Murder Park - Jonas Winner - E-Book

Murder Park E-Book

Jonas Winner

4,5
9,99 €

Beschreibung

Zodiac Island vor der Ostküste der USA: ein beliebter Freizeitpark – bis dort ein Serienmörder drei junge Frauen auf bestialische Weise tötet. Der Täter Jeff Bohner wird schnell gefasst, der Park aber geschlossen. Die Schreie der Opfer scheinen vergessen zu sein. 20 Jahre später: Die Insel soll zur Heimat werden für den Murder Park – eine Vergnügungsstätte, die mit unseren Ängsten spielt. Paul Greenblatt wird zusammen mit elf weiteren Personen auf die Insel geladen. Und dann beginnen die Morde.

Ein Killer ist auf der Insel …keiner kann dem anderen trauen …die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen …

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Seitenzahl: 612

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Das Buch

Zodiac Island vor der Ostküste der USA ist ein beliebter Freizeitpark – bis dort ein Serienmörder drei junge Frauen auf bestialische Weise tötet. Der Täter Jeff Bohner wird schnell gefasst, die Schreie der Opfer scheinen vergessen zu sein. Bis … 20 Jahre später: Die Insel soll zur Heimat werden für den Murder Park – eine Vergnügunsstätte, die mit unseren Ängsten spielt. Paul Greenblatt wird zusammen mit elf weiteren Personen auf die Insel geladen. Und dann beginnen die Morde. Ein Killer ist auf der Insel … keiner kann dem anderen trauen … und die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen …

Der Autor

Jonas Winner wuchs in Berlin, Rom und den USA auf, Studium in Deutschland und Frankreich. Nach seiner Promotion über Spieltheorie arbeitete er zehn Jahre lang als Fernsehjournalist, danach folgten Drehbücher fürs deutsche Fernsehen und Romane. Mit dem Self-Publishing-Erfolg »Berlin Gothic« gelang Winner der Durchbruch als Spannungsautor. Besuchen Sie Jonas Winner auf jonaswinner.com und Facebook.

JONAS WINNER

THRILLER

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Copyright © 2016 by Jonas WinnerCopyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion: Catherine BeckUmschlaggestaltung: Das Illustrat, München, unter Verwendung von © Jens Beste/ShutterstockSatz: KompetenzCenter, MönchengladbachISBN: 978-3-641-20534-8V002
www.heyne.de

»I smiled, – for what had I to fear?«

Edgar Allan Poe

MURDER PARK

Eröffnung steht bevor

Boston, MA, März 2017

Der von Rupert Levin auf Zodiac Island geplante Erlebnispark zum Thema Serienkiller soll noch in diesem Jahr eröffnet werden. Bereits Ende des Monats wird der Unternehmer mit einer Gruppe von Journalisten, Beratern und Experten dem Murder Park einen Besuch abstatten. Die alten Fahrgeschäfte, die Achterbahn, das Riesenrad und andere ehemalige Attraktionen, die auf Zodiac Island seit den Neunzigerjahren vor sich hin rosten, sollen zum Teil umgebaut und in den neuen Park integriert werden. 1997 war der Vergnügungspark auf der Insel nach einer brutalen Mordserie für den öffentlichen Besucherverkehr geschlossen worden. Damals waren drei Frauen ums Leben gekommen.

Video-Interview 1 von 12

Jungfrau

Name: Paul Greenblatt

Alter: 24 Jahre

Beruf: Reporter

Paul: Ich war wie besessen. Ich hatte zu jener Zeit ein Buch – ich weiß nicht mehr, wie der Titel war. Darin ging es um Serienkiller, aber auch um die berühmtesten Auftragsmörder der Kriminalgeschichte. Um Richard Kuklinski zum Beispiel, den legendären Iceman, der für die Mafia getötet hat … Es ging auch um Amokläufer, die beiden Schüler von der Columbine Highschool … und all die anderen. Und es ging um Triebtäter. Menschen, die morden, weil sie nicht anders können. Weil sie morden wollen. Aber diese Menschen sind natürlich von den Auftragsmördern und Amokläufern zu unterscheiden, denn bei Lustmördern hat der Mordtrieb ja vor allem mit Sexualität zu tun. Das gibt der Sache einen gewissen Extra-Schub.

Sheldon: Und dieser Extra-Schub, wie Sie es nennen – der war es, der Sie fasziniert hat?

Paul: Nein … erst einmal nicht. Nicht bewusst zumindest. Es hat angefangen, da war ich … wie alt? Zehn. Vielleicht elf. Dieses Buch über die Mörder gehörte meinem Pflegevater. Es war ein großer Bildband mit vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Polizeifotos, Bildern der Täter, Augenzeugenberichten. Das hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Als würden die Aufnahmen mich in sich hineinziehen. Aufnahmen aus den Gefängnissen, Aufnahmen vom elektrischen Stuhl.

Die Gesichter der Passanten am Straßenrand, wenn die Beamten jemanden abgeführt haben. Die Gesichter der Täter. Noch gezeichnet von der Verwüstung der Nacht. Bartschatten, Ringe unter den Augen.

Wie konserviert, wie entrückt, und doch konnte man den Fotos … Ich weiß nicht, ich hatte das Gefühl, man könnte sozusagen durch die Aufnahmen hindurch spüren, wie lebendig die Leute waren, die man auf den Bildern sah … oder mal gewesen waren. Als wäre ihre Lebendigkeit bis in die Fotos, auf die ich starrte, hineingesickert. Mein Pflegevater hat mich einmal mit dem Buch auf dem Boden liegen gesehen. Ganz erschrocken hat er ausgeschaut. »Du bist doch noch viel zu klein dafür«, hat er gesagt, obwohl ich das in meinen Augen ganz und gar nicht war. Und das wusste er. Er wusste es, und ich auch.

In dieses Buch bin ich regelrecht hineingeglitten, als ob ich am ganzen Körper mit Schmierseife eingerieben wäre! Mein Pflegevater hat es mir weggenommen, aber … der Funke war übergesprungen, wenn Sie so wollen. Ich hatte Feuer gefangen.

Sheldon: Und Sie haben angefangen, sich mit diesen Dingen eingehend zu beschäftigen.

Paul: Ich war davon wie besessen. Am Anfang waren es noch alle möglichen Mordgeschichten, die mich gefesselt haben, aber dann … mit der Zeit … vielleicht haben Sie recht … vielleicht ist mit der Zeit wirklich so etwas wie eine sexuelle Komponente dazugekommen. Ich … es stimmt schon … ich habe mich dann immer mehr auf die Täter konzentriert, die … die …

Sheldon: Ja?

Paul: Nein, nichts, es ist vielleicht Unsinn.

Sheldon: Bestimmt nicht, Paul. Reden Sie. Reden Sie vollkommen frei. All das, wovon Sie sprechen, ist Jahre her. Sie brauchen nicht so vorsichtig zu sein, ich bin sicher … ich weiß, dass Sie all das längst hinter sich gelassen haben.

Paul: Aber warum … Warum wollen Sie dann mit mir darüber reden?

Sheldon: Sie wissen, warum wir darüber sprechen, Paul. Rupert Levin hat mich gebeten, mit allen, die an dem Wochenende teilnehmen, ein Gespräch zu führen. Und natürlich wollen wir uns nicht darüber unterhalten, wo Sie Ihren letzten Urlaub verbracht haben oder für welche Sportart Sie schwärmen. Wir wollen über Bohner reden, Paul, über Jeff Bohner, denn in dem Park geht es hauptsächlich um ihn.

Paul: Ja, natürlich, Sie haben recht.

Sheldon: Also?

Paul: Also was?

Sheldon: Was wollten Sie sagen?

Paul: Ich … ich weiß es nicht mehr.

Sheldon: Sie wollten darüber sprechen, dass Sie sich erst nur ganz allgemein für die Arbeit der Polizei interessiert haben –

Paul: Ja, richtig, das waren unglaubliche Geschichten. Aber … als ich ein bisschen älter wurde, waren es nicht mehr die Auftragskiller … und auch nicht die Amokläufer, die mich wirklich … wirklich fasziniert haben … Es waren die Sex-Killer. Jack the Ripper. Ed Gein. Ted Bundy …

Sheldon: Ja.

Paul: Ich habe angefangen, alles zu sammeln, was man über sie wusste. Ich habe Bücher über sie gelesen, aber die hatte ich schon bald durch, das meiste haben die Autoren ohnehin nur voneinander abgeschrieben. Ich habe begonnen, mich nach Originaldokumenten umzusehen. Verhörprotokolle, Ermittlungsberichte, Prozessunterlagen. Da war ich schon älter, dreizehn, vierzehn. Ich habe die Archive angeschrieben, mir Kopien schicken lassen, ich bin in die Städte gereist, in denen die Täter unterwegs gewesen waren, habe Führungen mitgemacht und die Tatorte besucht.

Sheldon: Ihr Stiefvater …

Paul: Pflegevater. Er hatte es aufgegeben. Meine Pflegeeltern … Sie waren immer … sehr rücksichtsvoll, verstehen Sie?

Sheldon: Ja?

Paul: Auf jeden Fall. Mein Pflegevater muss, wie gesagt, gemerkt haben, dass es wohl so etwas wie eine morbide Faszination war, gegen die ich selbst nicht ankam – und er schon gar nicht. Ich musste das einfach machen, ich musste mehr darüber wissen, was diese Männer, die Täter, was sie angetrieben hat, was sie gedacht haben, wie sie vorgegangen sind. Andere Jungs in meinem Alter gingen jeden Tag drei Stunden auf den Sportplatz. Das hat mich nicht interessiert. Ich habe angefangen, in diese Welt einzutauchen … eine Welt, die … sich wie eine Flechte über die Wände meines Kinderzimmers auszubreiten begann. Ich hängte Bilder von Tätern, von Tatorten, von Opfern auf, klebte Kopien von Protokollen, Ermittlungsakten und Zeitungsberichten daneben. Ich machte mein Zimmer zu einer Art Höhle. Wenn ich dieses Refugium betrat, schlug diese Welt, die ich entdeckt hatte, praktisch über mir zusammen. Und ich liebte es. Ich liebte es, das Gefühl zu haben, ich würde den Atem der Killer in meinem Nacken spüren. Ich weiß nicht, ich habe mich immer wieder gefragt, warum – warum ich nichts anderes mehr machen wollte, als mich in dieser Welt zu bewegen, und ich glaube … ja, letztlich glaube ich, dass ich ihr auf diese Weise bloß nah sein wollte. Meinen Sie nicht?

Sheldon: Ihr – wem? Dieser Welt?

Paul: Dieser Welt, aber vor allem auch ihr, der Frau, die … Sie wissen schon.

Sheldon: Sie meinen … ihr … Ihrer Mutter, ihr wollten Sie dadurch näherkommen?

Paul: Ja?

Sheldon: Das kann durchaus sein, Paul, absolut.

1

Vier Wochen später

»Verdammt!«

Er trat auf die Bremse.

Die Tropfen trommelten auf das Blechdach seines Wagens wie Haselnüsse. Die Scheibenwischer kamen kaum damit hinterher, die Wassermassen von der Frontscheibe zu schieben. Paul fuhr mit dem Ärmel seines Pullovers über das beschlagene Glas und beugte sich über das Lenkrad nach vorn. Verschwommen sah er durch die Scheibe ein paar Schritte weiter einen Lotsen mit grelloranger Sicherheitsweste stehen, der ihm Zeichen gab.

Paul ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter und schrie durch den Regen: »Hier? Kann ich hier parken?«

Der Lotse schien ihm den Kopf zugewandt zu haben, doch Paul konnte sein Gesicht im Dunkeln nicht richtig erkennen. Ruhig schwenkte der Lotse die schmutzig-gelbe Warnlampe durch die herunterströmenden Tropfen.

»Was?«

Keine Antwort. Der Regen schlug in dichten Schwaden ins Innere des Fahrzeugs und durchtränkte den Beifahrersitz. Paul lehnte sich zurück und gab vorsichtig Gas. Das linke Vorderrad rumpelte über irgendetwas hinweg, dann hörte er einen Schlag gegen den Wagenboden. Paul zog den Kopf zwischen die Schultern und fuhr einfach weiter. Vor sich, durch die dichten Regenschauer hindurch, konnte er eine Kaimauer erkennen, dahinter erstreckte sich eine tiefgraue Fläche, die sich zwischen den umherflirrenden Tropfen und dem Nachthimmel verlor.

Er stoppte, zog die Handbremse an, riss den Schlüssel aus dem Zündschloss und griff nach seinem Rucksack. Zehn Minuten war er jetzt schon zu spät, er konnte nicht mehr lange nach einem Parkplatz suchen. Hastig stieß Paul die Fahrertür auf und sprang aus dem Wagen. Innerhalb von Sekunden war sein Gesicht klatschnass, das Haar klebte ihm am Kopf wie eine Haube. Er schlug die Tür hinter sich zu, ließ die Schlösser einschnappen, wuchtete den Rucksack auf die Schulter und rannte durch den Regen auf den Lotsen zu.

»Die Fähre zum …«

– Murder Park, schoss es ihm durch den Kopf –

»… zu Rupert Levin – die Fähre zum Presse-Event. Wissen Sie, wo sie ablegt?«

Der Mann trug einen Regenhut mit breiter Krempe und stand so, dass das Licht des Hafenscheinwerfers seine Züge gerade in den Schatten tauchte.

»Die Warnleuchte dort hinten«, brüllte er Paul ins Gesicht, um sich über das Rauschen des Regens und das Tosen der Brandung hinweg verständlich zu machen. »Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie es noch.«

Vage sah Paul weiter vorn die Bordwand eines Schiffs ins Dunkel ragen, die Taue, die den Stahlkoloss hielten. Er begann, auf das Licht zuzuhasten. Die Tropfen klatschten mit einer solchen Wucht auf den Betonboden, dass das Pfützenwasser zentimeterweit in die Höhe flog. Waren das zwei Männer dort oben?

»Stopp! Halt!« Paul schrie. »Ich muss noch mit. Paul Greenblatt!«

Die beiden Schattenrisse schauten von der Bordwand zu ihm herab. Statt einer Antwort vernahm Paul ein Knirschen, mit dem sich die stählerne Gangway, die sich bereits zu heben begonnen hatte, zurück auf die Kaimauer senkte. Eilig betrat er die Brücke und umklammerte das eiskalte Drahtseil, das als Geländer diente. Unter sich hörte er die Wellen schwappen. Die Gangway federte unter seinen Tritten, dann hatte er das Schiffsdeck erreicht. Ein wenig benommen von dem ungewohnten Schwanken des Bodens wandte er sich um und sah, dass sich die Fähre bereits von der Kaimauer gelöst hatte. Dumpf konnte er den Motor im Inneren des Schiffsrumpfs arbeiten hören. Er wischte sich mit der Hand über die Augen – aber die Warnleuchte, die ihn zu der Fähre gelotst hatte, war von den umherwirbelnden Tropfen schon verschluckt.

»Mr. Greenblatt, Paul Greenblatt?«

Er drehte sich um. Sie trug einen gewaltigen schwarzen Regenschirm, und ihr Gesicht wurde von dem gelben Licht, das durch das Fenster aus dem Inneren des Schiffs fiel, dreieckig aus dem Dunkel geschnitten.

»Ja?«

»Schön, dass Sie es noch geschafft haben. Constance Parker, wir haben telefoniert.«

»Constance, wunderbar.« Er holte Luft.

»Kommen Sie, Paul, die anderen haben drinnen schon Platz genommen.« Sie nickte zu den Fensterscheiben, hinter denen der Passagierraum der Fähre zu erkennen war. Eine Handvoll Männer und Frauen saßen in den Sitzreihen. Constance zog die schwere Glastür auf, die in die Kabine führte.

»… krank gespritzt, zum Teil mit konzentrierter Schwefelsäure, zum Teil mit bestimmten Laugen, die er unter die Haut injiziert hat.«

Das künstliche Licht, das in der Kabine herrschte, passte zu der lauwarmen Luft. An der Stirnseite des Raums stand eine vielleicht vierzigjährige Frau zwischen einem Pult und einer Anzeigetafel und zeigte auf ein Bild, das von einem Beamer an die Tafel geworfen wurde.

»Nehmen Sie Platz, Paul«, flüsterte Constance neben ihm, »wir sprechen nachher.«

»Eine Zeit lang hat er sich auf die Handrücken konzentriert«, hörte Paul die Frau vorne weitersprechen, »es scheint ihn interessiert zu haben, wie das Gewebe auf die Säure reagiert.«

Er ließ sich auf einen Sitz gleich beim Gang fallen.

»Später dann hat Bohner sich auf Regionen am Bauch, an den Waden und am Gesäß konzentriert.« Die Stimme der Frau war hell und klar. »Wir haben relativ gute Kenntnis davon, wie er die Injektionen durchgeführt hat, in welcher Reihenfolge, in welchen Abständen, all das konnte post mortemrekonstruiert werden. Was genau Bohner jedoch dazu gebracht hat, welches Bedürfnis … wenn ich das so sagen darf … er damit befriedigen wollte, ist weniger einfach zu beantworten.«

Paul nahm die Brille ab, zog einen Zipfel seines Hemds aus der Hose und begann, sie zu putzen. Er hörte ein leises Klicken, mit dem die Frau das nächste Beamerbild aufrief.

»Wir haben auch Erkenntnisse über Verätzungen am Kopf, am Gesicht, innerhalb der Mundhöhle …«

Paul setzte die Brille wieder auf. Sein Blick tastete sich zum neuen Bild auf der Anzeigetafel vor. Er fühlte, wie sich sein Bauch nach innen wölbte.

»… wichtig gewesen zu sein, dass die Opfer noch lebten, deshalb das Adrenalin«, fuhr die Frau fort. »Zugleich aber hatte er es offenbar darauf abgesehen, seine Opfer sozusagen dicht an die Grenze zum Tod heranzuführen. Zum einen mit den Verätzungen und Injektionen, zum anderen aber auch, indem er Flüssigkeiten aus Tierkadavern entnommen und ihnen verabreicht hat. Und dies offenbar aus keinem anderen Grund, als um sie … in gewisser Weise krank zu machen.«

Wieder das Klicken, und ein neuer Ausschnitt kam ins Bild. Eine Wunde, winzig, fast nur ein Stich. Rings um den Einstich herum war die Haut allerdings rötlich verfärbt.

Eine Entzündung, ging es Paul durch den Kopf, die Wunde hat sich entzündet.

»Auch Bohners Experimente mit Fischeiern, die er in den letzten Monaten vor seiner Festnahme durchgeführt hat, lassen sich im Grunde nicht anders erklären.« Die Frau wandte sich von ihren Zuhörern ab und sah zu dem Lichtbild. »Hier sehen Sie eine Öffnung, die er geschnitten hat, um Fischeier in die Bauchhöhle einer Frau einzuführen. Auch diese … Maßnahme lässt sich nicht anders erklären, als dass er … verkürzt ausgedrückt: seine Opfer so lange wie möglich am Rand des Todes halten wollte. Es ging ihm darum, dass sich lebende Organismen, also auch Menschen, offenbar unterschiedlich weit weg von dieser Grenze zum Tod aufhalten können. Sie können dem Tod unterschiedlich nah sein. Dieser Aspekt muss Bohner sehr wichtig gewesen sein. Ja, wir hatten sogar den Eindruck, dass er so etwas wie eine sexuelle Erregung aus dieser Nähe zum Tod ziehen würde. Also dass er – anders ausgedrückt – praktisch versuchen würde, den Tod so nah wie möglich heranzuholen, um sich dann, wenn sein Opfer …«, damit wandte sie sich wieder ihrem Publikum zu und machte mit Zeige- und Mittelfinger Anführungszeichen in der Luft, »›flirrte‹ – wie das in dem Zusammenhang von anderen Patienten mit vergleichbaren Obsessionen auch genannt wird – um sich also dann, wenn sein Opfer ›flirrte‹, mit ihm zu vereinigen. Das heißt, sexuell mit ihm in dem Moment zu interagieren, in dem das Opfer am Rand des Todes schwebte.«

Sie schwieg einen Moment lang, und Paul sah ihren Blick nachdenklich über die Anwesenden schweifen.

»Dieser Moment der Vereinigung ist sozusagen das Herz oder der Fluchtpunkt von Jeff Bohners Gedanken- und Fantasiewelt«, fuhr sie schließlich fort. »Er wollte seine Opfer sexuell besitzen, während sie gleichsam den Abhang zum Tod hinunterglitten. Deshalb achtete er penibel darauf, den Exitus so lange wie möglich hinauszuzögern. Fast, als wollte er den Eintritt des Todes mit seinem eigenen Höhepunkt synchronisieren. Als wollte er das Opfer mit dem Tod zugleich penetrieren – als wollte er den Tod selbst, wenn wir uns den Tod einmal als eine Gestalt vorstellen, die vom Opfer im Moment des Sterbens Besitz ergreift, als wollte er diese Todesgestalt also selbst sexuell durchdringen.«

Pauls Blick war noch immer auf das Bild von der entzündeten Wunde gerichtet. Er hatte den Eindruck, sein Gesicht würde sich ein wenig taub anfühlen. Als wäre eine zweite Haut darüber genäht. Als würden die Nervenenden nicht mehr ganz bis an die äußerste Schicht heranreichen.

»Entschuldigung«, hörte er seine Stimme wie von außen, »könnten Sie vielleicht – die Aufnahme …«

»Ja?« Die Frau vorne am Pult schaute zu ihm herüber.

»Könnten Sie vielleicht die Aufnahme von der Tafel nehmen? Sie ist sehr beunruhigend.«

Ein paar der anderen Zuhörer hatten sich zu ihm umgedreht.

War es das Schlingern der Fähre? Das Schiff rollte und stampfte, dass es Paul vorkam, als würde sein Magen schweben. Er hörte, wie die Frau weitersprach, achtete aber nicht länger darauf. Umklammerte seinen noch immer nassen Rucksack, erhob sich und wandte sich zur Tür. Schritt auf leicht unsicheren Beinen zum Ausgang, zog die schwere Glastür auf und gelangte ins Freie. Lehnte an der Reling und sog in tiefen Zügen die kühle Nachtluft ein.

»Alles in Ordnung, Paul? Geht es Ihnen nicht gut?«

Er blinzelte. Constance beugte sich neben ihm über das Geländer.

»Nein, alles okay, danke …«

»Die Bilder sind krass, ich weiß.« Sie sah ihn mitfühlend an. »Ich habe schon mit Kate gesprochen und ihr gleich gesagt, dass nicht alle solche Details sehen wollen. Aber sie ist der Ansicht, dass es falsch wäre, irgendetwas zu beschönigen.«

Paul rieb sich mit der flachen Hand über den Mund und sah in die Tiefe. Unter ihnen schäumte schwarz und glitzernd die Gischt, die der Schiffsrumpf aufpflügte.

»Kate war an den Ermittlungen damals beteiligt, wissen Sie? Kate Myerson. Wir dachten, es könnte interessant sein, die Hintergrundinformationen, über die sie verfügt, in einer Art Vortrag aufzubereiten.«

»Ja … klar.« Die Reling drückte sich sanft in Pauls Bauch, als das Schiff zur Seite schwankte.

»Sie müsste bald damit durch sein, dann wird Beth noch ein paar Worte sagen, Beth Hoffman. Sie kennen sie?«

Fischeier in die Bauchhöhle, in die Bauchhöhle einführen …

»Hoffman? Ja … aber nicht persönlich, ich habe nur den Namen schon mal gehört.«

»Beth hat vor zwei Jahren einen Band veröffentlicht, in dem sie sich mit verschiedenen Tätern aus den Siebziger- und Achtzigerjahren beschäftigt, aber auch mit Bohner. Beth hat uns beim Aufbau des Parks sehr geholfen, und wir haben sie gebeten, Bohner in eine Art historischen Kontext einzuordnen. Sie hat auch Bildmaterial dabei, aber ich glaube –«

»Wirklich, Constance, ich komme gleich wieder rein, machen Sie sich um mich keine Sorgen.« Paul sah in ihre dunkelbraunen Augen. »Mir geht es gut.« Er atmete aus. Die frische Meeresluft hatte ihn wieder belebt. In der Kabine war es so stickig gewesen, dass ihm flau geworden war, jetzt aber fühlte er sich schon viel besser.

»Okay.« Sie lächelte. »Wir müssten auch gleich da sein. Zwanzig Minuten vielleicht noch.«

Er nickte, und sie wandte sich ab, um in die Kabine zurückzukehren.

Pauls Blick fiel auf seinen Rucksack, den er zu seinen Füßen abgestellt hatte. Er hob ihn hoch, stellte ihn auf das Geländer und zog den Reißverschluss auf. Neben Wechselkleidung befand sich eine Mappe darin, die er jetzt hervorholte und aufschlug. Mehrere zusammengeheftete Textseiten lagen darin, großformatige Hochglanzfotos, ein Lageplan, selbst ein Kugelschreiber gehörte dazu. Eine Pressemappe mit Informationsmaterial, die ihm Constance vorab zugeschickt hatte.

»Murder Park.«

Das Logo war auf allen Papieren und auch auf dem Kugelschreiber gut zu erkennen.

»Ihr Killer-Wochenende« stand darunter. Offenbar handelte es sich dabei um so etwas wie die Werbezeile, die zu dem Logo gehörte.

Paul blätterte durch die Seiten, die sich in der Mappe befanden. Unter dem Einwilligungsformular, von dem er eine Kopie hatte unterschreiben müssen, um den Veranstalter von allen Haftungsansprüchen freizustellen, war eine kleine Begrüßungsansprache abgeheftet. Er überflog die Zeilen und sprang ans Ende des Grußworts.

»Ihr Rupert Levin« war es unterschrieben.

Paul blätterte die Seite um. Eine glänzende Farbaufnahme kam dahinter zum Vorschein, die Aufnahme einer Insel im Sonnenschein. Eine schroffe Küste unter strahlend blauem Himmel.

Er bemerkte, dass seine Hand, mit der er die Mappe festhielt, ein wenig zitterte. Das Bild der Insel im Sonnenschein verschwamm vor seinen Augen. Unwillkürlich fuhr Pauls freie Hand an seine Stirn, und ein Schauder durchlief seine Schultern.

»Paul, nicht!« Er konnte sie ganz deutlich hören. »Bleib in dem Zimmer, Paul! Um Gottes willen – NICHT!«

Video-Interview 2 von 12

Skorpion

Name: Constance Parker

Alter: 35 Jahre

Beruf: Pressesprecherin

Sheldon: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Aufenthalt auf der Insel, Constance? Ich frage das, weil es für uns besonders wichtig ist. Wie hieß die Insel damals?

Constance: Zodiac Island. Das war ja nicht zu übersehen … Der ganze Park, damals war es eher ein Jahrmarkt, ein Freizeitpark … der ganze Park war nach den zwölf Tierkreiszeichen gegliedert. Sie wissen schon, Skorpion, Waage, Fische und so weiter. Sie hatten sogar ein Gehege mit einem richtigen Löwen auf dem Gelände! Ich weiß noch, wie ich den Skorpion gesehen habe, den hatten sie aus Neonröhren geschmiedet; ein grell orange leuchtender Skorpion, der sich an einem Gestell hoch über der südlichen Inselhälfte erhob. Wir konnten ihn durch die dunstige Abendluft leuchten sehen, als wir uns mit der Fähre der Insel genähert haben. Ich habe die Hand meiner Mutter ergriffen und sie gedrückt, nichts gesagt, das weiß ich noch, einfach nur ihre Hand gedrückt und gespürt, wie sie hinter mir stand und ebenfalls zu dem Skorpion hinübergesehen hat.

Sheldon: Wie alt waren Sie da?

Constance: Es war mein sechzehnter Geburtstag. Ich hatte mir gewünscht, dass wir nach Zodiac Island fuhren; eine Freundin hatte mir in der Schule von der Insel erzählt. Das hat mich damals besonders angesprochen, dass es um die Sternzeichen ging. Die ganze Insel im Zeichen der Sterne, das fand ich … romantisch, oder … ich weiß nicht … geheimnisvoll? Ich glaubte ja nicht an Horoskope und den ganzen Unsinn, habe ich nie getan, glaube ich auch heute nicht, das war in meiner Familie auch gar kein Thema. Aber ich mochte die Sternzeichen, ich mochte die kleinen Bildchen, mit denen die zwölf Zeichen dargestellt werden, ich mochte, wie verschieden sie sind, dass es menschliche und tierische Symbole gibt, und ich mochte … ja, vielleicht war es vor allem das: Ich mochte es, wie durch diese einfachen Zeichen unser Schicksal an die Sterne geknüpft wird. Es war, als würde plötzlich ein Zusammenhang entschleiert werden, wissen Sie, zwischen den unendlichen Weiten des Alls über uns und dem Weg, den wir – aber, okay, ich will nicht ins Schwafeln geraten …

Sheldon: Nicht doch, Constance, ich bitte Sie. Das ist sehr schön, wie Sie das sagen: Unser Schicksal und die Weiten des Weltalls, das … Ich kann das gut verstehen …

Constance: Heute würde ich es so nicht mehr ausdrücken, aber damals, wie gesagt, ich war fünfzehn, sechzehn, damals … Es gibt ja so vieles, wenn man ein Kind ist, so vieles, das auf einen einstürmt, das man noch nicht versteht und dem gegenüber man hilflos ist. Aber diese Zeichen, mein Zeichen, der Skorpion, das Gift, die Gefährlichkeit, das konnte ich durchaus verstehen. Zwillinge, Löwe und Steinbock, das ist überschaubar, es ist übersichtlich und doch umfasst es alle Menschen, denn es gibt niemanden, der keinSternzeichen hat. Ich liebte die Vorstellung, in einen Vergnügungspark zu fahren, der ganz im Zeichen der Sterne steht und nach Sternzeichen gegliedert ist. Deshalb habe ich meine Eltern gebeten, zu meinem Geburtstag dorthin zu fahren. Damals konnte man dort ja auch übernachten, es gab die Lodge schon, die heute noch steht, das waren eine Menge Hotelzimmer, und es gab einen großen Campingplatz, den viele Besucher benutzten. Man konnte dort übernachten und so lange in dem Park bleiben, wie man wollte. Mein Vater war mitgekommen, mein Bruder, und meine Mutter natürlich. Ich dachte, es würde der schönste Geburtstag meines Lebens werden – nur dass es dann eher das Gegenteil wurde.

Sheldon: Das ist jetzt zwanzig Jahre her, richtig?

Constance: Ja. Ja, das stimmt.

Sheldon: Und wieso wurde es eher das Gegenteil? Was ist passiert?

Constance: Wissen Sie das nicht?

Sheldon: Wir haben ein bisschen recherchiert, das stimmt schon, natürlich. Und wir haben Sie ausgewählt, Constance, weil Sie in Ihrer Bewerbung erwähnt haben, dass Sie den alten Park einmal besucht haben. Mr. Levin möchte gern so viel wie möglich von der Atmosphäre des alten Zodiac Islandin den neuen Park hinüberretten. Vielleicht können Sie uns ja dabei behilflich sein, denn Sie waren dort, haben den alten Park selbst erlebt. Aber was genau damals geschehen ist, als Sie auf der Insel waren, das weiß ich nicht.

Constance: Okay …

Sheldon: Sie möchten nicht darüber sprechen?

Constance: Doch, doch schon, nur …

Sheldon: Ja?

Constance: Ich bin mir nicht sicher …

Sheldon: Ich habe es zu Beginn unserer Unterhaltung erwähnt, oder? Alles, was Sie hier sagen, ist streng vertraulich. Sie können vollkommen unbesorgt sein. Es wird den Kreis der Verantwortlichen für das Projekt »Murder Park« nicht verlassen. Aber ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass wir schon wissen möchten, wen wir in unser Team holen. Wie gesagt, es ist die Position der Pressesprecherin, um die es hier geht. Sie würden sämtliche Kontakte zu den Medien selbstständig verantworten. Wir haben bereits mit einer ganzen Reihe von anderen Bewerbern gesprochen, aber wir denken, dass Sie vielleicht die Geeignete für die Stelle sind, Constance. Also, was halten Sie davon? Möchten Sie mir erzählen, was damals geschehen ist, damals vor zwanzig Jahren?

Constance: Als die Fähre angelegt hat, war es fast dunkel. Können Sie sich das vorstellen? Es war ein Wochenende, die Fähre war voller Familien, die sich auf den Weg zur Insel gemacht hatten. Wir gingen von Bord, und gleich dort, an dem kleinen Hafen, in der kleinen Bucht, in der die Fähre angelegt hat, standen dicht an dicht die ersten Buden. Alles wirkte wie in einen goldgelben Glanz getaucht, der aus den Ständen auf die Hafenpromenade fiel. Die Leute gingen spazieren, und es duftete nach Süßwaren und der frischen Herbstluft. Man hörte verschiedene Musikstile durcheinanderspielen, aus der Ferne das Rattern der Achterbahn, die Stimmen und das Lachen der Menschen. Es war friedlich und wunderschön. Das Plätschern der Brandung mischte sich in die Geräusche, aber Autos hörte man nicht. Nur Menschen, das Meer und die Maschinen, den Drehkreisel, der die Besucher in die Luft schleuderte, dass sie juchzten, das Ploppen an den Schießbuden, das Scheppern der Dosen, die umgeworfen wurden. Ich war … ganz bange im Herzen, so aufgeregt war ich. Ich hatte die Hand meiner Mutter gar nicht mehr losgelassen und werde nie vergessen, wie wir vier, meine Mutter, mein Vater, ich und mein Bruder, einer neben dem anderen über die breite Straße vom Hafen nach oben stiegen, wo sich über der Anlage mächtig die Lodge erhob, in der mein Vater ein Zimmer für uns gebucht hatte. Der Weg war von den Schuppen und Fahrgeschäften gesäumt, und ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte. Dort zu der Bude, vor der ein Mann mit hohem Hut die Frau ohne Unterleib ankündigte? Zu dem Karussell, auf dem die kleinsten Kinder auf wundervoll glänzenden Holzpferden saßen? Zum Autoscooter, wo die knubbligen Elektrowagen gegeneinanderrauschten und die halbwüchsigen Jungen, Teenager in meinen Alter, mutig auf den Rücksitzen saßen und lachten? Eine Zeit lang gingen wir an allem vorbei, schließlich aber blieb ich vor einer Attraktion doch stehen. Drei Stockwerke hoch hat die düstere Fassade in den schwarzen Himmel über der Insel geragt, von einem Balkon aus beugte sich eine Figur über die vorbeispazierenden Menschen. Bestimmt zwei Meter hoch war die Figur, und sie hatte eine Sichel … oder Sense über die Schulter gelegt. Eine Figur des Todes war das, ich konnte den Totenschädel unter dem groben Tuch erkennen, und die Knochen, die Schulterknochen, die durch den Stoff nach oben standen. Ich weiß nicht genau, was der Grund dafür war, dass ich meine Eltern gebeten habe, gerade dort haltzumachen. War es das Rasseln der Ketten der Figur auf dem Balkon? Der Mond, der riesig und bleich über dem Giebel der Fassade aufgegangen war? Oder hatte ich mitbekommen, dass wir inzwischen fast bei der Lodge angekommen waren und dies die letzte Möglichkeit sein würde, an diesem Tag noch etwas zu unternehmen? Jedenfalls wollte ich noch nicht auf mein Zimmer, wollte ich noch nicht ins Hotel, sondern die Insel erkunden, die Menschen sehen, die durch die Gassen flanierten, die süße Abendluft einatmen. Also habe ich mich zu meinem Vater gedreht und zu der Geisterbahn genickt, vor der wir stehen geblieben waren. »O bitte, Papa, können wir nicht eine Runde fahren? Es dauert sicher nicht lange.« Und der Tod hat in seinem schwarzen Tuch über mir gestanden, das Knochengesicht nach unten gewandt und auf uns herabgestarrt.

Sheldon: Ihr Vater war einverstanden? Sie haben die Fahrt gemacht?

Constance: Ja, das haben wir. Es gab keine Schlange an der Kasse, und wir bekamen sofort einen Wagen, kaum dass mein Vater den Eintritt bezahlt hatte. Das Gefährt kam auf den Schienen herangerollt, ein Mann half uns hinein, und schon ging es los. Ich weiß noch, wie ich so etwas wie einen Stich im Herzen gespürt habe, als der Wagen ins Innere des Schlosses tauchte. Die Fassade der Geisterbahn? Sie war einem Spukschloss nachgebildet, mit Ritterrüstungen, Spinnweben und grausigen Folterinstrumenten. So hatte es von außen ausgesehen. Innen aber war es schlagartig stockdunkel. Plötzlich war ein Schrei zu hören – und ein greller Lichtblitz blendete mich. Ich hatte neben meinem Vater Platz genommen und habe mich unwillkürlich an ihn gepresst. Sind Sie schon mal mit einer Geisterbahn gefahren? Riesig kam mir die Fratze eines … ich weiß gar nicht, was das sein sollte … ein Zombie vielleicht, ein Gesicht, von dem die Fleischfetzen herunterhingen? Es kam dicht heran, unser Wagen schoss darauf zu, das Licht blitzte, flackerte, sodass man die Bewegungen dieses Gesichts nur in abgerissenen Sprüngen vor sich sah, dann ein Lufthauch, ein Knall – und schon waren wir drunter durch, der Wagen rumpelte und fuhr weiter. ›Stopp‹, wollte ich rufen, ›Moment, nicht so schnell, kann ich es mir vielleicht noch mal überlegen, ich bin mir – ICH BIN MIR NICHT SICHER, es ist alles viel zu plötzlich.‹ Hinter mir saßen mein Bruder und meine Mutter, aber ich hörte nichts mehr von ihnen, war wie umhüllt von den Lauten in dem schwarzen Tunnel und starrte wie hypnotisiert in die Dunkelheit vor mir, in die Dunkelheit, in die wir hineinrasten.

Sheldon: [nickt]

Constance: Ja.

Sheldon: Möchten Sie einen Schluck Wasser, Constance? Meine Assistentin hat uns extra die Karaffe hier hingestellt.

Constance: Danke, ja, das … das ist gut.

Sheldon: Was geschah dann?

Constance: »Halloweenland« hieß die Geisterbahn, und sie hatte wirklich schrille Effekte. Es gab jede Menge Pappmascheenasen, Blitze und Luftwirbel. Es gab lebendige Erschrecker und scharfe Kurven, in die unser Wagen bog. Das alles … es war … ein Budenzauber, wissen Sie. Ich klammerte mich an meinen Papa, er hatte den Arm um mich gelegt, und nach den ersten Sekunden, in denen ich ziemlich überrumpelt gewesen war, begann ich Gefallen daran zu finden. Mir konnte ja nichts passieren. Ich wusste doch, ich war sicher! Ich brauchte mich bloß hindurchfahren zu lassen! Aber dann blieb unser Wagen plötzlich stehen. Und das war der Moment, in dem ich begriff, dass etwas nicht in Ordnung war. Dass die Sicherheit, auf die ich eben noch geglaubt hatte, mich ganz verlassen zu können, dass es diese Sicherheit gar nicht gab.

Sheldon: Dachten Sie nicht, dass das Stehenbleiben des Wagens zu den Effekten dazugehören könnte?

Constance: Im ersten Moment schon. Aber dann … Wir saßen im Dunkeln und hörten die Stimmen der anderen Besucher. Kaum waren die Wagen stehen geblieben, hatten die Blitze und die Soundeffekte aufgehört. Man konnte sofort spüren, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber es ging kein Licht an oder so etwas. Es blieb stockdunkel. Und auf einmal – das werde ich nicht vergessen – war über ein Lautsprechersystem eine Stimme zu hören. »Liebe Gäste, wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren. Ein Mann ist in den Tunneln, wir klären die Situation, gleich geht es weiter.« ›Ein Mann ist in den Tunneln‹. Ich sah zu meinem Vater auf, aber ich konnte sein Gesicht in der Dunkelheit ja nicht erkennen. ›Ein Mann ist in den Tunneln‹. Ich konnte diesen Mann förmlich vor mir sehen. Wie er über die Gleise stieg, zwischen den Wagen vorüberhuschte, sich hinter den Wachspuppen mit dem Kunstblut versteckte. Ich sah nach vorn, kniff die Augen zusammen. Dort? Der Schatten im Schatten? »Okay, hier spricht der Security Manager«, kam die Stimme wieder durch die Lautsprecher, »wir müssen Sie bitten, sich bereitzuhalten, die Fahrt kann nicht fortgesetzt werden.« Ich hörte andere Besucher aufstöhnen, aber es blieb dunkel, ganz dunkel und heiß. »Wir werden Mitarbeiter mit Taschenlampen in die Tunnel zu Ihnen schicken«, sagte der Manager, »verlassen Sie Ihren Wagen erst, wenn eines unserer Teammitglieder Sie erreicht hat. Sie werden dann nach draußen begleitet.«

Sheldon: Ja, ich glaube, davon habe ich bereits gehört. Es war der Freitagabend, richtig? Der Freitag vor der Schließung des Parks.

Constance: Können Sie sich vorstellen, wie unangenehm das war! Es war stockfinster. Mein Vater meinte, es wäre sinnlos zu warten, bis jemand beim Wagen wäre. Wir wussten, dass ein Mann in den Tunneln war – waren wir da in unserem Wagen sicher? Man konnte nicht einmal sehen, wie weit es bis zum Fußboden war. Zu welchem Fußboden? Wo verliefen die Gleise, gab es eine Art Bürgersteig, einen Gehweg? Die Elektrik schien auch nicht ganz abgeschaltet zu sein, denn man konnte es summen hören, wie unter einer Hochspannungsleitung vielleicht. Gab es eine Stromschiene, auf die man nicht treten durfte? Durch die Dunkelheit hörten wir, dass auch die anderen Leute in ihren Wagen nicht darauf warten wollten, was weiter geschah, sondern nur noch so schnell wie möglich raus aus dieser Bahn, raus aus dieser entsetzlichen Finsternis. Also ließ ich mir von meinem Vater aus dem Wagen helfen und gab selbst meiner Mutter die Hand, damit sie hinausklettern konnte. Zuerst haben wir eine Schlange gebildet, mit meinem Vater an der Spitze, meinem Bruder am Ende, und haben uns vorwärtsgetastet. Aber dann wurde es so schwierig, das Gleichgewicht zu halten, dass wir uns losließen und nur darauf achteten, uns nicht zu weit voneinander zu entfernen. Vor allem aber ging mir eins im Kopf herum: Was hatte die Stimme, der Halloweenland-Manager, eben gesagt? ›… in den Tunneln.‹ DEN Tunneln. Gab es nicht nur EINEN Tunnel, durch den die Wagen fuhren, einer nach dem anderen, bis sie wieder nach draußen kamen – sondern mehrere?

Sheldon: Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie den Ausgang gefunden haben?

Constance: Ja …

Sheldon: Ja?

Constance: Es hat länger gedauert, als ich mir gewünscht hätte. Ich – hatte versucht, bei den anderen zu bleiben, aber … Es gab einen kurzen Moment der Irritation, als wir ein Geräusch hinter uns hörten, das klang, als würde sich ein Wagen in Bewegung gesetzt haben und auf uns zurumpeln. Ich sprang zur Seite, da ich den Eindruck hatte, gerade auf den Gleisen zu laufen und keinesfalls von so einem Eisengefährt gerammt werden wollte. Das Rumpeln entfernte sich rasch wieder, womöglich war der Wagen kurz hinter uns in einen anderen Abzweig geleitet worden. Ich stolperte also weiter, doch dann fiel mir auf, dass ich die Schritte meiner Eltern und meines Bruders nicht mehr neben mir hörte. Und als ich nach ihnen rief, als ich um mich herumgriff und nach einem Halt tastete, wusste ich, dass ich mich verlaufen hatte.

Sheldon: Sie haben sich in der Geisterbahn verirrt?

Constance: Als ich nach ihnen rief, kamen Antworten aus allen Richtungen, die mich noch mehr verwirrten, also bin ich still geblieben und habe versucht, den Weg auf eigene Faust zu finden.

Sheldon: Nicht einfach. Ich habe mir mal einen Grundriss des alten Halloweenlandangesehen, das war ein sehr aufwendiger Parcours, diese ganze Anlage … Ich habe nie genau verstanden, nach welchem Schema entschieden wurde, welchen Weg die einzelnen Wagen genommen haben.

Constance: Das war mir in dem Moment vollkommen egal! Es war dunkel, ich hatte meine Eltern und meinen Bruder verloren – und es war ein Mann in den Tunneln. Das hämmerte wieder und wieder in meinem Kopf. Ein Mann in den Tunneln – dort? Spürte ich seinen Atem im Gesicht? Seine Hand an meinen Rücken? Auf dem Schenkel? Auf dem Boden schienen sich die Schienen zu winden wie Schlangen, und die Wände um mich herum wirkten feucht und klebrig. Aber ich hatte keine Wahl. Ich wusste, dass ich so schnell wie möglich aus der Bahn herausmusste. Was hatten sie denn vor, wenn erst einmal alle Gäste draußen waren? Würden sie sie verriegeln? Mich einsperren? Das machte mir Angst – und ich rannte, stolperte, stürzte, riss mir das Knie auf, stemmte mich hoch, hastete vorwärts, stieß mir den Kopf, fuhr herum, prallte gegen eine Wand, drehte mich zur anderen Seite, fand einen Durchgang, hetzte weiter. Bis ich plötzlich bemerkte, dass so etwas wie ein milchiger Schimmer in das Dunkel zu sickern begonnen hatte. Ich ging auf den Schimmer zu und sah, dass er aus einem Schlitz in der Wand dicht über dem Fußboden drang. Ich kniete mich hin und legte den Kopf auf die Seite, um durch den Schlitz hindurchzuspähen. Dahinter öffnete sich ein Raum voller Scheiben und Spiegel, der ganz in ein trübes, dämmriges Licht getaucht war. Es waren keine Wachsfiguren, keine Pappmascheemasken mehr, die in dem Schimmer dort schwammen, es waren nicht mehr die ruckartigen Stakkato-Verschiebungen von Puppen und Maschinen, die in dem Raum zu sehen waren, sondern langsamere Bewegungen, fließendere, lebendigere – fast tierische. Und es war … zu hören, dass sie glitten, rutschten, stöhnten.

Sheldon: Wer?

Constance: Die Männer … und Frauen, die sich dort in den Ecken drängten.

Sheldon: Ich weiß, was das war! Spiegel, sagten Sie? Und Sie haben wirklich nicht gesehen, was … was für Gestalten das waren, die sich dort … aufhielten?

Constance: Es war dämmrig, die Menschen waren zum Teil hinter Vorsprüngen verborgen. Aber eine Gestalt habe ich doch gesehen … mehr einen Schatten als einen Mann, ein Schatten mit einem … Umhang? Er trug ein langes schwarzes Cape und eine Gummimaske mit spitzen Ohren auf dem Kopf. Der Typ hatte sich als Batman … als Superheld verkleidet!

Sheldon: Ja, natürlich, das war ein inoffizieller Teilbereich der Geisterbahn, Circle Room wurde der genannt, weil er kreisrund war – kreisrund und mit Spiegeln ausstaffiert. Ganz Zodiac Island war Family Entertainment, aber es ging dem Park finanziell am Ende nicht sehr gut. Deshalb hat sich das Management, das weiß man heute, entschlossen, diesen Circle Room einzurichten. Aber man hat das nicht an die große Glocke gehängt, es sollten nicht alle erfahren, sich nur unter denen herumsprechen, die dafür infrage kamen. Hauptsächlich Familienväter, die während ihres Familienurlaubs sozusagen noch extra was erleben wollten. Für sie hatten sie dieses Spiegellabyrinth eingerichtet. Catwoman? Superman? Spiderman? Kein Problem! Suchen Sie es sich aus! Wollen Sie Sex mit Marilyn Monroe haben? Mit Captain America? Als Captain America? Mit Chewbacca? Es war … im Prinzip alles möglich. Wobei die Frauen in dem Raum fast alle Callgirls waren. Und Sie haben dort durch diesen Schlitz geschaut?

Constance: Ich war so überrascht, dass ich mich erst gar nicht davon lösen konnte. Die Menschen auf der anderen Seite des Durchgucks hatten von dem, was in der Geisterbahn los war, anscheinend gar nichts mitbekommen. Sie waren vollkommen mit sich beschäftigt. Und wenn so ein Mangagirl mit Mausohren in Schuluniform einen Hulk zum Grunzen bringt … dann versinkt offenbar alles andere um sie herum. Es war Herbst, aber noch warm, und die Hitze des ganzen Tages hatte sich in der Anlage gestaut. Ich kniete dort auf dem Boden, meine Hände waren nass von Schweiß, er rann mir an den Seiten hinunter. Ich spürte, wie die Aufregung mein Herz voranrattern ließ, spürte, wie ich nach Luft rang – und fühlte plötzlich, dass ich nicht mehr allein war. Aber in dem Augenblick, in dem ich herumfahren wollte, pressten zwei Hände meine Schultern nach unten. Etwas drängte sich von hinten an mich. Ich riss den Mund auf, um zu schreien, da rutschte eine Hand über meine schweißnasse Wange nach vorn, schob sich auf meinen Mund, und ich fühlte, wie sich der harte Körper eines Mannes auf meinen Rücken legte. Wie die Hand, die aus Stahl zusammengeschraubt zu sein schien, meine Lippen verschloss. Gleichzeitig flackerte es in dem Raum, den ich durch den Schlitz hindurch ja vor Augen hatte, es blitzte, surrte und summte – und mit einem Mal ergoss sich der weiße, fahle Schein von drei oder vier Neonröhren, die an die Decke geschraubt waren, in die Höhle vor mir und tauchte die Batmans, die Marilyns, die Monster und Gestalten, die sich dort miteinander vergnügten, in unbarmherziges Licht. Schminke, Plastik, Gummimasken, Nylonumhänge, Bäuche unter billigen Spidermankostümen, Falten unter verschwitzten Perücken. Es waren zwei Angestellte der Park-Security, die in der Höhle aufgetaucht waren und das Neonlicht angestellt hatten. An ihren dunkelblauen Uniformen waren sie unschwer zu erkennen, und sie schienen zu wissen, was dort in dem Raum vor sich ging.

Sheldon: Natürlich, die Parkleitung wusste über den Circle Room Bescheid. Wenn allerdings die ganze Geisterbahn geräumt werden musste, konnten sie beim Circle Room keine Ausnahme machen. Die Security Leute haben den Circle Room also … was? Evakuiert?

Constance: So sah es aus. Sie haben die Menschen dort nach draußen geschickt –

Sheldon: Aber … der Mann, der sich an Sie gedrängt hat – wer war das?

Constance: In dem Moment wusste ich das nicht, und doch … das habe ich sofort gedacht: Das ist er. Der Mann, von dem der Security Manager gesprochen hatte – der Mann in den Tunneln.

Sheldon: Er war bei Ihnen, während die Security auf der anderen Seite des Schlitzes den Circle Room geräumt hat!

Constance: Ich konnte nicht schreien, weil er mir den Mund zuhielt – sollte ich versuchen, ihm auf die Finger zu beißen? Oder würde er mir dann die Luft abdrücken? Ich spürte doch, wie kräftig er war! Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf. Was würde man meinen Eltern sagen? Dass ich vor diesem Schlitz gekniet und in diese Höhle gestarrt hatte? Währenddessen verließen die Menschen den Raum, kurz darauf lag er verlassen da. Das Licht verlosch, und ich konnte fühlen, wie der Mann hinter mir mit einem kräftigen Handgriff den Bund meiner Jeans löste. Er streifte meine Hose zusammen mit dem Slip über meinen Hintern zurück. Ich konnte spüren, wie seine Erregung hinter mir wuchs und ihn immer ungeduldiger, drängender, fordernder machte. Ich war erst sechzehn Jahre alt, aber es war nicht das erste Mal, dass ich … mit einem Jungen, mit einem Mann zusammen war, und … In dem Moment, in dem ich fühlte, wie er in mich eindrang, mich ganz ausfüllte … Es war, als würde etwas in mir aufplatzen, als würde all die Anspannung, die Verkrampfung, Verhärtung, in die ich mich hineingesteigert hatte, zerschmelzen zu einem heißen Sud, der mich geschmeidig und erregt machte wie noch nie zuvor in meinem Leben. Kaum aber wurde mir bewusst, was da gerade geschah, löste sich der Mann, der mich ganz in Besitz genommen hatte, wieder von mir, zog sich zurück, streifte mich fast von sich. Ich fühlte, wie ein Luftzug über mein entblößtes Gesäß strich, wie der Gang, in dem ich hockte, sich leerte – wie er mich zurückließ und in der Dunkelheit in einem der Tunnel verschwand. Während der ganzen ebenso heftigen wie zutiefst verstörenden Begegnung habe ich ihm nicht ins Gesicht sehen können – heute aber weiß ich, dass sie an diesem Tag Jeff Bohners letztes Opfer gefunden haben, dass sie es im Halloweenlandgefunden haben, und dass der Mann, mit dem ich zusammen gewesen bin, der Mann, der in die Tunnel eingedrungen war und wegen dem sie die Bahn gestoppt hatten – dass dieser Mann Jeff Bohner gewesen sein muss, der ihre Leiche dort abgelegt hat.

2

»Sie müssen verstehen, das sind eine Million – eine Million Besucher pro Jahr auf Alcatraz, der Gefängnisinsel vor San Francisco. Es interessiert die Leute einfach, es ist die Geschichte ihres Landes, aber auch die Geschichte der Menschen. Denn das steht ja ganz außer Frage: Die Geschichte der Kriminalität, der Mörder, der Gangster und Verbrecher, aber auch die Geschichte der Opfer, des Leids und der Verzweiflung – das ist eine Geschichte der Männer und Frauen, die in diesem Land gelebt haben und zum Teil noch immer leben. Es ist nicht die Geschichte der Präsidenten und Generäle, sondern eine Geschichte von unten, und doch eine Vergangenheit, der wir alle in gewisser Weise entwachsen sind.«

Beth Hoffman stand den Sitzreihen gegenüber beim Pult, während sie sprach, und Paul konnte nicht leugnen, dass sie von ihrer Sache überzeugt zu sein schien.

»Wir haben uns bemüht, dieser Historie, den Fakten und Zeugnissen, den Dokumenten und Überlieferungen, Respekt zu zollen. Wir sind nicht etwa leichtfertig, auf die … Showwerte schielend, wenn Sie so wollen – nein, so sind wir nicht an diese Sache herangegangen. Wir haben uns vielmehr intensiv mit den Tätern, ihrer Herkunft, ihrem Umfeld, ihrem Werdegang beschäftigt und dabei überlegt, auf wen wir ein besonderes Augenmerk richten können. Welches Schicksal konnten wir am plastischsten darstellen? Welchen Werdegang am umfassendsten abbilden? Schließlich wurde uns klar, dass es Jeff Bohner war, den wir ins Zentrum unserer Sammlung stellen wollten! Was eignete sich besser als Ort für unser Vorhaben als ein seit Langem leer stehender Vergnügungspark? Was eignete sich besser für den Murder Park als Zodiac Island, der alte Erlebnispark, der seit zwanzig Jahren geschlossen war und in dem Bohner in den neunziger Jahren gemordet hatte? Als wir begriffen, dass wir die Insel erwerben konnten – umbauen konnten zum Murder Park –, hat uns nichts mehr aufhalten können! Das war es. Es war perfekt! Wir würden Jeff Bohner gewissermaßen wieder zum Leben erwecken, wir würden das alte Zodiac Island, mit dem ganzen Charme der untergegangenen Spaßwelt, die ihm eigen war, zum Murder Park machen, zu einer Welt, in der die Besucher hinabsteigen in die Gedanken, Gefühle, in die Sehnsüchte, Träume und Ängste – ja, auch Ängste! – der Serienmörder. Hinab in die Obsessionen Jeff Bohners, aber auch anderer bekannter Mörder, angefangen mit Jack the Ripper, über Ed Gein, Ted Bundy und den Son of Sam, bis zu jüngeren Tätern, die zum Teil ja noch in den Hochsicherheitstrakten einsitzen und lebendig sind. Ihre Welt heraufbeschwören, dass die Besucher in sie eintauchen können – das war der Plan und ist die Grundidee geblieben.«

»Wo haben Sie denn das Wasser her?«

Paul schaute zur Seite. Er hatte wieder in der Kabine der Fähre Platz genommen, sich zuvor aber noch an der kleinen Theke im Vorraum, an der Erfrischungen ausgeschenkt wurden, eine Mineralwasserflasche besorgt, an der er ab und zu nippte. Das musste der Frau, die zwei Plätze weiter in seiner Sitzreihe saß, aufgefallen sein.

»Gleich links, wenn Sie aus der Kabine herauskommen, im Zwischendeck – oder wie das heißt.« Er lächelte. Sie sah gut aus und hatte sich über den freien Platz zwischen ihnen hinweg in seine Richtung gebeugt.

»Greenblatt, oder? Paul Greenblatt?« Sie verengte die hübschen Augen leicht zu Schlitzen.

Paul nickte. Kannte sie ihn?

»Lizzie Hillstrom, freut mich.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und es fühlte sich gut an, als er sie berührte.

»Hi.« Paul ließ ihre Hand los. Sollte er ihr anbieten, dass er ihr was holen könnte?

»Ich mag Ihren Blog, Paul.«

Natürlich. Der Blog. Sie hatte sein Foto dort gesehen. »Danke.« Paul grinste. Seit vier Jahren betrieb er den Blog jetzt, in dem er hin und wieder über einen Mord, eine Gerichtsverhandlung oder eine Ermittlung berichtete. Wenn er die Rechte für einen seiner Zeitungsartikel behalten hatte, brachte er ihn wenig später auch auf seiner Seite. Manchmal schrieb er in dem Blog aber auch exklusiv über einen Fall, wenn der ihm besonders spannend, aufschlussreich oder ungewöhnlich erschien.

»Sie auch, ja?« Er nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche und nickte in ihre Richtung.

»Reporterin? Ja.« Die junge Frau legte einen Ellbogen auf die freie Sitzlehne zwischen ihnen und ließ die Hand hübsch in der Luft baumeln. »Aber Polizeireporterin? Nicht nur. Ich berichte über alles Mögliche … alles, was mich interessiert, eigentlich.« Sie warf einen Blick zu den beiden Männern, die schräg vor ihr saßen. »Fürs Fernsehen. Darf ich vorstellen? Tony und Michael, Kamera und Ton.«

Der kräftigere der beiden, dessen massige Schultern direkt vor ihr aufragten, war Paul vorhin schon aufgefallen. Aber es war der schmächtigere Mann, der neben ihm saß, der sich zu Paul umdrehte und eine zierliche Hand nach hinten streckte. Beinahe scheu schaute er Paul aus einem blassen Gesicht unter einem Basecap hervor an. »Michael. Hi. Ich mach den Ton.«

Paul ergriff die Hand und schüttelte sie, bevor er jedoch etwas erwidern konnte, hatte sich der Mann schon wieder nach vorne gedreht.

»Natürlich hatten wir Bauchschmerzen«, drang jetzt Beth Hoffmans Stimme wieder an Pauls Ohr, und er schaute ebenfalls zurück nach vorn. »Können wir die Bilder zeigen, können wir Jeffs … Jeff Bohners Geschichte so in den Mittelpunkt rücken? Was sind wir den Opfern schuldig, den Angehörigen? Sollen wir die Fakten unkenntlich machen, womöglich verfälschen, damit die Bezüge zu real existierenden Personen nicht mehr nachvollziehbar sind?« Sie machte eine Pause, wie um die Zuschauer selbst auf die Antwort kommen zu lassen, fuhr dann aber fort: »Wir haben uns dagegen entschieden. Wir haben beschlossen, die Fakten nicht zu verstecken, sondern im Gegenteil ganz ungeschönt und … nackt … zur Geltung zu bringen. Die Daten, die Tatsachen, so wie es gewesen ist – wirklich gewesen ist. Das aber war nicht zuletzt deshalb möglich, weil wir auf die Unterstützung der Ermittlungsbehörden bauen konnten, allen voran auf die Mitarbeit von Kate Myerson.« Beth sah zu der Frau, die vor ihr gesprochen und inzwischen in der ersten Reihe Platz genommen hatte. »Kate, ich halte es tatsächlich für einen außergewöhnlichen Dienst an der Öffentlichkeit, den Sie und Ihre Vorgesetzten geleistet haben, als Sie beschlossen haben, uns große Teile Ihrer Ermittlungsunterlagen zugänglich zu machen.«

»Okay, Beth?« Ein kleinerer Mann, Paul schätzte ihn auf Anfang fünfzig, der neben Kate gesessen hatte, erhob sich. »Wirklich – vielen Dank. Wir …«, jetzt ließ er den Blick über die Zuhörer schweifen, »wir haben auch ganz gut gespendet. Oder, Kate?«

»Das ist Rupert, Rupert Levin, der das ganze Projekt gestartet hat«, hörte Paul Lizzie neben sich flüstern. Er hatte den Mann auch schon erkannt, ein Foto von Levin war ja beim Grußwort abgedruckt, das sich zwischen den Unterlagen in der Pressemappe befand.

»Nein, Spaß beiseite«, fuhr Levin fort, »Sie werden es ja auch gleich selbst sehen, aber ich finde wirklich, dass wir … meine Mitarbeiter und ich … mit dem Murder Park etwas Großartiges geschaffen haben.«

»Ein Museum, habe ich Sie da richtig verstanden?« Es war Lizzie, die sich zu Wort gemeldet hatte und Levin jetzt aufmerksam ansah. »Ein Museum der Verbrechensgeschichte, ist das korrekt?«

Paul hatte den Eindruck, sie würde ihre Frage absichtlich ein wenig kokett klingen lassen.

»Als ich vorhin die Pressemappe durchgesehen habe, dachte ich, dass es noch etwas anderes wäre … noch etwas mehr als nur ein Museum«, sagte sie, »wenn ich Sie und Beth jetzt aber höre, fürchte ich fast –«

»Nein, Miss …«, Levin sah kurz zu Constance, und es war ein leises ›Hillstrom‹ zu hören, »… Ms. Hillstrom, Sie haben vollkommen recht, Murder ParkIST noch etwas anderes, etwas mehr … viel mehr als nur ein Museum für Verbrechen und Mord. Denken Sie eher an Unterhaltung und Nervenkitzel, an Kribbeln im Bauch, denken Sie eher an – aber gut«, unterbrach er sich, »ich will noch nicht zu viel verraten. Nur so viel: Murder Park ist weniger ein Museum als vielmehr eine Art Vergnügungspark, wie Sie es vielleicht von Disneyland her kennen, ein sogenannter Theme Park, ein Park, in dem den Menschen ein bestimmtes Thema nahegebracht wird. Und welches Thema ist das? Nun, das schon: der Kill. Das ist wahr. Ist das schlecht?« Er entblößte seine Zähne, und Paul konnte den Blick nicht von ihm abwenden. »Ist es nicht! Im Gegenteil. Es ist eine Erfahrung, die Sie Ihr Leben lang nicht vergessen werden! Denn das«, und jetzt hatte Paul das Gefühl, die Züge des irgendwie intensiv wirkenden Mannes dort vorne würden sich noch einmal straffen, »was wir Ihnen in den kommenden drei Tagen präsentieren möchten, ist zwar eine Art Erlebnispark, wie Lego- oder Disneyland vielleicht auch, eines allerdings ist Murder Park nicht. Und zwar für Kinder geeignet.«

Er machte eine Pause, und Paul fiel auf, dass tief unter ihnen erneut das Rotieren des Schiffsmotors zu hören war. Für einen Moment sprach niemand, und alle sahen gebannt nach vorn.

»Warum ist unser Park kein Museum?«, fuhr Levin schließlich fort. »Weil es weniger darum geht, etwas zu lernen, als darum, etwas zu erleben. Und was genau man erleben wird, wollen wir Ihnen an diesem Wochenende hautnah vorführen. Oder, Constance?« Er warf seiner Pressefrau, die etwas seitlich von ihm stand, einen Blick zu. »Deshalb haben wir ja auch darauf geachtet, dass Sie alle – ist es nicht so?«

»… dass Sie alle Singles sind, ja!« Constance zeigte ihr strahlendes Lächeln.

»Singles?« Paul sah verdutzt zu Lizzie. »Wieso Singles?«

»Sie etwa nicht, Paul?« Lizzies Lippen hatten sich eine Idee weit geöffnet.

Doch … schon … aber …

»Ich glaube, Rupert meint das gar nicht so ernst«, hörte er Lizzie weitersprechen, »wahrscheinlich hat einfach nur keiner von uns seinen Partner dabei.«

»Sind das denn alles Presseleute hier?« Paul ließ den Blick über die Hinterköpfe der anderen Passagiere schweifen. Mehr als ein Dutzend Leute waren es nicht.

»Das müssen Sie Constance fragen.« Lizzie zog den Ellbogen von der Sitzlehne zwischen ihnen wieder zurück. »Aber soweit ich weiß, ist das Projekt zum Teil noch im Bau. Und Levin und seine Mannschaft haben diese Präsentation ins Leben gerufen, um es der Presse, aber auch anderen Leuten, von denen sie sich Unterstützung erhoffen, schon mal vorzustellen.«

»Aber bitte, sehen Sie selbst – wie aufs Stichwort!«, war wieder Levin zu hören. Er blickte zu dem großen Fenster der Kabine, das den Blick über den nächtlichen Ozean freigab. »Wenn Sie sich nach draußen begeben wollen – die Insel ist jetzt in Sichtweite.«

Der Regen vor den Kabinenfenstern sah aus, als würden Silberfäden vom schwarzen Himmel hinabstürzen und sich an dem Glas brechen. Zwischen den Fäden aber, jenseits von ihnen, weit draußen im Meer, war ein tief verschatteter Umriss zu erkennen, so etwas wie ein Berg, der sich aus den Fluten erhob und an dessen Spitze eine Leuchtschrift zu glimmen schien.

Paul erhob sich wie alle anderen auch, bemerkte dann aber, dass Lizzie sitzen geblieben war. »Wollen Sie die Insel nicht sehen, Lizzie?«

»Doch, sicher.« Sie stand ebenfalls auf, blieb jedoch an ihrem Platz stehen und nickte zu dem Pult nach vorn, während die anderen Passagiere die Kabine einer nach dem anderen verließen. »Sehen Sie mal, Constance hat glatt ihre Unterlagen vergessen.«

Unwillkürlich schaute nun auch Paul nach vorn zum Pult. Tatsächlich. Dort war ein Ordner liegen geblieben, obwohl niemand mehr dort stand.

»Kommen Sie, Paul, ich zeig Ihnen was.« Ohne auf die anderen zu achten, schritt Lizzie durch den Gang nach vorn. »Hier, sehen Sie sich das an.«

Paul blickte zu der Glastür. Der letzte Gast verließ gerade die Kabine. Auch Levin und Constance waren bereits auf das Außendeck gegangen. Paul sah zurück zum Pult. Lizzie war über den Ordner gebeugt.

»Was denn?« Er trat neben sie.

»Keine Sorge, es ist nur Pressematerial.« Sie sah kurz zu ihm hoch. Der untere Rand ihrer dünnen Wollmütze reichte ihr fast bis zu den Augen. »Ich kenne Constance, es ist nichts Geheimes, wir können uns das ruhig ansehen.«

Paul blickte auf das Papier, das sie aufgeschlagen hatte. Ein Grundriss war darauf zu erkennen, auf dem ein gutes Dutzend gelbe Post-it-Zettel klebten.

»Es ist die Zimmerverteilung, die Unterbringung in dem Hotel auf der Insel.« Ein winziger Stein an Lizzies Ringfinger reflektierte das Kabinenlicht. »Sehen Sie das hier?« Ihr Finger deutete auf einen der Räume. ›Paul‹ stand auf dem Zettel, der darauf geklebt war. »Ihr Raum hat eine Zwischentür.«

Die Türen in dem Raum mit seinem Namen waren deutlich zu erkennen. Es gab eine Tür hinaus auf den Flur und eine zum Nebenzimmer. Welcher Name auf dem Zettel stand, der im Nebenzimmer klebte, konnte Paul jedoch nicht mehr lesen, denn als er hinsah, hatte Lizzie den Zettel auch schon abgelöst.

»Was halten Sie davon?« Sie nahm einen anderen Zettel weiter unten vom Grundriss und klebte ihn in das Zimmer neben seinem. ›Lizzie‹ stand auf diesem Zettel, und Paul konnte nicht anders, als ihr einen schnellen Blick zuwerfen.

Da ist eine Zwischentür, Ms. Hillstrom, sind Sie sicher, dass Sie das wollen?

Ihre Augen waren von einem grünlichen Blau mit feinen orangenen Einsprengseln. Sorgfältig strich sie die zwei Post-it-Zettel mit ihrer beiden Namen glatt, die nun nebeneinander klebten.

Paul fiel auf, dass die Haut ihrer Wangen – von der Kälte draußen und der Wärme in der Kabine – fast wirkte wie …

… frisch aus der Verpackung.

Er atmete aus. Hatte er das wirklich gerade gedacht?

»Paul … Lizzie? Wollen Sie nicht die Ankunft draußen sehen?«

Ein wenig überrumpelt blickte Paul auf. Constance kam durch die Kabine auf sie zu. Er spürte, wie Lizzie leicht gegen ihn stieß, als sie vom Pult zurücktrat.

»Ja, du hast recht«, hörte er sie zu der Pressefrau sagen, dann machte sie sich an Constance vorbei auf den Weg zu der Glastür, die aus der Kabine herausführte.

Paul warf der Pressefrau einen Blick zu und sah, wie sie die Unterlagen auf dem Pult zusammenraffte. Offenbar war Constance nichts aufgefallen. Sollte er etwas sagen? Aber warum denn! Wenn irgendjemand etwas gegen den Zimmertausch hatte, konnte man ihn ja jederzeit wieder rückgängig machen. Also nickte er Constance nur beiläufig zu und folgte Lizzie durch die Sitzreihen hindurch ins Freie.

Als er das Außendeck betrat, schnitt ihm die Kälte wie mit Messern ins Gesicht. Schwarz und schartig war die Silhouette des Eilands zwischen den Regenfäden jetzt deutlich zu erkennen. Wie eine düstere, turmhohe Schildkröte erhob sich die Insel dicht vor ihnen, und das Rauschen der Brandung erfüllte die Luft mit dumpfem Brausen. Ein kalter, kahler Felsen, der tief unten am Meeresboden verankert war und von der salzigen Gischt, den eisigen Regentropfen und dem scharfen Wind umtost wurde wie von fliegenden Nadelspitzen.

Video-Interview 3 von 12

Waage

Name: Michael Bach

Alter: 38 Jahre

Beruf: Tontechniker

Sheldon: Sie waren bereits einmal auf der Insel, habe ich recht? Wann war das?

Michael: Letztes Jahr.

Sheldon: Und was haben Sie dort gemacht?

Michael: Wie lange ist das jetzt her, dass sie den Jahrmarkt dort, das Zodiac Island – dass sie den Rummel dort zugemacht haben? Zwanzig Jahre, oder? Wir haben einen Bericht über den seit vielen Saisons geschlossenen Vergnügungspark gemacht, das war natürlich eine tolle Kulisse. All die alten Karussells und Fahrgeschäfte, das Riesenrad steht ja heute noch, aber vieles von dem, was sich noch letztes Jahr völlig verrostet und überwuchert dort auf der Insel befand, haben sie inzwischen, soweit ich weiß, abmontiert. Wahrscheinlich, um Platz für dieses neue Projekt zu schaffen. Letztes Jahr war davon noch nichts zu sehen. Wenn man mit der Fähre ankam, konnte man die Schrift schon gleich am kleinen Hafen deutlich lesen: »Willkommen auf Zodiac Island