinterher. Ehrlicherweise muss er zugeben, dass ihn der Chef des Auktionshauses Lette sehr neugierig gemacht hat. Deshalb hat er es in Syelles Wohnung nicht länger ausgehalten. Der Schrei! Sollte wirklich eine weitere Version des weltberühmten Motivs von Edvard Munch aufgetaucht sein? Ausgerechnet hier in Eppendorf! Ein Hundertmillionenbild?! Der Schrei ist neben Leonardo da Vincis Mona Lisa und Vincent van Goghs Variationen der Sonnenblumen eines der bekanntesten Gemälde weltweit. Motive dieser Bilder werden auf Postkarten und Postern tausendfach vermarktet, die haben sogar Menschen, die sich nicht sonderlich für Kunst interessieren schon mal gesehen, überlegt Claas weiter.

Er kann sich nicht vorstellen, dass es noch ein weiteres Exemplar des Schreis geben könnte, kaum ein Gesamtwerk eines Künstlers wurde so gründlich erforscht wie das von Munch. Aber, wer weiß? Silly hält Neuentdeckungen nicht für unmöglich.

„Munch hat vier sehr ähnliche Gemälde mit diesem Motiv gemalt. Warum nicht noch ein fünftes“, hat sie gesagt, als sie gestern nach der Auktion im Bistro Löwen beim Wein saßen. „Dieser Künstler war schon ein irrer Typ, ständig krank, hatte sein Leben lang Depressionen. Ist ja auch kein Wunder, seine Mutter starb, als er noch ein kleiner Junge war, gerade fünf Jahre alt. Seine ältere Schwester Sophie hatte die Schwindsucht und starb auch. Das hat ihn fertiggemacht. Sein Gemälde Das sterbende Kind ist so ergreifend, ich könnte heulen.“

Syelle machte eine nachdenkliche Pause, erzählte weiter. „Trotz seiner inneren Zerrissenheit war dieser sensible Mann extrem fleißig, über 1700 Bilder sind von ihm bekannt. Das muss man sich mal vorstellen!“ Claas nickte. „Und da ist es durchaus denkbar, dass auch heute noch Überraschungen auf Dachböden, in Speichern oder sonst wo gefunden werden. Viele Sammler in Deutschland haben ja als entartet verunglimpfte Kunst vor den Nazis versteckt, um sie vor der Vernichtung zu retten. Warum sollte nicht auch ein Munch dabei gewesen sein. Das wäre allerdings der Hammer!“

„Genau!“ Syelle lachte. „Und du, mein Schatz, würdest das Juwel meisterlich restaurieren und berühmt werden. Prost!“ Sie leerte ihr Glas, hob es hoch und winkte der Bedienung. „Wahrscheinlicher ist allerdings“, fügte sie nach einem kräftigen Schluck Wein hinzu, „wahrscheinlich ist es eine Skizze, ein Entwurf oder so. Wenn es sich tatsächlich um einen echten Munch handelt, schauen wir uns das morgen ganz genau an.“

„Wieso WIR?“ hat Claas geantwortet und aus Spaß empört getan. „Von dir hat Herr Lette nichts gesagt. Du geh mal schön zu den Schwestern Damson, diesen beiden Krampfhennen!“

In Erinnerung an den gestrigen Abend, der zudem außerordentlich erfreulich in Sillys Bett endete, breitet sich ein zufriedenes Lächeln in seinem Gesicht aus. Er schaut auf seine Uhr. Ich bin zu früh dran. Was soll’s? Ich geh da jetzt hin, beschließt er. Wenn der Lette noch nicht da ist, warte ich eben.

Claas biegt um die Ecke Eppendorfer Baum in den Lehmweg und stutzt. Der Rettungswagen und zwei Streifenwagen, die vorhin vorbeigerast sind, parken in Höhe des Auktionshauses. Polizisten verweisen Passanten auf die gegenüberliegende Straßenseite, einer leitet den Verkehr um. Dann erkennt Claas seinen Bruder Ulrich, der zu seinem Leidwesen seit einem Karriereknick noch immer als Bürgernaher Beamter bei der Polizei arbeitet.

„Was machst du denn hier?“, fragt Claas erstaunt. „Dies ist doch gar nicht dein Revier, gehst du neuerdings in Eppendorf Streife?“ Er deutet auf den Rettungswagen. „Überhaupt, was ist denn passiert?“

„Und du, was machst du heute schon wieder im Lehmweg? Die Auktion war doch gestern.“ Ulrich Seehaus kann nur mit Mühe seine Aufregung hinter einer amtlich wichtigen Miene verbergen. Er spricht stockend. Sein Oberlippenbärtchen zittert „Vielleicht kannst du helfen, den Mann zu identifizieren.“

„Identifizieren? Welchen Mann? Ich bin mit Herrn Lette verabredet …“ Claas geht zum Schaufenster und versucht zu erkennen, was in den Innenräumen los ist.

„Würden Sie bitte weitergehen.“ Ein Polizist schiebt ihn zur Seite.

„Moment, Oberkommissar Fritz“, unterbricht ihn Ulrich. „Das ist mein Bruder. Der hatte eine Verabredung mit dem Inhaber des Auk... Auktionshauses“, Ulrich kommt ins Stottern. Der Polizeibeamte dreht sich um zu Claas: „Sie kennen den Geschäftsinhaber?“ Claas nickt.

„Wieso das? Sind Sie ein Kunde?“

„Ich bin Restaurator, arbeite für Herrn Lette. Wir sind verabredet …“

„Gut. Dann warten Sie einen Moment.“ Oberkommissar Fritz spricht mit seinem Kollegen Müller und dem Notarzt, dann winkt er Claas zu sich heran und deutet auf die Eingangstür des Geschäfts.

Zwei Sanitäter stehen neben dem bizarr verkrampften Körper eines Mannes. Claas ist geschockt, starrt in ein Gesicht, das noch vom Todeskampf gezeichnet ist. Die Lippen sind gebleckt, dadurch wirken die Zähne unnatürlich groß. Die Augäpfel des Toten quellen hervor wie starre Glasaugen präparierter Tiere.

„Kennen Sie den Mann?“

„Äh“, Claas schluckt, „ja, das ist Herr Lette. Ich habe ... hatte ... heute, also in einer halben Stunde, eine Verabredung mit ihm.“

„Was für eine Verabredung? Wollten Sie etwas abholen? Gestern Abend“, der Polizeibeamte deutet auf ein Plakat an der Tür, „fand hier ja wohl eine Auktion statt.“

„Herr Lette, ist er …?“ Claas schaut den Notarzt an. Der nickt. „Für weitere Auskünfte wenden Sie sich an den Kommissar.“

„UKE, Rechtsmedizin?“, fragt der Beamte den Arzt und zieht ihn zur Seite.

„Hm, muss ja wohl“, der Arzt verzieht unwillig das Gesicht. „Auch wenn kein Anlass dazu besteht, dass die Pathologen … “

„Können Sie etwas zu dem Todeszeitpunkt sagen?“

„Ungefähr ein, zwei Stunden. Er ist noch warm.“ Der Arzt deutet auf die Augenlider. Da hat die Totenstarre schon eingesetzt.

„Sind Sie sich sicher?“

Der Arzt nickt. „Ganz sicher. Herzanfall. Der Mann hatte offensichtlich Probleme. Starker Schweißausbruch unter den Achseln und Betablocker.“ Er deutet auf eine angebrochene Packung und auf dem Boden verstreute Tabletten und einige Geschäftspapiere. „Der Mann hat es wohl nicht mehr geschafft, sein Medikament rechtzeitig einzunehmen, ist gestürzt und hat die Papiere mitgerissen. Zusätzlich kann das Takotsubo-Syndrom …“

„Was für ein Syndrom?“, unterbricht ihn der Kommissar.

„So nennen wir Mediziner das. Bei großer Aufregung kann sich das Herz verengen, geradezu einschnüren. Die Auktion hier gestern …“

„Okay. Hm, wir wissen noch nicht, wen wir kontaktieren könnten. Bis wir herausgefunden haben, ob der Mann Verwandtschaft hat, also UKE. Die können dann dort auch den Totenschein ausstellen.“ Der Polizeibeamte geht zurück in den Verkaufsraum, zu Claas und seinem Bruder Ulrich.

„Jetzt zu Ihnen. Sie sagen, Sie hatten einen Termin mit dem Verstorbenen. Und Sie sind der Bruder von Obermeister Seehaus? Merkwürdiger Zufall. Oder?“

An Claas’ Bruder gewandt, fragt er in barschem Ton: „Was haben Sie hier eigentlich zu tun? Eppendorf ist doch gar nicht Ihr Zuständigkeitsbereich, ich kenne Sie, Ihr Quartier als Bürgernaher Beamter ist Eimsbüttel, Polizeikommissariat 17.“

Ulrich Seehaus schüttelt den Kopf. Sein Oberlippenbärtchen zittert vor Aufregung. „Ja, also nein, Sie haben recht. Ich wollte hier nur schnell etwas besorgen. Also besondere Gewürze, die gibt es in meinem Quartier nicht.“

„Hm, Einkäufe während der Dienstzeit.“ Oberkommissar Fritz spricht betont langsam. „Und da sind Sie hier zufällig am Auktionshaus vorbeigekommen und haben den Toten entdeckt?! Rein zufällig kam dann auch noch Ihr Bruder vorbei. Ihre eigenwillige Dienstauffassung ist ja bekannt, Herr Kollege, aber finden Sie nicht auch, dass das mindestens ein Zufall zu viel ist?“

Ulrich Seehaus läuft rot an. „Was wollen Sie damit sagen? Ich habe den Herrn Lette entdeckt, weil ich als Bünabe eben aufmerksam auf alles achte. Zum Beispiel darauf, dass die Tür zum Verkaufsraum nicht geschlossen war. Bei der wertvollen Ware, die hier herumsteht, kam mir das eigenartig vor. Ich bin dann rein und hab den Mann am Boden liegend entdeckt. Hab sofort einen NAW angefordert und die zuständige Dienststelle informiert. Dass es für ihn zu spät war, dafür kann ich nun wirklich nichts. Ob hier etwas entwendet wurde, kann ich natürlich nicht sagen. Was ist mit dem LKA? Und wird nichts abgespurt? Es könnte doch ein Verbrechen vorliegen.“

„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein, Kollege Seehaus. Wir haben hier alle Räume überprüft. Und mischen Sie sich nicht schon wieder in Vorfälle ein, die Sie nichts angehen. Wann begreifen Sie das endlich?! Dies ist nicht Ihr Zuständigkeitsbereich!“ Kommissar Fritz holt genervt Luft: „Wieso sollte hier ein Verbrechen vorliegen – der Mann hatte einen Herzanfall. Wozu also die Spurensicherung?“ An Claas gewandt fragt er: „Sie kennen sich aus in diesem Auktionshaus, fällt Ihnen etwas Ungewöhnliches auf?“

„Das kann ich unmöglich sagen. Wie Sie schon erwähnten, gestern Abend hat hier eine Auktion stattgefunden. Nur wenige Bieter nehmen ihre ersteigerte Ware sofort mit. Größere Gegenstände müssen ja noch verpackt werden. Die Abrechnungen …“, Claas wirft einen Blick in das angrenzende Büro auf der Suche nach dem in hell­blauer Noppenfolie eingewickelten Gegenstand, auf den Herr Lette am Vorabend gezeigt hatte. „Darf ich, Herr Lette wollte von mir etwas begutachten lassen?“ Er schiebt sich an dem Polizeibeamten vorbei. „Deshalb hatten wir ja heute die Verabredung.“

„Etwas Besonderes?!“, Ulrich reckt neugierig den Hals. „Von diesem Malskat?“

„Nein, von – von dem nicht …“, beinahe hätte Claas Munch gesagt, kann sich gerade noch bremsen und wirft seinem Bruder einen warnenden Blick zu, „ich weiß nicht, um was es sich handelt. Wahrscheinlich um ein Gemälde. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“